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Special USA Seidenstraße

Chinesische Kapitalgeber treten in den USA den Rückzug an

Bei Schlüsseltechnologien wie Halbleitern und Künstlicher Intelligenz (KI) müssten chinesische Firmen womöglich neue Standards entwickeln, um stärker in den US-Markt vorzudringen.

Von Heiko Steinacher | San Francisco


  • Für chinesische Investoren wird der Weg in die USA steiniger

    Die Anzahl der Deals ist seit 2018 deutlich zurückgegangen. Und die US-Regierung erhöht den Druck weiter: Sie will Huawei den Zugang zu Chips aus internationaler Produktion kappen.

    An der Technologiebörse Nasdaq und der New York Stock Exchange waren Mitte 2020 rund 230 chinesische Unternehmen gelistet, mit einem Börsenwert von insgesamt 1,8 Billionen US-Dollar (US$). In den letzten beiden Jahren sind aber kaum noch neue hinzugekommen.

    Dasselbe gilt in Bezug auf den Wert chinesischer Investitionen in den USA: Waren es im Jahr 2017 noch 23 Milliarden US$, so gab es im 1. Quartal 2020 gerade einmal elf Deals im Gesamtwert von 400 Millionen US$. Im 1. Quartal 2019 waren es immerhin noch 18 für 1,8 Milliarden US$. Und von 2005 bis 2019 sogar 180 Milliarden US$, das entspricht einem Quartalsmittel von 3 Milliarden US$. Die Zahlen stammen vom American Enterprise Institute und der Technologieberatung GP Bullhound.

    Keine klaren Schwerpunktbranchen

    In sieben verschiedene US-Branchen flossen in diesem Zeitraum (2005 bis 2019) jeweils mehr als 15 Milliarden US$ chinesisches Kapital: das meiste in den Immobiliensektor, aber auch der Finanz-, Transport- und Technologiesektor zogen hohe Summen an. Eine oder wenige klare Schwerpunktbranchen des produzierenden Gewerbes, die besonders im chinesischen Interesse stehen, zeichnen sich aus diesen Zahlen jedoch nicht ab.

    Die jeweils drei größten chinesischen Investoren in ausgewählten US-Branchen (nach Investitionsvolumen, in Milliarden US-Dollar)

    Branche

    Investor

    Unternehmen, an dem Anteile erworben wurden

    Investitionsvolumen

    Jahr

    Technologie

    HNA

    Ingram Micro

    6.000

    2016

    Zhuhai Seine Technology, Legend

    Lexmark

    3.400

    2016

    Lenovo

    Motorola Mobility

    2.910

    2014

    Transport

    HNA

    CIT Group

    10.380

    2017

    Tencent

    Tesla

    1.780

    2017

    Didi Chuxing

    Uber Global

    1.000

    2016

    Immobilien

    Shanghai Greenland

    Forest City Ratner

    2.580

    2014

    Shanghai Greenland

    California State Teachers‘ Retirement System

    1.260

    2013

    CIC

    Invesco

    1.030

    2016

    Quelle: American Enterprise Institute

    Wagniskapitalgeber wie Sequoia Capital China und Qiming Venture Partners sorgten dafür, dass viele dieser Firmen wachsen konnten. Auch Chinas Tech-Giganten Baidu, Alibaba und Tencent, die ihr ursprüngliches Such-, E-Commerce- und Glücksspielgeschäft längst auf andere Wirtschaftsbereiche wie das Gesundheitswesen und die Finanzwirtschaft ausgeweitet haben, finanzieren viele chinesische sowie auch US-Start-ups. So steckte Alibaba ab 2013 beträchtliche Summen unter anderem in den Fahrdienst-Vermittler Lyft und den Social-Media-Dienst Snap. Auch in US-Unternehmen mit Bezug zu „sensiblen“ Technologien haben sich chinesische Investoren eingekauft, darunter in das 2019 vom Chipkonzern Intel übernommene Netzwerk-Start-up Barefoot Networks, den Roboterautoentwickler Zoox und das Spracherkennungs-Start-up AISense.

