Special Italien Wasserstoff

Italien bietet Standortvorteile für Wasserstoffwirtschaft

Das Potenzial für Wind- und Solarenergie, die Nähe zu Afrika und das weite Gasnetz sind Trümpfe Italiens. Wasserstoff könnte früher wettbewerbsfähig werden als in Deutschland.


  • Regierung sammelt Informationen für Langzeitplanung

    Regierung sammelt Informationen für Langzeitplanung

    Italiens Wirtschaftsministerium sieht Chancen und hört die Industrie, ist eine konkrete Strategie aber bislang schuldig geblieben. 

    Roundtable soll Prioritäten zeigen

    Bislang hat die Regierung noch keine explizite Wasserstoffstrategie. Sie macht sich derzeit ein Bild der Ausgangslage und der genauen Möglichkeiten. Dazu hält das Wirtschaftsentwicklungsministerium Roundtables mit Industrie und Forschung ab, um besonders geeignete Branchen und Projekte zu identifizieren. Im Rahmen dieser Treffen brachte die Industrie laut Ministerium Ende August 2019 insgesamt 31 Projektvorschläge ein. Wirtschaftsentwicklungsminister Stefano Patuanelli betont Italiens günstige Voraussetzungen dank seines gut ausgebauten Gasinfrastruktur (unter anderem 32.586 Kilometer Pipelines mit großem Durchmesser) sowie der hohen Speicherverfügbarkeit. Wichtig sei die optimale Integration erneuerbarer Energien in das Strom- und Gasnetz.

    Bis 2030 will Italien seine Windkraftkapazität verdoppeln und seine Fotovoltaik-Kapazität verdreifachen. Hier könnte Wasserstoff eine wichtige Funktion bei der Speicherung sowie dem Transport von überschüssiger, unregelmäßig produzierter Elektrizität spielen. Auch bei der Dekarbonisierung der Industrie ist Wasserstoff nach Einschätzung von Patuanelli ein interessantes Instrument. Als Beispiel führt er eine mögliche Konversion des Stahlwerks Illva in Taranto an. 

    Bescheidene Ziele im Klimaplan 

    Im aktuellen Nationalplan für Klima und Energie hat sich Italien vorgenommen, 2030 rund 1 Prozent der Energie, die aus erneuerbaren Quellen gewonnen und im Transportsektor verbraucht wird, aus Wasserstoff zu decken. Davon sollen 80 Prozent über das Gasnetzwerk laufen, entweder mit Methan vermischt oder in Methan rückkonvertiert. 20 Prozent sollen als direkter Treibstoff für Pkw, Busse, Trucks und Züge dienen. Zusätzlich will Italien Forschung, Entwicklung, Demonstrationsaktivitäten und die Produktion und Verwendung von Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen für das Stromnetz vorantreiben.

    Auch im Dreijahresplan für die Forschung im Stromsystem von 2019 bis 2021 spielt Wasserstoff eine Rolle. Themen sind unter anderem die optimale Akkumulierung in Power-to-Gas-Anlagen und die beste Möglichkeit innovativer Nutzung der Gasinfrastruktur ausgehend von erneuerbaren Energien. Patuanelli erwähnt zudem das internationale Programm Mission Innovation als wichtiges Element. Konkrete Meilensteine für den Aufbau von Kapazitäten und umfassende Förderprogramme stehen noch aus. Mit dem großen neuen Förderpaket der Europäischen Union und ihrem klaren Bekenntnis zu Wasserstoff könnte auch Italiens Regierung, die Wasserstoff bisher "weniger als Chance für morgen und mehr als Hoffnung für übermorgen" (Patuanelli) sieht, hier künftig noch aktiver werden.

    Voraussichtliche Nachfrageentwicklung nach Wasserstoff in Italien
    *) zum Beispiel über Direktreduktion von EisenerzQuelle: The Hydrogen Challenge (Snam)

    Indikator

    2030

    2040

    2050

    Energieverbrauch insgesamt (in TWh)

    1.283

    1.124

    955

    davon aus Wasserstoff (in TWh)

    29

    91

    218

    als üblicher industrieller Grundstoff/Nebenprodukt (in TWh)

    16

    13

    11

    als innovativer industrieller Grundstoff* (TWh)

    0

    7

    26

    für industrielle Energie (TWh)

    4

    15

    25

    für Mobilität (in TWh)

    1

    18

    86

    für Gebäude (in TWh)

    8

    38

    70

    benötigte Elektrolyze-Kapazität (in GW)

