Special Argentinien

Argentinien: Chancen für Reformen sind gestiegen

Unter der seit Ende 2015 amtierenden Regierung von Präsident Mauricio Macri hat sich das Investitionsklima deutlich verbessert. Das gute Abschneiden des Regierungsbündnisses „Cambiemos“ bei den Parlamentswahlen im Oktober 2017 hat den Horizont für Macris Reformpolitik erweitert. Die zu bereinigenden Strukturprobleme bei Staatsfinanzen, Steuerlast, Arbeitsmarkt, Infrastruktur und Institutionen sind gewaltig. Zahlreiche staatliche Fördermaßnahmen können dies nur teilweise kompensieren.

Argentinien: Finanzkapital noch Fokus bei Zuflüssen

Die mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 600 Milliarden US-Dollar (US$) zweitgrößte Volkswirtschaft Südamerikas hat nach sechs Jahren Stagnation auf den Wachstumspfad zurückgefunden. Die mittleren Prognosen für den realen Zuwachs des BIP 2017 und in den Folgejahren liegen bei jeweils rund 3 Prozent. Besonders stark expandieren die Investitionen (2017 um mehr als 10 Prozent), während der Konsum der 44 Millionen Argentinier erst allmählich wieder in Schwung kommt.


Entwicklung wichtiger Eckdaten (pro Monat)

Indikator

2014

2015

2016

Bruttolohn für einen Geschäftsführer (Grundgehalt in US$ zum jeweiligen amtlichen Wechselkurs) *)

12.044

12.837

10.719

Miete jeweils für Büroraum in Buenos Aires (in US$ pro qm)

 

 

 

Klasse A

25,6

26,7

27,2

Klasse A-

22,2

23,0

23,4

*) "Lohn- und Lohnnebenkosten in Argentinien"
Quellen: Revista Apertura; Colliers International


Das gute Abschneiden des Mitte-Rechts-Regierungsbündnisses Cambiemos bei den letzten Parlamentswahlen hat die Aussichten für die Verabschiedung dringend erforderlicher Strukturreformen (Steuern, Arbeitsmarkt, Renten) verbessert. Die rasch steigende Staatsverschuldung (Staatsdefizit: rund 6 Prozent des BIP) könnte mittelfristig wieder zu einem Risiko werden. Gleichzeitig gilt der Außenwert des Argentinischen Peso als überbewertet. Umfangreiche Zuflüsse von ausländischen Finanzanlagen dürften dafür sorgen, dass der Peso inflationsbereinigt unter Aufwertungsdruck - und Argentinien damit ein vergleichsweise teurer Standort - bleibt.

Dennoch stößt Argentinien als Vorreiter einer wieder stärker marktwirtschaftlich orientierten Modernisierung in Lateinamerika auf großes Interesse ausländischer Investoren. Die tatsächlichen Zuflüsse ausländischer Direktinvestitionen sind noch bescheiden; sie betragen unter 1 Prozent des BIP im Vergleich zu durchschnittlich 4 Prozent im Rest der Region. Dies dürfte sich bald ändern. Von Investitionsprojekten für insgesamt 74 Milliarden US$, die laut Daten der Agentur AAICI ab Jahresanfang 2016 angekündigt worden sind, entfällt die Hälfte auf ausländische Unternehmen.

Schwerpunkte sind dabei die Erdöl und -gasförderung, Bergbau (vor allem Lithium), Telekommunikation, Medien und Technologie (auch wissensbasierte Dienstleistungen), Immobilien, Kfz-Industrie (neue Modelle), konventionelle und erneuerbare Energieerzeugung, Agroindustrie (inklusive Nahrungsmittel, Biotreibstoffe etc.) sowie das Finanzwesen.

Wichtigste Herkunftsländer der Investitionen waren laut Zentralbank Ende 2015 die USA (24,7 Prozent des Bestands), Spanien (16,4), die Niederlande (10,6), Brasilien (8,5), Chile (5,1), die Schweiz (4,7), Uruguay (4,2), Frankreich (3,9) und Deutschland mit 2,9 Prozent.


