Branchen | Russland | Forstwirtschaft & Holzverarbeitung

Russland modernisiert seine Forstwirtschaft und Holzindustrie

Die Regierung treibt die nachhaltigere Bewirtschaftung und Nutzung des CO2-Absorptionspotenzials der Wälder voran. Die Holzverarbeitung will ihre Wertschöpfung im Inland vertiefen.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Russland will die Holzverarbeitung im Inland ausbauen

    Die Regierung fördert die Holzindustrie und will die Verarbeitungstiefe und die Wertschöpfung steigern. Hersteller modernisieren ihre Werke und setzen auf Anlagen aus Deutschland.

    Die Verarbeitung von Holz besitzt in Russland ein großes Wachstumspotenzial. Die Forstwirtschaftsbehörde Rosleschos beziffert den gesamten Holzbestand des weltweit größten Flächenlands auf rund 102 Milliarden Kubikmeter. Der Wert der russischen Wälder beläuft sich auf mindestens vier Billionen US-Dollar, berechnete die Boston Consulting Group. Im Jahr 2020 wurden rund 220 Millionen Kubikmeter geschlagen.

    Entwicklungsstrategie bis 2030 soll inländische Produktion ankurbeln

    Die Regierung will mit der Strategie zur Entwicklung der Forstwirtschaft vom Februar 2021 den Anteil der Holzindustrie an der Entstehung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bis 2030 auf 1,14 Billionen Rubel (rund 13,7 Milliarden Euro, EZB-Wechselkurs zum 12.10.2021: 1 Euro = 83,01 Rubel) verdoppeln. Wichtigster Wachstumstreiber soll die Ausweitung der Holzverarbeitung im Inland werden. Die Produktion von Schnittholz soll im Vergleich zu 2020 um 55 Prozent, von Spanplatten um 30 Prozent und von Sperrholz um 40 Prozent zulegen. Zudem sollen 60 Prozent mehr Holzhäuser entstehen.

    Produktion von Sägeschnittware lässt Pandemiefolgen hinter sich

    Die Holzverarbeitung hat die Auswirkungen des ersten Jahres der Coronapandemie gut überstanden. Im 1. Halbjahr 2021 stieg der Produktionswert um 12,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Inlandsnachfrage nach Schnittholz, Holztüren und Parkett für den Wohnungsbau wächst. Möbelhersteller benötigen mehr Sperrholz, um die steigende Nachfrage bedienen zu können. Der Großteil der im Russland produzierten Holzpellets geht in den Export, vor allem nach Europa.

    Produktion der russischen Holzverarbeitungsindustrie (Veränderung in Prozent)

    Produktgruppe

    2020

    Veränderung 2020/2019

    Veränderung 1. Halbjahr 2021 / 1. Halbjahr 2020

    Faserplatten aus Holz oder andere Holzwerkstoffen (Mio. Quadratmeter)

    642

    -7,1

    25,7

    Holzmaterialien, in Längsrichtung gesägt oder geteilt, in Schichten geteilt oder geschält, dicker als 6 mm; hölzerne Eisenbahn- oder Straßenbahnschwellen, nicht imprägniert (Mio. Kubikmeter)

    28,6

    -4,4

    2,7

    Holzspanplatten und ähnliche Platten aus Holz oder anderen holzigen Stoffen (Mio. Kubikmeter)

    9,9

    -1,5

    30,6

    Sperrholz (Mio. Kubikmeter)

    4

    -3,2

    15,4

    Holzbriketts (1.000 Tonnen)

    164

    3,9

    6

    Vollholzparkett (Mio. Kubikmeter)

    14,2

    0,1

    45,4

    Holzhäuser (Tausend Quadratmeter)

    253

    -8,5

    31,4

    Holzfenster (Tausend Quadratmeter)

    445

    -14,7

    10,2

    Holztüren (Mio. Quadratmeter)

