Bustling Djemaa El Fna Marktplatz mit Moschee im Hintergrund, Marokko. Marrakesch Marktplatz | © ©Getty Images/roevin/urbancapture.com

Special Marokko Coronavirus

Das Königreich kämpft tapfer mit den erwarteten Schwierigkeiten

Die wirtschaftliche Erholung nach den drastischen Corona-Maßnahmen wird von innen und außen gebremst. Dabei starten die Branchen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten.




  • Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung

    Die umfangreichen Schutzmaßnahmen der Regierung lähmen weiter die Konjunktur. Noch ruhen die Hoffnungen auf einer Wiederbelebung 2021. (Stand: 16.10.2020)

    Die Coronaviren haben sich vergleichsweise spät in Marokko ausgebreitet. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der weltweiten Pandemie dürften für das Königreich erheblich sein. Schließlich ist die Konjunktur stark von den Entwicklungen der europäischen Absatzmärkte abhängig. Seit den ersten Lockerungen zeigt die Infektionskurve deutlich nach oben. Der seit dem 20. März 2020 ausgerufene Gesundheitsnotstand wurde zunächst bis zum 11. November 2020 verlängert.

    Mittlerweile haben sich die Erwartungen von Analysten über die ökonomischen Folgen für 2020 angenähert. Von dem Gedanken, dass eine Rezession irgendwann in der 2. Jahreshälfte abgewendet werden kann, mussten sie sich bereits im Mai verabschieden. Allgemein wird eine reale Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Größenordnung von 5 bis 7 Prozent erwartet.

    Das Königreich schottet sich weiter ab

    Die Regierung hat umfassende Schutzmaßnahmen ergriffen und das Land nach außen abgeriegelt. Die Verkehrswege nach Europa wurden in beide Richtungen geschlossen. Im Land wurden Veranstaltungen untersagt und der Verkehr zwischen den Städten stark eingegrenzt. Ein medizinischer Notstand wurde ausgerufen. Generell fehlt es an mobilen medizinischen Ausrüstungen zur Notfallversorgung. Allerdings hat die Regierung die Situation bislang unter Kontrolle. Die umfassenden Maßnahmen werden positiv bewertet - auch wenn diese zwangsläufig gravierende wirtschaftliche Auswirkungen bedeuten.

    Im Inland machte sich der Nachfragerückgang und ein Einbruch der Lieferketten bemerkbar. Die im Königreich ohnehin schon hohe Insolvenzrate schnellt nach oben. Vor allem kleine Betriebe des informellen Sektors sind betroffen. Zwangsläufig ist durch die Grenzschließung der Tourismussektor stark in Mitleidenschaft gezogen. Aber auch der komplette Handel ist betroffen. Ebenfalls schmerzt der Wegfall einiger internationaler Veranstaltungen. Als prominentestes Opfer der Absage von Großevents galt die Agrarmesse "International Agricultural Exhibition (SIAM)", die Mitte April 2020 mit bis zu 1 Millionen Besucher gerechnet hatte.

    Andreas Wenzel, Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Marokko, weist auf die Folgen für die Industrie hin und äußert sich positiv zum Vorgehen der Regierung: "Insbesondere die in internationale Wertschöpfungsketten eingebundenen Sektoren wie beispielsweise die Automobil- und Luftfahrtindustrie leiden unter den globalen Erschütterungen. Die marokkanische Regierung ergreift jedoch konsequent und zügig Maßnahmen zur Eindämmung der Coronakrise." Die AHK Marokko hat eine Corona-Sonderseite eingerichtet.

    Einstellige Rezession erwartet

    Die Analysten des Centre Marocain de Conjoncture (CMC) gehen bereits seit April 2020 von einer Rezession für das laufende Kalenderjahr aus. Mittlerweile sind sich unterschiedliche Wirtschaftsvertreter einig, dass für 2020 das schlechteste Ergebnis seit dem Jahr 1996 in die Statistiken aufgenommen wird. Die Zentralbank, Banque Al-Maghrib, rechnet - Stand Ende September - damit, dass es zu einem realen Rückgang des BIP von 6,3 Prozent kommt. Für die Rezession verantwortlich sehen Analysten nicht nur die Coronapandemie. Auch der Agrarsektor trägt, gezeichnet von Dürreperioden, zu der Konjunkturschwäche bei. Laut Haut Commissariat au Plan (HCP) dürfte sich die Rezession nicht - wie von Pessimisten zwischenzeitlich befürchtet - in Richtung Zweistelligkeit bewegen, sondern werde auf 5 bis 6 Prozent begrenzt bleiben.

    Erholung 2021 noch realistisch

    Mittlerweile erwarten Wirtschaftsexperten, dass frühestens im Frühjahr 2021 annähernd mit einer Normalisierung zu rechnen sei. Pessimistische Analysten gehen von einer Erholungsphase in der 2. Jahreshälfte aus. Diese werde allerdings mit zwei verschiedenen Geschwindigkeiten ablaufen.

    Beispielsweise ist im Tourismussektor auf Grund von globalen Ängsten und Unsicherheiten mit einer im Schneckentempo ablaufenden Rückkehr zur Normalität zu rechnen. Auch bei den Exportaktivitäten zeigt sich eher eine zurückhaltende Erwartungshaltung. Da sind die Unternehmen von der Erholung der Abnehmerländer, insbesondere der europäischen Volkswirtschaften, abhängig. Rasant und mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten könnte hingegen für die marokkanischen Dienstleister die Auflockerungsphase nach Aufhebung der Coronabeschränkungen verlaufen.

