Sie sind ein ausländisches Unternehmen, das in Deutschland investieren möchte?

Coverbild des GTAI Podcast: Weltmarkt – der Podcast der deutschen Außenwirtschaft Weltmarkt – der Podcast der deutschen Außenwirtschaft | © GTAI

Podcast

Weltmarkt – der Podcast der deutschen Außenwirtschaft

Fast jede Unternehmerin und jeder Unternehmer in Deutschland träumt vom Weltmarkt - will skalieren, exportieren, international expandieren.

Wir zeigen, wie es geht. Woran es hapert, wenn es nicht klappt und wo die Geschäftsfelder der Zukunft liegen.

Wir schauen den klügsten Köpfen über die Schulter. Mal in Kiel, mal in Dresden oder auf der schwäbischen Alb, wo immer sie zu Hause sind. Wir sprechen mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft über die neuesten Chancen auf den internationalen Märkten! 

Wir haken nach. Dort, wo die Weichen gestellt werden für Europas größte Volkswirtschaft: in der Politik.

Bei uns hören Sie in Reportagen, Berichten und Interviews ab sofort jeden Monat, was sich Neues tut in der Export-Nation und wie das Ihr Business ankurbeln könnte.

  • Folge 20: Mexiko – Einfallstor in die USA?

    - Juli 2024 -

    Mexiko ist ein reizvoller Markt, auch für deutsche Unternehmen, und das teils schon seit Jahrzehnten. Das hat nicht zuletzt geografische Gründe, denn das Land grenzt an die USA. Jetzt wurde in Mexiko gewählt. Zwar bleibt die Regierungspartei dieselbe, doch eine neue Präsidentin steht an der Spitze des Landes. Was verspricht man sich von ihr? Wird sie für mehr grüne Energie sorgen? Für mehr Sicherheit? Für vernünftige Infrastrukturprojekte?

     

    WELTMARKT will wissen, wie es weitergeht in dem lateinamerikanischen Land, schaut dabei besonders auf die Automobilbranche, eine der Schlüsselindustrien. Über die konkrete Situation vor Ort und über die Hoffnungen für die nahe Zukunft unterhalten wir uns mit dem Geschäftsführer eines deutschen Automobilzulieferers, der schon seit vierzig Jahren Standorte in Mexiko unterhält und mit einem GTAI-Korrespondenten in Mexiko City. 

    20

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    Gäste in dieser Folge

    Timm Jenisch Timm Jenisch | © Timm Jenisch

    Tim Jennisch

    Timm Jenisch ist seit knapp acht Jahren für Kern-Liebers in Mexiko und dort verantwortlich für alle Standorte in Nordamerika. Der Hauptsitz des Unternehmens, das auf die Herstellung von hochkomplexen Teilen und Baugruppen, besonders Federn und Stanzteilen, spezialisiert ist, liegt im baden-württembergischen Schramberg. Der studierte Maschinenbauer Jenisch hat mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Automobilbranche und war zuletzt auch vier Jahre im Vorstand der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer. 
     

    Edwin Schuh Edwin Schuh | © Edwin Schuh

    Edwin Schuh

    Edwin Schuh ist seit 2021 Korrespondent von Germany Trade & Invest (GTAI) für Mexiko und die Karibik. Von Mexiko-Stadt aus berichtet er über Geschäftschancen für deutsche Unternehmen in Mexiko, Kuba und der Dominikanischen Republik. Davor war er mehrere Jahre für die GTAI in Kolumbien und Brasilien tätig und lebt bereits seit über einem Jahrzehnt in Lateinamerika. Er hat an der Universität St. Gallen einen Master in Volkswirtschaft gemacht und auch im Finanzsektor gearbeitet.

     

    Weiterführende Informationen

    Wassermangel zwingt Versorger zu investieren

    Wirtschaftsstandort Mexiko (gtai.de)

    Wirtschaftsdaten kompakt - Mexiko | Wirtschaftsdaten kompakt | Mexiko | Außenhandel, Struktur (gtai.de)


    United States-Mexico-Canada-Agreement (USMCA) | Zollbericht | USA | Freihandelsabkommen (Warenursprung, Präferenzen) (gtai.de)


    Kern-Liebers, https://www.kern-liebers.com/de

    https://www.gtai.de/de/trade/mexiko-wirtschaft/automobilsektor

     

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

     

    „Präsidentin“ rufen ihr Tausende zu. In der Nacht tritt Claudia Sheinbaum vor ihre Anhänger im Zentrum von Mexiko Stadt: „Zum ersten Mal seit mehr als 200 Jahren haben wir Frauen es zur Präsidentschaft geschafft!“ (Tagesschau-Nachricht vom 3.6.24)

    Anfang Juni wurde in Mexiko gewählt. Wie erwartet blieb die Regierungspartei Morena an der Macht, allerdings mit einem neuen Gesicht an der Spitze des Landes. Mexikos erste Präsidentin heißt Claudia Sheinbaum. Sie ist 61 Jahre alt, die Enkelin von europäischen Holocaust-Vertriebenen, ehemalige Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt und habilitierte Physikerin. WELTMARKT möchte wissen, was der Ausgang der Wahl für die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas bedeutet und wie sich die Situation für deutsche Unternehmen im Land darstellt, vor allem in der Automobilbranche, einer der Schlüsselindustrien.

    Im zweiten Teil des Podcasts hören Sie dazu Timm Jenisch vom deutschen Unternehmen Kern-Liebers, das als Automobilzulieferbetrieb unter anderem spezialisierte Federn für Fahrzeuge fertigt und in Mexiko schon seit vierzig Jahren tätig ist. 


    Timm Jenisch Das Wachstum hat sich verstärkt. Das nimmt man wahr. Es hat sich weiter beschleunigt. Was sich aber vor allem verändert hat, sind die Unternehmen, die sich ansiedeln. Waren früher die US-Amerikaner als auch beispielsweise die Deutschen sehr stark In den Investitionsstatistiken, sind zwischenzeitlich auch gerade die asiatischen oder vor allem auch die chinesischen Unternehmen viel präsenter hier in Mexiko mit ihren Lokalisierungen. Und ich denke, das ist sehr markant. 

    Doch zuerst sprechen wir mit Edwin Schuh, seit drei Jahren für Germany Trade & Invest in Mexiko tätig. Davor war er, auch für GTAI, in Kolumbien und Brasilien. Insgesamt hat er schon ein ganzes Jahrzehnt Lateinamerikaerfahrung. 

     

    Hallo Herr Schuh, es ist gerade gewählt worden, bei Ihnen in Mexiko. Die klare Gewinnerin, mit 60 Prozent der Stimmen, ist Claudia Sheinbaum. Sie gehört wie der bisherige Präsident Obrador der Morena-Partei an, arbeitet schon seit der Jahrtausendwende mit ihm zusammen. Da fragt man sich natürlich: Bleibt jetzt alles beim Alten? 

    Edwin Schuh Also gut, man muss noch abwarten, wie sie sich jetzt wirklich outet. Das ist so ein bisschen die Ungewissheit, weil sie bisher eben unter dem Schatten von López Obrador stand und ob sie sich jetzt als Präsidentin loslöst und ihre eigene Linie geht. Zum Beispiel in Sachen Klima und Energie ist sie viel fortschrittlicher als er, aber manche denken auch, dass López Obrador weiterhin die Fäden ziehen wird, von hinten. Er sagt zwar, er will sich zur Ruhe setzen, aber manche sind sich da nicht so ganz sicher, ob er das wirklich tun wird. 

    Und was denken Sie?

    Edwin Schuh Ich kann mir schon vorstellen, dass sie dann ihren eigenen Weg gehen wird. Und sie hat doch sehr viel Macht. Also wie schon gesagt, hat sie sehr viele Stimmen bekommen und gleichzeitig überraschenderweise auch im Kongress die Zweidrittelmehrheit erreicht. Vorher wurde eigentlich nur mit der 50%-Mehrheit gerechnet und jetzt hat sie die Zweidrittelmehrheit, die für Verfassungsänderungen notwendig ist. Also kann sie wirklich viel durchführen, viel ändern und ja, die Leute sind gespannt eben, was sie dann daraus macht. 

    Wie verschieden sind denn der Vorgänger und die Nachfolgerin?


    Edwin Schuh Also López Obrador ist wirklich ein Populist und hat auch irgendwie aus dem Bauchgefühl heraus regiert. Sie ist viel sachlicher. Sie ist eben Wissenschaftlerin. Das kann jetzt ein Vorteil sein für die nächsten Jahre, dass die ganze Regierung wieder etwas sachlicher arbeitet. Weniger Populismus und mehr konkrete Aktionen, mehr Pragmatismus. 

    Sie haben eben gesagt, man kann besonders bei den Themen Klima und Energie auf Änderungen hoffen. Worum geht es da konkret? 

    Edwin Schuh Klimaschutz und vor allem der Zugang zu Strom aus erneuerbaren Energien, das ist so der Stein im Schuh auch von vielen deutschen Unternehmen, die eben teilweise große Stromverbraucher sind hier im Land, weil sie hier produzieren und Fabriken haben, aber der Zugang zu grünem Strom ist in den letzten schwieriger geworden, weil López Obrador, der so ein bisschen ein Weltbild hat aus den 60er/70er-Jahren, der will große, mächtige Staatsunternehmen, Pemex im Erdölsektor und den staatlichen Energiekonzern CFE, der wiederum auf fossile Brennstoffe setzt. Und in den letzten Jahren wurden eigentlich kaum Konzessionen für neue Wind- und Solarparks gegeben. Das heißt, die Unternehmen mussten Strom von der CFE beziehen, die wiederum eben auf fossile Brennstoffe setzt. Das war ein großes Problem. Und da ist jetzt die Hoffnung, dass Sheinbaum eben auch dank Ihres Hintergrunds im Bereich Klimaschutz, dort hat sie auch geforscht, dass sie da eben Änderungen durchführt und wieder mehr grünen Strom auch im Land zur Verfügung stellt. 

    Wie sieht es denn aus im Bereich Infrastruktur? 

     

    Edwin Schuh Also López Obrador hat in den letzten sechs Jahren wirklich merkwürdige Entscheidungen getroffen und auch schlimme Entscheidungen im Bereich Infrastruktur. Er hat zum Beispiel den neuen internationalen Flughafen in Mexico City, der schon in Bau war, den Bau abgebrochen und da mussten dann trotzdem noch Verträge bezahlt werden. Und der war auch von Norman Foster entworfen. Also ein tolles Projekt und die Regierung hat schlussendlich eigentlich 6 Milliarden Dollar dadurch verloren. Dann hat er auch so Pharaonenprojekte. Eines davon, die Zugstrecke Tren Maya im Süden der Halbinsel Yucatan, die erst mal betriebswirtschaftlich gar nicht geprüft wurde, ob da Nachfrage besteht. Aber er wollte eben ein Projekt im Süden haben, das dann auch jetzt unter wirklich dramatischen Umweltschäden gebaut wird. Die haben da Tausende von Metallpfeilern in den Boden hineingetrieben. Das ist so eine empfindliche Karstlandschaft, also wirklich schlimme Umweltschäden. Die Regierung gibt jetzt keine Zahlen bekannt, das Militär ist auch in den Bau involviert, aber es wird auf 20 Milliarden geschätzt, also 20 Milliarden Dollar, die ausgegeben wurden. Und das Geld fehlt dann an anderer Stelle, wo wirklich wichtige Projekte nicht weitergeführt wurden. Zum Beispiel eine Zugstrecke zwischen Mexiko-Stadt und der Stadt Querétero, wo wirklich dann viele täglich hin und her pendeln, das eigentlich mehr Sinn machen würden als so ein Projekt im Süden. 


    Da besteht also Handlungsbedarf … Und ansonsten? Was würden Sie sagen, muss Sheinbaum ganz dringend angehen? 

     

    Edwin Schuh Unter keinem Präsidenten gab es so viele Morde. Ja, und ich habe gestern auch noch mal die Statistik gesehen von den gefährlichsten Städten weltweit. Das sind die mit der höchsten Mordrate. Die ersten sechs werden von mexikanischen Städten belegt. Das ist also schon tragisch. Das sind eben vor allem die Drogenkartelle, die sich da noch gegenseitig bekämpfen und die einfach in den letzten Jahren noch mehr Macht bekommen haben. López Obrador  hatte ja immer die Devise „Abrazos no balazos“, also zu deutsch „Umarmungen statt Kugeln“. Aber das hat eben nicht funktioniert bei Kartellen, die schwer bewaffnet sind, also fast schon auf Kriegsniveau bewaffnet, die auch dank dem Fentanyl-Handel auf Geld schwimmen und die jetzt eben Landesteile unter ihrer Kontrolle haben. Das ist wenn man zwei Stunden von Mexiko City in den Westen fährt, kommt man nach Michoacán und da sind dann Checkpoints von den Kartellen. Da ist kein Militär, keine Polizei und Autos fahren teilweise ohne Kennzeichen rum und nachts darf man da sowieso nicht lang fahren.

    Und das hat auch Auswirkungen auf deutsche Firmen?

    Es gibt viele Überfälle auf LKWs, die zum Beispiel Waren vom Hafen zur Fabrik bringen. Und eben auf den Landstraßen oder Hauptstraßen ist es einfach unsicher und zur Überwachung dieser LKWs fallen dann zusätzlich Kosten an und das ist wie gesagt auch für deutsche Unternehmen ein negativer Faktor hier im Land. 

    Wie sieht es denn überhaupt aus mit dem Interesse von Unternehmen, sich in Mexiko zu engagieren? 

    Edwin Schuh Ich muss sagen, eigentlich trotz des Themas Sicherheit boomt das hier mit den ausländischen Investitionen. Es sind aktuell 2100 Firmen mit deutschem Kapital hier im Land und viele schon seit Jahrzehnten. Volkswagen seit den 60er Jahren. Hier produziert auch BMW, Mercedes, Audi, und eigentlich die größten deutschen Firmen sind Automobilzulieferer, also gar nicht die Hersteller, sondern die Zulieferer. ZF Friedrichshafen und Continental haben beide 25.000 Mitarbeiter im Land, ungefähr, und 20 Werke jeweils. Und da kommen auch laufend neue Werke hinzu. Dann haben wir jetzt BMW, die gerade 800 Millionen Euro investieren, um das Werk in San Luis Potosí umzurüsten und da zukünftig Elektroautos zu produzieren, haben jetzt gerade den Grundstein gelegt für ein Batteriewerk dort. Also es sind sehr viele Investitionen und kommen auch laufend neue hinzu. 

    Das bezog sich jetzt alles auf die Automobilindustrie, eine der Schlüsselbranchen ...

    Edwin Schuh Ja, richtig, also, etwa 40 % der ausländischen Direktinvestitionen sind im Automobilsektor. Wir haben jetzt Tesla, die im Norden Mexikos ein Werk planen. Jetzt zuletzt auch BYD aus China, die auch angekündigt haben, ein Werk in Mexiko zu bauen. Also das ist wirklich der wichtigste Sektor. Und Mexiko ist auch der siebtgrößte PKW-Produzent weltweit und gleichzeitig der viertgrößte Hersteller von Autoteilen. Also noch an Deutschland vorbeigezogen, bei der Produktion von Autoteilen. 

    Und warum konzentrieren sich da so viele auf Mexiko?

    Edwin Schuh Das Land bietet verschiedene Vorteile. Zum einen die geografische Nähe zu den USA. Dann hat man auch gute Infrastrukturverbindungen, also Zugstrecken an die USA für den Gütertransport, dann bekanntermaßen das, was früher NAFTA hieß, jetzt heißt es USMCA -Abkommen, also dass man zollfrei Waren, die in Mexiko produziert sind, dann an die USA liefern kann. Dann hat man bereits eine breite Industriebasis hier vor Ort. Das heißt gerade im Automobilbereich sind Zulieferer schon hier oder auch Kunden und dann spielt auch das Lohnniveau eine Rolle. Also ein Fabrikarbeiter kostet in Mexiko monatlich etwa 600 oder 700 Dollar aktuell. Und was ich aus China höre, ist es dort quasi das Doppelte. Das sind also verschiedene Faktoren, die für Mexiko sprechen. 

    Mexiko bietet sich also an als Eingangstor in die USA. Aber es gibt auch noch Mexiko selbst als Markt, oder?

    Edwin Schuh Auf jeden Fall. Also das Land hat ja 130 Millionen Einwohner. Also auch ein großer lokaler Absatzmarkt und kann gleichzeitig auch als Basis dienen, um von hier aus Zentralamerika noch mit zu beliefern und auch teilweise ganz Lateinamerika. Das machen Unternehmen auch. 

    Und wie wichtig sind E-Autos?

    Edwin Schuh Die Zulieferer rüsten eigentlich ihre Werke um auf Produktion von Teilen für Elektroautos. Auch BMW und Volkswagen rüsten um auf die Herstellung von Elektroautos. Also das ist ein Riesenthema. Und dann haben wir gleichzeitig neulich eben von BYD die Ankündigung, dass sie auch in Mexiko produzieren wollen. Der Absatz hier, lokal, ist schon von diesen chinesischen Elektroautos stark gestiegen in den letzten Monaten. Aber die USA befürchten natürlich, dass sie dann von hier aus auch an die USA Elektroautos liefern wollen, also die chinesischen Unternehmen. Das ist natürlich nicht im Sinne der Amerikaner, die auch kürzlich erst massive Zölle erhoben haben auf E-Autos aus China. Und wenn jetzt die Chinesen kommen und Mexiko als eine Art Trojanisches Pferd nutzen, um dann hier zu produzieren und dann zollfrei sogar an die USA zu liefern, das ist natürlich nicht im Sinne der USA. Und ich denke, die werden auch einen Weg finden, das dann zu verhindern. 

    Muss sich dann Mexiko vielleicht sogar in Acht nehmen, dass es nicht zwischen die Fronten gerät? 

     

    Edwin Schuh Also Mexiko ist jetzt seit letztem Jahr der wichtigste Handelspartner der USA. Das heißt, man steht ganz klar auf der Seite der USA hier. Der Handelsaustausch zwischen den beiden Ländern lag bei 800 Milliarden Dollar. Weltweit gibt es keine anderen zwei Länder, die so viel handeln. Wenn man das mal vergleicht mit Frankreich und Deutschland, da war der Handelsaustausch bei 200 Milliarden Dollar. Das heißt, die USA haben wirklich Priorität. Und am Ende macht Mexiko auch das, was die Amerikaner sagen.

    Wir haben es jetzt viel über Handelsverträgen, Nearshoring und Marktüberlegungen gesprochen. Was würden Sie denn Neuankömmlingen generell raten, die in Mexiko einen Standort eröffnen?

    Edwin Schuh Man sollte nicht die Verwaltungsprozesse unterschätzen, also die Bürokratie. Eine Unternehmensgründung läuft relativ zügig. Aber dann die Importlizenzen für Maschinen zu bekommen oder auch allein Waren durch den Zoll zu kriegen, dauert sehr lang. Die Zulassungsbehörde für Medizintechnik und Pharmaprodukte. Die arbeitet auch sehr langsam. Da muss man teilweise drei Jahre warten, bis ein neues Produkt zugelassen wird, während das in anderen Ländern auch in Lateinamerika ein Jahr dauert oder nur ein paar Monate. Und inzwischen gibt es auch teilweise Probleme, dass kein Personal gefunden wird, weil eben so viele ausländische Firmen ins Land kommen und sich dann schon gegenseitig Ingenieure abwerben. Vertriebsingenieure, die eben gefragte Leute sind hier vor Ort. 

    Fachkräftemangel – ein weltweites Problem. Vielen Dank Edwin Schuh in Mexiko City. Gleich erfahren wir von Timm Jenisch, der für das Schwarzwälder Unternehmen Kern-Liebers mehrere Standorte in Mexiko und in den USA leitet, wie er die Situation im Land wahrnimmt. 

    Timm Jenisch Die gesamte Sicherheitsthematik muss man sehr differenziert betrachten. Es ist es nicht, dass man in Mexiko landet und überall in Gefahr ist. 

    Bevor wir mit ihm sprechen, kommen wir jetzt zu einem neuen Fördersystem für Innovationen in Mexiko, das auch für deutsche Unternehmen spannend sein kann. 

    Jingle KONKRET UND KOMPAKT

    Mexiko will sich künftig noch besser als Standort für Produktion, Verarbeitung und industrielle Fertigung von Gütern positionieren. Dies gilt ganz besonders in einigen Schlüsselsektoren wie zum Beispiel der Halbleiterindustrie, der Automobilbranche, der Medizintechnik, der Pharmabranche und der Nahrungsmittelindustrie. Dabei sollten ausländische Unternehmen nicht nur den mexikanischen Markt sondern auch Nordamerika im Blick haben, denn dorthin ist man über das Freihandelsabkommen USMCA verbunden, das es möglich macht, zollfrei in die USA und nach Kanada zu exportieren, solange die Ware mexikanischen Ursprungs ist. Aber auch mit vielen Staaten Südamerikas und der restlichen Welt hat Mexiko Freihandelsabkommen vereinbart, etwa das transpazifische CPTPP, das verbindet es u.a. mit Australien, Japan, Neuseeland und Vietnam. 

     

    Damit Mexiko als Standort noch attraktiver wird, hat es zudem im Oktober vergangenen Jahres ein Fördersystem für ausländische Investitionen aufgelegt, das besteht vor allem aus Steueranreizen. Wer in den Genuss dieser Vergünstigungen kommt, darf den Kaufpreis der in Mexiko zu nutzenden Produktions- oder Verarbeitungsanlagen anteilig von der Steuer absetzen – und zwar mit bis zu 89 Prozent. Dies gilt bis Ende 2024. Außerdem wird begünstigt, wer mehr für die Qualifizierung seiner Mitarbeitenden ausgibt – dies sogar bis Ende 2025. 

     

    Außerdem verbessern sich die Standards für mexikanische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dafür sorgt zum einen das USMCA, das soziale Mindeststandards festlegt und so verhindert, dass sich Mexiko mit Lohndumping unlautere Vorteile verschafft. Zum anderen wurde gerade der Mindestlohn erhöht – für das Jahr 2024 um 20 Prozent. Dennoch bietet Mexiko weiterhin ein attraktives Lohnniveau bei gut qualifizierten Arbeitskräften.

    Jetzt zu Timm Jenisch, der seit acht Jahren für  Kern-Liebers in Mexiko ist, inzwischen alle in Nordamerika gelegenen Standorte leitet, inklusive der US-amerikanischen. Das deutsche Unternehmen stellt hochkomplexe Teile und Baugruppen her  mit einem Schwerpunkt in Federn und Stanzteilen, ist in 17 Ländern und in vielen Industrien unterwegs, vor allem aber in der Automobilindustrie. Herr Jenisch, wie kommt es, dass Kern-Liebers auf der ganzen Welt Werke betreibt?

    Timm Jenisch Also grundsätzlich ist es für unsere Kunden wichtig, dass wir nahe bei ihnen sitzen. Und unsere Kunden sind sehr international aufgestellt. Um die Frage genauer zu beantworten, müsste man eigentlich etwas in die Geschichte eintauchen. Wir haben im Schwarzwald angefangen mit der Herstellung von Federn für die Uhrenindustrie, das war vor 130 Jahren. Und von dort, wo auch bis heute noch unsere Wurzeln sind, haben wir uns natürlich entwickelt, also aus diesem heimischen Wachstum sozusagen heraus, dann andere Produktsegmente erschlossen. Zu dem gehört zum Beispiel auch dann 1965 der Sicherheitsgurt bzw. die Rückholfeder für den Sicherheitsgurt. Und dieser Sicherheitsgurt wurde natürlich relativ schnell auf der ganzen Welt auch benötigt und infolgedessen auch die Rückholfedern für diese Sicherheitsgurte. Das war sicherlich für Kern-Liebers ein starker Exportfaktor. 

    In Mexiko ist Kern-Liebers jetzt seit rund vierzig Jahren, inzwischen mit 1000 Beschäftigten. Wie sehen Sie denn die aktuelle Dynamik in der Wirtschaftsentwicklung des Landes? 

     

    Timm Jenisch Das Wachstum hat sich verstärkt. Das nimmt man wahr. Es hat sich weiter beschleunigt. Was sich aber vor allem verändert hat, sind die Unternehmen, die sich ansiedeln. Waren früher die US-Amerikaner als auch beispielsweise die Deutschen sehr stark In den Investitionsstatistiken, sind zwischenzeitlich auch gerade die asiatischen oder vor allem auch die chinesischen Unternehmen viel präsenter.

    Was würden Sie sagen, sind die größten Herausforderungen in Mexiko?

    Timm Jenisch In Mexiko ein Unternehmen zu betreiben, ist sicherlich anspruchsvoller als in vielen anderen Ländern. Es gibt eine Vielzahl von gesetzlichen Anforderungen. Ob jetzt vom Arbeitsamt, Zivilschutz oder vom Finanzamt. Natürlich ist Personalmangel in Mexiko ein großes Thema. Das treibt eigentlich alle Unternehmen um, die sich in den industriellen Ballungszentren, beispielsweise im Bajío oder in der Nueva León aufhalten. Die Rotation in den Unternehmen ist ist sehr hoch und auch die Gehälter steigen ständig. Und das starke Wachstum in diesen Ballungszentren führt natürlich auch dazu, dass die Infrastruktur immer etwas hinterherhinkt. So sind zum Beispiel die Stromnetze instabil. Oder auch der grüne Strom, der ja für uns Unternehmen sehr wichtig ist, um unsere CO2-Bilanzen zu verbessern, ist doch recht selten. Und dann ist sicherlich auch wichtig zu erwähnen das Thema Kriminalität und Korruption. Auch wenn es sich im Land vielleicht etwas anders darstellt, als wir das vielleicht aus den deutschen Medien teilweise wahrnehmen, prägt es doch das Land und schränkt auch die Unternehmen als auch deren Mitarbeiter ein. Also es gilt einfach, besondere Vorsicht zu bewahren und auch auf Prävention zu setzen. 

    Sie haben ja grade auch den grünen Strom genannt. Könnte sich da mit Claudia Sheinbaum etwas ändert? 

     

    Timm Jenisch Davon gehen wir eigentlich alle aus. So hat sich die Sheinbaum im Wahlkampf als auch zuvor schon eigentlich als Umweltaktivistin auch stark gemacht, also ist eigentlich davon auszugehen, dass sie durchaus das Thema grüne Energie deutlich ernster vorantreiben wird als es die aktuelle Regierung getan hat. 

    Was die neue Präsidentin auch angehen müsste, ist die Kriminalität. Das fordern viele. Ein Problem zum Beispiel, es sollen ja auch regelmäßig LKWs überfallen werden. Davon hat Edwin Schuh berichtet, am Anfang des Podcasts. Betrifft Sie das eigentlich auch?

    Timm Jenisch Also Kriminalität ist sicherlich ein großes Problem in Mexiko. Die Straßen sind auch tatsächlich gefährlicher geworden. Wir transportieren ja vor allem Stahl. Und der ist natürlich jetzt für die Kriminalität nur bedingt interessant. Das heißt, je nachdem, was ich transportiere, gilt es halt einfach das richtige Sicherheitskonzept dazu zu planen. Aber sicherlich muss man, muss man sich darüber im Klaren sein, dass Transporte durchaus auch abhandenkommen können, auch wenn das eher Ausnahmefälle sind. Nur wenn es halt passiert, ist es oftmals sehr schmerzhaft. 

    Ist denn da ein vernünftiges Arbeiten überhaupt noch möglich? Also ich finde, das klingt schon sehr unentspannt. 

    Timm Jenisch Die gesamte Sicherheitsthematik muss man sehr differenziert betrachten. Es ist es nicht, dass man in Mexiko landet und überall in Gefahr ist. Also es gibt einfach Bereiche, Gebiete, die sind gefährlicher. Das können Bundesstaaten sein, es können aber auch Straßenabschnitte sein. Grundsätzlich ist es so, dass es in Zentralmexiko große Bereiche gibt, die eigentlich als sehr sicher gelten. Wo man sich jetzt auch keine Sorgen machen muss, dass man auf der Straße überfallen wird oder dass eben ein LKW auf der Straße überfallen wird oder gar, dass ein Unternehmen hier irgendwie in Bedrängnis gerät. Grundsätzlich lebt man in Mexiko in solchen Compounds, die dann  überwacht sind. Und das gleiche ist es eben auch für die Unternehmen, die sich in Industrieparks ansiedeln. Und die Industrieparks haben dann ihre Sicherheitskonzepte als auch die Unternehmen haben ihre Sicherheitskonzepte. Da geht es jetzt aber nicht unbedingt um die Kriminalität, die wir in Deutschland wahrnehmen, also die vor allem mit dem Drogenhandel zusammenkommen. Sondern es ist natürlich auch so, dass es in Mexiko ein großes Gefälle gibt, ein Einkommensgefälle und es gibt natürlich auch viel Kleinkriminalität, die es für Unternehmen auch zu beherrschen gilt. Das heißt, in wenigen Fällen reden eigentlich die Unternehmen dann wirklich von den Kartellen, sondern es geht oftmals eben um Bandenkriminalität oder auch um einfache Kriminalität, die es auch in Deutschland gibt.

    Sie sagten auch, der Personalmangel ist ein Riesenproblem?

     

    Timm Jenisch White Collar Bereich gibt sicherlich einen deutlichen Fachkräftemangel angefangen von der schulischen Ausbildung dann auch über die technischen Ausbildungen. Das Ausbildungsniveau ist nicht auf dem europäischen Niveau. Das heißt auch wenn die Mitarbeiter oftmals sehr motiviert sind oder in der Regel sehr motiviert sind, muss man dazu sagen, dass das Verständnis von gewissen Grundzusammenhängen oftmals nicht so ausgeprägt ist, wie man das in Deutschland eigentlich als normal empfindet. Und im Blue Collar Bereich gibt es in Mexiko genügend Arbeitskräfte. Die sitzen aber in aller Regel dann nicht in den Ballungszentren und müssen dann irgendwo quasi mobilisiert werden. 

     

    Und können Sie das irgendwie unterstützen oder fördern? 

     

    Timm Jenisch Ja, einmal suchen wir natürlich den Kontakt zur Regierung, ich sage mal was, was das Thema Wohnraum angeht, auch das Thema Marketing, dass man solche Mitarbeiter auch dann findet in anderen Bundesstaaten, also dass zum Beispiel ein Bundesstaat Querétero für sich wirbt. Erstaunlicherweise kann man aber auch einfach über die die Mitarbeiter selbst gut werben.

     

    Wie geht das dann?

     

    Timm Jenisch Wenn jetzt ein Mitarbeiter von Kern-Liebers einen neuen Mitarbeiter anwirbt und der auch hier erfolgreich in die Firma integriert wird, dann bekommt der Mitarbeiter dafür auch einen Incentive. Wir nennen das Hiring Bonus. Not macht natürlich erfinderisch. Und da wird grundsätzlich in Mexiko bei den meisten Unternehmen sehr viel Aufwand getrieben. Das ist schon fast eine Core-Kompetenz, wenn man sich in Mexiko behaupten möchte oder in den Ballungszentren, dass man natürlich seine Prozesse entwickeln muss, wie man Mitarbeiter rekrutiert und vor allem aber auch die Mitarbeiter im Unternehmen behält. 


    Worauf sollte denn ein Mittelständler achten, wenn er nach Mexiko expandieren will? Haben Sie da vielleicht ein paar Tipps? 

     

    Timm Jenisch Also grundsätzlich kann ich empfehlen, sich mit der deutschen Auslandshandelskammer hier in Mexiko in Verbindung zu setzen. Die haben natürlich sehr viel Erfahrung und sind auch sehr verlässlich. Und es macht natürlich auch Sinn, sich mit Unternehmen zu unterhalten, die eben hier schon eine Weile in Mexiko sind. Das gleiche trifft auch auf Kern-Liebers zu, dass sich deutsche Unternehmen untereinander helfen und auch bereitwillig Informationen teilen, um so einen Markteintritt zu erleichtern. Also dort mit Selbstvertrauen auch auf die Unternehmen zugehen und versuchen Informationen zu ziehen. Die jeweiligen Tipps hängen natürlich sehr stark von der Branche, in der man sich dann bewegt, ab. Aber es gibt allgemein gesagt natürlich sehr viele Stolpersteine in Mexiko, die es zu vermeiden gilt. Deswegen ist Netzwerk einfach wichtig. 

    Gefährdete LKW-Ladungen, Mangel an grünem Strom, Hiring Bonus  und noch mehr Bürokratie als in Deutschland – einerseits. Andererseits wächst Mexiko als Markt durch das Interesse für das Nearshoring noch stärker als bisher. Bleibt abzuwarten, was sich durch die neue Präsidentin vor allem bei Sicherheit, Klima und Energie ändern wird. Auch der Ausgang der Wahl des US-Präsidenten im November wird wahrscheinlich Auswirkungen haben auf den Nachbarn Mexiko haben. Vielen Dank also, Timm Jenisch, für die vielen Einblicke. 

    Wenn Sie sich weiter einlesen möchte, sehr gerne, wir haben für Sie wie immer spannende Links in den Shownotes. Beispielsweise erklärt GTAI-Zollexpertin Susanne Scholl das USMCA-Abkommen, unser heutiger Gast Edwin Schuh widmet sich in seiner Analyse der Kfz-Branche und Björn Lisker porträtiert Mexiko als Wirtschaftsstandort generell. 


    In der WELTMARKT-Folge vom kommenden Monat schauen wir dann nicht auf ein konkretes Land, sondern auf die Möglichkeiten, die Künstliche Intelligenz schon jetzt in der Außenwirtschaft bietet. Ein Mitarbeiter von DHL berichtet unter anderem, wie die künstliche Intelligenz LKWs über möglichst unverstopfte Autobahnen lotst, das Lager so bestückt, dass Wege kurz bleiben und nichts unnötig bewegt werden muss und was im Backoffice möglich ist. Es bleibt spannend, hören Sie also gerne wieder rein! 

     

     

  • Folge 19: Indien - Beschaffungsmarkt auf Wachstumskurs

    - Juni 2024 -

    Indiens Wirtschaft wächst rasant. Der Subkontinent ist heute die fünftgrößte Volkwirtschaft der Welt, ein vielseitiger Beschaffungsmarkt für deutsche Einkäufer und eine Alternative zu China.

    WELTMARKT spricht mit dem SAP-Senior Vice President Clas Neumann, der in den Neunziger Jahren für den deutschen Konzern SAP das Talent der Inderinnen und Inder für IT-Themen entdeckt hat. Zugeschaltet sind außerdem die GTAI-Indien-Expertin Mareen Haring in Berlin und der GTAI-Korrespondent Florian Wenke in Mumbai. Unsere Gäste geben Einblicke in die indische Kultur, verraten Tipps und Tricks für den Geschäftsabschluss und gehen auf verschiedene Branchen ein, die deutsche Unternehmen besonders interessieren (u. a. IT-Dienstleistungen, Pharma, Elektrotechnik, Elektronik, Textil).

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    Gäste in dieser Folge

    Clas Neumann Clas Neumann

    Clas Neumann

    Clas Neumann startete schon vor dreißig Jahren seine Karriere beim deutschen Konzern SAP, ist heute Senior Vice President und Leiter des SAP Labs Network. 

    Der Asien-Kenner entdeckte in den Neunziger Jahren das Potenzial der Inder:innen für die Softwareentwicklung und baute den Standort in Bangalore (Bengaluru) zum größten SAP-Forschungs- und Entwicklungszentrum außerhalb Deutschlands auf. 

    Neumann hat ein Diplom der Hochschule Ludwigshafen, einen Doktortitel in Betriebswirtschaft von der École des Ponts Paris Tech Business School in Frankreich und einen MBA von INSEAD Fontainbleau und Singapur. Er spricht häufig auf großen Konferenzen und an Universitäten.

     

    Florian Wenke Florian Wenke

    Florian Wenke

    Florian Wenke ist Korrespondent für Germany Trade & Invest (GTAI) in Mumbai (Indien). Von Mumbai berichtet er über Geschäftschancen für deutsche Unternehmen in Indien, Sri Lanka und den Malediven.

    Wenke hat an den Universitäten Heidelberg, Göttingen und Pune (Indien) Volkswirtschaft studiert. Seit 2012 befasst er sich intensiv mit Indien und hat seither mehr als sieben Jahre auf dem Subkontinent verbracht.

     

    Mareen Haring Mareen Haring

    Mareen Haring

    Mareen Haring arbeitet bei Germany Trade & Invest (GTAI) im Bereich Süd- und Südostasien und ist von Berlin aus insbesondere für die Länder Indien, Bangladesch, Nepal, Bhutan, Sri Lanka und die Malediven zuständig. 

    Die studierte Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin verfügt über langjährige Indienexpertise; sie lebte und arbeitete von 2010 bis 2016 in Neu-Delhi und reist weiterhin häufig in das Land und in die Region.

     

    Weiterführende Informationen

    Wirtschaftsüberblick Indien

    Studie "Sourcingchancen in Indien"

    Einkaufsinitiative Indien

    Textilwirtschaft in Südasien (Webinar) 

    SAP-Labs India

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Liebe Hörerinnen und Hörer,

    Indiens Wirtschaft wächst rasant – mit jährlichen Wachstumsraten von knapp 8 Prozent. Das Land hat seine ehemalige Kolonialmacht Großbritannien überholt und steht jetzt auf Platz fünf der größten Volkswirtschaften weltweit. Grund dafür ist auch, dass sich der Subkontinent als zunehmend interessanter Beschaffungsmarkt und Alternative zu China anbietet.

    Florian Wenke: Indien ist allein schon aufgrund seiner Größe relevant. Es ist seit letztem Jahr das bevölkerungsreichste Land der Erde. Allein deshalb zieht es schon so ein bisschen die Blicke auf sich. Und ansonsten ist es auch wirtschaftlich relevant. Es ist aktuell die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt und mit einer sehr vielgliedrigen Wirtschaft, das heißt, die nicht nur in einem Sektor stark ist, sondern die sich halt gut entwickelt oder weit entwickelt ist in vielen verschiedenen Sektoren.

     … sagt der GTAI-Korrespondent Florian Wenke in Mumbai. Er und seine Berliner GTAI-Kollegin Mareen Haring geben uns gleich im zweiten Teil unseres Podcasts einen Überblick zu Indien als Beschaffungsmarkt. Beide haben gerade an einer Studie zu Sourcingchancen in Indien gearbeitet und verschiedene Branchen untersucht.

    Aber jetzt zuerst zu Clas Neumann, Senior Vice President beim Softwarekonzern SAP. Er hat vor mehr als 25 Jahren für SAP das Potential Indiens entdeckt und den Standort aufgebaut. Heute arbeiten auf dem Subkontinent 15.000 Menschen für den deutschen Konzern. 

    Herr Neumann, hallo, was würden Sie sagen: Warum sind die Inder so vornedran, was die IT betrifft?

    Clas Neumann: Indien hat Talent für Mathematik - schon immer gehabt. Die Ausbildung in Mathematik in Indien ist auch nach meiner eigenen Einschätzung... Alle meine drei Kinder sind in Indien auch zur Schule gegangen. Daher weiß ich, dass in Indien einfach auch der Fokus auf die Mathematik immer sehr, sehr groß ist. IT hat viel mit Mathematik zu tun, einfach weil das Programmieren von Software eben auch ein gewisses mathematisches Verständnis voraussetzt. Das ist mal das eine. Das zweite ist auch, dass man, um eine IT Firma zu gründen, wenig Kapital braucht. Die ersten großen IT-Firmen, die heute Hunderttausende von Menschen beschäftigen, sind im Grunde alle mit PCs im Wohnzimmer des Gründers entstanden.

    Seit wann genau engagiert sich denn SAP in Indien? 

    Clas Neumann: Also wir haben festgestellt, Ende der 90-er Jahre schon, dass wir durch den Internetboom, damals gab es ja dieses, was später Internet Bubble hieß, aber damals hieß es noch Internetboom, haben praktisch Start-ups und junge Unternehmen unglaublich viele Talente angezogen, sodass wirklich eine Knappheit an Softwareentwicklern bestand, auch in Deutschland. Und wir haben im Grunde niemanden mehr gewinnen können für unser Unternehmen. Aber wir hatten unglaubliche Wachstumspläne und auch Notwendigkeiten zu wachsen und daher war es einfach notwendig für uns, außerhalb zu schauen. Und dabei sind wir dann halt auf Indien gestoßen. 

    Waren Sie denn davor schon mal in Indien?

    Clas Neumann: Ich war privat in Indien, also mein allererster Besuch war 1993 noch als Rucksackreisender von Pakistan, von Rawalpindi, und Richtung Amritsar. Das war die erste Stadt in Indien, die ich gesehen habe, der goldene Tempel in Amritsar. Das war auch die erste Nacht, die ich in Indien verbracht habe. Die habe ich im Goldenen Tempel verbracht. Also es hat mich schon sehr tief beeindruckt, das Land. Ich kenne das Land aus verschiedensten Perspektiven, eben auch als Rucksackreisender, der tagelang in Zügen unterwegs ist und so. Natürlich viel von diesem Charme Indiens, von dieser Lebensfreude, von diesen Farben, der Musik und all den Dingen. Das hat man natürlich, wenn man als Low Budget Reisender da mehrere Monate unterwegs ist, anders wahrgenommen als später, wenn man für ein großes Dax-Unternehmen dort hinreist und in guten Hotels wohnt und jeden Tag eine vollgepackte Agenda hat. 

    SAP hat sein Indiengeschäft 1995 gestartet, wobei der Subkontinent anfangs vor allem ein Absatzmarkt für das Unternehmen war. 1998 haben Sie dann schon das erste SAP Lab in Indien aufgebaut. Was genau wird da gemacht?

    Clas Neumann: Softwareentwicklung. Wir entwickeln Teile unserer Produkte in Indien. Die Softwareentwicklung macht fast 90 Prozent unserer Mitarbeiter in Indien aus. 10 Prozent machen Vertrieb lokal, also lokales Geschäft und 90 Prozent der Mitarbeiter in Indien, und insgesamt sind das so circa 15.000 in Indien, machen eben die Softwareentwicklung oder sind eben Teil unserer globalen Softwareentwicklung. 

    15.000 Mitarbeiter? Aber dann wahrscheinlich über mehrere Städte verteilt ... 

    Clas Neumann: Also wir sind in Indien neben Bangalore, wo es sicherlich 80 Prozent unserer indischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Sind wir noch in Gurgaon, in Pune, in Mumbai und in Hyderabad mit Softwareentwicklung, aber eben deutlich kleiner. Das sind teilweise auch Standorte, die wir durch Akquisitionen erworben haben. Oder dass man gesagt hat, wir wollen auch nicht alle Eier in einen Korb tun. Das heißt, wir brauchen vielleicht in Indien auch ein bisschen einen größeren Footprint, wie man so schön sagt, dass man nicht wirklich alles in eine Stadt setzt. Denn es gibt ja auch Risiken in einem Land, und die können durchaus auch unterschiedlich in so einem Subkontinent wie Indien sein, sodass man dann auch so ein bisschen Risikosteuerung machen kann, wenn man an verschiedenen Standorten ist. 

    Aber auf Bangalore, oder Bengaluru, fokussieren Sie sich? Warum?

    Clas Neumann: Es ist tatsächlich so, Bangalore hat sich für uns als sehr, sehr guter Standort auch bewiesen, weil es von den Lebensbedingungen her vernünftig ist, weil es IT-Talente aus ganz Indien anzieht, was in anderen Städten nicht unbedingt der Fall ist. Also nach Bangalore, da kann sich fast jeder, der in Indien IT-Skills hat, vorstellen, dahin umzuziehen, einfach weil es da so viele Möglichkeiten gibt. 

    Gibt es Planungen für die Zukunft? 

    Clas Neumann: Na ja, wir, wir investieren weiter in Indien. Das ist klar. Wir bauen auch gerade neu in Bangalore, einen weiteren Campus. Das heißt, wir haben schon auch Zuversicht, dass wir in Indien weiterwachsen können. Und es geht eben im nächsten Schritt auch um qualitatives Wachstum, weil, wir leben ja nun in einer sehr, sehr dynamischen Welt in einer IT-Industrie. Da gibt es natürlich auch Jobs, die wird es in der Zukunft vielleicht nicht mehr so geben, denn die Artificial Intelligence, also die künstliche Intelligenz, die wird auch Jobs übernehmen. Das heißt, man wird höher qualifizierte Jobs dann entsprechend brauchen. Und auch da ist natürlich ein Wandel dann, den wir vorhersehen. Also ich sehe auch, dass wir AI-Anwendungen, das wird ein größeres Feld werden.

    Ist denn AI, also Künstliche Intelligenz, für die IT-talentierten Inder nicht eine Riesenchance?

    Clas Neumann: Die Diskussion in Indien geht in der Tat genau um diesen Punkt. Indien könnte einer der großen Profiteure von AI sein, weil es einfach viele sogenannte Use Cases, also Anwendungen geben muss mit AI, die auch irgendjemand programmieren muss und diese Anwendung programmiert noch die künstliche Intelligenz nicht selbst. Dafür braucht man also noch Softwareentwickler, die das machen. Also da gibt es extrem viel Potenzial für ein Land, das Millionen von Softwareentwicklern hat. Gleichzeitig gibt es eben auch viele IT-Service-Jobs in Indien, die möglicherweise von AI-Systemen mal übernommen werden können. 

    Indien ist ein bedeutender Exporteur von IT-Dienstleistungen. Allerdings spielt Deutschland als Abnehmer gar nicht so eine große Rolle. Anders als die USA und UK ...

    Clas Neumann: Man muss natürlich sehen, UK und Indien haben natürlich traditionell enge Verbindungen. Deshalb lag UK schon immer vorne in Europa bei den Abnahmen von indischen IT-Dienstleistungen, also auch vor dem Brexit. Aber der Brexit wird diesen Trend natürlich verstärken, weil wir in Deutschland haben natürlich eine einheitliche Datenregelung mit dem Rest der EU. 

    Das heißt, wenn Sie als deutsches Unternehmen Ihre IT-Dienstleistungen in Bulgarien oder in Rumänien oder in Polen einkaufen, wo sie vielleicht vom Preis her ähnlich liegen wie in Indien oder nur knapp drüber, dann brauchen Sie sich zumindest keine Gedanken um Privacy, Data Protection und diese Themen zu machen. Wenn Sie das in Indien einkaufen oder wenn Sie aus Indien heraus Services machen in Ihren IT-Systemen. Auch wenn die IT-Systeme in Deutschland sind, der Zugriff auf diese Systeme ist beschränkt aus Indien, das heißt, Sie können das nicht einfach so machen. Das kommt dann genau darauf an, welche Daten liegen auf den Systemen. 

    Also da ist sind die EU-Bürger sehr, sehr gut geschützt. Diese Mechanismen greifen auch sehr gut und da müssen natürlich alle Firmen sehr, sehr sorgfältig sein. Und daher glaube ich, gucken viele deutsche Firmen dann doch eher nach Osteuropa, weil das von den Compliance-Regeln eben einfacher zu handhaben ist. Aber wenn Sie natürlich sehr weit skalieren wollen mit Hunderten oder gar Tausenden von Leuten, die sie brauchen, dann führt wahrscheinlich kein Weg an Indien vorbei. Und alle großen indischen IT-Firmen haben natürlich auch nicht nur Büros, sondern wirkliche Ableger in Deutschland, also Infosys, Wipro usw. und da kann man sich natürlich auch direkt an die wenden.

    Was ist denn an der Arbeit mit Indern anders? Was sind da Ihre Erfahrungen?

    Clas Neumann: Was meine persönliche Erfahrung ist mit indischen Mitarbeitern und so ist natürlich auch diese Begeisterung, die dann da rüberkommt, das heißt eine sehr positive Einstellung zur möglichen Problemlösung. Also ich sage immer, wenn man in Indien mit zehn Leuten im Raum sitzt und ein Problem hat, dann, dann kommen sofort, man hat das Problem noch gar nicht ganz dargestellt, kommen schon die ersten, die sagen, also ich habe schon eine Idee, wie wir es machen. 

    Vielleicht machen wir es so oder so und der letzte, der rast schon raus und fängt direkt an zu programmieren. Und wenn ich mit dem gleichen Problem in Deutschland da mit meinem Team gesprochen habe, da habe ich erst mal fünf oder sechs gute Gründe gehört, warum das überhaupt nicht machbar ist. Und das ist, glaube ich, so ein bisschen der Unterschied von der Denkweise. Und ich sage gar nicht, dass eins besser oder schlechter ist. Es ist eine andere Herangehensweise. 

    In Deutschland sind wir eben ausgebildet, sehr kritisch über die Dinge nachzudenken und erst mal tief zu analysieren, bevor wir in Aktion verfallen. Und das ist in Indien anders, da hat man eben mehr: Was du hat da noch gar nicht angefangen? Was denkst du denn immer noch? Und man hat dann mehr so ein Trial and Error-Verfahren, was aber auch zum Ziel führt und vielleicht zu dem anderen Ergebnis. Und das Geheimnis dann eben unserer erfolgreichen Softwareentwicklung ist, eben diese Ansätze irgendwie auch wieder miteinander zu verheiraten. Dass man sagt, hier ist vielleicht ein Teil, den analysiert man mal besser, weil da gibt es vielleicht viele Risiken oder das ist auch extrem komplex und hier ist ein Teil, da können auch mal drei verschiedene Wege versuchen und sehen, wo wir da hinkommen.

    Haben Sie vielleicht Tipps, was man beachten sollte, wenn man als Unternehmer nach Indien geht, auch kulturell?

    Clas Neumann: Ich habe ja auch viele Unternehmen kennengelernt und Unternehmer auch, gerade auch Mittelständler, die extrem erfolgreich in Indien operiert haben. Warum? Weil sie sich irgendwie darauf eingelassen haben auf Indien, offen für die Kultur, nicht alles mit dem deutschen Maßstab sofort bemessen und auch mal ein bisschen ins Risiko gehen. Wo man keine Kompromisse machen sollte, wäre tatsächlich bei diesen Compliance-Standards. Also das braucht man auch nicht mehr, das heißt wie Geschäfte gemacht wird, dass man wirklich von Anfang an sagt, irgendwelches Taschengeld, Bestechungen usw., das gibt es einfach nicht und das kann man auch durchziehen. 

    Und wenn ein Unternehmen dafür mal bekannt ist, dann wird es auch als solches wahrgenommen. Da fragt dann auch irgendwie keiner mehr. Es gibt bestimmte Werte, die sollte man durchaus dann auch in Indien offensiv vertreten, weil man sagt, das ist ein Firmenwert, den wir auf der ganzen Welt, so handhaben wir das, so machen wir Geschäfte oder das ist bei uns Qualität, da machen wir keine Abstriche. Aber bei vielen anderen Dingen kann man sich eben dann doch auch drauf einlassen, bei den Arbeitsprozessen. 

    Und man muss natürlich da und dort mehr Zeit einplanen. Also gerade am Anfang, wenn man Lieferketten aufbaut. Das klappt nicht immer von Tag eins dann so flüssig und man muss seine Lieferanten auch gut kennen. Es gibt ja diese Indian Standard Time und die Inder sagen immer so ein bisschen humorvoll IST Indian Stretch Time. Und das ist auch etwas, was ich gelernt habe. Aber damit kann man gut umgehen. Ich glaube, das ist einfach eine Frage. Wie geht man mit dieser anderen Kultur einfach um und passt man sich auch ein bisschen einfach an? 

    Also es geht schon damit los, dass man in Indien eine Geschäftsverhandlung nicht gleich mit dem wichtigsten Punkt beginnt, sondern sich vielleicht erst mal nach den Kindern des Gegenübers erkundigt oder über das Kricket Match vom Vorabend spricht und sich einfach mal kennenlernt und dann mal irgendwann sagt: So, wir wollten ja auch über ein paar geschäftliche Dinge reden. Ich habe schon ganz erfolgreich Dinge abgeschlossen, wo beim Rausgehen erst das Thema aufkam. 

    Ach übrigens, wir wollten ja noch über das und das sprechen. Ach, weißte, das ist jetzt erledigt, das kannst du als „approved“ annehmen. Also das habe ich auch schon erlebt. Und es macht eben auch einfach Spaß. Es ist einfach Teil des Charmes. Ich glaube, ein bisschen Anpassung von beiden Seiten und dann klappt das ganz hervorragend. Also Indien bietet enorm viel Chancen und ich glaube, alle deutschen Unternehmen, egal von welchem Sektor, haben da auch sehr, sehr gute Chancen, erfolgreich zu sein.

    Das macht doch Mut! Und Lust! Vielen Dank, Clas Neumann, dass Sie Ihre Erfahrungen auf dem Subkontinent mit uns geteilt haben. Wir wechseln jetzt zu den Indien-Experten von Germany Trade & Invest, Mareen Haring in Berlin und Florian Wenke in Mumbai. Hallo zusammen. 

    Mareen Haring: Hallo. 

    Florian Wenke: Hallo. 

    Mareen Haring, können Sie uns bitte kurz sagen, was Sie bei GTAI genau machen? 

    Mareen Haring:  Ja, sehr gerne. Ich bin zuständig für Indien, genauer mehrere Länder in Südasien. Unter anderem auch Nepal, Bangladesch, Bhutan, Sri Lanka und die Malediven. Aber Indien ist eigentlich der Hauptteil meiner Arbeit und wir unterstützen deutsche, kleine und mittlere Unternehmen bei der Internationalisierung. Und hierfür schreiben zwei meiner Kollegen in Indien Berichte. Und ich mache die Redaktion dieser Berichte. Und außerdem bin ich der Erstkontakt für Unternehmensanfragen. 

    Herr Wenke, Sie sind Korrespondent in Mumbai. Was macht ein GTAI-Korrespondent?

    Florian Wenke: Ein Korrespondent schreibt hauptsächlich. Das heißt, ich berichtet über Indien, aber auch über die Märkte Sri Lanka und die Malediven. Und neben dem Schreiben ist mein Geschäft eigentlich die Information. Das heißt, ich halte Stakeholder in Deutschland, kleine, mittlere Firmen, aber zunehmend auch Think Tanks oder die Politik auf dem Laufenden über das, was in Indien eigentlich so passiert.

    Sie haben beide ja gerade eine Studie zu Indien als Beschaffungsmarkt beendet. Ist der Subkontinent ein interessanter Beschaffungsmarkt für deutsche Unternehmen?

    Florian Wenke: Ich glaube, Indien ist allein schon aufgrund seiner Größe relevant. Es ist seit letztem Jahr das bevölkerungsreichste Land der Erde. Alleine deshalb zieht es schon so ein bisschen die Blicke auf sich. Und ansonsten ist es auch wirtschaftlich relevant. Es ist aktuell die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt und mit einer sehr vielgliedrigen Wirtschaft, das heißt, die nicht nur in einem Sektor stark ist, die sich halt gut entwickelt oder weit entwickelt ist in vielen verschiedenen Sektoren. Und dann war es auch so, dass in der Vergangenheit nicht immer so genau hingeschaut wurde auf Indien. Man guckte eher nach Norden, auf den großen Nachbarn, nach China und hat Indien so ein bisschen stiefmütterlich behandelt. Und jetzt erkennt man, dass es vielleicht ein Fehler war und dass sich der genauere Blick eben doch lohnt, weil man vielleicht hier Alternativen findet, die man jetzt so verzweifelt sucht, wenn man eben seine Lieferkette diversifizieren möchte. 

    Ist Indien denn für deutsche Unternehmen ein neuer Markt? 

    Florian Wenke: Also ganz neu ist Indien nicht, wenn man schaut - beispielsweise Siemens ist seit mehr als 100 Jahren vor Ort vertreten. Ich glaub aber so der große Push deutscher Firmen nach Indien, der fand so Anfang/Mitte der 2000er-Jahre statt. Da war schon mal so ein bisschen ein kleiner Indienhype und da war dann schon ein bisschen vermehrt die Entwicklung, nach Indien zu schauen, als Produktionsstandort oder auch als Exportstandort. Und jetzt hat man halt wieder so ein Aufflammen. Gerade wenn vielleicht in anderen Märkten die Konjunktur nicht so läuft, dann schaut man gerne mal, welcher andere größere Markt im Ausland ist und denn potentialgetrieben und da wird Indien gerade ganz häufig genannt. 

    Sie haben ja gerade Indien als Beschaffungsmarkt untersucht. Was denken Sie, wo gibt es in Indien für deutsche Unternehmen noch ungenutztes Potenzial? 

    Florian Wenke: Wenn es um das Thema Beschaffung geht, also was wäre relevant aus unserer Sicht? Da spielen so die Themen Nahrungsmittel eine Rolle, aber auch chemische Erzeugnisse. Dann noch mal eine Untergruppe davon, aber auch separat betrachtet Pharmaerzeugnisse. Dann ganz relevant. Jeder erinnert sich noch dran. Knappheit von Halbleitern, also die Themen Elektronik und Elektrotechnik, aber auch Metallwaren, Kunststoffe und zunehmend auch nicht nur Waren, sondern Dienstleistungen, hier speziell halt IT-Dienstleistungen. 

    Sie haben eben die Pharmaerzeugnisse erwähnt. Indien wird ja manches Mal als Apotheke der Welt bezeichnet. Was würden Sie dazu sagen? 

    Florian Wenke: Apotheke der Welt ist so eine selbstgewählte Bezeichnung. Wird hier gerne ein bisschen genutzt, um das Land auch zu pushen. Aber das Land hat natürlich ganz klare Stärken. Also Impfstoffproduktion, Generikaproduktion. Da ist es sehr, sehr gut aufgestellt. Es ist einer der wichtigsten Produzenten der Welt. Also schätzungsweise 20 Prozent aller Generika werden in Indien hergestellt und 60 Prozent der Impfstoffe. Das sind aber Produkte eher am unteren Ende der Wertschöpfungskette. Also die Forschung und Entwicklung ist noch nicht so ganz so weit. 

    Sie haben bei Ihrer Aufzählung eben von wachstumsstarken Branchen, die für deutsche Einkäufer interessant sein können, auch Elektrotechnik und Elektronik erwähnt …

    Florian Wenke: Ich würde es so ein bisschen aufteilen, zunächst mal Elektrotechnik, also solche Anlagen, Sachen wie Kabel, Schaltanlagen, auch Transformatoren und Kondensatoren. Da findet man hier ganz gut Hersteller. Das sind zum Teil lokale Hersteller wie Havells oder CG Power. Oft sind es auch Staatsunternehmen, die da noch tätig sind. Das Land hat vor einigen Jahrzehnten mal größere Unternehmen in größerem Umfang verstaatlicht und seitdem sind die immer noch in staatlicher Hand. Aber man findet natürlich auch europäische Hersteller, die hier vor Ort sind bei dem Thema. Siemens oder Leoni, die hier Kabel herstellen, die beiden deutschen Unternehmen. Insgesamt kann man da ungefähr sagen, so ein Produktionsvolumen 33 Milliarden US-Dollar und der Export spielt da schon eine ganz gewisse Rolle. Man sieht, man hat hier Hersteller, die in guter Qualität fertigen können und hat eben halt auch in Deutschland mittlerweile Käufer, die in Indien einkaufen wollen. 

    Und wie sieht es bei Elektronik aus?

    Florian Wenke:  Ja, also Elektronikfertigung ist auch so ein Wachstumssegment, also ungefähr Produktionswert, mittlerweile von fast 100 Milliarden US Dollar im Land. Und der Hauptteil davon sind Mobiltelefone, das ist eine richtige Erfolgsstory hier auch. Also 2017 hat Apple begonnen, hier iPhones herzustellen und mittlerweile stellen die 14 Prozent aller iPhones in Indien her. Das heißt, das Land hat wirklich erkannt, hier kann man produzieren. Und zunächst waren das die typischen Auftragsfertiger Foxconn und mittlerweile hat man mit dem Tata-Konzern auch lokale Unternehmen, die wieder eingestiegen sind als Partner und dementsprechend findet da eben auch der Knowhowtransfer, Technologietransfer statt.

    Bei Halbleiter denken die meisten Menschen eher an Länder wie Taiwan, Korea oder Japan. Nicht so an Indien. Wird sich das künftig ändern?

    Florian Wenke: Ich glaube ja, so einen fängt jetzt an, das erste Werk für Halbleiter zu bauen, auch zusammen dem Tata-Konzern mit einem Konsortium aus anderen Firmen aus Taiwan unter anderen. Und dann dauert es natürlich eine Zeit lang, bis eine Fab dann auch steht. Aber dann kann man natürlich auch schauen, ob man nicht hier dann die Halbleiter aus Indien sourced, anstatt von anderen Standorten. Hinzu kommt, dass Indien natürlich auch im Bereich Assembly, Testing, Marketing und Packaging schon vertreten ist. Das heißt, wo dann einzelne Halbleiter zu Chips zusammengesetzt werden. Und auch was Dienstleistungen angeht, kann sich der Blick nach Indien lohnen. Indien ist ein Powerhaus, wenn es darum geht, Halbleiter zu designen, Also knapp 20 Prozent des Halbleiterdesigns weltweit wird in Indien erledigt. Indiens Wirtschaft hat so ein bisschen ihre Stärke im Dienstleistungssektor und Halbleiterdesign ist eben eine Dienstleistung. 

    Apropos Dienstleistungen: Clas Neumann von SAP hat uns vorhin bereits eine Menge zum IT-Standort Indien erzählt. Angenommen, ein deutsches Unternehmen sucht einen indischen IT-Dienstleister. Wie sollte es vorgehen und wo wird man am ehesten fündig? 

    Florian Wenke: Also ich glaub ein guter Tipp ist einfach in den Zentren dieser Industrie zu schauen. Zuvorderst sicherlich Bengaluru. Meistens eher bekannt als Bangalore noch. Das ist so der Hub für die Industrie. Das kennt man noch von früher die Call Center, die typischen Call Center, aus denen sich dann diese ganze Industrie IT-Dienstleistung entwickelt hat, hier vor Ort? Ansonsten gibt es da auch Branchenverbände, hier in Indien sicherlich zuvorderst zu nennen, Nascom. 

    Frau Haring?