    Technologiestreit zwischen den USA und China spitzt sich seit 2018 zu

    Das Marktforschungsunternehmen Rhodium schätzt, dass gut ein Fünftel der chinesischen Risikokapitalinvestitionen in den USA von 2000 bis 2017 aus staatlichen Fonds stammte, die zumindest teilweise von der Regierung in Peking kontrolliert werden. Und dass dieser Anteil bezogen auf 2018 etwa doppelt so hoch war. Doch damit verbundene Spionageängste waren nur einer der Gründe dafür, dass sich das Klima zwischen den beiden Nationen seit 2018 merklich abkühlte: Denn die Sonderzölle, die Washington neben neuen Importabgaben sukzessive auf immer mehr Waren erhob und die sich zwar nicht nur, aber vor allem gegen das Land der Mitte richteten, sind auch vor dem Hintergrund des Handelsbilanzdefizits der USA, dem Streit um den Schutz geistigen Eigentums und erzwungener Technologietransfers in China zu sehen.

    Außerdem landete das chinesische Unternehmen Huawei im Mai 2019 auf einer Entity List der US-Regierung: Seitdem unterliegen dessen sowie inzwischen auch die Geschäftsbeziehungen von mehr als 180 anderen chinesischen Unternehmen zu US-Partnern strengen Kontrollen. Im August 2020 ließ Washington dann die Ausnahmeregelung auslaufen, die Huawei weiterhin Geschäfte mit US-Unternehmen ermöglicht hatte, sodass der chinesische Netzwerkausrüster für seine Android-Geräte nur noch die Open-Source-Fassung des Smartphone-Betriebssystems von Google nutzen kann, die keinen Play Store mehr bietet.

    Seither dürfen an Huawei grundsätzlich keine Chips mehr geliefert werden, wenn sie mithilfe US-amerikanischer Software entworfen oder mit US-amerikanischer Technik gefertigt wurden. Betroffen sind davon quasi sämtliche Chips aus internationaler Produktion. Zahlreiche Huawei-Tochtergesellschaften sind durch diese Zusatzverschärfung neu auf die Entity List gekommen, darunter auch Huawei Technologies Düsseldorf, Huawei Cloud Berlin und Huawei OpenLab München.

    Je näher die US-Wahl, desto härter die Schläge gegen Chinas Tech-Giganten

    Auch ist es seit Mai 2019 in den USA verboten, Ausrüstungen ausländischer Firmen einzusetzen, die als „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ gelten. Laut einer Verfügung von März 2020 sollen kleineren Anbietern die Kosten dafür erstattet werden, verbotene Ausrüstungen und Dienste aus US-Netzwerken zu entfernen und sie durch „sicherere“ Lösungen zu ersetzen.

    Mit dieser Begründung („Bedrohung für die nationale Sicherheit“) verbot US-Präsident Donald Trump im August 2020 per Dekret US-Unternehmen dann auch Geschäfte mit WeChat (Eigner: Tencent) und anderen chinesischen App-Anbietern. Laut einer weiteren Verfügung nur wenige Tage später muss sich ByteDance, der chinesische Mutterkonzern von TikTok, binnen drei Monaten von allen Daten von Nutzern in den USA trennen. Beobachter konstatieren, dass sich die Video-App in den USA zunehmend zu einer Plattform für politische Debatten und Kampagnen entwickelt habe.

    2018 kamen noch über 30 chinesische Unternehmen neu an die Nasdaq, darunter das Video-Streaming-Spin-off iQiyi des Suchmaschinenbetreibers Baidu, die E-Commerce-Plattform Pinduoduo und der Elektroautohersteller Nio. Zu den wenigen, die den Schritt derzeit wagen wollen, zählt das chinesische Start-up XPeng Motors.

    Nun will die US-Regierung gegen an US-Börsen notierte chinesische Unternehmen vorgehen, die sich nicht an die dort gängigen Bilanzprüfungen halten. Medienberichten zufolge erwägen daraufhin bereits einige chinesische Firmen, sich von US-Aktienmärkten zurückzuziehen.

