Special | Marokko | Wege aus der Coronakrise

Das Königreich bleibt im Umgang mit der Coronapandemie vorsichtig

Die wirtschaftliche Erholung wird von innen und außen gebremst. Dabei kämpfen die Branchen mit unterschiedlichen Schwierigkeiten.


Von Michael Sauermost | Casablanca


  • Konjunktur und wichtigste Branchen

    Das Konjunkturbarometer steigt langsam wieder. Einige Branchen wie der Tourismussektor sind jedoch noch weit von ihren vorherigen Höchstständen entfernt. (Stand: 03. November 2021)

    Die ökonomischen Auswirkungen der weltweiten Coronapandemie für das Königreich sind erheblich. Die Hoffnungen ruhen auf eine nachhaltige Erholung in Folge der erfolgreichen Impfkampagne. Am 2. November 2021 waren nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation 60 Prozent der Bevölkerung in Marokko vollständig geimpft. Damit hat Marokko in Afrika mit großem Abstand den höchsten Anteil an geimpften Menschen.

    Allerdings kann die Wiederbelebung der Wirtschaft nur partiell aus eigener Kraft bewerkstelligt werden. Schließlich ist die Konjunktur stark von den Entwicklungen der europäischen Absatzmärkte abhängig. Am 20. März 2020 wurde der Gesundheitsnotstand ausgerufen und seitdem immer wieder verlängert - mittlerweile bis zum 30. November 2021.

    Die konsequenten Schutzmaßnahmen der Regierung werden verhältnismäßig positiv bewertet - auch wenn sich diese zwangsläufig gravierend auf die Wirtschaft auswirken. Die aufgrund des starken Armutsgefälles ohnehin schon strapazierte soziale Gesamtsituation wird durch Corona weiter auf die Probe gestellt. Bereits zuvor galt die hohe Rate an arbeitslosen Jugendlichen als große Herausforderung.

    Optimismus bleibt verhalten

    Was die Schließung von Betrieben angelangt, so hatte sich die Situation bereits im Jahresverlauf 2020 verbessert. Der Anteil der Firmen, die ihren Betrieb eingestellt hatten, lag im April 2020 noch bei 54,3, im Juli bei 52,0 und zum Jahreswechsel 2020/21 dann nur noch bei 14,1 Prozent. Von endgültigen Betriebsschließungen waren besonders sehr kleine und/oder junge Firmen betroffen. Die wirtschaftliche Erholung benötigt je nach Branche unterschiedlich viel Zeit. Durch den hohen Anteil des informellen Sektors - beispielsweise im Handel - sind die Folgen zusätzlich schwer abzuschätzen.

    Die teilweise anhaltenden Lockdown-Maßnahmen sowie die schwankende Entwicklung in Europa sorgen auch bei Analysten für Unsicherheiten. Nach einem Minus von 7 Prozent wird für 2021 ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zwischen 5,0 und 6,0 Prozent erwartet. Der Internationale Währungsfonds rechnet in seiner Prognose vom Oktober 2021 mit einem BIP-Wachstum in Höhe von 5,7 Prozent. Den Großteil des Optimismus ziehen die Analysten allerdings aus den günstigen Wetterbedingungen in diesem Jahr: Schließlich fährt der Agrarsektor nach zwei, aufgrund von Dürreperioden äußerst mageren Vorjahren, in der aktuellen Erntesaison wieder gute Ergebnisse ein.

    Allgemein sieht der Wirtschaftsausblick für Marokko, auch was die Investitionen und den Außenhandel betrifft, verhalten positiv aus.

    Angeschlagene Industrie hofft auf Chancen

    Die Industrieproduktion ging 2020 aufgrund der Betriebsschließungen zurück. Mittlerweile erholt sich die Produktion der Industrie. Vereinzelt kommt es jedoch weiterhin zu Störungen bei den Lieferketten. Vor allem auf der wichtigen Prestigebranche, der Automobilindustrie, ruhen die Hoffnungen. Allerdings konnte der Sektor zunächst nach der Wiederaufnahme des Betriebs die Produktion zunächst nicht wie gewünscht hochfahren. Schließlich brauchten die wichtigen europäischen Absatzmärkte Zeit zur Erholung. Außerdem leidet der Sektor unter dem Mangel an elektronischen Bauteilen.

