Special | Marokko | Wege aus der Coronakrise

Das Königreich setzt auf vorsichtigen Umgang mit der Pandemie

Die wirtschaftliche Erholung nach den drastischen Corona-Maßnahmen wird von innen und außen gebremst. Dabei kämpfen die Branchen mit unterschiedlichen Schwierigkeiten.




  • Konjunktur und wichtigste Branchen

    Das Konjunkturbarometer steigt langsam wieder. Eine nachhaltige Wiederbelebung bleibt jedoch für verschiedene Branchen noch in weiter Ferne.

    Die ökonomischen Auswirkungen der weltweiten Pandemie für das Königreich sind erheblich. Die Hoffnungen ruhen auf eine nachhaltige Erholung nach den Impfkampagnen, die in Marokko erfolgreich startete. Allerdings kann die Wiederbelebung der Wirtschaft nur partiell aus eigener Kraft bewerkstelligt werden. Schließlich ist die Konjunktur stark von den Entwicklungen der europäischen Absatzmärkte abhängig. Am 20. März 2020 wurde der Gesundheitsnotstand ausgerufen und seitdem immer wieder verlängert - mittlerweile bis zum 21. Mai 2021.

    Die konsequenten Schutzmaßnahmen der Regierung werden verhältnismäßig positiv bewertet - auch wenn sich diese zwangsläufig gravierend auf die Wirtschaft auswirken. Die auf Grund des starken Armutsgefälles ohnehin schon strapazierte soziale Gesamtsituation wird durch Corona weiter auf die Probe gestellt. Bereits zuvor galt die hohe Rate an arbeitslosen Jugendlichen als große Herausforderung.

    Optimismus bleibt verhalten

    Was die Schließung von Betrieben angelangt, so hat sich die Situation bereits im Jahresverlauf 2020 verbessert. Der Anteil der Firmen, die ihren Betrieb eingestellt hatten lag im April 2020 noch bei 54,3, im Juli bei 52,0 und zum Jahreswechsel nur noch bei 14,1 Prozent. Von endgültigen Betriebsschließungen waren besonders sehr kleine und/oder junge Firmen betroffen.

    Einzelne Wirtschaftssektoren sind sehr unterschiedlich von den Folgen der Coronapandemie betroffen. Lockerungsmaßnahmen werden laufend verhandelt und sind zum Teil bereits angelaufen. Die wirtschaftliche Erholung benötigt je nach Branche unterschiedlich viel Zeit. Durch den hohen Anteil des informellen Sektors - beispielsweise im Handel - sind die Folgen zusätzlich schwer abzuschätzen.

    Die anhaltenden Lockdown-Maßnahmen sowie die noch nicht absehbare Erholung von der zweiten Coronawelle in Europa sorgen auch bei Analysten für Unsicherheiten. Nach einem Minus von 7 Prozent wird für 2021 ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zwischen 4,0 und 5,5 Prozent erwartet. Der Internationale Währungfonds rechent in seiner Prognose vom April 2021 mit einem BIP-Wachstum in Höhe von 4,5 Prozent. Ein Teil des Optimismus ziehen die Analysten allerdings aus dem Klima. Schließlich soll der Agrarsektor nach einem, auf Grund von Dürreperioden äußerst mageren Vorjahr wieder gute Ernteergebnisse einfahren.

    Allgemein sieht der Wirtschaftsausblick für Marokko, auch was Investitionen und den Außenhandel angelangt, verhalten positiv aus.

    Angeschlagene Industrie hofft auf Chancen

    Die Industrieproduktion ging 2020 auf Grund der Betriebsschließungen zurück. Mittlerweile erholt sich die Produktion der Industrie. Teilweise kommt es jedoch weiterhin zu Störungen bei den Lieferketten. Vor allem auf der wichtigen Prestigebranche, der Automobilindustrie, ruhen die Hoffnungen. Allerdings konnte der Sektor nach der Wiederaufnahme des Betriebs die Produktion zunächst nicht wie gewünscht hochfahren. Schließlich erholen sich die wichtigen europäischen Absatzmärkte nur langsam.