    Von Heiko Steinacher | San Francisco

  • US-Verbote beflügeln Chinas technologischen Unabhängigkeitseifer

    Chinesische Kapitalgeber ziehen sich seit 2018 aus den USA zurück. Der Vorsprung bei 5G-Patenten könnte Huawei-Technologie für Netzbetreiber eines Tages unverzichtbar machen.

    Der Technologiebann für chinesische Anbieter durch die Trump-Administration führte dazu, dass Start-up-Gründer aus dem Reich der Mitte viele Geschäfte in den USA aufgaben. Mit der Verschärfung der Investitionskontrollen im Jahr 2018 ist auch das zuvor langjährige chinesische Interesse an der Finanzierung von Silicon-Valley-Start-ups zurückgegangen: Seitdem werden Investitionen in US-Unternehmen geprüft, die bestimmte Tätigkeiten in Verbindung mit kritischen Technologien, kritischen Infrastrukturen und sensiblen persönlichen Daten von US-Bürgern ausüben. Zur kritischen Infrastruktur zählen dabei Netze in den Bereichen Telekommunikation, Energie- und Wasserversorgung, Öl und Gas sowie Infrastruktur zum Betrieb der Finanzmärkte und auch militärischer Einrichtungen. Zuständig für die Investitionskontrollen ist ein ressortübergreifender Ausschuss (Committee on Foreign Investment in the United States; CFIUS).

    Allein die Ankündigung neuer Investitionskontrollen schreckte ab

    Nach einer damaligen Schätzung des Marktforschungsunternehmens Rhodium hätten nach den neuen Regeln bis zu drei Viertel der chinesischen Risikokapitalinvestitionen durch das CFIUS überprüft werden müssen. Das veranlasste viele zum Umdenken. "Viele chinesische Investoren haben entschieden, dass es sich nicht lohnt, mehr als ein Jahr auf eine CFIUS-Prüfung zu warten, die mit einem "nein" enden könnte, und deshalb auf Geschäfte in den USA verzichtet“, sagt Charles Liu, Mitbegründer des Private-Equity-Fonds HAO Capital. Laut unbestätigten Meldungen waren davon mehrere geplante Investitionen in US-Halbleiterdesignunternehmen betroffen. "Das Schlimmste für Investoren ist die Unsicherheit", meint Liu.

    Auch sind US-Unternehmen ihrerseits vorsichtiger geworden: So lehnte Volley Labs bereits 2018 Angebote chinesischer Investoren ab. Das Silicon-Valley-Start-up, das mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) Schulungsmaterial für Unternehmen erstellt, sammelte in einer Finanzierungsrunde im Jahr davor unter anderem auch Geld chinesischer Investoren ein.

    Reuters berichtete im Januar 2019, dass sogar das FBI Geschäftsleute darauf hingewiesen habe, keine Deals mit chinesischen Investoren abzuschließen; dabei sei es um Unternehmen gegangen, die KI-Systeme und autonome Antriebstechnologien entwickeln. Ferner habe die Nachrichtenagentur von Anwälten erfahren, dass einige US-Start-ups eigens ihre Vertragsbedingungen geändert hätten, um einer Überprüfung durch das CFIUS zu entgehen: Neue Bestimmungen sollen ausländische Investoren zum Beispiel daran hindern, firmeninterne technische Informationen zu erhalten, oder ihnen Aufsichtsrats- und Vetorechte in künftigen Finanzierungsrunden verweigern.

    Das Rennen um die vierte industrielle Revolution geht weiter

    Von dem Technologiestreit zwischen den USA und China sind vor allem die Bereiche Telekommunikationsdienste, Cloud-Dienstleistungen, App-Stores und App-Vorinstallationen betroffen. Wohin er führen wird, ist schwer zu sagen. Die Kampfrhetorik seitens des US-Präsidenten und Maßnahmen gegen China dürften angesichts der bevorstehenden US-Wahl in den nächsten Wochen wohl kaum nachlassen. Im August kündigte das Weiße Haus an, mehr Frequenzen im für den 5G-Ausbau besonders wichtigen Mittelbandspektrum versteigern zu wollen: Wenn US-Anbieter in dem Bereich aufholen, könnten "Buy America"-Anforderungen womöglich auch stärker auf den Technologiesektor ausgeweitet werden, um heimischen Unternehmen einen Vorteil zu verschaffen.