    Mareen Haring: Das wäre generell auch mein Tipp. Immer zuerst vor Ort sein. Indien ist auch hochprofessionell, was Messen angeht. Also es gibt zu fast jedem Thema, jeder Branche gibt es mehrere Messen in Indien das ganze Jahr und auf Messen lassen sich die besten Kontakte - meines Erachtens nach - schließen.

    Wir haben noch eine Branche, über die wir noch nicht gesprochen haben. Das ist die Textilbranche, Indien ist ja bekannt als Beschaffungsmarkt für Textilien, auch für Leder. Deutsche Konsumenten und Einkäufer achten aber auch immer mehr auf nachhaltige Produktion. Frau Haring, kann Indien diesbezüglich etwas anbieten?

    Mareen Haring: Die meisten, die sich Indien vorstellen, denken an die leuchtenden Farben der Saris von den Frauen. Und ja, tatsächlich steckt Indien fast die gesamte Wertschöpfungskette in der Textilindustrie ab, also von Anbau von beispielsweise Baumwolle über die Verarbeitung und bis hin zur fertigen Konfektion. Und da kann Indien auch Standortvorteile nutzen. Beispielsweise hat es eine relativ geringe Importabhängigkeit von solchen Vorprodukten. Und ja, in Indien ist auch der Trend zur Nachhaltigkeit, wurde erkannt, vor allem aber auch wegen den Anforderungen der ausländischen Kunden aus der EU beispielsweise. Das Recycling von Alttextilien spielt eine große Rolle. Und es gibt auch Regierungsprogramme, also gefördert von der Regierung in Neu-Delhi in Millionenhöhe, wie das Indian Footware and Leather Development Program, das umweltschonende Verfahren in der Produktion mit ja finanziellen Mitteln unterstützt. Grundsätzlich ist Nachhaltigkeit in Indien ein Thema. Wenngleich aber der Fokus des Landes und der Wirtschaft eher noch mal auf dem wirtschaftlichen Wachstum liegt. 

    Ist denn der indische Markt besonders herausfordernd?

    Mareen Haring: Unter deutschen Unternehmern ist besonders schwerwiegend, dass die indische Bürokratie als lähmend empfunden wird. Auch ist die Verwaltung in Indien wenig berechenbar. Also es gibt schnelle Änderungen in Prozessen und Vorschriften und Verfahren, wo Unternehmer dann ohne Vorlaufzeit quasi die neuen Prozesse auf den Tisch bekommen. Und das fordert eine enorme Flexibilität, die üblicherweise den Deutschen nicht nachgesagt wird.

    Und haben es Unternehmen, denen Nachhaltigkeit wichtig ist, besonders schwer in Indien? 

    Mareen Haring: Es kommt immer darauf an, was man mit seinem Vertragspartner aushandelt. Und wenn man als deutsches Unternehmen besonders viel Wert auf Nachhaltigkeit legt und den indischen Unternehmen erklärt, welche Punkte man darunter betrachtet, dann können die Unternehmen genauso nachhaltig agieren wie hierzulande. 

    Noch mal nach Mumbai zu Ihnen, Herr Wenke. Was wären so Ihre persönlichen Tipps? Was sollten deutsche Unternehmen noch beachten, wenn sie auf dem Subkontinent Geschäfte machen? 

    Florian Wenke: Also ein Punkt, den ich den Leuten gerne mit auf den Weg gebe, ist, Indien ein bisschen runterzubrechen, vielleicht in verschiedene Teilmärkte; das hilft, mit der Größe des Landes klar zu kommen. Also man kann so ein bisschen sagen, jeder Bundesstaat ist wie so ein kleines Land, es passt ungefähr von der Größe, von der Bevölkerungsanzahl, von der Identität. Alles sehr verschieden und sehr Plural. Und dann bricht man das ein bisschen runter und schaut vielleicht erst mal, wo fange ich an, mir diesen Markt zu erobern. Vielleicht erst mal nur in einer der großen Städte oder halt in einem Bundesstaat, der besonders passt für mich, zu dem ich einen Bezug hab. Das hilft auf jeden Fall. Und ein weiterer Punkt ist noch dieses ständige Vergleichen. Also hier ist das anders als in Deutschland und das ist ja anders und das ist ja anders. Aber das Land einfach so ein bisschen so zu nehmen, wie es ist und das nicht als schlechter oder besser zu sehen, sondern einfach nur als anders zu sehen und dann so zu handhaben. 

    Wie verlässlich sind eigentlich indische Unternehmen? Was kann man als deutscher Einkäufer tun, damit man gleichbleibende Qualität der bestellten Produkte erhält und die Lieferung auch pünktlich kommt? 

    Mareen Haring: Also meines Erachtens und meiner Erfahrung nach sind Inder sehr verlässlich. Allerdings kann man natürlich noch mal der Verlässlichkeit nachhelfen, indem man Dinge vertraglich festlegt, die dann schriftlich auch nachprüfbar sind. Und ganz, ganz wichtig In Indien ist das Netzwerken, also ein Kennenlernen auf persönlicher Ebene, Respekt vor der Kultur zu zeigen und auch beispielsweise kleine, ortsübliche Geschenke zu Feiertagen.

    Wie sehen Sie das, Herr Wenke? 

    Florian Wenke: Ich würde auch so eine Beziehung dann auch Stück für Stück entwickeln. Vielleicht sollte man auch nicht bei der ersten Order direkt an die Millionen Stück ordern, sondern erstmal klein anfangen. Klappt alles wie gedacht und dann so Stück für Stück skalieren. Wie gesagt, in dem Zuge dann halt auch das Vertrauen aufbauen, die Geschäftspartner auch besuchen, auch mal die Produktionsanlagen angucken, je nachdem was man einkauft. Und dann ein ganz wichtiger Punkt von Mareen auf die Verträge achten. Da kann man natürlich dann alles festlegen, von Vorkasse bis hin zu Lieferbedingungen, und und und. Und Je besser und wasserdichter man das macht, umso besser ist man dann halt auch abgesichert.

    Sie hatten vorhin schon die Geschenke schon erwähnt, die so wichtig sind. Bringen Sie aus Indien auch was mit? Haben Sie da so Highlights? 

    Mareen Haring: Also zum einen bringe ich immer wieder Begeisterung für Land, Leute und Kultur mit. Das ist das Wichtigste. Aber natürlich auch materielle Dinge, vor allem Tee, Süßigkeiten, Kaju Katlis sind bei mir im Büro ganz beliebt. Das ist eine indische Süßigkeit, vergleichbar mit Marzipan, aber aus Cashewnüssen.

    Und wie ist das bei Ihnen, Herr Wenke?

    Florian Wenke: Also Snacks auf jeden Fall. Also, Mareen hat es gesagt, da gibt es Sachen, die es in Deutschland einfach nicht gibt. So Sauer eingelegte gelierte Mangos und solche Sachen. Dann gibt es Imli-Bonbons, so saure Süßigkeiten. Ansonsten auch viel Gewürze, sehr, sehr gute, qualitativ hochwertige Gewürze kriegt man hier sehr, sehr einfach. Zimt beispielsweise. Und solche schönen Sachen, Tee, immer Tee aus Darjeeling und dann Stoffe. Also viel Seidenstoffe, Sachen aus Seidenstoffen. 

    Und jetzt noch ein bisschen größer gedacht: Was fasziniert Sie an der indischen Kultur oder was schätzen Sie besonders? 

    Mareen Haring: Das lässt sich, glaube ich, nicht in Worte fassen. Das muss man erleben. 

    Florian Wenke: Ich mag die Dynamik, diese ständige Verwandlung. Und trotzdem bleibt der Kern immer gleich. Wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden in Indien. Und trotzdem ist immer wieder, jeder Blick bringt etwas Neues zutage. Das fasziniert mich sehr. 

    Vielen Dank nach Mumbai und nach Berlin, an Sie beide. Das waren wunderbare Einblicke nicht nur ins Land als Beschaffungsmarkt sondern auch in die indische Kultur. Die Vielfalt Indiens kann WELTMARKT in einer Folge natürlich nicht in Gänze abbilden, selbst dann nicht, wenn wir die Indian Stretch Time in Anspruch nehmen könnten. Aber wir hoffen, dass bei Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer doch vieles hängengeblieben ist. Links zum Nachlesen finden Sie in den Shownotes. Die erwähnte Studie mit dem Titel “Sourcingchancen in Indien” von Germany Trade & Invest gibt es zum Download auf gtai.de. Haben Sie eine gute Zeit und wir würden uns freuen, wenn Sie in der nächsten Folge wieder reinhören. Dann geht es um Mexiko. Machen Sie es gut und bis bald!

     

  • Folge 18: Wasserwirtschaft - ein lebenswichtiger Markt

    - Mai 2024 -

    (Trink-)wasser ist ein knappes, kostbares Gut - und wird zunehmend knapper. Die Hälfte der Weltbevölkerung leidet schon heute unter schwerer Wasserknappheit. Deutsche Unternehmen engagieren sich weltweit, um die Versorgung zu sichern.
     

    Laut einem Bericht der Vereinten Nationen leidet die Hälfte der Weltbevölkerung zumindest temporär unter schwerer Wasserknappheit. Deutsche Unternehmen helfen unter anderem mit innovativen Anlagen und sind beratend tätig. WELTMARKT spricht mit dem Gründer eines Berliner Start-ups, das eine solarbetriebene Wasseraufbereitungsanlage erfunden hat, welche auf mehreren Kontinenten eingesetzt wird. Außerdem spricht WELTMARKT mit einem Vorstandsmitglied von German Water Partnership e.V. (GWP), dem Netzwerk der international tätigen deutschen Wasserbranche, zu den jüngsten Trends und Entwicklungen.

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    Gäste in dieser Folge

    Ali Al-Hakim Ali Al-Hakim | © Ali Al-Hakim

    Ali Al-Hakim

    Er ist Geschäftsführer und Co-Gründer der Boreal Light GmbH, einem Berliner Start-up, das dezentrale, solarbetriebene Anlagen zur Wasserentsalzung und Wasseraufbereitung entwickelt und weltweit vertreibt und installiert – auch in durch den Krieg zerstörten Regionen der Ukraine. In Kenia gründete Boreal Light ein Tochterunternehmen namens WaterKiosk. Ali Al-Hakim hat an der Technischen Universität Berlin Maschinenbau studiert. Die Boreal Light GmbH ist Mitglied bei German Water Partnership e.V. (GWP), einem Netzwerk, in dem sich deutsche Unternehmen der Wasserwirtschaft zusammenschließen und gegenseitig unterstützen.

     

    Anja Eimer Anja Eimer | © Anja Eimer

    Anja Eimer

    Sie leitet seit März 2022 das globale Wassergeschäft der Siemens AG und unterstützt Kunden in der Wasserindustrie auch bei digitalen Lösungen. Sie bringt Erfahrungen aus verschiedenen Branchen mit, etwa Automobil, Infrastruktur, Banken & Versicherungen. Beim Netzwerk German Water Partnership e.V. (GWP), das mit seinen fast 300 Mitgliedern Informationen und Innovationen des deutschen Wassersektors bündelt, sitzt Anja Eimer seit Januar 2024 im Vorstand. Im GWP-Regionalforum Eastern Europe, Caucasus and Central Asia fungiert sie als Ansprechpartnerin für die Ukraine und beschäftigt sich dort mit dem Wiederaufbau der Wasserindustrie.

     

    Weiterführende Informationen

    German Water Partnership e.V.

    Boreal Light GmbH

    WaterKiosk (von Boreal Light)

    Germany Trade & Invest: www.gtai.de 

    GTAI-Themenspecial zum Thema Wasser 

    Ausschreibungen und Projektfrühinformationen (GTAI-Seite): Internationale Ausschreibungen und Projekte (gtai.de)


    GTAI-Themenspecial zum Wiederaufbau der Wirtschaft in der Ukraine

    Messe IFAT

    Messeinformationen IFAT München bei GTAI

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Liebe Hörerinnen und Hörer,

    Die Hälfte der Weltbevölkerung leidet  zumindest saisonal unter schwerer Wasserknappheit. Mehr als 2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und 3,5 Milliarden müssen ohne sanitäre Einrichtungen klarkommen. Das steht im jüngsten Weltwasserbericht der Vereinten Nationen.

    Anja Eimer: Es wird beispielsweise auf EU-Ebene auch das Thema Wasser jetzt immer stärker diskutiert. Es gibt sogar auch einzelne Meinungsmacher, die sagen, es bräuchte sogar ein eigenes Ministerium für Wasser in jedem einzelnen Land. 

    … sagt Anja Eimer, Vorstandsmitglied bei German Water Partnership. Mit ihr sprechen wir gleich über die Möglichkeiten für deutsche Unternehmen der Wasserwirtschaft, sich gemeinsam weltweit zu engagieren, so auch in der Ukraine. Durch den russischen Angriffskrieg wurde und wird auch die Wasserinfrastruktur des Landes zerstört – die Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Hier kommt unser erster Gast ins Spiel. Ali Al-Hakim ist Co-Gründer eines Start-ups, das sogenannte Wasserkioske entwickelt. Seine dezentralen, solarbetriebenen Wasseraufbereitungsanlagen wurden vor ein paar Jahren erstmals in Kenia aufgestellt – jetzt helfen sie den Menschen in der Ukraine:  

    Ali Al-Hakim: Es ist auch ein Vorzeigeprojekt, würde ich jetzt fast behaupten. Es ist mit grünen, erneuerbaren Energien. Es ist ein Krisengebiet. Es zeigt, dass dezentrale Wasserlösungen auch in Kriegszeiten sehr entscheidend sein können. Wir haben die Anlagen auch bewusst in fünf Containern aufgestellt, wir hätten die auch alle in einen Container machen können. Aber so haben wir gedacht, falls mal eine Anlage beschossen werden sollte, können noch vier separate, voneinander unabhängige weiter existieren. 

    Aber bevor wir auf die Ukraine kommen, einmal ganz von vorn. Herr Al-Hakim, schön, dass Sie unser Gast sind. Vielleicht können Sie sich kurz vorstellen.

    Ali Al-Hakim: Al-Hakim Ali ist mein Name. Ich bin der Geschäftsführer und Co-Founder von der Berliner Firma Boreal Light GmbH. Ich wohne in Berlin seit 20 Jahren und in Deutschland seit über 30 Jahren. Gebürtig komme ich aus dem Irak und habe die Firma Boreal Light 2014, zwei Jahre nach dem Studium mit einem Freund gegründet.

    Und Boreal Light, was ist das für ein Unternehmen?

    Ali Al-Hakim: Wir sind momentan Weltmarktführer im Bereich der solaren Wasserentsalzung. Das heißt, wir können sowohl Seewasser als auch Brackwasser zu Trinkwasser aufbereiten. Alleine durch die Verwendung von erneuerbaren Energien.

    Gestartet sind Sie mit Ihren Wasseraufbereitungsanlagen in Kenia. Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen?

    Ali Al-Hakim: Wir haben festgestellt, dass die Wasserproblematik nicht durch die lokalen Gemeinden behoben werden kann. Das heißt, es ist ein Wasserbedarf da. Jeder einzelne zahlt im Supermarkt für 20 Liter Wasser zwischen vier bis fünf Dollar. Aber keiner kommt und installiert so eine Wasserentsalzungsanlagedie dann den Verkaufspreis des Wassers nach unten reduzieren kann, weil sich die Lokalen so eine Anlage nicht leisten können. Was wir gemacht haben ist, dass wir dann in Vorleistung gegangen sind. Wir haben dann Kredite von der Bank genommen, ein solches Wasserkiosk vorfinanziert und dort das Wasser anstelle von vier bis fünf Dollar für einen Dollar vertrieben, die 20 Liter, das heißt ein Liter für fünf Cent. Und somit hatten die Leute am Ende des Monats mehr Geld, um andere Sachen sich leisten zu können.

    Und wie funktioniert das genau?

    Ali Al-Hakim: Also es ist ein 4 mal 4 Quadratmeter großer Raum, wo eine Anlage von uns drinsteht. Wir pumpen das Brackwasser aus dem Boden heraus, wir entsalzen das Wasser und das saubere Trinkwasser wird dann quasi in 20-Liter-Behältern abgefüllt und dem Endkunden zur Verfügung gestellt.

    Sie bohren also erstmal  und je nachdem, was Sie vorfinden, können Sie sowohl Salzwasser als auch Brackwasser umwandeln.  Kann es sein, dass Sie das hochgepumpte Wasser mal nicht in Trinkwasser umwandeln können? 

    Ali Al-Hakim: Nein, wir können jede Art von Wasser umwandeln. Die Anlagen sind alle komplett kundenspezifisch. Normalerweise ist es so, dass wir das Wasser zu einem Labor geben und dort herausfinden, wie viele Stoffe im Wasser gelöst sind. Die Anlage, die entfernt alle im Wasser gelösten und nicht gelösten Stoffen. Das heißt, die Anlage hat sieben verschiedene Stufen. Erst mal wird das Wasser komplett vorgereinigt, dann wird das Wasser von Bakterien und Viren bereinigt und in der letzten Stufe wird quasi alle im Wasser gelösten Stoffe auch entfernt, sodass Sie am Ende nur H2O-Moleküle haben. Und damit auch wir Mineralien im Wasser einführen, haben wir am Ende der Anlage einen Remineralisierungsfilter, wo wir quasi dann selber Mineralien ins Wasser einführen können.

    Wieviele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Sie denn, aktuell?

    Ali Al-Hakim: Momentan beschäftigen wir in Berlin 25 Angestellte. Die Anlagen werden hier in Berlin entwickelt und produziert. Für die Installation der Anlagen in Ostafrika haben wir zusätzlich eine Firma in Kenia gegründet, 2017, weil wir festgestellt haben, jedes Mal nach Ostafrika zu fliegen und eine Anlage zu installieren, kostet doch viel Geld. Und von Anfang an war unsere Idee/Traum, dass wir auch lokale Personen dort beschäftigen. Unsere Firma heißt in Ostafrika WaterKiosk. Allein Waterkiosk beschäftigt über 300 Mitarbeiter, die quasi unsere existierenden Anlagen betreiben, aber auch neue Anlagen installieren.

    Und in welchen Regionen sind Sie vor allem tätig? 

    Von 2018 bis heute haben wir mehr als 220 Anlagen installiert. In Kenia, in Tansania, in Somalia, Somaliland sowohl, aber auch in Jemen und Südafrika. Wir haben aber auch in Westafrika, in Ghana, im Senegal, aber auch in Lateinamerika. Unser Fokus zum Beispiel liegt dieses Jahr sehr stark auf Lateinamerika. Wir haben in Kolumbien dieses Jahr die zweite Anlage in Betrieb genommen, in Nicaragua. Wir haben eine Anlage in Mexiko stehen. Wir versuchen aber auch, bedingt jetzt durch den Krieg in Europa, auch in Europa unsere Anlagen zu installieren, was wir auch jetzt in Osteuropa gemacht haben.

    Sie sind also auf mehreren Kontinenten und immer in eher herausfordernden Regionen unterwegs... Haben Sie vielleicht bei einigen Projekten finanzielle Unterstützung bekommen? Ich könnte mir vorstellen, vom BMZ, vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ...

    Ali Al-Hakim: Also meistens waren es Gelder der BMZ gewesen. Wir haben aber auch von der dena Gelder genommen, um die ersten Pilotprojekte zum Beispiel in neuen Gebieten zu installieren. Meistens ist es so, dass wir ein Pilotprojekt brauchen. Also die meisten Kunden werden wirklich überzeugt, wenn sie mal vor so einer Anlage stehen, sich eine Anlage anschauen und gucken, wie die funktioniert. Das Wasser probieren, Eingang, Ausgang, mit dem Betreiber sprechen, Feedback sich holen, dann sind sie überzeugt. Aber wenn man das ganze nur auf Videos oder Zeichnungen zeigt, ist es nicht wirklich sehr überzeugend, dass der Kunde sagt okay, ich nehme jetzt so und so viel Geld in die Hand.

    Bei Wassermangel denkt man ja fast automatisch an den Globalen Süden. Doch sie haben schon vorhin gesagt, dass auch Europa ein wichtiger Markt ist. Und hier nicht nur die Ukraine. 

    Ali Al-Hakim: Tatsächlich ist es so, dass klimabedingt jetzt die Anlagen auch größere Einsatzgebieten haben werden, auch in Europa, auch in Südeuropa. Wir haben zunehmend viele Anfragen jetzt aus Spanien, aus Griechenland, aus Italien bekommen. Wir haben, ehrlich gesprochen, nie den Gedanken gehabt, dass wir irgendwann mal Anlagen in der Ukraine installieren werden. Ein Vorteil von unserer Anlage ist auch, dass wir keine Chemie verwenden sondern rein physikalisch das Wasser aufbereiten, also kein Chlor zum Beispiel oder anderen Chemikalien und zusätzlich, dass die Effizienz unserer Anlage relativ hoch ist. Das heißt zum Beispiel in der Anlage in der Ukraine können wir aus 100 Liter 88 Liter Trinkwasser erzeugen. 

    Die Anlage steht in der Stadt Mykolajiw. Wie kam es es denn überhaupt dazu, dass Sie sich dort engagieren konnten? 

    Ali Al-Hakim: Tatsächlich war es so, dass ich durch eine Messe von dieser Wasserproblematik erfahren habe und wir haben dann dort Kontakt mit der Stadtverwaltung aufgenommen. Die haben uns dann mehr Dokumente über das Wasserproblem geschickt. Wir haben dann Wasserproben, Wasseranalysen gefordert. Und basierend darauf haben wir dann angefangen, quasi so eine Anlage erst mal auszulegen, zu schauen, was die Nachfrage ist, wieviel Liter pro Stunde produziert werden sollen. Und am Ende, als das alles schon stand, haben wir dann geschaut, wie wir so eine Anlage finanzieren können, haben dann mit mehreren Institutionen gesprochen, bis dann die KfW sich bereit gezeigt hat, so eine Anlage mit uns co-zufinanzieren. Das heißt, wir haben 50 Prozent und 50 Prozent lief durch BMZ und KfW/DEG.

    Wie lange hat es denn alles gedauert? Wie kann man sich denn so einen Prozess vorstellen?

    Ali Al-Hakim: Tatsächlich ging es relativ schnell. Wir haben ungefähr in vier Monaten alle Dokumente schon gehabt und die Anlagen schon designt. Und dann haben wir gewartet bis ungefähr März, bis wir wussten, wie wir das Ganze finanzieren werden und bis wir auch die Finanzierung gesichert haben. Und dann ging es darum, Bauteile, Pumpen, Membrane, Druckrohre zu bestellen, Anlage zu produzieren. Und die Installation der Anlage haben wir dann im Oktober vergangenen Jahres gemacht.  Also die Produktion bei uns, reine Produktionszeit, waren ungefähr zwei Monate.

    In der Ukraine musste es  vermutlich ohnehin schnell gehen, weil der Bedarf besonders hoch war?

    Ali Al-Hakim: Ja. Es ist auch ein Vorzeigeprojekt, würde ich jetzt fast behaupten. Es ist mit grünen, erneuerbaren Energien. Es ist ein Krisengebiet. Es zeigt, dass dezentrale Wasserlösungen auch in Kriegszeiten sehr entscheidend sein können. Wir haben die Anlagen auch bewusst in fünf Containern aufgestellt, wir hätten die auch alle in einen Container machen können. Aber so haben wir gedacht, falls mal eine Anlage beschossen werden sollte, können noch vier separate, voneinander unabhängige weiter existieren. Und wir wollten damit auch zeigen, dass in Kriegszeiten solche solarbetriebenen Wasserentsalzungsanlagen eigentlich die Lösung sein können, weil dann kann nicht eine komplette Wasserinfrastruktur beschossen werden, sondern es ist immer noch dezentral, autark und man kann quasi immer tagsüber Trinkwasser zur Verfügung stellen. 

    Wie wichtig ist Ihr Engagement in der Ukraine denn im Verhältnis zum Gesamtumsatz Ihres Unternehmens? 

    Ali Al-Hakim: 25 Prozent. 

    Das ist ja enorm. Wie ist das eigentlich, in einem Kriegsgebiet zu arbeiten?

    Ali Al-Hakim: Also ich meine, man hört ja die ganze Zeit die Sirenen im Hintergrund. Ich persönlich, ich bin wie gesagt in Irak geboren, und bis zum zehnten Lebensjahr habe ich zwei Kriege miterlebt. Deswegen kenne ich das irgendwo, aber auch aus anderen Regionen wie aus Jemen, Somalia, auch Orte in Kenia, die zum Teil von Al-Shabaab kontrolliert werden. Das gehört, finde ich, für mich zum Beruf dazu. Aber man merkt, wenn man da rausgeht, nach längerer Zeit, dass es doch bedrückend ist. Also wenn man dort ist, denkt man sich okay, man gewöhnt sich dran. Aber wenn man dann, weiß nicht, das Land verlassen hat und auch abends mal rausgehen kann und nicht ständig diese Raketen, Sirenen im Hintergrund sind, dann merkt man okay, das hat doch so seine Spuren hinterlassen. Aber dort, wenn man da ist, da sind wir meistens fokussiert. Da wollen wir die Installation schnell machen, da wollen wir die Leute trainieren, da guckt man nicht viel rechts und links, sondern man hat eine Mission, man will sie erledigen.

    Sie haben ja persönlich auch Erfahrungen dort gemacht, die Sie wahrscheinlich nie vergessen werden ...

    Ali Al-Hakim: Also Mikolajiw liegt 50 Kilometer von der Front entfernt. Das ist quasi die Stadt, wo die Soldaten sich erholen, weil es eine relativ ruhigere Stadt ist, in Anführungsstrichen. Also jetzt in meiner ersten Anwesenheit, als ich da war sind mal zwei Raketen direkt in unmittelbarer Nähe von uns gefallen. Das war so gegen 12 Uhr nachts. Wobei ich war noch am Arbeiten am PC und dann habe ich den ersten riesengroßen Knall gehört. Dann bin ich zum Balkon und gucken, was da los ist. Und da kam danach die zweite Rakete und die war dann noch lauter. Also ich bin dann 2 Meter so nach hinten gesprungen. 

    Sind Sie auf so etwas vorbereitet? 

    Ali Al-Hakim: Also tatsächlich hatte ich mal eine Schulung Anti-Kidnapping beim BKA bekommen, weil ich in kurzer Zeit sehr viel in diese Regionen reisen musste, also nach Jemen und nach Somalia. Ich sollte erst mal alle Länder aufzählen, wo ich tätig bin und die Mitarbeiter haben sich dann angeschaut und meinten: In jedem Land, die sie gerade beschrieben haben, haben wir gerade dort Geiselnahmen, deutsche Geiselnahme Und ich wurde dann gefragt: Warum arbeiten Sie nicht in München oder in Hamburg? Ist viel sicherer. 

    Ihre Arbeit klingt sehr vielaufregender als vielen lieb wäre. Und sehr viel zu tun haben Sie auch. Trotzdem haben Sie auch schon neue Ziele für die Zukunft, richtig?

    Ali Al-Hakim: Wir haben tatsächlich zwei neue Forschungsprojekte. Also grob: Das eine geht um Wasserstoff, das andere, über das andere kann ich nicht sprechen. 

    Okay, Wasserstoff. Das ist ja noch mal was ganz anderes. 

    Ali Al-Hakim: Also es wird in letzter Zeit sehr viel über grünen Wasserstoff geredet und wir sagen für die Produktion von Wasserstoff braucht man reines Wasser. Das reine Wasser können wir mit grünen Wasserentsalzungsanlagen auch produzieren, weil man hat dann eine Linie, die man komplett grün fahren kann.Dafür brauchen wir keine neue Entwicklung. Wir wollen aber auch in dem Bereich der Produktion von Wasserstoff mit erneuerbaren Energien und lokaler Verwendung tätig sein. Und  das ist jetzt unser neues Projekt, das wir auch mit einer Universität betreiben. Und ich hoffe, dass wir in zwei Jahren quasi ein Pendant zum Wasserkiosk auf dem Markt zur Verfügung stellen können.

    Was denken Sie, wie wird es in Zukunft um unser Wasser bestellt sein?

    Ali Al-Hakim: Wir sehen jetzt auch in den Nahostgebieten an vielen Orten. Da werden zum Teil Kriege wegen Wasser durchgeführt, dann heißen sie aber anders. Aber letztendlich geht es immer um Wasser. Es ist natürlich ein sehr, sehr teures Gut, das darf man nicht vergessen. Ich denke schon, dass es auf jeden Fall in Zukunft noch wichtiger sein wird, diese Wasserentsalzungsanlagen, weil unser Planet, der besteht zu 75 % aus Salzwasser und man muss nur eine Lösung finden, wie man dieses Salzwasser zu Trinkwasser umwandelt mit sehr wenig Kosten. Direkt das  Wasser zu entsalzen, Meerwasser zu ersetzen, ist eigentlich nicht teuer mit dem jetzigen Stand der Technik. Es fehlt nur an Initiative. Es fehlt nur an etwas Wille, um überhaupt diese Wasserknappheit komplett auch mal zu beseitigen. Wir haben jetzt mit unserer 25-Mann-Firma gezeigt, dass wir 8 Millionen Menschen täglich Zugang zu sauberem Trinkwasser gewährleisten können. Und ich muss aber hier an dieser Stelle auch ganz klar die großen Konzerne, die Politik auch mal etwas mehr in Verantwortung nehmen. Was wir hier gemacht haben, das können sie zehnfach größer, viel besser. Denn man könnte sogar das Wasserproblem komplett beseitigen, wenn man will. Es fehlt nur an ja, an Social Impact, muss man hier ganz klar sagen. Es gibt viele Wasserquellen. Einige, die davon nicht trinkbar sind, kann man relativ leicht und kostengünstig zu Trinkwasser umwandeln.

    … und damit vielen Menschen ein besseres Leben ermöglichen. Vielen Dank nach Berlin, Ali Al-Hakim. Gleich spricht WELTMARKT mit Anja Eimer, Vorstandsmitglied bei  German Water Partnership, ein Netzwerk der Wasserwirtschaft, in dem auch Boreal Light Mitglied ist:: 

    Anja Eimer: Der deutsche Wassersektor gilt als einer der am stärksten regulierten weltweit. Heißt, man hat sehr hohe Standards und kann entsprechend auch diese sehr hohen Standards dann in andere Länder bringen oder anderen Ländern beibringen, was es benötigt, um auf diese hohen Standards zu kommen. 

    Aber zuerst noch etwas geballte Informationen. 

    Wasser ist überall auf der Welt ein wichtiges Thema. Aber gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern ist der Bedarf besonders hoch. Die Infrastruktur für die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung muss instandgehalten und für die wachsende Bevölkerung ausgebaut werden. Häufigere Dürren, verursacht durch den Klimawandel, erfordern zudem Investitionen in bessere Bewässerungssysteme für die Landwirtschaft. Gleichzeitig müssen sich die Länder vor Hochwasser und Starkregen schützen. 

    Internationale Geber wie die Weltbank und die deutsche KfW-Entwicklungsbank unterstützen die Staaten bei diesen Projekten. Und das ist interessant für deutsche Unternehmen. Denn die benötigten Bau-, Liefer- und Beratungsleistungen werden oft international ausgeschrieben. Deutsche Unternehmen können sich auf die Ausschreibungen bewerben. Die Banken garantieren die Zahlung. Die Vielzahl der Projekte rund um den Globus und das hohe Volumen machen Entwicklungsprojekte insbesondere im Wassersektor zu einem interessanten Geschäftsfeld.

    Aber dabei ist einiges zu beachten:

    1.  Eine gründliche Marktrecherche ist Pflicht: Welche Geber sind in der Zielregion besonders aktiv und welche Projekte fördern sie? Dazu lohnt sich ein Blick in Projekt- und Ausschreibungsdatenbanken, zum Beispiel in die von Germany Trade and Invest. 

    2.  Ohne Kontakte geht nichts: Führen Sie Gespräche sowohl mit den Entwicklungsbanken als auch mit den ausschreibenden Stellen im Projektland, etwa dem Wasserversorger in Kairo oder dem Landwirtschaftsministerium von Ecuador. So werden Sie bekannt und erhalten zudem Informationen, um die Projekte besser zu verstehen.

    3.  Partner sind wichtig: Bündeln Sie Ihre Expertise mit der von deutschen, internationalen und lokalen Partnern und nehmen Sie als Konsortium oder Joint Venture an Ausschreibungen teil.

    4.  Seien Sie genau: Die Ausschreibungsverfahren sind stark reguliert und die Anforderungen müssen genau erfüllt werden.

    5.  Und zuletzt: Dranbleiben. Vielleicht sind Sie nicht direkt mit der ersten Bewerbung erfolgreich. Doch mit mehr Erfahrung steigen auch Ihre Chancen.
     

    Jetzt wollen wir von unserem zweiten Gast lernen, wie und wo deutsche Unternehmen der Wasserwirtschaft noch besser netzwerken und kooperieren können. Und auch, wie unterschiedlich Wasserprojekte weltweit finanziert werden. 

    Anja Eimer: Mein Name ist Anja Eimer. Ich leite das globale Wasser- und Abwassergeschäft in der Siemens AG und bin zugleich auch Vorstandsmitglied bei der German Water Partnership und bin in der German Water Partnership auch Ansprechpartnerin für die Ukraine. 

    Herzlich Willkommen, Frau Eimer. German Water Partnership, kurz GWP, ist das einzige international ausgerichtete Netzwerk der deutschen Wasserbranche. Hier treffen sich Wirtschaft und Wissenschaft, privater und öffentlicher Sektor zum Erfahrungsaustausch. Die meisten Mitgliedsunternehmen sind klein oder mittelgroß. Die Siemens AG, Ihr Arbeitgeber, ist da eher die Ausnahme. Wieso liegt denn der Fokus auf dem Mittelstand? Muss man den besonders fördern?
     

    Anja Eimer: Der Mittelstand kommt häufig international nicht so gut durch, vor allem bei staatlichen Kunden. Und die GWP ist deswegen auch eine Plattform, die Entscheider im In- und Ausland zusammenbringt. 

    Könnten Sie das vielleicht an einem Beispiel erklären?

    Anja Eimer: Also wenn ein öffentlicher Auftraggeber beispielsweise im internationalen Kontext ein Projekt ausschreibt, dann gibt es da ganz viele unterschiedliche Interessensvertreter. Die einen sind Förderinstitute oder Kreditgeber, die anderen sind große Ingenieurbüros oder auch Systemintegratoren. Und wenn man jetzt beispielsweise dann ein deutscher mittelständischer Komponentenhersteller ist, der vielleicht in der Region in dem Markt auch noch nicht so gesetzt ist, dann ist es tatsächlich sehr schwer, dieses Netzwerk an verschiedenen Entscheidungsträgern zu bedienen. Und dafür ist eben die German Water Partnership eine Plattform, um da dann auf diesen Austausch oder dieses Vernetzen zu unterstützen.

    Und Unternehmen arbeiten dann auch tatsächlich gemeinsam an Projekten?

    Anja Eimer: Ja, auf jeden Fall. Das ist wirklich das Interessante an dem Netzwerk, weil man dadurch tatsächlich auch unabhängig von der Größe, sage ich jetzt mal, unterschiedliche Expertisen zusammenbringen kann in einer Konstellation, die es so vielleicht am Markt nicht geben würde. 

    Ausschreibungen haben Sie bereits angesprochen. Die wichtigste Frage für die Unternehmen ist ja tatsächlich die Finanzierung der Projekte. Kann German Water Partnership da noch zusätzlich  helfen, zumindest mit Informationen?

    Anja Eimer: Die GWP ist im kontinuierlichen Austausch mit Partnern wie der KfW, um da entsprechend auch zu wissen, wo es welche Förderungen gibt. Es gibt aber zusätzlich auch für Finanzierungen Programme von internationalen Finanzinstitutionen oder Bundesprogrammen zum Beispiel gibt es Außenwirtschaftsförderungsinstrumente, um entsprechend dann auch Projekte zu fördern. Und bezüglich der Finanzierungsgeber kann man das auch entsprechend einsehen, wer das Projekt entsprechend fördert.

    Und das sind dann internationale Geldgeber, oder lokale?

    Anja Eimer: Also es kommt natürlich auf die Region an, also wenn es jetzt beispielsweise ein Entwicklungsland ist, dann sind es meistens eher internationale Geldgeber. Und wenn es aber jetzt, ich sag mal, ein relativ gut entwickeltes Land ist, dann sind es meistens eher lokalere Geldgeber. 

    Aber der ganz große Bedarf wird, vermute ich jetzt mal, bei den Ländern liegen, die selbst nicht so gute Finanzmittel haben?

    Anja Eimer: Genau richtig. Und da geht natürlich vor allem sehr viel in den ja ich sage mal Aufbau von Wasserinfrastruktur. In eher etablierteren Ländern sehen wir jetzt auch eine Tendenz dazu, dass viel mehr in den operativen Betrieb gesteckt wird. Und da arbeitet man dann vor allem auch sehr viel mit digitalen Technologien. 

    Die Vereinten Nationen fordern in ihren Zielen für eine nachhaltige Entwicklung, dass alle Menschen bis 2030 Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Aber die Lage verschlimmert sich eher, als dass sie sich verbessert. Was soll man tun?

    Anja Eimer: Um jetzt die Sustainable Development Goals zu erreichen, bedarf es einer kollektiven globalen Anstrengung. Ich sage immer ganz platt, Wasser wird das nächste CO2 sein. Also es wird beispielsweise auf EU Ebene auch das Thema Wasser jetzt immer stärker diskutiert. Es gibt sogar auch einzelne Meinungsmacher, die sagen, es bräuchte sogar ein eigenes Ministerium für Wasser in jedem einzelnen Land. 

    Sind denn deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich besonders gut und innovativ? 

    Anja Eimer: Der deutsche Wassersektor gilt als einer der am stärksten regulierten weltweit. Heißt, man hat sehr hohe Standards und kann entsprechend auch diese sehr hohen Standards dann in andere Länder bringen oder anderen Ländern beibringen, was es benötigt, um auf diese hohen Standards zu kommen. 

    Gibt es vielleicht einen Bereich, wo man sagen kann, da sind die Deutschen jetzt ganz weit vorn?

    Anja Eimer:  Also wie gesagt, vor allem was die Standards anbelangt. Also es ist alles sehr stark reguliert und dementsprechend hat natürlich Deutschland auch, was jetzt beispielsweise Anlagen anbelangt, auch sehr technologisch weit vorangeschritten Anlagen, also auch mit einem sehr hohen Automatisierungsgrad. Das heißt, es gibt nur noch einen relativ geringen Anteil an händischen Prozessen, wenn man das jetzt auch in den internationalen Kontext und entsprechend setzt. 

    Könnten Sie uns ein paar Beispiele zu spannenden Initiativen nennen, die weltweit zu Verbesserungen führen können?

    Anja Eimer: Ja, zum einen würde ich da gerne die Betreiberpartnerschaften nennen. Also heißt, da gibt es dann deutsche Betreiber, die sich mit Betreibern aus anderen Ländern wie beispielsweise der Ukraine zusammenschließen. Die Betreiber aus der Ukraine beispielsweise werden dann nach Deutschland eingeladen, auf die Anlagen von deutschen Betreibern geholt, um so entsprechend auch den Betrieb nach den deutschen Standards zu trainieren. Das ist quasi eine Komponente, wie man es schafft, die deutschen hohen Standards dann auch international zu verbreiten. Und ein zweites Thema, was ich auch sehr schön finde, weil es ein Praxisbeispiel ist aus einem Arbeitskreis von der GWP. Und zwar der digitale Zwilling. Da hat man in einer Arbeitsgruppe innerhalb der GWP zu dem Thema Wasser 4:00 null ein Konzept entwickelt für die Anwendung von digitalen Zwillingstechnologien, um den Betrieb einer Kläranlage beispielsweise zu optimieren. Da ist dann auch ein Projekt entstanden, was man zusammen auch mit der Wissenschaft, mit der Universität Berlin, in diesem Fall, mit der TU Berlin, aufgesetzt hat und auch tatsächlich in einer Laborumgebung einen echten digitalen Zwilling aufgebaut hat. Also zwei schöne Beispiele, einmal mehr mit regionalem Fokus und einmal mehr thematischen Fokus, was aus der German Water Partnership entsprechend dann auch entstehen kann.

    Gibt es denn aktuell neue Regionen oder neue Themen?

    Anja Eimer: Also prinzipiell sind bei der German Water Partnership alle Regionen gleichwertig, also da gibt es keine Priorisierungen. Wenn man aber jetzt in Richtung neue Themen denkt, dann entstehen gerade neue Arbeitskreise rund um die beiden Themen Wasserstoff und urbane Wasserresilienz.

    Wasserstoff? Das ist interessant. Auch unser erster Gast, Ali Al-Hakim, hat vorhin darüber gesprochen, dass sein Unternehmen da etwas entwickelt.

    Anja Eimer: Das Thema Wasserstoff wird sehr viel diskutiert, als eine zusätzliche alternative Energiequelle. Und für die Produktion von Wasserstoff wird auch sehr viel reines Wasser benötigt und dementsprechend gibt es da eine natürliche Verbindung,  die Meinungen, inwieweit die Wasserindustrie da jetzt tatsächlich auch ne entscheidende Rolle spielt oder auch nicht, die gehen stark auseinander. 

    Und was meinen Sie mit urbaner Resilienz?

    Anja Eimer: Also da geht es eher darum, wie man im Kontext Stadt das Thema Wasser auch neu denken kann, also auch in einem sogenannten nachhaltigen Wasserkreislauf. Und da gibt es dann unterschiedliche Ideen, beispielsweise ein Schwammstadtkonzept, was mehr begrünte Flächen auch beispielsweise bedeutet oder auch Wasserrecycling, Wasser-Re-Use, also Wiederverwendung. Solche Themen werden dort diskutiert. Oder auch wie man es schaffen kann bei Starkregen-Ereignissen beispielsweise auch die Wasserinfrastruktur nicht so sehr zu stressen. Also es ist ein Thema, das beispielsweise in Berlin auch ein sehr wichtiges ist, weil die Wasserinfrastruktur auf große Wassermengen durch Starkregen-Ereignisse, die sehr häufig vorkommen, tatsächlich in Berlin, eigentlich nicht ausgelegt ist. Und wie kann man dementsprechend vorbeugen? Also da gibt dann auch wieder Möglichkeiten, mit Datenmodellen zu arbeiten, dass man ganz genau vorhersagen kann, zu welcher Zeit, an welchem Ort wird wie viel Wasser entsprechend auf das Kanalsystem zukommen und dann entsprechend Vorkehrungen treffen. Also das System frühzeitig ableiten, Auffangbecken entsprechend zu entleeren und dergleichen. 

    Wie genau engagiert sich Siemens denn im Bereich Wasser? 

    Anja Eimer: Also Siemens beliefert die komplette Wasserinfrastruktur im Wasserkreislauf. Also von Meerwasserentsalzung über Trinkwasseraufbereitung, Wasser- und Abwassernetze, aber auch Kläranlagen mit unserer Technologie. Also das sind hauptsächlich Komponenten, um Prozesse beispielsweise in einer Kläranlage zu automatisieren oder auch zu elektrifizieren. Und in der aktuellen Diskussion, vor allem auch im Kontext Nachhaltigkeit, bieten wir auch immer mehr digitale Lösungen an. Wir haben beispielsweise Softwareprodukte, die dabei helfen, Leckagen in Wassernetzen zu erkennen oder Blockaden in Abwassernetzwerken. Und auf Basis von künstlicher Intelligenz kann man dann quasi ermitteln, wo die Blockaden oder Leckagen vorkommen und welche Leckagen beispielsweise es sich auch lohnt zu reparieren, weil das Leckagevorkommen teilweise sehr hoch ist. Je nachdem wie alt auch die Infrastruktur ist. 

    Zurück nach Deutschland. In München findet im Mai wieder die IFAT statt. Gibt es da was, worauf Sie sich besonders freuen?

    Anja Eimer: Definitiv. Also die IFAT ist für mich die Leitmesse für die Wasserindustrie und es ist eine gute Plattform, um gute Kontakte aufzubauen und zu knüpfen, sich auch entsprechend auszutauschen zu den neuesten Trends, auch gut zu netzwerken mit nationalen und internationalen Teilnehmenden. Auf der IFAT kommen die Mitglieder und die Partner von der GWP zusammen. Allein am GWP-Gemeinschaftsstand sind 28 Mitgliedsunternehmen vertreten. Und auf der Messe selbst noch einmal 140 mehr. Es gibt auch ein spannendes Programm auf der Messe, an dem sich auch die GWP aktiv beteiligt. Die GWP plant ja auch gemeinsam mit der GTAI eine Session zum Thema Wiederaufbau der ukrainischen Wasserwirtschaft.

    Und das wird spannend ... Vielen Dank an Anja Eimer für die Informationen zum Geschäft mit dem Wasser. Auf der IFAT, der Weltleitmesse für Umwelttechnologie vom 13. bis 17. Mai 2024 in München können Sie übrigens auch GTAI-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter persönlich treffen. Germany Trade and Invest wird mit einem eigenen großen Stand vertreten sein. Links zur IFAT und zu allen weiteren Themen, die in dieser Folge von WELTMARKT zur Sprache kamen, finden Sie wie immer in den Shownotes.  Außerdem gibt es viel Wissenswertes zur Wasserwirtschaft auf der Website von Germany Trade & Invest, gtai.de 

    In der kommenden Folge werden wir von WELTMARKT mal wieder gezielt eine Region in den Blick nehmen und Indien als Beschaffungsmarkt vorstellen.
     Dafür sprechen wir mit zwei  GTAI-Experten, die gerade an einer Studie zum Thema arbeiten. Und wir interviewen einen Vertreter von SAP, der ausführlich über den indischen IT-Markt berichten wird. Haben Sie eine gute Zeit, und bis dahin!

     

  • Folge 17: Deutsche Ingenieure weltweit

    - April 2024 -

    Beratende Ingenieure helfen beim Bau von Infrastrukturprojekten auf der ganzen Welt. Dabei sind ihre Aufgaben vielfältig, reichen von der Machbarkeitsstudie bis zur Bauüberwachung. 

    Dem deutschen Ingenieurwesen eilt weltweit ein guter Ruf voraus. WELTMARKT möchte wissen, in welchen Regionen und Ländern es die besten Geschäftschancen für deutsche Ingenieurbüros gibt und wie sie an Aufträge kommen. Aber auch, welche Schwierigkeiten auf Consulting-Unternehmen im Ausland warten. Unsere Gäste geben Tipps und plaudern aus dem Nähkästchen.

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    Gäste in dieser Folge

     

    Catharina Stahr

    ist selbst Diplomingenieurin, konkret Bauingenieurin, und betreut seit mehr als 15 Jahren in der Geschäftsstelle des Verbands Beratender Ingenieure (VBI) die Bereiche Ausland und Infrastruktur. Die Referentin steht im Austausch mit Mitgliedsunternehmen, aber auch mit Institutionen wie der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), der KfW Entwicklungsbank und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

     

    Thomas Eckart Thomas Eckart | © Thomas Eckart

    Thomas Eckart

    verantwortet seit Dezember 2022 als Geschäftsführer bei German Rail Engineering (GRE) das Internationale. Der Wirtschaftswissenschaftler ist schon seit mehr als 30 Jahren weltweit im Engineering-Business unterwegs, kennt sich mit Telekommunikations-Anlagenbau genauso so aus wie mit Bahnprojekten. 

    Das Unternehmen GRE berät in dreißig Ländern in den Bereichen Schiene, Mobilität sowie Straßen und Infrastruktur.  Es feierte 2023 sein 35-jähriges Jubiläum und gehört seit 2020 zur Dorsch-Gruppe. 

     

     

     

    Weiterführende Informationen

    Themenspecial „Beratende Ingenieure im Ausland“

    Ingenieurdienstleistungen im Ausland erbringen: Rechtliche Aspekte

    Bauprojekte weltweit / „Branche kompakt Bau“

    Datenbank mit Projektfrühinformationen und Ausschreibungsmeldungen

    Verband Beratender Ingenieure, VBI

    German Rail Engineering GmbH, GRE

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Liebe Hörerinnen und Hörer,

    ganz gleich, ob ein Land wie Indonesien eine komplett neue Hauptstadt baut, in Mumbai ein Großflughafen entsteht, das ganze Baltikum ans europäische Schienennetz angeschlossen wird oder nach einem Erdbeben eine Region wieder aufgebaut werden muss. Solche Riesenprojekte brauchen Geld, Maschinen und vor allem … Planung. Das entsprechende Know-how, von der Machbarkeitsstudie bis zur Bauüberwachung, holen sich die Auftraggeber auch gern aus Deutschland. Dem deutschen Ingenieurwesen eilt ja traditionell ein guter Ruf voraus, dem es weiterhin gerecht wird. Das findet jedenfalls Catharina Stahr, beim Verband Beratender Ingenieure VBI zuständig für Ausland und Infrastruktur. Allerdings … gibt es auch ein augenzwinkerndes Aber, das mit dem BER, Stuttgart 21 und der Elbphilharmonie zu tun hat…

    Catharina Stahr: Ich habe das mehrfach von Leuten gehört, die weltweit unterwegs sind und in so Projektgesprächen sind und dann wird man immer erst mal angesprochen auf die Projekte, die in Deutschland nicht funktionieren. Also ich sag mal, die Fehler, die wir hier zu Hause machen, die bekommt man dann international so ein bisschen aufs Butterbrot geschmiert.

    Unser zweiter Gast ist Thomas Eckart, Geschäftsführer von German Rail Engineering. Das Unternehmen hat bereits 10.000 Projekte in dreißig Ländern verwirklicht. 

    Thomas Eckart: Derzeit sind wir in Dänemark tätig für den Fehmarn-Belt-Tunnel und in Moldowa für eine Eisenbahnwiederherstellung, da werden ehemalige Gleise wieder hergestellt. In Afrika sind wir derzeit in Äthiopien unterwegs. Mit dem Mobility Project, einem sehr großen und in Middle East beraten wir derzeit die Etihad Rail beim Ausbau dieses großen Projektes rund um den Golf.

    Nun aber zu Catharina Stahr, Referentin beim VBI, dem Verband Beratender Ingenieure. Was machen beratende Ingenieure genau? 

    Catharina Stahr: Das Hauptsächliche ist, dass beratende Ingenieure beratend tätig sind, wie ja schon das Wort sagt und nicht in der Ausführung. Also sie sind in der Regel unabhängig und sind meistens in Beratungsunternehmen oder in Einzelunternehmen, also als als Ein Mann Büros tätig. Und Ihr Hauptziel ist es meistens, technische Lösungen zu entwickeln für komplexe Probleme und Ihre Kunden in verschiedenen ingenieurtechnischen Belangen zu beraten. 

    Und welche Aufgabe hat dann der VBI?

    Catharina Stahr: Also VBI heißt Verband beratender Ingenieure. Dazu kommt aber, dass bei uns im Verband nicht nur Ingenieurunternehmen Mitglieder sind, sondern auch vor allem in der internationalen Zusammenarbeit Consulting-Unternehmen, nämlich Fachleute, die über die ingenieurtechnische Planung hinaus in verschiedenen Projekten und Programmen weltweit beraten. Und die so Tätigkeiten machen wie Entwicklungsstrategien, sektorspezifische Themen, Kapazitätsaufbau, Partnerschaftsentwicklung und die nachhaltigen Entwicklungsziele auch sozusagen zu fördern und voranzubringen. Also grundsätzlich ist der VBI ein Verband, da sind Unternehmen Mitglieder und wir machen vor allem Interessenvertretung, Förderung der Professionalität, also Standards für Ingenieure, Netzwerkbildung, Weiterbildung, Informationen, natürlich ganz viel, die wir sammeln und sieben und unseren Mitgliedern aufarbeiten. Und natürlich ganz viel, dass wir versuchen, den Markt zu fördern oder die Marktbedingungen für die Ingenieur- und Consultingunternehmen zu verbessern. 

    Uns interessiert ja vor allem der internationale Aspekt. Wie wichtig ist der denn?

    Catharina Stahr: Das Auslandsgeschäft insgesamt für die Branche würde ich sagen, ist vielleicht bei einem Marktanteil von 20 Prozent. Allerdings für die Unternehmen, die im Ausland sind und die international auf den Märkten aktiv sind, spielt es eine große Rolle. Und dann muss man es natürlich von Unternehmen zu Unternehmen noch mal so ein bisschen differenziert betrachten. Wir haben Mitgliedsunternehmen, die sind in Deutschland sehr aktiv, aber auch international. Aber wir haben auch Mitgliedsunternehmen, die sind fast nur international unterwegs und machen gar kein oder kaum Geschäfte in Deutschland.

    Und welche internationalen Märkte sind für deutsche Ingenieurbüros besonders interessant? 

    Catharina Stahr: Also der Hauptfokus liegt meines Erachtens nach auf Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten, Osteuropa und auch eigentlich weltweit. Also so richtig ausschließen kann man nix.

    Zu Osteuropa gehört die Ukraine - momentan Kriegsgebiet.  Sind Sie dort auch tätig? Können deutsche Ingenieurbüros beim Wiederaufbau helfen? 

    Catharina Stahr: Das ist im Moment noch sehr diffus. Wobei wir auch mit unserem ukrainischen Partnerverband zum Beispiel im Kontakt sind um da auch schon deutsche Unternehmen und ukrainische Unternehmen miteinander zu vernetzen, um gemeinsam Projekte zu machen.Jetzt ist natürlich eine ganz, ganz große Rolle dieses Thema Wiederaufbau auch natürlich unter den Gesichtspunkten, dass also gerade Infrastruktur oder auch Städte oder Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen, was auch immer, wenn man sie aufbaut. Erstens, dass es sehr, sehr schnell gehen sollte. Also die Bevölkerung dort kann und will nicht ewig warten, bis sozusagen Dinge wieder funktionieren. Und dazu kommt natürlich auch, dass ein Ziel sein sollte, so aufzubauen, dass man Nachhaltigkeit und Klimaschutz und solche Sachen auch mit einbezieht. 

    Vermutlich ist für die Entwicklung der Märkte und den wirtschaftlichen Erfolg generell wichtig, was sich in der Welt abspielt, oder?

    Catharina Stahr: Ja sehr. Also ich sage mal gerade oder viele von unseren Mitgliedsunternehmen, die im Auslandsausschuss sind, sind ja vor allem auch in Märkten aktiv, die im Rahmen der Entwicklungsarbeit und der internationalen Zusammenarbeit bespielt werden. Und das sind natürlich Märkte, wo es erstens davon abhängt, einerseits, wo die Geber, also die Banken, die Entwicklungsbank sozusagen ihren jeweiligen Fokus drauf setzen. Aber das sind natürlich auch oft fragile Länder, wo dann auch schnell mal die Situation vor Ort sich ändern kann. Wir hatten aktuell es jetzt im November oder Dezember in Niger, wo die Gelder eingefroren wurden, also von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Ich sage mal, in anderen Ländern kann das auch sich schnell ändern. Also das sind schon Märkte mit großen Herausforderungen für die Unternehmen, die dann dort aktiv sind.

    Was würden Sie denn sagen, in welchen Sparten sind deutsche beratende Ingenieure besonders gefragt?

    Catharina Stahr: Also, auch das ist aus meiner Sicht sehr, sehr, sehr vielfältig. Was ein großes Thema ist, ist das Umweltthema natürlich weltweit, das Thema Wasser, also Wasserwirtschaft in jeglicher, also auch in jeglicher Hinsicht, also Trinkwasser und Wasserversorgung für die Bevölkerung, aber auch das Thema Wasserstraßen und auch der Umgang mit Hochwasser und Wasserspeicherung und Starkregenereignissen. Also wirklich Wasser im ganz großen Kontext. Klima und Nachhaltigkeit, Energie, Verkehr und Infrastruktur, Gesundheitsinfrastruktur. Ich müsste die Liste sehr sehr lang machen, aber das sind so die Haupttopics aus meiner Sicht.

    Wie sprechen gleich mit einem Unternehmen aus dem Bereich Schienenbau. Für wie wichtig erachten Sie das Thema Verkehrsinfrastruktur?

    Catharina Stahr: Das ist in den Ländern immer etwas unterschiedlich. Aber die ist, die ist ist sehr wichtig, weil das eine auch das andere oft bedingt natürlich. Also. Sowohl das Thema Wasser als auch das Thema Energie benötigt ja oft also oder die Grundvoraussetzung für Entwicklungen, wie auch immer, in welchen Bereichen auch immer sie sein sollten, liegt eigentlich im Bereich von einer funktionierenden Verkehrsinfrastruktur. Also die ist so ein bisschen das Fundament für alles andere. 

    Schauen wir mal ein wenig in die Zukunft. Welche Regionen oder Sparten könnten in den nächsten fünf bis zehn Jahren für deutsche Unternehmen besonders wichtig werden?

    Catharina Stahr: Das eine ist natürlich Ukraine, das hatten wir schon angesprochen. Was aktuell ja auch ist so die Erdbebengebiete, wo Wiederaufbau geleistet werden muss und. Da wird es ja auch noch sehr, sehr viel zu tun geben. Das muss man mal gucken, wie sich das entwickelt. Also was die was die Bereitschaft der Länder dann angeht, da auch internationale Firmen mit einzubinden. Also Afrika auf jeden Fall. Weil also das wirtschaftliche Wachstum in Afrika ja enorm ist und auch die, also die Bevölkerung wächst, das wirtschaftliche Wachstum wächst und daraus entstehen halt hohe Bedarfe in ganz, ganz vielen Bereichen, in denen dann deutsche Ingenieure gut tätig werden können und wollen. Und das weitere Thema ist, glaube ich, dieses Erneuerbare Energien Thema, was es auch, also sowohl in Europa, aber auch in Amerika und Asien, also eigentlich auch weltweit in der näheren Zukunft zu großen Projekten führen wird.

    Der Begriff deutsche Ingenieure oder deutsches Ingenieurswesen. Hat das noch einen guten Ruf? Zieht das weltweit noch? 

    Catharina Stahr: Ja, und dann kommt das Aber hinterher. Es hat einen guten Ruf, wobei man. Also ich habe das mehrfach von Leuten gehört, dass die weltweit unterwegs sind und in so Projektgesprächen sind und dann wird man immer erst mal angesprochen auf die Projekte, die in Deutschland nicht funktionieren. Also ich sag mal, die Fehler, die wir hier zu Hause machen, die bekommt man dann international so ein bisschen aufs Butterbrot geschmiert.

    Also die Projekte, über die wir uns selbst auch immer lustig machen beziehungsweise ärgern?

    Catharina Stahr: BER, Stuttgart 21, Elbphilharmonie. BER und Elbphilharmonie sind fertig. Aber ich sag mal so in der internationalen Wahrnehmung sind es so Sachen, wo man dann gesagt hat: Mensch, was machen die Deutschen denn da? Die sind doch sonst immer so verlässlich und pünktlich und genau, und dann werden sie da nicht fertig und es wird so viel teurer. Also da leidet ein bisschen der Ruf sozusagen. Grundsätzlich ist es so, dass deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich eher teuer sind. Was aber, also manchmal ein Nachteil sein kann, aber oft auch so ist, dass man sagt okay, ich ich leiste mir das, weil ich weiß, dass ich gute Arbeit kriege, dass es verlässlich ist, dass ich Qualität geliefert bekomme, dass es zuverlässig ist, dass es nachhaltig ist, dass die wissen, was sie tun und es ja wirklich da eine große Qualität abgeliefert wird. Ich glaube, was für uns so ein bisschen die Herausforderung ist, ist der Fachkräftemangel, der sich auch gerade im internationalen Geschäft stark bemerkbar macht. Also viele von unseren Mitgliedsunternehmen haben auch Probleme, Mitarbeiter zu finden, die dann halt auch mal längere Zeit, also Monate oder ein halbes Jahr oder so, in Auslandsprojekte gehen wollen und es tun. 

    Aber ist nicht gerade das reizvoll?

    Catharina Stahr: Ja, ich glaube, es ist eine Generationenfrage. Ein bisschen. Also ich höre das zunehmend. Mir geht es auch so, dass ich immer denke, warum wollen die das nicht? Das ist doch toll, oder spannend oder aufregend, wenn man so eine Erfahrung auch machen kann und dann trotzdem aber auch einen sicheren Job hat und wiederkommen kann und so. Also ich finde es sehr, sehr reizvoll. Es wird dann aber oft gesagt, dass Leute wollen ins Ausland gehen, aber nicht so lange, also halt nicht ein halbes Jahr. Und dann natürlich sind diese Projekte jetzt ja auch nicht immer an urlaubsreifen Orten, sondern man sitzt vielleicht auch mal, keine Ahnung, in Kasachstan irgendwo, oder … Also an Orten, die jetzt irgendwie keinen Strand und keine Palmen haben.Also viele Leute sagen: Na ja, ich will nicht so langer weg sein. Ich will dann bei meiner Familie sein oder bei meiner Frau oder die Kinder aufwachsen sehen oder so, also da gibt es. Also da gibt es so Verschiebungen, die die Unternehmen dann auch vor diese Herausforderung stellen, woher die Leute kommen, die die Projekte machen vor Ort. 

    Womit punkten denn die Unternehmen, wenn sie dann die entsprechenden Fachkräfte haben? 

    Catharina Stahr: Ja, also es ist schon diese, also gute Planung, hohe Genauigkeit, gute technische Lösung, also sehr passgenaue technische Lösung. Nicht nur so, ich hab hier irgendeine 0815-Lösung, sondern ich habe eine Lösung, die wirklich konkret auf das Projekt oder auf das Problem passt. Zuverlässigkeit und dann schon auch dieses … also so Themen wie Nachhaltigkeit oder Klimaschutz, die dann auch immer mitgedacht werden in den Projekten und in den Lösungen. Das sind Dinge, die sehr, sehr geschätzt werden und die auch dazu führen, dass ich sagen würde, man muss sich eigentlich nicht so ganz fürchterlich große Sorgen machen, weil die Unternehmen da auch dabei sind. Das das also die sehen das und die nehmen das auf und die sind da schon wahnsinnig aktiv und sind sozusagen immer dabei, ihr Standing zu halten. Und das machen sie sehr gut.

    Und sind deutsche Ingenieure noch so herausragend, wie ihr Ruf – zumindest war?

