Freihandelsabkommen

18.01.2019

EU-Vietnam-Freihandelsabkommen erweitert Spielraum für deutsche Unternehmen

Abkommen verbessert auch den Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen / Von Frauke Schmitz-Bauerdick

Hanoi (GTAI) - Der Ratifizierungsprozess zum 2015 unterzeichneten Abkommen läuft. Es soll die Handelsbeziehungen erleichtern und zudem bessere Sozial- und Umweltstandards in Vietnam schaffen.

Zur Zeit liegt das Freihandelsabkommen (FTA - Free Trade Agreement) zwischen der Europäischen Union (EU) und Vietnam zum Abstimmungsprozess beim Europäischen Rat. Wenn der Rat seine Zustimmung erteilt, muss als letzte Instanz das Europäische Parlament über die Ratifizierung des FTA entscheiden. Beobachter hoffen auf ein Inkrafttreten noch im Jahr 2019.

Handelsliberalisierung soll bilaterale Wirtschaftsbeziehungen erleichtern

Kernaspekt des Abkommens ist sicherlich der Abbau von Zollschranken und eine Erleichterung der europäisch-vietnamesischen Handelsbeziehungen. 99 Prozent aller Zölle auf Warenlieferungen aus Europa sollen innerhalb von zehn Jahren nach Inkrafttreten abgebaut werden.

Insbesondere Abgaben auf europäische Exporte aus dem Bereich Nahrungsmittel, Maschinen- und Anlagen sowie Pharmazeutika sollen, je nach Produktgruppe, entweder sofort oder schrittweise innerhalb einer sieben- bis zehnjährigen Übergangsfrist in der Regel vollständig beseitigt werden.

FTA- Zollsenkungen für ausgewählte europäische Exportgüter
Produktgruppe Zollsatz ohne FTA Zollsatz ab Inkrafttreten
Autos 78% Vollständige Zollfreiheit 10 Jahre nach Inkrafttreten
Kfz-Teile 32% Vollständige Zollfreiheit nach 7 Jahren
Chemikalien 0-20% Ca. 70 Prozent zollfrei ab Inkrafttreten, für den Rest je nach Produkt Zollfreiheit nach 3, 5 oder 7 Jahren
Maschinen und Anlagen 0-30% 0% für einen Großteil aller Maschinen und Anlagen ab Inkrafttreten, für den Rest stufenweise Zollsenkung, vollständige Zollfreiheit 7 Jahre nach Inkrafttreten
Pharmazeutika Bis zu 8% Ca. 50 % aller Pharmazeutika zollfrei ab Inkrafttreten, für den Rest vollständige Zollfreiheit 7 Jahre nach Inkrafttreten
Wein und Spirituosen 48-50% Phasenweise Zollsenkung, vollständige Zollfreiheit 7 Jahre nach Inkrafttreten

Quelle: EU-Kommission

Zudem verpflichtet sich Vietnam, europäischen Unternehmen einen besseren Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen zu gewähren. So sind europäische Unternehmen ab Inkrafttreten des Abkommens berechtigt, an öffentlichen Ausschreibungen wichtiger Träger (wie Ministerien) gleichberechtigt mitzubieten, wenn der Ausschreibungswert festgelegte Schwellenwerte überschreitet. Öffentliche Beschaffungen von Pharmazeutika, die bislang in der Regel für nicht in Vietnam produzierte Produkte verschlossen sind, werden schrittweise auch europäischen Anbietern geöffnet werden.

Die EU hingegen wird ab Inkrafttreten des Abkommens die Zölle auf 84 Prozent aller vietnamesischen Produktlinien streichen. Nach sieben Jahren werden 99 Prozent aller Zölle bei 0 Prozent liegen.

Das Abkommen wird die Bedeutung der Europäischen Union als Absatzmarkt für vietnamesische Waren weiter stärken. Bereits jetzt ist die EU nach den USA Vietnams zweitwichtigster Exportmarkt. Die Ausfuhren lagen in den ersten zehn Monaten des Jahres 2018 nach vietnamesischen Zollstatistiken bei knapp 39 Milliarden US-Dollar (US$).

Vietnam bindet sich an Arbeits-, Sozial und Umweltstandards

Allerdings musste Vietnam im Gegenzug zur Öffnung des EU-Marktes weitreichende Verpflichtungen eingehen. Da das EU-Vietnam-Freihandelsabkommen zu einer neuen Generation von Freihandelsverträgen zählt, liegt der Regelungsschwerpunkt nicht mehr ausschließlich auf handelspolitischen Aspekten. Vielmehr werden mit dem Abkommen auch Ziele aus den Bereichen Arbeitnehmer- und Umweltschutz sowie sozialer Entwicklung verfolgt.