Entwicklung ausländischer Direktinvestitionen (in Mio. US$)

Indikator

2014

2015

2016

Kumulierter Bestand

91.132

93.871

88.222

Nettotransfers

5.065

11.759

5.745

Quelle: Unctad


Deutsche Direktinvestitionen (in Mio. Euro)

Indikator

2014

2015

2016

Kumulierter Bestand

2.748

2.762

k.A.

Nettotransfers

205

645

-98

Quelle: Deutsche Bundesbank


Die größten Investitionen deutscher Unternehmen in Argentinien konzentrieren sich auf die Kfz-Industrie (Volkswagen, Mercedes-Benz) sowie die Erdgasförderung (Wintershall).


Text: Carl Moses

Argentinien fördert KMU und Gründer

Die Regierung Macri hat Restriktionen für den Devisen- und Kapitalverkehr wieder aufgehoben und zahlreiche andere Maßnahmen zur Deregulierung von Märkten und zur Vereinfachung der Verwaltung vorgenommen. Es gibt keine besonderen Vergünstigungen für ausländische Investoren, grundsätzlich aber auch keine Benachteiligung gegenüber lokalen Unternehmen.

Die Regierung fördert die Industrie durch günstige Kredite, Steuernachlässe für KMU, Steuerprämien für die Erhöhung der lokalen Wertschöpfung sowie durch die zollfreie Einfuhr von zahlreichen Investitionsgütern. Es existiert eine Vielzahl von Finanzierungsprogrammen, die Investitionen in bestimmten Bereichen fördern.

Das 2016 verabschiedete KMU-Gesetz (Ley Pyme, Gesetz Nr. 27.264, Programa de Recuperación Productiva) gewährt eine Reihe von Steuernachlässen und anderen Fördermaßnahmen für mittelständische Betriebe. Im Rahmen des im April 2017 in Kraft getretenen Gesetzes 27.349 (Ley de Apoyo al Capital Emprendedor) wurde eine neue Rechtsform eingerichtet, die Sociedad de Acciones Simplificada (SAS), die eine beschleunigte Firmengründung vollständig online und innerhalb von 24 Stunden ermöglicht. Staatliche Fonds können sich an Neugründungen beteiligen oder günstige Kredite für Gründer bereitstellen.

Eine geplante Steuerreform soll in den kommenden Jahren die Steuerbelastung vor allem für Unternehmen schrittweise senken. So soll die Steuer auf nicht ausgeschüttete Gewinne von 35 auf 25 Prozent sinken. Auch über entsprechende harmonisierte Maßnahmen zur Senkung der Abgabenlast in Provinzen und Gemeinden wurde im November 2017 eine grundsätzliche Einigung zwischen der Nationalregierung und fast allen Provinzgouverneuren erzielt („Consenso Fiscal“).

Eine geplante Reform der Kapitalmarktgesetzgebung könnte die bisher verschwindend geringe Finanzierung aus lokalen Kapitalquellen in Schwung bringen und insbesondere für KMU den Zugang zum Kapitalmarkt erleichtern. Der gesetzliche Rahmen für öffentliche Investitionen mit privater Beteiligung wird durch das Ende 2016 verabschiedete PPP-Gesetz (Ley 27.328 und Durchführungsdekret 118/2017) sowie eine Reihe weiterer Gesetze auf Bundes- und Provinzebene bestimmt.

Bei öffentlichen Beschaffungen dürfen einheimische Anbieter bis zu 7 Prozent teurer sein als ausländische Firmen („Compre Argentino“). Einem neuen Gesetzentwurf zufolge soll der Vorteil für KMU auf bis zu 15 Prozent ausgeweitet werden. Für Großunternehmen soll der Angebotsvorteil von 5 auf 6 Prozent steigen.

Argentinien hat die Zollsätze für inzwischen 230 Investitionsgüter von 14 auf 2 Prozent gesenkt. Zudem erleichterte die Regierung die Einfuhr von gebrauchten Investitionsgütern und entsprechenden Ersatzteilen. Projekte für Forschung und Innovation fördert der staatliche Technologiefonds FONTAR und der Forschungsfonds FONCyT. Die klinische Forschung profitiert seit April 2017 von einer Beschleunigung der Zulassungsverfahren für klinische Tests.