    Die Analysten der Zentralbank sind für 2021 noch optimistisch. Mit einem realen BIP-Wachstum von 4,2 Prozent werde sich die Konjunktur 2021 verhältnismäßig erholt zeigen. Bei dieser Prognose setzen sie allerdings auch auf den Agrarsektor. Die positive Erwartungshaltung teilen sie mit den Analysten des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, die sogar ein Plus in der Größenordnung von 5 Prozent für möglich halten. Im Gegensatz dazu bleiben die Experten der Economist Intelligence Unit (EIU) mit einer Steigerungsrate von weniger als 2 Prozent bislang skeptischer.


    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Covid-19: Einschränkungen bei Einreise und Bewegung im Land

    Marokko setzt weiter auf umfangreiche Schutzmaßnahmen. Bewegungseinschränkungen im Inland werden bei Bedarf verschärft, Corona-Hotspots abgesperrt. (Stand: 16.10.2020)

    Marokko hat ziemlich frühzeitig und ohne große Vorankündigung die Grenzen nach außen geschlossen. Nur mit einer aufwendigen Rückholaktion der deutschen Regierung und großem Engagement der Deutschen Botschaft konnte verhindert werden, dass zahlreiche Deutsche im Land eingeschlossen blieben. Ähnlich war es bei anderen Ländern - vor allem Frankreich. Die Aufhebung des internationalen Flugverkehrs sowie auch die Grenzschließung über den Seeverkehr nach Europa wird angesichts der rasanten Verbreitung der Coronaviren - vor allem in Spanien und Frankreich; den Ländern, mit denen Marokko ein intensiver wirtschaftlicher und sozialer Austausch verbindet - als notwendiger Schritt der Regierung gesehen.

    Wirtschaft drängt auf Öffnung der Landesgrenzen

    Nach und nach stieg allerdings der Druck der Wirtschaft, die Landesgrenzen für den internationalen Flugverkehr wieder zu öffnen. Noch ist unklar, wann dies für den allgemeinen Passagierverkehr geschehen wird. In einem ersten Schritt sollen vor Ort Lockerungen durchgeführt werden. Allerdings zeigt sich die Regierung bereit, über die Aufnahme des Flugverkehrs in vergleichsweise unbedenkliche Länder zeitnah zu sprechen. Im Fall von Brasilien, China und den USA werde es allerdings im Jahr 2020 keine Aufnahme von Flugverbindungen mehr geben.

    Für bestimmte Personengruppen und unter bestimmten Auflagen ist mittlerweile eine Einreise wieder möglich. Zunächst durften mit Wirkung vom 15. Juli 2020 im Ausland "gestrandete" marokkanische Staatsbürger sowie Ausländer mit Resident-Status mit Spezialflügen wieder ins Land gelangen. Sie müssen bei Einreise einen aktuellen, negativen Coronatest vorweisen. 

    Inzwischen ist die Marokkoreise auch für ausländische Geschäftsreisende nicht mehr unmöglich. Ihnen muss allerdings ein Einladungsschreiben eines marokkanischen Unternehmens vorliegen. Dabei müssen die Adresse, die ICE-Nummer sowie die RC-Nummer der einladenden Firma angegeben sein.

    Drastische Einschränkungen im Inland teilweise gelockert

    Im Inland setzte die Regierung von Anfang an auf ziemlich drastische Maßnahmen. Schulen, Universitäten, Gastronomiebetriebe sowie sämtliche Orte der gemeinsamen Freizeitbeschäftigung wurden bis auf weiteres geschlossen. In den Städten kam es zur Verhängung nächtlicher Ausgangssperren. Teilweise wurden generell nur noch notwendige Wege zur Arbeit, Arztbesuche oder Einkäufe im unmittelbaren Quartier erlaubt. Polizei und Militär kontrollieren die Bewegungen und überprüfen notwendige Bescheinigungen - beispielsweise des Arbeitgebers.

    Die Verbindungen zwischen Städten und Regionen sind sowohl über Straße als auch über Schiene stark eingeschränkt. Gewerblich erforderliche Transporte sind davon allerdings ausgenommen. Im Zuge von Lockerungsmaßnahmen wurden zwischenzeitlich industrielle und gewerbliche Aktivitäten mit Auflagen wieder genehmigt.

    Außerdem wurde Mitte Juni das Königreich in zwei Risikozonen eingeteilt. In der als risikoärmer eingestuften Zone 1 sind Reisen innerhalb einer Provinz wieder erlaubt. Verkehrsmittel dürfen dabei lediglich zu 50 Prozent ausgelastet sein. Öffentliche Plätze sind wieder zugänglich. In der Zone 2 hingegen gelten zunächst weiter strengere Regeln. Die Zonenaufteilung ist flexibel und wird laufend überprüft.

    Absperrung von Corona-Hotspots

    Kommt es zu Coronaausbrüchen an verschiedenen Infektionsherden, so werden diese Brennpunkte von der Regierung in Quarantäne gesetzt. Dies war beispielsweise in der kompletten Stadt Safi der Fall, als eine fischverarbeitende Fabrik betroffen war. Nachdem im Juli größere Infektionsherde in der Hafenstadt Tanger identifiziert wurden, kam es auch dort zur Absperrung von Stadtbezirken. Zwischenzeitlich kommt es regelmäßig zu Absperrungen in den größeren Städten, verbunden mit nächtlichen Ausgangssperren. Auch der Inlandstransport zwischen den Ballungsgebieten bleibt eingeschränkt.

    Neben den Beschränkungen will die Regierung auch verstärkt auf die Möglichkeiten der Rückverfolgung von Coronafällen setzen. Dafür wurde auch der Einsatz von digitalen Trackinganwendungen geprüft. Am 1. Juni lancierte das Gesundheitsministerium offiziell die App "Wiqaytna". An der Entwicklung waren auch das Innenministerium, die Agence de Développement du Digital (ADD) sowie die Agence Nationale de Réglementation des Télécommunications (ANRT) beteiligt.

