Special Polen

Polen: Politische Unsicherheit belastet Investitionsattraktivität

Die gute Konjunktur und kontinuierlich steigende Konsumausgaben machen Polen zu einem attraktiven Markt. Das mittelosteuropäische Land zählte lange zu den Topinvestitionsstandorten in der Region. Aber das bisher geltende, sehr breite Angebot an Fördermöglichkeiten steht auf dem Prüfstand. Kritisch beurteilen Unternehmen seit Regierungsübernahme durch die rechtskonservative PiS-Partei 2015 vor allem politische Stabilität und Vorhersehbarkeit der Wirtschaftspolitik.

Politische Stabilität in Polen lässt nach

Der mit 38 Millionen Einwohnern größte Markt Mittelosteuropas (MOE) durchlebte 2016 mit 2,7 Prozent Wirtschaftswachstum ein Dreijahrestief. Das Tempo soll aber laut Polnischer Nationalbank (NBP) 2017 eine Vier vor dem Komma und 2018 etwa 3,4 Prozent erreichen. Nähere Informationen finden Sie im „Wirtschaftsausblick Polen".

Die sich nicht zuletzt dank Sozialmaßnahmen der Regierung beschleunigenden Konsumausgaben sowie über 122 Mrd. Euro Finanzmittel der Europäischen Union (EU), die bis 2023 ausgegeben werden können, machen Polen als Markt für ausländische Unternehmen attraktiv. Mehr zu den Stärken und Schwächen der Wirtschaft Polens finden Sie in unserer SWOT-Analyse Polen.


Entwicklung wichtiger Eckdaten (pro Monat)

Indikator

2015

2016

2017

Bruttolohn für einen Geschäftsführer (in Euro) 1)

3.466

3.209 2)

k.A.

Miete jeweils für Büroraum in Warschau (in Euro pro qm)

 

 

 

Innenstadt

25,00

24,00

23,75

außerhalb der Innenstadt

15,00

14,25

14,75

1) "Lohn- und Lohnnebenkosten in Polen" 2) Rückgang größtenteils bedingt durch die Abwertung des Zloty um 4,3 Prozent
Quellen: Sedlak & Sedlak, Cushman & Wakefield


Der wirtschaftliche Erfolg des Landes baut auch in Zukunft vor allem auf seiner Branchenvielfalt und gut ausgebildeten und motivierten Fachkräften auf. Allerdings hat die Ende 2015 von der rechtskonservativen Regierung losgetretene Gesetzeslawine viele Investoren verunsichert. Besonders fallen eine Bankensteuer und umstrittene Justizreformen auf. Das Justizministerium darf seit August 2017 ohne Grund die Richter von Zivil- und Strafgerichten entlassen. Eine neue Abgabe für den Einzelhandel wurde vorerst durch die Europäische Kommission gestoppt.

Immer sichtbarer wird der zunehmende wirtschaftliche Patriotismus. Selbst bei hochinnovativen Unterfangen, wie dem Wettbewerb für einen Elektroautoentwurf, wird permanent unterstrichen, dass damit der Grundstein für ein „polnisches“ E-Mobil gelegt wird. Der Staat nutzt sich am Markt öffnende Chancen, um zum Beispiel sein Engagement im Bankensektor zu erhöhen. Mit einer umfangreichen Novelle des erst ein Jahr zuvor beschlossenen Erneuerbare-Energien-Gesetzes wurden im Sommer 2016 nahezu der gesamtem Branche die Flügel gestutzt (s.a. "Branche kompakt: Flaute für Windenergie in Polen").

Dies spiegelt sich in Investorenmeinungen wieder. Nach drei Jahren an der Spitze des Standortattraktivitätsrankings der deutschen Auslandshandelskammern (AHK) im MOE-Raum musste sich Polen sowohl 2016 als auch 2017 der Tschechischen Republik geschlagen geben. Die davor als besondere Stärken hervorgehobenen Faktoren, wie politische Stabilität und Vorhersehbarkeit der Wirtschaftspolitik, zählen seitdem zu den am schlechtesten benoteten.

Der fortlaufende Ausbau der Infrastruktur oder die immer noch vorhandenen Fachkräfte ziehen dennoch weiterhin Investoren an. Großkonzerne, wie Daimler, LG Chem oder Lufthansa, kündigten in den letzten Monaten Vorhaben im Wert von jeweils dreistelligen Millionensummen an. Andererseits berichten einige KMU, mit ihren Projekten vorerst abwarten zu wollen.


