Special Indien Wasser- und Abwassertechnologie, übergreifend

Flächendeckende Wasserversorgung bis 2024

Der Investitionsbedarf im indischen Wassersektor ist riesig. Der Bau neuer Kläranlagen ist geplant, und sämtliche Haushalte sollen einen Wasseranschluss erhalten.

Von Boris Alex | New Delhi

  • Mehr als 2.000 Abwasserprojekte in der Pipeline

    Mehr als 2.000 Abwasserprojekte in der Pipeline

    Indien hat milliardenschwere Programme im Wassersektor aufgelegt. Die Vorhaben sollen mit dem Privatsektor realisiert werden und bieten gute Beteiligungs- und Lieferchancen.

    Die Defizite in der indischen Wasserver- und Abwasserentsorgung sind gewaltig: Nur jeder fünfte Haushalt auf dem Land verfügt über einen Trinkwasseranschluss, und nicht einmal 30 Prozent des Abwassers werden behandelt bevor es wieder in Flüssen, Seen, im Meer oder im Boden landet. Entsprechend groß ist der Investitionsbedarf. Schätzungen zufolge fließen bereits heute zwischen 20 Milliarden und 25 Milliarden US-Dollar (US$) pro Jahr in den indischen Wassersektor. Allerdings entfällt der Großteil auf den laufenden Betrieb und Instandhaltungsinvestitionen.

    Die Regierung hat sich ambitionierte Ziele bei der Wasserversorgung gesetzt und milliardenschwere Investitionsprogramme initiiert. So sollen im Rahmen der Jal Jeevan Mission bis 2024 unter anderem sämtliche Haushalte einen Trinkwasseranschluss erhalten sowie mit 55 Litern Wasser pro Tag versorgt werden. Um die rund 146 Millionen Haushalte auf dem Land an das Leitungsnetz anzuschließen, werden in den nächsten vier Jahren Investitionen von umgerechnet 50 Milliarden US$ benötigt, schätzt das zuständige Ministerium Jal Shakti (http://mowr.gov.in/). Langfristig soll dann jeder indische Haushalt sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag mit Wasser versorgt werden - ein "Luxus", in dessen Genuss zurzeit nur eine Handvoll Kommunen kommen.

    Bau von Kläranlagen in 600 Städten geplant

    Auch bei der Abwasserbehandlung hat Indien dringenden Nachholbedarf. Die Kapazitäten der Kläranlagen reichen bei Weitem nicht aus, um die bestehende Abwassermenge zu behandeln und das Volumen - vor allem in den Ballungszentren - wächst rapide. Derzeit befinden sich landesweit rund 2.000 Vorhaben in unterschiedlichen Projektphasen schätzt India Investment Grid. Auch hier hat die indische Regierung eine Reihe von Initiativen gestartet. Im Rahmen von AMRUT (http://amrut.gov.in/) und Smart City Mission sollen die Lebensbedingungen in insgesamt 600 Städten verbessert werden, unter anderem durch eine bessere Trinkwasserversorgung und den Bau von Kläranlagen. Das Finanzministerium hat in seinem Budget für das kommenden Haushaltsjahr 2020/21 (1. April bis 31. März) knapp 2 Milliarden US$ für das Programm bereit gestellt.

    Ein weiterer Investitionsschwerpunkt im Wassersektor ist die Sanierung der Flüsse, allen voran des Ganges. Im Rahmen der National Mission for clean Ganga (https://nmcg.nic.in/) sollen unter anderem 63 Klärwerke mit eine Kapazität von insgesamt 1,2 Milliarden Litern pro Tag gebaut werden.

    Indien fördert PPP-Projekte im Wassersektor

    Die Mittel der Zentralregierung und Bundesstaaten reichen bei Weitem nicht aus, um die Projekte zu finanzieren. Aufgrund der niedrigen Wasserpreise fehlt auch den Kommunen das Geld, um das Leitungsnetz zu modernisieren oder um neue Kläranlagen zu bauen. Indien will deshalb den Privatsektor stärker einbinden und ermöglicht eine Finanzierung im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften (PPP). Im Rahmen des Hybrid Annuity Modells übernimmt die öffentliche Hand bis zu 40 Prozent der Kapitalkosten während der Bauphase.

    Der Markt für Wasserwirtschaft wächst jedes Jahr um 10 bis 15 Prozent. Geschäftschancen bieten sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Deutsche Unternehmen können als Lieferant für Klärwerksausrüstung oder Messtechnik sowie als Anbieter von Beratungs-, Planungs- und Designdienstleistungen von den wachsenden Investitionen im indischen Wassersektor profitieren.

  • Wasserversorgung in indischen Großstädten spitzt sich zu

    Wasserversorgung in indischen Großstädten spitzt sich zu

    Indien leidet unter Wasserknappheit und die Kapazitäten der Kläranlagen reichen nicht aus. Neue Lösungen wie Zero Liquid Discharge und solare Meerwasserentsalzung bieten Chancen.

    Die Wasserversorgung ist eine der größten Herausforderungen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Indiens. Der Subkontinent beheimatet rund 18 Prozent der Weltbevölkerung, verfügt aber nur über 4 Prozent der globalen Wasserressourcen. Der Agrarsektor hat einen Anteil von 89 Prozent, Haushalte von 6 und die Industrie von 5 Prozent am Wasserverbrauch. Rund 40 Prozent der Haushalte verfügen über einen Wasseranschluss, auf dem Land sind es nur 20 Prozent.