    Das Auswärtige Amt informiert über allgemeine Reise- und Sicherheitshinweise weltweit auf seiner Webseite. Dort kann auch die allgemeine Situation in Marokko überprüft werden.


    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Covid-19: Maßnahmen der Regierung

    Aus unterschiedlichen Quellen wurde ein Corona-Spezialfonds eingerichtet. Zusätzlich soll ein Konjunkturpaket die Wirtschaft und sozial Bedürftige entlasten. (Stand: 16.10.2020)

    Maßnahmen zur unmittelbaren Bewältigung der Krise

    Die Regierung hat verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die wirtschaftliche und soziale Gesamtsituation zu stabilisieren. Das Comité de Veille économique (CVE), dem auch die Unternehmensverbände angehören, hat eine Reihe von Hilfsmaßnahmen für Firmen und Arbeitnehmer beschlossen. Dabei geht es beispielsweise um die teilweise Fortzahlung von Gehältern oder sozialen Zuwendungen beziehungsweise um Erleichterungen von bestehenden Kreditmodalitäten.

    Der Staat übernimmt den Arbeitgeberanteil der Sozialabgaben für Betriebe, die ihren Personalbestand nach Ausbruch der Pandemie nicht über eine Höchstgrenze hinaus reduziert haben. Als soziale Unterstützung für bedürftige Haushalte kam es zur Auszahlung von umgerechnet 75 bis 110 Euro je nach Haushaltsgröße. Empfänger waren dabei jedoch lediglich die rund 3 Millionen Haushalte, die beim staatlichen Versicherungssystem Ramed registriert sind. Die gewährten Gehaltsfortzahlungen wurden zunächst auf umgerechnet rund 300 Millionen Euro festgesetzt.

    Maßnahmen zur wirtschaftlichen Wiederbelebung

    Die marokkanische Zentralbank, Banque Al-Maghrib, senkte im März 2020 zunächst ihren Leitzinssatz um 25 Basispunkte auf 2,0 Prozent. Im Juni legte sie dann nochmal mit einer Reduzierung um 50 Basispunkte auf 1,5 Prozent nach. Damit möchte sie verhindern, dass die Konjunktur weiter in den Keller rutscht.

    Um die allgemeinen Hilfsmaßnahmen zu stemmen, wurden zum einen Mittel aus dem regulären Haushalt in Höhe von umgerechnet 3,2 Milliarden US-Dollar (US$) mobilisiert. Darüber hinaus kam es zu der Einrichtung eines Corona-Spezialfonds. Bislang (Stand Mai 2020) hat dieser ein Volumen von umgerechnet etwa 3,5 Milliarden US$ erreicht. Die Liste der Einnahmenquellen für den Unterstützungsfonds ist breit gefächert. Eine Summe von rund 1 Milliarde US$ wurde bereitgestellt, die aus dem allgemeinen Staatshaushalt entnommen werden soll. Daneben fließen öffentliche Gelder, beispielsweise aus dem Fonds Hassan II, dem Beitrag der Regionen oder von öffentlichen Unternehmen in das Unterstützungspaket. Nicht-öffentliche Gelder kommen von Unternehmen, Verbänden oder auch Privatpersonen, beziehungsweise kollektiven Gehaltsverzichten.

    Außerdem zog die Regierung am 7. April 2020 Kapital in Höhe von 3,2 Milliarden US$ aus dem PLL-Vorsorge- und Liquiditätsfonds (Precautionary and Liquidity Line) des Internationalen Währungsfonds (IWF). Diese Finanzhilfe zur Unterstützung der Regierung bei der Bekämpfung der Coronafolgen ist innerhalb von fünf Jahren mit einer Nachfrist von drei Jahren zurückzuerstatten. Nahezu zeitgleich sicherte die Europäische Investitionsbank dem Königreich Kredithilfen in Höhe von 440 Millionen Euro zu.

    Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen

    Mit Blick auf die volkswirtschaftliche Entwicklung der kommenden fünf bis zehn Jahre soll ein Konjunkturpaket mit einem Volumen von umgerechnet rund 11 Milliarden Euro geschnürt  werden. Entsprechende Vereinbarungen hat die Regierung mit der Confédération Générale des Entreprises du Maroc (CGEM) sowie der Groupement Professionnel des Banques du Maroc (GPBM) unterzeichnet. Kredite in Höhe von 6,8 Milliarden Euro sollen vom Bankensektor an Unternehmen verteilt werden. Diese Finanzierung (in Form von Bankdarlehen) wird je nach Sektor zu Vorzugsbedingungen für einen mittelfristigen Zeitraum gewährt.

    Auf der einen Seite steht die staatliche Unterstützung großer Unternehmen in Sachen Steuern, Sozialabgaben sowie langfristiger Finanzierung an. Auch sollen nationale Präferenzen im öffentlichen Beschaffungswesen im Zusammenhang mit der Stärkung der Integrationsrate der Industrie gefördert werden. Auf der anderen Seite ist der informelle Sektor mit seinen durch die Coronapandemie verschärften sozialen Problemen im Fokus. 

    Verschiedene Reformen wurden eingeleitet: Ein neues Rahmengesetz zur Reform des Steuersystems soll auch als Referenz für das Haushaltsbudget dienen. Auch um die Förderung Öffentlich-Privater-Partnerschaften zu wird sich zukünftig ein neues Regelwerk kümmern. Das öffentliche Beschaffungswesen soll durch vereinfachte Verfahren, kürzere Fristen sowie mehr Digitalisierung transparenter werden.

    Zugang zu Fördermitteln für deutsche Unternehmen 

    In- und ausländische Unternehmen profitieren gleichermaßen von den im Rahmen der Bewältigung der Covid-19-Krise beschlossenen Fördermaßnahmen der Regierung. Diese können je nach Branche variieren. Auflagen für die Wiederaufnahmen von Aktivitäten werden von den jeweiligen Dachverbänden mit der Regierung verhandelt.