    Catharina Stahr: Ich glaube, so eine gewisse Pingeligkeit liegt uns Deutschen schon fast ein bisschen im Blut. Das steht uns ja manchmal auch im Weg. Also nur dieses zu genau zu sein oder Dinge dann mehr und mehrfach zu hinterfragen. Und dann sind die anderen schon längst fertig. Während wir noch dasitzen und überlegen Ist es jetzt wirklich die richtige Lösung? Aber, nein, es ist schon. Also es ist sicherlich auch die Ausbildung. Aber es ist glaube ich auch, dass die Unternehmen, also wenn ich sozusagen vom Studium in den Beruf komme, dass auch da ich immer weiter lerne und auch da einfach so ein sehr, sehr hoher Fokus ist. Was will ich leisten und was? Was habe ich für einen Anspruch an die Ergebnisse, die ich abliefere? Also es ist glaube ich schon so oft ein hoher Anspruch an uns selber, der sich so durchzieht. 

    Gibt es etwas, das Sie beratenden Ingenieuren, die ins Auslandsgeschäft einsteigen möchten, mit auf den Weg geben würden?

    Catharina Stahr: Vor allem sollte man sich das ganz genau überlegen. Einerseits, wo will ich hin? Und andererseits: Was bringe ich mit als Unternehmen? Und ich glaube, man muss sich auch klar darüber sein, dass es etwas dauert, also ein bisschen langen Atem und auch ein bisschen ich sag mal finanzielle Rücklagen braucht. Also man muss erst ein bisschen Geld investieren, bevor es sich dann auszahlt. Und dann muss man natürlich so ein bisschen wie eine Marktforschung betreiben, dort wo man hin will oder und für sich selber den Zielmarkt genau definieren. Was ganz, ganz wichtig ist, ist, die rechtlichen und regulatorischen Marktbedingungen auch immer zu betrachten und mitzudenken. 

    Weiterhin, finde ich glaube ich, ist es wichtig, lokale Partnerschaften zu haben. Also je nachdem wo ich hingehe, mich da auch gut zu vernetzen und vor allem also ein Netzwerk aufzubauen bzw. bestehende Netzwerke und Beratungsangebote zu nutzen. Und das ist ja was wo es schon viel gibt. Also angefangen bei der GTAI natürlich gibt es aber das Wirtschaftsnetzwerk Afrika. Es gibt die Auslandshandelskammern. Es gibt viele Ländervereine, die Informationen haben und wo man Kontakte bekommen kann und Netzwerke schließen kann. Also da sollte man sozusagen alle Informationen, die es gibt, nutzen und für sich einmal angucken und gucken, welche Benefits kann ich für mich daraus ziehen, wenn ich neue Märkte, Märkte erschließen.

    Das war Catharina Stahr vom Verband Beratender Ingenieure. Vielen Dank nach Berlin. Gleich stellt sich Thomas Eckart von German Rail Engineering den Fragen von Weltmarkt. Er berichtet unter anderem über ein Projekt in Äthiopien: 

    Thomas Eckart: Es geht um intelligente Transportsysteme. Wir beraten die Stadt Addis Abeba, um die Mobilität in Äthiopien oder in der Hauptstadt in Addis Abeba zu verbessern. Dazu gehört die Untersuchung, verkehrstechnische Untersuchung, von 250 Kreuzungen in der Innenstadt von Addis Abeba um den Verkehr, der heute vier Stunden von einer Seite auf die andere braucht, in Zukunft mal in anderthalb Stunden rüberzubringen oder durchzubringen. 

    Einfach mal die Fahrzeit mehr als halbieren – wie das geht, erfahren Sie gleich. Jetzt aber erst einmal Informationen dazu, was Sie beachten müssen, wenn Sie im Ausland Ingenieurdientleistungen anbieten wollen in unserer Rubrik „Konkret & kompakt“: 

    Planen und Bauen sind Dienstleistungen. Natürlich kann man auch Dienstleistungen exportieren. Aber dann gelten ganz andere Regeln als beim Export von Waren. Die gute Nachricht: Zölle auf Dienstleistungen gibt es nicht. Die schlechte Nachricht: Dafür gibt es durchaus einiges an Verwaltungsaufwand.

    Wir nähern uns dem Thema mal über eine Checkliste, halten sie so kurz wie möglich, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Erstens: Öffnet das Land, in dem die Dienstleistung erbracht werden soll, überhaupt seinen Markt für diese konkrete Bau- oder Planungsleistung? Das ist im Recht der Welthandelsorganisation geregelt, konkret in der so genannten GATS-Liste des jeweiligen Landes. GATS steht für „General Agreement on Trade in Services“, also Allgemeines Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen. 

    Zweitens: Wie genau erbringe ich meine Dienstleistung? Planungsleistungen kann man häufig online erbringen, Bauleistungen nicht. Beide Fälle sind im GATS geregelt. Wenn physische Präsenz erforderlich ist, wird es kompliziert. Das bringt uns zu Drittens: Benötigen meine Mitarbeitenden ein Visum? Dies wird außerhalb der Europäischen Union häufig der Fall sein. Überhaupt ist es deutlich einfacher, innerhalb der EU zu arbeiten als außerhalb, wenngleich auch innerhalb Europas noch Raum für Vereinfachungen ist. Viertens: Wo sind die Mitarbeitenden sozialversichert? 

    Innerhalb der EU heißt das Zauberwort „A1 Formular“, außerhalb kommt es darauf an, ob ein Sozialversicherungsabkommen existiert. In einigen Fällen kann es sogar zu einer doppelten Abgabenbelastung kommen. Fünftens: Wo zahlen Mitarbeitende ihre Steuern, und muss das Unternehmen im Zielland vielleicht auch Steuern zahlen? Hier müssen die Begriffe „183-Tage-Regelung“ und „Betriebsstätte“ genügen – beide finden sich im jeweiligen Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und dem Zielland. Schließlich noch das Kapitel „Sonstiges“: Eintragung in einem Register in anderen EU-Staaten, Besonderheiten bei Arbeit in Krisengebieten, Auslandskrankenversicherung, Anpassungen des Arbeitsvertrages … es gibt Vieles zu bedenken. Weitere Informationen von GTAI finden Sie hierzu in den Shownotes.  

    Und nun zu unserem zweiten Gast bei Weltmarkt. 

    Thomas Eckart: Ich bin Thomas Eckart, bin Geschäftsführer bei German Rail Engineering, zuständig in der Geschäftsführung für das Auslandsgeschäft und mache das auch schon 35 Jahren.

    Sie sind ein deutsches Unternehmen, das weltweit beim Aufbau großer Eisenbahnprojekte berät. In welchen Ländern sind Sie aktuell besonders unterwegs? 

    Thomas Eckart: Heimatmarkt ist natürlich Deutschland, aber unser Schwerpunktmarkt im Ausland ist Europa, Afrika und Middle East, in drei größeren Regionen. Derzeit sind wir in Dänemark tätig für den Fehmarn-Belt-Tunnel und in Moldowa für eine Eisenbahnwiederherstellung, da werden ehemalige Gleise wieder hergestellt. In Afrika sind wir derzeit in Äthiopien unterwegs. Mit dem Mobility Project, einem sehr großen und in Middle Middle East beraten wir derzeit die Etihad Rail beim Ausbau dieses großen Projektes rund um den Golf.  

    Das klingt ja sehr weitreichend. Wie groß ist das Unternehmen eigentlich?

    Thomas Eckart: Die German Rail Engineering hat heute 160 Mitarbeiter, davon sind 120 im Inland und 40 im Ausland tätig für uns. Wir gehören ja zur Dorsch-Gruppe. 2020 wurden wir übernommen und gehören jetzt zu dem größeren Firmenverbund der Dorsch-Gruppe, sind insgesamt 8000 Mitarbeiter. 

    Und wer arbeitet bei GRE?

    Thomas Eckart: Fast ausschließlich Ingenieure und Techniker, natürlich haben wir auch Kaufleute und Controller und entsprechende kaufmännische Begleitung, Vertragsbegleitung. Aber der Hauptanteil unserer Angestellten sind Ingenieure. 

    Könnten Sie uns bitte ein bisschen genauer beschreiben, was die German Rail Engineering konkret macht? Gern an einem Beispiel. 

    Thomas Eckart: Wie der Name zwar sagt, sind wir im Eisenbahngeschäft unterwegs, aber Eisenbahn ist ja vielfältig, weil es schienengebundene Verkehre sind. Dazu gehört aber auch die Mobilität, also schienengebundene Verkehre heißt für uns Tram, Metro, Fernbahn aber auch das Thema Mobility, wo eben die ganzen Verkehre diese multimodalen Verkehre wie Bus, Taxi, Bahn,Tram, Metro zusammenkommen. Und dazu gehört aber auch die Straße, denn jeder Bahnübergang hat eine Stück Straße, jede Brücke hat ein Stück Straße dabei, weil sie über oder unter der Bahn entlanggeht. Also sind wir auch im Thema Straße unterwegs. 

    Das größte Projekt, was wir derzeit bearbeiten, ist in Äthiopien ein ITS-Projekt. Es geht um intelligente Transportsysteme. Wir beraten die Stadt Addis Abeba, um die Mobilität in Äthiopien oder in der Hauptstadt in Addis Abeba zu verbessern. Dazu gehört die Untersuchung, verkehrstechnische Untersuchung von 250 Kreuzungen in der Innenstadt von Addis Abeba um den Verkehr, der heute vier Stunden von einer Seite auf die andere braucht, in Zukunft mal in anderthalb Stunden rüberzubringen oder durchzubringen. Das bedeutet eben, wir brauchen Lichtsignalanlagen. Und wir brauchen wie in deutschen Großstädten auch eine intelligente Verkehrssteuerung. 

    Das macht man üblicherweise in einem sogenannten Traffic Control Center. Da laufen alle Verbindungen zusammen. Sämtliche Ampelkreuzungen, die da zu steuern sind, laufen zusammen. Und dann muss eben entsprechend des Verkehrsaufkommens, morgens, abends, in den Peek Hours, also wenn das höchste Verkehrsaufkommen ist, die Schaltung genauso stimmen wie bei den Low Peaks Hours aus, wenn eben nichts los ist. Als Bedarfsschaltung dann eben die Ampeln gesteuert werden, um den Verkehr mit entsprechender Qualität auch durchzubringen.

    Sie konzentrieren sich ja auf bestimmte Länder und Regionen stärker als auf andere, richtig?

    Thomas Eckart:  Genau. Wir haben bestimmte Fokusländer, die die Gruppe sich gegeben hat. Europa, klar, weil es unser Heimat ist, aber eben Afrika Middle East. Da geht es eben um klassische Entwicklungsconsulting über unsere Tochterfirmen Dorsch International oder EnviroEarth oder AHT. Die GRE eben ist unterwegs in Äthiopien und in anderen Ländern im Bereich Eisenbahn oder Metro oder Mobility. Und unsere Dorsch Middle East-Kollegen unterstützen uns aus Ägypten eben in dem Bereich Civil Engineering. Da geht es um Bauprojekte, Hochbau, andere Bauprojekte. 

    Wie wichtig ist für Ihr Unternehmen das Auslandsgeschäft überhaupt? 

    Thomas Eckart: Im Moment haben wir einen Geschäftsanteil bei der GRE von 15 % am Gesamtvolumen. Insgesamt in der Dorsch-Gruppe ist das Auslandsgeschäft aber weit über 60 %. 

    Und wie kommen Sie an Ihre Projekte? 

    Thomas Eckart: Es gibt also überwiegend Ausschreibungen. Und das zweite sind eben Lieferantenqualifizierungen. Also es gibt Länder, zum Beispiel in Skandinavien, kann man sich nur über eine Lieferantenqualifizierung ähnlich wie bei der Deutschen Bahn bewerben. Und nur weil man zertifizierter Lieferant ist, wird man zunächst angefragt. Sonst erhält man diese Anfragen auch nicht. Aber im überwiegenden Teil, wo es um internationale Finanzierungen geht, sei es KfW, GIZ, Weltbank, Asian Development Bank, African Development Bank, sind es Ausschreibungen, über die wir uns bewerben. Das nimmt den Hauptteil ein, weil wir eben gesicherte Finanzierung brauchen. Eine lokale Finanzierung in Äthiopien oder in Tansania würden wir nicht anbieten. 

    Weil das zu unsicher ist?

    Thomas Eckart: Ja, es gibt dann neben den Länderrisiken auch noch das Währungsrisiko. Und in Äthiopien zum Beispiel: Die Währung ist nicht konvertierbar. Also wir können sie nicht frei am Markt handeln. Sie kann nur in Äthiopien eingenommen und auch wieder ausgegeben werden. Das heißt, wir können auch unsere Ergebnisse nicht transferieren. Also das ist natürlich dann nicht vorteilhaft für uns. 

    Und wie läuft denn typischerweise so ein Ausschreibungsprozess ab? 

    Thomas Eckart: Es sind unterschiedliche Verfahren. Es gibt zweistufige Verfahren, die über eine Präqualifikation laufen. Dann, danach gibt es eine Shortlist, und nur die Shortlist-Unternehmen werden dann angefragt, für das Angebot. Oder es ist eben so ein klassisches, was auch zweistufiges, Präqualifizierungsverfahren. Sie müssen sich als Lieferant präqualifizieren, wie zum Beispiel bei der Etihad Rail. Dann kommen Sie auf eine Qualified Bidder List und werden dann eben für die einzelnen Projektansätze dann oder Projektteile angefragt. 

    Und wie finden Sie diese Ausschreibungen?

    Thomas Eckart: Die Ausschreibungen werden über klassische Tenderplattformen wie Development Aid, Tenders Electronic Daily oder andere Plattformen veröffentlicht und man bewirbt sich. Oder über dieses Lieferantenqualifizierungsverfahren ist man bereits qualifiziert, über diese erste Stufe sozusagen hinaus und man bekommt dann nur noch qualifizierte Anfragen, um diese dann entsprechend mit Angeboten zu versehen. In manchen afrikanischen Ländern kommen die noch nicht mal über diese Plattformen, sondern die Tendern werden in den Zeitungen veröffentlicht und da muss man dann eben lokal präsent sein oder Partner vor Ort haben, die einem dann diese Veröffentlichungen schicken und dann kann man sich wieder elektronisch bewerben. Dann wird man aufgefordert, so einer Interessensbekundungs-E-Mail zu schicken, wo verschiedenste Details von technischer bis finanzieller Möglichkeit, die man hat, offenzulegen. Und dann wird entschieden, ob man aufgerufen wird, ein Angebot abzugeben. 

    Wie lange dauert sowas?

    Thomas Eckart: Ist ganz unterschiedlich. Also, wenn Sie ein zweistufiges Verfahren haben, können Sie in der Regel, wenn es nach FIDIC abläuft, das sind die Ingenieur-Regeln für verschiedenste Form von Ausschreibung, sind es in der Regel sechs Monate, aber es kann auch durch Verlängerung der Auswertung, wir hatten zuletzt ein Angebot In Uganda, hat es weit über ein Jahr gedauert bis entschieden worden ist, wer den Zuschlag bekommt. 

    Und Ihre Konkurrenten kommen aus der ganzen Welt?

    Thomas Eckart: Ja, die Wettbewerber kommen aus Europa, von Dänemark über Spanien, in England, die Franzosen. Aber eben auch aus Übersee, das sind Koreaner, Inder, Chinesen, die im Wesentlichen da international unterwegs sind. Es sind wenige Deutsche unterwegs im Ausland, aber eben auch. Aber der Großteil kommt sicherlich aus den europäischen Ländern, die eben klassische Eisenbahnconsultants sind, aber eben auch aus Korea, Indien und China.

    Wie wichtig sind denn besonders chinesische Firmen in dem Business? 

    Thomas Eckart: Die Chinesen spielen natürlich geopolitisch eine gewisse Rolle, indem sie die Länder entsprechend mit Krediten versorgen, um solche Bauvorhaben ausführen zu können. Das heißt also, sie bringen auch vielfach die Finanzierung mit, wie in Äthiopien zum Beispiel, die Eisenbahntrasse von Djibuti nach Addis wurde ja von Chinesen gebaut. Man muss wissen, Äthiopien hat ja seinen Tiefseezugang nach dem Krieg mit Eritrea verloren. Und dementsprechend war natürlich eine Verbindung zu einem Tiefseehafen notwendig, um die Güter des täglichen Bedarfs ins Land zu bekommen. Und China hat sowohl die Planung gemacht als auch die Bauausführung und haben dann eben von Djibuti nach Addis eine Eisenbahn gebaut, ist eine große Herausforderung, weil Djibuti liegt auf Niveau des Roten Meeres Null und Addis Abeba liegt 2400 Meter hoch. Also man muss bis auf die Alm sozusagen bauen. Und es ist nicht ganz so einfach.

    Und da hat Geman Rail Engineering die Beratung gemacht?

    Thomas Eckart: Da haben wir einen Teil der Beratung gemacht für den Kunden, aber eben nicht das komplette, sondern wir haben eine technische Beratung da gemacht. Und Designreview für die Chinesen, haben mit denen dort zusammengearbeitet.

    Eilt denn dem deutschen Ingenieur immer noch so ein guter Ruf voraus?

    Thomas Eckart: So ist es ja. Also German Engineering ist schon schon noch ein Qualitätsbegriff. Es gibt ja auch nicht so viele, gerade wenn man jetzt über Hochgeschwindigkeitsverkehr sprechen. Wir sind ja in der Welt relativ wenige Länder, die wirklich Hochgeschwindigkeitsverkehr machen. Also Japaner, Chinesen, die Europäer eben in Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland. Das sind natürlich auch die klassischen Wettbewerber, weil deren Consultings aus den klassischen Betreibern entweder von der Bahn direkt oder aber auch deren angehängte Ingenieurbüros natürlich auch international unterwegs sind. 

    Wie wichtig sind für Sie Partnerschaften, um an Aufträge zu kommen und um sie auszuführen? Und sind es Partnerschaften mit anderen Ingenieurbüros aus Deutschland oder eher mit Unternehmen vor Ort?

    Thomas Eckart: Ja, es ist beides möglich. Also wir tun uns natürlich auch mit deutschen Consultants zusammen, wo immer wir das brauchen, weil einfach die Komplexität des Auftrags zu groß ist oder wir nicht die entsprechende Referenzen verfügen oder nicht ausreichend Referenzen oder großteils auch nicht über genau genügend Personal verfügen, dann müssen wir uns auch mit denen zusammentun. Wichtig ist natürlich immer der lokale Partner, weil es geht ja um lokale Regularien, es geht um Niederlassungen, Steuern usw. und da ist natürlich auch ein und lokaler Partner immer sehr hilfreich. 

    Und was sind denn so Ihre größten Herausforderungen im Auslandsgeschäft?

    Thomas Eckart: Die größten Herausforderungen sind Steuern, Niederlassungsrecht in den unterschiedlichen Ländern, sehr viele Herausforderungen in dem Sinne, aber auch die Personalakquise, weil wir ja von unserem Personalstamm in Deutschland nicht jeden sofort nach Burkina Faso, Ghana oder sonst wo hinschicken können. A haben wir genügend Aufträge in Deutschland. B muss die Personalie auch stimmen, weil in den Auslandsprojekten häufig eben die Personalie auch mit ein Akquisitionsthema ist. Der spezielle Ingenieur mit dem Lebenslauf, mit der Berufskenntnis, anders als in Deutschland, wo die Deutsche Bahn eben sagt: Ich gehe davon aus, dass du genügend Mitarbeiter hast, die die Qualifikation besitzen, dafür haben wir dich zertifiziert als Lieferant. Und ob das jetzt Müller oder Maier macht, ist egal. Aber im Ausland muss eben Müller dann auf dem Lebenslauf stehen, der die Expertise hat, die gefordert ist: 15 Jahre und Doktorabschluss und und und. Und da kannst du eben dann auch nur Müller verkaufen und nicht Maier. So ist das eben geregelt, bei internationalen Ausschreibungen. 

    Müller, Maier, … vielen Dank Thomas Eckart für diese Einblicke ins Auslandsgeschäft der German Rail Engineering. Und Danke auch an Catharina Stahr vom VBI.

    Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Germany Trade & Invest haben für Sie umfangreiche, kostenfreie Informationen im Themenspecial  “Beratende Ingenieure im Ausland” auf gtai.de zusammengestellt. Außerdem empfehlen wir Ihnen die GTAI-Publikationsreihe “Branche kompakt Bau” und natürlich die GTAI-Datenbanken mit Informationen zu Projektfrühinformationen und Ausschreibungen. Die genauen Links finden Sie wie immer in den Shownotes. 

    Danke, dass Sie sich von Weltmarkt haben mitnehmen lassen. Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, abonnieren Sie gern Weltmarkt, den Podcast der deutschen Außenwirtschaft. Natürlich können Sie jederzeit die vergangenen Folgen auch nachhören. Im nächsten Monat werden wir uns mit einem Thema beschäftigen, das auch Catharina Stahr vorhin im Gespräch als eine der Zukunftsbranchen beschrieben hat: die Wasserwirtschaft. Nun aber vielen Dank fürs Zuhören. Und bis zum nächsten Mal.

  • Folge 16: Frauen erobern schwierige Märkte

    - März 2024 -

    Weibliche Führungskräfte, die schwierige Länder für ihr Unternehmen erschließen – ist das schon Alltag oder noch etwas Besonderes? Und wie sieht das in speziell männerdominierten Branchen aus?

    Frauen schaffen es immer noch seltener als Männer nach oben, in die gut bezahlten Entscheiderjobs. Nicht einmal jede dritte Führungskraft in Deutschland ist eine Frau, unter den Vorständen von Deutschlands 100 größten Unternehmen nicht mal jedes fünfte Mitglied. Wir unterhalten uns mit Frauen, die es dorthin geschafft haben, wo sie noch eine Minderheit sind: ganz an die Spitze - und das sogar in klassischen Männerbranchen.

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    Gäste in dieser Folge

     

    Nur Hayat Nezir Nur Hayat Nezir | © Nur Hayat Nezir

    Nur Hayat Nezir

    arbeitet seit fast zwanzig Jahren für ABRAMS Industries GmbH & Co. KG, ein Stahllieferant in Osnabrück, der international tätig ist. Die ausgebildete Wirtschaftsjuristin stieg von der Assistenz der Geschäftsleitung über die Position der Prokuristin bis zur Geschäftsführerin auf.

    Sie ist auch Mitglied im Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU), der Frauen in ihrer Karriere stärken will. Geboren ist Nur Hayat Nezir im Schwarzwald als Tochter türkischer Gastarbeiter.

     

     

     

    Katharina Kreitz Katharina Kreitz | © Katharina Kreitz

    Katharina Kreitz

    studierte an der TU München Maschinenbau und Raumfahrttechnik und gründete nach ihrem Abschluss 2014, mit 27 Jahren, mit Hilfe eines Gründungsstipendiums ein Unternehmen, das Messsonden aus dem 3D-Drucker herstellt und vertreibt. 

    Zu den ersten Kunden der Vectoflow GmbH gehörte das Formel 1-Team. Heute arbeitet Vectoflow weltweit mit Distributoren, in den USA startete das High Tech-Unternehmen bereits ein Tochterunternehmen. Die Münchnerin Katharina Kreitz ist bei Vectoflow als CEO für Sales, Strategy & Finance verantwortlich.

     

     

    Dalia Samra Rohte Dalia Samra Rohte | © Dalia Samra Rohte

    Dr. Dalia Samra-Rohte

    leitet als Delegierte der deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen die Auslandshandelskammer (AHK) in Riad und erschließt die Region für Unternehmer:innen und Investor:innen seit Mitte August 2019.  

    Sie wird oft als Rednerin zu nationalen und internationalen Konferenzen eingeladen, wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung und Markterschließungsstrategien geht und ist auch Expertin für digitale Start-Ups und Unternehmerinnentum. Vor ihrer aktuellen Position leitete die promovierte Politikwissenschaftlerin 15 Jahre lang das AHK-Büro in Abu Dhabi.

     

     

     

    Weiterführende Informationen

    Abrams Industries GmbH & Co. KG

    Verband deutscher Unternehmerinnen

    AHK Saudi-Arabien

    Wirtschaftsinformationen zu Saudi-Arabien

    Vectoflow GmbH

    Gründungsstipendium „Exist“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Liebe Hörerinnen und Hörer,

    Es kommt selten vor, dass wir uns bei der Themenauswahl vom Blick in den Kalender inspirieren lassen. Doch in dieser Folge haben wir den Internationalen Frauentag am 8. März zum Anlass genommen, ausschließlich weibliche Erfolgsgeschichten in der Außenwirtschaft zu erzählen. Von denen gibt es zwar immer mehr und wir hatten ja auch schon bei Weltmarkt einige Powerfrauen zu Gast, aber – leider – sind es noch immer nicht genug. 

    Frauen schaffen es immer noch seltener als Männer nach oben, in die gut bezahlten Entscheiderjobs. Nicht einmal jede dritte Führungskraft in Deutschland ist eine Frau, unter den Vorständen von Deutschlands 100 größten im In- und Ausland tätigen Unternehmen nicht mal jedes fünfte Mitglied. 

    Heute unterhalten wir uns bei Weltmarkt mit gleich drei Frauen, die es dorthin geschafft haben, wo sie noch eine Minderheit sind: ganz an die Spitze - und das sogar in klassischen Männerbranchen.

    Da ist Katharina Kreitz, erst 36 Jahre alt. Sie hat Maschinenbau und Raumfahrttechnik studiert und dann mit einem Studienfreund ein eigenes Unternehmen gegründet. Ihre Messsonden aus dem 3D-Drucker finden sich bereits auf der ganzen Welt, stecken in Drohnen, Dunstabzugshauben und Formel-1-Rennwagen. Die Idee entstand, als sie mal wieder frustriert im Windkanal saßen und sich fragten, warum es nicht bessere Messsonden gibt. Mutig haben sie sich einem Monopolisten in den Weg gestellt, mit dem Argument: Das können wir besser. 

    Katharina Kreitz: Und tatsächlich hat sich dann nach zwei Wochen oder sogar nach einer Woche Existenz von der Webseite hat sich der erste Kunde gemeldet und es war halt ein Formel-1-Team und da ist man dann schon stolz wie Oskar. Und die haben uns dann direkt eingeladen und haben direkt Produkte von uns dann gekauft. Also wir waren hin und weg, muss ich ehrlich sagen. Da hatten wir einen ganz schönen Start.

    Dalia Samra-Rohte leitet als Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen die Auslandshandelskammer in Riad und erschließt die Region für Unternehmen und Investoren und bestärkt auch Frauen darin, hier Geschäfte zu machen. Denn das Land steckt in einem grundlegenden Wandel und scheint heute ganz anders zu sein, als viele vermuten.

    Dalia Samra-Rohte: Man wird überall mit sehr großem Respekt behandelt. Man hat oft noch in den Meetings die Möglichkeit, dass man sozusagen sich wesentlich mehr rausnehmen kann, als ein Mann sich rausnehmen könnte. Weil der Fokus auch sehr stark auf den Frauen liegt. Also dieses klassische Entgegenkommen einer Frau. Sie muss zuerst sprechen, man muss ihr zuhören. Da sage ich: Manchmal hat man es einfacher als ein Mann.

    Wir starten mit Nur Hayat Nezir, die sich auch in einer Männerwelt bewegt, in der Stahlbranche. Dort hat sie es zur Geschäftsführerin gebracht, und das obwohl sie zwei Mal durchs Staatsexamen gerasselt ist, wie sie selbst sagt. Liebe Frau Nezir, würden Sie unseren Hörerinnen und Hörern kurz etwas über sich erzählen?

    Nur Hayat Nezir: Mein Name ist Nur Hayat NezirIch bin 47 Jahre alt und ein Schwarzwaldmädel mit türkischen Wurzeln, geboren und aufgewachsen im schönen Gengenbach. Nach dem Abi bin ich 96 drei Monate Au pair in Memphis gewesen und anderthalb Jahre in London und hab mir überlegt, was ich studiere und kam dabei auf Rechtswissenschaften, weshalb es mich dann 98 nach Osnabrück verschlagen hat.

    Lief denn in ihrem Werdegang alles nach Plan?

    Nur Hayat Nezir: Überhaupt nicht. Überhaupt nicht. Ich habe ... Tatsächlich war ich in drei Jahren scheinfrei und stand 2005 vor meinem ersten juristischen Staatsexamen, welches ich aber zwei Mal, leider, aufgrund eines familiären Unglücksfalls nicht bestanden habe. Das war natürlich die reinste Katastrophe. Aber rückblickend, 20 Jahre später, war das wirklich ein Wendepunkt. Beziehungsweise eher ein Glück im Unglück, muss ich sagen. Weil, als ich dann in der Uni war, um zu meinem Professor zu gehen, um universitäre Formalitäten auch zu klären, also Exmatrikulation oder lass ich mir die Scheine anrechnen, zog ein Aushang am Schwarzen Brett der Uni meine Aufmerksamkeit auf sich und leitete mich tatsächlich zu dem Unternehmen, in dem ich heute noch tätig bin, nach fast 20 Jahren, zu Abrams. 

    Was macht das Unternehmen denn, in das Sie übers Schwarze Brett der Uni so glücklich reingestolpert sind? 

    Nur Hayat Nezir: Ja, also, wir haben ein sehr langweiliges Produkt, sagen wir immer, non sexy business. Es ist ein Präzisionsstahl, was kein Endprodukt ist. Und aus unserem Präzisionsstahl wird ein Werkzeug hergestellt. Und solche Werkzeuge, wie sie in Deutschland, Frankreich, Amerika, die sind meist immer gleich. Der einzige Unterschied ist dann wahrscheinlich: Wir Europäer oder wir Deutsche nutzen die metrischen Werte und Abmessungen, der Amerikaner Inch. Egal ob Sie einen Automobilhersteller in Deutschland, Citroen in Frankreich oder Chrysler in Amerika nehmen, alle brauchen diese Stanzwerkzeuge, die aus unserem bestimmten Stahl hergestellt werden. Warum? Weil die Genauigkeit dieser Werkzeuge sehr entscheidend ist. Weil sie komplexe Formen mit sehr, sehr engen Toleranzen erzeugen müssen. Und das bei einer sehr hohen Wiederholgenauigkeit. Wenn Sie eine Massenproduktion quasi haben. Also muss dann die erste Tür, die Sie zum Beispiel oder die erste Türverkleidung, die Sie aus einem Blech rausstanzen, genauso die Toleranzen und Abmessungen und Formen haben wie das Fünftausendste. Und das garantiert dann die Maßgenauigkeit und die Oberflächengüte unseres Stahls. Das gewährleistet dann genau, dass die Werkzeuge, die aus unserem Stahl hergestellt werden, präzise arbeiten.

    Abrams ist international aufgestellt – zum Beispiel sind Sie auch in den USA präsent... 

    Nur Hayat Nezir: Genau. Ob Sie es glauben oder nicht, wir haben während Covid drüben ein Unternehmen gegründet, in Gebäudekomplex von 2000 Quadratmetern angemietet. Die  Gründungsurkunde wurde online unterzeichnet. Wir haben Bankkonten online eröffnet. Alles online. Also es war fantastisch, was man in so einer sehr skurrilen Zeit alles machen konnte. Weil man wirklich alles daran gesetzt hat, das auch zu tun und die Regierung und die Behörden da dann auch tatsächlich mitgemacht haben. Wir haben uns an die German American Chamber of Commerce auch gewendet, die uns auch dabei sehr unterstützt hat und uns vor allem dann auch bei der Vermittlung deutschsprachiger Anwälte, Steuerberater und Banken dann auch unterstützt hat. Ja und da haben wir uns überlegt, Chicago, schönes Plätzchen, schöne Stadt. Aber auch hauptsächlich, weil es im Mittleren Westen eine zentrale Lage natürlich auch hat und die Bedingungen für einen schnellen Versand in alle Richtungen dann natürlich auch bietet. Und es hat mehrere Flughäfen und Häfen und hat eine Nähe zum sogenannten Rust Belt. Das ist eine industriell geprägte Region, die wieder mehr an Bedeutung mit der heutigen Zeit gewinnt. Und genau, deshalb haben wir uns auch da für Chicago entschieden. Wir haben über Facetime Gebäude angeschaut, wir haben über Teams-Sitzungen Einstellungsgespräche geführt. Einarbeitung haben wir dadurch gemacht und alles online tatsächlich. Und alles mit Teams und mit Onlineunterschriften.

    Sie sind ja als Tochter türkischer Gastarbeiter im Schwarzwald zur Welt gekommen, Ihre Eltern haben Sie als Muslima auf eine katholische Klosterschule geschickt, wo Sie Abitur gemacht haben, heute sind Sie Geschäftsführerin. Sehen Sie das als Paradebeispiel einer gelungenen Integration? Oder ist das der normale Werdegang einer Badnerin? 

    Nur Hayat Nezir: Ich bin türkisch geboren, geprägt, aber Kombination aus türkisch-badisch-deutschen Einflüssen. Viele Freunde sagen, Mensch, du bist deutscher als jeder Deutsche. Weil ich jeden Samstag versuche, mein Auto zu waschen. Ich bin überpünktlich. Ich bin überkorrekt, aber hab natürlich auch meine türkische Kultur. Und wenn ich daran denke, dass mein Vater, als wir Kinder waren, stets mit uns einen Weihnachtsbaum auch gekauft hat, weil er immer wollte, dass wir in diese hiesige Kultur uns integrieren, weil er immer wollte, dass wir die gleichen Erfahrungen wie die deutschen Kinder auch machen, glaube ich, dass das vielleicht dafür auch ein schönes Beispiel ist, wie man sich als Menschen aus einem anderen Land in ein neues Land auch integrieren kann. Ich hatte natürlich aber auch eine sehr gute schulische Ausbildung. Ich war auf einer Klosterschule mit Ordensschwestern, die mir auch die schöne deutsche Disziplin nahegelegt haben. Zucht und Ordnung, korrekt sein, Respekt. Was aber auch sich mit der Erziehung von meinen Eltern und der türkischen Kultur sich auch gut gedeckt hat. Respekt und Wertschätzung jedem Menschen gegenüber auch zu haben. Und ich glaub wie gesagt ist es beides. Dass mein Lebensweg vielleicht ein Beispiel für eine gelungene Integration ist, aber auch ein typischer Werdegang von einer emsigen und disziplinierten Badenerin.

    Und das hat Sie an die Spitze eines weltweit tätigen, erfolgreichen Stahlunternehmens gebracht. Sehen Sie denn für sich eher Vor- oder Nachteile in einer von Männern dominierten Branche?

    Nur Hayat Nezir: Ich weiß noch genau 2006, als ich ganz frisch in dem Unternehmen war, Assistentin der Geschäftsleitung geworden bin, wollte ich natürlich auch unbedingt Kunden mal persönlich treffen. Und ich weiß noch genau, bei meinen ersten Terminen, da stand ich also in einer Fertigung zwischen all den Maschinen und all den Stahlblöcken und Stahlteilchen. Ich bin jetzt auch nur eins sechzig groß, das darf man auch nicht vergessen. Und man sah die überraschten Gesichter von den Männern im Blaumann in der Fertigung, aber auch in den Anzügen. Die haben geschmunzelt. Und gefühlt haben sie gesagt: Komm mal her, Mädchen, möchteste nen Kaffee trinken. Aber wie heißt es so schön? Never judge a book by its cover, right? Und ich habe die Aufmerksamkeit und den Respekt von jedem Einzelnen so schnell gewinnen können. Als ich denen von unseren damals noch 35 Werkstoffen in Stahl und Anwendungsmöglichkeiten und deren Eigenschaften auch berichtet hab und denen unser Portfolio quasi vorgeführt hab, dass sie ganz schnell verstanden haben: Hey, darum geht‘s überhaupt nicht. Die Frau möchte was verkaufen, es geht um ein Produkt und das war das Thema. Also ich glaube auch, weil ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht hab. Mache ich auch heute nicht. Ich war immer darauf fokussiert, mein Wissen zu erweitern und mir dadurch den Respekt und die Aufmerksamkeit zu verdienen. Und ich hab mir nie Gedanken darüber verschwendet, dass mich jemand eben wegen meines Geschlechts oder meiner Herkunft nicht respektieren könnte. Und ich glaube, dieses Selbstbewusstsein, das strahle ich auch aus, weshalb ich auch nie wieder in solche Situationen gekommen bin. Deshalb kann ich gar nicht sagen, ist es von Vorteil oder Nachteil. Ich glaube es kommt einfach immer darauf an, was man selbst daraus macht. Wer ist man? Ist man ängstlich und sagt: Oh nein, jetzt gehe ich als Frau mit meinen zehn Zentimeter hohen Absätzen in eine ziemlich ölverschmierte Fertigungshalle, wo lauter Männer drin arbeiten. Ängstlich. Ja, gut, dann brauche ich mich nicht wundern, wenn man mich nicht ernst nimmt. Aber gehe ich voller Selbstbewusstsein, weil ich einen Koffer voller Wissen quasi bei mir trage, in eine Halle und spreche mit den Herren auf Augenhöhe, in dem Fachjargon mit der Kennung über unsere Produkte. Dann haben die gar keine andere Wahl, als Sie ernst zu nehmen und nicht darüber nachzudenken, dass da ein Mädel von eins sechzig vor ihnen sitzt.

    Sie engagieren sich auch im Verband deutscher Unternehmerinnen? Können Sie uns da mehr erzählen? Was macht der Verband und was machen Sie da genau? 

    Nur Hayat Nezir: Klar, also der VdU, Verband deutscher Unternehmerinnen, der vertritt seit 1954 als Wirtschaftsverband branchenübergreifend die Interessen von Unternehmerinnen. Also, er setzt sich für mehr weibliches Unternehmertum ein, für mehr Frauen in Führungspositionen und auch für bessere Bedingungen für Frauen in der Wirtschaft. Und ich bin da, weil ich es extrem wichtig finde, weil manche Menschen vielleicht nicht das große Glück hatten, wie ich es zum Beispiel hatte. Und ich finde es wichtig, dass Frauen genau solche Geschichten auch präsentiert werden können, denn man muss ja auch an etwas glauben und man muss etwas vorgelebt bekommen und ein Vorbild vielleicht auch haben. Ich habe auch am Girl’s Day mitgemacht, „Ich werde Chefin“. Weil ich unbedingt wollte, dass kleine Mädels, eine fünfte Klasse war bei uns, dass sie selber mitbekommen, dass sowas einfach möglich ist, Denn es ist das, was einem vorgelebt wird. Und diese Rolle ist einfach so entscheidend, um mehr Frauen zu inspirieren, Führungsrollen auch anzustreben und ihre eigenen Karriereziele zu verfolgen. 

    Auch siebzig Jahre nach seiner Gründung wird der Verband offenbar noch gebraucht, denn es gibt den Gender Pay Gap und immer noch weniger weibliche Führungskräfte. 

    Nur Hayat Nezir:  Es ist jetzt nicht so, dass wir ständig die lila'ne Flagge wehen und sagen Frauenpower. Nein, darum geht es überhaupt nicht. Es geht nur darum, dass die Weichen auch gestellt werden und dass es sichtbar gemacht wird. Nicht aber nur für die Außenwelt, für die männerdominierte Welt, sondern auch für die Frauen selber. Sie sollen selber auch erkennen: Hey, das kannst du auch werden. Du hast die Möglichkeit.Viele trauen sich ja nicht. Wenn einem Mann eine Position angeboten wird, der sagt: Alles klar, mach ich, nehm’ ich. Die Frau geht erst mal nach Hause und sagt: Da muss ich erst drüber nachdenken und drüber schlafen oder mit meinem Mann darüber sprechen. Wo ich mich frage, warum? Warum? Mach es doch, einfach mal machen. Zurück gibt es immer einen Weg, durch ordentliche Gespräche oder sonst was? Aber versuch's doch einfach. Und die Frau muss sich mehr trauen. Und ich glaube auch nach 70 Jahren. Viele denken wahrscheinlich ja, aber die Frauen sind doch jetzt mehr in der Gesellschaft bzw in der Wirtschaft vertreten als vor 70 Jahren. Ja stimmt, es kann auch noch ein bisschen mehr sein, vor allem in großen Unternehmen. Aber ich glaube, vielmehr ist es, dass der VdU so eine wirkliche Plattform für Unternehmerinnen bildet, um wirklich als Vorbilder zu fungieren, dass andere sehen können: Hey, das ist alles möglich. Aber die Grundvoraussetzung ist natürlich, die Frau muss es auch wollen. 

    Vielen Dank, Frau Nezir, für die Einblicke, die Sie uns von Weltmarkt ermöglicht haben: in die Stahlbranche, aber auch in Ihren Werdegang und Ihre Familiengeschichte. 

    Gleich sprechen wir mit der Ingenieurin, Gründerin und Unternehmerin Katharina Kreitz. Warum sie bereits als Studentin immer 110 Prozent geben musste und wie sie wider Willen zur erfolgreichen Verkäuferin wurde, erfahren sie gleich. 

    Davor aber schauen wir auf die arabische Halbinsel, zu Dalia Samra-Rohte, Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen. Sie leitet die Auslandshandelskammer in Riad, hat sich als Frau im Geschäftsleben dort noch nie benachteiligt gefühlt, im Gegenteil ... 


    Frau Samra-Rohte, vielleicht könnten Sie uns bitte kurz erzählen, was genau Sie im Netz der AHKs, der Deutschen Auslandshandelskammern, machen?  

    Dalia Samra-Rohte: Ich bin seit viereinhalb Jahren für die AHK, die Delegation der deutschen Wirtschaft in Saudi Arabien. Zuvor habe ich 15 Jahre das Büro der AHK in Abu Dhabi geleitet und davor war ich drei Jahre in Kairo an der AHK. Also bin schon sehr lange im AHK-Netzwerk. Als Hintergrund, warum ich auch eine gewisse Affinität zur arabischen Welt habe: Ich bin halb Ägypterin, bin in Deutschland aufgewachsen, hab in Kairo an der amerikanischen Uni zum Teil, aber auch an der FU in Berlin studiert und promoviert und interessiere mich daher schon sehr lange für die Region. 

     Es gibt 150 AHK-Standorte in 91 Ländern, mit entsprechend vielen Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern. Ich könnte mir vorstellen, dass das wahrscheinlich eher eine Männerdomäne ist … 

    Dalia Samra-Rohte: Wir sind 18, wir haben mittlerweile 18 Geschäftsführerinnen an den unterschiedlichsten Standorten und, wie unser Hauptgeschäftsführer immer sagt, auch an den schwierigsten Standorten. 

    Aber was macht  FRAU da so, als Delegierte der deutschen Wirtschaft in Saudi-Arabien? 

    Dalia Samra-Rohte: Die klassischen Aufgaben einer Delegierten sind einmal natürlich, die Marktpotenziale zu identifizieren, zu identifizieren, wo relevante Themen für die deutsche Wirtschaft plaziert werden, sei es bei den Landesregierungen oder auch in Deutschland. Hier im Team vor Ort organisieren wir viele Delegationsreisen von Deutschland nach Saudi-Arabien, aber auch umgekehrt. Wir machen viele Networking-Events, wo wir eben auch die Wirtschaft mit der lokalen Wirtschaft, mit lokalen Institutionen zusammenbringen. Und als Geschäftsführerin ist man ja dort auch sehr stark eingebunden bei der Moderation von Paneldiskussionen oder eben auch bei der lokalen Regierung entsprechend die Themen zu plazieren und die deutsche Wirtschaft dort sozusagen zu repräsentieren.

    Sie sind tatsächlich die erste Frau auf diesem schwierigen Posten. Ist das nicht kompliziert? Also, Saudi-Arabien ist ja jetzt nicht gerade für Gleichberechtigung bekannt …

    Dalia Samra-Rohte: Seit sechs Jahren findet hier ein Transformationsprozess statt, der sehr stark durch den König und dann durch den jungen Kronprinzen angestoßen wurde. Nennt sich Vision 2030. Und im Rahmen dessen öffnet sich das Land sehr, sehr stark und insbesondere auch das Thema Frauen, die in der Vergangenheit eben nur in bestimmten Bereichen arbeiten durften, also das sehr eingeschränkt war, findet momentan eine sehr, sehr starke Frauenförderung statt.


    Als Sie in Riad gestartet sind, waren nur vier Prozent Ihres Teams im AHK-Büro weiblich. Wie ist das heute?

    Dalia Samra-Rohte: Mittlerweile sind wir bei 70 % Frauenanteil. Saudische Frauen, deutsche Frauen. Also auch da hat sich sozusagen das das Team sehr, sehr stark verändert und mit dem gesamten Transformationsprozess, der unheimlich viel Möglichkeiten für die deutsche Wirtschaft gibt, sei es Aufbau von Tourismussektor, Unterhaltungssektor, das sind alles Themen, die es in der Vergangenheit vor der Vision 2030 gar nicht gab. Also nur als Beispiel: Im Bereich Unterhaltungswirtschaft gibt es Konzerte, wo wir viel auch deutsche Technologien im Veranstaltungsbereich plazieren. Veranstaltungen. Während es bis vor sechs, sieben Jahren war es verboten, hier überhaupt öffentlich Musik zu hören sei, es sei denn, es war der Koran und man hier also einen extremen Wandel, wo es viele, viele Anknüpfungspunkte für die deutsche Wirtschaft gibt, eben beobachten kann und wir dadurch auch in dieser Transformation zunehmend natürlich auch unser Angebot und unsere Veranstaltungsformate anpassen.

    Da hat Saudi-Arabien ja einen echten U-Turn hingelegt. Ich erinnere mich, vor 2018 durften Frauen dort ja nicht mal selber Autofahren. 

    Dalia Samra-Rohte: Also so werden Frauen in Deutschland sozusagen in diesem Wandlungsprozess wahrgenommen. Es ist aber eigentlich wesentlich mehr als das. Zum einen ist es so, dass erst mal die Justizreform, die stattgefunden hat, ein wesentlicher Bestandteil war in diesem Transformationsprozess, insbesondere aus der Perspektive für Frauen, Frauen in der Wirtschaft auch. Frauen können ohne Genehmigung des Mannes reisen. Das betrifft natürlich auch insbesondere Geschäftsreisen. Frauen dürfen ohne Genehmigung des Mannes arbeiten. Es gibt viele, viele Ansatzpunkte, wo man sozusagen das Umfeld und das Leben für die Frauen wesentlich unabhängiger und einfacher gemacht haben. Und gleichzeitig sehen wir eben auch immer mehr Frauen in im Berufsleben. Ziel war es ursprünglich, dass man bis 2030 auf 30 % Frauenanteil im Berufsleben kommt, im Rahmen der Vision, mittlerweile sind wir, also Ende 23, waren wir bei 37 % bereits. Und wir sehen, dass eine sehr, sehr starke Förderung im Berufsleben, also eine sehr starke Frauenförderung im Berufsleben stattfindet, die sehr oft als der Motor des wirtschaftlichen Wandels auch gesehen werden.

    Frauen also als Motoren der Wirtschaft? 

    Dalia Samra-Rohte: Das ist in gewisser Weise vielleicht auch als ein Weg in die Freiheit zu sehen. Sie sind fleißiger, sie sind sehr verbindlich, aber sie sind auch sehr gut ausgebildet, weil man hat schon trotz dieses sehr konservativen, doch damals sehr rückwärtsgewandten Landes, hat man in den letzten zehn Jahren auch sehr stark in Bildung von Frauen schon investiert. Und sie haben zum Beispiel prozentual gesehen einen wesentlich höheren Anteil an Frauen in MINT-Fächern als wir es in Europa haben, oder insbesondere in Deutschland. Und so sieht man auch, wenn man zum Beispiel beim Ölkonzern Aramco ist, in der Öl- und Gasbranche, die ja doch weltweit eher männlich dominiert ist, sieht man doch auf den Fluren und auch zunehmend in höheren Positionen immer mehr weibliche Fachkräfte. Und man erlebt eigentlich in allen Bereichen große Unterstützung von saudischer Seite für Frauen im Berufsleben. Man hat mittlerweile zwei Vize-Ministerinnen, man sagt sechs Botschafterinnen im Ausland. Aber so langsam sieht man, dass auch die Frauen in die Führungsetagen weiter vordringen.

    Auch wenn sich in den vergangenen Jahren vieles geändert hat. Im Stadtbild sieht man immer noch sehr viele verschleierte Frauen, auch komplett verschleierte Frauen, wo nur die Augen zu sehen sind. Das müssen deutsche Frauen nicht machen, sie müssen sich gar nicht verschleiern. Was sollten deutsche Geschäftsfrauen denn für einen Business-Trip nach Saudi-Arabien in den Koffer packen?

    Dalia Samra-Rohte: Wenn deutsche Geschäftsfrauen nach Saudi-Arabien kommen, sagen wir immer, dass sie einfach immer noch gut im Hosenanzug zu kommen oder blickdichte Strumpfhosen zu tragen. Aber schon konservativ, wie man auch in Deutschland letztendlich in ein Geschäft-Meeting gehen würde, bekleidet zu sein. Also weniger jetzt vielleicht im kurzen Rock. Und dann wird man auch sehr, sehr stark respektiert. 

    Halten Sie das überhaupt für eine gute Idee, als Frau in Businessangelegenheiten nach Saudi-Arabien zu reisen?

    Dalia Samra-Rohte: Ich versuche immer, viele deutsche Geschäftsfrauen auch zu motivieren, in die Region zu kommen. Man wird überall mit sehr großem Respekt behandelt. Man hat oft noch in den Meetings die Möglichkeit, dass man sozusagen sich wesentlich mehr rausnehmen kann, als ein Mann sich rausnehmen könnte. Weil der Fokus auch sehr stark auf den Frauen liegt. Also diese klassische Entgegenkommen einer Frau. Sie muss zuerst sprechen, man muss ihr zuhören. Da sage ich: Manchmal hat man es einfacher als ein Mann. Weder hier bei uns im Team, noch irgendwie bei bei Delegationen haben wir je nie irgendeine schlechte Erfahrung gemacht oder das Gefühl bekommen, wir werden hier nicht erwünscht, weil wir Frauen sind. Im Gegenteil, eigentlich wird der Respekt und die Höflichkeit, die einem entgegengebracht wird, findet man nicht in allen Teilen der Welt vor. 

    Wenn Sie Frauen einen Tipp mit auf den Weg geben könnten. Welcher wäre das?

    Dalia Samra-Rohte: Sich so zu geben, wie man sich auch in Deutschland gibt. Und man soll wie überall im Geschäftsmeeting als Frau bestimmend auftreten. Höflichkeitsfloskeln sind in der arabischen Welt ja insgesamt sehr, sehr wichtig immer. Auch am Anfang ein bisschen Smalltalk zu machen, zuzuhören. Aber für den Erfolg eines Geschäftes ist es ganz wichtig, dass man immer wieder in die Region kommt, dass man diese persönlichen Beziehungen aufbaut. Und da muss ich sagen, dadurch, dass eben gerade aus Deutschland oder Europa nicht so viele Geschäftsfrauen kommen, erlebe ich, dass man damit auch eine gewisse herausragende Position hat, indem man sich immer wieder noch sehr gut an die Frau erinnert, die Geschäftsfrau erinnert, die gekommen ist. Von daher ist es ein guter Zeitpunkt, das momentan auch zu nutzen, man kann sich da sehr, sehr gut als Frau positionieren. 

    Vielen Dank Frau Rohte für die spannenden Einblicke. Ganz offensichtlich hat sich in Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren viel getan.

    Wir wechseln jetzt nach München zu Katharina Kreitz, die schon mit 27 Jahren ein Start-up gründete, das sensationell schnell Erfolge feierte. In ihrer Kundenliste stehen die NASA, Airbus und General Electric. 

    Hallo Frau Kreitz. 

    Katharina Kreitz: Hallo zusammen, mein Name ist Katharina Kreitz. Ich bin mittlerweile 36 Jahre alt, habe Maschinenbau mit Spezialisierung auf Luft- und Raumfahrttechnik studiert und danach auch einen MBA in Frankreich gemacht und habe jetzt meine eigene Firma, die Firma Vectoflow. 

    Können Sie uns vielleicht kurz erklären, was Vectoflow genau produziert? Und auch gern so, dass man es verstehen kann, wenn man nicht Maschinenbau studiert hat.


    Katharina Kreitz: Wir stellen Sensorik her, die allerlei Strömungen messen, also Luft, Wasser, Gas, Öl, ist eigentlich egal, Hauptsache es bewegt sich. Und da nehmen wir ganz viele Parameter raus. Also die Geschwindigkeit, Druck, Temperatur, Anströmwinkel, eigentlich alles, was man aus so einer Strömung rausnehmen kann. Und das kann man dann entweder verwenden, diese Ergebnisse, um quasi irgendwie Produkte besser zu machen. Zum Beispiel wenn ich jetzt bei BMW im Windkanal stehe, muss ich ja wissen, wie geht die Strömung um das Auto rum und das kann ich mit so Sensorik messen. Oder wenn ich jetzt zum Beispiel auf einer Drohne bin, dann misst unsere Sensorik quasi zum Beispiel, wenn die Drohne in eine Windböe gerät, dann misst sie das vorab und kann quasi aktiv in die Steuerung eingreifen und sagen: Oh, hier Motor rechts, mal ein bisschen mehr Power, sodass ich stabil weiterfliegen kann. Also ich kann es für die Entwicklung oder aber auch für die Serie, wenn es dann quasi unterwegs ist, nutzen. 

    Und wie fing das alles an damals?

    Katharina Kreitz: Also mein Mitgründer Christian und ich, wir haben beide Maschinenbau studiert, Christian hat noch einen Doktor gemacht und ich habe dann noch den MBA gemacht. Aber wir haben beide sehr, sehr viel im Messtechnikbereich gearbeitet, bei großen Firmen. Ich habe zum Beispiel bei EADS, was jetzt ja Airbus Space & Defence ist, bei Lufthansa Technik, bei BMW, bei der NASA, habe ich immer mit Messtechnik gearbeitet und fand es halt immer schrecklich. Und der Christian, dem ging es ähnlich, der hat bei BMW oder bei GI gearbeitet und hat da auch die ganze Zeit nur Probleme gehabt. Und als es dann mit dem 3D-Druck sich so entwickelt hat, dass man auch Metall drucken konnte und dass es auch präziser wurde, weil wir brauchen ja eine gewisse Genauigkeit da auch. Saßen wir dann zusammen im Windkanal und haben halt gemeint, hey, man könnte das doch auch 3D drucken. Das würde doch viele Probleme lösen. Und so hat es eigentlich angefangen. Und dann haben wir dieses Gründungsstipendium bekommen und dann haben wir losgelegt währenddessen schon. Und tatsächlich hat sich dann nach zwei Wochen oder sogar nach einer Woche Existenz von der Webseite hat sich der erste Kunde gemeldet und es war halt ein Formel-1-Team und da ist man dann schon stolz wie Oskar. Und die haben uns dann direkt eingeladen und haben direkt Produkte von uns dann gekauft. Also wir waren hin und weg, muss ich ehrlich sagen. Deshalb. Da hatten wir einen ganz schönen Start. 

    Okay, der Automobilsport interessiert sich also für Ihre Sonden. Welche Branchen gibt es noch? 

    Katharina Kreitz: Tatsächlich wird es immer mehr, überall eigentlich wo eine Strömung ist können wir eingesetzt werden. Und dadurch, dass ja quasi alles irgendwie aerodynamischer oder fluiddynamisch immer besser werden muss, wegen dem Klimawandel. Früher war ja zum Beispiel den Leuten egal, wieviel ihr Auto verbraucht habt, Hauptsache es schaut gut aus. Das ist ja mittlerweile ein bisschen anders. Wir sind viel im Automotivbereich im Turbomaschinenbereich, also Gasturbinen, Triebwerke an sich, dann viel im Windbereich, Drohnen bis hin zu Dunstabzugshauben haben wir glaub ich schon alles instrumentiert. Also es ist tatsächlich sehr, sehr breit gefächert.

    Das Auslandsgeschäft ist für Vectoflow ja sehr wichtig. Nur zehn bis zwanzig Prozent Ihres Umsatzes machen Sie in Deutschland. Jetzt haben Sie sogar ein Tochterunternehmen in den USA gegründet. Warum denn genau dort?

    Katharina Kreitz: Wir haben uns für die USA entschieden, dadurch, dass wir dort schon sehr viele Kunden an sich haben. Das Land ist unglaublich groß und in unseren Bereichen wird da sehr viel gebraucht. Und man könnte es ja auch sonst, wie wir auch teilweise sonst Distributoren z.B. in Asien haben, primär auch wegen Sprache, könnte man jetzt sagen: Ach komm, das machen wir einfach mit auch einem Distributor. Das Ding ist aber, dass wenn man auch grade zum Beispiel im militärischen Bereich arbeitet, auch weil wir natürlich auch zum Beispiel Antriebe oder im Space Bereich Sachen instrumentieren. Das fällt in Amerika unter ein Gesetz, das nennt sich oder unter den ITAR-Bereich. Das ist quasi alles, was irgendwie militärisch genutzt wird oder im Space-Bereich, darf nur aus Amerika kommen und da dürfen keine Informationen das Land verlassen. Also die dürften jetzt zum Beispiel uns keine Infos über ihre Applikationen, die wir natürlich bräuchten, weil wir müssten es ja irgendwie anpassen, das dürften die uns nicht geben. Dementsprechend ist dann auch der Plan, dass wir quasi dann alles vor Ort in Amerika quasi machen und dass es keinen Wissenstransfer von Amerika nach Deutschland gibt.

    Und jenseits der USA? Was wären da wichtige Zukunftsmärkte für Sie? 
     

    Katharina Kreitz: Also Asien ist tatsächlich für wie wahrscheinlich jeden auch sehr interessant, da haben wir jeweilige Distributoren in Japan, Korea und China. Und gerade China im Bereich Windenergie ist für uns sehr interessant. Da sehen wir auch sehr, sehr viel Potenzial, was sich gerade schon ein bisschen zeigt.

    Gibt es denn eine klare Arbeitsteilung zwischen Ihrem Geschäftspartner und Ihnen?

    Katharina Kreitz: Also ich dachte, tatsächlich, als wir angefangen haben zu gründen, dass ich tatsächlich die technische Seite dann betreuen werde, als dass ich dann im Keller sitze, irgendwas programmiere und irgendwie habe ich als Langsamste weg gesagt oder so, und dann war es, dass ich auf einmal Vertrieb machen musste und auf Bühnen stehen musste, zu Investoren gehen oder irgendwelche Sachen. Und wo ich dachte: Oh Gott, das wird ja die Hölle.Teilweise, wenn ich irgendwo einen Vortrag halten musste, ich konnte fünf Tage vorher schon nicht schlafen. Also das ist mittlerweile komplett anders und ich bin sehr froh, dass ich da so ein bisschen ins kalte Wasser geworfen wurde. Und es ist auch schön, weil wir sprechen alle die gleiche Sprache. Also dadurch, dass ich ja, das sind eigentlich alles Ingenieure, die quasi dann auch die Kunden sind und das ist dann einfach nett, weil man sich dann einfach sehr schnell auf einer technischen Sprache trifft und dann hat man eigentlich immer viel Spaß.

    Im Maschinenbau und als Gründerin sind Sie als Frau ja immer noch eher die Ausnahme ... 

    Katharina Kreitz: Also im Maschinenbaustudium waren es 10 % Frauen, damals in meinem Jahrgang. Jetzt haben wir, glaube ich, zwei weibliche Ansprechpartnerinnen bei Kunden. Das ist einfach normal. Also deshalb, wenn mich Leute anschreiben aus dem Blauen heraus und man zum Beispiel irgendwo im Ausland teilweise nicht weiß, dass vielleicht Katharina ein weiblicher Name ist, dann  werde ich ganz offen mit "Dear sir” begrüßt, ganz normal, weil einfach die Wahrscheinlichkeit, dass das trifft, sehr hoch ist. Aber ich fand da jetzt bisher das jetzt nicht, also nicht schlimm. Was man schon sagen muss, es ist teilweise ein Vorteil, weil man bleibt im Gedächtnis. Also gerade im Turbo-Maschinenbereich kennen mich enorm viele und das kann Fluch und Segen zugleich sein. Also man kennt mich, man weiß, dass ich zu dieser Messtechnik- Firma gehöre und so und deshalb spricht sich das schnell herum, das ist dann prima, wenn wir dann auch gute Produkte liefern, wenn wir schlechte geht das natürlich auch so schnell.

    Das hört sich ja schon fast an wie „Vorteil Frau“. Ist das tatsächlich so? Oder wird nach wie vor mit zweierlei Maß gemessen und Männer haben es im Berufsleben meist leichter? 

    Katharina Kreitz: Ich kenne das gar nicht anders, dass ich zum Beispiel als Frau in meinem Bereich immer 110 % geben muss und dass das, dass man immer ein bisschen mehr machen muss als Frau und dass ich da immer sage ich mal gucken muss, okay, wie komme ich bei mir in meinem Bereich da weiter. Und wenn man das aber gefunden hat, dann hat man echt Vorteile, weil man halt auch Sachen machen kann, die ein Mann jetzt nicht machen könnte.

    Gibt es etwas, das Sie den Frauen in Ihrer Branche oder Frauen allgemein gerne auf den Weg geben würden?

    Katharina Kreitz: Ich würde mich freuen, also gerade, dass man es ein bisschen mehr sieht, dass es ein Vorteil ist, eine Frau zu sein. Man muss einfach nur die Zugänge in dem jeweiligen Bereich zu dem jeweiligen Ziel, was man halt dann vor Augen hat, finden, dass man es wirklich nicht als Last sieht, eine Frau zu sein, sondern dass man halt das wirklich auch positiv drehen kann.

    Vielen Dank Katharina Kreitz, dass Sie uns mitgenommen haben, in die Welt der Windkanäle und Strömungslinien. Ihnen und Vectoflow weiterhin viel Erfolg! 


    Weltmarkt bedankt sich auch bei Nur Hayat Nezir von Abrams Industries, und Dalia Samra-Rohte aus dem AHK-Büro in Saudi-Arabien für spannende Einblicke und ermutigende Worte. 