Daneben existiert eine Reihe von Förderprogrammen für bestimmte Wirtschaftszweige. Eines der ältesten Förderregime gilt für den Bergbau, der seit 1993 im Rahmen des Gesetzes 24.196 (Ley de Inversiones Mineras) steuerliche Vorteile, 30 Jahre Steuerstabilität und Zollfreiheit für Ausrüstungsimporte genießt. Erneuerbare Energien (ohne Großwasserkraft) werden gefördert durch Zollfreiheit für Ausrüstungsimporte, beschleunigte Abschreibung, vorzeitige Rückerstattung der Mehrwertsteuer, steuerliche Absetzbarkeit von Finanzierungskosten sowie Steuerprämien für die Verwendung von Zulieferungen aus lokaler Wertschöpfung.

Eine besonders umfassende Förderung genießt die Softwarebranche durch ein Gesetz von 2004. Neben der landesweiten Förderung gibt es lokale Unterstützung für Technologiecluster in Buenos Aires und der Provinz Córdoba.

Anreize für die Erschließung der großen Schiefergasreserven in Patagonien verschaffen garantierte Stützpreise für den inländischen Erdgasabsatz. Einige gebrauchte Ausrüstungen, die für die Förderung von Erdöl und -gas von „kritischer Bedeutung“ sind, können komplett zollfrei importiert werden (Dekret 629/2017).

Neben den nationalen Fördermaßnahmen hat praktisch jede der 23 argentinischen Provinzen eigene Förderregime erlassen. Besonders ausgeprägt ist die Förderung in der Provinz Feuerland, die aus strategischen Gründen zu einer weitgehend zoll- und steuerfreien Sonderwirtschaftszone erklärt wurde.


Text: Carl Moses

Argentinien ist noch wenig wettbewerbsfähig

Die AHK Buenos Aires hat Mitte 2017, basierend auf einer Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen, zahlreiche Probleme (nicht nur) deutscher Unternehmen identifiziert und - in Zusammenarbeit mit Germany Trade & Invest - Lösungsvorschläge unterbreitet. Unternehmen berichten, dass sich der Umgang mit den Behörden in Ton und Form unter der Macri-Regierung deutlich verbessert hat, inhaltlich aber vielfach noch die gleichen Probleme wie zuvor existieren. Angesichts der oft noch großen administrativen Hindernisse ist die Zusammenarbeit mit einheimischen Partnern meist unerlässlich.

Die Kosten für die Unternehmen sind sehr hoch. Die argentinische Handelskammer CAC hat dazu im August 2017 eine detaillierte Studie („Costo Argentino“) in verschiedenen Sektoren veröffentlicht. Hoch sind demnach generell die Arbeitskosten, vor allem die Lohnnebenkosten, und die Steuern. Argentiniens Infrastruktur ist veraltet, die Logistik häufig ineffizient. Gesetzliche und tarifvertragliche Regulierungen treiben die Transportkosten zusätzlich in die Höhe. Allein um Waren aus der Stadt in die Provinz Buenos Aires zu bringen, seien 21 Dokumente erforderlich, klagt der Chef des Verbandes der Nahrungsmittelindustrie (Copal), Daniel Funes Rioja.

Großer Reformbedarf besteht auf dem Arbeitsmarkt. Neben den hohen Kosten wird die geringe Flexibilität kritisiert. Hohe Fehlzeiten sind in vielen Betrieben ein Problem. Veraltete Tarifverträge und Gesetze aus den 70er Jahren bestimmen zum Teil noch immer den institutionellen Rahmen, der oft nicht mehr zu den Anforderungen moderner Technologie passt. Arbeitsrichter entscheiden bei Konflikten im Zweifel grundsätzlich zugunsten des Arbeitnehmers.

Im jüngsten globalen Wettbewerbs-Ranking des World Economic Forum (WEF) hat Argentinien zwölf Positionen gut gemacht, liegt aber immer noch im unteren Drittel der Tabelle. Argentinien liegt zum Teil auch weit hinter Chile, Mexiko, Kolumbien, Peru und Brasilien zurück. Das WEF lobt jüngste Verbesserungen des institutionellen Rahmens. Auch die Qualität des Geschäftsumfeldes, die Effizienz verschiedener Märkte sowie die Innovation und die Anwendung neuer Technologien haben sich zumindest leicht verbessert und deuten auf eine positive Trendwende hin. Seine Anti-Korruptionsgesetzgebung brachte Argentinien auf OECD-Standard, mit einem im November 2017 verabschiedeten Gesetz zur strafrechtlichen Haftung von Unternehmen.