    Öffentliche Verschuldung

    Analysten warnen auf Grund des Ausbleibens von Touristen, des Rückgangs ausländischer Direktinvestitionen sowie von Kapitalflüssen durch im Ausland lebende Marokkaner vor negativen Auswirkungen auf die Devisenreserven sowie den Wert der Landeswährung Dirham. Das Finanzministerium kündigte jedoch an, mit internationalen Kreditaufnahmen sowohl 2020 als auch 2021 eine Importdeckung von fünf Monaten zu gewährleisten.

    Die Staatsausgaben sowie damit einhergehend die -verschuldung nehmen zu. Im Sommer 2020 gab die Regierung bekannt, die Wirtschaft durch einen Nachtragshaushalt zusätzlich stützen zu wollen. Dabei soll das staatliche Investitionsbudget um umgerechnet 1,55 Milliarden US$ auf 8,86 Milliarden US$ aufgestockt werden. Weitere 515 Millionen US$ sind zur Sicherstellung von Förderkrediten vorgesehen. Das Haushaltsdefizit dürfte sich 2020 im Vergleich zum Vorjahr in etwa auf einen Anteil von 8 Prozent am BIP verdoppeln.


    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Covid-19: Außenhandel - Logistik - Zoll

    Der internationale Warenverkehr bleibt weitgehend uneingeschränkt. Sonderregelungen gibt es beispielsweise es für medizinische Erzeugnisse. (Stand: 16.10.2020)

    Die Wirtschaftskrise in Folge der Ausbreitung des Coronavirus in Europa bringt für marokkanische Exporteure erhebliche Umsatzeinbußen mit sich. Schließlich ist Marokkos Wirtschaft - sowohl den Handel als auch die Investitionen betreffend - sehr stark mit Europa vernetzt. Der marokkanische Exportverband (ASMEX) macht sich vor allem Sorgen um die Automobil- und die Textilhersteller. Die Coronapandemie hat schwerwiegende Folgen für die gesamte Exportwirtschaft.

    Gravierende Auswirkungen für Exportwirtschaft

    Analysten gehen derzeit dennoch davon aus, dass sich das Handelsbilanzdefizit 2020 verringert. Zwar gehen durch die Aussetzung der Produktion exportorientierter Betriebe die Ausfuhren empfindlich zurück. Sinkende Rohstoffpreise sowie ein Rückgang der marokkanischen Nachfrage dürften allerdings auch zu einer Reduzierung der Importe führen - besonders ins Gewicht fallen dabei die Einbrüche bei den Bestellungen der exportorientierten Fertigungsbetriebe. Schätzungen zufolge könnte sich das Defizit im Jahr 2020 auf einen Anteil von 16,7 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) verringern - nach 18,2 Prozent im Jahr zuvor.

    Ausgehend von einer Halbierung der Tourismuseinnahmen, einer Reduzierung der Kapitaltransfers von im Ausland lebenden Marokkanern sowie einem Rückgang ausländischer Direktinvestitionen um mehr als 40 Prozent, dürften die Devisenreserven um etwa 5,5 Milliarden US-Dollar (US$) schrumpfen - so lautete die Kalkulation der Caisse de Dépôt et de Gestion (CDG) im Mai 2020. Die Banque al Maghrib kalkuliert mittlerweile, dass 2020 mit Hilfe von Kreditaufnahmen ein Bestand von umgerechnet 21,8 Milliarden US$ gehalten werden könne. Im Jahr 2021 ist eine Erhöhung auf 22,2 Milliarden US$ anvisiert. Die Zentralbank verweist angesichts des bestehenden Polsters darauf, an der Einfuhrdeckung von circa fünf Monaten festzuhalten zu können.

    Ebenfalls an der Vorgabe, die Dirham-Schwankungen im bisherigen Ausmaß von 5 Prozent gegenüber der Euro-US-Dollar-Gewichtung (60:40) beizubehalten, werde festgehalten. Trotzdem bestehen Unsicherheiten. Der Verband der Automobilimporteure Association des Importateurs de Véhicules au Maroc (AIVAM) wurde bereits angehalten, seine Mitglieder dazu zu bewegen, ihre Importe herunterzufahren.

    Zahlungsvorgänge noch regulär

    Bislang laufen die Zahlungsvorgänge im Auslandsgeschäft Pressemeldungen zufolge regulär ab - beziehungsweise werden die ansonsten üblichen Fristen eingehalten. Allerdings sei unsicher, wie die Situation in einigen Monaten aussehe.

    Die Zollabwicklung ist nach Information der Behörde nicht in Mitleidenschaft gezogen. Unternehmen berichten über Abwicklungsprobleme, die jedoch gegebenenfalls nicht der speziellen Situation geschuldet seien. Für die Zeit der Coronakrise wurden die Formalitäten teilweise gelockert. So könnten die Formulare EUR.1 sowie EUR-MED auch in elektronischer Form oder als Kopie anerkannt werden. Allerdings müsse das Original mit Stempel und Unterschrift nachgereicht werden.

    Für die Exporte sämtlicher medizinischer und pharmazeutischer Erzeugnisse ist gegenwärtig eine Ausfuhrgenehmigung des Gesundheitsministeriums erforderlich. Über allgemeine Zollentwicklungen im Königreich informiert der Zollbereich von Germany Trade & Invest.


    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Covid-19: Auswirkungen auf internationale Lieferketten

    Marokkos Exportunternehmen hoffen wieder auf Lieferungen. Das Königreich könnte sich als Near-Shoring-Standort etablieren. (Stand: 16.10.2020)

    Nach der Krise wird Umdenken erwartet

    Marokkos Wirtschaft ist nicht zuletzt durch die Freihandelsabkommen stark im internationalen Handel vernetzt. Dies wird gegenwärtig durch die Coronakrise besonders deutlich. Der marokkanische Exportverband, die Association Marocaine des Exportateurs (ASMEX), rechnet mit gravierenden Ausfuhrverlusten - vor allem, aber nicht nur in der Kfz- sowie der Textilbranche.