    Die jährlich verfügbare Wassermenge pro Kopf ist seit Jahrzehnten rückläufig und lag 2014 bei 1.508 Kubikmetern (cbm). Bis 2050 dürfte sie auf 1.235 cbm absinken, schätzt das Indian Council for Agriculture Research. Indien entnimmt auch zu viel Grundwasser, das nur 40 Prozent der gesamten erneuerbaren Ressourcen von 1,1 Billionen cbm ausmacht. Sinkende Wasserspiegel im Nordwesten und Südosten des Landes haben dazu geführt, dass die Grundwasserreserven in 20 Städten, darunter Delhi, Chennai und Bengaluru, bereits heute nahezu erschöpft sind.

    Ein Drittel des städtischen Abwassers werden geklärt

    Übertragungsverluste von 40 Prozent wegen des maroden Leitungsnetzes sowie geringe Anreize zum sparsamen Wasserverbrauch in der Landwirtschaft aufgrund der stark subventionierten Preise für Bauern und Haushalte sorgen für eine niedrige Effizienz im Wassersektor.

    Beim Abwasser ist die Situation nicht besser: Allein in den städtischen Gebieten fallen täglich 62 Milliarden Liter Abwasser an, aber nur ein Drittel davon wird behandelt. In ganz Indien gibt es 615 operative Kläranlagen mit einer Kapazität von 24 Milliarden Liter. Die Werke verfügen meist nur über eine mechanische Reinigungsstufe.

    Unter der Einleitung in Gewässer und Böden leidet auch die Trinkwasserqualität. Lediglich in Mumbai entspricht sie den gesetzlichen Anforderungen, andere Großstädte wie Delhi, Kolkata und Chennai können bis zu zehn der elf Kriterien nicht erfüllen, so das Ergebnis einer Untersuchung des Bureau of Indien Standards. Seit Mai 2019 sind sämtliche Zuständigkeiten im Wassersektor beim neu geschaffenen Ministry of Jal Shakti gebündelt. Für 2020 ist eine Aktualisierung der "National Water Policy", die den regulatorischen Rahmen für die Wasserwirtschaft bildet, geplant.

    Für die Durchführung der Wasserprojekte sind die Bundesstaaten und Unionsterritorien verantwortlich. Die Schwerpunkte liegen auf der kommunalen Wasserver- und Abwasserentsorgung sowie der landwirtschaftliche Bewässerung. Bei letzterem sind häufig internationale Geldgeber wie Weltbank und Asian Development Bank involviert. Einen guten Überblick über aktuelle Projekte im Wassersektor bietet die Investitionsbehörde India Investment Grid (https://indiainvestmentgrid.gov.in/).

    Abwasser-Recycling gewinnt an Bedeutung

    Angesichts der sinkenden Trinkwasservorräte setzen die indischen Kommunen verstärkt auf Abwasser-Recycling. In der Hauptstadt New Delhi werden in 36 Anlagen täglich 1,6 Millionen cbm Betriebswasser gewonnen. Mumbai will bis 2025 Aufbereitungsanlagen mit einer Kapazität von 1,8 Millionen cbm pro Tag bauen. Auch die abwasserfreie Produktion (Zero Liquid Discharge) gewinnt an Bedeutung. Der indische Stahlkonzern Tata Steel hat 2018 zwei Anlagen mit einer Kapazität von 40 Millionen Liter pro Tag in Betrieb genommen. Dadurch konnte die Entnahme von Flusswasser für die Stahlproduktion in Jamshedpur um 16 Prozent verringert werden.

    Dezentrale Anlagen - sowohl für den kommunalen als auch den Industriebereich - sind ebenfalls zunehmend gefragt. Seit 2018 müssen Einrichtungen mit hohem Wasserverbrauch wie Schulen, Hotels und Krankenhäuser, aber auch Industriebetriebe Off-grid-Reinigungsanlagen installieren. Die Küstenregionen setzen zudem verstärkt auf Meerwasserentsalzungsanlagen. In Chennai befindet sich bereits die dritte Anlage im Bau. Als Entsalzungstechnik kommt hier vor allem Umkehrosmose zum Zug, allerdings bieten die klimatischen Bedingungen Potenzial für solare Meerwasserentsalzung.

    Markt ist umkämpft und preissensibel

    Indien bietet für Anbieter unter anderem von Pumpen, Zentrifugen, Filter, Chemikalien und Messtechnik für die Wasserwirtschaft wachsende Geschäftschancen. Allerdings ist der Markt sehr preissensibel. Da der Großteil der Projekte von der öffentlichen Hand vergeben wird, kommen lokale Ausrüstungshersteller dank ihrer niedrigeren Kostenstruktur eher zum Zug. Sowohl deutsche Anbieter wie KSB und Wilo als auch internationale Hersteller wie Grundfos haben Produktions- und Vertriebsstandorte in Indien. Der französische Konzern Veolia bietet nicht nur Planungs- und Ingenieursdienstleistungen in Indien an, sondern betreibt auch Klärwerke und ist seit 2012 im Rahmen eines PPP für die Wasserversorgung in New Delhi zuständig.

  • Kontaktadressen

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    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen

    AHK Indien

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    German Water Partnership e. V.

    Netzwerk deutscher Firmen und Institutionen der Wasserbranche zur Exportförderung

    India-EU Water Partnership

    Bilaterale Partnerschaft von EU und Indien zur Förderung von Wasserprojekten 

    Ministry of Jal Shakti

    Ministerium für den Wassersektor

    Department of Drinking Water and Sanitation

    Für die Wasserver- und Abwasserentsorgung zuständige Behörde

    Water Purification & Treatment Equipment Manufacturer Association

    Verband der Hersteller von Ausrüstung für die Wasserwirtschaft

    Water India

    Fachmesse  (07.07. bis 09.07.2020, New Delhi)

    Ifat India

    Fachmesse  (13.10. bis 15.10.2020, Mumbai)

    India Water Review

    Fachzeitschrift und Internetportal

    India Water Portal

    Internetportal


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