    14,3

    1,7

    30,6

    Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat

    Exportverbot soll Wertschöpfung im Land steigern

    Rund 85 Prozent der russischen Holzausfuhren besteht aus Rund-, Schnitt- und Brennholz mit einer niedrigen Verarbeitungstiefe. Entsprechend gering fallen die Margen aus. Die Regierung will mehr Wertschöpfung im Land generieren und verhängt auf Weisung von Präsident Wladimir Putin ab 1. Januar 2022 ein Exportverbot für grob oder gänzlich unverarbeitetes Nadelholz. Davon sind rund 7 Prozent der gesamten russischen Holzausfuhren betroffen. Bereits seit 1. Juli 2021 werden Zölle auf die Ausfuhr von unbearbeitetem Rundholz sowie wertvollen Laubholzarten wie Eiche, Buche oder Esche fällig.

    Große verarbeitende Betriebe begrüßen das Exportverbot. Es trage dazu bei, die Einkaufspreise im Land stabil zu halten und Engpässe bei der Rohstoffversorgung zu vermeiden. Branchenkenner fürchten jedoch, dass ein Angebotsüberhang und niedrige Erlöse die Modernisierung der Branche beeinträchtigen könnten.

    Möbelproduktion wächst zweistellig

    Die Fertigung von Möbeln legte im 1. Halbjahr 2021 wertmäßig um 39,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu. Das Beschaffungsverbot für Importmöbel in Ministerien und Sondereffekte kurbeln die Nachfrage an. Wohlhabendere Familien können wegen der Coronaeinschränkungen nicht ins Ausland reisen und investieren ihr Erspartes stattdessen in die Verschönerung der eigenen vier Wände. Um die Folgen von Lieferengpässen abzumildern, verhängte die Regierung bereits Ende 2020 vorübergehend ein Exportverbot für Hackschnitzel und Spanplatten.

    Der Anteil von Produktfälschungen bei Möbeln steigt. Im Jahr 2020 kam jedes fünfte Möbelstück im Gesamtwert von rund 450 Millionen Euro aus illegaler Fertigung, schätzt der Verband der russischen Holzverarbeiter (AMDPR). Hauptgrund dafür ist die gesunkene Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten während der Pandemie. Abhilfe schaffen sollen die digitale Kennzeichnung von Möbeln sowie Herstellerzertifikate.

    Möbelproduktion in Russland (Veränderung in Prozent)

    Produktgruppe

    2020

    Veränderung 2020/2019

    Veränderung 1. Halbjahr 2021 / 1. Halbjahr 2020

    Schränke für Küche, Schlafzimmer, Ess- und Wohnzimmer (1.000 Stück)

    7.756

    -11

    35,6

    Couch, Sofas, Liegen mit Holzrahmen (1.000 Stück)

    2.127

    -4,6

    16,5

    Holzbetten (1.000 Stück)

    2.330

    17,4

    79,2

    Büromöbel aus Holz (Mrd. Rubel)

    19

    -5,8

    24,9

    Holztische für Küche und Wohnzimmer (1.000 Stück)

    2.173

    -0,8

    42,1

    Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat

    Nachfrage nach Einfamilienhäusern aus Holz wächst

    Holz wird als ökologischer Baustoff im Wohnungsbau immer beliebter. Der Anteil von Holzhäusern an der Fläche der errichteten Einfamilienhäuser wird sich bis 2025 auf etwa 25 Millionen Quadratmeter pro Jahr mehr als verdreifachen, schätzen Experten der Rosselchosbank. Die Regierung fördert den Holzhausbau mit vergünstigten Hypothekenkrediten. Der Trend geht hin zu bezugsfertigen Häusern in Blockbauweise. Die Preisrallye bei Schnittholz sorgt derzeit jedoch für eine Verknappung von Bauholz.

    Hersteller erweitern und modernisieren ihre Kapazitäten

    Trotz der Coronapandemie stiegen die Investitionen in die Holzindustrie im Jahr 2020 um rund 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf rund 1,9 Milliarden Euro. Die Mittel fließen aktuell in landesweit 62 Investitionsprojekte der Holz- und Forstwirtschaft.