    Der Wegbruch der Lieferketten aus China machte sich besonders deutlich bemerkbar. Die Pandemie könnte Auswirkungen auf zukünftige Unternehmensstrategien haben, wenn die Unternehmen daran arbeiten, ihr Beschaffungsportfolio neu zu organisieren oder beispielsweise gezielt versuchen, Zulieferer im Land anzusiedeln.

    Kfz-Sektor trotz Vorsorge betroffen

    Der Automobilsektor steht als Vorzeigebranche besonders im Rampenlicht: Eigentlich hatte Renault mit den zwei Fabriken in Marokko ein System zur Überwachung von Versorgungsrisiken. Der Konkurrent PSA hat Pressemeldungen zufolge eine Taskforce eingerichtet, um die Lieferabhängigkeit von China zu umgehen. Nicht zuletzt ergab sich für die Kfz-Industrie ab März 2020 neben Absatzschwierigkeiten auch ein gravierendes Beschaffungsproblem, das zu Engpässen und schließlich zu den zwischenzeitlichen Betriebsschließungen führte.

    Der Lebensmittelsektor ist ebenfalls von Lieferengpässen aus China betroffen. Vor allem Tee, aber auch andere Nahrungsmittel werden aus dem Reich der Mitte importiert. Dennoch sei die Situation entspannt, bestätigt die Fédération Nationale de l´Agroalimentaire (FENAGRI). Vorsorglich erließ die Regierung im Vorfeld des Fastenmonats Ramadan allerdings Zollbefreiungen für bestimmte Nahrungsmittel.

    Bei den Importen von elektrischen Produkten, die direkt oder über Umwege aus China kommen, ist es zu erheblichen Lieferengpässen gekommen. Dies berichtet der Branchenverband, die Fédération Nationale de l´Électricité, de l´Électronique et des Energies Renouvables (Fenelec). Bei den Lieferzeiten müssten Verzögerungen von drei Monaten in Kauf genommen werden, was zu erheblichen Umsatzverlusten führe. Für einzelne, wenige Firmen, die Zugriff auf alternative Zulieferer haben, könne dies auch eine Chance bedeuten.

    Der Verband der pharmazeutischen Industrie, die Association Marocaine de l´Industrie Pharmaceutique (AMIP) sieht laut "The Economist" keine erheblichen Auswirkungen durch die Pandemie. Sowohl bei Rohstoffen als auch bei Fertigprodukten seien die Vorschriften bezüglich von Sicherheitsbeständen sehr streng. Deshalb könne nicht so schnell eine Engpasssituation entstehen, wenngleich eine hohe Zulieferabhängigkeit von China und Indien bestünde. Allerdings sei die lokale Industrie auch sehr leistungsstark.

    Schwierige Zeiten für deutsche Lieferungen

    Deutsche Ausfuhren nach Marokko dürften durch die Pandemie in Mitleidenschaft gezogen werden. Im Jahr 2019 lieferten deutsche Unternehmen nach Marokko laut Destatis Waren im Wert von 2,2 Milliarden Euro, was einer Steigerung von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach. Umgekehrt wurden Waren im Wert von 1,4 Milliarden Euro nach Deutschland geliefert - 14,3 Prozent mehr als im Jahr 2018. Rund ein Viertel der deutschen Lieferungen nach Marokko fielen 2019 in die Kategorie Kfz und -Teile. Diese dürften besonders von den Folgen der Coronakrise betroffen sein. Dies gilt ebenso für die Kategorien Maschinen sowie Fördertechnik, die jeweils einen Anteil von 15 Prozent an den marokkanischen Importen "Made in Germany" ausmachten.

    Chance als Near-Shoring-Standort

    Nach der Lieferkettenproblematik der Coronazeit werden dem Königreich gute Chancen attestiert, sich als Near-Shoring-Standort zu empfehlen - zumal bereits erfolgreich Exportbranchen aufgebaut wurden. Die Regierung will zudem die Strategie einer nachhaltigen Importsubstituierung fahren, um in Zukunft unabhängiger zu sein.

    Investitionsumfeld in Marokko

    Informationen zum Wirtschaftsstandort und zu den Rahmenbedingungen in Marokko bieten unter anderem folgende GTAI-Publikationen:


    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Covid-19: Gesundheitswesen in Marokko

    Marokkos medizinische Infrastruktur muss generell aufrüsten. Während der Coronakrise gab der Sektor allerdings bislang eine gute Figur ab. (Stand: 16.10.2020)

    Notstand zwingt zum Handeln

    Marokko hat den Gesundheitsnotstand ausgerufen und mittlerweile bis zum 11. November 2020 verlängert. Auch ohne Coronakrise bewegt sich der Sektor trotz erzielter Fortschritte in den letzten Jahren bisweilen am Limit. Besonders in den ländlichen Regionen ist die Versorgungslage unzureichend. Neben der allgemeinen medizinischen Infrastruktur sind mobile Krankenstationen und Notfallequipment zwei Bereiche, in denen ausländische Anbieter aushelfen könnten.

    Die Coronakrise erhöht den Druck weiter, entsprechende Investitionen auszuweiten, auch wenn zunächst vorübergehende Maßnahmen anstehen. Anfang April 2020 gab die Regierung bekannt, dem Gesundheitssektor kurzfristig eine zusätzliche Finanzspritze von umgerechnet rund 180 Millionen Euro zu verpassen. Dadurch sollen die Krankenhauskapazitäten erweitert und die Möglichkeiten für Diagnostik verbessert beziehungsweise geschaffen werden.