Entwicklung ausländischer Direktinvestitionen (in Mrd. Euro)

Indikator

2013

2014

2015

Kumulierter Bestand

168,5

174,0

167,1

Nettotransfers

2,1

10,8

12,1

Quelle: Polnische Nationalbank


Deutsche Direktinvestitionen (in Mio. Euro)

Indikator

2012

2013

2014

Kumulierter Bestand

21,5

22,6

22,7

Nettotransfers

-4.113

2.830

531

Quelle: Deutsche Bundesbank


Größte deutsche Investoren (Stand: 2016)

Unternehmen

Branche

Umsatz in Mio. Euro

Lidl

Einzelhandel

3.208,7

Volkswagen Poznan

Kfz-Produktion

2.864,2

Metro Group Polska

Einzel- und Großhandel

2.466,1

Kaufland Polska

Einzelhandel

2.314,8

Volkswagen Group Polska

Kfz-Handel

2.177,3

Quelle: Liste der 500 größten Unternehmen der Tageszeitung Rzeczpospolita


Text: Michal Wozniak

Polen: Zukunftsorientierte Vorhaben haben bessere Chancen auf Förderung

Die bekundete Zurückhaltung könnte allerdings teilweise an der Verfügbarkeit von Fördermaßnahmen liegen. Bisher bietet Polen ein relativ umfangreiches Portfolio an Anreizen an. Dazu zählen direkte Zuschüsse, Steuernachlässe, Förderprogramme auf Basis von EU-Fonds oder auch die Vorbereitung von Investitionsflächen. Zusätzlich bieten die 14 vorhandenen Sonderwirtschaftszonen auch Unterstützung bei der administrativen Abwicklung des Investitionsprozesses und Vermittlung bei Gesprächen mit Bildungseinrichtungen zum Thema Fachkräfteausbildung oder teilweise sogar zum wunschgerechten Ausbau der Infrastruktur.

Allerdings laufen diese Programme allmählich aus. Das bestehende System, das bei der Festlegung des Unterstützungsportfolios fast ausschließlich die Investitionssumme sowie die Anzahl geschaffener Arbeitsplätze berücksichtigt, steht auf dem Prüfstand. Das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung will im Frühjahr 2018 einen neuen Kriterienkatalog vorlegen.

Aus den Ankündigungen geht hervor, dass zukunftsorientierte Vorhaben bessere Chancen auf höhere Förderung erhalten sollen. So ist angedacht, die Zahl der Arbeitsstellen nicht per se zu bewerten, sondern ihre Qualität: Besserbezahlte, anspruchsvollere Ingenieurstellen werden zum Beispiel höher bewertet werden als solche für einfache Bandarbeiter. Prämiert werden sollen auch innovative Branchen beziehungsweise die Herstellung innovativer Produkte, zum Beispiel aus den Bereichen Biochemie, IKT oder auch Elektromobilität. Heute schon werden zusätzliche Steuerabschreibungen für Forschungs- und Entwicklungsausgaben gewährleistet. Eine Art Miniaktiengesellschaft sowie ein staatlicher Venture Capital Fonds sollen der dynamischen Gründerszene weiteren Auftrieb geben.

Kleinunternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 1,2 Millionen Euro zahlen zudem seit Anfang 2017 noch niedrigere Steuern. Ein weiteres Novum könnte der Einfluss der Standortwahl auf die Zuteilung von Förderungen haben. Bisher reduzierte sich dieser auf den maximalen Wert der Unterstützung in der Region - gemäß EU-Vorgaben. Nun will die polnische Regierung aber, dass Investoren mehr Aufmerksamkeit auf unterentwickelte Teile des Landes richten. In unternehmerischen Ballungsräumen, wie Nieder- und Oberschlesien, Groß- und Kleinpolen oder Pommern, wird demnach nur punktuell bis zur für die jeweilige Region geltenden Förderobergrenze der EU unterstützt.

Weiterführende Informationen:

Text: Michal Wozniak

Polen: Mehrwertsteuerrückerstattung beschleunigt

Trotz der im regionalen Vergleich überdurchschnittlichen Zufriedenheit mit den Fachkräften und ihrer Verfügbarkeit wird dieser Aspekt immer mehr zum Problem für Unternehmen in Polen. Laut dem Statistischen Hauptamt waren Ende 2016 nahezu 78.000 Stellen unbesetzt. Alleine im 1. Halbjahr wurden mit knapp 177.000 nahezu 56 Prozent mehr Erlaubnisse für ausländische Industriearbeiter und Handwerker beantragt. Bei Maschinenführern hat sich die Anzahl der Anträge im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt.

Das deutet auf ein seit Jahren nicht angegangenes Manko Polens. Gehört die Qualität des Hochschulwesens zu den größten Vorteilen des Landes und findet um die Hälfte mehr Zuspruch als im MOE-Durchschnitt, sind weniger als 30 Prozent der von den AHK befragten Unternehmer zufrieden mit der Qualität der Berufsbildung. Eine Reform des Schulwesens soll diese daher ab Herbst 2017 effizienter und marktnäher gestalten. Eventuelle Früchte werden aber frühestens im nächsten Jahrzehnt sichtbar sein.