    Zuversicht besteht dadurch, dass Marokko zukünftig noch stärker als Nearshoring-Standort in Erscheinung treten dürfte. Unter anderem könnte dabei die Kfz-Teileindustrie profitieren. Zunehmend siedeln sich Zulieferer an, die nicht ausschließlich Aufträge von lokalen Produzenten, sondern auch aus Drittländern erhalten. Dies könnte auch eine Chance für andere Branchen sein; beispielsweise für die Elektronikindustrie. Außerdem hatte es im Oktober 2021 Berichte gegeben, dass das deutsche Automobilunternehmen Opel möglicherweise in Marokko eine Produktion aufbauen könnte. Der französische Mutterkonzern von Opel, Stellantis, produziert in Marokko bereits Autos der Marken Citroën und Peugeot.

    Das Industrieministerium hat während der Krise begonnen, die marokkanische Eigenfertigung zu fördern. Daran sind sowohl der öffentliche als auch der Privatsektor beteiligt. Was mit Schutzmasken begann, wurde später auf sorgfältig identifizierte Produktgruppen aus Nischensegmenten ausgeweitet. Durch strategische Steuerung zusätzlicher lokaler Fertigung können eine Importsubstitution von rund 700 Millionen Euro erreicht werden, kalkuliert das Ministerium.

    Branchen mit unterschiedlichen Vorzeichen

    Der Tourismussektor bleibt auch im Jahr 2021 weitgehend lahmgelegt. Nach einer nahezu vollständigen Schließung des Tourismus ab März 2020 dürfte die Branche noch eine unbestimmte Zeit unter den Coronafolgen leiden. Positiv sehen hingegen die Aussichten für die Phosphatindustrie aus, die schon 2020 einigermaßen stabil blieb. Das Jahr 2021 erlebt einen Ausbau des Phosphatabbaus.

    Eine Branche, die von der Coronakrise profitierte, ist der Gesundheitssektor. Als positive Entwicklung könnte sich herauskristallisieren, dass Kooperationen zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich entstanden. Das Königreich will die Eigenfertigung im Gesundheitssektor erhöhen und den afrikanische Kontinent beliefern. Die Baubranche leidet noch stark unter den Folgen der Krise. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass der Wohnungsbau bereits vorher mit Problemen zu kämpfen hatte. Infrastrukturvorhaben sollen indes fortgesetzt werden.

    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Konjunktur- und Hilfsprogramme

    Durch verschiedene Hilfsmaßnahmen hat sich das Haushaltsdefizit empfindlich erhöht. Die Impfkampagne schreitet weiter voran. (Stand: 03. November 2021)

    Coronaunterstützung für Betriebe

    Die Regierung hat unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, um die wirtschaftliche und soziale Gesamtsituation zu stabilisieren. Das Comité de Veille économique (CVE), dem auch die Unternehmensverbände angehören, hatte relativ schnell nach Ausbruch der Pandemie eine Reihe von Hilfsmaßnahmen für Firmen und Arbeitnehmer beschlossen. Dabei ging es beispielsweise um die teilweise Fortzahlung von Gehältern oder sozialen Zuwendungen beziehungsweise um Erleichterungen von bestehenden Kreditmodalitäten.

    Der Staat übernimmt beispielsweise den Arbeitgeberanteil der Sozialabgaben für besonders betroffene Betriebe. Daneben kam es sporadisch zur sozialen Unterstützung bedürftiger Haushalte. Empfänger sind bei derartigen Auszahlungen jedoch lediglich die rund 3 Millionen Haushalte, die beim staatlichen Versicherungssystem Ramed registriert sind.

    Die Regierung zog im April 2020 Kapital in Höhe von 3,2 Milliarden US-Dollar (US$) aus dem PLL-Vorsorge- und Liquiditätsfonds (Precautionary and Liquidity Line) des Internationalen Währungsfonds (IWF). Verschiedene internationale Organisationen haben Coronahilfen in Form von Spenden oder Darlehen getätigt. Dabei ging es teilweise um Soforthilfen für Haushalte, teilweise aber auch um die Unterstützung des Privatsektors.

    Die marokkanische Zentralbank, Bank al-Maghrib, senkte zweimal im Laufe des Jahres 2020 ihren Leitzinssatz um insgesamt 75 Basispunkte. Allerdings gab sie bekannt, den derzeitigen Satz von 1,5 Prozent nicht weiter herabsetzen zu wollen.