    Zuversicht besteht dadurch, dass Marokko zukünftig noch stärker als Nearshoring-Standort in Erscheinung treten dürfte. Unter anderem könnte dabei die Kfz-Teileindustrie profitieren. Zunehmend siedeln sich Zulieferer an, die nicht ausschließlich Aufträge von lokalen Produzenten, sondern auch aus Drittländern erhalten. Dies könnte auch eine Chance für andere Branchen sein; beispielsweise für die Elekronikindustrie.

    Das Industrieministerium hat während der Krise begonnen, die marokkanische Eigenfertigung zu fördern. Daran sind sowohl der öffentliche als auch der Privatsektor beteiligt. Was mit Schutzmasken begann, wurde später auf sorgfältig identifizierte Produktgruppen aus Nischensegmenten ausgeweitet. Durch strategische Steuerung zusätzlicher lokaler Fertigung können eine Importsubstitution von rund 700 Millionen Euro erreicht werden, kalkuliert das Ministerium.

    Branchen mit unterschiedlichen Vorzeichen

    Die Aussichten für den Tourismussektor sind auch für das Jahr 2021 düster. Nach einer nahezu vollständigen Schließung des Tourismus dürfte die Branche noch eine unbestimmte Zeit unter den Coronafolgen leiden. Positiv sehen hingegen die Aussichten für die Phosphatindustrie aus, die schon 2020 einigermaßen stabil blieb. Im Jahr 2021 wird mit einem Ausbau des Phosphatabbaus gerechnet

    Eine weitere Branche, die tendenziell von der Coronakrise profitiert, ist der Gesundheitssektor. Als wertvolle Entwicklung könnte sich herauskristallisieren, dass Kooperationen zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich entstanden. Die Baubranche leidet noch stark unter den Folgen der Krise. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass der Wohnungsbau bereits vorher mit Problemen zu kämpfen hatte. Infrastrukturvorhaben sollen indes zügig fortgesetzt werden.

    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Konjunktur- und Hilfsprogramme

    Durch zahlreiche Hilfsmaßnahmen hat sich das Haushaltsdefizit empfindlich erhöht. Die Impfkampagne läuft erfolgreich an.

    Coronaunterstützung für Betriebe

    Die Regierung hat verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die wirtschaftliche und soziale Gesamtsituation zu stabilisieren. Das Comité de Veille économique (CVE), dem auch die Unternehmensverbände angehören, hat eine Reihe von Hilfsmaßnahmen für Firmen und Arbeitnehmer beschlossen. Dabei geht es beispielsweise um die teilweise Fortzahlung von Gehältern oder sozialen Zuwendungen beziehungsweise um Erleichterungen von bestehenden Kreditmodalitäten.

    Der Staat übernimmt beispielsweise den Arbeitgeberanteil der Sozialabgaben für besonders betroffene Betriebe. Daneben kommt es zur sozialen Unterstützung bedürftiger Haushalte. Empfänger sind dabei jedoch lediglich die rund 3 Millionen Haushalte, die beim staatlichen Versicherungssystem Ramed registriert sind.

    Die Regierung zog im April 2020 Kapital in Höhe von 3,2 Milliarden US$ aus dem PLL-Vorsorge- und Liquiditätsfonds (Precautionary and Liquidity Line) des Internationalen Währungsfonds (IWF). Verschiedene internationale Organisationen haben Coronahilfen in Form von Spenden oder Darlehen getätigt. Dabei ging es teilweise um Coronasoforthilfen, teilweise aber auch um die Unterstützung des Privatsektors.

    Die marokkanische Zentralbank, Bank al-Maghrib, senkte zweimal im Laufe des Jahres 2020 ihren Leitzinssatz um insgesamt 75 Basispunkte. Allerdings gab sie bekannt, den derzeitigen Satz von 1,5 Prozent nicht weiter herabsetzen zu wollen.

    Spezialfonds und geplantes Konjunkturpaket

    Um sanitäre und wirtschaftspolitische Maßnahmen zu stemmen, kam es zu der Einrichtung eines Corona-Spezialfonds. Dieser erreichte zwischenzeitlich umgerechnet 3,5 Milliarden US$. Ende Februar 2021 belief sich der Saldo des Fonds Pressemeldungen zufolge auf rund 350 Millionen US$.