Wie lange Unternehmen auf eine effizientere Steuerverwaltung und ein einfacheres Steuersystem werden warten müssen, ist offen. Zurzeit ist die Regierung eher damit beschäftigt, steuerliche Schlupflöcher zu stopfen, was für Firmen zusätzliche Formalitäten und Kosten verursacht. Zunächst wurde die sogenannte einheitliche Kontrolldatei eingeführt. Dabei handelt es sich um ein System, dass die monatliche, digitale Erfassung von Transaktionsinformationen erzwingt. Große Unternehmen hatten lediglich einige Monate Zeit, um ihre Buchhaltungsstrukturen und -systeme an die neuen Vorgaben anzupassen, Mittelständler kaum mehr als ein halbes Jahr.

Wenig Vorlaufzeit wurde ebenfalls bei der Anweisung gewährt, Zahlungen im Wert von über 3.500 Euro im B2B-Verkehr nur noch per Überweisung zu tätigen. Weitere Maßnahmen beinhalteten das Reverse-Charge-Verfahren in der Bauwirtschaft oder in einigen anderen Branchen das sogenannte Split Payment, nach dem der Nettobetrag sowie die Steuer auf zwei separate Konten eingezahlt werden müssen.

Immerhin haben sich die Verfahren zur Mehrwertsteuerrückerstattung im Inlandverkehr beschleunigt: Im 1. Halbjahr 2017 warteten Unternehmen durchschnittlich 39 Tage auf die Rückzahlung, vier Tage weniger als im selben Vorjahreszeitraum. Vom Ausland beantragte Rückerstattungen dauern jedoch länger: Laut der AHK Polen, die deutsche Unternehmen bei dem Prozess unterstützt, müssen durchschnittlich drei bis sechs Monate Geduld aufgebracht werden.


WEF-Länderrating 2017 bis 2018, Polen (wirtschaftlicher Rang von insgesamt 137 Ländern)

Kriterien 1)

Polen

Deutschland

Gesamtrang

39

5

1 Institutionen 2)

72

21

2 Infrastruktur

44

10

3 Gesundheit und Grundbildung

38

13

4 Höhere Bildung und Ausbildung

40

15

5 Effizienz der Gütermärkte 3)

45

11

6 Effizienz des Arbeitsmarkts

78

14

7 Entwicklung des Finanzmarkts 4)

53

12

8 Qualität des Geschäftsumfeldes

57

5

9 Korruption 5)

29

10

1) bewerten unter anderem: 2) Eigentumsrechte, Unabhängigkeit der Justiz, Auditierung, 3) benötigte Zeit für die Unternehmensgründung, Wettbewerbsintensität, Besteuerung, Zollvorschriften, 4) Beschränkungen der Kapitalströme, 5) Rang (von 176 Ländern) bei Transparency International (TI)
Quellen: World Economic Forum, Global Competitiveness Report; Transparency International


Das World Economic Forum bewertet in seinem Konkurrenzfähigkeitsranking die polnischen Institutionen als globales Mittelmaß. Insgesamt geht es für Deutschlands östlichen Nachbar aber kontinuierlich aufwärts: Im Ranking 2016 bis 2017 kletterte Polen insgesamt um fünf Plätze nach oben auf Rang 36. Die stärksten Aufstiegstreiber der letzten Jahre waren Infrastruktur und Wirtschaftskonjunktur. Abstriche mussten bei der Entwicklung des Finanzmarktes gemacht werden.

Große Fortschritte machte Polen hingegen im Hinblick auf die Korruptionsbekämpfung. Im mittelosteuropäischen Vergleich schneidet lediglich Estland im Korruptionsindex von Transparency International besser ab. Auch einige westeuropäische Wirtschaften, wie Spanien, Portugal oder Italien, schnitten beim Korruptionsindex schlechter ab als Polen.

Text: Michal Wozniak

Polen: Kontakte, Internetadressen

Bezeichnung

Internetadresse

Anmerkungen

Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK Polen)

http://polen.ahk.de

Dienstleistungen im Bereich Markt-, Investitions-, Personal- und Rechtsberatung, Unterstützung bei der Fachkräfteausbildung

Deutsche Botschaft Warschau

http://www.polen.diplo.de

 

Polnisches Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung (Ministerstwo Rozwoju)

http://www.mr.gov.pl

Verteilung von EU-Fonds-Geldern, Festlegung von Prinzipien der Investorenförderung

Polnische Agentur für Investitionen und Handel (Polska Agencja Inwestycji i Handlu)

http://www.paih.gov.pl/de

Umsetzung der staatlichen Investitionsförderung, Unterstützung bei der Beantragung von Fördermitteln, Aufsicht über Sonderwirtschaftszonen

Polnischer Entwicklungsfonds (Polski Fundusz Rozwoju)

https://www.pfr.pl/en

vereint staatliche Gesellschaften zur Unternehmensförderung

Nationales Zentrum für Forschung und Entwicklung (Narodowe Centrum Badan i Rozwoju)

http://www.ncbr.gov.pl/en

Beaufsichtigung von Förderprogrammen für Forschung und Entwicklung einzelner Branchen, Verteilung von Fördermitteln für Forschungs- und Entwicklungsprojekte

Text: Michal Wozniak

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