    Spezialfonds und geplantes Konjunkturpaket

    Um sanitäre und wirtschaftspolitische Maßnahmen zu stemmen, kam es zu der Einrichtung eines Corona-Spezialfonds. Dieser erreichte zwischenzeitlich umgerechnet 3,5 Milliarden US$. Ende Juli 2021 verzeichnete das Treuhandkonto des Fonds Pressemeldungen zufolge kumulierte Entnahmen in Höhe von rund  2,7 Milliarden US$.

    Die Liste der Einnahmequellen für den Unterstützungsfonds ist breit gefächert. Eine Summe von rund 1 Milliarde US$ wurde aus dem allgemeinen Staatshaushalt entnommen. Daneben flossen öffentliche Gelder, beispielsweise aus dem Fonds Hassan II. Auch die Regionen sowie öffentliche Unternehmen zahlten einen Beitrag für das Unterstützungspaket. Nicht-öffentliche Gelder kommen von privaten Unternehmen, Verbänden oder auch Privatpersonen, beziehungsweise in Form eines kollektiven Verzichts auf Teile des Gehalts.

    Mit Blick auf die volkswirtschaftliche Entwicklung der kommenden fünf bis zehn Jahre soll ein Konjunkturpaket mit einem Volumen von umgerechnet rund 11 Milliarden Euro geschnürt werden. Entsprechende Vereinbarungen hat die Regierung mit der Confédération Générale des Entreprises du Maroc (CGEM) sowie der Groupement Professionnel des Banques du Maroc (GPBM) unterzeichnet. Kredite in Höhe von 6,8 Milliarden Euro sollen vom Bankensektor an Unternehmen verteilt werden. Die Finanzierung soll in Form von Bankdarlehen, abhängig vom Sektor zu Vorzugsbedingungen, für einen mittelfristigen Zeitraum gewährt werden.

    Auf der einen Seite unterstützt der Staat große Unternehmen durch Maßnahmen im Bereich der Steuern, Sozialabgaben sowie langfristiger Finanzierungen. Zusätzlich sollen nationale Präferenzen im öffentlichen Beschaffungswesen die lokale Industrie stärken und den Anteil der in Marokko produzierten Güter weiter steigern. Auf der anderen Seite steht der informelle Sektor im Fokus, da dieser besonders unter der Coronapandemie litt und die sozialen Probleme des Landes deutlich machten.

    In- und ausländische Unternehmen profitieren gleichermaßen von den im Rahmen der Bewältigung der Coronapandemie beschlossenen Fördermaßnahmen der Regierung. Diese können je nach Branche variieren. Auflagen für die Wiederaufnahme von Aktivitäten werden von den jeweiligen Dachverbänden mit der Regierung verhandelt.

    Analysten warnen aufgrund des Ausbleibens von Touristen, des Rückgangs ausländischer Direktinvestitionen sowie von Kapitalflüssen durch im Ausland lebende Marokkaner vor negativen Auswirkungen auf die Devisenreserven sowie den Wert der Landeswährung Dirham. Die Staatsausgaben sowie damit einhergehend die staatliche Verschuldung nehmen zu. Das Haushaltsdefizit hatte sich 2020 im Vergleich zum Vorjahr in etwa auf einen Anteil von 8 Prozent am BIP im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

    Ehrgeizige Impfkampagne läuft auf Hochtouren

    Die marokkanische Regierung hatte früh- und gleichzeitig Verhandlungen mit mehreren Impfstoffherstellern aufgenommen. Die Impfkampagne startete Ende Januar 2021. Am 2. November 2021 hatten nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation 24,3 Millionen Marokkaner ihre erste Dosis und etwa 22,1 Millionen ihre Zweitimpfung erhalten. Die Booster-Impfung wurde 1,4 Millionen Mal verabreicht. Mit einem Anteil von 60 Prozent vollständig geimpfter Bevölkerung lag Marokko damit im afrikanischen Vergleich auf dem ersten Platz. Das Königreich verfolgt inzwischen das Ziel einer eigenständigen Impfstoffproduktion. Damit soll dann der eigene Bedarf gedeckt und der afrikanische Kontinent beliefert werden.