    Die Liste der Einnahmenquellen für den Unterstützungsfonds ist breit gefächert. Eine Summe von rund 1 Milliarde US$ wurde bereitgestellt, die aus dem allgemeinen Staatshaushalt entnommen werden soll. Daneben fließen öffentliche Gelder, beispielsweise aus dem Fonds Hassan II, dem Beitrag der Regionen oder von öffentlichen Unternehmen in das Unterstützungspaket. Nicht-öffentliche Gelder kommen von Unternehmen, Verbänden oder auch Privatpersonen, beziehungsweise kollektiven Gehaltsverzichten.

    Mit Blick auf die volkswirtschaftliche Entwicklung der kommenden fünf bis zehn Jahre soll ein Konjunkturpaket mit einem Volumen von umgerechnet rund 11 Milliarden Euro geschnürt werden. Entsprechende Vereinbarungen hat die Regierung mit der Confédération Générale des Entreprises du Maroc (CGEM) sowie der Groupement Professionnel des Banques du Maroc (GPBM) unterzeichnet. Kredite in Höhe von 6,8 Milliarden Euro sollen vom Bankensektor an Unternehmen verteilt werden. Diese Finanzierung (in Form von Bankdarlehen) wird je nach Sektor zu Vorzugsbedingungen für einen mittelfristigen Zeitraum gewährt.

    Auf der einen Seite steht die staatliche Unterstützung großer Unternehmen in Sachen Steuern, Sozialabgaben sowie langfristiger Finanzierung an. Auch sollen nationale Präferenzen im öffentlichen Beschaffungswesen im Zusammenhang mit der Stärkung der Integrationsrate der Industrie gefördert werden. Auf der anderen Seite ist der informelle Sektor mit seinen durch die Coronapandemie verschärften sozialen Problemen im Fokus.

    In- und ausländische Unternehmen profitieren gleichermaßen von den im Rahmen der Bewältigung der Covid-19-Krise beschlossenen Fördermaßnahmen der Regierung. Diese können je nach Branche variieren. Auflagen für die Wiederaufnahmen von Aktivitäten werden von den jeweiligen Dachverbänden mit der Regierung verhandelt.

    Analysten warnen auf Grund des Ausbleibens von Touristen, des Rückgangs ausländischer Direktinvestitionen sowie von Kapitalflüssen durch im Ausland lebende Marokkaner vor negativen Auswirkungen auf die Devisenreserven sowie den Wert der Landeswährung Dirham. Die Staatsausgaben sowie damit einhergehend die -verschuldung nehmen zu. Das Haushaltsdefizit hat sich 2020 im Vergleich zum Vorjahr in etwa auf einen Anteil von 8 Prozent am BIP im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

    Lob für die Impfkampagne

    Die marokkanische Regierung hat früh- und gleichzeitig Verhandlungen mit mehreren Impfstoffherstellern aufgenommen. Die Impfkampagne startete Ende Januar 2021. Am 12. April 2021 hatten nach Angaben des marokkanischen Gesundheitsministeriums 4,5 Millionen Marokkaner ihre erste Dosis und etwa 4,1 Millionen ihre Zweitimpfung erhalten. In der internationalen Presse erntet das Königreich Lob für die für die Bevölkerung kostenlose Massenimpfkampagne. Zwar wurden circa 66 Millionen Dosen bei AstraZeneca und Sinopharm bestellt, jedoch wird die Beschaffung auf Grund von Lieferengpässen weiter diversifiziert. Pressemeldungen zufolge sollen rund 10 Millionen Dosen des Impfstoffes Sputnik importiert werden. Marokko plant, 80 Prozent seiner Bevölkerung über 17 Jahre zu impfen.


    Von Michael Sauermost | Casablanca

  • Einschränkungen im Personen- und Warenverkehr

    Marokko setzt weiter auf umfangreiche Schutzmaßnahmen: Grenzschließungen sowie Bewegungseinschränkungen im Inland werden bei Bedarf verschärft.

    Starke Einschränkungen innen und nach außen

    Das Königreich schottet sich abermals ab. Seit Ende März 2021 ist der Flugverkehr mit inzwischen rund 40 Ländern aus Angst vor Verbreitung von Virusmutationen eingestellt. Frankreich und Spanien kamen zuletzt hinzu. Deutschland war bereits Ende Februar betroffen.