    13

    40

    91

    Regionale Mobilitätsprojekte

    In einigen Regionen, die für den Nahverkehr zuständig sind, gab oder gibt es Pilotprojekte mit wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen, meist aus vergangenen europäischen Programmen. In Mailand zirkulieren auf einer Linie drei Wasserstoffbusse. Sie tanken in einer der wenigen landesweiten Tankstellen im Vorort San Donato, die bald auch öffentlich zugänglich sein soll. In Bozen, einem Vorreiter der grünen Mobilität, sind mehrere Brennstoffzellen-Busse und -Pkw im Einsatz. Linde baute dort eine Wasserstoffproduktion über Elektrolyse mit angeschlossener Ladestation und ist auch in Umbrien in ein ähnliches Projekt mit Stadtbusversorgung involviert.

    Entwicklungsachse soll die Brennerautobahn sein, an der bis 2025 mehrere Tankstellen entstehen soll, unter anderem am Brennerpass, in Nogaredo, Verona und Modena. In Sizilien kursieren private Wasserstoff-Minivans, diese tanken an einer privaten Wasserstofftankstelle. In San Remo eröffnete kürzlich eine öffentliche Wasserstoffladestation. In Kooperation mit Toyota soll bald auch in Porto Marghera der überschüssiger Wasserstoff aus dem Cracker von ENI Versalis für die Kraftstoffbetankung verwendet werden. In ganz Italien sollen bis 2025 bis zu 30 neue Wasserstofftankstellen entstehen. Für 2030 prognostiziert der Wasserstoffverband H2IT 5.000 Tankstellen.

    Wärme und Strom mit viel Potenzial

    Laut Klimaplan soll der Anteil von erneuerbaren Energien an der Wärmeerzeugung bis 2030 auf 33,9 Prozent steigen. Der Wasserstoffverband H2IT sieht in diesem Bereich zwischen 2040 und 2050 den größten Bedarf an Wasserstoff. Gasnetzbetreiber SNAM schlägt hier eine Beimischung von 10 bis 20 Prozent an Wasserstoff zu Erdgas vor.

    Die Region Apulien, die besonders gute Voraussetzungen für Wind- und Solarenergie aufweist, richtet ihre Normen bereits darauf aus, die zukünftige Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen an Wasserstoffproduktionen zu koppeln. Auch in Sizilien laufen ähnliche Vorbereitungen. Auf der süditalienischen Insel Ginostra und im abgelegenen Alpendorf Ambornetti werden Off-Grid-Lösungen mit Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, Speicherung und Wasserstoff getestet.

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Viel Potenzial für Beimischung in Gas

    Viel Potenzial für Beimischung in Gas

    Der Ausgangspunkt Italiens für Wasserstoffanwendungen ist die gute eigene Gasinfrastruktur. Folglich zielen die meisten Projekte auf eine Kombination von Wasserstoff und Gas ab.

    Global Player und einheimische Firmen

    Große Gaskonzerne vor Ort

    Air Liquide beschäftigt in Italien rund 2.000 Mitarbeiter, Linde 350. Beide Firmen bieten neben industriellen und medizinischen Gasen auch Technologie und Anlagenbau für die Wasserstoffproduktion. Air Products ist zu 49 Prozent an der italienischen Firma Sapio beteiligt, die (in Mantova) als momentan einziger Hersteller Wasserstoff für den freien Markt produziert. Zudem stellt Sapio Anlagen zur Reinigung und Separation von Gasen her. Ein weiterer lokaler Player ist die Sol-Gruppe, die neben Gasen auch Anlagen entwirft und installiert.

    Produktion von Elektrolyseuren in Pisa

    Die Firma Ansaldo testet als wichtiger Gasturbinenhersteller momentan, wie sich ein erhöhter Wasserstoffanteil auf das Equipment in der Stromerzeugung auswirkt. McPhy produziert bei Pisa Elektrolyseure jeder Größe. Ebenfalls in Pisa produziert das italienische Unternehmen Enapter kleine Elektrolyseure, die schon in Deutschland für Wohnhäuser im Einsatz sind.

    Super Blue als Übergangslösung

    Next Chem, die Green Energy Sparte des großen italienischen EPC-Konzerns Maire Tecnimont, bietet als Übergangstechnologie - bis grüner Wasserstoff den Break Even Point erreicht hat - einen Super Blue-Wasserstoff an. Dieser wird zwar aus Erdgas - und einem Anteil erneuerbarer Energie - gewonnen. Doch das anfallende Kohlendioxid (CO2) wird in Carbon Capture, Usage and Storage aufgefangen und kann wieder genutzt werden. Außerdem projektiert und installiert Next Chem Wasserstoffanlagen aus Abfällen (Circular Hydrogen). 