    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Einschränkungen im Personen- und Warenverkehr

    Marokko setzt weiter auf umfangreiche Schutzmaßnahmen: Grenzschließungen sowie Bewegungseinschränkungen im Inland werden bei Bedarf verschärft. (Stand: 03. November 2021)

    Das Königreich hat sich im Laufe der Coronapandemie regelmäßig abgeschottet. Im Frühjahr 2021 war der Flugverkehr mit rund 40 Ländern aus Angst vor der Verbreitung von Virusmutationen abermals für mehrere Monate eingestellt worden. Bereits 2020 waren nach Ausbruch der Pandemie die Grenzen frühzeitig und ohne große Vorankündigung nach außen geschlossen worden.

    Starke Einschränkungen innen und nach außen

    Zuletzt wurde im Oktober 2021 der Flugverkehr mit Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden in beide Richtungen eingestellt. Es ist nicht auszuschließen, dass weitere kurzfristige Einschränkungen des internationalen Flugverkehrs von marokkanischer Seite aus vorgenommen werden.

    Im Inland setzte die Regierung von Anfang an auf ziemlich drastische Maßnahmen. Schulen, Universitäten, Gastronomiebetriebe sowie sämtliche Orte der gemeinsamen Freizeitbeschäftigung sind mittlerweile mit unterschiedlichen Auflagen und Kapazitätsgrenzen wieder geöffnet. Die Regelungen werden in regelmäßigen Abständen überprüft.

    Mit Wirkung zum 21. Oktober 2021 hat die marokkanische Regierung die Notwendigkeit eines digitalen Impfzertifikats (Pass Vaccinal) für nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens eingeführt. Beispielsweise sind ohne den digitalen Impfpass der Restaurantbesuch oder der Einkauf im Supermarkt nicht mehr möglich. Auch das Pendeln zwischen Städten/Ballungsgebieten bleibt ohne das Zertifikat untersagt.

    Kommt es zu Coronaausbrüchen, kann sich die Regierung veranlasst sehen, lokale Einschränkungen zu beschließen. Diese können auch sehr schnell umgesetzt werden.

    Neben den Corona-Schutzmaßnahmen wollte die Regierung auch verstärkt auf die Möglichkeiten der Rückverfolgung von Coronafällen setzen. Dafür wurde auch der Einsatz von digitalen Trackinganwendungen geprüft. Im Sommer 2020 lancierte das Gesundheitsministerium offiziell die App "Wiqaytna". An der Entwicklung waren auch das Innenministerium, die Agence de Développement du Digital (ADD) sowie die Agence Nationale de Réglementation des Télécommunications (ANRT) beteiligt. Die App blieb jedoch wenig erfolgreich.

    Warenverkehr läuft weiter

    Die Abwicklung an den großen Häfen verlief während der Coronazeit weitgehend normal/landestypisch ab. Im Prinzip sorgte die Pandemie dafür, dass die digitale Zollabwicklung in Marokko weiter vorangetrieben wurde. So kam es beispielsweise seit den Zeiten des Lockdowns zur Akzeptanz der Formulare EUR.1 und EUR-MED auch in elektronischer Form oder als Kopie.

    Am 10. November 2020 wurden weitere Fortschritte erzielt, als die Administration des Douanes et Impots Indirects (ADII) einen neuen Onlinedienst in Betrieb nahm. Über die Portnetseite ist ein Zugriff auf das BADR-System der ADII möglich. Nicht nur die Transparenz, sondern auch die Geschwindigkeit der Abwicklung sollen durch diese Plattform erhöht werden.

    Ende November 2020 wurden zwei neue Apps eingeführt. Diese sollen die Zollabwicklung einfacher und transparenter machen. Mit der Anwendung Diw@nati können Unternehmen alle Zollvorgänge in Echtzeit nachverfolgen. Den Verbraucherschutz erhöht die Anwendung "Bayyan Ly @". Sie identifiziert beispielsweise gefälschte, oder nicht zu dem Produkt passende QR-Codes.

    Bei der Verzollung kam es während der Coronapandemie zu zwischenzeitlichen Änderungen von Tarifen. Für verschiedene Waren wurden Zollerhöhungen bewirkt. Dabei handelte es sich um Produkte, für die das Industrieministerium große Chancen für eine Importsubstitution sieht. Die lokale Fertigung soll nicht nur die Handelsbilanz entlasten, sondern auch den Abfluss von Devisen reduzieren. Auch gibt es in einzelnen Kategorien Restriktionen - beispielsweise beim Handel mit medizinischen und pharmazeutischen Erzeugnissen.

     

    Aktuelle Informationen zu Einreisebeschränkungen

    Von Michael Sauermost | Casablanca

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