    Gern erinnern wir an dieser Stelle noch Mal an unsere Weltmarkt-Folge zur Automobilindustrie. Damals hat uns Martina Biene darüber berichtet, wie sie für Volkswagen den afrikanischen Markt erschließt. Und in der Weltmarkt-Folge zu Interkultureller Kompetenz hatte uns unsere GTAI-Korrespondentin Frauke Schmitz-Bauerdick in Paris über kulturelle Besonderheiten in Frankreich und auch in Vietnam aufgeklärt.

    Jede Menge Frauenpower.

    Links zu dieser Folge finden Sie wie immer in den Shownotes. Außerdem gibt es weitere interessante Themen zur Außenwirtschaft auf der Website von Germany Trade & Invest, www.gtai.de

    Nächstes Mal werden wir uns übrigens mit der Bauwirtschaft beschäftigen. Eine Expertin vom Verband Beratender Ingenieure und ein Vertreter des deutschen Bauunternehmens German Rail Engineering werden uns erzählen, wie es ums Geschäft mit der Infrastruktur in Auslandsmärkten steht. Haben Sie eine gute Zeit. Und bis dahin.

  • Folge 15: Beschaffung und Lieferketten

    - Februar 2024 -

    Was sind die aktuellen Herausforderungen? Wohin blicken Einkäufer? Und wie gut eignet sich der Westbalkan als Alternative zu China?

    Das Jahr 2024 startete mit Nachrichten, die allen bekannt vorkommen: Wieder erreichen dringend benötigte Schiffsladungen aus Asien den europäischen Kontinent erst mit tage- oder sogar wochenlanger Verspätung. Spätestens seit der Coronapandemie ist jedem bewusst, wie abhängig die deutsche Wirtschaft von funktionierenden Lieferketten ist. 

    Der Angriff Russlands auf die Ukraine sowie die aktuellen Konflikte am Roten Meer verdeutlichen, wie stark Lieferketten auch geopolitischen Risiken ausgesetzt sind. In dieser Podcast-Folge stellen wir mögliche Lösungen für Einkäufer vor. Und wir beschäftigen uns ganz besonders mit dem Westbalkan als Beschaffungsmarkt direkt vor unserer Haustür.

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    Gäste in dieser Folge

    Olaf Holzgrefe Olaf Holzgrefe

    Olaf Holzgrefe

    ist Leiter International beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Mit rund 10.000 Mitgliedern ist der BME der größte Einkaufsverband in der Bundesrepublik und einer der größten in der EU. Der Verband hilft Einkäufern dabei, Lieferketten zu diversifizieren und neue Lieferanten in die eigene Lieferkette einzubauen. Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) organisiert der BME 2024 zum zehnten Mal die Einkaufsinitiative Westbalkan, die am 12. Juni 2024 in München stattfinden wird. Im November 2024 veranstaltet der BME sein 59. Symposium zu Einkauf und Logistik in Berlin. 

     

     

     

    Martin Gaber Martin Gaber

    Martin Gaber

    arbeitet seit 2019 für Germany Trade & Invest (GTAI). Er berichtet seit 2021 als GTAI-Auslandskorrespondent von Belgrad aus zu den Entwicklungen in Serbien sowie den fünf weiteren Westbalkanländern Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro und Nordmazedonien. Ein Schwerpunkt des Balkan-Experten liegt auf den Themen Beschaffung und Nearshoring. Vor seiner Tätigkeit für GTAI lebte Gaber in Sarajewo, wo er für die deutsche Auslandshandelskammer tätig war. Er hat International Cultural and Business Studies an der Universität Passau studiert. 

     

     

     

    Weiterführende Informationen

    GTAI-Sonderseite zu Lieferketten & Beschaffung

    GTAI-Studie „Sourcingchancen auf dem Westbalkan“

    GTAI-Studie "Beschaffung in Nordafrika"

    GTAI-Studie „Sourcingchancen in Südostasien“

    Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME)

    BME-Symposium „Einkauf und Logistik“ (13.-15.11.2024, Berlin)

    Einkaufsinitiative Westbalkan (12.06.2024, München)

    Einkaufsinitiative Südostasien (22.04.-15.05.2024, digital)

    Einkaufsinitiative Indien (08.-26.7.2024, digital)

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Liebe Hörerinnen und Hörer,

    während wir diesen Podcast aufnehmen, hören wir schon wieder von umgeleiteten Frachtschiffen, die nicht durch den Suezkanal fahren können ... 

    Die meisten großen Schifffahrtsunternehmen haben angekündigt, keine Schiffe mehr durch das Rote Meer zu schicken. Darunter Maersk und Hapag Lloyd. Alternativ müssen die Frachter Afrika umrunden, was ihre Reise im Schnitt um sechs Tage verlängert und die Treibstoffkosten in die Höhe treibt. Die höheren Transportkosten dürften sich in einigen Monaten auch auf die Warenpreise auswirken. (Quelle: AFP, Youtube)

    Die unsichere Lage im Roten Meer hat erste Auswirkungen auf die Wirtschaft, auch in Deutschland. Die E-Auto-Fabrik von Tesla im brandenburgischen Grünheide muss die Produktion für zwei Wochen stoppen. Denn es fehlen Teile, die aus Asien zugeliefert werden. Die Containerschiffe müssen nun den wesentlich längeren Seeweg um Afrika herum nehmen, weil die Reedereien das Rote Meer und den Suez-Kanal meiden. (Quelle: Tagesschau, 20 Uhr, 12.1.24)

    Dabei erinnern wir uns alle noch gut an andere, auch  ausgesprochen beunruhigende Nachrichten: 

    Coronaepidemie in Deutschland, das ist, wenn es an der Drogeriemarktkasse zu Handgreiflichkeiten wegen einer Wagenladung Klopapier kommt. (Quelle: Welt Nachrichtensender, 17.3.2020

    Wir brauchen alle Maßnahmen unvermindert. Wir müssen immer noch alles tun, um das Virus auf seinem Weg durch Deutschland zu verlangsamen. (Sprecher Bundesregierung Steffen Seibert, Tagesschau)

    Der Dax kämpft auch mit zwei Entwicklungen. Einerseits eben mit Schocknachrichten, die immer schlimmer werden, auf der anderen Seite aber sicherlich auch mit den größten Konjunkturpaketen aller Zeiten. Und da die Balance zu finden, das fällt ihm noch sehr schwer. (O-Ton Robert Halver, Baader Bank, FAZ)

    Ausgelöst durch die Coronapandemie wurde uns allen plötzlich bewusst, wie abhängig wir von funktionierenden Lieferketten sind. Sonnenblumenöl wurde zum Luxusgut, in Fahrradläden gab es gefühlt keine Fahrräder und selbst profane FFP2-Masken gab es lange nicht – und später waren sie teuer. 

    Plötzlich fehlende Vorprodukte, zum Beispiel aus Asien, führten in einigen deutschen Betrieben zum völligen Produktionstopp. Ein weltweiter Ausnahmezustand – ausgelöst durch ein Virus.

    Der Angriff Russlands auf die Ukraine und die aktuellen Konflikte am Roten Meer verdeutlichen jetzt, wie stark Lieferketten auch geopolitischen Risiken ausgesetzt sind und wie schnell es zu Lieferengpässen kommen kann. Um diese zu verhindern, müssen sich deutsche Einkäufer um mögliche alternative Lieferanten kümmern.   

    Holzgrefe: Wer jetzt noch Single Sourcing macht, der, überspitzt gesagt, kann und wird irgendwann ein Problem haben. Und das ist jetzt noch eher, ich sag mal, ja, zurückhaltend ausgedrückt. 

    … meint unser Gast Olaf Holzgrefe, Head of International beim BME, dem Bundesverband für Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik. 

    Unser zweiter Gast, Martin Gaber, von Germany Trade & Invest, stellt uns gleich einen solchen alternativen Beschaffungsmarkt vor:

    Gaber: Der Westbalkan ist gerade die Option, die quasi direkt vor der Haustür liegt. Der LKW steht eigentlich aus jeder Ecke in der Region innerhalb von 48 Stunden auf dem Werksgelände in Deutschland. 

    Doch jetzt zu Olaf Holzgrefe, dem Leiter International beim BME. Es ist der größte Einkaufsverband in Deutschland und einer der größten in der Europäischen Union. Herr Holzgrefe, was macht der BME genau?

    Holzgrefe: Mit rund 10.000 Mitgliedern vertreten wir die Interessen unserer Einkäufer, Supply Chainer und Logistiker, bieten in vielfältiger Form Weiterbildung und Qualifizierung an und im Bereich International bauen wir Brücken in neue Märkte, unterstützen unsere Einkäufer bei ihren Herausforderungen in der aktuellen, vergangenen und zukünftigen Situation, neue Märkte zu entdecken, Lieferketten zu diversifizieren, neue Lieferanten in die eigene Lieferkette einzubauen und somit sich wettbewerbsfähiger aufzustellen.

    Anfang 2024 häufen sich schon wieder die Nachrichten zu Problemen im Suez-Kanal, mit zum Teil deutlich längeren Lieferzeiten als Folge. Welches sind denn aus Ihrer Sicht weitere Herausforderungen für 2024?

    Holzgrefe: Die größte Herausforderung für den deutschen Einkauf oder für die deutschen Unternehmen ist auf jeden Fall, weiter innovativ zu bleiben. Und eine weitere Herausforderung ist das Thema Digitalisierung. Beides, innovativ oder Innovation, führt zu Wettbewerbsfähigkeit. Und Digitalisierung führt unter anderem zu Effizienz und aber auch zu Transparenz. Denn viele Dinge, die wir jetzt gerade oder was jetzt gerade gemacht wird, führt auch dazu, dass man versucht, die Lieferkette digitaler und deshalb transparenter zu gestalten. Und wir haben dazu als BME unsere Einkäufer gefragt, wo sie denn eigentlich die größten Herausforderungen sehen. Und dann sind auch noch solche Themen gefallen wie im Bereich Bürokratie. Wo sind die großen Herausforderungen noch: im Bereich Energiepreise. Und es geht auch um das Thema Fachkräftemangel. Also wie gesagt, es geht tatsächlich um das Thema auch Wettbewerbsfähigkeit. Und hier müssen und werden gerade aktuell Sourcing-Strategien neu justiert und neu überdacht.

    Wenn wir jetzt einmal auf die Weltkarte schauen: Wo liegen Ihrer Meinung nach ungenutzte Potenziale? 

    Holzgrefe: Also wichtig ist erst mal, bei den ungenutzten Potenzialen, und das wird Sie jetzt überraschen, denn als Leiter International hat meine Abteilung erst mal die Aufgabe, alles das abzudecken, was nicht Deutschland, Österreich und die Schweiz ist. Aber trotzdem ist noch mal wichtig vorauszuschicken: Der wichtigste Beschaffungsmarkt, ist in den nächsten Jahren weiterhin Deutschland. Also es ist erst mal ganz wichtig. Danach kommt die Europäische Union knapp gefolgt und erst dann kommt China. So also unser größter Beschaffungsmarkt außerhalb der Europäischen Union ist China. Und blickt man auf die Potenziale, so sieht man ja, wir haben einen, wir haben diese Chinapolitik. Viele reden jetzt von Derisking. Und wenn man dann die Potenziale anschaut, und trotzdem ist China immer noch ein entscheidender Punkt in der Beschaffungsstrategie. Aber schaut man mal an China vorbei, so erkennt man, dass Indien und Südostasien, vor allem Indien, sehr stark aufholt, Südostasien natürlich auch attraktiv ist, wobei man die beiden Märkte nicht miteinander vergleichen kann. Andere Potenziale sind natürlich dann auch noch außerhalb der Europäischen Union in Europa zu suchen. Denn auch innerhalb Europas haben wir bei weitem noch nicht alle Potenziale ausgeschöpft. Da liegen noch viele Potenziale mehr oder weniger auf der Straße. Das muss nicht nur aus Osteuropa sein, es kann auch in Südeuropa sein, in Südosteuropa oder in der Türkei. Wichtig ist, dass man dann eben diese, dass man sich einen Überblick über diese Beschaffungsregionen verschafft, auch dann um die Struktur dieser Beschaffungsregionen eigentlich auch weiß. Denn nicht jedes Land, nicht jede Region kann mit denselben Vorteilen und mit denselben Benefits aufwarten.

    Sehen Sie auch im Westbalkan ungenutzte Potenziale?

    Holzgrefe: Also auf jeden Fall zählen wir als BME den Westbalkan dazu. Seit neun Jahren machen wir im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz und in Zusammenarbeit mit den Auslandshandelskammern des westlichen Balkan die Einkaufsinitiative Westbalkan. Man sieht, dass da Unternehmen immer noch Potenziale finden. Es geht ja bei der ganzen Thematik, wenn man sich das Thema Global Sourcing anschaut, neben Diversifizierung und Risikomanagement natürlich auch um das Thema Local for Local oder Nearshoring. Local for Local heißt, ich suche mir einfach die besten Potenziale, möglichst nahe zur Produktion. Das kann in Europa sein, muss es allerdings nicht, kann auch in Asien sein. Und es geht natürlich durch die Verkürzung der Lieferketten darum, sie weniger risikoanfällig zu machen. Der Westbalkan hat in den letzten Jahren eine wirklich steile Entwicklung gemacht. Die Länder im westlichen Balkan mit unterschiedlicher Ausprägung. Aber insgesamt kann man sagen, da ist eine deutliche Qualitäts- und Effizienzentwicklung zu verzeichnen. Das spüren wir, merken wir und kriegen wir auch gespiegelt durch unsere Einkäufer. Also da ist es auf jeden Fall wichtig, dass man hinschaut. Da muss man allerdings wissen, in welche Warengruppen wir da reinschauen. Und wenn ich es eher so gerade gesagt habe, dann habe ich da einen sehr engen Warengruppenblick, weil wir gehen, wenn wir in den westlichen Balkan gehen, hauptsächlich in die Bereiche Metallbau, Elektronik, Schweiß-Baugruppen, Zeichnungsteile, also Production Materials. In anderen Warengruppenbereichen sieht nachher auch die Verteilung innerhalb der EU- und Nicht-EU-Länder natürlich dann wieder ganz anders aus als jetzt in unserem Projekt. 

    Die nächste Veranstaltung der Einkaufsinitiative findet im Juni in München statt.– Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

    Über die Situation auf dem Westbalkan wird gleich noch GTAI-Korrespondent Martin Gaber berichten, der vor Ort arbeitet. Er sagt: 

    Gaber: Vielleicht noch so ein Produkt, das mir immer noch im Kopf geblieben ist, ist ein E-Bike. Es war eine Sonderanfertigung für den Fußballer Cristiano Ronaldo. Hergestellt in Bosnien Herzegowina. Auch für ein deutsches Unternehmen. Also auch eine Zulieferung. Und das hat mir dann auch noch mal so gezeigt, was alles möglich ist und wie groß eigentlich das Spektrum ist und wie weit man manche Bereiche denken muss. 

    Doch zuerst geben wir Ihnen noch ein paar wichtige Hintergrundinformationen – in unserer Rubrik: 

    „Konkret und kompakt“: 

    Was Sie zum Beschaffungsmarkt Westbalkan wissen sollten. 

    Westbalkan – das sind Albanien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien, Serbien und Kosovo. Vor allem vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges wachsen die Bemühungen, den Westbalkan mit seinen 18 Millionen Menschen enger an die EU zu binden, schon allein aus Sicherheitsgründen und um den Einfluss von Russland zu vermindern.

    Alle Länder haben mit der Europäischen Union sogenannte Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen geschlossen. Solche Abkommen schließt die EU mit allen Beitrittskandidaten. Sie dienen der Vorbereitung des Beitritts, bieten aber auch heute schon erhebliche Erleichterungen, von denen Importeure profitieren können. So sind zum Beispiel mengenmäßige Beschränkungen von Im- und Exporten verboten. Außerdem gibt es für die meisten Waren Zollreduktionen oder sogar Zollfreiheit. Hinzu kommt, dass Zollgesetze sowie Produktstandards und Normen schrittweise an diejenigen der EU angeglichen werden. Ganz ohne Formalitäten geht es allerdings leider nicht, schließlich gelten die Erleichterungen nur für solche Waren, die ihren Ursprung im jeweiligen Vertragsstaat haben. Und das muss nachgewiesen werden, und zwar mit dem Formular EUR1 oder einer Ursprungserklärung auf der Rechnung, wenn der Wert 6.000 Euro nicht übersteigt. 

    Aber auch abseits des Zoll-Themas bieten die Abkommen viele Erleichterungen. Insbesondere stellen sie Unternehmen aus der jeweils anderen Vertragspartei unter ihren Schutz, zum Beispiel indem sie Diskriminierungen wegen der Herkunft weitgehend verbieten. Für Zweigniederlassungen oder Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen im Westbalkan gelten also dieselben Rechte und Pflichten wie für heimische Unternehmen. Sie müssen keine besonderen Steuer- oder Abgabenlasten schultern. Für Tochtergesellschaften von Unternehmen aus der EU gilt außerdem, dass sie Immobilien nicht nur mieten, sondern auch kaufen dürfen. Und für Arbeitskräfte gibt es zwar noch keine volle Arbeitnehmerfreizügigkeit, aber immerhin Erleichterungen für bestimmte Fach- und Führungskräfte.   

    Zusammenfassend gilt: anders als die allermeisten Beschaffungsmärkte rückt der Westbalkan immer näher an die EU heran, mit allen Vorteilen, die das bringt. 


    Jetzt also springen wir mit Martin Gaber mitten hinein in den Beschaffungsmarkt Westbalkan. Seit drei Jahren verfolgt er für Germany Trade & Invest von Belgrad aus die wirtschaftliche Entwicklung direkt vor Ort.  Vorher war Martin Gaber in Bosnien und Herzegowina tätig und hat auch in Sarajewo gelebt. 

    Herr Gaber, Sie kennen die Region genau. Verraten Sie uns doch mal, was am Westbalkan für deutsche Unternehmen so spannend ist. 
     

    Gaber: Der Westbalkan ist gerade die Option, die quasi direkt vor der Haustür liegt. Der LKW steht eigentlich aus jeder Ecke in der Region innerhalb von 48 Stunden auf dem Werksgelände in in Deutschland. Die geografische Nähe ist aber gar nicht das einzige. Es gibt auch einige Branchen, die spannend sind, die sich gut entwickeln, die wachsen und daher auch als Beschaffungsoption ins Blickfeld rücken sollten. Das reicht von klassischen Industrien wie Metall oder der Holzverarbeitung bis hin zur IT-Branche. Und gleichzeitig stimmt das Gesamtpaket. Also die Qualität ist gut. Viele Unternehmen liefern bereits in die EU. Die Kosten sind wettbewerbsfähig und einige Länder können auf eine starke industrielle Basis zurückgreifen, die noch auf dem Knowhow beruht aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das macht für ein deutsches Unternehmen dann den Einstieg leichter, weil der Geschäftspartner vor Ort dann direkt weiß, wovon man spricht. Aber anders als früher ist es nicht mehr so, dass es viele staatliche Großbetriebe gibt, sondern kleine, mittlere Unternehmen, häufig auch in Familienbesitz. Das heißt für den deutschen Kunden schnelle Reaktion, kurze Lieferzeiten. Und da kann man gut auf aktuelle Entwicklungen, zum Beispiel wenn sich die Nachfrage verändert, steigt, sinkt, reagieren und auch die Mengen leichter anpassen.

     Kam das Interesse erst seit der Pandemie?

    Gaber: Es ist tatsächlich schon vor der Pandemie auf dem Plan gewesen, aber spätestens seit der Pandemie hat man noch mal einen Boom erlebt, hat gesehen, wie sich die Handelszahlen, also die bilateralen Handelszahlen zwischen Deutschland und der Region zweistellig positiv, also in zweistelligen Prozentsätzen positiv entwickelt haben. Und auch als Investitionsstandort ist der Westbalkan noch mal verstärkt ins Blickfeld gerückt. Also davor schon. Aber jetzt nochmal, nochmal ganz verstärkt.
     

    Und das, obwohl keins der Länder EU-Mitglied ist …

    Gaber: Der Westbalkan ist ja komplett von EU Mitgliedsstaaten umschlossen, aber tatsächlich sind die Länder noch nicht Mitglied. Allerdings hat die EU mit dem, das nennt sich Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen, ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der Region. Das heißt, der Handel funktioniert für fast alle Produkte zollfrei. Es gibt aber auch Hindernisse. Das sind einmal die Formalitäten, die müssen trotzdem durchlaufen werden. Da kommt man dann nicht drum herum. Und es gibt eben die EU-Außengrenze, an der die LKWs dann mehrere Stunden stehen. Aber beides kann man ganz gut in die Prozesse einplanen. Da geht es dann um Stunden oder Tage und nicht um um Wochen und Monate, wie es dann vielleicht bei einem Containerschiff der Fall ist. Mittlerweile haben auch alle Länder einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt, sind im Annäherungsprozess aber unterschiedlich weit. Auch der Wille, Motivation, vielleicht auch die Begeisterung für den EU-Beitritt ist nicht überall gleich groß. Beispiel Serbien: Da will man schon irgendwie in die EU, aber gleichzeitig will man gute Beziehungen, enge Beziehungen zu Russland haben, enge Beziehungen zu China. Dann noch der Konflikt mit Kosovo, der alleine in 2023 einiges an Eskalationspotenzial hatte. Das sind zwar dann keine direkten Hürden, Hemmnisse. Aber das verunsichert die Unternehmen dann doch und ist am Ende so ein Punkt, dass selbst wenn es ein gutes Angebot oder einen spannenden Lieferanten gibt, entscheidet man sich dann vielleicht manchmal doch für eine andere Option.

    Herr Gaber, Sie haben sich mit einer Studie zum Thema Sourcing-Chancen auf dem Westbalkan beschäftigt. Was haben Sie da rausgefunden? 

    Gaber: Zum einen, und das ist wahrscheinlich das Wichtigste, dass die Region zunehmend in die Lieferketten deutscher Betriebe und auch EU-Betriebe integriert ist. Und gleichzeitig hat man es auch gesehen, dass es schon vor Covid der Fall war, dass deutsche Unternehmen bei Investitionen den Westbalkan verstärkt im Blick haben. Gerade als Produktionsstandort für Europa nach dem Motto Local for local, also Produktion in Europa für Europa, was dann häufig auch unter das Stichwort Nearshoring fällt. Dann haben wir noch entdeckt, auch wenn wir ständig vom Westbalkan sprechen, dass die Länder ganz unterschiedliche Schwerpunkte und Stärken haben. Das macht es ja auch gerade so spannend. Ich habe da paar Beispiele auch mitgebracht, zum Beispiel für die für die Holzverarbeitung oder die Möbelindustrie ist Bosnien Herzegowina ein sehr spannendes Land. Die halbe Landfläche ist mit Wald bedeckt, also man hat eine sehr, sehr gute Rohstoffbasis. Und dann kommt noch hinzu, dass es vor Ort viele Unternehmen mit Knowhow gibt. Das sind die einen, die in großen Mengen produzieren für ein skandinavisches Möbelhaus. Andere wiederum produzieren ganz hochwertige Designerware. Das sind dann Produkte, die selbst auf internationalen Messen wie der IMM in Köln herausstechen und Designpreise gewinnen. Das Angebot geht aber auch schon darüber hinaus also bis zu ganzen Fertighäuser in Holzbauweise.

    Und was ist mit den anderen Ländern des Westbalkans?

    Gaber: Wenn man dann so ein bisschen weiterreist durch die durch die Region. Albanien. Sehr spannender Standort für die Bekleidungs- und Schuhindustrie. Da gehen derzeit noch fast alle Ausfuhren nach Italien, weil bekannte italienische Modelabels, die man auch von internationalen Laufstegen durchaus kennt, in Albanien fertigen lassen. Und wenn wir dann wieder den Schwenk durch die Region machen in Richtung Kosovo, dann ein ganz anderes Bild. Da steht die Industrie weniger im Fokus. Kosovo hat eine sehr junge Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von circa 35 Jahren und die sind sehr digital unterwegs, sehr sprachbegabt. Nirgendwo sonst in der Region habe ich so viel Deutsch gehört wie auf den Straßen in Pristina. Da spielt dann eher die IT-Branche eine eine ganz herausragende Rolle. Vor allem für Softwarelösungen ist das natürlich ein super spannendes Land und selbst Deutschlands wertvollste Startup Celonis, die haben ja einen Marktwert von über 10 Milliarden US Dollar, selbst die haben schon ein Büro in Pristina. Und wenn man dann wieder zum Beispiel in die Industrie geht und sich die Automobilindustrie ansieht, dann findet man da ganz attraktive Optionen in der Region, zum Beispiel in Mazedonien und Serbien, wo richtige Cluster für die Zulieferindustrie entstanden sind, auch Bosnien Herzegowina. 

    Das klingt sehr vielfältig.

    Gaber: Also grundsätzlich ist die Palette ziemlich breit, die wir am Westbalkan sehen, also von kleinen Kunststoffkomponenten für den PKW, über Himbeeren bis hin zu hochkomplexen Sportdisplays oder ganzen Straßenbahnen. Ich glaube, dass in fast jedem PKW aus Deutschland auch Komponenten vom Westbalkan verbaut sind. Das sieht man jetzt über die letzten Jahre, dass der Technologiefokus zunimmt. Es gibt mittlerweile auch Online-Spiele. Wenn Sie gerne Online-Spiele spielen, dann besteht auch da die Möglichkeit, dass das Spiel tatsächlich hier in der Region entwickelt wurde. Ich habe das Thema Borddisplays angesprochen, hochkomplexe Produkte für die Automobilindustrie. Man merkt einfach diesen stärkeren Fokus auf technologiebasierter Produktion. Aber ganz grundsätzlich: Wenn man es umfasst, auch beim ungenutzten Potenzial, die Beschaffungsmöglichkeiten in einer Vielzahl von Branchen, Bereichen, Metallverarbeitung, Kunststoffverarbeitung, Holzverarbeitung, Bekleidungs- und Schuhindustrie, Autozulieferindustrie hatte ich ja erwähnt, aber tatsächlich auch in der Landwirtschaft und dem IT-Bereich. Und das muss man alles sehr, sehr breit auch denken. 

    Sie erwähnten vorhin Himbeeren. Die sind wirklich ein Exportschlager? 

    Gaber: Ja, das klingt, das klingt so banal mit dem mit dem Thema Himbeeren. Aber tatsächlich ist es so, dass wenn man in den Supermarkt geht, in Deutschland und Himbeeren kauft, vor allem jetzt, also die gefrorenen Himbeeren, dann ist die Wahrscheinlichkeit schon sehr, sehr groß, dass die Himbeeren irgendwo auf dem Westbalkan gepflückt wurden.

    Gibt es da noch mehr Überraschendes? 

    Gaber: Vielleicht noch so ein Produkt, das mir immer noch im Kopf geblieben ist, ist ein E-Bike. Es war eine Sonderanfertigung für den Fußballer Cristiano Ronaldo. Hergestellt in Bosnien Herzegowina. Auch für ein deutsches Unternehmen. Also auch eine Zulieferung. Und das hat mir dann auch noch mal so gezeigt, was alles möglich ist und wie groß eigentlich das Spektrum ist und wie weit man manche Bereiche denken muss, weil auch dieses bei uns, wenn man so sieht, also der Rahmen, ist ja im Prinzip Metallverarbeitung, nur dann vielleicht etwas anders gedacht.

    Tatsächlich gibt es sehr viele Hidden Champions, wenn man es vielleicht so nennen will, in der Region, wo man sich denkt: Was, das hier auf dem Westbalkan? Ich war vor zwei Jahren im Kosovo. Da steht eine der größten Matratzenfabriken der Welt. Ich war beeindruckt, nicht nur von der Größe, sondern dass dass im Unternehmen auch fast nur Maschinen und Anlagen made in Germany standen. Also dieses Zusammenspiel größte Fabrik und alles Made in Germany war schon sehr beeindruckend.

    Kann man das Interesse am Westbalkan auch an Zahlen ablesen?

    Gaber: [00:16:49] Können wir, klar, also die Betriebe in der Region, ich habe es erwähnt, sind mittlerweile gut in die Lieferketten der deutschen Betriebe integriert, auch in die Lieferketten der EU-Betriebe. Und zwar hat sich zum Beispiel der Handel zwischen der Region und Deutschland in den letzten sieben, acht Jahren verdoppelt, liegt bei mittlerweile über 16 Milliarden €. Die Region wickelt jetzt 14, 15 % ihres Außenhandels mit Deutschland ab, rund 60 % mit der EU. Und wir merken zunehmend, dass auch bei den Investitionen, die aus Deutschland kommen, der Westbalkan verstärkt im Fokus ist. Wir haben es mal ausgerechnet, das ist wirklich sehr konservativ gerechnet, dass deutsche Unternehmen rund 3,5 Milliarden € bislang in der Region investiert haben und wohl so um die 120.000 Arbeitsplätze geschaffen haben. 

    Wäre der Westbalkan vielleicht sogar eine Alternative zu China?

    Gaber: Das sollte man sich zuerst die Verhältnisse ansehen. Auf dem Westbalkan leben rund 18 Millionen Menschen. Also wenn wir jetzt alle Länder, alle sechs Länder zusammenrechnen. China ist rund 80 Mal größer. Und die Wirtschaftsleistung von China wahrscheinlich 150 Mal größer. Das sind ganz, ganz unterschiedliche Welten und und verschiedene, ja auch ganz andere Dimensionen. Das heißt, am Ende kommt es sehr darauf an, welches Produkt man beschaffen möchte und in welchen Mengen. Wenn jetzt ein international agierender Konzern kommt und sagt, er möchte seinen Einkauf auf den Westbalkan konzentrieren, dann muss man, glaube ich, ganz ehrlich sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt, ist sehr gering. Aber für den deutschen Mittelständler kann der Westbalkan absolut eine Option sein. Die Struktur der Unternehmen dort mit familien- und inhabergeführten Betrieben ist, würde ich sagen, sehr ähnlich unserer Struktur in Deutschland. Das kann dann gut funktionieren. Häufig sehen die Unternehmen den Westbalkan auch als Ergänzung zu China. Es heißt dann oft China plus eins, China plus One. Und der Westbalkan ergänzt dann in der Beschaffung. Er ist also nicht wirklich eine Alternative, aber eine Ergänzung. 

    Soweit also spannende Insider-Einblicke von Martin Gaber, Korrespondent für GTAI in Belgrad. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich lassen jetzt schon die Himbeeren nicht mehr los. Einen Dank also nach Belgrad. Ebenso bedanken wir uns bei Olaf Holzgrefe für das  Interview zur generellen Situation der Beschaffungsmärkte und die Herausforderungen für Einkäufer. 

    Das war der Weltmarkt-Podcast zum Thema Beschaffung - wie immer freuen wir uns über Ihr Feedback, Ihre Anregungen und Fragen. Unseren Kontakt finden Sie in den Shownotes. Hier noch der Hinweis: In unserer Folge vom März 2023 hatten wir uns bereits mit Beschaffungsmärkten von seltenen Erden beschäftigt. Und bei gtai.de finden Sie noch viel mehr zum Thema Lieferketten und Beschaffung.  Schon als Ausblick: Im Laufe des Jahres 2024 werden sich Expertinnnen und Experten von Germany Trade & Invest unter anderem ganz besonders mit dem Beschaffungsmarkt Indien beschäftigen. Herr Holzgrefe vom BME hatte ja ebenfalls auf die Bedeutung von Indien hingewiesen.

    Den nächsten Weltmarkt-Podcast gibt es Ende Februar: Wir nehmen den internationalen Frauentag zum Anlass, um mit Unternehmerinnen und Unternehmern zu sprechen, die zum Teil sehr schwierige Märkte erschließen ... 

    Bis dahin alles Gute - Ihr Team vom Weltmarkt-Podcast! 

  • Folge 14: Klimaschutz in der Industrie

    - Januar 2024 -

    Wie Industriebetriebe weltweit "grüner" werden.

    Die Industrie ist ein Hauptverursacher der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen. Darum ist sie ein ganz wichtiger Faktor beim Klimaschutz. Besonders die Sektoren Stahl, Zement und Chemie müssen „grüner“ werden.
    Was Unternehmen bereits weltweit in Sachen Klimaschutz tun, wo es Unterstützung und Fördergelder für deutsche Unternehmen gibt und wieso gerade Spanien den Wandel als Chance für sich erkannt hat, all das diskutieren wir in dieser Podcast-Folge von Weltmarkt.

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    Gäste in dieser Folge

    Marcus Knupp Marcus Knupp | © GTAI/Studio Prokopy

    Dr. Marcus Knupp

    berichtet seit 2003 für Germany Trade & Invest (GTAI) über Auslandsmärkte. Auslandseinsätze führten den Volkswirt unter anderem länger in die Türkei, nach Frankreich und ins südliche Afrika. In den vergangenen zwei Jahren stand das Thema Klimaschutz im Mittelpunkt seiner Arbeit. Zusammen mit erfahrenen GTAI-Korrespondentinnen und -Korrespondenten weltweit erstellte der Klimaschutzexperte 2023 bereits zum zweiten Mal den Klimaschutzatlas, über den er in dieser Podcast-Folge berichtet.  

     

    Portrait Thomas Stehr Portrait Thomas Stehr | © Thomas Stehr

    Thomas Stehr 

    lebt seit 30 Jahren in Spanien und ist selbstständiger Unternehmensvertreter für den Markt Spanien und Portugal. Sein Kernbereich sind Wasserstoffgasspeicher, seine Kunden sind die iberischen Energieproduzenten. Als Mitglied der Deutschen Handelskammer für Spanien und Portugal sowie der nationalen Wasserstoffgesellschaften beider Länder ist der Maschinenbauingenieur ein Kenner der dortigen Klimaschutz-Offensiven.

    E-Mail: thomas@stehr.es, Telefon: +34 646 700 130 

     

     

     

    Weiterführende Informationen

    GTAI-Sonderseite zur Dekarbonisierung der Wirtschaft

    GTAI-Klimaschutzatlas

    Länderseite Spanien

    Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien

    GTAI-Newsletter zum Thema Klimaschutz

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Alle wollen Klimaschutz, das ist internationaler Konsens. Nur wer wann wieviel dazu beiträgt, darüber streiten die Nationen, zuletzt auf dem Weltklimagipfel in Dubai. 

    Ein entscheidender Player in diesem globalen Unterfangen ist die Industrie. Sie verursacht ein Viertel der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen. Besonders Stahl, Zement, Chemie – diese Sektoren sind für einen Großteil der Emissionen verantwortlich. Sie sollen grün werden, forderte Bundeskanzler Olaf Scholz in Dubai. Und kündigte gleichzeitig an, was Deutschland selbst leisten will – und das nicht allein. 

    Zitat: Bundeskanzler Olaf Scholz

    Und EU-Kommisionspräsidentin Von der Leyen verspricht Gelder aus Brüssel: 

    “Wir machen 2,3 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt in den nächsten zwei Jahren frei, um die Energiewende in unserer Nachbarschaft und rund um den Globus zu unterstützen".

    Die Industrie könnte ein echter Gamechanger werden – beziehungsweise ohne ihren Beitrag wird es nichts mit der Energiewende und letztlich mit dem Klimaschutz. 

    Wie die Länder beim Klimaschutz vorankommen, was sie den Unternehmen vorschreiben und wo Deutschland hier steht, dass erläutert uns unser erster Gast heute, der Klima-Experte Marcus Knupp von Germany Trade & Invest. Er wird uns auch den Klimaschutzatlas erläutern, an dem er mitgearbeitet hat. Später schauen wir dann nach Spanien, eines der Länder, die früh die Chancen für sich in dieser Transformation erkannt haben. Und sprechen darüber mit dem selbständigen Berater Matthias Stehr – der sich auf erneuerbare Energien spezialisiert hat.  ...

    Stehr: „Spanien möchte sich als klimabewusstes Land verstehen und gleichzeitig sich zu einem bedeutenden Wasserstoffproduzenten für Mitteleuropa verwandeln.“ 

    Jetzt aber erst mal Herr Knupp. Können Sie uns kurz etwas über sich und Ihre Arbeit sagen?  

    Marcus Knupp: Mein Name ist Marcus Knupp. Ich arbeite bei GTAI im Bereich Afrika/Nahost und bin dort in Exportförderung tätig, habe aber seit 2022 als Projektleiter bei uns den Themenschwerpunkt Klimaschutz betreut.

    Welche Möglichkeiten hat die Industrie denn, um schädliche Emissionen zu verringern?

    Ich kann es ganz grob in drei Bereiche aufteilen. Also zunächst mal ist da die Energieversorgung. Industrie braucht viel Energie. Da kann man natürlich ansetzen bei der Energie selbst. Das heißt fossile Energieträger ersetzen durch erneuerbare Energien, durch Einsatz von Elektrizität. Damit eben gleich an der Quelle der Energieerzeugung die Treibhausgasemissionen senken. Und zum anderen vor allem in der Industrie selbst, bei den bei der ganzen Prozesskette von der Herstellung, Transport, Logistik usw, nämlich indem man die Energieeffizienz erhöht und damit eben auch Emissionen gar nicht entstehen lässt. Zweiter Ansatzpunkt wären die industriellen Prozesse selbst. Denn gerade in den genannten Branchen wie Stahl oder Zementherstellung entstehen viele der Emissionen durch den Prozess selbst.

    Haben Sie ein Beispiel?

    Beispiel Stahlindustrie Wenn Sie einen Hochofen sich vorstellen, da wird mithilfe von Kokskohle Eisenerz zu Roheisen verarbeitet. Konkret wird dem Eisenerz Sauerstoff entzogen, der dann zusammen mit dem Kohlenstoff aus der Kokskohle als CO2 entweicht. 

    Sie können die Kokskohle in einem anderen Prozess durch Wasserstoff ersetzen, wenn der Wasserstoff benutzt wird, um das Eisenerz zu Roheisen zu verarbeiten, das heißt ihm den Sauerstoff zu entziehen. Dann haben sie Wasserstoff und Sauerstoff. Kennen wir alle als H2O. Dann kommt Wasser raus.

    Und eine andere Strategie wäre, Alternativen zu nutzen. Wenn man jetzt mal was praktisch zu machen mehr mit Holz baut als mit Beton, dann braucht man weniger Zement und dann entsteht auch Gehen auch die Emissionen bei der Zementherstellung nicht in dem Maße. Dann entfällt der ganze Bereich Bergbau, Verarbeitung, Transport, der auch sehr emissionsintensiv sein kann.

    Der dritte Ansatz wäre, Rohstoffe entweder weniger Rohstoffe einzusetzen, zum Beispiel wenn dadurch sparsamere Verfahren oder durch Recycling Kreislaufwirtschaft, dass man Rohstoffe wieder nutzt.

    Was genau ist der Klimaschutzatlas, und was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse nach der Arbeit daran?

    Wir haben uns relativ ausführlich mit dem Umsteuern als solches in der gesamten Klimaschutzentwicklung beschäftigt, in dem wir im letzten Jahr einen Klimaschutzatlas aufgelegt haben, der über 30 Länder im Detail betrachtet, was dort der Stand der Dinge ist, was die Ziele sind, die man sich gesetzt hat, mit welchen Programmen, die umgesetzt werden sollen, was konkret vielleicht schon an Investitionsmitteln bereitgestellt ist, welche Gesetze es gibt und auf der anderen Seite, wie die Entwicklung in den wichtigen Branchen, also Energie, Verkehr, Industrie, Landwirtschaft, Gebäudesektor bisher aussieht.

    Das Interessante ist, dass es einerseits sehr viele verschiedene Strategien gibt, das heißt ganz konkrete Programme etwa wo genau festgelegt wird, welche Branche bis zu welchem Zeitpunkt wie viel Prozent Emissionen reduzieren soll. Das ist in der Form zum Beispiel in Frankreich zu sehen oder auch in Japan. Dann gibt es einfach generelle Vorgaben, die aber schon recht ambitioniert sind, die mit viel Geld unterlegt werden. Das kennen wir alle. Das bekannteste Beispiel ist der Inflation Reduction Act der USA. Da steht einfach viel Geld zur Verfügung und damit kann man erst mal loslegen.

    Und dann gibt es Länder, die halten sich da sehr zurück. Die bleiben sehr schwammig in ihren Zielen, weil sie entweder andere Schwerpunkte, Prioritäten haben, so wie Indien oder Indonesien, die sagen, sie wollen erstmal Industrialisierung und dann schauen sie weiter. Oder weil es die Politik eben nicht als Schwerpunkt ansieht, wie in Polen um ein europäisches Land nehmen. 

    Das Interessante ist, dass die Industrieunternehmen selbst weltweit sehr ähnliche Strategien verfolgen. Das heißt, wenn Sie sich die Stahlindustrie angucken, dann ist das sowohl in Deutschland als auch in China oder Japan oder auch in Indien oder in. Anderen europäischen Ländern das gleiche, dass man davon spricht, dieses eben erwähnte direkt Reduktionsverfahren mit Wasserstoff einzuführen.

    Das ist mein Stichwort - Wasserstoff.  Alle reden davon. Nur ist gerade der umweltfreundliche grüne Wasserstoff so schnell in den benötigten Mengen kaum zu bekommen. Und die Umrüstung der Industrie ist keineswegs leicht umsetzbar.

    Ja, da sind natürlich einige Hürden. Genau. Es ist. Es kostet Geld. Es ist erst mal eine Rieseninvestition, wenn man ein Stahlwerk umrüstet. Zum zweiten muss man natürlich Zugang haben zu dieser Technologie und zum Dritten Zugang zum Wasserstoff, den man dafür braucht. Das sind gleich mehrere Hürden, die zu überwinden sind. [21.6s]

    Was nicht einfach ist. Vieles ist also noch Zukunftsmusik. Wo gibt es denn erste konkrete Ansätze? 

    Die Industrie selbst hat an mehreren Standorten begonnen, damit die diese Umrüstung vorzunehmen, zum Beispiel in Deutschland. Es wird ThyssenKrupp dabei, einen seiner vier Hochöfen am Standort Duisburg umzurüsten. Das soll 2027 produktionsfähig sein. Auf der anderen Seite ist natürlich die Frage Woher kommt der Wasserstoff? Auch auf der Seite muss natürlich bis dahin die entsprechende Infrastruktur aufgebaut sein. Etwas fließen. An anderen Standorten wie beispielsweise in China, hat man auch schon begonnen. Da gibt es ein Unternehmen Baosteel  zum Beispiel. Die haben an einem Standort 2022 mit dem Umbau begonnen. Auch in Japan hat Kobe Steel mit derlei Investitionen angefangen. Das heißt, an verschiedenen Orten der Welt bewegt sich was, . Bisher gibt es Pilotanlagen, die natürlich in kleinerem Umfang zeigen, dass das funktioniert. Aber wenn man jetzt die Produktion selbst umstellen will, dann muss man natürlich ganz andere Investitionen stemmen. Das geht, denke ich, an den meisten Standorten nicht. Bisher nicht ohne Unterstützung.

    Im Vorgespräch erwähnten Sie aber, dass es durchaus einen Markt für grünen Stahl gibt. Warum das?

    Dadurch, dass es weltweite Anstrengungen zur Dekarbonisierung, das heißt so kohlenstoffarmen oder freien Produktion gibt, sind auch die Nachfrager interessiert an CO2 neutral produzierten Vorprodukte wie Stahl. Das heißt, auch die Automobilindustrie muss ja dekarbonisieren, das heißt, die brauchen klimaneutral produzierten Stahl und fragen den entsprechend nach.

    Wo bieten sich Chancen für deutschen Unternehmen bei diesem Technologie-Wandel? 

    Man braucht Messgeräte, man braucht Steuergeräte, man muss das Ganze durch in den Prozess integrieren, in die Anlagen. Man braucht entsprechend angepasste oder ganz andere Industrieanlagen. Dass unsere Maschinen und Anlagenbau gefragt und also an diesen Punkten, die praktisch an verschiedenen Stellen im Prozess angreifen, können wir durchaus ins Geschäft kommen.

    Wie und wo konkret? 

    In Südafrika gibt es ein Unternehmen, das heißt, dass es groß geworden mit der Kohle Verflüssigung und ist auch heute noch aktiv auf Basis von Kohle und Gas. Synthetische Kraftstoffe herzustellen ist der größte Einzel-Emittent von Treibhausgasen in Südafrika und plant zusammen mit einem deutschen Energieunternehmen Network und dem Technologieanbieter Linde eine Herstellung von synthetischem Flugbenzin auf Basis von Wasserstoff, den man mithilfe des Energieunternehmens eben auch mit Solarenergie herstellen möchte. 

    Wenn man Wasserstoff ohne Ende hätte. Und dieser Wasserstoff? Das ist ganz wichtig. Ein grüner Wasserstoff ist.

    Und wenn die Energie, die man verbraucht, wenn die jetzt auch auf Basis von elektrischem Strom, der mit erneuerbaren Energie gewonnen wird, basiert, dann kann man natürlich je nach Prozess aber doch fast die gesamten Emissionen abbauen. Das ist technisch möglich. Nur muss man eben an vielen Stellen ansetzen.

    Und die Deutschen mischen da also durchaus erfolgreich mit?

    Ich würde mal sagen, dass das Label Made in Germany und die Verbindung von Deutschland und deutschen Unternehmen mit guter und zuverlässiger Technologie, auch mit Umwelttechnologie auch Energieeinsparverfahren diese Verbindung ist noch da, aber die anderen Standorte, die Konkurrenten weltweit, die schlafen natürlich auch nicht. Die werden auch Technologien dafür anbieten. 

    Weltweit ist das natürlich ein wachsender Markt und von daher zunehmender Wettbewerb.

    Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, in dieser Ausgabe von Weltmarkt sprechen wir über den Klimaschutz in der Industrie und einer der Gäste ist Markus Knupp von Germany Trade & Invest, GTAI. Er hat an der Erstellung des Kilmaschutzatlas mitgewirkt. Der gibt deutschen Unternehmen einen Überblick über Chancen, die sich für sie weltweit in Sachen Klimaschutz ergeben. 

    Herr Knupp, welche Fragen werden denn da unter anderem beantwortet?

    Was ist denn eigentlich im Land XY, Was haben die denn für Gesetze? Ist das schon konkret oder ist das nur eine Absichtserklärung? Muss ich mich da jetzt dran halten? Muss ich bestimmte Grenzwerte einhalten? 

    Es gibt eben in jedem Land solche Mechanismen, die unterschiedlich gestaltet sind, also gerade in in weiter entfernt liegenden Ländern. In der EU gibt es immerhin noch die EU, die eben ähnliche Standards setzt. 

    Die Europäische Union fördert die Dekarbonisierung auch finanziell. Unternehmen können die Fördergelder  bis 2026 abrufen.  – Besonders aktiv scheinen da die Spanier zu sein, richtig? Sie haben sich das Land im Rahmen des Klimaschutzatlas ja genauer angeschaut. 

    Spanien ist ein interessanter Fall in Europa, insofern, dass es einen klimatischen Vorteil hat. Denn Spanien verfügt über viel Sonne, wie die meisten Urlauber, die dorthin fahren wahrscheinlich gut wissen und damit gute Voraussetzungen zur Herstellung von grünem Wasserstoff auf Basis von Solarenergie. Da gibt es auch schon Unternehmen, die damit begonnen haben. Also ein erstes Beispiel wäre jetzt aus der Düngemittelherstellung. Ist auch ein Bereich, der sehr viel Energie braucht und der vor allem mit Vorprodukten arbeitet wie Ammoniak, die sich aus Wasserstoff mit Wasserstoff gewinnen lassen durch Hinzufügen von Stickstoff. Und da gibt es ein Unternehmen, Fertiberia. Das hat an einem Standort eine eigene Produktion von grünem Wasserstoff aufgebaut, um mit diesem Wasserstoff das Ammoniak zu fertigen, mit dem man dann eben CO2 neutrale Düngemittel produzieren kann. Stahlunternehmen wären auch zu nennen in Spanien ArcelorMittal, das an seinem Standort in Gijon. Das ist im Nordwesten Spaniens ebenfalls daran arbeitet, eine Direktreduktion in dem eben genannten Verfahren aufzubauen. Das sind schon Produktionsprojekte, die halt über eine kleine Pilotanlage hinausgehen, sondern wirklich die Produktion selbst umstellen.

    Lieber Herr Knupp, vielen Dank für diesen Überblick. 

    Gleich schauen wir also nach Spanien. Unser Gast ist dann der Vertriebsingenieur Thomas Stehr, der das Land als spannenden Markt einschätzt - aber deutsche Unternehmen auch warnt:

    Davor aber ... 

    …der Klimaschutzatlas, Fördergelder und weitere wichtige Informationen für deutsche Unternehmen

    Für den Klimaschutzatlas haben Korrespondentinnen und Korrespondenten von  Germany Trade and Invest weltweite Klimaschutzziele- -programme und -gesetze sowie die wirtschaftliche  Relevanz in wichtigen Branchen wie Energie, Verkehr, Gebäude oder Landwirtschaft in 33 Ländern analysiert. Fokus der Neuauflage 2023 war die Dekarbonisierung der Industrie.  

    Auf der GTAI-Sonderseite “Dekarbonisierung der Wirtschaft” finden sich - neben dem Klimaschutzatlas - auch Berichte zu den Plänen für die Wasserstoffwirtschaft in zahlreichen Ländern sowie Einschätzungen von Unternehmen und Experten in der Interviewreihe Klimaschutz im Dialog.

    Eine übersichtliche Darstellung der Förderprogramme, die Industrieunternehmen in Deutschland nutzen können, bietet das Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI). Hier finden sich auch Darstellungen bereits laufender Pilotprojekte. Nicht vergessen sollte man auch die GTAI-Sonderseite zu “Klimafinanzierung”. 

     Mit Blick auf Spanien ist vor allem der neue Strategieplan zu nennen, mit dem die Regierung die Dekarbonisierung der Industrie unterstützt. Dafür stehen 3,1 Milliarden Euro aus dem Aufbau- und Resilienzplan bereit. Die Regierung will so Investitionen von insgesamt 11,8 Milliarden Euro anregen. Der Plan läuft noch bis 2026, wobei genehmigte Vorhaben noch danach abgeschlossen werden dürfen. 

    Den größten Posten bilden die Elektrifizierung industrieller Prozesse und der Einsatz von grünem Wasserstoff. Dafür stehen Kredite in Höhe von 1,5 Milliarden Euro und Subventionen von 800 Millionen Euro zur Verfügung.

     Die restlichen Gelder sind für Unternehmen bestimmt, die am europäischen Gemeinschaftsprojekt für Wasserstoff teilnehmen. Hinzu kommen Hilfen für Klimaschutzverträge sowie hocheffiziente nachhaltige Produktionseinrichtungen.

    Der Strategieplan zielt auf energieintensive Zweige wie die Keramik-, Zement- und Glasherstellung ab. Namentlich genannt sind auch die chemische Industrie und Raffinerien. Hinzu kommen unter anderem die Metallindustrie und Hersteller von Papier und Zellstoff. 

     Für ihre Maßnahmen benötigen die Unternehmen innovative Technologie, die nicht immer im eigenen Land zur Verfügung steht. So entstehen aus der Sicht der AHK Spanien vielfältige Absatzchancen für deutsche Technologieanbieter, zum Beispiel bei hybriden Energieerzeugungsanlagen, sektorgekoppelten Energiespeicherlösungen, Kraft-Wärme-Kopplung mit erneuerbaren Gasen, digitalen Lösungen zur Effizienzsteigerung und Anlagen für die Erzeugung, Verteilung und Anwendung von grünem Wasserstoff.

    Wie immer setzen wir Ihnen alle Links in die Shownotes.

    Werfen wir nun also einen Blick nach Spanien. Dort sprechen wir mit dem Vertriebsingenieur Thomas Stehr.  Hallo Herr Stehr, was machen Sie genau? 

    Ich bin selbstständig und arbeite in Spanien, auch in Portugal für zwei Unternehmen der Wasserstoffspeicher-Branche, die sich gegenseitig ergänzen. Es sind zum einen die Wystrach GmbH aus Weeze zugehörig zur Hexagon Gruppe, die fertigen Hochdruckspeicher Systeme von 200 bis 1000 bar und zum anderen Vako aus Kreuzthal, die fertigen Wasserstoffspeicher in KesselBauweise bis hin zu 330 bar.

    Meine Rolle ist im Endeffekt Ich bin die das Bindeglied der deutschen Industrie zu den Herstellern.

    Spanien gilt ja als Vorreiter im Bereich Wasserstoff. Seit wann haben die das Thema entdecken? 

    Der große Schwung mit Wasserstoff, der fing eigentlich erst während der Pandemie an. 

    Dann gab es im Mai 2020 den europäischen Rettungsfonds, um generell in Europa die Industrie wieder zu reanimieren und gleichzeitig auch Maßnahmen einzuführen, die im Bezug auf Klimaschutz ausgerichtet waren.

    Und das war sozusagen der Katalysator für die große Wasserstoffbewegung, die wir jetzt hier spüren.

    Warum gerade Spanien?

    Spanien kennt man oft von über Mallorca, über das Mittelmeer, über die Strände. Aber man darf nicht vergessen was für eine sehr große Industrie haben. Und wir haben vor allen Dingen auch, ähm, äh, viel Windenergie. Wir sind der fünftgrößte weltweite fünftgrößte Hersteller von Windenergie. Wir haben 27 Gigawatt an Windkraft hier in Spanien und wir haben ungefähr zehn Gigawatt bereits an Solarkraft Solarerzeugung in Spanien. Äh, das aus dem ganz einfachen Grunde, weil wir mehr als 2500 Sonnenstunden im Jahr haben in Spanien im Vergleich. Deutschland hat 1600 Sonnenstunden.

    Die Fördermittel, die wir jetzt Spanien zugesagt bekommen haben, waren ungefähr 66 Milliarden € für den Klimaschutz als als finanzielle Unterstützung plus weitere noch mal so 66 Milliarden als. Kredit als zusätzlichen Kredit und. Ja und durch diese Fördermaßnahmen, wenn erst mal die großen Unternehmen gefördert worden, um Projekte in Gang zu setzen, beispielsweise in Puertollano, das ist so zwei Stunden südlich von Madrid ein und ein ein Projekt, wo grüner Ammoniak hergestellt wird über grünen Wasserstoff von dem größten Stromerzeuger Spaniens über die Kohle. Gemeinsam mit dem Düngemittel Hersteller Fertiberia aus Spanien.

    Und wo kommen da deutsche Anbieter ins Spiel?

     Iberdrola als Spaniens größter Energieproduzent, stellte damit sozusagen den ersten Meilenstein in der Wasserstoff in der grünen Wasserstoffherstellung Spaniens. Also die Vako konkret fertigte sechs Druckbehälter, vertikale Druckbehälter, um sich mal eine Idee zu machen, so Durchmesser 2,8 Meter und 20 Meter hoch. Und darin wird der, was wir haben, sehr groß und darin wird dann der Wasserstoff unter 65 bar gespeichert.

    Das Projekt ist eines der ersten großen und wichtigen Prestigeobjekte für Spanien. Es zeigt nämlich auf, dass man tatsächlich grauen Wasserstoff durch grünen Wasserstoff ersetzen kann. Es wurde vor zwei Jahren eingeweiht und zur Einweihung kam auch der spanische König. 

    Wow, nicht schlecht.  Kurz zur Erklärung: Grauer Wasserstoff wird nicht mit Hilfe grüner Energie hergestellt – anders als grüner Wasserstoff. Zum Einsatz in der Anlage kommen deutsche und spanische Wasserstoffkessel – und die deutschen haben die Nase vorn, da sie schlicht besser funktionieren. Woran, meinen Sie, liegt das? 

    Wir sehen einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Spanien. Deutschland hatte in den Jahren vorher bereits angefangen, allerdings mit kleinen Anlagen. Das war sehr klug, denn an kleinen Anlagen lernt man erst mal, wie die einzelnen Komponenten zusammenspielen. Und das auch noch zu minimierten Risiken. Nein, das und gleiches läuft auch hier erst mal ab. Wir müssen klein anfangen, Erfahrungen sammeln und können erst dann skalieren, größer werden.

    Gibt es weitere Projekte in Spanien? 

    Spanien möchte sich zu einem bedeutenden Wasserstoffproduzenten für Mitteleuropa verwandeln. Die ersten Projekte doch sind beispielsweise Green Silent auf Mallorca. Da gibt es Wasserstofferzeugung und Wasserstoff Busbetriebe, aber eben auch das angesprochene Iberia Projekt in Puertollano südlich von Madrid. Und jetzt gerade nahm Petronor eigentlich eine Ravani Raffinerie, auch deren erste Elektrolyse in Betrieb. Weiter gibt es das städtische Busunternehmen in Barcelona, das bereits Wasserstoffbusse betreibt und und einige weitere.

    Nach dem ganz großen Durchbruch klingt das noch nicht. Vermutlich auch, weil grüner Wasserstoff noch sehr teuer ist. Richtig? 

    Im Moment ist der graue Wasserstoff noch deutlich günstiger, ungefähr viermal günstiger als der grüne Wasserstoff. Ne viermal günstiger und das ist eine Sache, die schlecht an den Endverbraucher weiterzugeben ist. Genau da müssen wir, brauchen wir noch ein paar Fördermittel und auch eine einen erhöhten, eine erhöhte CO2 Steuer. 

    Was sonst bremst den Ausbau?

    Der Knackpunkt ist im Endeffekt die Situation Wer fängt zuerst an? Fängt der Energieerzeuger zuerst an, Installationen zu erstellen, um grünen Wasserstoff anzubieten? Oder aber fangen die Kunden wie zum Beispiel deutsche Industriebetriebe, die den Grünen Wasserstoff benötigen, fangen diese an, sich gegenüber den beispielsweise spanischen Energieerzeugern zu kompromittieren. Eine bestimmte Menge Wasserstoff zu einem bestimmten Preis abzunehmen ist dieses die im Endeffekt die Geschichte von dem Ei und dem Huhn. Was ist zuerst?

    Wie steht es um die deutschen Unternehmen in diesem Bereich? Können sie punkten in Spanien? 

    Also es ist ein Türöffner, Made in Germany anzubieten. Aber es ist noch kein Garant dafür, um auch wirklich hier platziert zu sich sich hier platzieren zu können. Weil wie gesagt neben der Expertise sehr, sehr stark auf den Kapics auf den Einkaufspreis geschaut wird und leider noch wenig auf den Obexer, auf die Wartungskosten, auf die auf die Langlebigkeit eines Produktes. 

    Wasserstoff spielt in Spanien also eine große Rolle für die Klimaziele. Oder verfolgt Spanien noch andere Schwerpunkte? 

    Der Energiewandel, der betrifft alle Sparten. Und da haben wir hier eine zweite Sparte, die jetzt sehr stark im Kommen ist. Der ist das Biogas. Biomethan ist eine Sparte, die bereits seit zwei, zwei oder drei Jahrzehnten hier schon existiert, aber jetzt erst mal so richtig aufkommt. Denn wir müssen ganz ehrlich sagen Wasserstoff hat viele Vorteile, viele Vorzüge. Aber es kommt auch immer auf den Anwendungsfall an, das heißt, es gibt in vielen Bereichen auch Lösungen, wo Biogas, Biomethan gleichermaßen gut angewandt werden kann. Selbst wenn es keinen absolut. Neutralen Fußabdruck CO2 Fußabdruck hat, ist es aber schon eine dem Ziel entgegenkommende Lösung. Wir haben in Spanien beispielsweise die zweitgrößte Schweineproduktion Europas nach Deutschland. Entsprechend wird Vieh gibt es viele Gülle für Gülle hier und es gibt da auch viele Anstrengungen, Anstrengungen bereits die Gülle in Biogas und daraus dann Biomethan umzuwandeln. So sämtliche sämtliche Spieler, deutsche Spieler in erneuerbarer Energie sind hier wirklich gut aufgehoben. Wegen deren Expertise. In. Mit Biogas. Ja, wir haben beispielsweise. Beispielsweise haben wir hier in Deutschland sehr gute Unternehmen für BHKW, BHKW, die mit Biogas arbeiten, Biogas verbrennen und damit Energie, also Wärmeenergie, Strom, Energie. Das sind Blockheizkraftwerke, Blockheizkraftwerke, Entschuldigung, Blockheizkraftwerke, die Strom herstellen auf Bedarf und gleichzeitig auch Wärme.

    Wo sind da Anwendungsbereiche? 

    Spanien ist ein großflächiges Land, hat ungefähr die Hälfte. Es ist anderthalbmal so groß wie Deutschland, hat aber nur die Hälfte der Einwohner. Das heißt, wir haben hier viel Landfläche, wie Sie sagten es eben schon viel Schweinezucht. Und folglich, wenn man in der Schweinezucht, äh weit verteilte Schweine Farmen hat, um Schweinezucht betrieben. Hat, dann kann man dort ideal Biogas herstellen, um mit dem Biogas auch die Traktoren und andere Vehikel in den jeweiligen Dörfern zu betreiben. Dafür braucht man keinen Wasserstoff. Wasserstoff kann in diesem Fall da preislich nicht sinnvoll angewandt werden.Muss man ganz ehrlich sagen. 

    Andererseits Wasserstoff wiederum bietet sich an. Um in großen Städten Transportsysteme wie Autobusse zu betreiben. Oder aber auch natürlich um Spanien als europäischen Lieferanten für die deutsche Industrie. Als Wasserstofflieferanten zu etablieren.

    Wie steht es um die Pläne, Wasserstoff von Spanien nach Deutschland zu liefern?

    Vor zwei Wochen und ist bereits ein Abkommen unterzeichnet worden, in dem Portugal, Spanien, Frankreich und Deutschland ein Memorandum of Understanding unterzeichnet haben, sodass gemeinsam. Der Angriff einer Pipeline durchs Mittelmeer bis von Barcelona nach Marseille hin geplant wird, um darin später einmal grün Wasserstoff zu liefern. Ja von Frankreich aus über bestehende Pipelines, die es dort bereits gibt.Und dann von Frankreich aus über Land weiter bis nach Deutschland. 

    Wie funktioniert denn die deutsch-spanische Zusammenarbeit bei solchen Projekten?

    Die Mentalitäten verstehen sich sehr gut miteinander. Auch industriell gesehen verstehen sich Deutsche und Spanier sehr gut miteinander und können sich sehr gut ergänzen. 