    Aussicht Verkehrssegmente

    Ferntransport als erstes marktreif

    Bei Bussen und schweren Lkw könnte Wasserstoff schon bald zum Einsatz kommen, besonders im Fernverkehr. Ab 2030 soll Wasserstoff kostenmäßig mit anderen Antriebsformen mithalten können. Im Jahr 2018 präsentierte FPT, eine Tochtergesellschaft von CNH (ehemals Fiat Industrial), einen Prototyp für eine wasserstoffbetriebene Lkw-Zugmaschine Made in Italy. Dieses Wissen geht an das US-Unternehmen Nikola, an dem sich CNH eingekauft hat und das 2021 einen Wasserstofftruck auf den Markt bringen will. 

    Auch im Schienenverkehr gibt es Entwicklungen. Anfang Juni schloss SNAM mit Alstom ein Kooperationsabkommen. Beide wollen 2021 einen Brennstoffzellenzug auf Italiens Schienen stellen. In Italien sind nur 71 Prozent des verwendeten Streckennetzes elektrifiziert, 4.763 Kilometer nicht.

    Erste Projekte im maritimen Sektor

    Die Schifffahrt ist aufgrund ihres hohen Schadstoffausstoßes langfristig ein interessantes Einsatzfeld, noch ist die Entwicklung von Wasserstoffantrieben hier aber im Anfangsstadium. Der Fincantieri-Konzern erforscht Einsatzmöglichkeiten an einem 25 Meter langen Testboot. In Venedig will Bootbetreiber Alilaguna die berühmten Vaporetti künftig mit Wasserstoff betreiben, der aus der benachbarten Raffinerie von ENI stammt. Eine weitere Möglichkeit könnte es sein, Schweröl als Treibstoff durch aus Wasserstoff hergestellten Ammoniak zu ersetzen.

    Entwicklungen in den Industriesektoren

    Schwerindustrie längerfristig interessant

    Bis 2030 will Italien den CO2-Ausstoß in der Industrie um 56 Prozent reduzieren. Konkrete Projekte gibt es noch kaum. Die Petrochemie will mehr Wasserstoff produzieren, um ihn in Methan, Ammoniak oder Methanol zu transformieren und damit die eigenen Hochöfen anfeuern. Dabei will sie über Carbon Capture and Usage umweltfreundlicher werden. Auch die Stahlindustrie hat offenbar im Wirtschaftsministerium Projektvorschläge zur Verwendung von Wasserstoff als Energiequelle und Grundstoff (zur gasbasierten Direktreduktion zur Eisenerzreduktion) eingereicht. Marktexperten rechnen ab 2030 mit einer Umstellung der Rohstoffe zugunsten von Wasserstoff, auch in Zusammenhang mit Emissionshandelspreisen der Europäischen Union (EU). Ein weiterer Einsatz von Wasserstoff ist in energieintensiven und nicht-elektrifizierbaren Sektoren wie der Glasindustrie wahrscheinlich. Die Automobilindustrie ist auch interessant, verliert aber tendenziell an Produktionsvolumen.

    Gasindustrie sehr interessiert

    Der Gasnetzbetreiber SNAM ist einer der größten Befürworter von mehr Wasserstoff in Italien. Snam rechnet damit, dass Wasserstoff in Italien dank seiner Lage und Voraussetzungen 5 bis 10 Jahre früher wettbewerbsfähig sein wird als in Deutschland. Im Besitz des Unternehmens befinden sich Gaspipelines mit einer Länge von rund 32.000 Kilometern. SNAM testete 2019 erfolgreich an zwei Industriekunden die Beimischung von 10 Prozent Wasserstoff in bestehende Pipelines. Für seine neuen Pipelines garantiert Snam eine Beimischung in unbegrenzter Höhe. SNAM-Tochter Stogit ist Europas größter Operator für Gasspeicherung mit neun Anlagen und einer gespeicherten Gasmenge von 4,5 Milliarden Kubikmeter (strategisch: 16,9 Milliarden Kubikmeter). In der Beheizung von Haushalten könnte 2025 eine Beimischung von 5 Prozent Wasserstoff Standard werden, ab 2030 auch für Industriekunden. 