    Andererseits könnte sich der Abstand der USA zu China in dem Bereich durch den Streit auch noch vergrößern. Denn chinesische Unternehmen haben den größten Anteil an allen 5G-Patenten weltweit. Vor allem Huawei hat sich einen reichhaltigen Patentfundus für die drahtlose Kommunikation gesichert. Damit könnte Huawei-Technologie für Netzbetreiber eines Tages unverzichtbar werden.

    Immer wahrscheinlicher scheint, dass die Chinesen bei Schlüsseltechnologien wie Halbleitern und KI von Grund auf komplett neue Standards entwickeln müssten, um stärker in den US-Markt vorzudringen. Im Moment wird das eher als schwierig gesehen, denn für die Entwicklung wettbewerbsfähiger Alternativen wären in einigen Hochtechnologiebereichen wie Halbleiterfertigung oder Quantencomputing Milliardeninvestitionen nötig, voraussichtlich über viele Jahre.

    Wichtige Schauplätze sind neben 5G- auch Blockchain- und IoT-Technologien

    Auch wird es im sino-amerikanischen Technologierennen vermutlich viel um Fintech und digitale Währungen gehen. Chinas Bemühungen rund um seine eigene Kryptowährung, den digitalen Yuan, sind bereits sehr weit fortgeschritten. Auftrieb verleiht digitalen Währungen derzeit die Coronoakrise, zum einen wegen der Geldflut der Zentralbanken und zum anderen durch die Sorge um eine Virusübertragung bei Bezahlvorgängen.

    Zu einem weiteren Schlachtfeld könnten soziale Medien werden: Im Gegensatz zu US-Plattformen warteten chinesische Apps wie TikTok in den letzten Jahren mit größeren Innovationen auf, unter anderem mithilfe von Algorithmen und der immer gezielteren Personalisierung von Inhalten. Auch WeChat hat sich zu einer Super-App entwickelt, die neben Messaging-Diensten inzwischen viele weitere Funktionen anbietet wie Zahlungen, Einkäufe und Gaming.

    Bei neuen Lösungen werden die Kosten eine wichtige Rolle spielen: So konzentriert sich zum Beispiel bereits ein Huawei-Team auf die Entwicklung kostengünstiger Lidar-Sensoren für autonome Fahrzeuge. Medienberichten zufolge will Huawei in China Lidar-Sensoren für umgerechnet 100 US-Dollar herstellen. Sollte das möglich sein, wären diese um ein Vielfaches günstiger als US-amerikanische Pendants. Und sie würden gewiss das Interesse von Entwicklern autonomer Fahrzeuge rund um den Globus wecken, auch in den USA.

    Die jeweils drei größten chinesischen Investoren in ausgewählten US-Branchen (nach Investitionsvolumen, in Milliarden US-Dollar)

    Branche

    Investor

    Unternehmen, an dem Anteile erworben wurden

    Investitionsvolumen

    Jahr

    Finanzen

    CIC

    Morgan Stanley

    5.000

    2007

    SAFE

    TPG Fund

    2.510

    2008

    Fosun

    Ironshore

    1.840

    2015

    Tourismus

    HNA

    Blackstone

    6.500

    2016

    Anbang

    Blackstone

    5.720

    2016

    HNA, Jin Jiang Hotels

    Carlson Hotels

    2.010

    2016

    Unterhaltung

    Dalian Wanda

    Legendary Entertainment

    3.500

    2016

    Tencent

    Snapchat

    2.240

    2017

    Dalian Wanda

    Carmike Cinemas

    1.160

    2016

    Andere

    Shuanghui

    Smithfield Foods

    7.100

    2013

    Haier

    General Electric

    5.400

    2016

    Creat

    Grifols

    1.930

    2019

    Quelle: American Enterprise Institute

    Von Heiko Steinacher | San Francisco

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