Special Afrika, übergreifend Coronavirus

Wirtschaftlich fragile Staaten Afrikas besonders gefährdet

Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum Afrikas wird 2020 statt 3,2 nur noch 1,8 Prozent betragen, so die vorsichtige Prognose der UN-Kommission für Afrika (UNECA).

Von Marcus Knupp | Bonn

Es könnte schlimmer kommen. Denn noch sind die Fallzahlen der Infektionen mit dem Coronavirus im Vergleich zu anderen Weltregionen gering, die schlecht aufgestellten Gesundheitssysteme nicht auf die extreme Probe gestellt.

Die wirtschaftlichen Effekte sind allerdings bereits spürbar. Rohstoffpreise fallen, Lieferketten sind unterbrochen. Die Konjunktur in vielen wichtigen Abnehmermärkten für afrikanische Exporte bricht ein.


  • Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung

    Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung

    Produktionsstopps, Unterbrechungen der Lieferketten, einbrechende Nachfrage - die überwiegend Rohstoffe exportierenden Volkswirtschaften Afrikas gehören zu den Hauptleidtragenden. (Stand: 13. Mai 2020)

    Die durch das Coronavirus ausgelöste Krankheitswelle erreicht Afrika spät und bisher in geringerem Ausmaß als Asien oder Europa. Das ist Glück im Unglück, denn die Gesundheitssysteme des Kontinents sind noch weniger auf einen Ansturm Infizierter auf die Intensivstationen vorbereitet als jene in den Industrieländern.

    Schon jetzt lässt sich aber absehen, dass die wirtschaftlichen Folgen für etliche Länder einschneidend sein werden. Rohstoffexporteure wie die Ölländer Nigeria und Angola sehen ihre Budgetplanungen durch den massiven Einbruch des Ölpreises über den Haufen geworfen. So hat die angolanische Regierung mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 55 US-Dollar (US$) pro Barrel kalkuliert, aktuell werden weniger als 30 US$ notiert.

    Weltweit geben nicht nur die Aktienkurse nach. Auch für die Industrieproduktion benötigte mineralische Rohstoffe wie Eisenerz, Kupfer oder Platinmetalle und sogar die vermeintlich sichere Reserve Gold geraten unter Druck. Ebenso stockt der Export anderer zentraler Exportgüter wie Kaffee aus Äthiopien, Kakao aus Côte d'Ivoire oder Schnittblumen aus Kenia mit Behinderungen der Transportwege sowie gesunkener Nachfrage aus den Abnehmerländern.

    Länder wie Südafrika, Namibia oder Botsuana, aber auch Ägypten oder Tunesien, erwirtschaften einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen mit dem Tourismus, der infolge der Reisebeschränkungen fast völlig zum Erliegen gekommen ist. Eine Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit in den wichtigen Herkunftsländern von Reisenden würde für länger anhaltende Verluste sorgen.

    Kettenreaktion

    Je stärker Volkswirtschaften in internationale Wertschöpfungsketten integriert sind, desto mehr sind auch lokale Produktionsbetriebe von Ausfällen und Stillstand betroffen. Insbesondere Südafrika ist hier Leidtragender des eigenen Entwicklungsvorsprungs. So hat beispielsweise BMW nicht nur die Fertigung in seinen europäischen Werken gestoppt, sondern auch im südafrikanischen Rosslyn.

    Die geringe Handelsverflechtung der afrikanischen Länder untereinander erweist sich in der derzeitigen Situation als Vorteil und Nachteil zugleich. Die geringen Kontakte verlangsamen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Ausbreitung der Pandemie auf dem afrikanischen Kontinent und lassen Maßnahmen wie Grenzschließungen oder schärfere Kontrollen in wirtschaftlicher Hinsicht weniger einschneidend wirken.

    Störungen der Austauschbeziehungen in und mit anderen Weltregionen wirken sich dagegen überproportional stark aus, da ein erheblicher Teil nicht nur der Investitions-, sondern auch der Konsumgüter, in vielen Ländern sogar der Nahrungsmittel, aus dem Ausland importiert werden. Das gilt insbesondere auch für Arzneimittel, die überwiegend aus China oder Indien eingeführt werden. Die Angst vor Lieferengpässen ist auch in Hinblick auf ohnehin bestehende Gesundheitsprobleme wie HIV oder Malaria beträchtlich.