Damit musste sich Vietnam unter anderem verpflichten, grundlegende Abkommen der International Labor Organization zu ratifizieren und umzusetzen. Insbesondere die Vorgabe, freie Gewerkschaften zuzulassen, stieß im kommunistischen Einparteienstaat zunächst auf nur wenig Entgegenkommen. Das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit sowie Klima-, Arten- und Umweltschutz ergänzt das Schutzportfolio. Damit wollen die Vertragsparteien verhindern, dass sich Vietnam im Bestreben, ausländische Investitionen ins Land zu locken, auf einen Unterbietungswettbewerb bei Sozial- und Umweltstandards einlässt.

Deutschland ist mit Abstand Vietnams wichtigster Lieferant aus der EU

Auch wenn für die EU noch ein deutliches Handelsbilanzdefizit mit Vietnam besteht, so werden europäische und gerade auch deutsche Unternehmen vom Abkommen profitieren können.

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Zwar ist Vietnam für Deutschland als Käufer von Gütern und Anlagen noch nicht von wesentlicher Bedeutung. Auf der Rangliste der wichtigsten Lieferländer lag Vietnam 2017 lediglich auf Rang 46 von 239 Handelspartnern. Allerdings zieht der deutsch-vietnamesische Handel mit satten Steigerungsraten an. So stiegen die Ausfuhren nach Vietnam laut Destatis 2017 um gut 33 Prozent. Auch in den ersten neun Monaten 2018 verzeichneten deutsche Ausfuhren ein Wachstum von immerhin noch gut 13 Prozent. Wichtigste Artikel sind Maschinen und Anlagen, gefolgt von Pharmazeutika und chemischen Produkten. Auch Medizintechnik verkauft sich gut.

Exporte ausgewählter EU-Staaten nach Vietnam (in Mio. US$, Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2016/17 Januar bis September 2018 Veränderung gegenüber Vorjahreszeitraum
Gesamt, davon: 10.464 11.857 13,3 8.964,2 3,12
.Deutschland 2.990 3.939 31,7 2.967,4 13,11
.Frankreich 1.645 1.812 10,2 1.140,1 -11,63
.Italien 1.158 1.322 14,2 1.098,1 8,68
.Niederlande 880 940 6,8 945,2 22,15
.Großbritannien 652 746 14,4 550,8 1,01
.Belgien 494 613 24,1 436,9 -8,64
.Spanien 429 476 11,0 361,0 -0,66
.Dänemark 421 403 - 4,3 277,8 -11,33
.Polen 236 277 17,4 249,6 19,66
.Österreich 185 275 48,6 181,6 -30,43
.Sonstige 1.374 1.054 - 23,3 755,7 -9,22

Quelle: Comtrade, Eurostat

Europäische Unternehmen in Vietnam erwarten Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen

Vertreter europäischer Unternehmen und Unternehmensverbände in Vietnam würden eine zügige Verabschiedung des Freihandelsabkommens begrüßen, erwarten sie doch, dass das FTA wichtige Impulse für die vietnamesisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen geben wird.

Laut einer Umfrage der Europäischen Handelskammer Eurocham von 2018 erwarten sich 78 Prozent der antwortenden Unternehmen durch den Handelspakt eine Verbesserung der Handelsbedingungen. Noch dazu geht eine deutliche Mehrheit der befragten Unternehmen davon aus, dass mittelfristig das Abkommen zu Fortschritten bei Fragen wie Umweltschutz, sozialer Entwicklung, Wissenstransfer und Arbeitnehmerrechten führen wird.

The EU-Vietnam Free Trade Agreement: Perspectives from Vietnam (Eurocham): https://www.eurochamvn.org/sites/default/files/uploads/180724_tax%20update/The%20EVFTA%202018%20Report.pdf

EU-Vietnam trade and investment agreements: Factsheet on the main benefits (Europäische Kommission):

http://trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2018/october/tradoc_157444.pdf

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Vietnam können Sie unter http://www.gtai.de/vietnam abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vietnam Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Wirtschaftsbeziehungen zur EU, Handels-, Zollabkommen, WTO, Freihandels-/Zollabkommen, WTO, allgemein

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