Freihandelsabkommen

01.11.2018

Rechtspopulist Bolsonaro wird Brasiliens neuer Präsident

Aussicht auf liberale Wirtschaftspolitik animiert Finanzmarkt und Unternehmer / Von Gloria Rose (Oktober 2018)

São Paulo (GTAI) - Mit der Wahl Bolsonaros wird die Arbeiterpartei PT abgelöst, die Brasilien seit 2002 regiert. Vorerst offen bleibt, inwieweit die neue Regierung ihre angekündigten Ziele durchsetzen kann.

In der Stichwahl am 28. Oktober setzte sich Jair Bolsonaro mit 55,1 Prozent der Stimmen gegen den Kandidaten der Arbeiterpartei (PT) Fernando Haddad durch. Das Ergebnis des ersten Wahlganges am 7. Oktober bescherte dem Rechtspopulisten eine gute Ausgangsposition. Im neu gewählten brasilianischen Nationalkongress ist das konservative Lager deutlich stärker vertreten. Ab 2019 ist Bolsonaros PSL nach der Arbeiterpartei die zweitstärkste Partei in der Abgeordnetenkammer. Während die politische Linke etwa gleich stark bleibt, verlieren die Parteien der Mitte an Bedeutung. Aufgrund der erhöhten Fragmentierung wird es nicht leicht sein, politische Mehrheiten zu bilden. Das gilt insbesondere für die dringende Rentenreform, für die 60 Prozent der Stimmen erforderlich ist.

Die Rentenreform und die Haushaltssanierung sind nach Angaben des zukünftigen Finanzministers Paulo Guedes vorrangige Ziele der neuen Regierung. Der Ökonom der Chicagoer Schule bekräftigte dies in seinem ersten Interview nach der Wahl. Guedes spricht sich für eine weitgehende Privatisierung aus. Auch das Konzessionsprogramm für den Infrastrukturausbau der Regierung Temer dürfte fortgesetzt werden. 52 ausgearbeitete Projekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 18 Milliarden Euro, darunter Flughäfen und Schienenstrecken, könnten bereits im kommenden Jahr vergeben werden.

Prognosen (Veränderung in %)
2018 2019
BIP 1,4 2,5
Inflation 4,4 4,2
Import (auf US$-Basis) 13,9 8,4
Export (auf US$-Basis) 6,1 2,7
Industrieproduktion 2,7 3,3
Konsum 2,0 2,5
Investitionen 3,5 6,0
Wechselkurs (R$/US$, zum Jahresende) 3,7 3,8

Quellen: Banco Central do Brasil, Bradesco

Finanzmarkt reagiert positiv

Infolge der starken Polarisierung fokussierte sich der Wahlkampf auf ideologische Unterschiede und Polemik. Konkrete Vorschläge wurden nicht debattiert, zumal Jair Bolsonaro TV-Duelle generell ablehnte. Auch Paulo Guedes, der unter Bolsonaro Finanzminister werden soll und für eine sehr liberale Wirtschaftspolitik steht, übte Zurückhaltung. Inwiefern Bolsonaros Regierung Privatisierungen, die Verschlankung des Staatsapparates sowie Reformen zur Sanierung der öffentlichen Kassen und für mehr Investitionen durchsetzen wird, bleibt ungewiss.

Dennoch reagierte der Finanzmarkt positiv auf den ersten Wahlgang. Seit dem 7. Oktober sank der US-Dollar und pendelte sich bei 3,70 R$ ein. Trotz überraschend positiver Konjunkturdaten für August behalten die meisten Finanzinstitute die niedrigen Wachstumsprognosen für 2018 vorerst bei. Erstmals deutet Bradesco an, dass das Inflationsziel von 4,5 Prozent sowohl 2018, als auch 2019 überschritten werden könnte. Als Ursache nannte die Bank die hohen Strompreise im Falle anhaltender Trockenheit.

