Special l Tunesien l Wege aus der Coronakrise

Das Virus begleitet Tunesien durch den Sommer

Tunesien hat die Coronakrise noch nicht überwunden. Das gefährdet die wirtschaftliche Erholung.

Von Peter Schmitz | Tunis

  • Konjunktur und wichtigste Branchen

    Die wirtschaftliche Erholung Tunesiens verläuft schleppend. Die weiterhin hohen Ansteckungszahlen vergrößern die Unsicherheit. (Stand: 15. Juli 2021) 

    Seit Ende Mai 2021 steigen die Covid-19-Infektionszahlen in Tunesien, das Land ist in einer vierten Welle. Es stehen nun mehr Tests zur Verfügung, doch die Positivrate liegt nach wie vor bei deutlich über 30 Prozent. Zudem ist die Todesrate Anfang Mai stark angestiegen und gehört zu den höchsten weltweit. Auch hier ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.  

    Die Situation in den Krankenhäusern ist mehr als angespannt. Aus dem Ausland kommen Hilfslieferungen, Sauerstoff, Beatmungsgeräte und Impfstoffe. Die Regierung hat nach einigem Zögern und in mehreren Schritten die Einschränkungen wieder ausgeweitet. Das Opferfest am 20./21. Juli wird wohl nun doch nicht für einen eineinhalbwöchigen Lockdown genutzt. Zum Ende des Fastenmonats Ramadan Mitte Mai hatte es eine solche Regelung gegeben - in der Hoffnung, einerseits größere Ansammlungen zu verhindern und andererseits die Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben so gering wie möglich zu halten. 

    Nach einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von mehr als 8 Prozent im Jahr 2020 gehen langsam auch die Wachstumsprognosen für 2021 zurück: Sie liegen nun bei etwa 3,5 Prozent. Im ersten Quartal 2021 gab es einen Rückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum - gegen dessen Ende die Pandemie in Tunesien erst ankam - um etwa 3 Prozent. Vor allem das Hotel- und Gastgewerbe wird wohl wieder ein schwarzes Jahr erleben. Zwar dürfen Hotels und Restaurants unter gewissen Auflagen öffnen und viele Restaurants bieten Lieferservice an. Gerade für die großen Hotels an der Küste lohnt sich der Betrieb aber erst ab einer gewissen Auslastung, die aktuell oft nicht gegeben ist.

    Industrie hängt von Nachfrage im Ausland ab

    Die Industrie spürte im ersten Quartal 2021 eine steigende Nachfrage. Der Großteil der Produktion geht ins Ausland, hier wirkt sich die Erholung der Konjunktur in Europa positiv aus. Wichtig wird es sein, dass Tunesien als Teil der internationalen Lieferketten nicht ausfällt. Das gilt vor allem für Automobilzulieferbetriebe. Kommt es hier zu Ausfällen, könnte das die Hoffnungen Tunesiens untergraben, sich als Nearshoring-Standort noch stärker in den Blickpunkt zu setzen. Gute Nachrichten kamen zu Jahresbeginn aus der Textilindustrie. Hier gab es steigende Investitionen. Einer Umfrage zufolge hätten immerhin 87 Prozent der Unternehmen die Produktion aufrechterhalten.

    Die exportorientierten Industriezweige Tunesiens sahen sich 2020 einer eingebrochenen Nachfrage gegenüber. Die elektromechanische Industrie verzeichnete einen Produktionsrückgang um 12,9 Prozent, die Textilindustrie um 16,8 Prozent. Positiver Ausreißer des Jahres 2020 war die Nahrungsmittelindustrie. Sie konnte einen Produktionszuwachs von 3 Prozent verzeichnen. Grundsätzlich könnte Tunesien von der Krise profitieren, nämlich dann, wenn die Produktion von Vor- und Fertigprodukten aus beispielsweise Fernost näher an die Europäische Union verlagert wird. Insbesondere für die europäische Automobilindustrie ist Tunesien seit Jahrzehnten ein wichtiges Glied in der Lieferkette.

    Trotz Tourismusflaute: Lichtblick im Dienstleistungssektor

    Offensichtlich war der Einbruch im Tourismus. Tunesien öffnete seine Grenzen Ende Juni 2020 wieder, auch für Touristen. Aber nachdem 2019 etwa 9,5 Millionen Touristen das Land besucht hatten, waren es 2020 nur knapp über 2 Millionen. Die Einnahmen sanken von 2,4 Milliarden Euro auf etwa 750 Millionen Euro. Mit rund 13 Prozent Beitrag zum BIP und 400.000 Arbeitsplätzen spielt der Tourismus eine zentrale Rolle für die Gesamtwirtschaft. Auch wenn Geimpfte in Tunesien ohne Quarantäne einreisen können, tun dies nur Wenige, da viele Länder Tunesien mindestens als Hochinzidenzgebiet oder Risikogebiet eingestuft haben. Selbst manche Auslandstunesier zögern angesichts der Lage, ihren Urlaub zu Hause zu verbringen. Damit dürfte auch das Jahr 2021 schwierig werden. Tunesien versucht weiterhin, das touristische Angebot zu diversifizieren. Unterstützung gibt es dabei unter anderem von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Ziel ist die Förderung von nachhaltigen Tourismusprojekten, insbesondere im Landesinneren.

