Wirtschaftsumfeld | Albanien | Wirtschaftsstruktur
Tourismus, Bau- und Landwirtschaft prägen Wirtschaftsstruktur
Tourismus und Infrastruktur kurbeln die Wirtschaft an. Die schwache industrielle Basis bremst hingegen das verarbeitende Gewerbe. Potenzial bietet der Ausbau erneuerbarer Energien.
30.03.2026
Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad
Albanien verzeichnet seit Ende der Corona-Pandemie mit Zuwächsen von 3,5 Prozent und mehr eine der höchsten Wirtschaftswachstumsraten in Europa. Das Land handelte 2025 mit der Bundesrepublik Waren im Wert von rund 700 Millionen Euro - ein Plus von 11,5 Prozent. Deutschland war der fünftgrößte Handelspartner, hinter Italien, China, Griechenland und der Türkei.
Das südosteuropäische Land wurde 2009 NATO-Mitglied und ist seit 2014 EU-Beitrittskandidat. Die Verhandlungen wurden 2022 aufgenommen. Ende 2025 hatte Albanien bereits sämtliche 35 Verhandlungskapitel eröffnet. Die bis 2030 angestrebte EU-Integration bleibt der zentrale Ankerpunkt der Reformagenda der Regierung Rama.
Albanien gehörte nicht zum ehemaligen Jugoslawien, sondern war unter Diktator Enver Hoxha knapp 40 Jahre größtenteils von der Außenwelt abgeschottet. Darunter leidet die Industrie bis heute. Von den einst großen staatlichen Unternehmen ist nicht mehr viel übrig. Der Nachholbedarf in der Infrastruktur ist nach wie vor groß. Doch Albanien macht nach und nach den Rückstand wett und modernisiert seine Wirtschaft.
Unterstützung erhält Albanien dabei auch aus Brüssel. Neben Vorbeitrittshilfen stellte der Staatenverbund mit dem Wachstumsplan vom Herbst 2023 weitere 6 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Auszahlung der Tranchen ist an die Umsetzung von Reformen gekoppelt.
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Tourismus, Dienstleistungs- und Baugewerbe setzen Wachstumsimpulse
Albaniens Wachstumstreiber Nummer eins ist die boomende Tourismusbrache. Im Jahr 2025 kamen 12,5 Millionen ausländische Gäste ins Land - ein Plus von 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, meldet Instat. Die Tourismusbranche erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von rund 5 Milliarden Euro und damit rund ein Fünftel der albanischen Wirtschaftsleistung. Nicht nur bei Badegästen an der albanischen Riviera, sondern auch bei Naturliebhabern oder Alpintouristen steigt die Beliebtheit des Landes. Das Wachstum im Tourismus beflügelt indirekt andere Branchen wie den Dienstleistungssektor oder das Baugewerbe, die von Aufträgen durch die steigenden Gästezahlen aus dem Ausland profitieren.
Die Landwirtschaft und Industrie sind weitere wichtige Wirtschaftszweige, tragen aber nur in abnehmendem Maß zum BIP bei. Vor allem die lange Zeit dominierende Textil- und Schuhindustrie gerät durch steigende Lohn- und Energiekosten unter Druck. Die Landwirtschaft ist aufgrund geringer Mechanisierung nicht konkurrenzfähig und dient meist der Subsistenzwirtschaft. Dabei könnte das südosteuropäische Land vom Nearshoring-Trend profitieren, da Firmen nach kostengünstigeren Produktionsstandorten in der Nähe der EU-Märkte Ausschau halten. Doch die weggebrochene Industriebasis, eine unzureichende duale Berufsausbildung, sowie eine starke lokale Konkurrenz erschweren den Markteintritt.
Albanien erzeugt mehr als 90 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen, vor allem aus Wasserkraft. Um im Sommer bei niedrigen Pegelständen keinen teuren Strom aus fossilen Quellen zukaufen zu müssen, will Albanien das hohe Potenzial seiner 300 Sonnentage pro Jahr nutzen und neue Photovoltaik-Parks errichten. Bis 2027 sollen weitere 600 Megawatt an Kapazitäten für erneuerbare Energien aufgebaut werden. Besonders für energieintensive Tätigkeiten kann der Eigenverbrauch von grüner Energie die Stromkosten drastisch senken.