    Ausgewählte Investitionsprojekte in der russischen Holzverarbeitung

    Akteur / Projekt

    Investitionssumme (Mio. Euro)

    Projektstand

    Projektträger

    Bau eines Sägewerks / Bezirk Pineschskij, Gebiet Archangelsk

    421,7

    Im Bau; geplante Fertigstellung: 2023

    ULK Group

    Bau eines Werks zur Produktion von Sperrholz / Republik Komi

    240,9

    Im Bau; geplante Fertigstellung: 2023

    Luzales

    Bau eines Werks zur Produktion von Sperrholz / Gebiet Omsk

    240,9

    Geplante Fertigstellung: 2024

    Segezha Group (gehört zu AFK Sistema)

    Bau eines Werkes zur Produktion von OSB-Platten / Gebiet Kostroma

    220

    Geplante Fertigstellung: 2023

    Swiss Krono Holding

    Bau eines Werkes zur Produktion von Birkensperrholz / Gebiet Wologda

    130

    Geplante Fertigstellung: 2022

    OOO Plitwood, Tel: +7 (817) 259-74-75

    Bau einer Produktion von laminierten Spanplatten / Gebiet Kaluga

    120,5

    Vereinbarung auf Sankt Petersburger Wirtschaftsforum unterzeichnet

    Kronospan

    Modernisierung des Holzverarbeitungswerks LDK Nr. 1; u.a. Bau eines neuen Kesselhauses, Erweiterung der Sägewerksflächen und der Pelletproduktion, Modernisierung der Wasseraufbereitungsanlagen / Lesosibirsk, Region Krasnojarsk

    78,3

    Investitionsentscheidung getroffen

    Segezha Group (gehört zu AFK Sistema)

    Bau eines Werks zur Produktion von Furnier- und Sperrholz / Gebiet Tomsk

    k.A.

    Im Bau; geplante Fertigstellung: 2022

    Monolit-Stroj

    Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

    Die Segezha Group (gehört zu AFK Sistema) übernimmt für 515 Millionen US-Dollar das Unternehmen Inter Forest Rus mit fünf Holzverarbeitungswerken in der Region Krasnojarsk.

    Nachfrage nach Holzbearbeitungsmaschinen bleibt hoch

    Russlands Holz verarbeitende Betriebe haben einen enormen Bedarf, ihre Produktivität zu erhöhen. Ein Großteil der eingesetzten Maschinen ist veraltet und muss erneuert werden. Bis 2030 sollen sich die Investitionen in neue Maschinen zur Ernte und Verarbeitung von Holz auf rund 58 Milliarden Rubel pro Jahr mehr als verdoppeln, so die Strategie zur Entwicklung der Forstwirtschaft. Der Großteil der eingesetzten Holzverarbeitungsmaschinen stammt aus dem Ausland. Einheimische Hersteller halten rund 10 Prozent des Marktes für Holzverarbeitungstechnik. Der Fonds zur Entwicklung der Industrie (FRP) stellt Holzverarbeitern Kredite zur Modernisierung ihrer Anlagen zur Verfügung.

    Obwohl teurer, punktet ausländische Technik gegenüber der einheimischen Konkurrenz bei Produktivität und Zuverlässigkeit sowie bei Service und der Ersatzteilversorgung. Im 1. Halbjahr 2021 legten die Ausfuhren von Holzbearbeitungsmaschinen aus Deutschland nach Russland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 17,3 Prozent auf rund 42 Millionen Euro zu, meldet der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Der Krefelder Anlagenbauer Siempelkamp liefert eine Spanplattenanlage an den Holzwerkstoffproduzenten Uvadrev in der Republik Udmurtien. Die Montagearbeiten beginnen Anfang 2022.