    Ein sehr schönes Beispiel war die seinerzeit sehr gute Beziehung zwischen den damaligen Politiker Helmut Kohl CDU und dem seinerzeitigen spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzalez von der hiesigen SPD, die sich wirklich unabhängig von deren politischer Gesinnung sehr gut miteinander verstanden.

    Und so muss man auch eigentlich generell die Situation zwischen Spanien und Deutschland sehen. 

    Die Spanier verfügen über sehr gut ausgebildete Akademiker.

    Die könnten die dann den deutschen Lieferanten mitunter mehr fragen, als der deutsche Lieferant zu wissen in der Lage zu beantworten in der Lage ist. 

    Die technischen Fragen, die können schon sehr, sehr in die Tiefe gehen von den spanischen Kunden. Und ja, und da muss man als deutscher Lieferant auch in der Lage sein, sich wirklich dieser Herausforderung zu stellen. Aus ausgiebig und mit Ausdauer. 

    Ein guter Rat in diesen stürmischen Zeiten – nicht nur in Spanien! 

    Wir bedanken uns bei Herrn Knupp und Herrn Stehr für ihre Einblicke in den Klimaschutz – global und auf den Vorreiter Spanien bezogen. 

    Hoffentlich haben Sie in dieser Ausgabe von Weltmarkt, dem Podcast der deutschen Außenwirtschaft - eine Anregung bekommen, was für Chancen in der Dekarbonisierung stecken. Ganz sicher lohnt ein Blick in den Klimaschutzatlas. Den Link dazu finden Sie wie immer in den Shownotes. 

    Wir freuen uns über Ihr Feedback, Anregungen und Fragen. Wir sind gerne für Sie da – auch online unter www.gtai.de

    In der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit dem für deutsche Unternehmen immer wichtiger werdenden Thema Beschaffung. Dabei werfen wir einen besonderen Blick auf Beschaffungsmärkte vor unserer Haustür, nämlich auf dem Balkan. Die Region entwickelt sich in etlichen Bereichen zu einer interessanten Alternative zu China. Und ist im Vergleich nur einen Katzensprung entfernt. 

    Wie immer gilt: Reinhören lohnt sich!

     

     

     

  • Folge 13: Automobilindustrie in Afrika

    - Dezember 2023 -

    Noch ist Afrika für die Autoindustrie ein sehr kleiner Markt. Aber in Marokko und Südafrika tut sich einiges. Gerade für Zulieferer könnten auch andere Länder interessant sein.

    Afrika spielt für die internationale Autoindustrie bisher kaum eine Rolle. Zu wenig Neufahrzeuge werden auf dem Kontinent verkauft. Noch weniger werden vor Ort produziert. Warum gerade für Zulieferer sich ein Blick Richtung Marokko oder Südafrika lohnen kann, das diskutieren wir in dieser Folge ausführlich mit drei Afrika-Expertinnen und -Experten.

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    Gäste in dieser Folge

     

    Portrait Tamlyn Shimizu Portrait Tamlyn Shimizu | © Tamlyn Shimizu

    Friedemann Faerber

    ist seit Anfang 2018 alleiniger Geschäftsführer von SCS – Stahlschmidt Cable Systems mit Hauptsitz in Bad Berleburg. 

    SCS ist ein führender Hersteller von Bowdenzügen für die Autoindustrie und sonstige Anwendungsbereiche und produziert in China sowie neuerdings auch in Marokko. Zuvor war der studierte Maschinenbauer unter anderem bei Robert Bosch in Stuttgart tätig.

     

     

     

     

    Portrait Tamlyn Shimizu Portrait Tamlyn Shimizu | © Tamlyn Shimizu

    Martina Biene

    ist seit einem Jahr Vorsitzende und Geschäftsführerin der Volkswagen Group South Africa. 

    Die Afrika-Chefin von VW verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Automobilbranche und bekleidete verschiedene Führungspositionen in der VW-Zentrale in Wolfsburg im Bereich Golf, Klein- und Kompaktfahrzeuge und im Produktmarketing. Bereits 2018 verbrachte die Managerin anderthalb Jahre für VW in Südafrika.

     

     

     

    Portrait Tamlyn Shimizu Portrait Tamlyn Shimizu | © Tamlyn Shimizu

    Anja Slany

    ist seit 2019 bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (kurz: UNCTAD) in Genf als Economic Affairs Officer in der Afrika-Sektion tätig.

    Frau Slany‘s Berufserfahrung umfasst Stationen bei der Wirtschaftsberatung Ernst & Young, zudem war sie Forschungsberaterin bei der Weltbank in Washington DC und arbeitete in der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika in Addis Abeba. 2018 promovierte sie an der Ruhr-Universität Bochum im Bereich Internationale Wirtschaft.

     

     

     

    Weiterführende Informationen

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Sprecher: Wenn Autokonzerne ihr Jahresergebnis vorstellen, dann hören wir Sätze wie: „China schwächelt“, „der europäische Absatz zeigt sich robust“ oder „das Amerika-Geschäft zieht an“. Was garantiert nicht vorkommt, ist „Afrika“. Der Kontinent spielt für die internationale Autoindustrie kaum eine Rolle. Zu wenig Neufahrzeuge werden verkauft. Noch weniger werden vor Ort produziert. Es gibt auf dem Kontinent kaum Autofabriken, die diesen Namen verdienen. Und eine Industrie zur Herstellung von Kfz-Teilen, , ist auch nur in Ansätzen vorhanden.

    Das alles beginnt sich allerdings zu ändern. Zu den Chancen und Herausforderungen befragen wir in dieser Folge drei Afrika-Experten: 

    Wir sprechen mit der Afrika-Chefin von VW, Martina Biene:

    Martina Biene: Ich suche für mein vollständiges Afrika-Bild noch einen nordafrikanischen Standort. Und im Moment interessiert uns Ägypten als möglicher Produktionsstandort am meisten, weil auch da die Regierung einen sehr starken politischen Willen gerade hat, Industrie anzusiedeln und Industrie zu fördern. Haben gute Bedingungen, haben jetzt auch schon viele unserer Lieferanten, mit denen wir in Volkswagen global zusammenarbeiten.

    Sprecher: …. mit Friedemann Faerber vom Autozulieferer SCS Stahlschmidt:

    Friedemann Faerber: Bei uns arbeiten sogar sehr viele Marokkanerinnen und Marokkaner. Marokko ist auch ein muslimisches Land, aber sehr, sehr offen. Also da ich glaube, wir haben sogar einen Anteil von Mitarbeitern über 50% vor Ort. Und das funktioniert wunderbar.

    Sprecher: …und mit der Handelsexpertin Anja Slany:

    Anja Slany: Was ein größerer Hinderungsgrund ist, ist auch die gering Finanzierungsmöglichkeit, also die hohen Zinsen, die man hat, die man auch beim Kauf eines Gebrauchtwagens zahlen muss. Beispielsweise in Ghana sind das bis zu 30%. Und das führt eben auch dazu, dass es nur 5% von neuen Autokäufen über Banken finanziert werden.

    Sprecher: Ein Land, das in Fachkreisen für Furore sorgt, ist Marokko. Von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt, hat sich das nordafrikanische Land zum Produzenten von Kraftfahrzeugen und vor allem von Kfz-Teilen entwickelt. Auch deutsche Unternehmen investieren. Eines davon ist SCS. Wir sprechen mit dem Geschäftsführer Friedemann Faerber zunächst darüber, was sie herstellen.

    Friedemann Faerber: Wir stellen Bowdenzüge her. Bowdenzüge kennt man vom Fahrrad ist der Bremszug beispielsweise oder auch die Gangschaltung, hat aber auch und dort sind wir aktiv in Automotive sehr viele Anwendungen. Wenn man da beispielsweise an die Rückbank denkt, die man umklappen kann,da zieht man an einem Hebel, denn dann fällt die Rückbank um oder man öffnet die Tür. Das ist ein Zug dahinter. oder die Motorhaube. Tankdeckel. Also alle mechanisch beweglichen Funktionen. Da kommen auch im Auto die Bowdenzüge vor. Und wir sind da seit langer Zeit einer der führenden Ausstatter.

    Sprecher: Einer ihrer Auslandsstandorte ist Marokko. Warum das?

    Friedemann Faerber: Wir haben zu Beginn dieses Projektes natürlich verschiedene Länder angeschaut. Neben den reinen Kostengesichtspunkten war uns auch das Thema der politischen Stabilität sehr wichtig. Also die Kunden, die achten schon drauf, dass der Standort, aus dem sie beliefert werden, eine gewisse Sicherheit birgt. Deshalb auch das Thema politische Sicherheit. Wir haben auch als SCS Group einen weiteren Standort in China, sodass wir nicht auf einen einzelnen Standort angewiesen sind, wenn sich irgendwas negativ entwickeln sollte.

    Sprecher: Wann sind Sie nach Marokko gegangen und wie sind Sie dort aufgestellt?

    Friedemann FaerberAlso wir hatten tatsächlich im Herbst 2020 die Entscheidung getroffen, Marokko als neuen Standort zu wählen. Wir haben dann im Dezember die Investition auch offiziell gestartet. Das erste Beeindruckende für mich war, dass bereits sechs Monate später die erste Phase der Fabrik stand. 9000 Quadratmeter inklusive Verwaltungsgebäude und mittlerweile seit Beginn 23, ist die gesamte Fläche fertiggestellt mit 20.000 Quadratmeter. und circa die Hälfte davon ist jetzt auch schon mit Maschinen und Anlagen bestückt, aus denen wir Serie produzieren. 

    Sprecher: Und wie viele Beschäftigte haben sie dort?

    Friedemann FaerberJetzt beschäftigen wir aktuell etwas mehr wie 500 Personen. Unsere Zielgröße, wenn wir alles umgesetzt haben, werden um die 1000 Personen sein am Ort und wir produzieren komplette Bowdensysteme also mit Anbauteile mit Basis für Fertigung, so dass tatsächlich die komplette Produktion dann vor Ort stattfindet.

    Sprecher: Ist Marokko damit ein wichtiger Standort für SCS? 

    Friedemann FaerberDie SCS hat weltweit momentan etwas mehr als 1600 Mitarbeiter. Und , es wird dann künftig so sein, dass die Mehrheit der Mitarbeiter dann in Marokko angesiedelt ist. Der zweitgrößte Standort ist dann in China. Und die beiden übrigen Standorte. Es ist zum einen Kanada und zum anderen Deutschland sind dann eher die Verwaltungs- und Logistik-Standorte.

    Sprecher: Und der Jahresumsatz der Gruppe…?

    Friedemann FaerberDer liegt bei circa 60 Millionen Euro.

    Sprecher: Sie sagten im Vorgespräch, dass der Hauptgrund für eine Umsiedlung nach Marokko für SCS die niedrigen Löhne waren.

    Friedemann FaerberAlso das Lohnniveau in Marokko ist ein für uns entscheidender Faktor oder besser gesagt die Herstellungskosten da gehört auch einiges andere noch dazu. Und wenn ich jetzt nur mal einen Arbeiter in Marokko mit einem Polen vergleiche? Oder Osteuropa. Allgemein kann man sagen, das ist ungefähr 1/5. 

    Sprecher: Sind die Personalkosten denn so entscheidend für SCS?

    Friedemann FaerberEin Bowden-Zug ist ein Teil, das sich sehr, sehr schwer automatisiert herstellen lässt. Das heißt, der Bowdenzug selber, das Kabel, ist ja nicht das Produkt, das wir an unsere Kunden liefern, sondern wir liefern komplette Systeme. Das heißt, es ist dann sehr viel Montageaufwand notwendig, um Befestigungen oder Dämm-Einheiten an das Produkt anzubinden. Für eine relativ geringe UmsatzGröße muss ich schon eine sehr hohe Anzahl an Personen einstellen. Also das Thema Personalkosten ist bei uns erfolgsentscheidend. Deshalb finden sich unsere Wettbewerber meistens in Asien. Lange Zeit in Osteuropa. 

    Dort waren wir auch mit zwei Werken in Polen und Ungarn seit Anfang dieses Jahrtausends tätig, wobei auch dort von Jahr zu Jahr die Personalkosten so stark gestiegen sind und gleichzeitig der Marktpreis für unsere Produkte immer weiter abgesunken ist, dass wir vor der Frage standen, wie wir uns aufstellen, damit wir auch nachhaltig wettbewerbsfähig diese Produkte anbieten können.

    Sprecher: Die Konsequenz war, dort die Werke zu schließen und das in Marokko zu eröffnen. Und wohin gehen die Bowdenzüge von dort aus?

    Friedemann FaerberIm Standort in Marokko produzieren wir sowohl für den europäischen als auch nordamerikanischen Markt. Zusätzlich haben wir aber auch Kunden in Mexiko. Das lokale Geschäft ist bei uns momentan wahrscheinlich unter 10 % noch der Tatsache geschuldet, dass man jetzt gerade mal zwei Jahre vor Ort sind.

    Sprecher: Zehn Prozent sind nicht viel. Wie sind die Aussichten?

    Friedemann FaerberTatsächlich spielt der afrikanische Markt und auch spezifisch Marokko eine immer größere Rolle. Nicht unbedingt, weil unsere Endkunden, Sprich die Automobil-Hersteller sind,da gibt es zwei sehr große PSA und Renault, die in Marokko bereits sehr, sehr große Investitionen haben.

    Viel mehr für uns ist aber tatsächlich die sogenannte TIER1-supply, also die zwischen uns und den Endkunden stehenden Zulieferer wichtig. Diese Zulieferer, die sind schon großenteils in Marokko angesiedelt, so dass es einen durchaus nennenswerten Umsatz auch direkt inländisch geben kann. 

    Wir haben auch sehr rege Kontakte bereits zu den verschiedenen Firmen, die teilweise sogar in der Nachbarschaft sind, so dass da richtige Cluster entstehen und wir da durchaus sehr viel Potenzial sehen.

    Sprecher: Also, SCS setzt voll auf Marokko. Jetzt wechseln wir den Gesprächspartner und hören, was Martina Biene sagt. Sie sitzt am anderen Ende des Kontinents in Südafrika - und auch am anderen Ende der Wertschöpfungskette in der Automobilindustrie – bei Volkswagen

    Martina Biene: Ich bin jetzt seit 23 Jahren bei Volkswagen. Zum zweiten Mal in Südafrika. Ich war schon mal in Südafrika in anderer Funktion. Von 2018 bis 2020 habe ich die Marke Volkswagen PKW geleitet im Verkauf und Marketing After Sales. Und jetzt bin ich seit November letzten Jahres, also bald ein Jahr, im Managing Director für Volkswagen Group Südafrika. Und wir steuern auch das gesamte Afrika Geschäft von hier.

    Sprecher: Volkswagen ist ja bei weitem kein Neuling in Südafrika. Seit 72 ist das Unternehmen vor Ort. Welche Fahrzeuge werden in Südafrika momentan gebaut?

    Martina Biene: Wir haben hier ein Werk, eins von 117 Werk Werken in der Volkswagen Gruppe und wir bauen hier zwei Modelle Den Polo. Den Polo bauen wir für den lokalen Markt und auch für Exporte vorrangig nach Europa. Und wir bauen hier noch den Polo Vivo. Das ist die vorherige Generation des Polo und die bei mir schwerpunktmäßig für den lokalen Markt in Südafrika, es ist das einzige richtig große vollständige CKD-Werk, wie wir das nennen.

    Unsere Maximal-Kapazität pro Jahr liegt bei 171 000 Fahrzeugen, die sich auf die zwei Modelle verteilen und ungefähr 30.000 Vivo oder maximal 30.000 Vivo im Jahr können wir machen, und dann dementsprechend die Resultante, was muss ich jetzt rechnen, 141.000 Polo. Damit sind wir eines der kleineren Volkswagen-Werke. Zum Vergleich: Insgesamt hat der VW-Konzern 2022 8,3 Millionen Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert. - Für VW ist Afrika also noch ein ziemlich kleiner Markt. Auf der anderen Seite ist VW einer der größten Autohersteller in Afrika.

    Sprecher: Die Handelsexpertin Anja Slany ist seit vier Jahren bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung tätig, abgekürzt UNKTAD. Im vergangenen Jahr arbeitete sie dort mit an einer Studie zur Automobilindustrie in Afrika. Zwei Länder stechen als Produktionsstandorte besonders heraus. 

    Anja Slany: Also wir haben vor allem Südafrika und Marokko, das sind ja mit Abstand die führenden Länder in Afrika, die Fahrzeuge herstellen. Südafrika mit circa 630.000 und Marokko mit 403.000 produzierten Fahrzeugen. Und es sind schon ungefähr 97 % der gesamten Produktion auf dem Kontinent. Beide Länder haben einen sehr großen Anteil an das nennt man completely built up-Fahrzeug. Das bedeutet, dass die Fahrzeuge vollständig im Land gefertigt werden und dadurch erreicht man eine recht hohe lokale Wertschöpfung von 40 % in Südafrika und 60 % in Marokko. 

    Dann haben wir neben Südafrika und Marokko auch noch andere Länder, die Fahrzeuge herstellen, jedoch in sehr kleinen, sehr kleiner Quantität über Ägypten, Algerien. Auch in Ghana, Kenia, Äthiopien und Nigeria.

    Sprecher: Warum gehen die Kfz-Hersteller nach Südafrika und Marokko?

    Anja Slany: In Südafrika hat es damit begonnen, dass man den nationalen Markt von Südafrika bedienen wollte, aber dann später vor allem auch durch Exportanreize sich mehr in den an den Export orientiert hat. Und von Südafrika werden zum Beispiel auch Nachbarländer bedient. Es ist vor allem im südlichen Afrika, weil eben auch die Transportkosten von Südafrika in andere afrikanische Länder sehr hoch sind.

    Sprecher: Und wie ist es mit Marokko?

    Anja Slany: Wir hatten 2010 in Marokko ungefähr 42.000 Einheiten, die hergestellt wurden als Fahrzeug Einheiten und in 2019 403.000. Also da sieht man den massiven Anstieg und das hat begonnen 2012 mit dem ersten completely built-up-Werk, also wirklich mit einer sehr hohen Quantität an Fahrzeugen, in der Tanger-Zone eröffnet wurde von Renault und damit begann auch so ein bisschen, weil diese ganze Automobilindustrie vermehrt Zulieferer sich anzusiedeln.

    Sprecher: Was treibt die Produktion in Marokko an?

    Anja Slany: In Marokko ist es vor allem der Export nach Europa. Da hat man zum Beispiel ein interessantes Beispiel, dass der Citroen AMI an einen 2022 eines der meistverkauften Autos in Spanien war. Also da ist wirklich die Nähe von Marokko zu Europa ein wichtiger Punkt für die Export Tätigkeit. [00:13:51][21.8]

    Sprecher: Wie groß ist denn insgesamt die Nachfrage nach Kraftfahrzeugen in Afrika?

    Anja Slany: Also im Moment ist der Markt noch relativ klein. Also jetzt, da haben wir schätzungsweise 2021 Registrierungen von Neuwagen gehabt, die dann bei 1,1 Millionen Afrika, wenn man das mal vergleicht, der in Europa hat man 17 Millionen gehabt, in Asien 43 Millionen.

    Sprecher: Einer der Gründe dafür ist die eher geringe Kaufkraft in Afrika. Und, das sagten Sie im Vorgespräch, die hohen Zinsen für einen Kredit beim Autokauf. 

    Anja Slany: Beispielsweise in Ghana sind das bis zu 30 %. Und das führt eben auch dazu, dass es nur 5 % von neuen Autokäufen über Banken finanziert werden. Und da gibt es auch Initiativen, dass die Finanzierungsmöglichkeiten verbessert werden, in Ghana, ein vehicle financing scheme und das soll natürlich dazu führen, dass dann die Kaufkraft in dem Sinne und auch die Nachfrage nach Neuwagen gesteigert werden kann.

    Und außerdem haben wir auch einen relativ kleinen Markt an Neuwagen aufgrund des hohen Anteils an Gebrauchtwagen, die nach Afrika importiert exportiert werden. Und da sind schätzungsweise ungefähr 85 % der Fahrzeugflotte in Afrika,

    Sprecher:  Und wie wird sich der Markt entwickeln?

    Anja Slany: Die Schätzung für 2030 etwa 10 Millionen ist an neuen Registrierungen. Da sieht man natürlich: Im Vergleich zu Europa und Asien ist es immer noch relativ gering ist. Aber auch da durch Bevölkerungs-, Wirtschaftswachstum, durch Infrastrukturinvestitionen kann man erwarten, dass auch diese Zahl nach 2030 deutlich steigen wird.

    Sprecher: Kommen wir zurück zu VW. Volkswagen hahat neben der einen Voll-Fabrik in Südafrika auch kleinere Standorte in Afrika. Was sind das für Werke, Frau Biene?

    Martina Biene: Wir haben angefangen mit drei weiteren Montagewerken jetzt in Afrika. Montage ist immer die erste Stufe, so haben wir auch zum Beispiel in unser Volkswagen Geschäft in China hat auch mit einem Montage Werk angefangen haben, angefangen mit drei Montage Werken jetzt in Afrika. Das eine ist in Ruanda mit unserem Partner CFAO, das andere ist in Kenia auch mit dem gleichen Partner . Und dann haben wir ein eigenes Montage Werk in Ghana gerade jetzt eröffnet. Das hatten wir, haben wir erst mit dem Partner gestartet und im März diesen Jahres haben wir es jetzt als Volkswagen selber übernommen.

    Mit Zusammenschrauben fängt man immer erst mal an, wenn man Automobilindustrie macht und wenn es irgendwann mal mehr. Mehr. Neuwagen Bedarf gibt und wir mehr Neuwagen bauen können, dann kann man auch über erste Lokalisierung und über weitere Elemente der Produktion nachdenken.

    Sprecher: Was ist mit anderen afrikanischen Ländern - zum Beispiel mit Nigeria?

    Martina Biene:  Nigeria ist vom Absatz her wichtig und auch vom Bevölkerungswachstum und von der Prognose des Wachstums. Was uns in Nigeria hindert, ist das bis vor kurzem völlige Fehlen einer Automotive Policy und vor allen Dingen ein nahezu nicht existenter Neuwagen Markt, sondern eben ein wahnsinnig großer Markt von Grauimporten, von Gebrauchtwagen. 

    Diese große Gebrauchtwagen Import-Schwemme würde ich sagen, ist in Nigeria besonders groß. Das führt natürlich erst mal dazu, dass der Neuwagen Absatzmarkt überschaubar klein ist.  

    Sprecher: Und da sieht es Südafrika anders aus? Was macht das Land aus Ihrer Sicht besser?

    Martina Biene: Das ist auch eines der Erfolgsrezepte von Südafrika, die eine sehr gute automobile Politik gemacht haben. Und dazu gehörte unter anderem auch ein Bann von Importen von Gebrauchtwagen, sondern lieber einen eigenen Gebrauchtwagenmarkt zu schaffen. 

    Sprecher: Wo sind denn die politischen Rahmenbedingungen besonders gut für eine Ansiedelung?

    Martina Biene: Ich suche noch für mein, für mein vollständiges Afrika Bild noch nordafrikanischen Standort. Und im Moment interessiert uns Ägypten als möglicher Produktionsstandort am meisten, weil auch da die Regierung einen sehr starken politischen Willen gerade hat, Industrie anzusiedeln und Industrie zu fördern. Haben gute Bedingungen, haben jetzt auch schon viele unserer Lieferanten, mit denen wir in Volkswagen global zusammenarbeiten. Wir haben mit einem großen Hafen in Port Said und East ??Port Said sind sozusagen gut ausgestattet, auch für die Automobilindustrie, unter anderem der Neuwagen Markt in Ägypten ist momentan der drittgrößte in Afrika. Also auch erst mal vom lokalen Potenzial nicht schlecht.

    Sprecher: Bis der Neuwagenmarkt in Afrika richtig ins Rollen kommt, muss aber noch viel passieren. Ein großes – ungelöstes - Thema in Afrika ist der Kraftstoff. In vielen Ländern wird EU3-Kraftstoff benutzt.  Ein Problem – nicht nur für VW. 

    Martina Biene: Das heißt, wir haben in der Regel ein sehr hohen Mangan Anteil, eine geringere Anzahl und das verhindert bei uns und bei vielen anderen Automobilherstellern eher, dass Fahrzeuge mit neuerer Technologie in die Länder gebracht werden und dementsprechend die vorhandenen Fahrzeuge sehr viel hohe im EU hohe höhere Emissionen haben, CO2 aber auch NOX Emissionen haben.

    Sprecher: Wo wir schon über den CO2-Ausstoß sprechen: Kommen wir zum Thema Elektrofahrzeuge. Wie sieht es da in Afrika aus, spielen die überhaupt eine Rolle?

    Martina Biene: Wir verkaufen in Afrika Elektrofahrzeuge. Wir produzieren in Afrika keine Elektrofahrzeuge. Dafür brauche ich eine kritische Masse von 50 bis 60.000, bevor ich irgendwo lokalisieren kann. Also Ruanda ist einer der wenigen afrikanischen Länder, zum Beispiel schon mit einer Elektrofahrzeug-Politik oder einer Unterstützung für Elektrofahrzeuge.

    Sprecher: Was tut sich in anderen Ländern?

    Martina Biene: Äthiopien hat eine Elektrofahrzeug Policy an Start gebracht. Ägypten hat auch eine Elektrofahrzeug Förderung. Südafrika ringt um eine Policy. Dass es so lange dauert, ist sehr zu unserem Ärgernis. Von Nigeria habe ich noch nichts gehört.

    Sprecher: Interessant könnte es ja sein, regionale Pläne zu entwickeln, damit man einen größeren Markt bedienen kann. Laut Frau Biene kann sich VW so etwas durchaus vorstellen.

    Martina Biene: Dann ist im Moment sozusagen die Überlegung Ghana macht PKWs und Pickups, Elfenbeinküste macht Trucks und Busse, Senegal kommt jetzt auch, also Senegal könnte vielleicht Two-Wheelers machen, dass man tatsächlich mit den Ländern und das ist nicht wir als einzelner Hersteller, sondern wirklich der Automobil Verband für Afrika. Also halt gucken, wer kann was dazu beitragen.

    Sprecher: Allerdings gibt es Hindernisse, die solchen regionalen Verbünden entgegenstehen – meint Handelsexpertin Slany.

    Anja Slany: Es sind im Moment noch zum Teil Zölle und andere Barrieren. Die müssen erstmal aufgehoben werden, damit es einfacher ist. Ware, also insbesondere Autos regional zu handeln, weil erst dann, wenn man wirklich regional auch LKW PKW exportieren kann, lohnt sich das als Absatzmarkt.

    Sprecher: Genau zu diesem Zwecke hat die Afrikanische Union eine Freihandelszone. auf den Weg gebracht, die die innerafrikanischen Zölle künftig aufheben soll. Eine Chance für neue Märkte.

    Anja Slany: Was in der Zukunft sicherlich dann auch Ghana oder auch Nigeria und w Kenia zu einem interessanten Standort für OEMs machen wird, ist die regionale Integration, insbesondere im Moment durch die afrikanische Freihandelszone, die implementiert wird, die einen größeren Markt eröffnet für OEMs, wodurch man dann Autos günstiger zollfrei auch in Nachbarländer exportieren kann. Und man hat es darf man auch nicht unterschätzen. Das haben wir in unserer Studie ja auch analysiert. Man hat Zugriff zu wertvollen Rohstoffen, die für den Automobilmarkt enorm wichtig sind.

    Sprecher: Alle Hoffnung also liegt auf der Freihandelszone. Hier ein Überblick dazu, bevor wir gleich noch mal die Pros und Kontras für Marokko und Südafrika aus Sicht der Autohersteller und Zulieferer durchgehen,

    Die afrikanische Freihandelszone

    Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone wird seit 2021 umgesetzt. Das Rahmenabkommen haben aktuell 47 von 55 Mitgliedern der Afrikanischen Union ratifiziert. Die African Continental Free Trade Area soll den wirtschaftlichen Austausch auf dem Kontinent erleichtern, die Industrialisierung vorantreiben und regionale Wertschöpfungsketten aufbauen. 97 Prozent der bestehenden Warenzölle sollen dafür schrittweise abgebaut werden, vorgesehen ist auch die Abschaffung von nicht-tarifären Handelsbarrieren wie Importquoten, Produktnormen und Zollbürokratie. Der Automobilsektor ist für die Macher der Freihandelszone eine der „Kernbranchen“.

    Langfristig erhofft sich die Afrikanische Union eine Zollunion und einen kontinentalen Binnenmarkt mit freiem Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Personen. Davon ist Afrika noch weit entfernt, bislang findet kaum grenzüberschreitender Warenaustausch statt. Von allen afrikanischen Exporten gingen 2021 nur 13% in andere Länder auf dem Kontinent. In Asien erreicht dieser Wert 59%, in Europa 69.

    Ein Grund für den geringen Austausch ist die Warenstruktur - Afrika exportiert typischerweise Rohstoffe in die Industrieländer, um von dort dann Fabrikwaren zu importieren. Auf dem Kontinent selbst erschwert die schlechte Infrastruktur den Austausch. Ein Container gelangt von Nairobi aus deutlich schneller und billiger nach Hongkong als nach Lagos. Und der schnellste Flug von Nigerias Wirtschaftsmetropole ins direkt nördlich gelegene Algier führt über Istanbul. Es ist also noch viel zu tun, bevor die afrikanische Freihandelszone ihre volle Wirkung entfalten kann.

    Sprecher: Kommen wir noch mal auf die beiden großen KFZ-Zentren in Afrika – also Südafrika und Marokko - zu sprechen. Was VW und der Zulieferer SCS dort konkret für Erfahrungen machen, gute wie schlechte…

    VW ist seit über 70 Jahren in Südafrika. Trotzdem sind die Standortfaktoren dort nicht immer optimal. So drückt die katastrophale Stromversorgung auf die Stückzahlen...

    Martina Biene: 2019 haben wir 161.000 Fahrzeuge gebaut. Jetzt schaffen wir dieses Jahr vielleicht 146.000, würde ich sagen. Aber das ist nicht sozusagen Nachfrage getrieben, sondern eher der eine oder andere Tag Stromausfall hier im Land, Load Shadding heißt das Phänomen kennen hier auch alle. Man kann Apps runterladen, wann es ein Load shadding gibt. 

    Sprecher: Load shadding bedeutet „Lastabwurf“. Warum muss Südafrika immer wieder gesteuert den Strom abstellen?

    Martina Biene: Auf der einen Seite ist es die die Infrastruktur und die Power Generation selbst, dass sozusagen die Kraftwerke gewartet werden müssen, die dann sozusagen nicht im Backup sind von anderen Kraftwerken. Dann ist da das Netz, marode würde ich nicht sagen, aber auch sehr wartungsbedürftig, was dazu führt, dass eben regelmäßig gesteuert Strom abgestellt wird. Also auch ab und zu explodiert mal irgendeine Substation. Das passiert auch. Oder fällt aus.

    Sprecher: Kommen Sie in der Produktion klar damit?

    Martina Biene: Das ist schon auch gesteuerte Abschaltung. Also es ist im Vorfeld angekündigt und wir können auch nicht überraschend eine Produktion anzuhalten. Es ist nicht gut ist für die Maschinen, nicht gut ist das auch für die für unsere Kosten, weil dann auch die ganze Schicht da ist und auch einmal sehr überrascht ist und und ist auch im Engineering Bereich und auch in anderen Bereichen viele Funktionen gibt, die man langsam runterfahren muss. 

    Also wenn Load shadding ab einem bestimmten Stadium Level five eintritt, sondern werden müssen wir 24 Stunden oder machen wir 24 Stunden zu. Das ist bei Level fünf 1/8 Tagen und bei Level sechs 2/8 Tagen. Das gibt uns aber die Möglichkeit runterzufahren, die Ofen in der Lackiererei runter zu kühlen. Alles was Engineering seitig gerade für 48 Stunden irgendwo getestet wird oder so was abzuschließen. Es ist planbar, aber nicht ideal.

    Sprecher: Und wie sichern Sie dann Ihre Stromversorgung?

    Martina Biene: Leider haben wir jetzt aber kurzfristig als Backup Lösung ab nächstem Jahr auch Generatoren für das Werk. Das muss man sich aber so vorstellen, dass wir hier ein Fußballfeld zustellen. Also es ist jetzt nicht eine kleine Größenordnung, die werden alle mit Diesel betrieben. Mit dem Strommix von Südafrika, der 85 % Kohle ist, ist das sogar noch die bessere CO2 Variante. Also wir reduzieren CO2 dadurch sogar. Aber die Backup-Lösung Generatoren geht im März an den Start, falls erforderlich, aber ist alles andere als ideal. 

    Sprecher: Und langfristig?

    Martina Biene: Wir versuchen, so viel wie möglich solar zu machen. Wir wollen auf Windenergie gehen, auf Wind in 2025/26, dann ist der Windpark errichtet, von dem wir dann auch Strom beziehen können. Es ist noch ein bisschen unklar, weil der Windpark auch in den Grid einspeist, ob das denn auch Strom ist, der dann wirklich uns zur Verfügung stellt. Also unser erster Fokus ist erst mal Carbon neutral zu werden, als Production in 20 30, als Hersteller weltweit sowieso in 2050. 

    Sprecher: Große Pläne und Herausforderungen - für Volkswagen. In Marokko macht SCS Stahlschmidt deutlich bessere Erfahrungen mit dem Strom, oder Herr Faerber…?

    Friedemann FaerberDas Stromversorgungsthema, das wir aus Südafrika kennen. Das ist bei uns gar kein Thema. Wir hatten noch nie einen Stromausfall in den zwei Jahren. Es ist auch nicht bekannt in Marokko, dass das ein Thema ist.

    Sprecher: Für SCS ist die Energieversorgung in Marokko sogar ein Standortvorteil

    Friedemann FaerberDefinitiv ist es so, dass Unternehmen wie wir, die sehr kostensensibel am Markt unterwegs sind, eine Strategie benötigen, um die Kostenstruktur mittelfristig deutlich zu reduzieren. Zumal wir in Europa auch das Thema Energiekosten-Steigerung sehen und somit weitere zukünftige Belastungen schon auf uns zukommen sehen. In Marokko sehen wir dadurch in der Tat eine Möglichkeit, auch langfristig wirtschaftlich stabil zu agieren. 

    Gerade bei Themen beispielsweise wie Energie, was halt einfach wichtig ist für unsere Branche, wir auch eine Autarkie haben über Photovoltaik, was speziell im Automotive Bereich stark gefordert wird.

    Sprecher: Und der Strom ist nicht nur günstig, seine Zusammensetzung bringt ihm auch Punkte bei Faerbers Abnehmern.

    Friedemann FaerberMarokko hat einen sehr, sehr hohen Anteil an erneuerbaren Energien, bereits durch Wasserkraft, Solar und Windkraft.  Gerade Stichwort CO2 Neutralität ist für die Lieferanten aller großen Automobilhersteller schon eine Kernforderung geworden. 

    Sprecher: Bevor wir zum Ende des Podcasts kommen, möchten wir von Herrn Faerber noch mal im Einzelnen hören, welche Gründe es für SCS gab, sich gerade in Marokko anzusiedeln. Zum Beispiel die Transport-Infrastruktur.

    Friedemann FaerberSo muss man wissen, dass in Tanger der größte Hafen des Mittelmeers angesiedelt ist und einer der weltgrößten Hafen, sodass auch die Logistik eigentlich für uns geradezu ideal ist. Der Hafen ist gerade mal 20 Minuten von unserem Werk entfernt und somit können wir auch wirklich weltweit kostengünstig versenden.

    Sprecher: Oder der Umgang mit den Behörden in Marokko.

    Friedemann FaerberZum einen sind es tatsächlich die oft zitierte Bürokratie, die dort eben nicht da ist. Was in Marokko uns sehr gut gefallen hat, ist die nennen das One-Stopp-Shop. Das heißt, wir haben einen Ansprechpartner in der Freihandelszone dort, der uns von der Firmengründung bis zum Organisieren des Baus eine Schnittstelle war und somit ist uns extrem einfach gemacht hat, die erste Investition vor Ort zu tätigen. 

    Des Weiteren verfügt Marokko über sehr ausgeprägte Freihandelszonen, sortiert nach verschiedenen Branchen auch für uns. Automotive ist in der sogenannten Automotive City. Dort finden wir auch sehr gute Bedingungen, was die Zoll Abwicklung, was der ganze Handel mit Europa betrifft.

    Sprecher: Das heißt, alles geht schnell und unbürokratisch?

    Friedemann Faerber: Also wir haben wirklich im Februar, nachdem wir im Dezember die Entscheidung getroffen haben, konnten wir im Februar mit dem Bau beginnen. Das ist tatsächlich sehr Investoren freundlich die Regel. Es ist sicherlich natürlich nicht überall so, aber in den Freihandelszonen, das sind ja Flächen, die speziell auch für die Investition vorgesehen sind. Da geht es dann tatsächlich sehr zügig.

    Sprecher: Auch über seine neuen Angestellten in dem nordafrikanischen Land weiß der SCS-Geschäftsführer viel Gutes zu berichten.

    Friedemann Faerber: Es gibt ein gutes Netz von Universitäten, von Ausbildungsstätten und auch ein System, wie neue Mitarbeiter strukturiert ongeboarded werden und entsprechend auch qualifiziert werden für unsere Tätigkeit. Ich bin sehr, sehr zufrieden, wie die Zusammenarbeit läuft und auch wie die Qualifikation der einzelnen Personen geworden ist. Bei uns arbeiten sogar sehr viele Marokkanerin und in Marokko ist auch ein muslimisches Land, aber sehr, sehr offen. Also da ich glaube, wir haben sogar einen Anteil von Mitarbeitern über 50 % vor Ort. Und das funktioniert wunderbar. 

    Sprecher: Zum Schluss wollen wir noch einen kleinen Ausblick hören. Herr Faerber, wie geht es also bei SCS weiter mit der Produktion in Afrika?

    Friedemann Faerber: Ich denke, dass wir jetzt uns eher fokussieren und nicht in absehbarer Zeit weitere Länder erschließen werden für uns als Produktionsstandort. man muss immer vor Augen haben Wir sind Mittelständler, der ist nicht ein Netzwerk von vielen Produktionsstätten sich leisten kann, das ist ja auch immer eine Frage der Komplexität und der Fixkosten, die man dann mit einem neuen Standort auch kreiert. 

    Sprecher: Und bei VW, wie sind da die Pläne für die nächste Zukunft? Ein neuer Standort in Nordafrika ist angedacht, das haben wir schon gehört. Aber was für Neuheiten stehen sonst noch an, Frau Biene?

    Martina Biene: Ja, wir gucken noch nach dem dritten Modell für Volkswagen in Südafrika. Gerade ist es ein kleiner SUV, den wollen wir so 2026/27 an den Start bringen, solange der Strom nicht ausfällt und solange das in Afrika mit einem positiven wirtschaftlichen Ausblick weitergeht.

    Sprecher: Am Standort Südafrika halten Sie also fest?

    Martina Biene: Wir sind sehr gerne hier ist. Für uns ist es auch ein geeigneter Produktionsstandort. Wir sind zwar seit 72 Jahren hier und wollen auch die nächsten 72 Jahre noch hier bleiben. Wir sind kurz davor, eine weitere Investitionsentscheidung zu treffen. DA hilft der aktuelle Status zum Load-Shadding jetzt nicht gerade. Aber grundsätzlich haben wir ein starkes Commitment und interessieren uns auch weiterhin sehr für Südafrika. 

    Sprecher: Ein herzlicher Dank geht an unsere Gäste: die Handelsexpertin Anja Slany, die Afrikachefin von VW, Martina Biene, und den Geschäftsführer von SCS, Friedemann Faerber.

    Hoffentlich haben Sie in diesem Podcast eine Anregung bekommen, was für Chancen der afrikanische Markt bietet und mit welchen Überraschungen zu rechnen ist. Nicht, dass Sie plötzlich unvorbereitet im Dunkeln sitzen…

    Schreiben Sie uns doch Ihre Erfahrungen in Afrika, ob aus der Autoindustrie oder einer anderen Branche. Wir freuen uns über Ihr Feedback, Anregungen und Fragen. Wir sind gerne für Sie da – auch online unter www.gtai.de

    In der nächsten Folge werfen wir einen Blick auf den Klimawandel. Die Industrie verursacht einen großen Teil aller Treibhausgas-Emissionen. Entsprechend hoch ist das Einsparpotential. Wir schauen nach, wo und wie Unternehmen klimafreundlich werden – und was sich exemplarisch in Spanien tut, wo erste Großprojekte in Sachen Dekarbonisierung anlaufen. 

     Wie immer gilt: Reinhören lohnt sich! 

  • Folge 12: Förderprogramme der deutschen Außenwirtschaft

    - November 2023 -

    Die Bundesregierung unterstützt deutsche Unternehmen mit zahlreichen Förderprogrammen bei der Anbahnung eines Markteintritts. 

    Der Einstieg in einen neuen Markt ist immer eine Herausforderung. Wir geben einen Überblick über die verschiedenen Angebote und diskutieren, was zum Beispiel Unternehmerreisen im Einzelnen bringen und wer davon wie profitieren kann. 

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    Gäste in dieser Folge

    Portrait Manuela Schaller Portrait Manuela Schaller | © Manuela Schaller

    Manuela Schaller

    ist Area Sales Manager bei Pracht Lighting Solutions in der Nähe von Marburg. Sie ist zuständig für den Vertrieb von Leuchten und Ladeinfrastruktur für E-Mobilität in verschiedenen europäischen Nachbarländern. 

    Sie hat Wirtschaft, Spanisch und Türkisch an der Universität Augsburg studiert und spricht auch noch Englisch, Französisch und Italienisch, was bei der Erschließung neuer Märkte durchaus hilfreich ist. 

    Manuela Schaller reiste unter anderem für eine Geschäftsanbahnungsreise des Markterschließungsprogramms nach Italien.

     

     

     

    Portrait Michael Olma Portrait Michael Olma | © Michael Olma

    Michael Olma

    arbeitet seit 1991 beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und ist dort seit 2005 zuständig für Außenwirtschaft und Handelspolitik. Auch für Handwerksbetriebe bieten viele der Angebote einen echten Mehrwert, sagt er.

    Nach seinem Wirtschaftsstudium in Bonn und Köln hatte er zunächst als Marketingberater für die deutsche Schuhindustrie gearbeitet. 

     

     

     

     

    Weiterführende Informationen

     

    Transkript der Folge 

    Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Sprecher: Die Zeiten sind hektisch für Chefs und Mitarbeiter, der tägliche “workload”, wie man so schön sagt, nimmt gefühlt ständig zu, und da soll man nebenbei noch schnell ein paar neue Märkte erschließen?  Sich mal eben schlau machen über Vertriebsstrukturen, die richtigen Ansprechpartner, Förderprogramme, gesetzliche Rahmenbedingungen, Markteintrittsbarrieren sowie Chancen und Risiken in einem unbekannten Markt? Klingt nach noch mehr workload…

    Das Gute aber ist: Es gibt Hilfe!

    Die Bundesregierung unterstützt deutsche Unternehmen mit einer breiten Palette von Förderprogrammen” dabei, ausländische Märkte zu erschließen. Wir möchten Ihnen heute einige davon vorstellen. Ein Programm ist sogar so erfolgreich, dass es 2024 bereits seinen 75. Geburtstag feiert. Michael Olma vom Zentralverband des Deutschen Handwerks fasst kurz zusammen, inwieweit Betriebe zum Beispiel von organisierten Markterschließungsreisen profitieren - was ihnen geboten wird.

    Michael Olma: … einen ersten Kontakt am Markt, Marktanalyse, Kenntnisse über die rechtlichen Rahmenbedingungen, Kenntnisse über kulturelle Gegebenheiten, ein Gespür für das Land zu entwickeln, ein Gespür wie ticken da die Wirtschaftsakteure, mit denen ich zusammenarbeiten will? Und ja, schon mal so eine Art Duftnote zu hinterlassen… 

    Sprecher: Der Handwerjksbeauftragte hat auch wunderbare Beispiele für deutsche Handwerksbetriebe, die in alle Welt liefern: Orgeln nach China zum Beispiel und einen riesigen Glas-Dom nach Taiwan. Klettergärten Made in Germany sind auf der ganzen Welt ein Hit und auch die größte Turmuhr der Welt wurde von deutschen Uhrmachern realisiert. Wo die hängt, das hören wir später. So viel sei verraten: Es ist an einem der bekanntestenlet Plätze der Welt…

    Jetzt aber begrüßen wir erst mal eine Frau, die an verschiedenen Programmen teilgenommen hat. Liebe Manuela Schaller, Sie waren kürzlich auf einer Geschäftsanbahnungsreise des Markterschließungsprogramms in Italien. Wir sind sehr gespannt, was Sie dort erlebt haben. Aber lassen Sie uns doch erst mal über die Firma sprechen, für die Sie arbeiten. Denn nicht alle unsere Hörerinnen und Hörer kennen Pracht-Leuchten… 

    Manuela Schaller: Ich arbeite für die Firma Pracht Lighting Solutions, ein mittelständisches Unternehmen in der Nähe von Marburg. Wir haben dieses Jahr 100. Geburtstag, gegründet 1923 vom Urgroßvater des heutigen Geschäftsführers Jonathan Pracht, also immer noch familiengeführte vierte Generation. Die fünfte geht schon in die Schule.

    Sprecher: Was für Leuchten stellt Pracht her? 

    Manuela Schaller: Pracht kommt ursprünglich aus der Herstellung von Leuchten für Anwendungsgebiete, wo es wirklich schwierig wird. Schwierig heißt in dem Kontext Es ist heiß, es ist feucht, es ist sehr kalt, es ist staubig, es ist schmutzig. Es sind Gase in der Luft, Laugen, Säuren. Tierhaltung ist ein Riesenthema. Also wir machen jetzt nicht eine hübsche Design Leuchte fürs Wohnzimmer, aber immer wenn es schwierig wird und Unternehmen sparen Betriebe Licht brauchen, sind sie bei uns richtig.

    Wir machen schon richtig hell. Wir können auch tatsächlich bis 32.000 Lumen zum Beispiel Hallen beleuchten. 

    Sprecher: Ok, ich verstehe. Was machen Sie im Unternehmen?

    Manuela Schaller: Meine Funktion bei der Firma Pracht ist es, mich um die Exportmärkte zu kümmern. Ich habe einige Kollegen, die den deutschen Markt betreuen und wir sind insgesamt zu dritt, die das gesamte Ausland betreuen. Gesamtes Ausland heißt bei uns. Angefangen bei den skandinavischen Ländern, Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen, Island, die westlichen Nachbarn, die ganzen Beneluxstaaten, Frankreich, die Schweiz, Österreich, Italien, Spanien. Dann rüber die ehemaligen, könnte man sagen Ostblockstaaten, angefangen von Ungarn, Tschechien, Slowakei, Kroatien, Slowenien. was habe ich vergessen. Polen, Tschechien hatte ich schon. Also wir sind im angrenzenden europäischen Ausland sind wir schon ganz gut vertreten und haben zumindest im leichten Sektor auch ganz gute Kontakte. Kanada, USA und auch Neuseeland und Australien.

    Sprecher: Sie haben also eigentlich schon recht viel Erfahrung mit dem Exportgeschäft und der Erschließung neuer Märkte. Wieso haben Sie trotzdem an einer Markterschließungsreisen teilgenommen? 

    Manuela Schaller: Im Leuchten-Sektor in Deutschland ist Pracht gesetzt. Da ist es so, wie wenn Philips in Holland sagen würde ich bin Philips, ist Pracht in Deutschland bei Leuchten, aber im Ausland natürlich nicht. Und da ist es einfach sehr, sehr wichtig, dass wir kontinuierlich alle Möglichkeiten ausnutzen, die Marke bekannt zu machen, Kontakte zu knüpfen, Partner zu finden, weil wir einfach das gar nicht mit der Manpower gar nicht alleine schaffen, die ganzen Länder zu betreuen. Und von da sind so Geschäfts Anbahnungsreisen gerade um also erste Kontakte zu knüpfen oder auch ein Gefühl einfach für ein Land zu bekommen sehr hilfreich.

    Sprecher: Bevor wir da näher drauf eingehen, lassen Sie uns kurz noch über Ihre verschiedenen Sparten sprechen. Neben den Lampen sind Sie ja auch in die E-Mobilität eingestiegen. Erzählen Sie doch bitte kurz warum. 

    Manuela Schaller: Wir alle fahren sehr viel. Gerade als Vertriebsmitarbeiter. Ich mache es fast nur Export. Ich bin wirklich extrem viel mit dem Auto unterwegs. Weite Strecken auch. Also war der Gedanke sehr naheliegend zu sagen Wir müssen darüber nachdenken, ob wir weiter Verbrenner fahren wollen. Und unser Geschäftsführer Jonathan Bracht ist ein sehr visionärer und sehr aufgeschlossener Mensch, fährt schon lange E Autos und hat irgendwann festgestellt, die Ladesäulen, die es am Markt so gibt, die Mag er eigentlich gar nicht so, die erfüllen nicht so die Zwecke, die er sich so vorstellt. Ist dann zu unserem Entwicklungsteam gegangen mit dem Satz Das muss doch einfacher gehen, könnt ihr nicht mal eine ordentliche LadeBox bauen? 

    Das Ergebnis des schönen Satzes Das muss doch einfacher gehen können, nicht mal eine ordentliche Box bauen. War dann, dass wir 2020 entschieden haben Okay, wir gehen auf den Markt der E-Mobilität und die Kollegen kamen mit einer Idee, eine Wallbox zu machen für den privaten Bereich, die mit einer Zuleitung aus dem Haus zwei Ladepunkte versorgt. Sie haben zwei Stecker dort, Sie können zwei Autos parallel laden, jeweils mit elf Kilowatt und die Box ist so schlau zu wissen, wenn das eigene Auto voll ist, geht die ganze Power auf das zweite über. Oder wenn zwei Autos dranhängen, verteilt sie die, die die Lademöglichkeit oder die verfügbare Energie auf zwei Autos. Das war ein. Für Pracht ein tatsächlich revolutionärer Schritt, das zu tun, weil wir damit bisher bis dato kaum bis wenig Berührungspunkte hatten. 

    Sprecher: Und das stellt Sie dann im Ausland wieder vor ganz neue Herausforderungen? Auch in Ländern wie Italien, die Sie ja eigentlich kennen… 

    Manuela Schaller: Ich kannte Italien, ich kannte ein bisschen den italienischen Markt für Leuchten, aber ich hatte keine Idee darüber, wie. Wie tickt denn dieses Land bezogen auf Elektromobilität? Wie ist die Versorgung, wie ist so die auch immer? Die Haltung der Menschen ist ja auch eine Frage sind, ist man eher offen zu sagen Oh ja, toll, wir fahren eAuto? Das eher so ein bisschen skeptisch. Man weiß ja nicht so, ob man nicht stehen bleibt unterwegs und verbunden mit dem Thema Mobilität ist natürlich auch immer grundsätzlich so ein bisschen die Frage wie. Wohin geht die ökologische Entwicklung eines Landes? Welche Förderungen gibt es? Gibt es Maßnahmen, dass die Regierung einfach versucht, bestimmte Branchen ein bisschen zu pushen? Und diese Infos sind schwierig zu finden, wenn man sie sich selber zusammensuchen muss. Sehr zeitaufwendig und wahrscheinlich auch nicht immer so erfolgreich. Und dafür sind natürlich organisierte Reisen super. 

    Sprecher: Was können die konkret leisten? 

    Manuela Schaller: Man bekommt im Vorfeld schon mal eine sehr fundierte Auswertung darüber. Wie sind die Marktpotenzial, welche Chancen gibt es? Aber auch die Herausforderungen, die ein Markt so bietet, auch wichtig. was sehr, sehr wertvoll ist, sind die Kontakte, die einfach hergestellt werden, potenzielle Kunden, potenzielle Partner vor Ort. Natürlich auch Kontakte zu Behörden zu. Ämtern, vielleicht auch zu Verwaltungen, Bürgermeistern, Regierung, Verwaltungen. Das ist. Diese Kontakte wäre glaube ich sehr schwer zu bekommen. Wenn man sich die selber suchen müsste, dann müsste man wahrscheinlich ganz oft anrufen und würde ganz oft erst mal abgewimmelt werden. Und so hat man halt relativ leicht die Möglichkeit, einfach auch mit Entscheidern mal zu sprechen und auch Fragen zu stellen. Warum machen Sie das so? Oder auch Warum machen sie das eben nicht so?

    Sprecher: Was bleibt am Ende davon hängen? 

    Manuela Schaller: Also wir haben tatsächlich mit einem Partner dann bis heute relativ engen Kontakt. Es hat sich tatsächlich daraus eine Kooperation entwickelt. Mal schauen, wo die Reise hingeht. Auch da ist ja. Wir entwickeln uns weiter. Die Kunden entwickeln sich weiter. Aber ich glaube, ich hätte diese Firma niemals gefunden, wenn ich nicht bei dieser Veranstaltung gewesen wäre. Weil das ist auch ein sehr kleines Unternehmen, die für sich einfach auch eine Chance gesehen haben. Mensch, das ist eine neue Technologie, neue Technologie. Zumindest nicht nur nicht so, so sehr weitverbreitet überall. Wir sehen da einfach Chancen, uns da so ein kleines Marchfeld zu besetzen. 

    Sprecher: Wie läuft so eine Reise ab?

    Manuela Schaller: Also, diese Reise nach Mailand ging drei Tage. Man ist angereist und dann waren drei Tage Veranstaltung. In der Regel läuft das ja so ab, dass das die Teilnehmern teilnehmenden Firmen, muss man sagen, sich am ersten Abend kennenlernen und man sich da ein bisschen austauscht. Was macht ihr denn so? Und auch weil das ist auch darf man nicht unterschätzen auch die Kontakte, die man unter den den teilnehmenden Firmen knüpft. Auch da gibt es Querverbindungen, die man vielleicht vorher gar nicht gesehen hat oder die man auch nicht kannte. Das heißt, dass der eine eine Technologie hat oder eine Software zum Beispiel, die in eine Wallbox integriert werden könnte, über die wir vorher gar nicht nachgedacht hatten oder die wir sonst mühsam hätten selber entwickeln können. Und da hat sie vielleicht schon jemand fertig. Das darf man auch nicht unterschätzen, diese Kontakte…

    Sprecher: …die man sonst vielleicht nie bekommen hätte. Darauf folgt die sogenannte Fachkonferenz. Was passiert da? 

    Manuela Schaller: Der Veranstalter lädt ganz viele interessierte Partner, Kunden, Interessierte aus dem Gastland zu einer Veranstaltung ein und die teilnehmenden Firmen der deutschen Seite präsentieren sich dort. Man hält in der Regel 10 bis 15 Minuten. Eine Präsentation gerne in der in der Sprache des Landes, aber wenn das nicht möglich ist, wird auch simultan gedolmetscht. 

    Dann können schon im Vorfeld die Zuhörer und die teilnehmenden Besucher sagen: Ich möchte mit der Firma Pracht und der Firma X und der Firma Y gerne sprechen, weil was ich da im Vorfeld über die gelesen habe, könnte für uns interessant sein. Und dann hat man fest vereinbarte Termine, so eins zu eins Gespräch, wo man 15 Minuten, 20 Minuten maximal sich kurz kennenlernen kann und einfach auch ein bisschen austauschen. Was machen wir und wo könnten eventuelle Anknüpfungspunkte sein?

    Sprecher: Und was macht man am letzten Tag?

    Manuela Schaller: Es gibt immer noch ein offizielles Programm, wo man eben. Zum Beispiel bei der IHK in Mailand zu Besuch ist. Oder wir haben in Mailand haben wir ein größeres Quartier besucht, wo einen wirklich energieautark ist, neues Stadtviertel komplett entsteht. Das hat man uns gezeigt. Das war total interessant, weil man einfach auch Infos bekommt oder Geschichten über das Projekt erzählt bekommt, die man, wenn man die Website sich vielleicht nur anschaut, einfach nicht sieht und nicht hört. 

    Sprecher: Konnten Sie von dem Ausflug denn konkret was mitnehmen für Ihr Geschäft an Anregungen? 

    Manuela Schaller: Es gibt am Rande dieses Stadtviertel gibt es Möglichkeiten zu parken und diese Parkplätze sind überdacht mit Photovoltaik Paneelen. Also was dann wiederum in mir die Idee so bisschen geweckt hat, die ich dann noch mit nach Hause genommen habe. Warum machen wir so was nicht auch? Wir haben sowieso Boxen, die auch. Man nennt es PV Überschuss Laden. Das heißt man, wenn man Wenn jemand eine Photovoltaikanlage hat, wo er sowieso seinen Strom erzeugt, kann er mit diesem Strom natürlich auch seine Wallbox betreiben, um sein Auto zu laden. Aber es setzt voraus, man hat eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Hat vielleicht nicht jeder oder das Dach ist vielleicht nicht richtig geneigt oder die Ausrichtung stimmt nicht. Was ist die Konsequenz daraus ist jetzt, dass wir seit März ungefähr ein Carport anbieten, dessen Dach nur Solarpanele sind, also nicht, wie das heute schon verfügbar war, ein Carport, wo man halt obendrauf PV Module gesetzt hat, sondern wir haben wirklich letztendlich ein Glasdach, das PV Module sind, bauen natürlich die Lade Box direkt mit ein und verkaufen das als V-Port. Warum V-Port? Unsere Box heißt Alpha umgedrehtes Alpha bekommt man ein V, deswegen V-Port.

    Sprecher: Würden sie anderen Unternehmen empfehlen, an solchen Reisen teilzunehmen? 

    Manuela Schaller: Wenn mich jemand fragen würde, ob ich so eine Reise empfehlen würde oder wieder machen würde, wäre meine Antwort ein klares Ja. Man kann nur gewinnen.

    Rubrik „konkret und kompakt“ - Förderprogramme für deutsche Unternehmen

    Die Bundesregierung unterstützt Unternehmen mit zahlreichen Förderprogrammen bei der Erschließung von Auslandsmärkten. Hier ein Überblick über die wichtigsten Programme:

    Das Auslandsmesseprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz dürfte das älteste Instrument der deutschen Außenwirtschaftsförderung sein: Es feiert 2024 - übrigens genau wie die Bundesrepublik – bereits seinen 75. Geburtstag. Deutsche Unternehmen können ihre Produkte im Rahmen deutscher Gemeinschaftsständen auf Auslandsmessen präsentieren. Vielleicht erinnern Sie sich: Wir haben über das Auslandsmesseprogramm bereits in unserem Podcast zum Thema Messen berichtet.

    Von dem Markterschließungsprogramm für kleine und mittelständische Unternehmen hat uns die Unternehmerin Manuela Schaller ja gerade erzählt. Mit diesem Programm fördert das Wirtschaftsministerium insbesondere kleine und mittlere Unternehmen bei ihrem Einstieg in ausländische Märkte. Mit rund 150 Veranstaltungen und Maßnahmen im Jahr bedient das Programm branchenübergreifend unter anderem die wichtigen Zukunftsthemen Umwelttechnologien, zivile Sicherheit und Gesundheitswirtschaft ebenso wie die traditionellen Bereiche Maschinen- und Anlagenbau, Fahrzeug- und Zulieferindustrie oder Chemie- und Elektroindustrie. 

    Mit dem Wirtschaftsnetzwerk Afrika unterstützt die Bundesregierung deutsche Unternehmen, die in Afrika aktiv werden wollen. Es verbindet die Akteure der Außenwirtschaftsförderung mit den Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit. Die Geschäftsstelle des Wirtschaftsnetzwerks Afrika bietet kleinen und mittelständischen Unternehmen individuelle Beratung und Unterstützung für ihr Afrika-Engagement und hilft dabei, konkrete Geschäftschancen in Afrika zu identifizieren.

    Die Exportinitiative Energie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz unterstützt Anbieter von klimafreundlichen Energielösungen bei der Erschließung von Auslandsmärkten. Im Fokus stehen hierbei die Bereiche erneuerbare Energien, Energieeffizienz, intelligente Netze und Speicher.

    Die Exportinitiative Gesundheitswirtschaft stellt Analysen zu Auslandsmärkten weltweit kostenlos zur Verfügung. Im Ausland unterstützt die Exportinitiative deutsche Unternehmen der Branche bei der Vermarktung und der Vernetzung mit internationalen Partnern.

    Wir setzen Ihnen wie immer alle wichtigen Links in die Show Notes.

    Sprecher: So, das war jetzt eine geballte Ladung an Informationen. Jetzt wollen wir eine Einschätzung von Michael Olma vom Zentralverband des Deutschen Handwerks hören. Er ist für die Bereiche Außenwirtschaft und Handelspolitik zuständig. Herr Olma, was sagen Sie zu dem positiven Fazit zu den Unrterehmerreisen von Frau Schaller? Passt das zu dem, was Sie an Rückmeldungen bekommen? 

    Michael Olma: Was wir von den Betrieben hören, ist also tatsächlich, dass man konkrete Geschäftsmöglichkeiten vor Ort kennenlernt, dass man interessierte Partner findet. Natürlich hängt es dann von jedem Betrieb ab, ob er das dann in seinem betrieblichen Alltag auch weiterverfolgt, also die Reise oder die Anbahnung selbst über das Marktgeschehen. Das Programm ist in der Regel nicht mit Aufträgen verbunden. Also auch so was gibt es natürlich, dass man praktisch schon so eine Art Vortrag vor Ort vereinbart. Aber das ist die absolute Ausnahme. Das heißt, man muss einfach am Ball bleiben, man muss den Kontakt pflegen, man muss, auch wenn es vielleicht noch keine ganz konkreten Ideen der Zusammenarbeit gibt, das weiter ausarbeiten.

    Sprecher: Die Programme richten sich ja ganz generell an mittelständische Unternehmen, aber eben auch an Handwerksbetriebe. Wie wichtig ist es für Ihre Mitglieder, sich nach neuen Auslandmärkten umzuschauen? 

    Michael Olma: Auslandsmärkte haben für das deutsche Handwerk eine durchaus große Relevanz. Also, wenn wir vom Handwerk nach dem deutschen Begriff sprechen, dann geht es um rund 130 verschiedene Gewerke. Undeigentlich haben alle diese Gewerke grundsätzliche Exportchancen. Wir gehen davon aus, dass derzeit rund 6 % der deutschen Handwerksbetriebe Umsätze im Auslandsgeschäft erwirtschaften.