Daneben gibt die aufstrebende IKT-Branche Wachstumsimpulse. Albanien entwickelt sich dabei zu einem interessanten Beschaffungsmarkt für IT-Lösungen. So lagern internationale Firmen Softwareentwicklung, Cloud Management oder Geschäftsprozesse (BPO) in das südosteuropäische Land aus. Treiber der Entwicklung der Branche ist der Techpark Durana.
Zu den makroökonomischen Schwächen gehören die hohe Importabhängigkeit bei Investitions- und Konsumgütern, die Aufwertung der Landeswährung Lek, die Produkte für den Export verteuert, sowie der Arbeitskräftemangel aufgrund der ungebrochen hohen Abwanderung.
| Sektor | Anteil am Bruttoinlandsprodukt 2024 |
| Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 15,4 |
| Industrie | 10,5 |
| Verarbeitendes Gewerbe | 6,5 |
| Baugewerbe | 11,9 |
| Handel, Transport, Beherbergung, Gastronomie | 19 |
| Information und Kommunikation | 2,3 |
| Finanz- und Versicherungsdienstleistungen | 1,6 |
| Immobilien | 5 |
| Öffentliche Verwaltung, Bildung, Gesundheit | 11,6 |
Deutsche Investoren zögern aufgrund rechtsstaatlicher Defizite
Firmen aus Deutschland investieren vor allem in das verarbeitende Gewerbe. Die Automobilzulieferer Forschner und PSZ Elektronik fertigen vor Ort Kabelbäume. Röfix produziert Baumaterialien. Auch auf dem Bau und im Einzelhandel sind deutsche Firmen aktiv: Die Lindner Group errichtet beim Tirana Business Park das hochwertige Wohnprojekt Garden Residence. Lidl eröffnet neue Discounter im Land. Doch rechtsstaatliche Defizite, eine weit verbreitete Korruption sowie Intransparenz im öffentlichen Beschaffungswesen lassen Investoren abwarten.
"Albanien kann ein attraktiver Investitionsstandort für bestimmte Industrien sein, jedoch braucht man oft einen langen Atem",
fasst Stephanie Sieg-Farka, General Managerin der Lindner Group und Präsidentin der Deutschen Industrie- und Handelsvereinigung in Albanien (DIHA) die Stimmung deutscher Investoren zusammen.
Metropolregion Tirana-Durrës ist das bedeutendste Wirtschaftszentrum
Albanien weist starke regionale Disparitäten auf. Der Ballungsraum Tirana-Durrës ist dabei der wirtschaftliche Motor des Landes. Die Region erwirtschaftet mehr als ein Drittel des BIP und beheimatet den Großteil der Finanz-, Dienstleistungs-, IKT- und Bauaktivitäten. Mit dem internationalen Flughafen Tirana und dem Hafen Durrës befinden sich dort die wichtigsten Verkehrsknoten und Drehkreuze. Zudem sind die meisten ausländischen Investoren in der Metropolregion angesiedelt.
Industrielle Zentren des Landes sind Elbasan mit Schwerpunkt auf Metallurgie und die Produktion von Baumaterialien, Korçë mit der Lebensmittel-, Getränke- und Leichtindustrie, sowie die Fier-Region mit Fokus auf Erdölförderung, Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung.
Die südlichen und nördlichen Regionen Vlora, Saranda, Lezhë und Shkodër sind stark vom Tourismus abhängig und lokale Betriebe unterliegen entsprechend saisonalen Schwankungen.
| Region (Qark) | Anteil am BIP (in Prozent) 1) | Bevölkerung 2) |
| Berat | 3,6 | 140.529 |
| Dibra | 2,7 | 106.507 |
| Durrës | 10,3 | 225.660 |
| Elbasan | 6,4 | 231.146 |
| Fier | 10,6 | 238.433 |
| Gjirokastra | 2,2 | 59.529 |
| Korça | 4,9 | 171.695 |
| Kukës | 1,5 | 61.610 |
| Lezha | 3 | 98.589 |
| Shkodra | 5 | 153.253 |
| Tirana | 43,9 | 758.215 |
| Vlora | 6,1 | 143.999 |