    Letzteres wurde teilweise durch Lieferungen aus dem Ausland bereits bewerkstelligt: Von dem koreanischen Hersteller Osang Health Care wurden 100.000 Corona-Schnelltest-Kits geordert. Nach und nach soll sich diese Zahl auf 700.000 bis 1 Millionen Kits der Firma Sugentech erhöhen. Vor allem die Universitätskrankenhäuser in Rabat, Fes, Tanger, Agadir, Oujda sowie Marrakesch sollen als Anlaufstellen von den Neuanschaffungen profitieren.

    Sechs Universitätskrankenhäuser führen mittlerweile rund um die Uhr virologische Tests durch. Es handelt sich dabei um die Kliniken in Casablanca, Rabat, Oujda, Fes, Marrakesch und Agadir. Zu Beginn der Coronakrise waren es lediglich drei Einrichtungen: das Institut Pasteur, das Institut National d´Hygiène (INH) sowie das Militärkrankenhaus in Rabat. Durch den Erwerb von Testkits im Ausland hat sich der Handlungsspielraum vergrößert.

    Neue Krankenhauskapazitäten entstehen

    Außerdem arbeitet Marokko hart daran, landesweit die Krankenhauskapazitäten für eine sich verschärfende Krisensituation zu erhöhen. Beispielsweise erfolgt dies durch den Aufbau von Feldkrankenhäusern oder eine entsprechende Sanierung öffentlicher Einrichtungen. In Casablanca wurde zum Beispiel die Ausstellungshalle des Messezentrums in ein Feldkrankenhaus mit mehreren Hundert Betten auf 20.000 Quadratmeter in vier verschiedenen Zonen umfunktioniert. Etwa 4 Millionen Euro waren dafür notwendig.

    Saniert für die Krise wurde unter anderem das Moulay Youssef Hospital. Am Stadtrand von Casablanca kam es zu der Einrichtung zweier militärischer Feldkrankenhäuser. Das Militärkrankenhaus in Nouaceur wurde innerhalb von sieben Tagen zu einer Pflegestation mit 200 Betten ausgebaut. Bis zu 20 schwere Fälle mit erforderlicher, intensiver Notfallbehandlung können dort gleichzeitig behandelt werden.

    Privater und öffentlicher Sektor kooperieren

    Verschiedene Privatkliniken haben ihre Kapazitäten dem öffentlichen Sektor zur Verfügung gestellt. Anfang April waren dies mehrere Kliniken mit zusammen mehr als 600 Betten. Entsprechende Vereinbarungen wurden zwischen dem Gesundheitsministerium und dem Verband der Privatkliniken (Association Nationale des Cliniques Privée du Maroc - ANCP) getroffen. Weitere Kliniken haben sich Pressemeldungen zufolge bereit erklärt, zur Entlastung des öffentlichen Sektors beizutragen. Bis zu 9.000 Betten könnten laut ANCP insgesamt mobilisiert werden.

    Verschiedene medizinische Ausrüstungen werden aus dem Ausland besorgt und kommen entweder in konventionellen Krankenhäusern zum Einsatz oder stehen für den Fall einer sich verschärfenden Krisensituation bereit. Ende März 2020 verfügte das Königreich über rund 1.700 Intensivpflegebetten. Diese Kapazität sollte sich im 2. Quartal auf 4.000 erhöhen.

    Verschiedene Institutionen haben sich zusammengetan und ein Beatmungsgerät aus zu 100 Prozent marokkanischer Herstellung sowie ein Temperaturmessgerät entwickelt. Das war ein Meilenstein für den Sektor und könnte die Medizintechnikbranche vor Ort anstoßen. Neben dem Industrieministerium waren an dem Projekt unter anderem die Vereinigung der Luft- und Raumfahrtindustrie (GIMAS), das Institut National des Postes et Télécommunications (INPT) sowie die Moroccan Foundation for Advanced Science, Innovation and Research (MAScIR) beteiligt. Im Rahmen eines ähnlichen Projekts gelang es verschiedenen Unternehmen, ein Notfallbett aus 100 Prozent marokkanischer Fertigung herzustellen.

    Auch beliefert das Königreich andere afrikanische Staaten mit medizinischen Hilfsgütern. Mitte Juni waren dies unter anderem 8 Millionen Masken, 900.000 Visiere, 600.000 Arztkittel, 60.000 Schutzanzüge sowie verschiedene Desinfektionsmittel und Medikamente. Das Gesundheitsministerium betont, dass sämtliche Lieferungen aus marokkanischer Produktion stammen und den von der World Health Organization vorgegebenen Standards entsprechen.

    Medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse dürfen derzeit lediglich mit einer Genehmigung des Gesundheitsministeriums exportiert werden.

    Ausgewählte Indikatoren zum Gesundheitswesen in Marokko

    Indikator

    2019 (oder letztverfügbares Jahr)

    Bevölkerungsgröße (in Mio.)

    35,6

    Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre (in %)

    7

    Anzahl Ärzte pro 1.000 Einwohner

    0,7 (2017)

    Anzahl Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner

    1 (2016)

    Gesundheitsausgaben pro Kopf

    161 US$ (2017)
    Quelle: Haut Commissariat au Plan (HCP), Ministère de la Santé, Weltbank


    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Covid-19: Auswirkungen auf ausgewählte Branchen

    Marokkos Sektoren erholen sich im Rahmen ihrer - durch Corona eingeschränkten - Möglichkeiten moderat. Das läuft mit verschiedenen Geschwindigkeiten ab. (Stand: 16.10.2020)

    Tourismusbranche und Handel leiden

    Marokkos Wirtschaft erfährt eine doppelte Lähmung - durch den Stillstand im Inland einerseits und dem Wegfall des Exportgeschäfts auf der anderen Seite. Einzelne Sektoren sind sehr unterschiedlich betroffen. Lockerungsmaßnahmen werden laufend verhandelt und sind zum Teil bereits angelaufen. Die wirtschaftliche Erholung benötigt je nach Branche unterschiedlich viel Zeit. Durch den hohen Anteil des informellen Sektors - beispielsweise im Handel - sind die Folgen zusätzlich schwer abzuschätzen.