    Sprecher: Was sind die interessanten Märkte für Handwerksbetriebe? 

    Michael Olma: Die wichtigsten Märkte liegen in Europa und da insbesondere in den deutschen Nachbarländern. Dänemark, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Österreich, Tschechien und Polen. Und die Betriebe legen natürlich Wert darauf, auch bedingt durch ihre geringe Mitarbeiterzahl und kleine Betriebsgröße, dass die Märkte für sie auch erreichbar und bedienbar sind und Kunden eben auch ja schnell erreicht werden können. Es gibt so eine inoffizielle Faustformel, nach der wir immer sagen Die meisten Kunden sind nicht weiter als 1000 Kilometer vom Standort entfernt.

    Sprecher: Das ist einleuchtend. Gibt es Ausnahmen, wo auch ferne Märkte eine Rolle spielen? 

    Michael Olma: Besonders beeindruckend fand ich unter anderem, dass ein deutscher Orgelbauer aus Baden-Württemberg eine Orgel in seiner Werkstatt gebaut, aufgebaut hat, wieder auseinandergenommen hat und dann per Schiff nach China transportiert hat und dort in einer Kirche mit einem eigenen AufbauTeam dann wieder eingebaut hat. Eine andere ziemlich eindrucksvolle Leistung ist die Errichtung eines Glas-Doms aus über 1000 einzelnen Feldern mit verschiedenen Glas Arten und einem Durchmesser von 30 Metern auf der Oberfläche einer U Bahn Station in Taiwan. Also wenn man das Bild sieht, sieht das so ein bisschen aus wie so ein rundes Kirchenfenster mit verschiedenen Farbschattierungen und Lichteffekten. Ja, also auch etwas, was dann in Deutschland vorgefertigt werden musste und dann dahin transportiert und aufgebaut wurde.

    Sprecher: Das sind beeindruckende Exempel deutscher Handwerkskunst, aber auch sehr speziell. Gibt es weitere Beispiele?…

    Michael Olma: Ein anderes, völlig anderes Beispiel ist ein Unternehmen, das. Hochseilgarten zum Klettern baut. Das sind auch individuelle Lösungen, die gibt es mittlerweile fast in allen Städten und auch außerhalb in Ferienregion. Und dieser Anbieter, der noch gar nicht so lange in diesem Geschäft tätig ist, hat sich auch mittlerweile ein weltweites, ja ein weltweites Netzwerk sozusagen errichtet. Und unter anderem hat er in den letzten Jahren auch solche Hochseilgarten, die dann auch sehr, sehr unterschiedlich aussehen, in Australien und Japan gebaut.

    Sprecher: Ein Beispiel hatten sie mir im Vorgespräch genannt – ich kannte es nicht. 

    Michael Olma: Die weltweit größte Turmuhr. Da wissen viele nicht. Ich wusste es ehrlich gesagt früher auch nicht, dass die in Mekka steht, Also eine riesige uhr da an der Pilgerstätte. Und die wurde von uhrmachern aus Deutschland, also von deutschen Handwerksbetrieben, gebaut und wird auch interessanterweise aus Deutschland per Internet, also online digital gesteuert.

    Sprecher: Das sind ja alles echte Hingucker. Helfen Markterschließungsprogramme dabei, solche Aufträge zu bekommen? Bzw. richten die sich überhaupt an das Handwerk? 

    Michael Olma: Es gibt tatsächlich jedes Jahr mehrere Geschäfts reisen, die sich speziell ans Handwerk richten, die also einen starken Fokus auf Handwerksbetriebe haben.

    Sprecher: "Welche Angebote helfen den Handwerksbetrieben sonst noch dabei, Auslandsmärkte zu erschließen? Es gibt ja nicht nur das Markterschliessungsprogramm des Wirtschaftsministeriums. 

    Michael Olma: Also deutsche Betriebe sind ja da ziemlich komfortablen Situation, weil sie auf ein umfangreiches Informations-, Beratungs- und Unterstützungsangebote zugreifen können, das auch zu erheblichen Teilen von der öffentlichen Hand gefördert wird. Also. Wenn ich da mal so die aus unserer Sicht wesentlichen kurz nennen darf. Zum einen natürlich unsere eigenen Beratungsangebote der Handwerkskammern und Verbände. Da handelt es sich um Angestellte, Beraterinnen und Berater in diesen Einrichtungen, die auch für Außenwirtschaft Beratung zur Verfügung stehen und dort entsprechende Expertise haben. Diese Berater könnten die Instrumente des Bundes und zum Teil auch der Bundesländer anbieten, aber auch zum Teil selbst mitgestalten. Da werden im Wesentlichen aus unserer Sicht zu nennen das Programm des Bundes, das AuslandsMesseProgramm des Bundes, die Export Initiative Energie, die auch beim BMWK angesiedelt ist und dort gefördert wird. Es ist für das Handwerk auch von Bedeutung. Und natürlich das gesamte GTAI-Angebot, das ja ich sage mal sowohl was Branchen als auch Länder angeht, einen sehr hohen Detaillierungsgrad hat und ja auch in unseren in unseren Betrieben bzw von den Beratern sehr intensiv genutzt wird. Im Ausland ist es das Netzwerk der Auslands-Handelskammern, die eigentlich immer die ersten Ansprechpartner sind, weil sie die Kenntnisse vor Ort haben und eben gerade auch außerhalb von Europa. [00:26:31][111.1]

    Sprecher: Und auf europäischer Ebene bzw sogar darüber hinaus? Gibt es da auch Angebote?

    Michael Olma: Eine wichtige Struktur, die europaweit Relevanz hat, ist das Enterprise Europe Network. Das ist auch eine Informations- und Beratungs-Struktur, die von der Europäischen Kommission gefördert wird. Und in die sind auch deutsche Kammern und Verbände mit eingebunden und haben darüber die Möglichkeit, auch noch weitere, beispielsweise Informationsleistungen für Betriebe zu erbringen. 

    Sprecher: Besonders viel tut sich derzeit im Bereich erneuerbare Energien, Energieeffizienz. Frau Schaller hat auch den Schwerpunkt E-Mobilität erwähnt. Gibt es hier spezielle Angebote für Handwerksbetriebe? 

    Michael Olma: Gerade im Bereich Energieeffizienz haben ja alle EU Länder auch ihre eigenen nationalen Programme und. Da gibt es immer wieder auch neue Ausschreibungen, die auch bekannt gemacht werden, die wir auch versuchen zu kommunizieren, die eben gerade auf Anbietern aus dem gesamten EU Raum eigentlich Chancen eröffnen. Und es sind ja nicht nur diese Ausschreibungen, von denen sich auch viele, gerade kleinere Betriebe auch so ein bisschen fürchten oder sie scheuen aufgrund des aufgrund des damit verbundenen Aufwands. Aber wenn so etwas kommuniziert wird, ist das ja auch immer ein Zeichen dafür, dass in diesen Bereichen etwas passiert. Und da muss man nicht unbedingt über eine Ausschreibung in den Markt kommen, sondern man kann eben auch versuchen, andere Kunden anzusprechen, zu erreichen. Viel läuft ja auch über private Kundschaft an und tatsächlich sind Privatkunden für Handwerksbetriebe im Baubereich sehr wichtig. Und wenn man da so einen Fuß im Markt hat, dann kann man natürlich über Netzwerke, die man möglicherweise dort vor Ort schon aufgebaut hat oder auch bei bestehenden Kunden noch Zusatzleistungen anbieten, weil man weiß, dass es für so etwas jetzt auch gerade im Nachbarland beispielsweise eine Förderung gibt.

    Sprecher: Werden Markterschließungsprogramme möglichst breit zugeschnitten oder gibt es eher individualisierte Fahrten?

    Michael Olma: Man kann erkennen, dass es im Laufe der letzten Jahre auch einen immer höheren Spezialisierungs- und Konkretisierungsrahmen gegeben hat, in denen solche Reisen dann durchgeführt werden. Also dass man schon gezielt bestimmte Zielgruppen auch versucht zu erreichen. Also zum Thema beispielsweise altersgerechtes Wohnen. Das ist so ein Thema, was auch im Ausland natürlich wichtig ist. Und da gibt es ähnliche demografische Effekte wie in Deutschland. Das heißt, da gibt es auch künftig und jetzt schon eine zunehmende Nachfrage nach bestimmten Lösungen oder Ausbau-Lösungen. Das wäre so ein Thema. Wir haben uns auch im letzten Jahrzehnt sehr mit dem ganzen Bereich der Denkmalpflege beschäftigt. Da gibt es in Deutschland hoch spezialisierte Anbieter und im Ausland, ich sage mal unterschiedlichen Sanierungs- und Restaurierungs-Bedarf und auch unterschiedliche Mittel dafür.

    Sprecher: Wie laufen die Markterschließungsprogramme im Einzelnen ab? 

    Michael Olma: Deutsche Unternehmer fahren ins Ausland, werden im Vorfeld schon gebrieft über eine Marktstudie, die es ihnen ermöglicht, schon mal die relevanten Informationen über den Zielmarkt im Vorfeld zu erfahren. Und sie haben natürlich auch noch die Möglichkeit, dann sich beispielsweise bei Ihrer Handwerkskammer noch zusätzlich zu diesen für Sie interessanten Märkten zu informieren. Die eigentliche Reise selbst dauert in der Regel so drei Tage. Bei weiter entfernten Märkten auch manchmal vier oder fünf Tage. Und vor Ort werden die Teilnehmer, die in einer kleinen Gruppe von ungefähr zehn Personen oder zehn Betrieben im Schnitt unterwegs sind, erst noch einmal von Experten über die lokalen Gegebenheiten informiert. Was muss man berücksichtigen? Was sind die No Gos? Was muss man auch an kulturellen Unterschieden kennen, wenn man in dem jeweiligen Land arbeiten möchte? Und was sind die rechtlichen Rahmenbedingungen? Und dann geht das Ganze in der Regel weiter, dass man vorab ausgewählte mögliche Geschäftskunden vor Ort trifft. Mit denen kann man im Vorfeld dann auch schon Gesprächstermine vereinbaren, dass man sozusagen eine Vor Planung hat. Wann spreche ich mit wem? Und da habe ich die doch relativ knappe Zeit dann optimal genutzt werden kann für erste Kontakte, erste Austausche und. Meist wird das Ganze dann noch abgerundet durch Besichtigungen von Anlagen, Einrichtungen, Baustellen, fertigenden Unternehmen. Damit man auch einen Eindruck gewinnt, was in der jeweiligen Branche, in dem jeweiligen Geschäftsfeld, in dem man unterwegs ist, von einem Ort erwartet wird. 

    Sprecher: Können Sie einige Punkte nennen, die vielleicht schon im Vorfeld wichtig sind, damit ich richtig gut vorbereitet bin? 

    Michael Olma: Dazu würde ich zählen, dass man also zum einen sich schon mal mit der Marktanalyse im Vorfeld beschäftigt, dass man also. Die liest und sich erste Gedanken macht, was davon für einen selbst relevant und interessant sein könnte.

    Sprecher: Punkt zwei? 

    Michael Olma: Man kriegt ja in der Regel im Vorfeld auch schon eine Liste von den Personen, die auf der anderen Seite, also in dem Land, sozusagen teilnehmen. Über die kann man sich auch informieren. Man kann sehen, was sind das für Unternehmen, was haben die für Interessen und wo liegen möglicherweise deren Bedarfe.

    Sprecher: Drei? 

    Michael Olma: Ich würde auf jeden Fall auch dann noch mal die Handwerkskammer vor der Reise ansprechen, fragen, was man noch zu dem Markt vielleicht in Erfahrung bringen. Was muss ich beachten? 

    Sprecher: Punkt vier?

    Michael Olma: Es kann auch Sinn machen, die Auslandshandelskammer im Vorfeld schon mal zu kontaktieren. Vielleicht haben die auch noch Informationen zu den Unternehmen, die dann aus dem Land teilnehmen.

    Sprecher: Gibt es auch eine Nummer fünf? 

    Michael Olma: Wichtig sind, dass man auch vor, dass man auch vor der Reise schon weiß, was sollte ich besser vor Ort nicht ansprechen? Was sollte ich nicht tun? An diese kulturellen Logos kann man sich glaube ich auch relativ einfach schon. Zusammenstellen und. Das gibt es in jedem Land, das spielt auch in Europa eine Rolle. Einfach Themen, die sollte man in den einzelnen Ländern einfach meiden. 

    Sprecher: Zum Beispiel?

    Michael Olma: Es ist immer schwierig, sich politisch zu positionieren. Und ich würde jetzt zum Beispiel, wenn ich nach Großbritannien reise, da niemanden auf den Brexit ansprechen oder ihm erklären, dass es vielleicht Unfug war auszutreten. Also was immer ganz gut funktioniert, ist Wetter und Sport, um Gespräche zu beginnen. Und das reicht dann in der Regel auch, um einen Einstieg zu haben.

    Sprecher: Das erinnert mich doch sehr an unseren Podcast zur interkulturellen Kompetenz. Wenn sie den noch nicht kennen sollten, liebe Hörerinnen und Hörer - holen sie es nach. Vielen Dank, Herr Olma für diese Einblicke. 

    Hoffentlich haben Sie in diesem Podcast eine Anregung bekommen, wie sie den nächsten Markt für Ihre Produkte erschließen können. Derzeit werden die Markterschließungsprogramme für 2024 geschnürt – die Email-Adresse dazu finden sie in unseren Shownotes. Schauen Sie rein - es lohnt sich immer, haben wir ja gehört. 

    Wie immer freuen wir uns über Ihr Feedback, Ihre Anregungen und Fragen. wir sind gerne für Sie da ... auch online unter www.gtai.de.

    In der nächsten Folge werfen wir einen Blick auf den afrikanischen Kontinent und gehen der Frage nach, wie es dort um die Automobilbranche bestellt ist. Deutsche Autobauer und Zulieferer versprechen sich jedenfalls einiges vom Neuwagen-Geschäft der kommenden Jahre. Warum, das diskutieren wir mit der Afrika-Chefin von VW und einem Zulieferer in Marokko…  

    Wie immer gilt: Reinhören lohnt sich!

  • Folge 11: Interkulturelle Kompetenz – Erfolgreich Geschäfte machen weltweit

    - Oktober 2023 -

    Was man wissen sollte über kleine und große Fettnäpfchen im Ausland

    Verhandlungen im Ausland können tückisch sein. Denn was im eigenen Land selbstverständlich und zielführend ist, kann in anderen Kulturen ein Affront sein. Was Beschäftigte im Ausland beherzigen sollten, wie sie Missverständnisse vermeiden und sich auf andere Gewohnheiten im fernen und nahen Ausland vorbereiten können, diskutieren wir in dieser Folge. Dabei schauen wir unter anderem nach Vietnam und zu unseren französischen Nachbarn.

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    Gäste in dieser Folge

    Frauke Schmitz-Bauerdick Frauke Schmitz-Bauerdick | © GTAI/Bundesfoto Voelkner

    Frauke Schmitz-Bauerdick

    arbeitet seit 20 Jahren für Germany Trade and Invest. Von 2017 bis 2022 hat die Juristin als GTAI-Korrespondentin aus Hanoi über die vietnamesische Wirtschaft berichtet. Seit 2022 ist sie für GTAI in Frankreich im Einsatz. Auch bei unseren Nachbarn, so stellt sie fest, gibt es trotz der räumlichen Nähe einiges zu beachten, um Geschäfte zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

     

     

     

     

    Christoph Barmeyer Christoph Barmeyer

     

    Professor Christoph Barmeyer

    ist Leiter des Lehrstuhls für interkulturelle Kommunikation an der Universität Passau. Er hat Kulturwirtschaft in Passau und BWL in Montréal studiert und etliche Jahre in Frankreich gelebt. Mit seinen Studenten erforscht er das Arbeiten in unterschiedlichen Kontexten. Er bietet auch interkulturelle Seminare und Coachings für Fach- und Führungskräfte an.

     

     

     

     

    Weiterführende Informationen

     

    Transkript der Folge 

    Sprecher: Andere Länder, andere Sitten – das kennen wir aus dem Urlaub. Wie oft passiert es, dass wir in einer fremden Kultur ins Schleudern kommen: Wie hält man es hier zur Begrüßung: Verbeugen oder Hände schütteln? Sucht man im Gespräch Augenkontakt - ja oder nein? Haben wir den Restaurant-Besitzer gerade unabsichtlich beleidigt mit unserem Daumen-hoch-Lob?

    Was für das Reisen gilt, trifft für die Arbeit erst recht zu. Leicht treten wir bei Geschäftstreffen und Verhandlungen in ein Fettnäpfchen. Was für die einen selbstverständlich und zielführend ist, kann für die anderen ein Affront sein:

    Barmeyer: Also, es wurde viel unterbrochen, es wurde sehr hitzig diskutiert und dann dachte ich So, jetzt muss ich hier mal für Ordnung sorgen. Als Deutscher, bin an den Flipcharts gegangen und habe so sieben, acht Kriterien aufgeschrieben, also Fachkenntnis, Erfahrung, Sprachkenntnisse, Ausrichtung. Und noch während ich diese schönen, für mich wichtigen Kategorien aufschrieb, zischte mir der Schuldirektor zu Christoph, asser toi Christoph, setz dich wieder hin. Und dann war ich wie so ein kleiner Junge, der sich wieder hinsetzte und und war verwirrt, weil ich hatte ja aus meiner Sicht nur das Richtige getan.

    Sprecher: Warum unser Gast Professor Christoph Barmeyer, Leiter des Lehrstuhls für interkulturelle Kommunikation an der Universität Passau, hier eben nicht das Richtige getan hat, erfahren Sie im zweiten Teil dieses Podcasts. Er erklärt auch, was Beschäftigte im Ausland beherzigen sollten und, wie sie interkulturelle Missverständnisse vermeiden können...

    Jetzt aber fragen wir unsere GTAI-Korrespondentin Frauke Schmitz-Bauerdick, wo die kulturellen Stolpersteine im Auslandsgeschäft liegen. Und da geht es nicht nur um ferne Länder. Schon unsere direkten Nachbarn sind in vielen Dingen anders drauf. Beispiel Frankreich – unsere engen europäischen Freunde. Trotz der der räumlichen Nähe gibt es hier so einiges zu beachten….

    Das geht bei der Begrüßung los. Wie war das noch? Küsschen rechts, Küsschen links. Oder andersherum? Zwei oder sind es etwa drei?

    Frauke Schmitz-Bauerdick hat für Germany Trade and Invest in zwei fremden Kulturen persönliche Erfahrungen gesammelt – im nahen Frankreich und im fernen Vietnam.

    Sprecher: Liebe Frau Schmitz-Bauerdick, stellen Sie sich doch bitte kurz vor. Was machen Sie für GTAI?

    Schmitz-Bauerdick: Mein Name ist Frauke Schmitz-Bauerdick, ich bin seit gut einem Jahr hier in Paris und berichte für Germany Trade and Invest als Auslandskorrespondentin über den französischen Markt für deutsche Unternehmen, die sich hier engagieren wollen. Davor war ich gut sechs Jahre in Hanoi in Vietnam und habe von da aus über die Herausforderungen und Chancen berichtet. Kurz ein paar Worte zu GTAI: Germany Trade and Invest ist die deutsche Außenwirtschaftsförderungs-Agentur der Bundesregierung. Wir sind in 60 Standorten in der ganzen Welt vertreten. Hanoi und Paris sind zwei davon.

    Sprecher: Bereits die Begrüßung in Frankreich ist nicht ganz ohne. Wo verbergen sich denn generell Schwierigkeiten für deutsche Unternehmer, wenn sie mit Franzosen an einem Verhandlungstisch sitzen?

    Schmitz-Bauerdick: Was Deutschen häufig vorgeworfen wird gerade in Geschäftsverhandlungen ist die Effizienz, ein gewisser Charakter eines Bulldozers. Der deutsche Spruch 'erst die Arbeit, dann das Vergnügen' ist diametral dem französischen Geschäftsgebaren entgegengesetzt. Was in Frankreich wirklich wichtig ist, ist zunächst mal Smalltalk, Gespräche, sich gegenseitig kennenlernen, sich ein bisschen Zeit nehmen, flexibel sein. Eine gewisse persönliche Basis zu finden, ist sehr wichtig, bevor man tatsächlich in die Geschäftsverbindung eintritt. Deutsche haben tatsächlich Tendenz zu sagen Wir kommen, wir treffen uns, wir sind pünktlich da, wir machen das Geschäft und danach kann man auch gerne irgendwo hingehen, was Schönes essen und ein Glas Wein dabei trinken. Die Franzosen machen es gerne andersrum.

    Sprecher: Woher weiß ich das denn? Soll ich mich vorab auf einem Seminar darauf vorbereiten?

    Schmitz-Bauerdick: Es gibt gerade für Frankreich sehr viele interkulturelle Trainings und Anbieter von interkulturellen Trainings und ich halte das für sehr sinnvoll. Wenn man jetzt allerdings nicht die Möglichkeit hat, sich für eine Vielzahl von Ländern sich auf eine Vielzahl von Ländern vorzubereiten, denke ich, kommt man auch mit gewissen Grundregeln weiter.

    Sprecher: Ok, und welche sind das?

    Schmitz-Bauerdick: Das ist für Deutsche in Geschäftsbeziehungen: Sei ordentlich angezogen. Das Zweite ist: Sei pünktlich. Als Deutscher hast du den Ruf, pünktlich zu sein, der dir durch die ganze Welt vorauseilt. Dann ist es auch egal, ob in dem jeweiligen Land Pünktlichkeit eine Tugend ist oder nicht. In Frankreich kommt man beispielsweise gerne eine halbe Stunde zu spät. Das ist ganz üblich. Als Deutscher sollte man pünktlich sein.

    Sprecher: Und eine dritte Regel gibt’s auch?

    Schmitz-Bauerdick: Das Dritte ist mit Humor. Das heißt, dass man weder sich noch den Geschäftspartner viel zu ernst nimmt. Vor allem Humor in eigener Sache bzw Humor gegenüber eigenen Fauxpas ist ausgesprochen wichtig, damit man auch. Sympathie aufbaut. Wer über sich selbst lachen kann, ist grundsätzlich jemand, mit dem man auch weiterreden kann. Und mit Menschen, mit denen man reden kann. Mit denen macht man lieber Geschäfte als Menschen, mit denen man bei denen man das Gefühl hat, dass man von ihnen überrollt wird.

    Sprecher: Und das war es jetzt?

    Schmitz-Bauerdick: Womit man wirklich sehr weit kommt, ist mit Höflichkeit, es mit Respekt seinem Gesprächspartner gegenüber und es mit Flexibilität. Das heißt darauf eingehen, dass Dinge sich vielleicht nicht so, wie man sie jetzt von zu Hause erwarten würde.

    Sprecher: Was gilt als höflich in Frankreich?

    Schmitz-Bauerdick: Das sind Kleinigkeiten wie: Die Türe wird aufgehalten, selbst in der Metrostation. Wenn 97.000 Menschen durch die gleiche Tür gehen, man hält den Bach gehenden, der danach kommt, immer die Tür auf. Man sagt regelmäßig Bonjour. Es ist ganz, ganz wichtig, morgens zu grüßen, sowohl in der Bäckerei, in Geschäften als auch die Nachbarn. Wie man trifft. Man sagt Bonjour. Wenn man das nicht macht, ist man eigentlich ein grober, unhöflicher Mensch.

    Sprecher: Sie waren vor Frankreich in Vietnam. Das Land war ja einmal eine Kolonie Frankreichs. Gibt es da Parallelen im Miteinander? Auch für Geschäftsleute?

    Schmitz-Bauerdick: Auch in Vietnam ist es wichtig, viel Zeit und viel Flexibilität mitzubringen. Die Vietnamesen können sehr effizient sein, aber grundsätzlich ist es dort eher schwierig, erste Geschäftskontakte zu finden. Die Geschäftsanbahnung war in Vietnam quasi eine kalte Akquise ist so gut wie unmöglich. Man braucht immer einen Paten, der einem zur Seite steht, der einen in die Geschäftswelt einführt, der für einen als eine Art Bürge dasteht. Ansonsten sind Vietnamesen neuen Geschäftsbeziehungen häufig relativ zurückhaltend gegenüber. Das ist eine Folge auch oder ist einfach eine andere Geschäftskultur, eine Geschäftskultur, die mehr auf Loyalität ausgelegt ist, die mehr auf geschlossene Kreise ausgelegt wird und von diesen geschlossenen Kreisen - geschlossene Geschäftsreise, geschlossene Familienkreise durchdringen mit Loyalität durchdrungen mit Hierarchiestufen. Das führt dazu, dass Vietnamesen grundsätzlich eher zurückhaltend sind, was Geschäfte mit unbekannten Geschäftspartnern angeht. Das liegt auch daran, dass eine andere Gesprächskultur in dem Sinne vorliegt, dass Vietnamesen davon ausgehen, dass bei einem Geschäft einer gewinnt, der andere verliert.

    Sprecher: Und damit haben deutsche Geschäftsleute Probleme?
    Schmitz-Bauerdick: In Deutschland ist es regelmäßig so, dass man sagt, eine Win-win-Situation ist eine gute Situation für beide. In Vietnam ist ein gutes Geschäft das Yin, das Geschäft, bei dem ich wirklich hinterher gut dastehe. Von daher ist natürlich das Misstrauen gegenüber Geschäftspartnern, die man nicht kennt, ausgesprochen groß.

    Sprecher: Wie überwindet man diese Klippe? Was mache ich als Unternehmer, um Vertrauen aufzubauen?

    Schmitz-Bauerdick: Das Wichtige ist, dass man sich etwas Zeit nimmt und dass man nicht erwartet, dass man in Hanoi frühmorgens am Flughafen landet, sich schnell umzieht, zum Geschäftstreffen fährt und drei Stunden später den Vertrag in der Tasche hat. Man muss davon aus, man sollte immer in Begleitung kommen. Man kommt ja ohnehin mit Übersetzer. Man wird häufig eingeführt durch Personen, denen man vertraut, beispielsweise durch die jeweils im Land sehr aktive Außenhandelskammer, die einem auch Geschäftspartner Vorschläge machen kann und sonstiges, sodass man schon einen gewissen Stallgeruch hat, auch für die vietnamesischen Geschäftspartner. Und dann muss man davon ausgehen, dass das das ist erst mal Zeit braucht, sich kennenzulernen.

    Sprecher: Was sind denn die klassischen Fehler, die deutschen Unternehmen in Vietnam unterlaufen, wenn sie unvorbereitet ins Land kommen?

    Schmitz-Bauerdick: Dann kann es vorkommen, dass gerade deutsche Geschäftsleute den Fehler machen, mit einer gewissen Arroganz oder einem gewissen Überlegenheitsgefühl oder auch einer gewissen Gönnerhaftigkeit in die Geschäftsverhandlungen zu gehen. Und da sind sie schlecht aufgehoben. Also Arroganz ist ganz, kommt überhaupt nicht gut. Besserwisserei ist noch schlimmer, weil Besserwisserei führt dazu, den Geschäftspartner in irgendeiner Form bloßzustellen, was nirgendwo auf der Welt sehr angenehm ist, aber gerade in Vietnam wie auch in anderen asiatischen Ländern als Bloßstellung, als Gesichtsverlust gewertet wird. Auch ein Verhalten, das definitiv nicht dazu führt, dass die Geschäfte besser laufen. Und gönnerhaft ist es auch gefährlich, weil man dadurch den vietnamesischen Geschäftspartner unterschätzt. Und das sollte man niemals machen.

    Sprecher: Warum nicht?

    Schmitz-Bauerdick: Vietnamesen sind Vietnamesen, sind sehr gewiefte Geschäftspartner, sind sehr stark in den Verhandlungen und sind jetzt auch sehr stark daran interessiert, ihre eigenen Positionen durchzusetzen.

    Sprecher: Von vielen Ländern weiß man, dass Geschäftspartner nie ‚nein‘ sagen, weil eine direkte Absage als zu unhöflich angesehen wird. Wie ist das in Vietnam, wenn ein Geschäft scheitert? Wie teilen die Vietnamesen uns das mit?

    Schmitz-Bauerdick: Man stellt es hinterher fest, indem keine Rückmeldung kommt, auch auf Nachfragen keine Rückmeldung kommt. Das habe ich. Dafür brauche ich lange Zeit. Was ist, wenn ich keine Rückmeldung bekam war das im Prinzip eine Ablehnung. Direkt zu sagen Nein, das machen wir so nicht, das passiert in der Regel nicht. Also das ist. Es. Was das ist. Die einzigen Menschen, die das eventuell machen können, sind Vietnamesen, die in Deutschland sozialisiert wurden durch Studium oder möglicherweise Schule. Aber ansonsten wird niemals direkt ins Gesicht gesagt Nee, das geht so nicht.

    Sprecher: Wie lange braucht man, bis man in einem Land wirklich angekommen, ja heimisch ist?

    Schmitz-Bauerdick: Bis man angekommen ist, bis man sich zurechtfindet, dauert mindestens ein Jahr, je nach Umfeld. Wie vertraut dieses Umfeld ist, kann es auch länger dauern. In Vietnam war ich nach einem Jahr so, dass ich das Gefühl hatte, ich komme zurecht. Ich komme im Alltag zurecht, ich komme beruflich zurecht. Ich weiß ungefähr, wie der Hase läuft. Aber diese Zeit hat es sicherlich gedauert. Allein Kleinigkeiten wie deutscher Humor kommt nicht überall in der Welt wirklich gut an! Das sind Dinge, die das braucht. Seine Zeit.

    Sprecher: Und ging das in Frankreich schneller?

    Schmitz-Bauerdick: In Frankreich ging es etwas schneller. Aber Frankreich war natürlich ein Land, das mir durch Studium und viele Urlaubsreisen einfach sehr vertraut ist. Obwohl es, auch wenn man dann tatsächlich wieder im Land lebt, es etwas anderes ist. Dennoch auch wenn die deutsch französische Verbundenheit stark ist groß ist, wenn man das Gefühl hat, man kennt sich gut, gibt es immer wieder Dinge, wo ich denke mir, das ist jetzt irgendwie anders.

    Sprecher: Wie wichtig ist die Sprache?

    Schmitz-Bauerdick: In Vietnam kommt man mit Englisch zu Recht gut zurecht, insbesondere wenn man sich faktischer Weise auch sehr viel in der Expat Community aufhält. Kontakte, freundschaftliche Kontakte zu Vietnamesen, die nicht die Sprache sprechen, die kein Englisch sprechen, sind natürlich aufgrund der sprachlichen Begrenzung sehr schwierig. In Frankreich ist das anders. Frankreich ist europäisch, Französisch ist eine europäische Sprache. Ich habe das Glück, Französisch sprechen zu können, weil ich damals zwei Jahre in Paris studiert hatte. Und das hilft mir sehr.

    Sprecher: Das heißt aber, dass Sie in Vietnam immer auf einen Dolmetscher angewiesen waren? Immer und überall?

    Schmitz-Bauerdick: Für komplexere Dinge, und sei es Alltagsdinge, sei es gerade in geschäftlichen Angelegenheiten braucht man einen guten Übersetzer. Ich selbst habe versucht, mehr als acht Jahre die Sprache zu erlernen. Ich habe es zum Ende hin geschafft, am Telefon ein Taxi zu bestellen oder mein Essen zu kaufen.

    Sprecher: Können Sie heute noch etwas sagen auf Vietnamesisch?

    Schmitz-Bauerdick: Kann ich gerne machen. Ich stelle mich einfach kurz vor. {spricht auf Vietnamesich} . Das bedeutet, ich heiße Frauke Schmidbauer-Dick. Ich lebe jetzt in Frankreich und habe früher in Hanoi gearbeitet.

    Sprecher: Wie wichtig ist Smalltalk? Und was sind die richtigen Smalltalk-Themen?

    Schmitz-Bauerdick: Ich kann nur für diese beiden Länder sprechen oder für den asiatischen Raum. Grundsätzlich sind Themen wie Familie, Sport die Vietnamesen sportbegeistert. Die Franzosen sind sehr sportbegeistert. Das sind Dinge, über die gerne gesprochen wird, über die viel gesprochen wird. Worüber in Vietnam überhaupt nicht gesprochen werden sollte, ist Politik als kommunistisches Einparteiensystem, vergleichbar dem in China. Politik sollte außen vorgehalten werden. Beleidigungen von historischen Persönlichkeiten wie Ho Chi Minh werden ganz, ganz übel aufgenommen. Also dann kann man eigentlich direkt wieder nach Hause fahren. In Frankreich ist Politik sicherlich ein Thema. Man sollte sich aber mit Kritik am Frankreich und an den Franzosen selbst zurückhalten. So gerne die Franzosen vor sich hin schimpfen, es gibt ein französisches Wort, das ist in dieser Form nicht übersetzbar. Es heißt raler. Das bedeutet im Prinzip vor sich hin schimpfen. Und die Franzosen, gerade die Pariser, sind gut darin, alles ein bisschen zu ‘ralieren’.

    Sprecher: Und wie verhalte ich mich als Chef gegenüber meinen einheimischen Mitarbeitern?

    Schmitz-Bauerdick: Vietnam ist ein konfuzianische geprägtes Land. Was bedeutet, es gelten loyale Loyalität, Pflichten. Das heißt, der Chef hat das Recht zu befehlen und zu bestimmen.Es wird erwartet, dass er die Richtung vorgibt. Dafür ist er aber auch für das Wohl seiner Angestellten verantwortlich. Ein guter Chef sorgt dafür, dass es seinen Angestellten gut geht, wenn sie ordentlich für ihn arbeiten. Und die Angestellten arbeiten ordentlich für ihn, wenn er für sie sorgt, das heißt ihnen regelmäßig das Gehalt bezahlt, sich um sie kümmert.

    Sprecher: Sind die Mitarbeiter dafür dann auch besonders loyal?

    Schmitz-Bauerdick: Allzu viel Loyalität sollte man nicht erwarten. Das ist ein schnell wachsender Markt. Es besteht Fachkräftemangel wie überall auf der Welt. Was bedeutet: der Mitarbeiter fühlt sich nicht wohl, der Mitarbeiter sucht sich ein neues Unternehmen. Der Mitarbeiter sucht sich auch häufig schon dann ein neues Unternehmen, wenn die Bezahlung in einem anderen Unternehmen besser ist und sei es bloß geringfügig besser ist. Es sei denn, das Geschäftsklima in dem jeweiligen Unternehmen wäre so gut, dass das einige Dong mehr oder einige Dollar mehr ihn nicht dazu bewegen können, zu gehen.

    Sprecher: Eine Frage noch: Sie waren sechs Jahre in Vietnam, was vermissen Sie?

    Schmitz-Bauerdick: Was mir tatsächlich fehlt, ist die Suppe. Die vietnamesischen Suppen des Mittags, die haben wir wirklich gefehlt. Ich hatte ein eigenes Moped und bin Moped gefahren. Das fehlt mir auch fürchterlich. Und was mir. Auch in gewisser Weise fehlt es. Diese Buntheit ist schon ein bisschen aufregender, insgesamt lebendiger in Hanoi gewesen.

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    Vorbereitung auf den Auslandseinsatz

    Kulturelle Unterschiede werden meist stark unterschätzt. In der Theorie mag vielen zwar klar sein, dass man sich im Ausland anpassen sollte. Die praktische Umsetzung ist hingegen oft eine echte Herausforderung, vor allem, wenn der Arbeitsdruck hoch ist.

    Dabei ist es oft zielführender, sich möglichst schon vor der Abreise in ein anderes Land mit der neuen Kultur auseinanderzusetzen und erst dann ans Geschäft zu denken. Unzählige Anbieter für interkulturelle Trainings bereiten deutsche Geschäftsleute auf Auslandsaufenthalte allgemein oder auf bestimmte Länder vor. Neben zahlreichen privaten Agenturen vermitteln auch Industrie- und Handelskammern, Universitäten und Volkshochschulen interkulturelle Kompetenz.

    Außerdem gibt es unzählige Fachbücher und Artikel zum Thema, auch von Germany Trade & Invest. Erfahrene GTAI-Korrespondentinnen und Korrespondenten erklären in der kostenfreien Publikationsreihe “Verhandlungspraxis”, was in ihren Berichtsländern üblich ist. Beziehungsweise, was deutsche Geschäftsleute unbedingt unterlassen sollten. Die GTAI-Publikation ist kostenfrei abrufbar unter www.gtai.de/verhandlungspraxis.


    Darüber hinaus veröffentlicht Germany Trade and Invest für 165 Länder jedes Jahr kurz und kompakt Informationen zu lokalen Feiertagen, wichtigen kulturellen Unterschieden sowie Dos and Don'ts. Abrufbar sind die Informationen unter www.gtai.de/feiertage. Wie immer erwähnen wir diese und viele weitere Links auch nochmal in den Shownotes.

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    Unsere GTAI-Kollegin Schmitz-Bauerdick hat eben von ihrer persönlichen Erfahrung aus Vietnam und Frankreich berichtet. Jetzt wollen wir das mal wissenschaftlich unterfüttern. Wir sprechen mit Professor Christoph Barmeyer.

    Sprecher: Hallo Herr Barmeyer, können Sie uns kurz aufklären: Was machen Sie beruflich?

    Barmeyer: Ich bin Professor an der Universität Passau und habe den Lehrstuhl für Interkulturelle Kommunikation inne. Ich betreue auch einen Bachelor- und Masterstudiengang. Der nennt sich Kulturwirt - International Cultural and Business Studies.

    Sprecher: Und was ist an dem Lehrstuhl der Forschungsschwerpunkt?

    Barmeyer: Dort lernen Studierende auch in unterschiedlichen Arbeitskontexten zu arbeiten. Also wir forschen eigentlich zu Menschen in Organisationen, vor allem, wenn diese Menschen unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, unterschiedliche Sprachen sprechen, zu unterschiedlichen Kulturen gehören. Und da haben wir einfach viele Formen der Kommunikation und der Kooperation. Wenn wir zum Beispiel an Teams denken oder an das Thema der Führung. Oder auch wenn multinationale Organisationen bestimmte Praktiken oder Produkte von einem Land in ein anderes transferieren, zum Beispiel die Unternehmenskultur, vielleicht auch Qualitätsmanagement, Standards oder Compliance, dann sind das alles interkulturelle Prozesse. ...bei denen es zu Störungen kommen kann, aber nicht muss... Mir ist immer wichtig, dass wir diese kulturellen Unterschiede und auch die Interkulturalität als etwas Bereicherndes sehen. Also die Welt wird eigentlich erst interessant durch die Unterschiedlichkeit. Wenn wir alle gleich wären, dann wäre die Welt ganz langweilig und farblos und die Farbe kommt eigentlich erst durch diese Unterschiede und die Unterschiede sind da. Aber wir müssen sie irgendwie verstehen. Das ist, was wir in Passau machen. Und ich selbst habe im Ausland gelebt, vor allem im frankophonen Ausland, also in Montreal und in Wien, Paris und Straßburg. Auch in Südfrankreich. In Straßburg habe ich an einer Business School mit Personal und Finanzverwaltung Verantwortung. Tschuldigung, habe ich acht Jahre lang gearbeitet und war so einer der wenigen Ausländer der wenigen Deutschen in einer französischen Organisation und habe da sehr viel erlebt. Und das hat mich eigentlich zu dem interkulturellen Thema dann auch wirklich gebracht, das zu vertiefen.

    Das Elsass ist in dem Sinne besonders spannend. Da sagen ja viele, das ist halb Deutsch.
    Ja, ist es, aber erst mal so ein Grenzraum also. Also eine Mischung aus französischer und deutscher Kultur, das Elsass war ja lange Zeit deutsch und immer wieder französisch und es gibt wirklich sehr lustige Überschneidungen, wo man sich manchmal fragt Ist man jetzt in Deutschland, ist man in Frankreich. Wir nennen das Hybridität, also wie eigentlich zwei Kulturen sich so vermischen. Und es macht natürlich auch einen Sinn, warum sich viele Deutschen im Elsass so wohlfühlen. Weil es eben noch nicht so ‚la France profont‘ ist, also das tiefe Frankreich, sondern eben so ein leichtes Frankreich sozusagen France light.

    Sprecher: Aber auch da gibt es vermutlich wie überall viele kleine Missverständnisse?

    Barmeyer: Da gibt es natürlich ganz viele. Und was ich, glaube ich, erst mal so vorausschicken möchte, das ist, dass diese Beispiele, wir nennen es auch Critical Incidents, also kritische Interaction Situationen, die haben in der Situation etwas Dramatisches oder etwas, was uns emotional aufwühlt. Und im Nachhinein kann man oft drüber lachen eigentlich.

    Sprecher: Zum Beispiel?

    Barmeyer: Also es gibt Kulturen, in denen zum Beispiel Unterbrechungen ganz normal sind. Also Sie haben eine Sitzung, sie haben ein ein Verhandlungsgespräch und sie fangen an zu reden und werden unterbrochen. Und als Deutscher neigt man dazu, diese Unterbrechung als etwas konfrontativer zu verstehen und wird aufhören zu sprechen. In anderen Kulturen. Das sind romanische Kulturen in Lateinamerika, in Italien, in Frankreich, in Spanien ist aber Unterbrechung etwas Affirmatives. Also ich bin deiner Meinung, ich finde das interessant. Ich habe etwas dazu zu sagen. Ich finde das spannend. Und das ist so ein schönes Beispiel für so ein kulturelles oder interkulturelles Missverständnis. Also man, man verhält sich normal, aber löst bei dem anderen etwas aus, was Sie irritiert. Ich spreche ja auch gern von virtuellen Ohrfeigen. Also man, man, man bekommt eine Ohrfeige und der andere merkt gar nicht, dass er sie ausgeteilt hat.

    Sprecher: Haben Sie so etwas schon selbst erlebt? Also virtuelle Ohrfeigen oder einen “Critical Incident”?

    Barmeyer: Also wir hatten die Personalauswahl für eine neue Stelle und hatten acht Bewerber und saßen im Directions Committee, dem ich angehörte und und wir mussten jetzt einen oder eine Bewerberin aussuchen, eine Kandidatin aus aus diesen acht, acht Bewerbungen. Und alle durcheinander gesprochen. Also es wurde viel unterbrochen, es wurde sehr hitzig diskutiert und dann dachte ich So, jetzt muss ich hier mal für Ordnung sorgen. Als Deutscher, bin an den Flipcharts gegangen und habe so sieben, acht Kriterien aufgeschrieben, also Fachkenntnis, Erfahrung, Sprachkenntnisse, Ausrichtung. Und noch während ich diese schönen, für mich wichtigen Kategorien aufschrieb, zischte mir der Schuldirektor zu Christoph, assieds-toi Christoph, setz dich wieder hin. Und dann war ich wie so ein kleiner Junge, der sich wieder hinsetzte und und war verwirrt, weil ich hatte ja aus meiner Sicht nur das Richtige getan. Ich wollte also Struktur schaffen und fachliche Kriterien angeben, hatte aber nicht bedacht, dass ich in diesem Moment eigentlich die Rolle des Direktors übergangen hatte. Ich stand am Flipchart, alle guckten auf mich, ich konnte sozusagen das Gespräch steuern. Und das hat also meinem französischen Chef überhaupt nicht gefallen, obwohl ich er durchaus gesehen hat, dass das sinnvoll war. Aber es ging sehr stark. Also welche Rolle, welche Rolle darf ich einnehmen und bin ich mehr so ein Moderator oder bin ich der Chef und wir? Wir können das in Deutschland, glaube ich ganz gut unterscheiden. Und in vielen anderen Kulturen können wir das nicht unterscheiden, weil die Rolle sehr stark mit meiner Funktion, mit meiner Hierarchie, mit meiner Position zu tun hat.

    Sprecher: Wenn einem dieses Vorwissen fehlt, kann das Geschäfte also tatsächlich gefährden?

    Barmeyer: Wenn wir kein interkulturelles Wissen haben, dann kostet das den die Akteure eigentlich Zeit, Geld und Nerven. Und das Fatale ist eben, dass wir in Arbeitssituationen vielleicht emotional betroffen sind, dass Auslands Entsendungen abbrechen früher, dass das nur der Geschäftsverhandlung daneben geht oder auch ein Aufkauf, also letztendlich nicht die Erfolge bringt, die es hat. Und wenn wenn man Kultur als die Art und Weise definiert, wie wir Probleme lösen, also wie Menschen Lösungen finden. Ja und jetzt kann man mal sagen, wir Deutschen, wir haben eine lieb gewonnene oder normal als normal angesehene Arten und Weisen, wie wir Probleme lösen, so wir vielleicht planen, dass wir was strukturieren, dass wir was berechnen. Und dann gibt es aber Kulturen, die das ganz anders machen. Also die sind vielleicht viel flexibler, die sind viel weniger planerisch. Wenn ich dann verstehe, dass Zentralismus etwas Gutes hat. Ein autoritärer Führungsstil hat auch positive Seiten. Dann kann ich damit eigentlich arbeiten und kann das für mich nutzbar machen. Und in dem Moment, wo ich jetzt versuche, also meinen Führungsstil, meine Problemlösungskompetenz Art dem anderen oder der anderen Person aufzudrücken, das kann eben in vielen Fällen schief gehen.

    Sprecher: Was also sollte ich meinen Mitarbeitern mit auf den Weg geben, wenn sie ins Ausland gehen?

    Barmeyer: Ja. Also ich glaube, man sich ein bisschen zurücknehmen, nicht gleich zu werten. Ich habe vorhin mal von von Haltung gesprochen. Also nicht gleich zu werten und zu sagen, das ist ja blöd oder sich zu ärgern. Jetzt kommt der brasilianische Kollege 15 Minuten zu spät, der respektiert mich nicht. Also sich so ein bisschen zurückzunehmen und eigentlich auch ganz gut zu beobachten, wie machen das die anderen? Wie verhalten sich die Leute? Woher kommen die Missverständnisse und wie umschiffen wir sie?

    Kultur ist ja unsichtbar. Kultur ist in Werten, in Normen, in vielleicht bestimmten Praktiken vorhanden. Aber erst mal nehmen Menschen, das merke ich sehr oft bei Fach und Führungskräften eine Fehlattribution wahr. Also Sie, Sie denken ja, diese Person antwortet jetzt nicht auf meine Email. Ja und jetzt denken die okay, also diese Person will nicht mit mir zusammenarbeiten oder diese Person ist mir nicht wohlgesonnen. Und das heißt wir befinden die Attribution also auf ein Verhalten, bestimmte Interpretationen, die aber vielleicht gar nicht richtig sind, wenn jemand zu spät kommt, zum Beispiel. Welche Bedeutung hat Pünktlichkeit? Ist Pünktlichkeit etwas Wichtiges? Ist sie im Arbeits kontext wichtig, im privaten Kontext wichtig? Und ich, ich, ich, ich erzähle gerne immer meinen Studierenden und auch meinen Teilnehmern, Fach und Führungskräften.

    Deine kleine Geschichte also, die sie vielleicht auch kennen. Wir sprechen da auch von der Ähnlichkeitsannahme: Also, auf einmal kommt eine große Flut in einem Urwald und, äh, auf einem Baum sitzt ein Affe, der sieht einen Fisch, der also von dieser Strömung, fast weggetragen wird und so gegen diese Strömung kämpft. Und der Affe sagt Mensch, ich muss dem Fisch doch was Gutes tun. Klettert von seinem Baum runter, holt den Fisch aus dem Wasser heraus und ja, und wir können uns vorstellen, wie es dem Fisch dann so ergeht. Also an der Luft. Ja, und das ist etwas, was wir Ethnozentrismus nennen. Also ich glaube, dass meine Art und Weise, Dinge zu denken, zu tun, das ist die richtige Art und Weise. Und damit ich versuche also etwas, ich glaube, das ist sehr wichtig hier im Interkulturellen. Ich will was Gutes tun, ich will was Normales tun, was ich für richtig halte, bewirke aber beim Gegenüber eigentlich genau das Gegenteil. Und das ist sehr oft unbewusst. Also wir lösen dann eine Reaktion aus. Die andere Person zieht sich zurück, ist eingeschnappt, ist verärgert oder lacht über uns und wir wissen aber gar nicht warum. Ja, weil wir ja eigentlich aus unserer Sicht alles richtig gemacht haben.

    Sprecher: Sie geben interkulturelle Coachings und Seminare. Wie sehen die aus?

    Barmeyer: Ich versuche erst mal ein Bewusstsein zu schaffen. Wir hatten ja vorhin von dem Fisch und dem Affen gesprochen. Und diese Ähnlichkeitsannahme und ich, ich, ich überzeichne sozusagen so ein bisschen Unterschiede und Besonderheiten. Also so ein Bewusstsein zu schaffen. Ich selbst bin Rheinländer und am am elften elften um 11:11. Da beginnt der Karneval in Kölle. Ja, in Frankreich ist der 11. November nach dem 14 Juli der zweitwichtigste Feiertag. Das war der Waffenstillstand. Erster Weltkrieg. Also Frankreich hat hat er unglaublich geblutet, hat, hat mehr Menschen verloren als im Zweiten Weltkrieg. Und der 11. November ist ein sehr, sehr wichtiger heiliger Tag in Frankreich. Und ich versuche dann durch solche Beispiele aufzuzeigen. Also Vorsicht, diese Bedeutung kann eine ganz, ganz andere sein. Und überzeichnen so ein bisschen. In einem zweiten Schritt würde ich dann Wissen vermitteln. Natürlich geht sehr viel um Wissen, was man vermittelt. Aber auch Selbstreflexion, wenn ich interkulturelle Workshops oder Trainings mache, dann gibt es eine Wissens Komponente. Es gibt aber auch eine Bewusstseins Komponente. Also was bringe ich eigentlich so mit gegenüber anderen Kulturen? Was habe ich für Kompetenzen? Bin ich geduldig? Bin ich offen? Bin ich neugierig? Bin ich lernbereit? Ich habe also Teilnehmer, die finden das faszinierend, was ich da erzähle über Frankreich und Quebec und andere Länder. Aber. Aber so richtig, so toll finden die das eigentlich nicht und wollen dann auch gar nichts lernen und schon gar nicht umsetzen. Also wenn wir einfach mal an ein Beispiel denken. Man wird unterbrochen in der Verhandlung. Jetzt muss man als Deutscher eigentlich üben. Ich muss jetzt den anderen wiederum unterbrechen. Ein ein Muster, was wir nicht gelernt haben als Kind, als Jugendlicher, was wir auch nicht praktizieren. Und dann versuche ich eben in meinen Workshops gerade an diesen Mustern zu arbeiten. Also wie kann es eigentlich gelingen, dass ich meine mein Verhalten anpasse an einen anderen Kontext?

    Sprecher: Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

    Barmeyer: Wenn wir bei Produzenten sind, dann haben wir in unserer Forschung immer wieder festgestellt, dass es ein unterschiedliches Verständnis auch von Qualität gibt. Und wir haben Beispiele aus Lateinamerika, wo also Produktionsstätten sind, zum Teil Industrieprodukte gefertigt wurden und bestimmte Lackierungen, bestimmte Schweißnähte dann nicht den deutschen Qualitätsstandards entsprechen. Und dementsprechend muss man auch wiederum kultursensibel versuchen, also wie kann ich jetzt rüberbringen, das sind unsere Standards. Und wenn wir auf dem Weltmarkt als ein deutsches Produkt oder eine Dienstleistung auftreten, dann müssen diese Standards auch eingehalten werden. Ich hatte so ganz konkret ein Beispiel, wo dann die Die deutsche Muttergesellschaft, der Produktionsleiter ließ also den lateinamerikanischen Produktionschef einfliegen nach Deutschland und zeigte ihm also so richtig wie Also so muss das Produkt aussehen. Und gleichzeitig hielt er also das lateinamerikanische Produkt daneben und sagte So geht das gar nicht. Und das war ein furchtbarer Gesichtsverlust für den Kollegen. Ja, und da sehen wir also schon das macht einen großen Unterschied. Ja, was wollen wir eigentlich hinaustragen in die Welt? Und wie kann ich das verständlich machen? Was sind Qualitätsstandards, was Qualitätsanforderungen ohne die, ohne mein Gegenüber zu düpieren?

    Sprecher: Wie lange dauert das, bis jemand das verinnerlicht?

    Barmeyer: Die Frage kann man nicht so einfach beantworten, weil bei bestimmten Menschen kann das relativ schnell gehen, die einfach erkennen, also da ist irgendwas anders und die, die sind dann auch motiviert. Also die wollen was lernen, die sind neugierig, die stellen Fragen. Und ich habe mit Fach und Führungskräften zu tun, die die seit zehn Jahren international arbeiten und die mir sagen Also Herr Barmeyer, ja, die wollen mich alle ärgern, die wollen mich alle ärgern, und eigentlich nicht einsehen, dass das sie die anderen Menschen nicht ändern können, sondern dass sie ihre Haltung, ihre Haltung gegenüber den anderen ändern müssten. Also ich glaube, es hat viel mit uns selbst zu tun und wie schnell wir dann ja auch bereit sind zu lernen, zu verstehen. Also ich, ich habe auch auch wirklich Teilnehmende, die ganz viel lesen und Fernsehen schauen und YouTube Videos schauen und Spielfilme schauen. Und mit jedem Spielfilm gibt es wieder ein neues Puzzlestein, um eine Kultur zu verstehen.

    Sprecher: Sollte man also auch darauf achten, welchen Mitarbeiter man wohin schickt? Dass man quasi den Charakter berücksichtigt?

    Barmeyer: Ich denke, Persönlichkeit und Temperament, absolut, also ich glaube, wir haben alle so einen Kontext und ein Umfeld, in dem wir uns wohlfühlen. Und ich, ich kenne lustigerweise sehr viele Franzosen, die also das Strukturierte in Deutschland, dieses ach ja, wie soll ich das sagen?, also es sind viele, die diese Sachorientierung, die wir Deutschen haben, dass wir uns stundenlang über eine Sache objektiv unterhalten können, das finden die ganz wunderbar. Ja, so, und wenn ich jetzt mal wieder was mit Franzosen zu tun haben, dann sind die völlig genervt von französischen Sitzungen, von von der Zeit, die das braucht. Der Franzose – wurde also zum Deutschen - übertrieben ausgedrückt. Das kenne ich: Deutsche, die, die das lieben in Frankreich, diese Freiheit, diese Flexibilität, diese, diese, diese Möglichkeit, Dinge zu tun, Dinge durchzusetzen, eine unglaubliche Kreativität zu entfalten. Die das in Deutschland gar nicht so könnten und tun würden. Und wir haben ja immer mehr Menschen, die bikulturell sind, also die eigentlich nicht mehr nur so einer Kultur angehören, sondern verschiedenen Kulturen. Man könnte auch sagen in Norddeutschland, in in Berlin läuft vieles ganz anders als in München. Und dadurch entstehen natürlich auch so neue Formen, dass das Zusammenarbeit und dies auch wiederum ein bisschen interessanter machen.

    Sprecher: Eine letzte Frage: Wie wichtig ist Sprache im interkulturellen Kontext?

    Barmeyer: Das ist eine gute Frage. Also, mein verstorbener Vater hat lange Zeit in Südfrankreich gelebt und sprach eigentlich kein Französisch, konnte sich aber wunderbar mit den Menschen irgendwie verständigen und mit den Menschen umgehen. Und er hatte, so will ich es heute sehen, eine interkulturelle Kompetenz. Ich hatte eine sehr intellektuelle Mutter, die also toll französisch sprach, also sich wirklich ganz toll ausdrücken konnte. Aber das heißt nicht, dass sie jetzt da interkulturell kompetenter war als mein Vater, der das nicht konnte. Die Sprache öffnet bestimmte Türen, sie schafft ein Vertrauen. Andererseits, in vielen Kulturen ist es ganz normal, dass man Englisch spricht. Und da würde ich auch sagen, es ist eigentlich die interkulturelle Kompetenz wichtiger. Also ich glaube, Sprachfehler werden viel leichter verziehen, als wenn ich bestimmte Verhaltensweisen an den Tag lege, die den anderen irritieren oder schlimmstenfalls schocken. Und interkulturelle Kompetenz würde eben helfen, dass ich mich kulturadäquat verhalte und damit eben auch mein Geschäft, mein Ziel sozusagen so mache, dass es allen zugutekommt.

    Sprecher: Vielen Dank, Herr Barmeyer für diese Einblicke in interkulturelles Arbeiten.

    Hoffentlich können Sie aus der Folge das ein oder andere mitnehmen, was Ihnen die Arbeit im Export erleichtert. Ich werde künftig oft an den Affen und den Fisch denken. Und an vietnamesische Mittagssuppe. Ach, und bevor wir es vergessen, die Frage nach den Küsschen hier, Küsschen da… Fragen wir noch mal Frau Schmitz-Bauerdick:

    Schmitz-Bauerdick: Das ist eine vertrackte Frage. Also, hier in Paris gilt das Zwei-Küsschen-Prinzip. In Südfrankreich sollen es drei sein. Und dann ist immer noch die Frage der Reihenfolge. Da kann man etwas falsch machen, aber mit Humor ist die Situation auch schnell gemeistert. “

    Sprecher: Also einfach ist anders. Aber, egal: „bisous bisous“ für heute. Wir freuen uns über Ihr Feedback, Ihre Anregungen und Fragen. Unsere Email-Adresse finden Sie in den Shownotes ... wir sind gerne für Sie da ... auch online unter www.gtai.de.

    In der nächsten Folge sprechen wir darüber, wo und wie deutsche Unternehmen bei der Erschließung von neuen Auslandsmärkten Unterstützung erhalten. Dafür gibt es unzählige Programme und Maßnahmen, zum Beispiel auch von der Bundesregierung. Wie immer gilt: Reinhören lohnt sich!

    Dieses Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
  • Folge 10: Nachhaltigkeit im Auslandsgeschäft

    - September 2023 -

    Etwas für Weltverbesserer oder schlicht eine Frage der Zukunftsfähigkeit?

    Das Thema Nachhaltigkeit prägt nicht nur die Gesellschaft, sondern zunehmend auch die Wirtschaft. Unternehmen müssen die Anforderungen von zahlreichen Akteuren erfüllen: Gesetzgeber, Banken und Kunden verlangen nachhaltiges Handeln und transparente Berichterstattung. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ist ein wichtiger Baustein. Wie Unternehmen gleichzeitig nachhaltig und erfolgreich wirtschaften, erläutern unsere Experten in dieser Folge.

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    Gäste in dieser Folge

    Portraitfoto Jan Lorch Dies ist ein eingebettetes Bild | © Jan Lorch

    Jan Lorch 

    ist Vertriebsleiter und Leiter Sustainability bei Vaude. Er arbeitet seit über 25 Jahren bei der Outdoor-Marke, einem der Pioniere in Sachen nachhaltiger Produktion. Der Sportartikelhersteller engagiert sich seit vielen Jahren dafür, seine weltweiten Lieferketten nach hohen ökologischen und sozialen Standards auszurichten.

     

     

     

     

    Portraitfoto Uwe Fitschen Dies ist ein eingebettetes Bild | © Uwe Fitschen

    Uwe Fitschen 

    leitet bei der deutschen Exportkreditagentur Euler Hermes, die Abteilung Nachhaltigkeit. Er prüft mit seinem Team, wie nachhaltig die Projekte sind, für die deutsche Unternehmen Exportkreditgarantien anfragen.

    Uwe Fitschen von der deutschen Exportkreditagentur Euler Hermes, schätzt zudem ein, wie nachhaltig die deutschen Exporte im internationalen Vergleich sind: 
    Fitschen: Ich glaube schon, dass es immer noch so ist, dass deutsche Exporte, also vielfach zumindest, nach wie vor sehr hohen technischen Anforderungen genügen und daher auch in Bezug auf Umwelt-, Sozial- und Menschenrechts-Aspekte, also die reinen Exporte, schon zu den Top Performern weltweit gehören.

    Hier geht’s zum Klimaschutzatlas von GTAI und DIHK über Klimamaßnahmen und Geschäftschancen.

    Transkript der Folge 

    Sprecher:
    In dieser Folge widmen wir uns daher dem Thema Nachhaltigkeit im Auslandsgeschäft: Was machen Unternehmen schon? Welche Anforderungen kommen auf sie zu? Und wie werden die Firmen dabei unterstützt, diese Anforderungen umzusetzen? Uwe Fitschen vom Exportkreditversicherer Euler Hermes, beziehungsweise Allianz Trade, schätzt zudem ein, wie nachhaltig die deutschen Exporte im internationalen Vergleich sind: 
    Fitschen: Ich glaube schon, dass es immer noch so ist, dass deutsche Exporte vielfach zumindest nach wie vor sehr hohen technischen Anforderungen genügen und daher auch in Bezug auf Umwelt Menschenrechts Aspekte, also die reinen Exporte, schon zu den Top Performern weltweit gehören. 

    Sprecher: Bevor wir die Experten zu Wort kommen lassen, noch eine Empfehlung zum Nachhaltigkeits-Aspekt Klimaschutz: In den Shownotes dieser Folge finden Sie den Link zum Klimaschutzatlas. Die Gemeinschaftspublikation von Germany Trade and Invest und der Deutschen Industrie- und Handelskammer gibt einen globalen Überblick zum Thema Klimaschutz. Leser erfahren, welche Ziele sich die Regierungen weltweit setzen und wo Produkte und Dienstleitungen deutscher Unternehmen für den Klimaschutz gefragt sind. 
    Zu Beginn spreche ich mit Jan Lorch von Vaude. Das Unternehmen ist in Sachen Nachhaltigkeit ein Pionier.  Herr Lorch gibt uns einen Einblick, wie Vaude daran arbeitet, die weltweiten Lieferketten fair und ökologisch zu gestalten.

     

    Sprecher: Hallo Herr Lorch. Was sind ihren Aufgaben und wer ist Vaude?