    Import aus Nordafrika und Aserbaidschan

    Stromerzeuger ENEL glaubt nicht an Wasserstoff. Stromübertragungsnetzbetreiber Terna sieht in Power-to-Gas-Anlagen ein wichtiges Instrument, um die Klimaziele zu erreichen und betont den Vorteil einer besseren Nutzung der unregelmäßigen Stromproduktion aus Solar- und Windkraft durch eine Umwandlung in Wasserstoff. Allerdings könne die künftige Nachfrage nach grünem Gas nicht alleine durch einheimische Power-to-Gas-Produktion aus erneuerbaren Quellen abgedeckt werden. Terna rechnet mit hohen Importen über bestehende Pipelines aus Nordafrika und über die Transadria-Pipeline aus Aserbaidschan, mit dem Italien 2019 eine Absichtserklärung schloss. Importierter Wasserstoff sei 14 Prozent günstiger als in Italien produzierter.

    Ausgewählte Wasserstoffprojekte in Italien
    Quelle: Pressemitteilungen; Recherchen von Germany Trade & Invest

    Projektbezeichnung 

    Projektspezifikation 

    Unternehmen

    Status

    Investitionsvolumen
    (in Mio. Euro)

    Brennstoffzellenzug

    Wasserstoffbetriebene Züge auf nicht-elektrifizierten Strecken am Beispiel von iLint in Deutschland, Züge von Alstom, Wasserstoffinfrastruktur und -lieferung von Snam

    Alstom, Snam

    2021-2026


    k. A.

    Waste-to-Hydrogen-Anlage Porto Marghera (Venetien)

    Anlage zur Gewinnung von Wasserstoff aus nicht-recyclebaren Abfällen 

    ENI, Next Chem, Corepla

    Machbarkeitsstudie abgeschlossen; Abkommen 2019; technische Vorbereitung im Gang

    k.A.

    Rekonvertierung Stahlwerk Taranto (Apulien)

    Noch nicht näher definierte grüne Stahlherstellung mit Mitteln aus dem EU Just Transition Fund

    ArcelorMittal, Regierung

    Inoffizielle Zusage von EU-Vizepräsident Timmermans

    k.A.

    H2-At Scale-Showcase Sicily

    Beispiel für autarkes System, 50 MW aus PV oder Windkraft, Pipeline zur Raffinerie und Beimischung zu Heizgas

    Snam

    Start-up-Phase ab 2022

    70-90 Mio. Euro

    ZEUS

    Wasserstoffbetriebenes Testboot

    Fincantieri

    Läuft, langfristig

    k.A.

    Borgo 4.0

    Entwickung Wasserstofffahrzeug in Airola und Test in Lioni (beide Kampanien)

    Adler Pelzer und weitere Unternehmen, Universitäten, Region Kampanien

    2019 verkündet, Frühphase, noch offene Details

    76 Mio. Euro

    Chancen als Zulieferer

    Italien ist im spezialisierten Anlagenbau und bei Engineering-Unternehmen stark aufgestellt. Außerdem sind die globalen Gaskonzerne präsent, die auch als Anlagenbauer fungieren. Geschäftschancen für deutsche Firmen bieten sich in erster Linie als Zulieferer von Komponenten.

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Kontaktadressen

    Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen

    Exportinitiative Energie

    Informationen zu Veranstaltungen, Markt- und Länderinformationen

    Factsheets der Exportinitiative Energie

    Factsheets mit allgemeinen Energieinformationen zum Land (teilweise mit Technologie- oder Anwendungsfokus)

    AHK Italien

    Kontakt vor Ort durch die Deutsch-Italienische Handelskammer

    Ministero dell'ambiente

    Umweltministerium

    MISE

    Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung

    Associazione Italiana Idrogeno e Celle a Combustibile 

     Italienischer Verband für Wasserstoff- und Brennstoffzellen (H2IT), u.a. Nationalplan für Mobilität und Wasserstoff abrufbar

    The Hydrogen Challenge

    Initiative von Snam mit Erläuterungen der Einsatzmöglichkeiten in Italien

    Ecomondo

    jährliche Messe für Umwelttechnik, Erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit in Rimini (November 2020)

    Environment Park

    Wissenschaftlicher Technologiepark für die Umwelt

    The Hydrogen University

    Forschungszentrum in Apulien 

    Rinnovabili

    Fachzeitschrift für erneuerbare Energien

    Quale Energia

    Internetportal zu Energiethemen

nach oben

Anmeldung

Bitte melden Sie sich auf dieser Seite mit Ihren Zugangsdaten an. Sollten Sie noch kein Benutzerkonto haben, so gelangen Sie über den Button "Neuen Account erstellen" zur kostenlosen Registrierung.