    Einfuhren ausgewählter Maschinen für Forstwirtschaft und Holzbearbeitung nach Russland (Millionen US-Dollar)

    HS-Position

    2017

    2018

    2019

    Maschinen, Apparate und Geräte für die Landwirtschaft und Forstwirtschaft (8432), darunter aus:

    473,4

    444,8

    389,8

    ..China

    41,7

    48,5

    45,1

    ..Deutschland

    158,2

    146,8

    109,3

    Maschinen, Apparate und Geräte für die Landwirtschaft und Forstwirtschaft (843680), darunter aus:

    936,6

    464,6

    489,9

    ..China

    18,1

    28,9

    35,8

    ..Deutschland

    68,9

    56,9

    59,1

    Maschinen zur Verarbeitung von Holz, Kork, Hartkautschuk, harten Kunststoffen (8465), darunter aus:

    438,6

    369,8

    299

    ..China

    121,6

    97,3

    103

    ..Deutschland

    73,7

    82,7

    43,5

    Pressen zum Herstellen von Span- und Faserplatten aus Holz (847930), darunter aus:

    309,8

    60,4

    88,9

    ..China

    13,5

    4,4

    4,3

    ..Deutschland

    131

    25,6

    65,5

    Für das Jahr 2020 liegen noch keine Daten vor.Quelle: UN Comtrade

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Schutz der Wälder erhält höhere Priorität

    Russland beheimatet ein Fünftel der weltweiten Wälder. Doch Feuer und Raubbau setzen der grünen Lunge zu. Digitalisierung, Brandprävention und Aufforstung sollen Abhilfe schaffen.

    Russland verfügt zum 1. September 2021 über 894 Millionen Hektar Wald, meldet die föderale Agentur für Forstwirtschaft, Rosleschos, auf Grundlage einer im Jahr 2020 abgeschlossenen Neuinventarisierung. Das entspricht einer Zunahme des Bestands um rund ein Drittel im Vergleich zu den jahrzehntealten Daten aus dem Staatsforstregister. Doch Experten melden Zweifel an der Methodik der Neuvermessung an. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) beziffert den Waldbestand auf rund 815 Millionen Hektar. Daher beinhaltet eines der Ziele der „Strategie zur Entwicklung der Forstwirtschaft“ die genaue Vermessung der Wälder bis 2030. Auf ihrer Grundlage sollen dann Quoten zur Holzernte und Wiederaufforstung definiert werden.

    Digitalisierung soll illegalen Holzeinschlag eindämmen

    Im Jahr 2020 wurden rund 15.300 Fälle von illegalem Holzeinschlag mit einem Schadensvolumen von 1,1 Millionen Kubikmetern im Wert von rund 150 Millionen Euro offiziell von Rosleschos festgestellt - ein Anstieg um 3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Pro Jahr wird Holz in einer Größenordnung von bis zu 30 Millionen Kubikmetern illegal geerntet, gab die für Forstwirtschaft zuständige stellvertretende Ministerpräsidentin Viktoria Abramtschenko im Jahr 2020 zu Protokoll - rund ein Siebtel der gesamten Einschlagsmenge von 220 Millionen Kubikmeter. Der Großteil davon geht nach China.

    Zur Eindämmung des Raubbaus setzt die Regierung auf die digitale Nachverfolgung des Holzhandels. Seit 1. Juli 2021 müssen alle Marktteilnehmer elektronisch alle Daten über das geerntete Rundholz in das modernisierte einheitliche staatliche Informationssystem zur Erfassung des Holzhandels „LesEGAIS“ eintragen. Mit einem elektronischen Begleitdokument soll jeder Baum von seiner Parzelle über den Lieferweg und Lagerort bis zur Verarbeitung und dem Export über ein digitales Track- & Trace-System nachverfolgt werden können. Ab 1. Januar 2023 soll ein „Staatliches Informationssystem der Forstwirtschaft“ (FGIS) LesEGAIS ablösen.