    Extrem angeschlagen aus der Coronakrise geht das Hotel- und Gaststättengewerbe hervor. Der Branchenverband Association Nationale des Investisseurs Touristiques (ANIT) erwartet, dass die Krise im Sektor bis zum Jahreswechsel 2021 zu Verlusten in Höhe von 13 Milliarden US-Dollar (US$) führen könnte. Mit Unterstützungsmaßnahmen könnten diese auf rund 4,5 Milliarden US$ reduziert werden. Im Jahr 2021 dürfte es zu einer Wiederbelebung kommen.

    Das für Statistiken zuständige Haut Commissariat au Plan (HPC) geht davon aus, dass sich der - allein durch die Coronafolgen verursachte - Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im 2. Quartal 2020 auf rund 3,8 Prozentpunkte beläuft. Ursprünglich wurde ein Wachstum gegenüber dem Vorjahresquartal um etwas mehr als 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr prognostiziert. Jetzt sind es -1,8 Prozent.

    Die Kategorie Dienstleistungen und Handel, die etwa ein Drittel der BIP-Entstehung ausmacht, ist laut HPC für den "Coronarückgang" von 2,5 Prozentpunkten verantwortlich. Bei der Verarbeitenden Industrie (Anteil: 15,7 Prozent) sind es 0,4 Prozent. In den Kategorien Verwaltung und soziale Dienstleistungen (Anteil: 16,7 Prozent) sowie Landwirtschaft und Fischerei (Anteil: 11,7 Prozent) sind die krisenbedingten Einbußen im 2. Quartal laut HPC-Statistik unerheblich.

    Industrie baut langsam Kapazitäten auf

    Das verarbeitende Gewerbe wird in erster Linie vom Rückgang der Auslandsnachfrage getroffen. Neben dem Kfz-Sektor ist dies unter anderem bei Textilien und elektrischen Erzeugnissen der Fall. Im Bergbau macht sich eine geringere Nachfrage der chemischen Industrie bemerkbar. Die Exporte von Phosphorsäure sind rückläufig. Auch im Bausektor herrscht vielerorts Stillstand. Allgemein verhandelt das Verarbeitende Gewerbe mit der Regierung über neue Rahmenbedingungen beziehungsweise Sicherheitsvorkehrungen für den langen Weg zurück zur Normalität.

    Marokkos populärster Exportsektor, die Automobilindustrie, hatte Mitte März 2020 die Handbremse gezogen, jedoch mittlerweile vorsichtig die Produktion wieder aufgenommen. Die beiden Autoproduzenten Renault und PSA schlossen zunächst ihre Fabriken. In den zwei Renault-Werken sind regulär 11.000 Arbeiter beschäftigt. Etwa 1.600 stehen bei PSA auf der Gehaltsliste. Jetzt wird es schrittweise weitergehen, wobei unklar ist, wann und in welchem Ausmaß die Kapazitäten wieder hochgefahren werden können.

    Auch die vor Ort ansässige Teileindustrie kam zum Stillstand. Dabei handelt es sich immerhin um mehr als 200 Automobilzulieferer - vor allem aus den Bereichen Verkabelung sowie Innenausstattung oder Motoren. Nicht alle Hersteller mussten ihren Betrieb einstellen. Die Teileproduzenten, die nicht auf die lokale Industrie als Abnehmer fixiert sind, konnten weiter ihre globalen Lieferketten bedienen. Allerdings brachen nach und nach auch diese Aufträge durch den Produktionsstopp in anderen Märkten ein.

    Die ehrgeizigen Pläne der Automobilindustrie sind nun erstmal in Frage gestellt. Bis 2022/23 sollten die Schwelle von 1 Million produzierter Kfz erreicht und Exportumsätze von rund 10 Milliarden US$ generiert werden. Optimistische Prognosen des Industrieministeriums sahen die Ausfuhrerlöse der Branche als nächsten Schritt bis 2025 auf 20 Milliarden US$ wachsen.

    Im Bereich der IT-Offshoringaktivitäten wurden im Sommer 2020 Umsatzeinbußen von rund 35 Prozent registriert. Geschäfte im Ausland brachen ein. Im Inland wurde es zunehmend schwierig, den Personalbestand auf Grund der Coronaproblematik konstant zu halten. Zwar wird weiterhin viel auf Telearbeit umgestellt, jedoch sind vorher aufwendige Vorbereitungen zu treffen. Neben der technischen Ausstattung geht es dabei auch um Datenschutzverpflichtungen gegenüber den Kunden. Diese müssen den Maßnahmen für das Home Office zustimmen.

    Von der Sperrung der Landesgrenzen nach Europa und den Einschränkungen der Verkehrswege zwischen den Städten ist der gesamte Transportsektor betroffen. Der Luftverkehr könnte frühzeitigen Schätzungen der International Air Transport Association IATA zufolge durch die Pandemie Verluste von rund 4,9 Millionen Passagieren und einen Fehlbetrag von 728 Millionen US$ erleiden. Mittlerweile ist jedoch von weitaus höheren Verlusten auszugehen, zumal unklar ist, wann der internationale Flugverkehr wieder in einem größeren Rahmen durchgeführt wird. 