    Lorch: Ich bin seit über 25 Jahren bei Vaude und bin da verantwortlich für die Themen Nachhaltigkeit, Logistik und Vertrieb. Vaude ist ein Familienunternehmen und besteht nächstes Jahr dann 50 Jahre in der Nähe des Bodensees Die Gründung war 1974 durch Albrecht von Dewitz. Und jetzt, seit zwölf Jahren wird es in zweiter Generation geführt von seiner Tochter Antje von Dewitz. Was machen wir? Wir stellen alle Arten von Outdoor-Produkten her, das heißt Bekleidung, Schuhe, Schlafsäcke, Zelte, Rucksäcke, Accessoires und vertreiben diese in rund 45 Ländern. Schwerpunkt des Vertriebs ist Europa.

    Sprecher: Vaude wirbt mit Nachhaltigkeit. Was bedeutet das Thema für Sie?

    Lorch: Beim Thema Nachhaltigkeit fällt mir einfach ein die Verbindung von Wirtschaften mit sozialen und ökologischen Aspekten, dann die Integration des Themas in alle Unternehmensbereiche. Und dann, als drittes würde ich sagen eine transparente Kommunikation auf Basis von internationalen Reporting Standards. 
    Sprecher: Wie werden diese Aspekte bei Vaude konkret umgesetzt? Wo liegen die Zuständigkeiten?

    Lorch: Für uns ist ganz wichtig, dass Nachhaltigkeit in allen Unternehmensbereichen seinen Platz hat. Und nicht in einer separaten Abteilung. Deswegen haben wir schon vor 13 Jahren Nachhaltigkeitsteam gegründet, umbenannt, dann nach ein paar Jahren in CSR Team, also Corporate Social Responsibility Team. Und das besteht aus Mitgliederinnen von allen Unternehmensbereichen, also sei es die Produktion, sei es der Vertrieb, Marketing, Qualität etc. etc. Und so haben wir es geschafft, das Thema Nachhaltigkeit in seiner ganzen Breite im Unternehmen zu verankern. Das finde ich, ist eine wesentliche Grundlage dafür, dass es voll integriert ist. 

    Sprecher: Man hört neben CSR von so vielen verschiedenen Abkürzungen. Welche gibt es noch. Und welche spielen denn bei Ihnen überhaupt eine Rolle?

    Lorch: Also wenn ich jetzt auf Reporting Standards eingehe, dann gibt es natürlich eine zentrale Abkürzung, die heißt GRI bisher, Global Reporting Initiative. Das ist ein international anerkannter Reporting Standard, der, sagen wir mal, weltweit und branchenübergreifend für eine gewisse Vergleichbarkeit steht. Was wir zusätzlich noch haben, ist: wir reporten nach deutschem Nachhaltigkeitskodex, also Entsprechenserklärungen. Das ist praktisch so eine abgespeckte Version des GRI mit weniger Indikatoren, sag ich mal, der in Deutschland Anwendung findet seit gut zehn Jahren. Was wir dann machen ist, wir berichten auch nach GWÖ, nach der Gemeinwohlökonomie. und haben da verschiedentlich schon sogenannte Gemeinwohlbilanzen praktisch erstellt. Das ist ein anderer Reporting Standard, der sich darin unterscheidet, dass normative Vorgaben gemacht werden. Also, dass gesagt wird, dieses und jenes ist gut, und wie weit seid ihr da praktisch bei diesem Faktor, um es jetzt mal ganz einfach zu sagen. Und wir bereiten uns natürlich vor auf europäische Rahmenrichtlinie zum Reporting, die ja dann in den nächsten Jahren sehr wahrscheinlich die Reporting-Standards sein werden, die in Europa allgemein dann erfüllt werden müssen.

    Sprecher: Müssen alle Unternehmen diese Reporting-Standards einhalten?

    Lorch: Also die Sachen, die ich jetzt genannt habe, sind freiwillig. Ab nächstem Jahr, spätestens übernächstem Jahr sind dann die europäischen Nachhaltigkeitsreporting-Standards verpflichten. Die Verpflichtung ist abgestuft, auch ein bisschen nach Unternehmensgröße. Die größeren Unternehmen zuerst und dann geht es runter, dass auch kleinere Unternehmen das erfüllen müssen. Und für uns tritt diese Erfüllungspflicht, ich glaube, erst einmal 2025 in Kraft. Wir wollen aber schon nächstes Jahr sehr stark angelehnt an die European Reporting Directive berichten. 

    Sprecher: Sind Sie damit ein Außenseiter in Ihrer Branche? Also machen Sie quasi mehr momentan als andere? 

    Lorch: Wenn man jetzt die Branche definiert als Outdoor Sport Branche und nicht die generelle Sportbranche, dann sind wir sicher ein Vorreiter, aber bei weitem nicht mehr der einzige, sondern es gibt viele andere Marktteilnehmer, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben und diverse Dinge tun, um als Unternehmen nachhaltig zu sein. Was das Reporting anbelangt und das, was ich gesagt habe, diese Reporting-Erfüllung ab nächstem Jahr, da sind wir dann sicher wieder ein Vorreiter. Soweit ich weiß, macht es bisher dann noch keiner und wir sind da wieder die ersten, die das tun. 
    Sprecher: Was würden Sie denn sagen, was Vaude im Bereich Nachhaltigkeit gegenüber anderen besonders auszeichnet?

    Lorch: Ja eben diese Ganzheitlichkeit, diese volle Integration, die wir einfach durch die Organisationsstruktur bewerkstelligen, und die konsequente Verfolgung von Nachhaltigkeitszielen in allen Unternehmensbereichen. Also sei es jetzt in der Lieferkette, sei es in der Kommunikation, sei es im Vertrieb, sei es am Standort, also wirklich in allen Bereichen. Also diese Konsequentheit und Ganzheitlichkeit. Ich glaube, die zeichnet uns sehr stark aus und macht uns immer fast einzigartig.
    Sprecher: Können Sie uns mal ein Beispiel für ihre hohen Standards nennen?

    Lorch: Also fällt mir jetzt ein, weil es ja auch ein heißes Thema ist, gerade zurzeit PFAS-Verbot, also diese Chlorverbindungen, auch ewige Chemikalien genannt, die sich anreichern. Und für die es bis heute noch kein Verbot gibt der Anwendung. Das wird ja jetzt eben diskutiert, das soll ja dann kommen. Und wir haben schon seit vielen Jahren eigentlich einen Verzicht, einen freiwilligen Verzicht auf diese Stoffe deklariert und haben das damals auch vor bald zehn Jahren oder jetzt sind es zehn Jahre ein entsprechendes Commitment, sogenanntes Detox Commitment, mit Greenpeace unterschrieben und uns freiwillig dazu verpflichtet, auf diese Stoffe zu verzichten und haben dann sukzessive diese Stoffe aus unserer Lieferkette verbannt, obwohl wir es wie gesagt, gesetzlich gar nicht müssten und es uns die Arbeit erschwert. Natürlich. 
    Sprecher: Warum werden PFAS überhaupt genutzt?

    Lorch: Die Stoffe sind Chlorverbindungen, die man dazu braucht, dass zum Beispiel Jacken diesen Abperleffekt haben, den wir alle kennen. Also schön dicht sind und das auch darstellen durch diesen Abperl-Effekt. Aber leider eben wird der erzeugt durch das Ausbringen von PFAS. Man kann sich das vorstellen, wie so eine Flüssigkeit von so einer Beschichtung, eine ganz dünne Flüssigkeit, die eben auf dieser PFAS-Chemikalien-Technologie beruht. Ja und das ist natürlich ein wesentlicher Funktionsinhalt. Ist ja klar. Bei Outdoor denkt man sofort an wasserdichte Kleider und die muss man natürlich anders auch gewährleisten. Deswegen ist es jetzt kein Randthema. 
    Sprecher: Lohnt sich der ganze Aufwand für Sie?

    Lorch: Es lohnt sich für uns auf jeden Fall, weil wie gesagt, ist es für uns Selbstverständlichkeit, dass wir wissen, was in der Lieferkette passiert. Es ist auch ein Art von Risikomanagement. Ich meine, wir sind eine deutsche Marke mit einem hohen Anspruch und einer hohen Marken-Attraktivität. Und deswegen müssen wir auch dafür sorgen, dass das die Marke, sage ich mal, aus Risiko-Gesichtspunkten unbeschadet bleibt. Und das geht nur, wenn ich weiß, was in meiner Lieferkette, was da passiert, wie die Leute behandelt werden, wie die bezahlt werden usw. 
    Sprecher: Hilft Ihnen dieses Risikomanagement auch bei Banken, wenn Sie da Finanzierungen anfragen?

    Lorch:  Ja, auf jeden Fall. Vor zehn Jahren war es ein Nachteil, weil da haben die Banken gesagt macht ja alles nur teurer und komplizierter. Warum macht ihr so was? Und in irgendwelchen Kennzahlen können wir es nicht abbilden. Und Risikomanagement? Na ja, okay. Aber mittlerweile achten die Banken ganz stark drauf und sind Teil des Risikomanagement-Portfolios, auf das sie Wert legen, also Reputation und Risiken minimieren, die ja wirklich für eine Marke extrem schädlich sein können. Und da die Banken ja selber reporten müssen dann nach Nachhaltigkeitskriterien, hat sich das Bewusstsein komplett gedreht. Also ja, die achten darauf. Auf jeden Fall ein Vorteil für uns, dass wir da so viel Erfahrung haben.
    Sprecher: Was würden Sie Unternehmen raten, die sich von den ganzen Anforderungen überfordert fühlen und gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen?

    Lorch:  Also grundsätzlich würde ich mal raten, eine Verantwortlichkeit zu generieren im Unternehmen. Das würde ich mal als Voraussetzung ansehen. Und dann wurde vielleicht mal sagen, dass es natürlich darauf ankommt, welche Person dasitzt. Hat die Know-how? Wo kommt die her? Kann die das selber aufbauen? Ansonsten gibt es ja zum Beispiel die Möglichkeit, über Verbände sich helfen zu lassen oder Kontakte zu knüpfen, um dann in so ein Thema einzusteigen. Wir werden selber ganz stark immer gefragt, seit Jahren. Und haben deshalb vor zwei Jahren eine Akademie gegründet, wo wir dann praktisch das Know-how, das wir gesammelt haben, auf dem langen Weg, den wir jetzt schon gehen, in Sachen Nachhaltigkeit weitergeben. Aber es gibt auch andere, natürlich. Und die Verbände jetzt in Deutschland. Der BSC Bundesverband für Sportartikel Industrie bietet dann auch zum Beispiel solche Hilfestellungen an, damit man mal sieht, wie geht man es an? Und das kann ich nur empfehlen.
    Sprecher: Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz wird teilweise scharf von der Wirtschaft kritisiert. Wie sieht Vaude das?

    Lorch:  Also die haben recht damit, das ist aufwendig und kostet Geld und Ressourcen und Management Attention! Das ist so, ja, das kann man nicht bestreiten. Ich brauch auch ein Qualitätsmanagement in einem Unternehmen, damit meine Produkte die Performance abliefern, die die Kundinnen von mir erwarten. Und genauso ist es in gewisser Weise für eine Nachhaltigkeits-Performance, die meine Produkte oder mein Unternehmen abliefern müssen. Und es ist eigentlich nicht zu verstehen, warum das nicht selbstverständlich ist. Also Qualität sagt jeder klar. Also gerade für deutsche Hersteller. Und so weiter. Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen in der Lieferkette, ist nice to have, aber brauche nicht. Man muss es eben begreifen als integralen Bestandteil von der Produktentwicklung, auch von Produktion und Vertrieb von Produkten. Und ich denke, wenn man das so auffasst, dann weiß man, dass es ja, dass es Anstrengungen und Ressourcen braucht. Aber dass es eigentlich notwendig ist. Wir kommen halt von der Zeit, wo das nicht notwendig war, ja wo eigentlich wir die externen Kosten abgewälzt haben, was jetzt zum Beispiel Luftverschmutzung, Wasserverschmutzung usw. anbelangt auf Länder in Asien. Wir wissen ja und wir haben die Verantwortung als deutsche Unternehmen dort unseren Beitrag zu leisten, dass diese Impacts minimiert werden. Ich finde das ist das eigentliche. Ich finde das normal. Und 2014, wenn ich das sagen darf, wurde das Textilbündnis in Deutschland initiiert und gegründet. Wir haben jetzt 2023, neun Jahre später. Oder vielleicht sogar zehn Jahre Textilbündnis auf Freiwilligkeit. Und es hat sich auch noch nicht so wahnsinnig viel getan. Es kommt auch nicht von heute auf morgen. Sondern man hat einen langen Vorlauf gehabt, basierend auf Freiwilligkeit. Manche haben den genutzt, aber viele andere haben den auch nicht genutzt. Und irgendwann geht es dann nur noch über Regulatorik. Und der Zeitpunkt ist schon gekommen. Und ich denke, das entspricht unserer Verantwortung ja. 

    Sprecher: Apropos Regulatorik, auch von der EU soll es bald Vorgaben zu Nachhaltigkeit in der Lieferkette geben. Was bedeutet das für Vaude?

    Lorch:  Also wir haben ja schon in Deutschland Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Seit anderthalb Jahren, wir haben ja jetzt sind in der Diskussion um diesen europäischen Standard, der jetzt vorbereitet wird und der tendenziell strenger sein soll wie der deutsche Standard. Was wir begrüßen. Und warum begrüßen wir das? Weil wir denken, grundsätzlich ist es absolut notwendig, wenn sich ein Unternehmen als nachhaltig bezeichnet, dass es dann auch die Verantwortung für die Lieferkette übernimmt. In seinem Einflussbereich. Und dort auch dafür sorgt, dass eine Transparenz da ist. Was passiert da? Wie werden die Leute bezahlt? Werden die ILO-Kernarbeitsnormen eingehalten, werden Umweltvorschriften eingehalten etc. Und da muss es entsprechende Management Systeme im Unternehmen geben, die das dann sicherstellen. Und es muss eigentlich normal sein. Und das halten wir auch für normal, wenngleich es bisher nicht gesetzlich verpflichtend war. Wir haben im sozialen Bereich sehr viel freiwillig unternommen, indem wir zum Beispiel mit der Fairwear Foundation zusammenarbeiten, einer Third Party Multi Stakeholder Organisation, die seit über zehn Jahren Audits in allen unseren Produktionsstätten durchführt. Also wir lassen uns da auditieren von einer ganz strengen Organisation, bekanntermaßen strengen und seriösen Organisation und haben in den letzten gut zehn Jahren jede Menge Ressourcen da reingesteckt, um unsere Lieferkette, sage ich mal, sozial und ökologisch sauber aufzustellen. Und von daher finden wir das gut, dass es jetzt eine gesetzliche Verpflichtung gibt, weil uns das wahnsinnig viel Geld kostet und wir müssten es eigentlich gar nicht machen. Und wenn es jetzt die anderen machen müssen, dann sorgt es für eine größere Wettbewerbsgleichheit. Und das ist natürlich in unserem Sinne. Aber bisher ist sie nicht gegeben, zumindest nicht regulatorisch. 

    Sprecher: Aber wenn jetzt alle nachhaltig werden müssen, verliert Vaude dann nicht sein Alleinstellungsmerkmal, seinen Unique Selling Point?

    Lorch:  Das habe ich auch schon mal gehört. Also bisher ist unserer nie verloren gegangen und es gibt immer noch so viele Aufgaben. Ich habe mir ein paar Mal gesagt, wo wir dran sind. Man kann sich, man kann sich einen USP weiterhin schaffen im Thema Nachhaltigkeit. Das wird uns der USP nicht ausgehen. Da habe ich keine Bedenken mehr mittlerweile, weil das haben wir so vor fünf Jahren gesagt, was machen wir nach fünf Jahren, wenn wir alles im Kasten haben, sozusagen die Nachhaltigkeit. Und dann, nein, es kommen immer wieder neue Themen, neue Herausforderungen. Also ich habe da keine Bedenken. 

    Sprecher: Eine wichtige Facette der Nachhaltigkeit ist natürlich die Reduktion des weltweiten CO2-Ausstoßes. Dazu gibt es Neuigkeiten.

     
    Rubrik „Konkret und kompakt“: So funktioniert der CO2 Ausgleich

    Sprecher: Bis 2050 möchte die Europäische Union klimaneutral werden. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die EU mit dem fit for 55-Programm ein Maßnahmenpaket geschnürt: Bestehende Vorschriften werden überarbeitet und verschärft und durch neue Gesetze ergänzt. Einer dieser neuen Bausteine ist der sogenannte CO2-Grenzausgleichsmechanismus, kurz CBAM.

    Die Idee dahinter ist einfach: Innerhalb der EU gibt es bereits einen CO2-Preis, der über den Europäischen Emissionshandel abgebildet wird. Nun führt die EU auch einen CO2-Preis für Importe ein. Das soll zum einen Carbonleakage verhindern – also die Verlagerung von Produktionsstätten aus der EU in andere Länder, in denen weniger strenge Klimaschutzgesetze gelten. Zum anderen sollen Produzenten außerhalb der EU motiviert werden, ihre Produktionsprozesse nachhaltiger zu gestalten. Denn für klimafreundliche Produkte gibt es bei der Einfuhr einen Rabatt.
    Gilt der CBAM für alle Produkte? Nein. Die Regelung umfasst nur bestimmte Produktgruppen: Eisen und Stahl, Zement, Aluminium, Düngemittel und Wasserstoff.

    Die Umsetzung ist komplex und in verschiedenen Schritten geplant:

    Ab 1. Oktober 2023 gelten erst einmal nur Berichtspflichten. Unternehmen müssen Angaben zu ihren Einfuhren in die EU machen - was wurde eingeführt und in welcher Menge?  Außerdem - und das ist neu - müssen Importeure angeben, welche Emissionen bei der Herstellung der Waren entstanden sind. 

    Ab 1. Januar 2026 gilt der CBAM vollständig: Nur noch zugelassene CBAM-Anmelder dürfen die betroffenen Waren importieren und diese Importe kosten Geld. Denn die Einfuhr ist nur noch mit CO2-Zertifikaten erlaubt. Einmal jährlich wird abgerechnet, das erste Mal Ende Mai 2027. Dann gleicht die EU-Kommission ab, ob Importeure ausreichend Zertifikate für ihre eingeführten Waren erworben haben. Wer zu wenige auf seinem CBAM-Konto hat, muss Strafe zahlen.

    Wie viel kosten die CBAM-Zertifikate? Das hängt vom EU-Emissionshandel ab. Denn die Preise sind aneinandergekoppelt: Unternehmen, die innerhalb der EU produzieren, erwerben im Rahmen des Emissionshandels CO2-Zertifikate über eine Auktionsplattform. Der Preis der CBAM-Zertifikate entspricht dem durchschnittlichen Wochenpreis der CO2-Zertifikate.

    Bei der Umsetzung sind noch viele Fragen offen. 

    Dennoch sollten Unternehmen schon jetzt tätig werden und sich auf den CBAM vorbereiten. Denn ab 1. Oktober 2023 beginnt die Übergangsphase. Unternehmen sollten prüfen, ob ihr Produktportfolio vom CBAM betroffene Waren umfasst. 
    Mittel- bis langfristig kann der CBAM Auswirkungen auf die Lieferkette haben. Wer zahlt den CO2-Preis entlang der Lieferkette? Können Lieferanten ihre zusätzlichen Kosten an ihre Kunden weitergeben? Müssen Verträge geändert werden?  Macht es Sinn, Lieferanten zu wechseln, weil andere Anbieter klimafreundlicher produzieren?
    All diese Fragen müssen Firmen individuell für sich beantworten.
    Mehraufwand für Unternehmen bedeutet es in jedem Fall. Wenn das System funktioniert wie gedacht, wird es einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

    Sprecher: Von Jan Lorch haben wir jetzt gehört, wie ein Unternehmen nachhaltig wirtschaften kann. Jetzt geht es darum, welche Rolle Nachhaltigkeit im Exportgeschäft spielt und wie Firmen beim Export nachhaltiger Güter unterstützt werden. Uwe Fitschen von Euler Hermes weiß Bescheid. 

    Sprecher: Hallo Herr Fitschen. Stellen Sie sich doch bitte einmal vor.

    Fitschen:  Sehr gerne. Uwe Fitschen, mein Name. Ich arbeite bei Euler Hermes und wir sind als sogenannte Mandatare des Bundes durch die Bundesrepublik Deutschland beauftragt, uns um zwei Instrumente der Außenwirtschaftsförderung zu kümmern. Das sind zum einen die Exportkreditgarantien und zum anderen die Ungebundenen Finanzkredite. Da geht es um Rohstoffimporte nach Deutschland, während es bei den Exportkreditgarantien insbesondere um die Absicherung von Lieferungen und Leistungen, also Exporten ins Ausland geht. Und ich leite in diesem Bereich das Department Sustainability und mein Team und ich, wir sind hauptsächlich für die sogenannte Umwelt-, Sozial- und Menschenrechts-Prüfungen der bei uns beantragten Geschäfte zuständig. 

    Sprecher: Wie helfen Sie deutschen Unternehmen konkret?

    Fitschen: Also generell ist ja tatsächlich das Instrument der Exportkreditgarantien - Schlagwort: Hermes Deckungen - eines der zentralen Außenwirtschaftsförderinstrumente und damit eine Hilfe des Bundes. Also durch dieses Instrument werden Exporteure gegen wirtschaftliche und politisch bedingte Forderungsausfälle abgesichert, die die Exporteure auf dem privaten Versicherungsmarkt eben nicht absichern können, aufgrund von zu hohen Risiken, zu langen Kreditlaufzeiten, problematischen Ländern. Und dementsprechend ist das ganze Instrument im Prinzip eine Hilfe für die deutsche Exportwirtschaft. Gleiches gilt für die Finanzierung der Geschäfte dann bei den Banken. Darüber hinaus, wenn wir jetzt mal in die Richtung Beratung gehen, hätte ich gesagt: Wie können sich Unternehmen Hilfestellung suchen? Wie können sie sich beraten lassen bei uns? Da ist sicherlich als erste Hilfestellung immer unsere Internetseite exportkreditgarantien.de oder auch der bestehende YouTube-Kanal oder LinkedIn eine gute erste Info-Quelle. Aber dann gibt es insbesondere eben auch in verschiedenen Regionen Deutschlands Firmenberater, die immer bereit sind, Hilfestellung zu leisten, das Instrument, was durchaus komplex sein kann, zu erklären, Möglichkeiten zu erläutern, wie eben die Exportwirtschaft unterstützt werden kann durch diese Instrumente bei ihrem Auslandsgeschäft. 

    Sprecher: Mit Ihren USM-Prüfungen, also den Umwelt-, Sozial- und Menschenrechts-Prüfungen, sind Sie ja mittendrin im Thema Nachhaltigkeit. Könnten Sie kurz erklären, was Nachhaltigkeit ist?

    Fitschen: Ja, das ist ein Thema, was wir, glaube ich, über fünf Stunden diskutieren könnten, weil es einfach unendlich viele Definitionen gibt zu der Thematik, zu dem Begriff Nachhaltigkeit, nachhaltige Entwicklung, wie auch immer man es nennen will. Also ich versuche es mal ein bisschen wissenschaftlich, was ich so aus dem Studium damals mitgenommen habe – ist schon ein bisschen her. Der Begriff stammt und ich finde, das macht es eigentlich immer ganz gut deutlich, ursprünglich aus der Forstwirtschaft, wo es nämlich heißt und natürlich sehr sinnvoll ist, nicht mehr Holz oder Bäume zu fällen, als nachwachsen können. Und dementsprechend wurde dieser Begriff dann über die Jahre angepasst. Wie gesagt, es gibt ganz viele Definitionen, aber ich finde, was es eigentlich am deutlichsten macht, ist quasi die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne dass die Bedürfnisse, die Möglichkeiten zukünftiger Generationen eingeschränkt werden oder dass die dann nicht mehr gewährleistet sind. Ich finde, beim Begriff Nachhaltigkeit sollte auch tatsächlich immer noch mal der Brundtland-Bericht zitiert werden, der ja drei Dimensionen, und das ist finde ich das Entscheidende dann noch mal, von Nachhaltigkeit beinhaltet: also die ökologische, soziale und auch ökonomische Dimension oder Entwicklung. Und ich finde tatsächlich, wo man das ganz gut nachvollziehen kann mittlerweile, sind die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, also die SDGs als Abkürzung, der Vereinten Nationen. Die, finde ich, stellen ganz gut dar, wie breit das Thema Nachhaltigkeit eigentlich auch wirklich ist und wie vielfältig die Dimensionen da abgebildet werden.

    Sprecher: Und welche Rolle spielt jetzt Nachhaltigkeit bei den Exportkreditgarantien von Euler Hermes? Was sind eigentlich nachhaltige Exporte?

    Fitschen: Es ist tatsächlich eine Entwicklung, die gerade sehr stark diskutiert wird. Bislang war es im Prinzip so, dafür gab es auf OECD Ebene eine Regelung. Das war das sogenannte Sektorenabkommen, das CCSU, das Climate Change Sector Understanding. Und da waren insbesondere eben Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien und zur Anpassung an den Klimawandel und Wasserprojekte enthalten. Und da konnte man dann klar sagen, dafür gab es dann beispielsweise auch Anreize in Form von längeren Kreditlaufzeiten, die absicherbar waren oder immer noch sind, sodass das eigentlich immer so das Schlagwort für nachhaltige Exporte war - erneuerbare Energien, Projekte zur Anpassung an den Klimawandel und Wasserprojekte – also Wasserversorgung, Kläranlagen, ähnliche Themen. Das wird deutlich mehr jetzt. Das CCSU, dieses Abkommen auf OECD Ebene, wurde jetzt gerade überarbeitet, sodass tatsächlich jetzt auch weitere besonders klimafreundliche Technologien aufgenommen wurden. Also der Fokus ist nach wie vor das Thema Klima, aber da geht es jetzt eben auch um die Produktion von Wasserstoff oder um klimafreundlichen Transport. Also auch dafür gibt es jetzt eben, gerade ganz frisch überarbeitet Anfang des Jahres, besonders vergünstigte Deckungskonditionen über längere Kreditlaufzeiten, sodass das tatsächlich, also die Frage, wie wird das unterstützt und was sind eigentlich nachhaltige Exporte, glaube ich, ganz gut beantwortet. 

    Sprecher: Komme ich leichter an eine Absicherung, wenn ich beispielsweise Gesundheitstechnik, Wasserversorgungstechnik oder Solarmodule exportiere?

    Fitschen: Einfacher ist so eine Sache, weil wir tatsächlich einen Gleichbehandlungsgrundsatz haben und dementsprechend es zwei Grundlagen geben muss für die Übernahme eine Exportkreditgarantie. Das ist zum einen die sogenannte Förderungswürdigkeit, also das sind Exportgeschäfte, die dem Fördergedanken der Bundesrepublik Deutschland Rechnung tragen. Und das bezieht sich auf unterschiedlichste Punkte: das kann die Warenart sein, das kann die USM-Prüfung sein, die Korruptionsprüfung sein, aber auch das Bestellerland, wer ist eigentlich Vertragspartei, solche Themen. Und dann ist tatsächlich noch ein ganz wichtiger Punkt die Risikomäßige Vertretbarkeit. Da geht es eben darum, dass die Aussicht auf einen schadenfreien Verlauf des Geschäfts, also das nicht das Geschäft in den Schaden geht und dann Steuergelder fließen müssen, dass das ausreichend gewährleistet ist. Also die ökonomische risikomäßige Vertretbarkeit muss eben auch gegeben sein. Und das gilt im Prinzip für alle Sektoren. 

    Sprecher: Worauf müssen Unternehmen aus Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtssicht ganz besonders achten, wenn sie eine Exportkreditgarantie haben wollen?

    Fitschen: Ich glaube, da ist ganz, ganz wichtig, dass sich ein potenzieller Exporteur bewusst sein muss, dass wir in bestimmten Fallkonstellationen eben eine doch recht umfangreiche Prüfung dieser Aspekte durchführen müssen und dass der Fokus da eben nicht nur der deutsche Export ist, sondern vielmehr das Projekt vor Ort. Das heißt, wir brauchen Informationen von dem Exporteur, von der Bank zu dem Projekt vor Ort, die er oder das Unternehmen dann natürlich von seinem potenziellen Kunden auch beschaffen muss. 

    Sprecher: Haben Sie auch Mitarbeiter, die die Nachhaltigkeit der Produktion vor Ort bewerten?

    Fitschen: Wir haben sogenannte Finanzierungsexperten in drei Locations weltweit. Die sind jetzt aber nicht für klassische Umwelt-, Sozial-, Menschenrechtsthemen zuständig, sondern die sind eher beratend tätig für die Kunden vor Ort, also die Kunden der deutschen Exportwirtschaft. Oder begleiten dann auch deutsche Exporteure oder die Banken bei Kundengesprächen und ähnliches. Was wir aber von meinem Team aus machen, ist tatsächlich, dass wir bei komplexen Projekten mit deutlich höheren Risiken als der Durchschnitt, dass wir selbst hinfahren. Das läuft bei uns unter dem Begriff Standortbesuche. Das heißt, wir sind vor Ort, gucken uns - wenn es denn schon Anlagen gibt, die man sich anschauen kann - die Anlagen an, sprechen mit den zuständigen Personen, sprechen mit Behörden, sprechen aber auch mit Betroffenen, treffen in manchen Fällen Vertreter der deutschen Botschaft oder der Konsulate vor Ort, um da noch mal Informationen zu bekommen. Treffen zum Teil NGOs vor Ort, um da einfach ein viel besseres Bild zu bekommen von den Risiken, die wir zu bewerten haben, als wir das von Hamburg aus vom Schreibtisch aus machen können. Aber wie gesagt, das machen wir nicht standardmäßig bei jedem Antrag, den wir prüfen, sondern da liegt der Fokus schon auf den großen, komplexen Projekten mit potenziell erheblichen Umwelt-, Sozial- oder Menschenrechtsrisiken. 

    Sprecher: Ist es überhaupt möglich, Außenhandel nachhaltig zu gestalten?

    Fitschen: Finde ich nicht ganz einfach zu beantworten, da da natürlich wieder so ein bisschen die Thematik reinkommt: Wie definiert man Nachhaltigkeit? Ich glaube, das haben wir so ein bisschen angeschnitten, ganz am Anfang. Und man muss so ehrlich sein und sagen, dass also der Schwerpunkt der Arbeit meines Teams, diese Umwelt-, Sozial- und Menschenrechts-Prüfung tatsächlich eher auf der Vermeidung, Minimierung und dann Wiederherstellung und wenn es nicht anders geht, auch dem Ausgleich von Auswirkungen geht. Wenn man aber auf der anderen Seite und da komme ich dann wieder zu den SDGs der Vereinten Nationen, wenn man auf die blickt und die heranzieht und schaut, wie passt der Außenhandel denn da eigentlich rein, bin ich schon der Ansicht, dass Außenhandel nachhaltig sein kann, da ich zumindest aus meiner tagtäglichen Praxis schon erlebe, dass deutscher Export nach wie vor beispielsweise zu den effizientesten und sichersten, also auch von einem Arbeitssicherheitsaspekt, Technologien weltweit gehört. Und das ist ja erst mal eine sehr gute Grundvoraussetzung, um Nachhaltigkeit auch in anderen Ländern voranzutreiben. Die Risiken, wie gesagt, sind da, prüfen wir, dürfen nicht ausgeblendet werden, aber ich glaube so das Grundkonstrukt kann durchaus dazu beitragen, zu einer nachhaltigen Entwicklung weltweit beizutragen. 

    Sprecher:  Wie stehen deutsche Exporte im internationalen Vergleich da? Arbeiten wir nachhaltiger als die anderen?

    Fitschen: Ich glaube schon, und da muss ich jetzt nicht rot werden, ich glaube schon, dass es immer noch so ist, dass deutsche Exporte, also vielfach zumindest, nach wie vor sehr hohen technischen Anforderungen genügen und daher auch in Bezug auf Umwelt-, Sozial- und Menschenrechts-Aspekte, also die reinen Exporte, schon zu den Top Performern weltweit gehören. 

    Sprecher: Gibt es Länder, in denen die Anforderungen noch strenger sind als in der EU?

    Fitschen: Ich glaube generell sind EU-Standards schon mal recht streng. Wobei man tatsächlich sagen muss, dass für die Instrumente und für unsere Umwelt-, Sozial- und Menschenrechts-Prüfung die EU-Standards zumindest keinen ganz unmittelbaren Einfluss haben. Sondern wir sind in der OECD organisiert, also der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Und da sind ja nicht nur EU-Länder drin, sondern eben auch Japan, Korea, die USA, unsere Freunde aus UK. Und dementsprechend hat man sich eben darauf verständigt, dass alle Exportkreditagenturen, so wie wir eine sind, der OECD Länder, einheitliche Verfahren anwenden, die auch fortlaufend überarbeitet und verbessert werden, weil ja nicht nur die deutschen Exporte oder die jeweiligen Exporte im Fokus stehen, sondern das Projekt eben im Ausland. Und wenn wir jetzt über die Nachhaltigkeitsaspekte aus Umwelt-, Sozial-, Menschenrechtssicht sprechen, sind das vor allem die sogenannten OECD Common Approaches, die eben ein einheitliches Prüfverfahren für diese USM-Prüfung sicherstellen sollen. Und da kann man glaube ich sagen, dass diese Guidelines, die OECD Common Approaches, da ist ganz wichtig, die verweist als Prüfstandards wiederum auf die Weltbank Standards, die sind recht streng, kann man glaube ich sagen. Zusammenfassend: Es gibt sicherlich Richtlinien, die zum Teil strenger sind als die der EU. Das ist bei den internationalen Standards der Weltbank-Gruppe zum Teil so. Zum Teil sicherlich sind sie auch ein bisschen weniger streng, aber durch die nationale Gesetzgebung haben wir da eben so eine doppelte Absicherung von Einhaltung von Vorgaben drin in dem System. 

    Sprecher: Ich hoffe, Sie konnten aus der Folge viele nachhaltige Informationen mitnehmen.
    Vielen Dank fürs Zuhören. Wir freuen uns über Ihr Feedback, Ihre Anregungen und
    Fragen. Unsere Email-Adresse finden Sie in den Shownotes ... wir sind gerne für Sie da ... auch online unter www.gtai.de.

    In der nächsten Folge sprechen wir über interkulturelle Kompetenz. Wie gelingen Geschäfte im Ausland? Worauf muss man achten? Denn da gibt es viele Fettnäpfchen, die einem das internationale Geschäft vermiesen können. In diesem Sinne: Wir hören uns. 

  • Folge 9: Alternativen zu China: Der ASEAN-Raum

    - August 2023 -

    Welche Märkte und Produktionsstandorte eignen sich besonders?

    Diversifizieren, Derisking, Unabhängigkeit: Das sind die Stichworte der Stunde. Corona und der Ukraine-Krieg haben endgültig gezeigt, dass sich die deutsche Wirtschaft breiter aufstellen muss. Auch die Bundesregierung hat mit der Vorstellung der aktuellen China-Strategie klar gemacht, dass sich keiner mehr Abhängigkeit von einem Land leisten kann. In dieser Folge zeigen Unternehmer und Expertinnen, welche Chancen neue Produktionsstandorte bieten und wieso gerade der ASEAN- Raum eine interessante Alternative zu China sein kann.

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    Gäste in dieser Folge

    Porträtfoto Dr. Eva Langerbeck Dies ist ein eingebettetes Bild | © Eva Langerbeck

    Dr. Eva Langerbeck

    Dr. Eva Langerbeck arbeitet seit November 2016 bei der AHK Malaysia in Kuala Lumpur und führt seit 2017 die Abteilung Corporate Services, die Unternehmen mit Standortanalysen, strategischer Markteinstiegsberatung, Firmengründungen, Lizenz- und Visabeantragungen oder erster Hilfe bei Schwierigkeiten mit Behörden unterstützt. Schwerpunkte ihrer Beratung sind die Elektrik- und Elektronikindustrie, Umwelttechnik, Kunststoffe, erneuerbare Energien, ESG, Lieferkettenmanagement und interkulturelle Schulungen. Seit Mitte 2020 ist sie zudem stellv. Geschäftsführerin und betreut zusätzlich das Projekt- und Delegationsgeschäft der Kammer.

     

    Porträtfoto Alexander Ziehe Dies ist ein eingebettetes Bild | © Alexander Ziehe


    Alexander Ziehe

    Alexander Ziehe lebt seit 2016 in Asien und vertritt Viessmann, einen führenden deutschen Technologieanbieter für Klima- und Energielösungen im asiatisch-pazifischen Raum. Er leitet die regionalen Vertriebsaktivitäten in Südostasien und Australien mit Schwerpunkt Vietnam. Zuvor war er für Viessmann in Peking, Shanghai und Singapur tätig. Während seiner Karriere in Asien war er zudem auch an der AHK China, Singapur und Australien aktiv beteiligt. Er ist Gründungsmitglied des Young Leaders Circle in Peking und Mitglied des AHK Energy Cluster in Australien. Aktuell sitzt Alexander Ziehe im Board der German Business Association und der Eurocham in Vietnam. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und Geschichte in Jena, Göttingen, Finnland und den USA. Darüber hinaus ist er Fellow des Leadership-Programms des St. Gallen Management Instituts.

     

    Weiterführende Informationen

    Die ASEAN-Regionen

    Die Länderseite Vietnam

    Die Länderseite Malaysia

    Sourcingchancen in Südostasien

    In einer früheren Folge haben wir uns unter anderem Australien und Brasilien als alternative Beschaffungsmärkte zu China angeschaut: Podcast Folge 5: Beschaffungsmärkte: Seltene Erden

     

    Transkript der Folge

    Sprecher: Aus keinem anderen Land der Welt importiert Deutschland so viel wie aus China. Die Volksrepublik ist ein wichtiger Produktionsstandort für deutsche Unternehmen und ein sehr bedeutender Absatzmarkt. Geopolitisch geht China allerdings seinen eigenen Weg. Und dabei will es sich von niemandem stoppen oder bevormunden lassen. Auch die Lieferkettenprobleme in den Coronajahren haben gezeigt, welche enormen Nachteile eine hohe Abhängigkeit von China mit sich bringt.

    Die Bundesregierung hat jetzt ihre China-Strategie vorgestellt. Aber hören wir doch kurz bei Außenministerin Annalena Baerbock rein, die eines der zentralen Ziele der Strategie vorstellt:

    Baerbock: „Wir wollen uns von China nicht abkoppeln, sondern Risiken so weit wie

    möglich mindern. Im letzten Jahr haben wir schmerzhaft erlebt, wie verwundbar uns einseitige Abhängigkeiten machen. Um diesen Fehler nicht zu wiederholen haben wir als Bundesregierung und in der EU Derisking zum Gebot der Stunde gemacht.

    Dazu gehört, dass die Verantwortlichkeiten für riskante unternehmerische Entscheidung klar bleiben. In guten Zeiten auf die unsichtbare Hand des Marktes zu vertrauen und in schwierigen Zeiten in Krisenzeiten nach dem starken Arm des Staates zu verlangen, das wird auf Dauer nicht funktionieren, das kann auch nicht eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt stemmen. Wir müssen daher aus unserem volkswirtschaftlichen, gemeinsamen gesellschaftlichen Interesse

    unsere wirtschaftliche Sicherheit stärker in den Mittelpunkt stellen. Und

    das heißt vor allen Dingen, Klumpenrisiken, die eben nicht nur einzelne betreffen, sondern eine gesamte Volkswirtschaft, minimieren. Deshalb werden Unternehmen, die sich in hohem Maße vom chinesischen Markt abhängig machen, in Zukunft das finanzielle Risiko verstärkt selbst tragen müssen.“

    Auch deutsche Unternehmen möchten unabhängiger von der Volksrepublik werden und suchen nach Alternativen., zum Beispiel im südostasiatische Raum.

    Bevor wir uns gleich von Eva Langerback von der Deutsch-Malaysischen Industrie- und Handelskammer die besondere Stellung der ASEAN-Staaten als Alternative zu China erklären lassen, sprechen wir mit Alexander Ziehe von Viessmann.

    Das Unternehmen ist ja in Deutschland vor allem für seine Heizungen bekannt und war in den letzten Wochen in der Presse wegen der Übernahme seiner Klimasparte durch einen US-Konkurrenten präsent. Wir wollen mal nachhorchen, welche Alternativen zu China Viessmann vielleicht sogar schon gefunden hat.

    Sprecher: Xin Chao Herr Ziehe. Können Sie sich anfangs kurz vorstellen?

    Ziehe:  Ich arbeite jetzt für Viessmann, seit sechs Jahren in Asien. Ich habe erst in China gearbeitet, habe dort für das Thema Business Development gearbeitet, war dann auch dort Assistent der Geschäftsführung und bin jetzt seit 2018 dann auch mit dem Projekt Südostasien betraut gewesen. Habe das strategisch erst entwickelt und bin jetzt ja dafür zuständig, als Geschäftsführer dort unser Vertriebsnetzwerk aufzubauen. Das inkludiert Singapur, Indonesien, Vietnam, Malaysia, Thailand bis runter nach Australien, Neuseeland. Also das ist die Region, die ich betreue. Ich selber lebe seit acht Jahren jetzt in Asien und habe das nie bereut und freue mich auch dort weiter agieren zu dürfen. 

    Sprecher: Viessmann hat gerade eine neue Fabrik in Vietnam eröffnet. Man sagt ja, in Südostasien geht manches schneller als in Deutschland. Ist das so?

    Ziehe: Es waren weniger als zwölf Monate. Wir haben die Lizenz letztes Jahr im November bekommen. Sprich, wir haben acht Monate gebraucht. 

    Sprecher: OK, das ist wirklich schnell, zumindest aus deutscher Sicht. Was denken Sie über Südostasien allgemein aus ihrer Unternehmerperspektive?

    Ziehe: Südostasien ist hoch dynamisch aufgrund von verschiedenen Faktoren. Wir haben eine sehr gesunde Demographie. Es ist eine sehr junge Bevölkerung in all diesen Ländern, bis auf Singapur, die sehr gewillt ist, auch wirklich hart zu arbeiten und das auch zu übersetzen in Opportunitäten. Also es gibt eine sehr hohe Offenheit, was Neues auszuprobieren. Es gibt sehr hohe Offenheit von Investoren, Projekte anzustoßen und es gibt eben auch eine sehr gute Lage. Also Südostasien liegt zwischen allen Weltmeeren gefühlt und ist Durchschlagsplatz für Waren Richtung USA, Richtung Australien, Neuseeland, Richtung Europa, Richtung Afrika. Das heißt, es findet auch viel statt. Gleichzeitig gibt es eine sehr, sehr diversifizierte wirtschaftliche Struktur. Es gibt viel Industrie, es gibt aber auch viel Tourismus zum Beispiel, es gibt viel Service, Dienstleistungen, auch IT, viele IT- Dienstleister, was einfach bedeutet, es gibt sehr viele verschiedene Player in diesen Märkten, mit dem man zusammen agieren kann und Projekte aufbauen kann und das auch in guter Qualität. Also das macht das Ganze als Region total interessant. Und gleichzeitig gibt es natürlich auch die geopolitischen Faktoren. Also wir haben natürlich eine Diversifizierungsstrategie von vielen westlichen Firmen, zu sagen okay, neben China brauchen wir noch einen zweiten Footprint in Asien und da bietet sich Südostasien eben aufgrund der schon vorhandenen Strukturen, aber auch aufgrund der gesunden Demografie, der politischen Stabilität in den meisten Ländern sehr gut an und das in der Kombination macht sehr Südostasien zu einem der interessantesten Märkte aktuell.

    Sprecher: Wie lange wird es dauern, bis Südostasien tatsächlich eine Alternative zu China sein kann?

    Ziehe: Das hängt natürlich davon ab, welchen Blickwinkel man wählt. Also sowohl China als auch Südostasien für sich genommen sind sehr interessante Konsumenten Märkte. Das heißt, wenn man wirklich Lösungen hat, die vor Ort genau auf die Kundengruppe zugreifen oder zugeschnitten sind, dann braucht man nicht über Alternativen reden, sondern dann redet man eher, über zusätzliche Potenziale, die man mit einem vernünftigen Footprint vor Ort generieren kann. Es gibt aber natürlich Sektoren, wo jetzt schon Südostasien eine Alternative ist, also gerade sehr Lohn getriebene und immer noch sehr, sehr handwerklich getriebene Industriezweige. Gerade Textil zum Beispiel. Da hat die Verlagerung schon seit Jahren sehr an Zug aufgenommen. Also viele Bekleidungsindustrie sind schon abgewandert aus Südchina Richtung Kambodscha, Richtung Vietnam. Also das hat ja schon längst stattgefunden. Und wichtiger ist, dann eher zu gucken okay, wo ist mein globales Produktions- und Verbundsmuster, was mehr Sinn macht. Also Vietnam zum Beispiel ist sehr sehr stark integriert in den ganzen Freihandelsabkommen. Das heißt, wenn man sehr stark von Zoll und anderen Modalitäten abhängig ist. Es ist auch jetzt schon Vietnam eine Alternative zu China als Beispiel oder auch selbst als Hightech-Standort. Singapur hat auch Produktion. Man glaubt es kaum und hat dort extrem extrem hohe IP-Sicherheit gleichzeitig. Das heißt es ist sehr interessant für die Pharmaindustrie, sehr interessant auch für andere High Value Manufactures, da jetzt schon aktiv zu sein. Das heißt aber natürlich nicht, dass China total unattraktiv wird. Also ich glaube, es ist eher ein sinnvolles Zusammenspiel aus beiden Regionen, die zum Erfolg führen. 

    Sprecher: Wie läuft das konkret bei Viessmann? War die Marke in den südostasiatischen Ländern bereits etabliert oder mussten Sie bei null anfangen?

    Ziehe: Also in China sind wir jetzt seit über 20 Jahren, da sind wir sehr gut etabliert, sehr bekannt auch als Premiumhersteller und haben entsprechend auch da einen langen Footprint. Wir haben zwei Werke, wir haben mehrere Vertriebs Büros, wir haben eine eigene F& E Abteilung dort für die Lösungen lokal. Und das hat sich sehr gut als Basis für uns erst mal organisatorisch erwiesen, um nach Südostasien zu gehen, wo wir nämlich gar nichts bisher hatten. Wir haben ab und zu mal für Kunden, die uns über Deutschland kennen, mal ein paar Export Aufträge generiert, aber das ist quasi nicht erwähnenswert. Wirklich strukturell gehen wir den Markt jetzt seit 2018 an, die Marke ist gar nicht bekannt gewesen. Die Produkte waren auch nicht bekannt. Wir haben auch keine keine langfristigen Beziehungen zu irgendwelchen Händlernetzwerken oder ähnliches. Es ist wie ein Startup, der wirklich überall mehr oder weniger von Null angefangen, aber natürlich mit dem Support aus der Zentrale und der starken Marke Viessmann als deutsche Premiummarke, was auch in Asien immer noch sehr, sehr gut zieht. Also dieses Made in Germany, Engineered in Germany öffnet Türen. Man muss danach natürlich die auch die Werte, die man da verspricht, auch einhalten. Heißt Produktqualität. Und so weiter. Müssen auch vor Ort gegeben sein. Aber das ist natürlich ein Opener und da sind wir auch gerade. Also wir sind dabei, viele Türen aktuell zu öffnen. Wir sind noch lange nicht etabliert. Wir sind sehr neu im Markt, haben aber gleichzeitig auch sehr gutes Feedback schon von allen, die uns jetzt kennen. Also von Feedback zu Produkten, zur Marke und ähnlichem. Da haben wir durchgehend sehr gutes Feedback und das motiviert natürlich, da auch weiterzumachen und da jetzt auch zu investieren in die Region. Wir haben unser Werk in Vietnam vor genau einem Monat eröffnet. Wir bauen neue Vertriebs Büros auf und haben auch vor Ort erste F & E Kapazitäten, so das in der Kombination führt natürlich dazu, dass wir zum einen dafür sicherstellen können, dass wir wirklich sehr stark lokale Lösungen basierend auf lokalen Bedürfnissen anbieten können. Auf der anderen Seite zeigt das natürlich auch gegenüber all unseren Partnern im Vertrieb, aber auch im Sourcing, Viessmann is here to stay und das entfaltet seine ganz eigene Dynamik, mit der wir aktuell arbeiten können. 

    Sprecher: Gibt es denn Voraussetzungen oder Faktoren, die Unternehmen für einen Erfolg in Vietnam oder Asien allgemein aus ihrer Sicht erfüllen müssen?

    Ziehe: Für uns sind es drei zentrale Faktoren. Nummer eins ist natürlich das ganze Thema Marke, Viessmann-Geschichte – 107 Jahre. Und auch die Erfahrung, die damit verbunden ist, die viel Vertrauen schafft. Es gibt viele, viele asiatische Firmen, die auch schon mit anderen deutschen Kunden arbeiten, auch Endkonsumenten. Es gibt zum Beispiel eine sehr große deutsch-vietnamesische Community. Das sind so die Soft Factors, die uns treiben. Aber Nummer zwei, was ganz wichtig ist, einfach zu zeigen, okay, ich habe den Markt verstanden mit dem Lösungen, die ich anbiete. Wir bieten da primär Warmwasser und Wasser-Reinigungssysteme an, weil das ist das, was vor Ort wirklich gebraucht wird. Eine Heizung bis auf vielleicht in die Berge in Nord-Vietnam ist jetzt kein Business Case für sich. Entsprechend kann ich natürlich nicht mit meinen deutschen Produkten, die auch preislich ganz woanders stehen als das, was der Markt gewöhnt ist, dort einfach aufschlagen. Das heißt zeigen, dass man die Hausaufgaben gemacht hat, zeigen, dass man auch wirklich lokalisieren kann, also jeder ist gewillt, einen Premiumpreis zu bezahlen für eine Premiummarke und für ein Premiumprodukt. Aber natürlich gibt es auch da ein Limit, das heißt zu zeigen, okay, ich kann mich innerhalb des Marktes bewegen, hilft sehr, sehr stark. Nummer drei, und das ist eigentlich das Wichtigste von allem, man braucht die richtigen Leute im Team und die richtigen Partner. Das ist das dritte. Wir haben ein sehr starkes Management Team, was viel lokale Erfahrung hat und auch etabliert ist und auch bekannt ist. Ich habe Leute im Vertrieb, die sind seit Jahrzehnten in unserer Branche unterwegs. Natürlich nicht für Viessmann. Sind aber auch überzeugt davon, was wir als Marke und was wir als Produktportfolio haben und sind damit sehr, sehr starke Fürsprecher, um schnell auch bei Partnern Vertrauen aufzubauen. Aber wie gesagt, das ist, das geht immer nur zusammen, indem man die Marke auch damit prüft, ja, was man dann wirklich liefert. Also es ist wirklich das Zusammenspiel aus allen drei Faktoren Menschen, Marke, Produkte. 

    Sprecher: Wie viel produzieren Sie noch in Deutschland? Und wie viel wird in Südostasien produziert?

    Ziehe: Also, wir produzieren in Südostasien für Südostasien. Wir haben im ganzen Industrie und Commercial Bereich produzieren wir aber alles immer noch in Deutschland für Südostasien. Es gibt zwei verschiedene Marktsegment, das gibt es ja, ich sag mal preis get riebene Endkundensegment, wo es sehr stark darum geht, wirklich auch lokal agieren zu können. Da sind auch Lösungen, die in Deutschland gar nicht so verbreitet. Wir haben kein Problem mit unserer Trinkwasserqualität, also brauchen wir seltenst Trinkwasserfilter, also im Hausbereich. Das sind so kleine kleine Unterschiede, die natürlich dafür sorgen, dass wir schon mal da ganz anders unterwegs sind. Aber im ganzen Bereich gewerbliches und industrielles Bauen haben wir alle Lösungen aus Deutschland. Die sind auch bewusst so gefragt. Also da ist es so: Warum entscheiden sich Firmen für Firmen? Weil wir immer noch sicherstellen können, dass wir vor Ort die richtige Qualität aus Deutschland liefern können. Dass es reliable ist, dass man wenn man zum Beispiel eine Produktion hat und ganz viel warmes Wasser oder warmen Dampf brauchen wir da eine Wärmepumpe oder Boiler hinstellen, dass Leute sich darauf verlassen können, dass es funktioniert? Dafür werden wir gekauft, weil Produktionsprozesse sollen nicht unterbrochen werden und dort ist immer noch Made in Germany ganz stark und wird auch stark bleiben. Also wir haben da eine differenzierte Strategie zwischen dem Hausbereich, dem Residential Bereich und allem, was größer als. 

    Sprecher: Warum sollte sich ein Unternehmen in der Region engagieren?

    Ziehe: Ganz stark erst mal vertrieblich gesehen - ASEAN ist natürlich noch lange nicht da und wird auch ganz lange nicht da sein, wo die Europäische Union ist. Aber es gibt halt diese ganz starke Einbindung beim Thema Freihandelsabkommen. Das hilft schonmal a in der Region. Aber entsprechend auch zum Beispiel mit Deutschland. So, das nächste was total attraktiv ist, ist einfach the Ease of Business. Es gibt sehr viel Förderung, um Produktion aufzubauen, viele Steuernachlässe in den Industriezonen. Es gibt eine sehr hohe Dynamik. Wenn man vor Ort gut vertreten ist und sich ein bisschen auskennt, können Prozesse sehr, sehr schnell gehen. Und das natürlich, aber alles legal. Aber wir haben zum Beispiel unser Werk in weniger als zwölf Monaten ausstatten und zum Produktionsstart bringen können. Das ist alles auch geschuldet dessen, dass Genehmigungsverfahren usw viel, viel einfacher sind als das, was wir aus Europa kennen. Gemeinsam mit mit dem ganzen Faktor, dass auch, dass das Arbeitsrecht und andere Themen zulassen, dass man schnell Leute einstellen kann und dass es einfach Speed ist King in Asien heißt. Und das übersetzt sich halt auch in der ganzen Struktur. Es gibt aber auch Herausforderungen, ganz klar. Man muss die richtigen Lizenzen erwerben, man muss sich im lokalen Recht natürlich bewegen und da kommt man manchmal mit seinem Verständnis aus Deutschland nicht weiter. Deswegen ist es umso wichtiger, dass man vor Ort ist und dass man auch vor Ort die richtigen Mitarbeiter und die richtigen Partner hat, damit es schnell vorangeht. 

    Sprecher: Sie konnten ja ihre Fabrik in Vietnam extrem schnell hochziehen. Gilt das denn auch für den Ausbau der Infrastruktur in der Region?

    Ziehe: Das kann ich für die ganze Region bestätigen. Also wir haben in Singapur wird der Hafen aktuell ausgebaut, in Indonesien gibt es ein neues Hauptstadt Projekt, sogar mit allem was dazu gehört. Weil einfach gesagt wird okay, Jakarta ist halt klimatisch unter Druck. Es ist ein Sumpf und wir müssen quasi Alternativen aufbauen. Das heißt, auch da entstehen natürlich neue Flughäfen, neue Straßen, neue Häfen. Und ganz stark ist auch Vietnam. Der Norden hat erst vor ein paar Jahren einen massiven Ausbau erlebt im Thema Straßennetz. Das ganze Thema Highways, zwischen denen Überseehäfen nachher bis nach Hanoi und in die umgebenden Provinzen hat sich extrem weiterentwickelt. Es gibt massive Hafen Projekte in Südvietnam, gibt es schon drei Häfen in der Nähe von Ho Chi Minh Stadt. Da soll jetzt weiter ausgebaut werden, also alle Häfen selber, neue Häfen erschlossen werden. Es gibt aktuell Projekte in Richtung Ein-Schienen-Bahn, also Nahverkehrsnetzwerk. Auch da Straßenbauprojekte sind mehrere schon freigegeben worden von der Regierung. Und das dann auch noch zusammen mit dem neuen Flughafen, der da gebaut wird, zeigt, dass da massiv investiert wird. Und das können wir auch als Erfolgsgeschichte aus China. Einer der wichtigen Faktoren für China war immer, dass die Infrastruktur priorisiert wurde. Und das zeigt sich jetzt auch in vielen anderen Ländern in Südostasien. Das ist ein sehr, sehr starker Faktor, auf den die Regierung Wert legt. Und das gemeinsam natürlich dann auch mit massiven Projekten, wenn es um zum Beispiel in unserem Bereich Residential geht. Es werden viele neue Wohnungen gebaut, neue neue Kondomiminums, also Wohnanlagen. Das ist natürlich dann für uns auch ein attraktiver Markt und auch für viele andere. Es ist nicht nur die staatlichen Investitionen, sondern auch die privaten Bauvorhaben, die viel, die viel Dynamik versprechen. 

    Sprecher: Suchen viele Unternehmen nach Alternativen zu China?

    Ziehe: Ja, ganz klar. Also wenn man sich dann auch unterhält mit den Industriezonen, dann ist immer das erste Feedback: Das Land wird knapp. Das können wir auch so bestätigen. Also wir haben mehrere Partnerunternehmen, die wir aus Europa kennen, die auch aktuell Werke, also auch mit zweistelligen Millionensummen Werke aufbauen. Siemens hat erst letztens ganz große Investitionen angekündigt, inklusive Singapur mit einem Hightech Standort. Also es ist nicht eben nicht nur Vietnam oder Kambodscha, sondern auch wirklich die hochpreisigen und hoch segmentierten Bereiche geht es mittlerweile. Und das hat mehrere Faktoren oder basiert auf mehreren Faktoren. Ich glaube, ein wichtiges Momentum ist dieses geopolitische Thema, sich zu diversifizieren von China, dann aber auch das gemeinsam mit dem Marktpotenzial, die sich jetzt erschließen. Es ist ja nicht nur, dass die Bevölkerung jung ist, ist attraktiv, sondern auch, dass das Einkommens Level steigt. Also die Mittelschicht wächst extrem in Südostasien. Das heißt, alle, die auch Interesse haben, dort Südostasien als Absatzmarkt zu verstehen, haben gerade sehr hohes Interesse auch das zu übersetzen in eigenem Footprint vor Ort. Dementsprechend wir haben - ich bin ja selber auch noch bei der deutschen Außenhandelskammer bzw bei German Business Association unterwegs, in der europäischen Kammer auch im Board - und wir haben ständig Anfragen. Also die Firmen. Ja. Drücken sich gegenseitig die Klinke in die Hand, würde ich sagen. Um jetzt zu erkunden, welche Potenziale wir haben. Und viele Firmen leiten daraus auch ab, ein Projekt zu entwickeln. 

    Sprecher: Sieht sich Südostasien selbst als direkte Konkurrenz zu China?

    Ziehe: Ich glaube, im asiatischen Kontext ist erst mal wichtig, dass es weniger die Betonung des Gegens gibt, sondern eher die Betonung des Was kann man gemeinsam erreichen? Und das ist auch meine Wahrnehmung. Es wird weniger über China diskutiert als mehr okay, was können wir selber für uns daraus machen und wie können wir uns selber weiterentwickeln? Als wildern zu gehen, zu Firmen, die in den China Footprint haben und sagen jetzt kommt doch lieber hier hin, es ist irgendwie da und da günstiger. Die Dynamik ist von ganz alleine da, dass man da vor Ort gar nicht so viel Interesse hat, das zu überbetonen. Also es gibt China eigentlich eher im in unserem Diskussions Kontext gerade mit mit auch Deutschland – wo müssen wir uns weiterentwickeln –Thema. Aber vor Ort reden Leute eigentlich immer nur über China, wenn Besucher kommen aus dem Ausland, also aus Europa oder aus den USA. Das ist das vielleicht, wie ich das wahrnehme. Sprich es gibt so viel vor Ort zu tun, dass man sich gar nicht auf andere Regionen konzentrieren muss und vergleichen muss. Das ist eigentlich die Lage. Was wichtig ist, ist aber natürlich in welchem Kontext Investoren handeln. Und dort ist es ein extremes Thema. Und da sehen wir schon, dass Südostasien sehr viele Anstrengungen unternimmt, attraktiver zu sein. Also die Kommunikation auch in den auch in den Ländern, die nicht demokratisch regiert sind gegenüber Investoren deutlich offener. Es gibt eben nicht diese Themen wie die Chinese Firewall. Also das ganze Thema Internetzensur. Wir haben insgesamt ein Klima, was sehr Investorenfreundlich ist und wo sich auch absehbar nichts ändert. Es gibt keine keine Dynamik, die rückläufig ist, eher im Gegenteil. Es wird auch sehr betont, auch bei staatlichen Projekten eben private Partnerschaften aufzubauen mit ausländischen Investoren. Vietnam zum Beispiel hat jetzt erst sein Energy Development Plan vorgestellt. Da geht es massiv um das Thema Abhängigkeit vom Kohlestrom zu verringern, in Richtung Renewables zu gehen. Und dort ist als ganz, ganz großes Kapitel benannt Private Public Partnerships mit ausländischen Investoren. Und das ist genau das, was die Dynamik vor Ort auch gut gut widerspiegelt für die ausländischen Investoren und. China hat viele Jahre einfach das Glück gehabt, dass es so attraktiver als Markt ist, man sich nicht unbedingt immer um alle Investoren bemühen musste. Und das ist in Südostasien halt der große Vorteil. Die Länder sind kleiner und es ist auch für kleinere Investoren attraktiv und es wird auch attraktiver gemacht. 

    Sprecher: Herr Ziehe, vielen Dank für das Gespräch und dann noch viel Erfolg in Südostasien.

    Sprecher: Die Association of South East Asian Nations, besser bekannt als ASEAN, ist eine Organisation mit 10 Mitgliedsstaaten - Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam, - und zugleich ein dynamischer Markt mit etwa 660 Millionen Einwohnern. Die Mitglieder kooperieren wirtschaftlich – insbesondere durch die ASEAN-Freihandelszone – , aber auch politisch und kulturell. Zum Beispiel gibt es seit 1979 den South East Asian Writers Award, der jährlich an Schriftsteller aus den ASEAN Ländern vergeben wird. Auch regelmäßige Gipfeltreffen sowie eine Flagge und eine Hymne gibt es. In mancher Hinsicht ähnelt ASEAN also durchaus der EU, aber es gibt auch wichtige Unterschiede. Zum Beispiel ist die EU exklusiv für den Abschluss von Freihandelsabkommen zuständig, ASEAN aber nicht. Und so kommt es, dass die EU mit vielen ASEAN-Mitgliedsstaaten direkt über Handelserleichterungen verhandelt. Mit Vietnam und Singapur hat die EU bereits Freihandelsabkommen

    Das Freihandelsabkommen mit Vietnam gilt seit 2020. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits ca. 65% aller Zölle auf Waren mit europäischem Ursprung weggefallen. Darüber hinaus wird das Abkommen schrittweise bis 2030 fast alle verbleibenden Zölle auf Waren mit europäischem Ursprung beseitigen. Umgekehrt wird auch die Einfuhr vietnamesischer Ursprungswaren in die Europäische Union bis 2027 nahezu komplett zollfrei sein. Dadurch wird Vietnam, ein Land mit fast 100 Millionen Menschen, als Handelspartner noch einmal wesentlich interessanter.