    Waldbrände dezimieren Russlands grüne Lunge

    Die Waldbrandsaison in Russland entwickelte sich in den letzten Jahren immer verheerender. Im Jahr 2021 wurden rekordverdächtige 18,2 Millionen Hektar Wald ein Opfer der Flammen, meldet Rosleschos. Das entspricht rund der halben Staatsfläche der Bundesrepublik. Die Kombination aus kürzeren Frostperioden, teilweise tropischen Temperaturen im Sommer und ausgedehnteren Trockenphasen begünstigt eine frühere und schnellere Ausbreitung der Waldbrände. Schädlingsbefall wirkt zusätzlich als Brandbeschleuniger. Die Schäden belaufen sich auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr.

    Rund die Hälfte der Brände ist menschengemacht und entsteht durch unachtsamen Umgang mit Feuer. Ein weiteres Drittel entfällt auf Blitzeinschläge. Zudem wird absichtlich Feuer gelegt, um illegalen Holzeinschlag zu verschleiern. Ein Großteil der Brände wütet in unbewohnten Gebieten und muss deshalb laut Gesetz nicht gelöscht werden. Da die finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen zu gering sind, konzentrieren sich die Feuerwehren nur auf die Brandbekämpfung in der Nähe von Siedlungen.

    Die Rekordwaldbrände erhöhen den Handlungsdruck auf die Regierung. Im Rahmen der „Strategie zur Entwicklung der Forstwirtschaft“ soll bis 2030 der Schutz vor Waldbränden verstärkt werden. Die finanziellen Mittel für die chronisch unterfinanzierte Waldüberwachung und Brandbekämpfung sollen auf rund 1,2 Milliarden Euro pro Jahr mehr als verdreifacht werden. Daneben solle die derzeit nicht flächendeckende präventive Beobachtung der Wälder per Video, Flugzeug und Satellit verdoppelt werden, fordert das Umweltministerium.

    Um zeitnah auf ausbrechende Brände in den entlegenen Regionen Sibiriens und des Fernen Ostens reagieren zu können, steckt die Regierung rund 60 Millionen Euro in die Einrichtung des Waldbrand-Bekämpfungszentrums „Sewer“ in der Region Krasnojarsk. Gelder fließen in die Ausbildung von Feuerwehrleuten und Feuerspringer sowie in die Beschaffung von neuer Ausrüstung. Um Löschfahrzeugen besseren Zugang zu entlegenen Waldgebieten zu ermöglichen, soll sich die Länge der jährlich angelegten Forstwege bis 2030 auf 2.000 Kilometer vervierfachen. Zudem soll ein intensiveres Bewirtschaftungssystem das Waldbrandrisiko senken.

    Wiederaufforstung soll Waldbestand erhalten

    Russland verfügt mit einer nutzbaren Freifläche von 151 Millionen Hektar - drei Mal so groß wie Deutschland - weltweit mit Abstand über das größte Potenzial zur Wiederaufforstung. Ende 2020 belief sich die nicht aufgeforstete Fläche bereits auf 35 Millionen Hektar. Im Jahr 2020 wurden von den geernteten 220 Millionen Kubikmetern nur rund 72,8 Prozent der abgeholzten Fläche wiederaufgeforstet, berichtet Juri Gagarin vom Zentrum für Ökologie und Waldproduktivität der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN). Da Waldgebiete meist nur für 49 Jahre verpachtet werden, haben Unternehmen kaum Anreize, neue Bäume zu pflanzen. Damit Nadelbäume erntereif werden, gehen jedoch durchschnittlich 80 Jahre ins Land.

    Die Regierung treibt die Wiederaufforstung voran. Im Basisszenario der „Strategie zur Entwicklung der Forstwirtschaft“ soll die Waldfläche bis 2030 um 3 Prozent wachsen und bis dahin die Fläche des jährlichen Holzeinschlages vollständig ausgleichen. Pro Jahr sollen rund 500 Millionen Bäume gepflanzt werden, vor allem Sorten mit hohem Erntepotenzial wie Tannen und Fichten. Das dazu notwendige Saatgut soll bevorzugt aus einheimischer Erzeugung kommen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schlägt vor, auch auf landwirtschaftlichen Brachflächen Wälder anzupflanzen. Dort könnten bis zu 100 Millionen Hektar aufgeforstet werden.