    Geübte Praxis

    Zeitaufwändige Kontrollen an den Grenzen, gesundheitliche Prüfungen bei der Einreise, Impfausweis und Temperaturmessung, gehören in vielen afrikanischen Ländern zum Alltag. Der Kontrast zwischen dem Normalzustand und der Ausnahmesituation ist in dieser Hinsicht also geringer als in Europa. Die visafreie Einreise ist auf dem Kontinent ohnehin die Ausnahme. Der Schritt zu Einreisebeschränkungen, den die meisten afrikanischen Länder schon bei deutlich niedrigeren Infektionsraten vollzogen haben als anderswo, erscheint daher leichter gemacht. Vielleicht hilft die größere beziehungsweise häufigere Erfahrung mit gefährlichen Infektionskrankheiten - Stichwort Ebola - bei der zielstrebigeren Umsetzung.

    Die Vorsicht ist berechtigt. Denn die Gesundheitssysteme in Afrika sind noch viel weniger auf die Behandlung zahlloser Schwerstkranker vorbereitet als in Europa oder Nordamerika. Die hygienischen Verhältnisse insbesondere in den städtischen Armenvierteln sind oft prekär und würden zusammen mit der oft hohen Besiedlungsdichte eine weitere Ausbreitung der Viren erleichtern. Das im Durchschnitt wesentlich geringere Alter der Menschen dürfte im Gegenzug die Schwere der Erkrankung in den meisten Fällen geringhalten.

    Begrenzter Spielraum

    Begrenzt ist allerdings auch der Spielraum für den Ausbau der Kapazitäten des Gesundheitssystems oder der Ausgleich wirtschaftlicher Härten. Viele afrikanische Länder sind äußerst verwundbar. Konzentrieren sich die Industrieländer auf ihre eigenen Probleme, stellen Projekte ein und schrauben Entwicklungsgelder zurück oder fehlen die Zuflüsse des Großinvestors China, können diese Lücken mitunter nur schwer oder gar nicht gefüllt werden.

    Der Effekt wird verstärkt, wenn Rohstoffkonzerne infolge gesunkener Preise ihre Ausbaupläne für Bergwerke zurückfahren, auf die teure Erschließung zusätzlicher Ressourcen verzichten. Auch institutionelle Anleger dürften sich in unsicheren Zeiten vermehrt auf Investitionen mit geringeren Risiken verlegen. Schwellen- und Entwicklungsländer, traditionell mit höheren Risiken bewertet, sind die Leidtragenden. Staatliche Unterstützungsprogramme für die einheimische Wirtschaft erscheinen in dieser Perspektive nur in sehr geringem Maße möglich.

    Von Marcus Knupp | Berlin

  • Covid-19: Außenhandel - Logistik - Zoll

    Covid-19: Außenhandel - Logistik - Zoll

    Reedereien spüren erst leichten Rückgang bei Frachtdiensten. Reisebeschränkungen verhindern Geschäftsabschlüsse von Handelshäusern. (Stand: 1. April 2020)

    Die im Handel und der Logistik mit Afrika tätigen deutschen Unternehmen sind derzeit sehr unterschiedlich von den Folgen der Corona-Epidemie betroffen. Mittelfristig befürchten viele Unternehmen jedoch erhebliche Auswirkungen. Eine Prognose zu den wirtschaftlichen Folgen wollen viele Firmen in dieser Situation nicht wagen.

    Unternehmen im Automobilsektor stark betroffen

    Das für viele Großunternehmen tätige Logistikunternehmen Kühne + Nagel spürt bereits jetzt einen erheblichen Rückgang der gebuchten Frachtkapazitäten. „Im Transportbereich wird voraussichtlich ein komplettes Quartal ausfallen“, sagt Michael Schröder, Vice President für den Handel in Europa und Afrika. „Die Automobilhersteller benötigen praktisch jetzt schon keine Kapazitäten mehr. In den nächsten Tagen werden die gebuchten Kapazitäten in vielen Bereich auf null gehen." Die meisten Automobilhersteller haben ihre Produktion in Europa eingestellt,  BMW tat dies auch in Südafrika. Die Produzenten von Kfz-Teilen in Nordafrika waren bereits Mitte März von erheblichen Beeinträchtigungen in der Logistik betroffen. Den Unternehmen fehlen vor allem Transportmöglichkeiten zwischen Nordafrika und Europa, da Tunesien zum Beispiel die Anfahrt von einzelnen Schiffen aus Italien verbot.

    Angekündigte Schließung von Werken wird Handel reduzieren

    Doch nicht alle Logistikunternehmen hat die Corona-Epidemie unmittelbar getroffen. „Wir spüren derzeit keinen Rückgang der nachgefragten Kapazitäten in unseren Fahrgebieten“, sagt Hartmut Lühr, Geschäftsführer der auf Südafrika spezialisierten Reederei Deutsche Afrika Linien. Es gebe in den südafrikanischen Häfen erhebliche Probleme, aber nicht auf Grund von Corona, sondern wegen der mangelhaften Infrastruktur, der Qualität des Managements und auch des Wetters. Das Unternehmen sei aber auf viele Eventualitäten vorbereitet.