    Ein- und Ausreise nach und aus Marokko sind somit für Einwohner dieser Länder nicht mehr möglich. Bereits 2020 wurden nach Ausbruch der Pandemie die Grenzen ziemlich frühzeitig und ohne große Vorankündigung nach außen geschlossen. Zwischenzeitlich war für bestimmte Personengruppen und unter bestimmten Auflagen eine Einreise wieder möglich.

    Die Eindämmung des internationalen Flugverkehrs wurde mittlerweile bis zum 21. April 2021 verlängert. Das Gleiche gilt für den sanitären Ausnahmezustand. Dies Entscheidung war im Vorfeld erwartet worden. Schließlich sollen im Fastenmonat Ramadan, der voraussichtlich vom 12. April bis zum 12. Mai 2021 andauern wird, Kontakte weitgehend eingeschränkt werden.

    Im Inland setzte die Regierung von Anfang an auf ziemlich drastische Maßnahmen. Schulen, Universitäten, Gastronomiebetriebe sowie sämtliche Orte der gemeinsamen Freizeitbeschäftigung sind zwar mittlerweile mit Auflagen wieder geöffnet. Die Öffnungszeiten bleiben jedoch begrenzt. Außerdem wird an den nächtlichen Ausgangssperren festgehalten.

    Die Regelungen werden in regelmäßigen Abständen immer wieder überprüft. Die Verbindungen zwischen Städten und Regionen sind teilweise eingeschränkt. Gewerblich erforderliche Transporte waren davon auch zu Zeiten des ersten harten Lockdowns 2020 ausgenommen. Kommt es zu Coronaausbrüchen an verschiedenen Infektionsherden, so werden diese Brennpunkte von der Regierung in Quarantäne gesetzt. Es kann jederzeit zu Maßnahmen kommen, die dann auch sehr schnell umgesetzt werden.

    Neben den Corona-Schutzmaßnahmen wollte die Regierung auch verstärkt auf die Möglichkeiten der Rückverfolgung von Coronafällen setzen. Dafür wurde auch der Einsatz von digitalen Trackinganwendungen geprüft. Im Sommer 2020 lancierte das Gesundheitsministerium offiziell die App "Wiqaytna". An der Entwicklung waren auch das Innenministerium, die Agence de Développement du Digital (ADD) sowie die Agence Nationale de Réglementation des Télécommunications (ANRT) beteiligt. Die App blieb jedoch wenig erfolgreich.

    Warenverkehr läuft weiter

    Die Abwicklung an den großen Häfen verlief während der Coronazeit weitgehend normal/landestypisch ab. Im Prinzip sorgte die Pandemie dafür, dass die digitale Zollabwicklung in Marokko weiter vorangetrieben wurde. So kam es beispielsweise seit den Zeiten des Lockdowns zur Akzeptanz der Formulare EUR.1 und EUR-MED auch in elektronischer Form oder als Kopie.

    Am 10. November 2020 wurden weitere Fortschritte erzielt, als die Administration des Douanes et Impots Indirects (ADII) einen neuen Onlinedienst in Betrieb nahm. Über die Portnetseite ist ein Zugriff auf das BADR-System der ADII möglich. Nicht nur die Transparenz, sondern auch die Geschwindigkeit der Abwicklung sollen durch diese Plattform erhöht werden.

    Ende November 2020 wurden zwei neue Apps eingeführt. Diese sollen die Zollabwicklung einfacher und transparenter machen. Mit der Anwendung Diw@nati können Unternehmen alle Zollvorgänge in Echtzeit nachverfolgen. Den Verbraucherschutz erhöht die Anwendung "Bayyan Ly @". Sie identifiziert beispielsweise gefälschte, oder nicht zu dem Produkt passende QR-Codes.

    Bei der Verzollung kam es während der Coronapandemie zu zwischenzeitlichen Änderungen von Tarifen. Für verschiedene Waren wurden Zollerhöhungen bewirkt. Dabei handelte es sich um Produkte, für die das Industrieministerium große Chancen für eine Importsubstitution sieht. Die lokale Fertigung soll nicht nur die Handelsbilanz entlasten, sondern auch den Abfluss von Devisen reduzieren. Auch gibt es in einzelnen Kategorien Restriktionen - beispielsweise beim Handel mit medizinischen und pharmazeutischen Erzeugnissen.

     

    Aktuelle Informationen zu Einreisebeschränkungen


    Von Michael Sauermost | Casablanca

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