    Im von Waldbränden und Raubbau stark betroffenen Fernen Osten will die Regierung Parzellen zur Aufforstung im Austausch gegen Emissionszertifikate verpachten. Aufgrund veralteter Datensätze gestaltet sich die konkrete Planung jedoch schwierig.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Russlands Wälder sollen CO2-Fußabdruck senken

    Russland will bis 2060 klimaneutral werden und das CO2-Absorptionspotenzial seiner Wälder nutzen. Voraussetzung dafür ist die internationale Anerkennung der Methode.

    Klimaschutz ist in Russland mittlerweile Chefsache. Auf der Russian Energy Week Mitte Oktober 2021 bestätigte Präsident Wladimir Putin den Kurs seines Landes hin zu mehr Klimaschutz, der 2019 mit der Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens eingeschlagen worden war. Um seinen CO2-Fußabdruck von rund 1,8 Milliarden Tonnen (Stand: 2019) zu senken, will Russland das Absorptionspotenzial seiner Wälder nutzen. Mit rund 640 Milliarden Bäumen verfügt das größte Flächenland der Erde über ein Fünftel der weltweiten Waldflächen. Hinzu kommen rund 90 Millionen Hektar brachliegendes Ackerland sowie ausgedehnte Moor- und Sumpflandschaften, die ebenfalls Kohlenstoff binden können.

    Wälder sollen Kohlendioxidemissionen binden

    Russlands boreale Wälder können pro Jahr bis zu 625 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent (Stand: 2018) aufnehmen und damit die CO2-Nettobilanz des Landes um rund ein Drittel senken. Die stellvertretende Ministerpräsidentin Viktoria Abramtschenko bezifferte im Juli 2021 die Aufnahmekapazität der heimischen Ökosysteme insgesamt sogar auf 2,5 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr.

    Doch Experten zweifeln an den Daten. Zwischen 2016 und 2020 sei die Menge des absorbierten CO2 um 10 Prozent gesunken, berichtet Alexej Kokorin, Leiter der Klima- und Energieprogramme bei WWF Russland. Experten der Fakultät für Biologie der Moskauer Staatlichen Universität (MGU) rechnen bis 2050 bedingt durch die Alterung der Wälder sowie die Auswirkungen von Bränden und Abholzungen gar mit einem Rückgang der Nettoaufnahme auf beinahe Null. Um das Absorptionsniveau zu erhalten, müssten die Wälder aktiv bewirtschaftet und aufgeforstet werden. Russland verfügt weltweit über das größte Aufforstungspotenzial.

    Die Regierung will nicht nur den eigenen Kohlendioxidausstoß mit Hilfe der einheimischen Wälder senken, sondern mit dem Verkauf von Emissionszertifikaten bares Geld verdienen. Durch die CO2-Bindung in den Waldbeständen könne Russland bis zu 50 Milliarden US-Dollar (US$) pro Jahr verdienen (bei einem Preis von 40 US$ pro Tonne CO2), berechnen Experten der Higher School of Economics (HSE). Diese Summe entspräche in etwa den jährlichen Einnahmen durch Gasexporte. Unter Federführung des Wissenschaftsministeriums wird das "Carbon Farming" in Wäldern, Gräsern und Sümpfen bereits getestet.

    Neue Berechnungsmethode soll Absorptionspotenzial steigern

    Das Umweltministerium führte Mitte März 2021 eine neue Methode zur Berechnung der Aufnahmefähigkeit von Wäldern ein. Die Änderungen betreffen vor allem die Definition „bewirtschafteter Wälder“. Darunter werden nunmehr bis dato nicht berücksichtigte Reservewälder, wie Bäume auf brachliegenden landwirtschaftlichen Flächen erfasst. Landesweit sind etwa 40 Prozent des Ackerlandes überwuchert. Der kumulative Effekt der Neuberechnung beläuft sich auf rund 450 Millionen Tonnen CO2. Damit würde die Aufnahmefähigkeit der russischen Wälder schlagartig auf rund 1,1 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr steigen.