    Agrarsektor gegen Corona aber nicht gegen Dürre immun

    Unterschiedliche Prognosen werden für den Agrarsektor gestellt. Analysten von CDG Capital gehen von einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion um bis zu 6 Prozent aus. Der Output bei Getreide soll rund 30 Millionen Zentner erreichen. Diese Einschätzung teilt die Banque al Maghrib, die zur Jahresmitte ein Minus von 4,6 Prozent prognostiziert. Nach dem von Dürreperioden heimgesuchten Erntejahr 2019 war für den Agrarsektor 2020 eigentlich ein positives Ergebnis prognostiziert worden. Andere Analysten sehen keine spezielle, allzu große Beeinträchtigung durch die Gesamtsituation. Immerhin schafft es der Agrarsektor laut der Association des Producteurs des Fruits et Légumes (APEFEL) das Exportgeschäft aufrecht zu erhalten. Der Branchenverband weist darauf hin, dass dies in Zeiten der Pandemie kaum einem anderen Wirtschaftszweig gelingt.

    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Coronavirus und Recht

    Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus betrifft Staaten weltweit. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind enorm. Auch rechtliche Fragen stehen im Fokus.

    Die durch die Covid-19-Pandemie von allen betroffenen Ländern veranlassten Beschränkungen belasten Unternehmen stark. Dies gilt in hohem Maße auch für Vertragsbeziehungen zwischen deutschen Unternehmen und ihren marokkanischen Geschäftspartnern. Was tun, wenn Verträge nicht mehr wie vereinbart erfüllt werden können? Liegt bei der Pandemie ein Fall „höherer Gewalt" vor? Und wann ist eine Berufung auf „höhere Gewalt“ möglich?

    Was regelt der Vertrag?

    Spätestens wenn Probleme entstehen ist es sehr wichtig zu ermitteln, nach welchem Recht die Verträge beurteilt werden, die Sie mit Geschäftspartnern aus einem anderen Land geschlossen haben.

    Wichtigster Grundsatz hierbei: als Erstes sollten Sie den betroffenen Vertrag gründlich studieren. Häufig wird eine Rechtswahlklausel enthalten sein. Und in den allermeisten Fällen wird diese Rechtswahl von den relevanten Rechtsordnungen und Gerichten auch akzeptiert werden. Übrigens: Falls es keine Rechtswahlklausel gibt, kann eine solche in aller Regel nachträglich ergänzt werden.

    Bitte achten Sie auf eine Besonderheit für Kaufverträge: Wenn in einem Kaufvertrag mit einem ausländischen Vertragspartner die Geltung des deutschen Rechts vereinbart ist, gilt nicht deutsches Recht, sondern UN Kaufrecht (United Nations Convention on Contracts for the International Sale of Goods - "CISG"). Der Grund hierfür ist, dass deutsches Kaufrecht für internationale Kaufverträge auf das UN Kaufrecht verweist. Das Kaufrecht des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs gilt nur dann, wenn ausdrücklich deutsches Recht unter Ausschluss des UN Kaufrechts vereinbart ist.

    Aber was passiert, wenn keine Rechtswahlklausel vereinbart ist? Wenn ein innereuropäischer Sachverhalt vorliegt, spricht sehr viel dafür, dass die sogenannte Rom-I-Verordnung das anwendbare Recht bestimmt  (weitere Informationen hierzu unter „Covid-19 und B2B-Verträge: Welches Recht gilt für meinen Vertrag?

    Verträge mit Geschäftspartnern außerhalb der Europäischen Union

    Zunächst: die Regelungen der Rom-I-Verordnung können durchaus auch dann anwendbar sein, wenn Ihr Vertragspartner aus dem Nicht-EU-Ausland kommt. Das gilt insbesondere dann, wenn im Streitfall ein deutsches Gericht entscheiden würde. Denn es gilt der Grundsatz, dass jedes Gericht immer sein eigenes internationales Privatrecht anwendet. Und das deutsche internationale Privatrecht verweist ausdrücklich auf die Rom-I-Verordnung.

    Würde denn ein deutsches Gericht entscheiden? Die Frage, welches Gericht im Streitfall entscheiden würde, ist recht kompliziert zu beantworten. Allerdings: genau wie bei dem anwendbaren Recht haben Parteien - jedenfalls bei B2B-Verträgen - auch hinsichtlich des Gerichtsstands eine relativ weitgehende Freiheit zu vereinbaren, welches Gericht eventuelle Rechtsstreitigkeiten entscheiden soll. Auch hier sollte also zunächst der Vertrag studiert werden.

    Deutlich schwieriger wird die Situation, wenn ein Gericht aus dem Nicht-EU-Ausland im Streitfall entscheiden müsste. Es würde hierzu, dem oben erwähnten Grundsatz folgend, wohl die Regelungen seines eigenen internationalen Privatrechts anwenden - und diese können unter Umständen von den oben beschriebenen europäischen Regelungen abweichen. Eine - auch nur ansatzweise - Darstellung würde den Rahmen dieser Publikation leider sprengen.

    Was gibt es generell zu beachten?

    Zum Schluss noch einige kurze Hinweise, die fast immer relevant sind, gleich welche vertragliche oder gesetzliche Regelung zur höheren Gewalt (force majeure) gilt: zum einen Ihre Pflicht zur Minderung des Schadens wo immer dies möglich ist. Zum anderen, und eng damit zusammenhängend, die Pflicht zur möglichst zeitnahen Mitteilung, wenn sich ein Problem bei der Erfüllung abzeichnet. Und schließlich sollten Sie daran denken, dass Sie darlegungs- und beweispflichtig für die Voraussetzungen der höheren Gewalt sind, auf die Sie sich berufen. Daher dokumentieren Sie nach Möglichkeit alles, was zu den Schwierigkeiten geführt hat - es mag sich als äußerst nützlich erweisen.

    Nationales Recht: Nichterfüllung von Verträgen nach marokkanischem Recht

    Ein Länderbericht „Coronavirus und Verträge“ liegt zurzeit nicht vor. Bei Fragen zum Thema kontaktieren Sie bitte den in der Marginalspalte angegebenen Ansprechpartner.

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