    Auch die Hapag-Lloyd AG hat derzeit noch keine erheblichen Rückgänge im Geschäft mit Afrika. „Bislang sehen wir noch keine Beeinträchtigungen, weder operativ noch kommerziell in unseren Mengen“, sagt Samuel Stüber, Sprecher der Hapag-Lloyd AG. In den Häfen gebe es auch noch keine wesentlichen Probleme, obwohl zum Beispiel die medizinischen Überprüfungen für Schiffsbesatzungen verschärft worden seien. Das könne sich jedoch schnell ändern. „Die Ankündigungen von Werksschließungen und Kurzarbeit werden sicherlich in Kürze zu reduzierten Exporten, aber auch zu geringeren Importen führen“, schätzt Stüber.

    Handelshäuser momentan hauptsächlich durch Reisebeschränkungen betroffen

    Die auf Afrika spezialisierten Handelshäuser sind derzeit vor allem durch Reisebeschränkungen betroffen. „Die Ware ist geliefert, aber die Installation ist nicht möglich“, berichtet Michael Ruch, Geschäftsführer der Joh. Achelis & Söhne GmbH, über die Folgen der aktuell bereits bestehenden Reisebeschränkungen. Zudem ist es derzeit nicht möglich, Pre-Shipment-Inspections durchzuführen, da die Vertreter der Hersteller nicht nach Ostafrika reisen können. Das seit über sechzig Jahren in Ostafrika tätige Handelsunternehmen Joh. Achelis & Söhne kann dadurch Fahrzeuge für die Reinigung von Abwasserkanälen nicht ausliefern. Es komme auch schon zu Lieferverzögerungen bei Ersatzteilen, da in China bereits seit einigen Wochen die Produktion ruhe. „Wir haben die Befürchtung, dass die Märkte zusammenbrechen“, sagt Ruch.

    Unternehmen setzen auf Erfahrungen aus der Ebola-Krise  

    „Es ist eine Frage der Zeit, bis die Folgen der Corona-Epidemie mit Durchschlagskraft ankommen werden“, zeigt sich Rasmus Woermann überzeugt, Geschäftsführer des Handelshauses C. Woermann. Derzeit seien diese Folgen in Afrika nur begrenzt sichtbar, obwohl bereits Ende Januar erste Lieferschwierigkeiten bei Gütern aus China deutlich wurden. Sorgen macht sich der Unternehmer vor allem mit Blick auf die mangelhaften Gesundheitssysteme in Afrika. Das Unternehmen ist seit über 175 Jahren in Afrika tätig und hat in Nigeria, Ghana und Angola eigene Standorte.

    Die Mitarbeiter vor Ort seien im Rahmen der Möglichkeiten gut vorbereitet. „Wir haben Erfahrungen durch die Ebola-Krise gemacht. Beim Betreten des Firmengeländes müssen alle Besucher die Hände waschen, und außerdem wird die Temperatur gemessen“, erläutert Woermann die Vorsichtsmaßnahmen. Außerdem habe das Unternehmen Vorräte angelegt, zum Beispiel Nahrungsmittel, mit denen die Mitarbeiter notfalls versorgt werden könnten.

    Sehr schwieriges Jahr für Afrikahandel

    Die Länder Afrikas seien bereits durch viele Krisen gegangen und daher möglicherweise auch für die aktuelle Corona-Epidemie gewappnet, äußern sich Vertretern von Unternehmen mit langer Erfahrung in Afrika. „Die Lieferketten sind in Afrika nicht so hochkomplex", sagt Rasmus Woermann. „Schon im Normalzustand passiert viel Unvorhergesehenes. In vielen Bereichen arbeiten wir auch im Alltag mit einem Backup wie zum Beispiel bei der Stromversorgung.“

    Die Auswirkungen der aktuellen Corona-Epidemie auf die Wirtschaft der einzelnen Länder sind insgesamt noch nicht absehbar, aber eines ist klar: „Es wird ein sehr schwieriges Jahr“, sagt Woermann.

    Von Michael Monnerjahn | Bonn

nach oben

Anmeldung

Bitte melden Sie sich auf dieser Seite mit Ihren Zugangsdaten an. Sollten Sie noch kein Benutzerkonto haben, so gelangen Sie über den Button "Neuen Account erstellen" zur kostenlosen Registrierung.