    Doch die in den letzten Jahren immer früher einsetzenden und länger andauernden Brände verwandeln Russlands Wälder von einem Nettoabsorber zu einem CO2-Emittenten. Allein die Waldbrände in der Republik Sacha (Jakutien) setzten im Sommer 2021 rund 800 Millionen Tonnen Kohlendioxid frei, schätzt Alexander Tschernukulskij von der Russischen Akademie der Wissenschaften. Diese enormen Emissionen müssten ebenfalls in die Berechnungen zur Absorptionsfähigkeit eingehen, womit das potenzielle Absorptionspotenzial nivelliert würde. Alexej Jaroschenko, Forstfachmann von der Umweltschutzorganisation Greenpeace, befürchtet gar, dass die sibirische Taiga künftig mehr CO2 ausstoßen wird, als sie aufnehmen kann, wenn sich die Brände weiter in dem hohen Tempo ausbreiten wie in den letzten 20 Jahren.

    Daneben befeuern die Waldbrände im Hohen Norden das schnellere Auftauen des Permafrosts. Durch das entweichende Methan verschärft sich der Klimawandel weiter.

    Regierung will CO2-Absorptionsfähigkeit der Wälder anerkennen lassen

    Russland möchte das Potenzial zur CO2-Bindung seiner Wälder auf internationaler Ebene anerkannt wissen. Die Regierung kündigte an, auf dem Klimagipfel COP 26 in Glasgow Anfang November 2021 auf die Berücksichtigung der Aufnahmefähigkeit russischer Wälder bei der Berechnung der CO2-Emissionen zu drängen. Dies würde den Handlungsspielraum beim Klimaschutz enorm erweitern und eine wichtige Einnahmequelle für den Staatshaushalt eröffnen.

    Zudem will die Regierung ihren wichtigsten Handelspartner, die Europäische Union (EU), davon überzeugen, den Waldbestand auch bei der Berechnung des angekündigten CO2-Grenzausgleichs (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) zu berücksichtigen.

    Grundvoraussetzung für eine Anerkennung der Absorptionsfähigkeit der Wälder ist allerdings die Transparenz im Hinblick auf die genaue Größe der Flächen, auf Messstandards und Berichterstattung sowie auf die Überwachung, Überprüfung und Zertifizierung der Daten. Experten melden beispielsweise Zweifel an der Methodik der im Jahr 2020 abgeschlossenen Neuvermessung der Wälder durch die föderale Agentur für Forstwirtschaft Rosleschos an.

    Unternehmen forsten auf, um Emissionen zu kompensieren

    Hersteller von Produkten mit einem hohen Schadstoffausstoß wie Metalle, Zement oder Düngemittel nutzen die Wälder als potenzielle CO2-Speicher. Einerseits wollen Firmen damit die Zahlungen des CO2-Grenzausgleichs beim Export ihrer Produkte in die Europäische Union (EU) senken. Zudem wird der Umweltschutz ein immer wichtigeres Kriterium bei der Finanzierung. Nachhaltige Projekte erhalten auf westlichen Kapitalmärkten leichteren Zugang zu zinsgünstigeren grünen Anleihen (Green Bonds).

    Russlands größter Ölkonzern Rosneft entwickelt ein Programm zur Aufforstung von Wäldern auf ausgebeuteten Lagerstätten. Der Ölkonzern Tatneft will bis 2030 rund ein Viertel seiner Treibhausgasemissionen durch Aufforstungsmaßnahmen kompensieren. Der Bergbaukonzern Polymetall investiert in die Wiederaufforstung, um seinen CO2-Fußabdruck zu reduzieren.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

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