    Noch nicht wieder angezogen haben die ausländischen Direktinvestitionen (FDI). Für das erste Quartal 2021 meldet die Foreign Investment Promotion Agency (FIPA) einen Rückgang um mehr als 30 Prozent. Vor allem die Bereiche Industrie, Energie und Landwirtschaft waren betroffen. Einzig der Dienstleistungsbereich legte zu. Hier lagen die FDI im Vergleichszeitraum 2020 bei etwa 6 Millionen Euro, in den ersten drei Monaten 2021 hingegen bei über 11 Millionen Euro. IT-Dienstleitungen gelten als Hoffnungsträger für die Zukunft Tunesiens. Aktuell ist hier immerhin schon ein Lichtblick auszumachen.

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    Nachschub an Impfstoff stockt

    Der Beginn der Impfungen gegen das neuartige Virus war in Tunesien mehrmals verschoben worden. Mitte März 2021 trafen 30.000 Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V ein, die insbesondere für medizinisches Personal vorgesehen waren. Nach und nach trafen Lieferungen der Impfstoffe von Pfizer/Biontech und AstraZeneca im Rahmen der COVAX-Initiative (Covid-19 Vaccines Global Access) ein. Die Impfbereitschaft ist inzwischen gestiegen. Das tunesische Gesundheitsministerium hat ein Portal eingerichtet, auf dem sich impfwillige Einwohner (In- und Ausländer) registrieren können. Bis zum 15. Juli 2021 waren dort etwa 3,4 Millionen Registrierungen eingegangen, vollständig geimpft waren zu diesem Zeitpunkt etwa 755.000.

    Von Peter Schmitz | Tunis

  • Konjunktur- und Hilfsprogramme

    Finanziell hat die tunesische Regierung wenig Spielraum. Wirtschaftspolitische Reaktionen konzentrierten sich vornehmlich auf einen Aufschub von Abgaben. (Stand: 15. Juli 2021)

    Den fehlenden finanziellen Spielraum der tunesischen Regierung erweiterten internationale Geber. Der Internationale Währungsfonds half mit einer Finanzhilfe von knapp 750 Millionen US-Dollar (US$), die Europäische Union gab im April 2020 ein Sonderdarlehen von 600 Millionen Euro. Im Juli 2020 schloss die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein bilaterales Darlehen in Höhe von 150 Millionen Euro ab. Damit sollte Tunesien auf die Krise reagieren können. Zusätzlich legte die Regierung zur Finanzierung von Hilfsmaßnahmen den Fonds1818 auf. Hier konnten Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen spenden. Der Fonds wird von einer interinstitutionellen Kommission beaufsichtigt. Im Januar 2021 meldete diese, dass fast 70 Prozent der Einzahlungen Ende Dezember für Ausrüstung und Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie abgeflossen seien. Bis dahin waren etwa 62 Millionen Euro eingezahlt worden. 

    Maßnahmen zur wirtschaftlichen Bewältigung der Krise

    Bereits Ende März 2020 legte die Regierung einen Notfallplan vor, der etwa 750 Millionen Euro umfasste. Beispielsweise wurde die Mehrwertsteuererstattung beschleunigt oder Strafzahlungen und Steuerentrichtung aufgeschoben. Besonders stark betroffene Sektoren, insbesondere im Tourismus, erhielten subventionierte Zinssätze für Investitionskredite. Zudem musste der Gesundheitssektor besser ausgestattet werden. Aus Unternehmenskreisen gab es aber Kritik an der Bearbeitung der entsprechenden Anträge. Einige dieser Maßnahmen, wie die Ausnahme von der Körperschaftssteuer für besonders betroffene Unternehmen, wurde auch in das Haushaltsgesetz 2021 aufgenommen.

    Unternehmen, die unter dem Exportregime agieren, wurde es erlaubt, bis zu 50 statt 30 Prozent der Produktion auf dem lokalen Markt zu verkaufen. Unternehmen in den Bereichen Nahrungsmittel und Gesundheit wurde bis zu 100 Prozent gestattet. Für viele der betroffenen Unternehmen spielte das keine Rolle, da die Produktion auf die Zulieferung nach Europa ausgerichtet ist, und es keine oder nur geringe Nachfrage auf dem lokalen Markt gibt. 

    Maßnahmen im Detail

    Eine Übersicht der ab März 2020 getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen bieten folgende Internetseiten:




    Unterstützung gab es darüber hinaus für die Bevölkerung in Form von Zahlungen an besonders bedürftige Familien oder durch Aussetzung der Zahlungen an die öffentlichen Energie- und Wasserversorger.

    Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen 

    Aufgrund der finanziellen Lage konnte Tunesien keine Investitionsprogramme starten. Stattdessen senkte die Zentralbank den Leitzins in zwei Schritten von 7,75 Prozent auf 6,25 Prozent, um den Finanzsektor zu unterstützen. Die Banken wurden angehalten, Zinszahlungen von Unternehmen aufzuschieben und keine Gebühren für elektronische Vorgänge zu erheben. Nicht zur Verbesserung der Rahmenbedingungen trug die Diskussion um die Angleichung der Körperschaftssteuersätze bei. Der neue allgemeine Satz von 15 Prozent bedeutet für Unternehmen des Exportregimes eine abermalige Erhöhung, nachdem der Satz innerhalb weniger Jahre von 0 Prozent über 10 auf 13,5 Prozent gestiegen war. Für Unternehmen, die bisher bereits einen Satz von 35 Prozent zu entrichten hatten (darunter Banken, Versicherungen und Telekommunikationsanbieter) blieb dieser konstant.

    Fördermittel für deutsche Unternehmen

    Deutsche Unternehmen operieren in der Regel unter dem Exportregime und können nicht auf die ohnehin gering ausfallende Unterstützung setzen. So mussten sie beispielsweise auch im Lockdown weiter Gehälter bezahlen, ohne vom Staat dafür Unterstützung zu bekommen. Eine Alternative stellt die AfricaConnect COVID-19 Response der KfW-Tochter DEG Invest dar. Unternehmen können damit bestehende oder geplante Investitionen in afrikanischen Ländern finanzieren. Informationen dazu gibt es auf der Internetseite der DEG.  

    Von Peter Schmitz | Tunis

  • Einschränkungen im Personen- und Warenverkehr

    Während die Einreise nach Tunesien wieder vereinfacht wurde, ist die Bewegungsfreiheit im Land zeitweise eingeschränkt  (Stand: 15. Juli 2021).

    Seit dem 29. November 2020 muss bei der Einreise nach Tunesien ein negativer PCR-Test vorgelegt werden, der bei der Abreise nicht älter als 72 Stunden sein darf. Die genaue Handhabung sollte vor dem Abflug bei der Fluggesellschaft abgefragt werden. Reisende müssen ein Informationsblatt ausfüllen, das Flug- und Kontaktdaten abfragt.

    Nach der Ankunft in Tunesien ist seit Mai 2021 eine Isolation von mindestens sieben Tagen einzuhalten. Diese kann im Hotel oder privat verbracht werden. Personen, die über den Nachweis einer vollständigen Impfung oder Genesung nach einer Infektion mit dem Coronavirus innerhalb der letzten sechs Monate vor Einreise verfügen, sind von der Isolation ausgenommen. Der PCR-Test muss bei der Einreise dennoch vorgelegt werden.

    Kinder unter zwölf Jahren sind weiterhin von etwaigen Pflichten ausgenommen. Spezielle Regelungen gelten zudem für Reisende, die aus medizinischen Gründen reisen oder die eine organisierte Reise gebucht haben (Inclusive Tour/ Voyage à Forfait).

    Es wird empfohlen, sich vor Reisebeginn mit der betreffenden Fluggesellschaft beziehungsweise dem Reiseveranstalter in Verbindung zu setzen, um die genauen und aktuellen Maßnahmen zu erfahren.

    Aktuelle Informationen zu Reisebeschränkungen

    Die Bestimmungen hatten sich seit dem Herbst 2020 immer wieder geändert. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung besteht landesweit eine Ausgangssperre von 20:00 bis 05:00 Uhr. Messen, Foren oder Kongresse sowie private Feiern sind untersagt. Der Besuch von Moscheen und Kirchen zu Gebetszeiten oder Gottesdiensten ist möglich. Die Anwendung von Hygienemaßnahmen soll verstärkt kontrolliert und ggf. sanktioniert werden. Im Innern öffentlicher Gebäude und im ÖPNV ist beispielsweise das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes vorgeschrieben. Nichtbeachten soll mit 60 tunesischen Dinar belegt werden.

    Seit dem 20. Juni 2021 gelten je nach Inzidenz gezielte Maßnahmen in den einzelnen Gouvernoraten, die Bewegung zwischen den Gouvernoraten ist eingeschränkt. Im Großraum Tunis (Gouvernorate Tunis, Ben Arous, Ariana und Manouba) gelten unter anderem eine Reduzierung des Einzelhandels, keine Bestuhlung im Innern von gastronomischen Betrieben und 50 Prozent in den Außenbereichen, sowie ein Lockdown an den Wochenenden des 11. und 12. sowie des 17. und 18. Julis.

    In den Gouvernoraten Beja, Kairouan, Siliana und Zaghouan gilt ein Lockdown. In den anderen Gouvernoraten gelten gezielte Eindämmungsmaßnahmen. Angesichts der Entwicklung im Land sollten Reisende sich jeweils über den aktuellen Stand informieren.

    Die Regierung steht unter dem Druck, einerseits das Gesundheitssystem zu schonen, andererseits die Interessen von Wirtschaft (wie Tourismus) und Diaspora mit einzubeziehen. Insbesondere im islamischen Fastenmonat Ramadan und den Sommermonaten wollen viele der im Ausland lebenden Tunesier ihre Familien besuchen. In der Vergangenheit wurden Maßnahmen aber auch offensichtlich aus politischen oder sozialen Gründen verschärft.

    Von Peter Schmitz | Tunis

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