Branchenmeldungen
Kfz Anfavea rechnet 2018 nur noch mit einem Produktionszuwachs um 11,1%, Argentinienkrise dämpft auch die Erwartungen für 2019; das Kfz-Förderprogramm Rota 2030 muss bis zum 16.11. verabschiedet werden, sonst verfällt die vorläufige Maßnahme zur Einführung des neuen Programms.
Maschinenbau Januar bis August 2018 gegenüber Vorjahreszeitraum: Exporte (+18,0%) kurbeln Umsatz brasilianischer Hersteller (+5,9%) an, inländischer Verkauf brasilianischer Hersteller -7,8%; insgesamt steigt die Inlandsnachfrage um 10,3% und Importe um 18,3%.
Chemie Produktionseinbruch von März bis Mai mindert Ergebnis 2018, ab Juni bessern sich die Zahlen jedoch; Auslastung der Kapazitäten im Juli und August bei 82%.
Bau Sektor rechnet 2018 zum 5. Jahr infolge mit Rückgang (-1%); Prognosen für 2019 sind besser, Angebot und Verkauf von Neuwohnungen stieg von Jan. bis Sep. 2018 um 8%.
Pharma Sindusfarma rechnet für 2018 mit einem Umsatzwachstum zwischen 8% und 9%. Aufwertung des US$ verteuert Wirkstoffimporte und mindert Gewinne.
Kosmetik Branchenverband Abihpec erwartet für 2018 Umsatzsteigerung um 8%; L'Occitane plant Fabrik in Itupeva (SP) für 200 Mio. R$.
Elektronik Von Januar bis August 2018 wurde 4,3% mehr produziert als im Vorjahreszeitraum; dabei: Elektronik +10,2%, Elektrik -0,8%.
IKT Netzbetreiber bereiten sich auf 5G vor (Ziel: erste Netze ab 2. Halbjahr 2020), doch es mangelt weiter an Basisinfrastruktur und einem aktualisierten Rechtsrahmen.
Zellstoff Hohe Zellstoffpreise am Weltmarkt animieren zu neuen Investitionen, Klabin kündigte 2 Mrd. US$ und Lwarcel (RGE) 1 Mrd. US$ bis 2020 an.
Energie A-6-Versteigerung vom 31.08. garantiert bis 2024 Zubau von 2,1 GW für Investitionen von R$ 7,8 Mrd., davon 1,25 GW Windenergie; 4 der 6 Eletrobras- Stromverteiler sind versteigert; Joint Venture von Votorantim und CPPIB ersteigert Cesp, den Energiekonzern des Bundesstaates São Paulo mit einer installierten Kapazität von 1.627 MW.
Öl und Gas Erdölproduktion Brasiliens soll 2018 erstmals die 1-Milliarde-Barrel-Marke überschreiten (+4,5%); für 2019 erwartet Petrobras ein Plus von fast 10%. Petrobras will bis 2022 35 Mrd. R$ für 13 neue Plattformen investieren. 5. Pre-Sal-Runde am 28.09. versteigerte erfolgreich vier Blöcke: nur einer ging an Petrobras, drei an Konsortien multinationaler Konzerne.
Mobilität/Logistik Strittige Mindestfrachttarife wurden vorerst beibehalten; Amaggi und Louis Dreyfus planen Joint Venture; Aliança erweitert Küstenschifffahrt im Nordosten; LATAM modernisiert über 200 Flugzeuge von 2018-2020 (Investitionen: 400 Mio. US$).
Bergbau/Stahl Aluminiumindustrie erwartet für 2018 Absatzwachstum von 3% bis 5%, doch steigender Strompreis belastet den Sektor.Samarco kündigt Wiederaufnahme des Abbaus ab 2020 an; Anglo will Minas-Rio bis Ende 2018 erneut in Betrieb nehmen, doch verschiebt Erweiterung auf 2021.

Weitere Informationen zu Brasilien finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

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Brasilien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Handels-, Zollabkommen, WTO, Freihandels-/Zollabkommen, WTO, allgemein

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