WEF-Länderrating 2017-18, Argentinien (Rang 92 von insgesamt 137 Ländern)

Kriterien 1)

Argentinien

Deutschland

Gesamtrang

92

5

1 Institutionen 2)

113

21

2 Infrastruktur (Infrastructure)

81

10

3 Gesundheit und Grundbildung

64

13

4 Höhere Bildung und Ausbildung

38

15

5 Effizienz der Gütermärkte 3)

133

11

6 Effizienz des Arbeitsmarkts

132

14

7 Entwicklung des Finanzmarkts 4)

121

12

8 Qualität des Geschäftsumfeldes

78

5

9 Korruption 5)

95

10

1) bewertet werden unter anderem: 2) Eigentumsrechte, Unabhängigkeit der Justiz, Auditierung, 3) benötigte Zeit für die Unternehmensgründung, Wettbewerbsintensität, Besteuerung, Zollvorschriften, 4) Beschränkungen der Kapitalströme; 5) Rang (von 176 Ländern) bei Transparency International (TI)
Quellen: World Economic Forum, Global Competitiveness Report; Transparency International


Verschiedene Fördermaßnahmen der Nationalregierung werden auf Provinzebene noch nicht umgesetzt. Das Fördergesetz für KMU (Ley Pyme) etwa wenden bisher nicht alle Provinzen an. Zudem sind nicht alle Fördermaßnahmen gesetzlich geregelt, vieles kann oder muss gar im Einzelfall ausgehandelt werden. In der Regel erfahren Investoren umfassende Unterstützung durch die betroffenen Gemeinden und Provinzregierungen, wie etwa die Bereitstellung von Grundstücken und Infrastruktur oder Steuernachlässe/-kredite. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Mitunter werden Investoren von Provinzen und Gemeinden gesondert zur Kasse gebeten, vor allem wenn es um die Ausbeutung von Ressourcen geht, die ortsgebunden sind, etwa im Bergbau oder in der Öl- und Gasförderung.

Aufgrund seiner langen Historie von Krisen und Pleiten gilt Argentinien weiterhin als riskanter Schuldner. Entsprechend treiben hohe Risikoprämien die Finanzierungskosten für Staat und Unternehmen, die deutlich über denen von Nachbarländern liegen. Einige Unternehmen klagen über eine schlechte Zahlungsmoral staatlicher Kunden. Das Einfuhrverfahren hat sich deutlich vereinfacht und beschleunigt, etliche nichttarifäre Handelshemmnisse bestehen jedoch fort.


Text: Carl Moses

Argentinien: Kontakte, Internetadressen

Bezeichnung

Internetadresse

Anmerkungen

AHK Argentinien

www.ahkargentina.com.ar

Anlaufstelle für deutsche Unternehmen in Argentinien

Agencia Argentina de Inversiones y Comercio Internacional

www.investandtrade.org.ar

Sektorinformationen; Investitionsprojekte

Cámara Argentina de Comercio y Servicios

www.cac.com.ar

Kosten für Unternehmen

Ministerio de Hacienda

https://www.minhacienda.gob.ar

PPP-Projekte bei Haushaltsentwurf 2018

Ministerio de Finanzas

https://www.minfinanzas.gob.ar

Sektorspezifische Fördermaßnahmen

Subsecretaría de Participación Público Privada

https://www.minfinanzas.gob.ar/uppp/english/e_transp_com_tec.php

Gesetzliche Rahmenbedingungen für PPP und geplante PPP-Projekte

Ministerio de Producción

www.produccion.gob.ar

Zuständig für die Industrieförderung; Infos zum Unternehmergesetz

AFIP

www.afip.gob.ar

Steuervorteilen für KMU: www.afip.gob.ar/pymes/beneficios.asp#iva und www.afip.gob.ar/pymes/fomentoInversiones.asp
Steuerliche Vorschriften für Rechtsform SAS


Text: Carl Moses

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