    Und das Abkommen geht über das Thema Zölle weit hinaus. Es öffnet zum Beispiel behutsam den Markt für öffentliche Aufträge, es verpflichtet beide Parteien zur Einhaltung bestimmter Mindeststandards in Sachen Arbeitnehmerrechte sowie Nachhaltigkeit und Umweltschutz, und es schützt bestimmte Bezeichnungen. So sind die Begriffe „Schwarzwälder Schinken“ und „Lübecker Marzipan“ auch in Vietnam geschützt, aber natürlich auch der vietnamesische Pfefferminzhonig namens „Mèo Vac“ in der Europäischen Union.

    Derzeit laufen Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Indonesien. Mit Malaysia, Thailand und den Philippinen, sind die Verhandlungen derzeit ausgesetzt. Mehr dazu erfahren sie später in diesem Podcast. Langfristig ist ein Abkommen zwischen der EU und ASEAN denkbar. Bis es dazu kommt, bleibt Südostasien ein immer interessanter werdender Handelspartner, über den Germany Trade & Invest weiterhin laufend berichten wird. Den Link zur Berichterstattung finden Sie in den Shownotes.

    Sprecher: Viessmann setzt also auch verstärkt auf ASEAN. Doch wie sieht es mit anderen Unternehmen aus? Blicken wir gemeinsam mit Eva Langerbeck von der Deutsch-Malaysischen Industrie- und Handelskammer genauer auf die Region.

    Sprecher: Guten Tag, Frau Langerbeck. Schön, dass Sie Zeit haben. Können Sie sich zum Anfang kurz vorstellen?

    Langerbeck: Sehr gerne. Ich arbeite in Malaysia seit November 2016 bei der Deutschen Malaysischen Industrie- und Handelskammer. Das ist die offizielle Wirtschaftsvertretung der deutschen Wirtschaft vor Ort. Gleichzeitig Mitgliederorganisation und auch Dienstleister, vor allem für deutsche KMUs. Ich leite dort den Hauptdienstleistungsbereich. Das heißt, wir betreuen Firmen zum Thema Markteinstieg, Firmengründung, Visa-Lizenzen und dergleichen bringen Delegation nach Malaysia. Gleichzeitig bin ich außerdem die stellvertretende Geschäftsführerin.

    Sprecher: Nicht jeder Mittelständler wird Malaysia als Markt oder Produktionsstandort auf dem Radar haben. In welchen Wirtschaftssektoren ist denn Malaysia derzeit besonders erfolgreich oder was sind die größten Wachstumsbranchen?

    Langerbeck: Eine der größten Wachstumsbereiche ist die Elektronik-Elektrik-Branche. Da werden über 84 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen getätigt. Infinion hat über 10.000 Mitarbeiter beispielsweise vor Ort. Osram, Bosch, Intel und so weiter sind dort vertreten. Also eigentlich alle großen Elektronikkonzerne aus Japan, Korea, den USA oder auch Europa produzieren in Malaysia. Weniger, was wir zum Beispiel von Taiwan kennen, im klassischen Ship-Design-Bereich, sondern vor allem im Bereich Verpackung und Testing, aber eben dann auch entsprechende Zulieferercluster, die sich herausgebildet haben. Dann haben wir den großen Bereich Kunststoffe. Malaysia ist traditionell Kautschuklieferant gewesen und hat daher sehr viel Expertise in diesem Bereich. Auch da hat sich ein großer Industriezweig herausgebildet, der gleichzeitig wieder Zulieferer für andere Industriezweige ist. Medizintechnik ist vor Ort sehr stark vertreten. Braun hat das weltweit größte Produktionswerk dort mit über 8000 Mitarbeitern vor Ort. Schon seit den 70ern auf der Insel Peleng. Auch die Firma Fresenius ist zum Beispiel vertreten, auch Bayer und so weiter. Dann ist stark im Kommen der Bereich Umwelttechnik im Moment. Also alles, was in den Bereich Wasser, Müll, Recycling und dergleichen geht, ist stark im Kommen. Die Automobilbranche ist auch ein weiterer großer Sektor. Auch wenn wir Toyota als Produktionsstandort verloren haben, von den deutschen Konzernen sitzen eigentlich fast alle in Malaysia. VW hat sein größtes Teilelager für Südostasien und Asienpazifik hier in Malaysia. Und dann haben wir natürlich noch den Öl- und Gasbereich, da Malaysia dort auch selber Rohstofflieferant ist und entsprechend die Zuliefererindustrie.  

    Sprecher: Man hat es schon ein bisschen mitklingen hören in den Zwischensätzen. Aber ich wollte noch mal genau fragen, was macht Malaysia denn so spannend für deutsche Unternehmen?

    Langerbeck: Das ist eine gute Frage. Das ist, denke ich, eine Kombination aus Standortfaktoren und der Tatsache, dass Malaysia sich bei internationalen Konflikten immer im Hintergrund hält und eher neutral agiert. Einerseits liegt Malaysia ja im Herzen Südostasiens, ist Mitglied der ASEAN, Gründungsmitglied und hat daher Zugriff auf sehr viele Freihandelsabkommen. Ist geografisch gut positioniert, das heißt, man erreicht von Malaysia aus innerhalb von vier Stunden eigentlich die meisten umliegenden Länder relativ bequem. Die Bevölkerung ist englischsprachig, das heißt im Vergleich zu Thailand oder auch Vietnam hat man weniger Sprachbarrieren hier vor Ort. Das macht natürlich auch das Entsenden von ausländischen Arbeitskräften einfacher. Malaysia hat sehr liberale Landkauf-Regularien, das heißt anders als in den meisten asiatischen Ländern kann man hier zu 100 Prozent auch als ausländisches Unternehmen Land käuflich erwerben, was entsprechend dann für Produktionsvorhaben natürlich sehr interessant ist. Beim Ease of Doing Business ist Malaysia ziemlich weit vorne in der Region und hat seine Position auch weiter verbessert, aktuell auf Rang 18. allen Ländern weltweit. Liegt unter anderem daran, dass auch Baugenehmigungen und dergleichen hier sehr schnell durchgehen. Es Förderprogramme auch im steuerrechtlichen Bereich gibt, Einkommenssteuervorteile dann auch für Unternehmen, die sich hier ansiedeln. Und dann ist Malaysia ein etablierter Investitionsstandort. Das heißt, wir haben ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland, ein Investitionsschutzabkommen und relativ gute Gerichtsbarkeit nach britischem Vorbild. Malaysia ist ja ehemalige britische Kolonie, sodass die Firmen hier ein sehr gutes Umfeld vorfinden. Und bedingt dadurch, dass sehr viele Firmen schon seit den 70er Jahren vor Ort sind, gibt es eben entsprechende Industriecluster, sodass man auch vor Ort lokale Zulieferer finden kann. 

    Sprecher: Helfen Sie von der Deutsch-Malaysischen Industrie- und Handelskammer mit, dass man sowas planen kann?

    Langerbeck: Unternehmer können sich mit allen Fragen natürlich an die Kammer wenden. Wir sind sehr stark im Dienstleistungsbereich aufgestellt, weil viele Sachen hier in Malaysia nicht digital funktionieren, beziehungsweise man mit unterschiedlichsten Behörden oft zu tun hat. Das heißt, wir können von Anfang an quasi unterstützen. Angefangen davon, wo ist der beste Standort in Malaysia bei der Firmengründung, welche Gesellschaftsform ist die richtige, welche Lizenzen brauche ich, bei welcher Bank eignet sich Bankkonto für mich und dann natürlich die entsprechenden Arbeitsvisaformalitäten und dergleichen. Wir machen im Jahr ungefähr 150 Visa-Anträge. Das schon seit 2012, sind da wirklich sehr erfahren und auch sehr erfolgreich. 

    Sprecher: Wie viele deutsche Unternehmen gibt es derzeit in Malaysia?

    Langerbeck: Wir haben aktuell über 700 deutsche Unternehmen, die hier vor Ort fertigen und dann eine eher unbekannte Zahl an Sales Offices, Vertriebsbüros und dergleichen. Das kann gut und gerne nochmal dieselbe Anzahl sein, weil darunter auch oft Start-ups sind, die teilweise wirklich ganz neu im Markt eingetreten sind oder es sich wirklich um kleine Sales Büros mit nur einem Mitarbeiter handelt. 

    Sprecher: Hat sich das Interesse deutscher Unternehmen in den letzten Jahren gesteigert?

    Langerbeck: Wir merken sehr konkret seit Mai 2022, seit die Grenze Corona-bedingt in Malaysia wieder auf ist ein sehr starker Anstieg an Anfragen, vor allem wenn es um das Thema Zulieferer-Vertriebspartner geht. Das sind sicherlich Effekte, die einmal mit China Plus One zu tun haben, aber eben auch mit der angespannten Situation in Europa, was Energiepreise und den Ukraine-Russland-Krieg angeht. sodass wir auch konkrete Anfragen teilweise von Unternehmen bekommen, die ihre Zulieferer aktuell in Taiwan haben, aber ihr Portfolio weiter diversifizieren wollen. 

    Sprecher: Europäische und vor allem auch deutsche Unternehmen wollen unabhängiger von Chinawerden. Merkt man das auch in Malaysia?

    Langerbeck: Auch das merken wir. Die Effekte hatten wir schon vor der Pandemie zum Teil gehabt, gerade bei größeren Unternehmen, auch aus der Automobilbranche, die ganz konkret geschaut haben, ob sie sich in der Region ein zusätzliches Standbein zu China aufbauen. Und da geht es weniger darum, sich aus dem chinesischen Markt zurückzuziehen, sondern eher darum, die Märkte lokal weiter aufzufächern. Das heißt, den chinesischen Markt aus China zu bedienen, aber dann eben Asien, Pazifik, exklusive China aus einem anderen Land beispielsweise zu bedienen.

    Sprecher: Welche Branchen profitieren davon gerade besonders?

    Langerbeck: Elektronik, Techbereich, Automobilbereich, Zuliefererbereich auch sehr stark, auch Schmierstoffe beispielsweise, auch in der Metallverarbeitung sehen wir das aktuell. Da sind natürlich viele, die jetzt in der ganzen Region Ausschau halten, aber Malaysia ist vor allem für Unternehmen, die eine sehr gewachsene Industrie-Infrastruktur vor Ort benötigen oder auch eben Teil des Hochpräzisionsbereiches ein guter Standort.

    Sprecher: Welche Vorteile bietet Malaysia im Vergleich zu China?

    Langerbeck: Einmal, wenn wir uns das Thema Intellectual Property Rights anschauen, also zu Deutsch Patente, Trademarks und dergleichen, dann können die hier in Malaysia entsprechend registriert werden, werden auch geachtet, anerkannt und das kann entsprechend vor Gericht durchgesetzt werden. Weil wir hören immer wieder von deutschen Unternehmen in China, dass es dort oftmals nicht damit so genau genommen wird und gerne Sachen kopiert werden. Das ist einer der Gründe, weshalb Malaysia auch als Standort für Forschung und Entwicklung oft in Erwägung gezogen wird. Wir verhalten uns hier in Malaysia die Regierung traditionell sehr neutral in Konflikten. Bedeutet, man beteiligt sich nur dann eigentlich an Sanktionen, wenn es dafür nur ein Sicherheitsratsbeschluss gibt. Ansonsten treibt man mit allen Seiten gut Handel. Das macht Malaysia sehr, sehr sicher, weil es eben nicht in bewaffnete Konflikte eintritt, was natürlich für Produktion extrem wichtig ist. Und dann haben wir ein britisches Rechtssystem, was unserer europäischen deutschen Denkweise natürlich auch beim Handels- und Gesellschaftsrecht sehr ähnlich ist, sodass es da weniger interkulturelle Problematiken gibt. 

    Sprecher: Sie haben ja bereits die ASEAN erwähnt. Können Sie kurz erklären und wie das Land von der Mitgliedschaft in dem Staatenverbund profitiert?

    Langerbeck: Die ASEAN sind im Endeffekt ein Wirtschaftsabkommen. Das heißt, wir kennen das ursprünglich mal aus Europa, als es noch EWG waren, wo man einen gemeinsamen Zoll- und Warenfreihandelsraum hatte. Und ähnlich ist es quasi bei den ASEAN. Das heißt, die Mitgliedstaaten der ASEAN untereinander, wenn ich jetzt exportiere, importiere, fallen im Regelfall keine Einfuhrzölle und dergleichen an. Und die Waren werden bevorzugt verzollt. Das heißt, der ganze Prozess geht wesentlich schneller. Zusätzlich haben die ASEAN-Staaten Freihandelsabkommen mit anderen Ländern. Da gibt es aktuell mindestens sieben Abkommen, unter anderem mit China, Japan, Korea, mit Indien und Australien und Neuseeland. Das ist deshalb interessant, weil wenn man in Malaysia zum Beispiel als regional das Headquarter aufstellen möchte oder auch von hier Asienpazifik beliefern möchte mit Waren, dann kann man entsprechend, wenn man wenigstens 40 Prozent lokale Anteile in ASEAN bei den Produkten hat, diese Freien Netzabkommen in Anspruch nehmen und müsste dann auch keine Einfuhrzelle und dergleichen bezahlen.

    Sprecher: Wer sind Malaysias größte Konkurrenten im ASEAN-Raum?

    Langerbeck: Wenn es um die Konkurrenz geht, definitiv natürlich Vietnam. Vietnam vor allem sehr stark in arbeitsintensiven Industrien, Metallverarbeitung und dergleichen. Sicherlich auch Indonesien und Thailand, beide vor allem auch in der Automobilbranche. Das sind üblicherweise auch die Länder, wenn deutsche Unternehmen an uns herantreten und sagen, sie denken über einen Standort in Südostasien nach, dann werden üblicherweise so drei bis vier Länder miteinander verglichen, bevor dann die letztliche Entscheidung getroffen wird.

    Sprecher: Wir haben schon gesagt, Vietnam und Singapur haben ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union. Wieso hat das Malaysia noch nicht?

    Langerbeck: Es hat Verhandlungen gegeben und die gibt es auch immer noch, insbesondere in Hinblick auf eine strategische Partnerschaft. Das Problem, was wir aktuell auch nach Aussage der EU-Delegation hier vor Ort haben, ist das Thema Palmöl, was die Verhandlungen immer wieder so ein bisschen ins Hintertreffen geraten lässt. Also die sind wieder aufgenommen worden, dann stockt das Ganze wieder auf beiden Seiten. Insbesondere auf EU-Seite ist ein großes Bestreben dahinter, ein solches Abkommen zustande zu bringen, weil wir am Beispiel von Vietnam und auch Singapore natürlich gesehen haben, dass es extrem viele Investitionen ins Land gespült hat und damit das Land auch als Standort oder als Produktionsstandort für Waren in Europa interessant machen würde. 

    Sprecher: Dann drücken wir dafür die Daumen! Wie gehen die deutschen Unternehmen in Malaysia mit dem Mangel an Fachkräften um?

    Langerbeck: Die deutschen Großkonzerne haben vor Ort in Regel Fall Kooperation mit Universitäten. Wir bieten dann entsprechende Betriebspraktika schon von Anfang an. Die Kammer selbst bietet deutsche duale Berufsausbildung an im Bereich Mechatronik, Logistikmanagement und auch einen vollwertigen Meister in Mechatronik zusammen mit deutschen Unternehmen vor Ort. Das seit Jahren erfolgreich und demnächst werden wahrscheinlich auch neue Ausbildungsgänge im Bereich IT hinzukommen. Es gibt unzählige duale Berufsausbildungsprogramme auf malaysischer Ebene, die sind aber vor allem sehr theorielastig und daher oft nicht so im Interesse der Industrie. 

    Sprecher: Wie ist es, als Deutsche - Europäerin in Malaysia zu leben?

    Langerbeck: Also aus meiner Perspektive: Malaysia ist ein sehr lebenswertes Land, aber man sollte es vermeiden mit seiner europäischen Brille herzukommen und es braucht Zeit sich an gewisse Dinge hier zu gewöhnen. Das kann einfach der Akzent der Leute im Englischen sein, das kann die Arbeitsweise sein, die Mentalitäten sind doch etwas unterschiedlich, das sind unterschiedliche Kommunikationsstile. Wir in Deutschland sind ja tendenziell immer sehr direkt und fallen manchmal mit der Tür ins Haus. Das ist hier in Malaysia, in einem asiatischen Land, eher nicht der Fall. Da wird sehr indirekt kommuniziert. Für jemanden aus Deutschland kann das am Anfang sehr lästig sein, weil man nicht genau weiß, woran man ist. Man gewöhnt sich mit der Zeit daran, da zwischen den Zeilen zu lesen und die Leute genauer zu beobachten. Aber das ist nichts, was man, wenn man vorher keinerlei Asienerfahrung beispielsweise hatte und das erste Mal dann hier in die Region kommt, ist das nichts, was man über Nacht lernt. Das braucht tatsächlich etwas Zeit. Und dann haben wir natürlich andere klimatische Gegebenheiten hier in Malaysia. Das findet jemand aus Nordeuropa üblicherweise auch immer ganz schön. Tropisches Wetter das ganze Jahr über. Darf man aber auch nicht unterschätzen. Bedeutet, wir haben eine hohe Luftfeuchtigkeit. Das bedeutet im Regelfall, man muss Arbeitsräume, Produktionshallen stärker klimatisieren, als man das in Deutschland machen würde. Und wenn man sich draußen bewegt, ist das entsprechend für den Kreislauf auch wesentlich anstrengender. Wir Deutschen sind ja gerne zu Fuß unterwegs, das gewöhnt man sich nach einer Weile dann hier doch irgendwo ab. Auch weil bedingt durch Monsun das Wetter auch ein bisschen unbeständig ist. Sonneneinstrahlung ist auch ein Thema, also da wir hier sehr extreme Temperaturen zum Teil auch haben und eben die hohe Luftfeuchtigkeit ist alles auch deutlich wartungsintensiver. Sowohl was Gebäude angeht, als auch Maschinen beispielsweise. Der Verschleiß bei Kabeln, Plastikteilen ist einfach höher, weil sich das relativ schnell zersetzt. Das sind alles Sachen, die man dann berücksichtigen muss. Und ich würde halt sagen, man muss sich auf das Land einfach einlassen. 

    Sprecher: Frau Langerbeck, das war sehr informativ. Vielen Dank für das Gespräch..

    Langerbeck: Vielen Dank. Hat mich gefreut.

    MUSIK / BREAK

    Sprecher: An dieser Stelle der Hinweis auf einen früheren Podcast von uns, in dem wir uns unter anderem Australien und Brasilien als alternative Beschaffungsmärkte zu China angeschaut haben. Den Link finden Sie in den Shownotes.

    Vielen Dank fürs Zuhören.

    Wir freuen uns über Ihr Feedback, Ihre Anregungen und

    Fragen. Unsere Email-Adresse finden Sie in den

    Shownotes ... wir sind gerne für Sie da ... auch online

    unter www.gtai.de.

    In der nächsten Folge kümmern wir uns um Nachhaltigkeit. Wir hören uns an, wie deutsche Unternehmen auf diesem Feld investieren – und sprechen natürlich auch über das Lieferkettengesetz. In diesem Sinne: Wir hören uns.

    Dieses Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

     

  • Folge 8: Deutschland ist Weltmeister der Messen

    - Juli 2023 -

    Ein Blick hinter die Kulissen

    2023 ist das Jahr, in dem die Messen endlich wieder zurück sind. Die Zahl der Events wächst, die Veranstaltungen werden vielfältiger und internationaler. In dieser Folge beschäftigen wir uns mit der Branche, dem Nutzen von Messen für Unternehmer und wie diese im Ausland ausstellen können. Denn da gibt es eine Vielzahl von Förderungsmöglichkeiten, die man kennen sollte.

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    Gäste in dieser Folge

    Dr. Friedrich Rheinheimer, Geschäftsführer, MECOTEC GmbH Dies ist ein eingebettetes Bild | © Friedrich Rheinheimer

    Dr. Friedrich Rheinheimer

    ist in Caracas, Venezuela aufgewachsen. Er promovierte nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, Madrid und Berlin zu Geld- und Wechselkurspolitik an der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel. Sein beruflicher Weg führte ihn erst zur Robert Bosch GmbH, dann nach Brasilien und Argentinien, wo er das Südamerika-Geschäft der FUCHS PETROLUB SE leitete.  Mitte 2021 wechselte er zur MECOTEC-Gruppe nach Bitterfeld-Wolfen. Seit Januar 2022 ist Rheinheimer dort Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortlich für das operative Geschäft des Unternehmens.


    Joern Holtmeier, Geschäftsführer, AUMA Dies ist ein eingebettetes Bild | © Steffen Kugler

    Jörn Holtmeier

    ist Geschäftsführer des Ausstellungs- und Messe- Ausschusses der deutschen Wirtschat (AUMA) mit Sitz in Berlin. Zuvor war der gebürtge Schleswig- Holsteiner in verschiedenen Positonen bei der Daimler AG beschätigt.

    Von Oktober 2006 bis September 2007 war Holtmeier als Congressional Fellow in Washington DC/USA. Dort arbeitete er als Parlamentarischer Berater für den Abgeordneten Joseph Crowley im Rahmen des Congressional Fellowship Program des German Marshall Fund of the United States. Jörn Holtmeier ist Diplom-Betriebswirt und Bachelor of Arts.  


    Informationen zu den aktuellen Förderungen und Programmen zum Ausstellen im Ausland finden Sie unter:

      

    Transkript der Folge

    Sprecher: Heute sprechen wir über den Weltmeister – denn Deutschland ist der wichtigste Messestandort der Welt. Und das Messegeschäft brummt wieder. Ganz anders als in den vergangenen Jahren.

     Auch weltweit läuft das Geschäft: Jährlich gibt es international ungefähr 33.000 Messen, schätzt der Weltmesseverband UFI mit Sitz in Paris.

    Im Vorcoronajahr 2019 besuchten fast 353 Millionen Menschen Ausstellungen besucht – in über 180 Ländern.

    Während Corona, Lockdown und Co. Sah es s düster aus. 2021 fanden in Deutschland nur 49 überregionale Messen statt. Also 100 weniger als ein Jahr zuvor.

    2022 waren es 166 Messen. Für 2023 sind insgesamt 340 Messen geplant – einschließlich regionaler Messen.

    Dass es wieder läuft, hat einen Grund:

    Sprecher: Die Türen sind also wieder offen. Zwei Drittel aller Leitmessen der Weltwirtschaft finden in Deutschland statt.

    Und die deutschen Veranstalter expandieren selbst fleißig ins Ausland: Deutsche Messegesellschaften organisieren auf allen Kontinenten jedes Jahr über 300 eigene Messen. Wichtigster Markt ist Asien. Dort planen deutsche Veranstalter knapp 200 Messen.

    Die Messe Frankfurt betreibt zum Beispiel 15 internationale Klone der Automechanika.

    Die Messe Berlin hat mit der Internationalen Tourismus-Börse ITB einen Export-Schlager. Sie veranstaltet sie unter anderem in Mumbai, Shanghai und Singapur.

    Die Deutsche Messe AG aus Hannover ist über Tochterfirmen und Ableger auch in Shenzen, Sydney, Izmir und vielen anderen Städten vertreten. Es gibt sogar das Qualitätslabel: „German Trade Fair Quality Abroad.“

    Jörn Holtmeier: Der internationale Wettbewerb im Bereich der Messewirtschaft, der war immer schon da. Und das zeigt sich natürlich auch immer daran, wie sich Volkswirtschaften entwickeln. Wenn Sie nach China schauen, nach Indien, in die Vereinigten Arabischen Emirate. Auch dort sind natürlich attraktive Marktplätze entstanden.

    Sprecher: Das sagt Jörn Holtmeier. Er ist Geschäftsführer des Auma, dem Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft e. V. Mit ihm rede ich später über die Besonderheiten deutscher Messen und die Zukunft der Branche.

    Doch zuerst spreche ich mit Dr. Friedrich Rheinheimer. Er gehört zur Geschäftsführung des Kühltechnikunternehmens Mecotec und ist Messefan.

    Friedrich Rheinheimer: Die Messen geben uns die Möglichkeit, direkt mit Kunden in Kontakt zu treten. Und was uns fast noch wichtiger ist, direkt mit unseren Wettbewerbern am gleichen Standort zu sein.

    Sprecher: Und was macht Mecotec und wer ist ihre Zielgruppe?

    Rheinheimer: Wir haben mehrere Business-Units, es sind drei im Kern. Die erste ist Industriekälte, wo wir uns mit unserer elektrischen Tiefstwerttechnologie an die Industrie, insbesondere neuerdings auch an die Pharmaindustrie wenden. Zur Kühlung von zum Beispiel Vakzinen oder pharmazeutischen Produkten. Das zweite Segment sind Kaltluftgeräte auch auf elektrischer Basis, die in Kliniken oder auch in Physiotherapien Anwendung finden. Und schließlich unser Kerngeschäft sindKältekammer, die allerdings einen sehr breiten Markt haben, von Kliniken, Rehazentren bis über Sportverein und auch in den Sportzentren oder auch im privaten Wellnessbereich.

    Sprecher: Ich kann verstehen, wenn Sie sagen: Nee, das ist ein Geschäftsgeheimnis. Aber was kostet Sie ein Messestand?

    Rheinheimer: Wir bewegen uns in einem sicherlich mittleren fünfstelligen Bereich. Das bewegt man sich relativ schnell, wobei das bei unseren Produkten eher nebensächlich ist. Wir halten unsere Standkosten sehr gering, indem wir uns auf das Produkt fokussieren und auch bei sämtlichen anderen Amenities, die es bei anderen Messen üblicherweise gibt, es eben sehr, sehr, sehr kurz halten auch nur mit eigenem Personal auftreten. Und meistens ist dies auch schon durch den einzelnen Käufen einer Kammer wieder gedeckt.

    Sprecher: Wie planen Sie einen Messestand? Machen Sie das alles inhouse? Oder sagen Sie, das sollte schon von einem Profi gemacht werden?

    Rheinheimer: Weitestgehend inhouse. Also wir haben gelernt, dass wir zunächst unser Produkt sprechen lassen wollen, also im Mittelpunkt des Standes steht immer eine einzelne Kältekammer von uns, die durch den durch den Messebesucher auch komplett umgangen werden kann. Damit ist schon ganz klar, dass wir das Produkt für sich sprechen lassen wollen, dass wir auf sämtliche, ja alles, alles was drumherum, was man sonst überall finden, verzichten. Und das machen wir dann weitestgehend selbst. Wir haben auch ein klares Bild, wie die Hintergründe aussehen können und sollen und wollen und holen uns natürlich auch extern Unterstützung. Aber das meiste organisieren wir dann durch unser Marketing Team selbst.

    Sprecher: Also alles sehr klar und reduziert. Wie ist es nun bei Publikumsmessen? Die FIBO in Köln als Fitnessevent ist ja eine Merchandise-Schlacht. Influencer werden gebucht, um Stände zu promoten. Und trotzdem sagen Sie: Das Produkt muss im Mittelpunkt stehen …

    Rheinheimer: Das ist richtig. Natürlich hat man bei so einer Messe wie die FIBO, die über mehrere Tage sich erstreckt, schon mal eine klare Trennung, was Fachbesucher und was Publikums Besucher angeht. Aber wir sind grundsätzlich beiden Besuchergruppen immer sehr offen gegenüber. Fachbesucher, von dem wir welche auch explizit einladen, zu kommen, also auch potenzielle Deals, die wir haben, uns zu besuchen. Die empfangen wir natürlich gerne und auch gerne das Gespräch mit Interessenten aus dem Bereich des Fachbereichs auf. Das war bei der FIBO ganz klar der Fall. Ob das jetzt nun Ärzte oder Physiotherapeuten waren, aus, Kliniken oder auch im vorderen Bereich. Und den interessierten Messebesucher als solche, der möchte natürlich unsere Kammer erleben. Manch einer hat das noch nie gesehen oder noch nie erleben können. Und wir haben hier glücklicherweise ein Produkt, dass allein durch das Öffnen der Tür einen derart großen Nebel erzeugt, der die Leute einfach zu uns automatisch zu uns zieht und uns interessierten Kunden auch die Möglichkeit gibt, uns Fragen zu stellen.

    Sprecher: Da sie ja eine Kältekammer im Betrieb haben … Wie ist die Infrastruktur in Messen? Also können Sie das immer problemlos aufbauen oder müssen Sie vorher eine Mail schicken, was sie brauchen, Starkstrom, Anschlüsse, etc.?

    Rheinheimer: Genau in diesem Fall bedarf es schon eine enge Abstimmung mit den Messebetreibern üblicherweise. Die, die uns kennen, wissen schon was sie erwartet. Aber neben dem Starkstrom gehört auch ein Wasseranschluss dazu, den wir brauchen, um die um und die Abwärme abzuführen. Das ergibt immer wieder Überraschungen. Aber sie werden letztlich immer. Immer. Bisher wurden sie immer gelöst. Pünktlich.

    Sprecher: Machen wir mal eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Lohnt sich ein Stand überhaupt? Also gibt es Deals, die ohne Messe nicht zu Stande gekommen wären?

    Rheinheimer: Das ist schwer zu sagen, weil unsere Leads eher langfristiger Natur sind. Wir haben üblicherweise Deals, die bis zu ein oder anderthalb Jahre dauern, bis sie von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Kauf einer Kältekammer. Wir raten auch dazu, allen unseren potenziellen Interessenten sich den Markt und den Wettbewerber genau anzuschauen. Letzten Endes wollen wir zufriedene Kunden und geben damit aber auch den potenziellen Kunden genug Zeit, sich mit dem Markt und dem Wettbewerb und mit ihrem Geschäftsmodell auseinanderzusetzen. Deshalb ist eine Messe fällt dann meistens immer, ist immer ein Teil davon, aber kein wesentlicher Bestandteil davon. Mittelfristig reicht es uns, wenn wir ein, zwei oder drei Kammern verkaufen, um die Kosten einer … ja … bei kleineren messen reicht das, um die Kosten eines Messestand wieder drin zu haben. Aber ob wir das jetzt nun tatsächlich an den Messebesuch festmachen lassen oder eine Kaufentscheidung zu unseren Gunsten trifft, lässt sich im Nachhinein auch nicht leicht feststellen. Für uns dienen die Messen primär dazu, sicherlich Präsenz zu zeigen und ausgewählten Interessenten und und unsere Kamer direkt zu vergleichen mit anderen Wettbewerbern, die an Messen sind und um ihm eine bessere Kaufentscheidung zu ermöglichen. Der Kunde kann direkt bei uns die Kälte spüren und er kann bei uns die Lautstärke hören. Er kann bei uns die direkt im Preis vergleichen. Dazu muss er nicht zur Messe gehen. Aber er kann natürlich auch schauen, wie wirkt so eine Kammer im Raum? Wie wirken die Kammern der Wettbewerber im Raum? Bisher haben wir immer sehr gute Erfahrungen damit gemacht.

    Sprecher: Passen sie denn Ihre Messeauftritte im Ausland den jeweiligen Ländern an? Kunden ticken ja nicht überall gleich.

    Rheinheimer: So ist es, so ist es. Wir haben jetzt zuletzt beispielsweise auch im Ausland die Erfahrung gemacht, jetzt waren bei einer Messe in Dubai, wie wichtig es ist, auf die lokalen Bedürfnisse auch einzugehen. Corporate Design ist das eine. Wir haben die Kammern bisher immer nur Weiß ausgestellt. Jetzt hatten wir zum Beispiel einmal im letzten Jahr bei der Dubai Active, im Herbst 2022 in Dubai die Möglichkeit … andersrum: Wir sind mit einer Kältekammer aufgetreten, die und die wir dann Gold foliert haben. Intern hat das doch für Diskussionen gesorgt, ob wir diesen Schritt gehen wollen. Und das hat eingeschlagen wie eine Granate im positiven Sinne. Also die Customers, wir hatten mehrere Scheichs bei uns am Stand, die mit Entourage und Kamerateams kamen. Und aus dieser Erfahrung wollen wir auch lernen und das auch auf andere Messen anwenden, die wir jetzt, in die wir jetzt weltweit auch gehen.

    Sprecher: Warum Dubai? Haben Sie während des Lock Downs die internationalen Märkte entdeckt?

    Rheinheimer: Wir wären so oder so hingegangen, weil wir dort im letzten Jahr eine Tochtergesellschaft gegründet haben. Aber was ich doch gespürt habe, ist das … Ich war da im Jahr 2021 auf der Medica. Und was man da gesehen hat, das war ein trauriges Bild. Weil insbesondere die asiatischen Kunden komplett fehlten. Und wie dann daraufhin auf der ArabHealth im Januar 22 waren und wir festgestellt haben, wie viele asiatische Kunden da waren. Das ist in der Tat so, dass sich in meinen Augen, was die Medica angeht, als Beispiel, sich scheinbar eine Verlagerung abspielt Richtung zum Nahen Osten. Ob das jetzt nun an einem Messestandort, dem Messebetreiber als solchen liegt oder auch am Standort. Vielleicht ist Dubai dann doch für Araber, für Leute aus dem asiatischen Raum besser zu erreichen. Zum einen vielleicht noch zentraler. Das kann sicherlich ein Grund sein. Wird sicherlich auch mehrere Gründe geben, warum das so ist.

    Sprecher: Gibt es etwas, was der deutsche Standort für Sie besonders macht?

    Rheinheimer: Ja, zum einen sicherlich die hohe Professionalität. Also es ist natürlich auch an unserem Produktionsstandort, also die Verbundenheit mit dem Standort als solchen ist gegeben und der Messebesucher im Allgemeinen, der nach Deutschland reist, erwartet sicherlich auch, dass die deutsche Industrie, wenn man so will. Dass dort auch die hohe Professionalität und auch die Tradition eine große Rolle spielt, ohne Frage.

    Sprecher: Und wie sieht eine Messe Woche bei Ihnen aus? Ich stelle mir das ja sehr anstrengend vor.

    Rheinheimer: Intensiv. Natürlich. Für die, die unmittelbar daran arbeiten, die müssen schon Monate vorher ran, was die Vorbereitung angeht. Die ganze Abstimmung im Team oder auch mit dem mit den Dienstleistern. Dann sicherlich die Anreise. Bei uns meistens anderthalb Tage vorher schon, weil wir unsere Kammern aufbauen müssen und sicherstellen wollen, dass das auch so funktioniert und so steht, wie wir sie haben wollen. Und dann ist das ist das üblicherweise wenig Schlaf und ein langer Tag für alle, weil es hört ja mit dem mit dem Glockenschlag am Ende des Tages nicht auf, sondern meistens trifft man sich ja noch am Abend mit potenziellen Kunden oder mit Geschäftspartnern, das geht ja dann in die Nachtstunden noch ein.

    Sprecher: Würden Sie Unternehmen raten, es auf jeden Fall mal auszuprobieren? Auch mal im Ausland auszustellen?

    Rheinheimer: Ich denke mal, es kommt auf das Produkt an. Ich denke mal, wichtig ist, dass man fertig ist, wenn man ein Produkt hat, das greifbar ist, dass man das man auch fühlen kann und erleben kann, dann auf jeden Fall. Dann spielt eigentlich der Hintergrund weniger eine Rolle. Man sollte das Produkt sprechen lassen. Andersherum, ein fertiger Messestand und ein unfertiges Produkt, habe ich auch schon mal gesehen, ist nicht zu empfehlen.

    Man muss für sich als Unternehmen erst mal im Klaren sein, was will man mit der Messe eigentlich erzielen? Wir sind ja schon seit über 25 Jahren auf dem Markt mit unseren Produkten unterwegs und können das relativ gut einschätzen. Das ist das eine. Zum anderen muss man auch klar sagen, welches Ziel will man mit dieser Messe bezwecken? Ist es vielleicht eine Präsentation? Steht im Vordergrund die Präsentation eines neuen Produktes oder geht es darum, konkret Abschlüsse zu machen und entsprechend ist der Messestand auch ausgerichtet?

    Ich hatte vorhin über die den Messeauftritt in Dubai berichtet und ich glaube, das war für uns alle ein wichtiger Eye-Opener. Also wir haben in der Mitte eines sonst freien Messestandes eine Gold folierte Kammer hingestellt, die ja fast wie ein wie ein Monolith, ein glänzender Monolith im Raum stand und entsprechend ausgeleuchtet wurde. Und es gab keinen, der vorbeigehen konnte, ohne den Blick darauf zu werfen. Und als dazu noch die Tür geöffnet wurde und bei draußen über 35 Grad Celsius Außentemperatur und dann diesen kalten Nebel aus dem Raum aus der Kammer treten sieht, das war ein ganz besonderer Moment. Wir haben auf jeden Fall gelernt, auf manchen Teilen der Welt vielleicht auch etwas unbescheiden aufzutreten. 

    Sprecher: Sprachbarrieren, fremde Sitten und Gebräuche: Ein Messeauftritt im Ausland kann oft viel Geld und Nerven kosten.

    Es geht aber auch einfacher – dank des Auslandsmesseprogramms des Bundes. Das Programm bietet die Möglichkeit, zu günstigen Konditionen und nervenschonend an Deutschen Gemeinschaftsständen teilzunehmen. Insbesondere kleine und mittlere deutsche Unternehmen profitieren davon, wenn sie sich in einem großen German Pavillon unter der Dachmarke "Made in Germany" präsentieren.

    Jedes Jahr unterstützen das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zwischen 250 und 300 Deutsche Gemeinschaftsstände weltweit, beispielsweise auf Messen in Singapur, Dubai, Mailand und San Francisco. Aber auch in neuen und aufstrebenden Messemärkten wie Kenia oder Usbekistan.

    Die gemeinsam ausstellenden Unternehmen profitieren nicht nur von der Standorganisation, einer professionellen Unterstützung sowie dem gemeinsamen Außenauftritt und Marketing, sondern auch durch Briefings von Vertretern der jeweiligen Deutschen Botschaft, Germany Trade and Invest oder der Auslandshandelskammer. Die deutschen Aussteller empfehlen sich gegenseitig gern weiter und netzwerken oft auch nach Messeschluss weiter. 

    Das Programm fördert deutsche Exporte, ist aber auch selbst seit Bestehen der Bundesrepublik ein Exportschlager - die ersten fünf Gemeinschaftsstände fanden bereits 1949 statt. 

    Weitere Informationen finden Sie in den Shownotes dieser Folge.

    Sprecher: Doch wie geht es der Messewirtschaft aktuell? Und was macht der Austellungs- und Messeausschuss der Wirtschaft, Auma, überhaupt? Diese Fragen beantwortet uns dessen Geschäftsführer Jörn Holtmeier.

    Holtmeier: Wir vertreten die Interessen der ausstellenden, der veranstaltenden und der besuchenden Wirtschaft. Heißt also bei uns sind Mitglieder die großen Wirtschaftsverbände wie BDI, die IHK, VDMA, VCI und andere, aber eben auch die großen und mittelgroßen Messeplätze der Republik, aber auch zum Beispiel der Dehoga oder der Bundesverband Groß- und Außenhandel, also alle die Akteure, die in der Messewirtschaft zum Gelingen beitragen. Das hängt ja von verschiedenen Gewerken ab. Und meine Funktion ist, dass ich der Geschäftsführer dort bin und mit meinem Team gemeinsam hier die Geschicke des Verbandes steuere, versuche zu steuern und natürlich vor allem auch der Öffentlichkeit für unsere Branche, für unseren Industriebereich ausreichend Sichtbarkeit herzustellen und für das Medium Messe zu werben.

    Sprecher: Während der Coronabeschränkungen bestimmt kein leichter Job. Wie schwierig war das für die Branche wirklich?

    Holtmeier: Da gibt es nun wirklich keine zwei Meinungen. Die Zeit der koronaren Pandemie war wirklich für die Messewirtschaft katastrophal. Ich würde auch behaupten, dass wir die am härtesten betroffene Branche sind, die durch Corona hohe Schäden erlitten hat. Ich sprach ja schon davon. Messe- und Messewirtschaft ist eine eine Summe aus vielen Gewerken und wir beziffern den volkswirtschaftlichen Schaden wirklich auf 60 Milliarden Euro, der durch Corona entstanden ist. Wir konnten nahezu zwei Jahre lang kaum bis gar keine Messen in Deutschland veranstalten. Über 670 Messen sind in Deutschland gestrichen worden. Und auch im internationalen Vergleich muss man einfach fairerweise sagen, es gab andere Märkte auch in Europa, auch in Arabien, die viel früher wieder am Start waren. Das war jetzt keine Glanzleistung der Politik.

    Sprecher: Bleiben wir mal kurz beim internationalen Vergleich: Konnten andere Länder in dieser Zeit aufholen?

    Holtmeier: Der internationale Wettbewerb im Bereich der Messewirtschaft, der war immer schon da. Und das zeigt sich natürlich auch immer daran, wie sich Volkswirtschaften entwickeln. Wenn Sie nach China schauen, nach Indien, in die Vereinigten Arabischen Emirate. Auch dort sind natürlich attraktive Marktplätze entstanden. Aber eins ist auch ganz klar, das zeigt im Prinzip auch die Zeit seit Frühling 2022, wo es wieder möglich war, in Deutschland Messen durchzuführen. Zwar noch unter Corona-Auflagen, aber eben nicht mehr, dass sie gar nicht stattfinden konnten. Und die Zeit hat auch gezeigt: Messen haben ihre Bedeutung. Deutschland ist Messeplatz Nummer eins in der Welt und genießt vielen hohen internationalen Zuspruch. Wir haben also wirklich, eine sehr schöne Aufwärtsbewegung gesehen, insbesondere seit Herbst. Und auch die Quote, die Internationalitätsquote. Also sprich wer kommt aus dem Ausland zu uns, befindet sich schon wieder auf dem Niveau von vor Corona. Wir haben da also ein Standing in der Welt. Aber wie beim Sport gilt es natürlich auch, sich im Wettbewerb mit anderen zu messen, zu vergleichen und natürlich vor allem auch zu behaupten. Und das ist ehrlich gesagt auch das, was wir von der Politik erwarten und insbesondere auch vom Bundeswirtschaftsminister, hier die Messe Standort Deutschland zu stärken, zu flankieren und keine weiteren Hürden uns in den Weg zu stellen.

    Sprecher: Was macht denn Deutschland überhaupt so attraktiv? Gibt es da Faktoren, die man benennen kann?

    Holtmeier: Also Deutschland ist als Messestandort deshalb besonders attraktiv, natürlich auch aufgrund seiner Lage mitten in Europa. Aber es hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir eine kleine und mittelständische geprägte Wirtschaftsstruktur haben, wo viele Unternehmen ihre innovativen Produkte eben halt auch anbieten. Und wenn Sie sich einige Messeplatz in Deutschland anschauen die haben ja Jahrhunderte alte Historien, was es so in anderen Märkten nicht gibt. Also wir profitieren da einfach auch von der Erfahrung und dem Engagement der Vergangenheit. Und das zeigt eben auch, warum es zu dieser Spitzenstellung gekommen ist. Und es ist natürlich auch eine wechselseitige positive Beziehung. Denn auf der einen Seite profitieren davon die Messestandorte, andererseits profitieren davon natürlich aber auch insbesondere die Unternehmen. Gerade bei den internationalen Leitmessen, die natürlich dann wenn sie hier veranstaltet werden, also das Publikum, ihre Geschäftspartner, potenzielle Kunden für die Zukunft natürlich direkt sozusagen vor ihrer Haustür treffen und nicht irgendwie den Flieger steigen müssen, um zu einer Destination nach Asien oder Südamerika zu reisen. Das machen die dann natürlich dann direkt im Nachgang, also natürlich auch mit den Kunden und den Geschäftspartnern in Kontakt treten, die sie auf einer Messe kennengelernt haben.

    Sprecher: Wo muss sich denn der Messestandort Deutschland weiterentwickeln, um auch in Zukunft seine Spitzenposition zu behalten? Welche Themen sind da wichtig?

    Holtmeier: Zum Beispiel das gesamte Thema Nachhaltigkeit. Wir haben im letzten Jahr eine Branchenpositionierung zu dem Thema erarbeitet, wo wir uns ein Ziel für die Klimaneutralität bis 2040 gesetzt haben. Etliche Mitglieder wollen das auch vorher erreichen. Und das ist natürlich auch ein Faktor, der eben auch im internationalen Wettbewerb eine Rolle spielt, weil dieses Thema halt überall präsent ist, zu Recht präsent ist. Und da muss natürlich investiert werden, da muss für was getan werden, Konzepte entwickelt werden. Und das überzeugt, glaube ich, auch dann internationale Messeveranstalter, wenn Sie eine Standortentscheidung für Deutschland treffen.

    Sprecher: Was ist denn der Vorteil für mich als Unternehmen zu einer Messe zu gehen, also dort auszustellen? Was bietet mir eine Messe?

    Holtmeier: Die Messe, die Brancheschau ihrer jeweiligen Branche bietet Ihnen, glaube ich, eine ganze Menge und insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen, das muss man ganz deutlich sagen über 87 Prozent aller ausstellenden Unternehmen kommen aus dieser Unternehmenskategorie und machen eben dann dort auch ihr Geschäft, ihren Umsatz. Also das Thema der Produktpräsentation ist ein ganz wichtiges. Das Knüpfen von neuen Geschäftskontakten, -Partnerschaften mit neuen Partnern, das sind viele wichtige Punkte, die auf einer Messe erreicht werden. Und natürlich eben auch die Möglichkeit der Wettbewerbsbeobachtung untereinander, weil sie natürlich eine Branche zu einem fest definierten Zeitraum treffen, wo alle ihre Produkte ihre Innovation zeigen, sodass sie natürlich einen sehr guten Eindruck davon bekommen, wie die Branche sich gerade entwickelt und wohin die Reise geht. Also Messe ist ganz klar ein Marketinginstrument. Da steht ja auch Budget hinter, das Sie investieren. Sie wollen neue Kontakte, die sogenannten Leads. Die erzielen sie natürlich auf Messen, und das können Sie alles dort eben dann auch erreichen. Vorausgesetzt ist natürlich auch eine gewisse Planung, dass Sie mit motiviertem Stammpersonal da sind, dass Sie sich Gedanken gemacht haben über Ihre Messeziele, dass sie eben auch in einen ansprechenden Standort investiert haben, dass sie vorher ein gutes Kommunikationskonzept mit aufgesetzt haben, gerade im Bereich des Besuchermarketings, um vielleicht eben auch potenzielle Kunden entsprechend anzusprechen. Und wenn Sie das alles zusammenfügen, dann glaube ich, haben Sie auch Klarheit darüber, was sie auf Messen erreichen wollen. Und das können dann eben auch Messen leisten und wer da noch ein bisschen Anregung benötigt, wir haben da eine wunderbare Broschüre, die sich um die erfolgreiche Messe Beteiligung dreht, mit vielen Tipps und Hinweisen, die da vielleicht zu berücksichtigen sind. Die finden Sie bei uns auf der Homepage auma.de kann man sich gerne kostenfrei runterladen und dann bekommt man vielleicht auch noch eine andere Perspektive oder andere Hilfestellung, um einen erfolgreichen Messeauftritt zu planen.

    Sprecher: Also Unternehmen können sich an sie wenden und sagen: Ich brauche Beratung beim Standbau, bei der Standort- oder Messe-Wahl?

    Holtmeier: Also an uns können sich auch Unternehmen wenden. Auf unserer Homepage finden Sie wirklich eine Bandbreite an Materialien, gerade wie Sie Ihren Messeauftritt planen. Wir machen natürlich jetzt keine Unternehmensindividuelle Beratung. Dafür haben wir einfach nicht die Ressourcen. Wir stellen aber wirklich alle Informationen zur Verfügung, auch Ergebnisse aus unseren Studien, die nochmal unterstreichen, welche Bedeutung Messen haben. Was ist der Wirkungsgrad einer Messe und was sie bei uns natürlich auch finden, in unserer Datenbank, ist und das können Sie dann nämlich auch für Ihre jeweilige Branche entsprechend auswählen, Sie können halt in unserer Messedatenbank nach Orten schauen, nach Industriesektoren schauen und bekommen dann auch die Messen ausgegeben. Mit zusätzlichen Informationen über Internationalität, welche Teilbranchen eines Industriesektors werden dort vertreten sein. Wie sind die Zeiträume, wo sind die Kontakte auch zum Messeveranstalter? All das finden Sie, wenn Sie auf unserer Datenbank unterwegs sind. Und das, glaube ich, ist für kleine und mittelständische Unternehmen auch sehr interessant: Wir haben in Deutschland eine Förderkulisse sowohl für Messen im Inland, aber auch für Messen im Ausland, sowohl als aus Bundes- als auch aus Landesmitteln. Und auch das finden Sie unter www.auma.de, wenn Sie dort in der Navigation unterwegs sind, welche Fördermöglichkeiten Sie eventuell als Unternehmen in Anspruch nehmen können. Und eine Sache ist mir immer, was das Inland betrifft, ganz besonders wichtig, gerade für, sage ich mal, junge Unternehmen oder Startups, es gibt wirklich vom Bund geförderte Gemeinschaftsstände auf über 70 internationalen Messen in Deutschland, wo eben auch gerade diesen jungen Unternehmen die Möglichkeit geboten wird, neue Geschäftskontakte zu knüpfen. All diese Möglichkeiten, die sich aus der Förderung von Bund und Ländern ergeben, finden Sie bei uns auch auf der Homepage. Auch mit Ansprechpartnern versehen, die natürlich Unternehmen auch kontaktieren können.

    Sprecher: Augmented Reality, Virtual Reality und andere neue Techniken sich als Unternehmen im Internet zu präsentieren. Wie wichtig ist da eigentlich noch die Messe im Real Life?

    Holtmeier: Das kann ich ganz klar sagen: Alle Unternehmen haben gesagt, wir brauchen den direkten Kontakt, wir brauchen den persönlichen Austausch. Wir machen Geschäfte nur, wenn wir mit Menschen physisch in Begegnung kommen. Und das zeigen auch alle Zahlen. In den Hochzeiten der Pandemie gab es natürlich eine ganze Reihe an digitalen Formaten. Sobald die Einschränkungen zurückgeschraubt worden sind, sobald die Möglichkeit da war, sich wirklich wieder physisch zu treffen auf den Messe Plätzen, wo eben alle Vertreter der jeweiligen Branche zusammengekommen sind, da ist das fast gegen Null gesunken. Also wir hatten zum Beispiel im vergangenen Jahr 2022 nur noch eine einzige digitale Messe. Das zeigt, glaube ich, den Wert des Mediums Messe als Präsenzveranstaltung, als physische Begegnungsstätte. Und das sei auch ganz klar gesagt: Es ist kein Entweder-oder. Wir hatten auch vor Corona schon Virtual Reality auf deutschen Messenplätzen, VR Brillen. Also das ist einfach eine integrative Geschichte. Und auch gerade in der Vor- und Nachbereitung spielen digitale Kanäle eine Rolle. Und heute gibt es auch nichts mehr, wo Social Media keine Rolle spielt, das gut aufeinander abgestimmt ist. Ein gutes Paket ist ein gutes Konzept und ist natürlich auch die Möglichkeit attraktiv auf neue Zielgruppen zuzugehen. Gerade der, der vielleicht noch nicht von vornherein bedenkt auszustellen oder die Messe zu besuchen, hat natürlich über solche Formate auch die Möglichkeit, zunächst einmal Zugang zu finden und entscheidet sich dann danach vielleicht im Jahr darauf für eine Beteiligung vor Ort. Also das ist für uns kein Entweder-oder, sondern das ist gut gemacht, ein gutes Gesamtpaket und stellt sich dabei auch in all unseren Befragungen dann doch immer wieder heraus: Menschen möchten sich begegnen, Geschäftspartnerinnen- und Partner möchten sich begegnen. Und diese Zufallsbegegnungen, die gerade auch auf Messen eine gewisse Rolle spielen, die sind eben dann doch wirklich für innovative Lösungen sehr erfolgsversprechend. Und das lässt sich dann leider doch nicht über irgendeine Form von digitaler Plattform darstellen.

    Und ich muss auch ganz klar sagen, das zeigt sich auch in vielen anderen Ländern dieser Welt und auch in anderen Kulturkreisen, wo, glaube ich, für den Geschäftsabschluss das persönliche Begegnung noch eine wesentlich höhere Bedeutung hat, wie das zum Beispiel in Arabien oder Asien ist. Da gibt es, glaube ich, noch mal eine ganz andere Herausforderung und da schätzt man auch den Wert der persönlichen Begegnung und der macht dann auch was aus, weil es dann Vertrauen bildet. Und wenn man dann halt dazu kommt, gemeinsam ein Projekt zu realisieren. 

    Sprecher: Das war unsere Folge über die Messewirtschaft. Vielen Dank fürs Zuhören. Wir freuen uns über Ihr Feedback, Ihre Anregungen und Fragen. Unsere Email-Adresse finden Sie in den Shownotes ... wir sind gerne für Sie da ... auch online unter www.gtai.de.

    Nächsten Monat wird es geopolitisch: Wir schauen uns an, welche Alternativen es zu China gibt. Wir hören uns.

    Dieses Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Feedback und Anregungen bitte an  andreas.bilfinger@gtai.eu


  • Folge 7: Das ist die Krönung - Königsdisziplin Handel mit Großbritannien?

    - Juni 2023 -

    „God save the King“: Großbritannien hat mit König Charles III. ein neues Staatsoberhaupt und wir haben das zum Anlass genommen, um uns in UK umzuhören.

    Wie geht es deutschen Unternehmern in UK? Was muss beachtet werden, wenn man dort Geschäfte machen will? Hat sich im Post-Brexit-Königreich alles wieder normalisiert?

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    Gäste in dieser Folge

    Markus Wild Dies ist ein eingebettetes Bild | © Markus Wild

    Markus Wild

    (52) startete seinen Berufsweg als persönlicher Referent von Dr. Lothar Späth, dem damaligen Jenoptik-Chef in Jena. Nach über fünf Jahren wechselte Wild 2005 in die Energiebranche. Im Sommer 2022 übernahm er den Aufbau der EnBW-Erzeugungs-Niederlassung in UK. Hier ist er für die Planung von drei Offshore-Projekten vor der Küste Großbritanniens verantwortlich.

     

     

     

    Carina Pesch Dies ist ein eingebettetes Bild | © Franziska Ring

    Carina Pesch

    ist Logistikerin. Sie studierte Business Administration und leitete von 2017 bis 2019 die Disposition Großbritannien/Irland der Nosta Group. Sie hat die Auswirkungen des Brexit somit aus nächster Nähe miterlebt und musste anfangs viel improvisieren. Seit diesem Jahr ist sie Head of Business Unit Road.

    Informationen zu den aktuellen Zoll- und Einfuhrbestimmungen finden Sie unter www.gtai.de/zoll bzw. www.gtai.de/recht

  • Folge 6: 30 Jahre EU-Binnenmarkt

    - Mai 2023 -

    Eine Bestandsaufnahme

    In dieser Episode feiern wir Geburtstag. Der Binnenmarkt wird 30 Jahre jung. Viel ist passiert: Die Osterweiterung in den Nuller Jahren und natürlich der Vollzug des Brexit 2021. Wie geht es jetzt weiter für den Wirtschaftsraum der 27 EU-Staaten und der Exoten Island und Liechtenstein? Braucht man ihn überhaupt noch? Und was passierte im United Kingdom seit dessen Austritt?

    Um diese Fragen zu beantworten, haben wir zwei Gäste eingeladen: Einer begleitet den Binnenmarkt quasi seit seiner Taufe 1993 und der andere war mitten drin, als London zum „Draußenmarkt“ wurde.

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    Gäste in dieser Folge

    Dr. Jürgen Stehn

    Er arbeitet seit 1986 am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Von 1992 bis 2005 leitete er die Forschungsgruppe "Außenwirtschaft und Strukturwandel" und war für die Strukturberichterstattung des IfW Kiel für das Bundesministerium für Wirtschaft verantwortlich. Von 2005 bis 2015 war er Leiter des Public Relations Zentrums am IfW. Seit 2015 ist er im Präsidium des IfW Kiel verantwortlich für die Wirtschaftspolitische Koordination. 

    Prof. Holger Hestermeyer

    Prof. Dr. Holger Hestermeyer, Jurist, Kings Collage London, Völker- und Europarecht Dies ist ein eingebettetes Bild | © Holger Hestermeyer

    Er ist Professor für Völker- und Europarecht am King’s College London, wo er das Zentrum für Internationale Governance und Streitschlichtung leitet und Rechtsanwalt. Der in Deutschland promovierte und habilitierte Jurist war in der Vergangenheit als Otto-Hahn Gruppenleiter am Heidelberger Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht sowie als Référendaire im Kabinett des spanischen Generalanwalts beim Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg tätig. 

    Der in New York und Deutschland zugelassene Rechtsanwalt beriet den EU-Außenunterausschuss des House of Lords zu Handelsfragen im Rahmen des Brexit und den EU-Ausschuss des House of Lords zu völkerrechtlichen Verträgen, insbesondere Handelsabkommen.    

     

  • Folge 5: Beschaffungsmärkte: Seltene Erden

    - April 2023 -

    Nachhaltig und unabhängig - geht das?

    Sie sind der Schlüssel für eine klimaneutralere Zukunft. Jede grüne, neue Technologie setzt auf sie: Von der Windkraftturbine, über das E-Bike bis hin zum Computerchip. Und sie liefern uns an China aus. Oder nicht? Die Rede ist von Seltenen Erden.

    In dieser Folge sprechen wir mit Experten und Unternehmen, die an vielversprechenden Auswegen aus der Rohstoffabhängigkeit arbeiten. Wir zeigen, wieso das Monopol von China bald Vergangenheit sein könnte. Und wie sich Seltene Erden nachhaltiger abbauen lassen.

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    Gäste in dieser Folge

    Martin Erdmann Dies ist ein eingebettetes Bild | © Martin Erdmann

    Martin Erdmann

    Der promovierte Mineraloge arbeitet als Wissenschaftler im Arbeitsbereich Bergbau und Nachhaltigkeit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Seine Aufgabe ist es, Wirtschaft und Politik zu beraten. Sein spezieller Fokus liegt auf den Lieferketten von Seltenen Erden und den damit verbundenen Versorgungs- und Nachhaltigkeitsrisiken. Er gibt uns einen Überblick über aktuelle Abbaugebiete, Umweltstandards und Abhängigkeiten.

     

    RockTech Dies ist ein eingebettetes Bild | © Mirco Wojnarowicz

    Andre Mandel und Mirco Wojnarowicz

    Die beiden Männer arbeiten für Rock Tech Lithium. Das kanadische Unternehmer stellt sich derzeit neu auf: War man bis jetzt fast ausschließlich Bergbauunternehmen, will man in Zukunft den wichtigen Batterie-Rohstoff bergen, verarbeiten, vertreiben und zuletzt auch recyceln. Wir sprechen mit Mandel und Wojnarowicz über Deutschland als Standort und die Zukunft unabhängiger Rohstoffversorgung.   

     

    Gavin Lockyer Dies ist ein eingebettetes Bild | © Gavin Lockyer

    Gavin Lockyer

    Er ist CEO von Arafura. Der australische Bergbaukonzern hat sich auf Seltene Erden spezialisiert. Aktuellstes Projekt ist der Nolans Bore. Lockyer erzählt, wann Arafura nach Deutschland liefern will, welche Pläne China hat und welche Umwelt- und arbeitsrechtliche Standards in Australien gelten – und wie streng diese überprüft werden.

     

     

     

     

     

    Weiterführende Informationen

    Transkript der Folge

    Sprecher: Willkommen zu “Weltmarkt. Dem Podcast von Germany Trade & Invest, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes. Mein Name ist Christian Blecken.

    Dass Sie diese Episode hören können, haben Sie wahrscheinlich China zu verdanken. Denn egal ob auf Ihrem Smartphone, Ihrem PC oder in Ihrem Auto – ohne seltene Erden aus China blieben ihre Lautsprecher stumm.

    Die es zu bannen gilt. Vom E-Auto über das E-Bike und vom Computerchip bis zur Windkraftturbine: Ohne Seltene Erden gibt es die nicht. Was bedeutet: Seltene Erden sind der Schlüssel zu einer klimaneutralen Zukunft. Und leider kommen die fast ausschließlich aus China. Aus dieser Abhängigkeit will Deutschland sich so schnell wie möglich lösen - und sucht auf der ganzen Welt nach weiteren Lieferanten. Für Seltene Erden, aber beispielsweise auch für Silizium, Kobalt oder Lithium. Ein schwieriges Unterfangen, mit vielen Hindernissen und Engpässen...

    Doch es tut sich was!  In dieser Folge sprechen wir mit Expertinnen und Unternehmen, die an  Auswegen aus der Abhängigkeit arbeiten.  Doch erst mal schauen wir uns an, was seltene Erden genau sind - und wieso der Name eigentlich irreführend ist. Das erklärt uns Martin Erdmann von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

    Martin Erdmann: … zu den seltenen Erden gehören 16 verschiedene Elemente im Periodensystem, die unterschiedliche Einsatzbereiche haben.

    Sprecher: Das sind beispielsweise Lanthan, Cer, Praseodym, Neodym, Promethium, oder auch Samarium. So selten wie ihr Name suggeriert sind diese Metalle gar nicht. Man findet sie in großen Mengen überall auf der Welt. Doch nur wenige Abbaugebiete sind rentabel. Heißt: In nur wenigen Regionen kommen sie so häufig vor, dass man sie großflächig abbauen kann. Und noch ein Problem gibt es:

    Erdmann: … die Gewinnung von diesen seltenen Erden ist sehr komplex, da sie zum einen chemisch eng miteinander verbunden sind. Es ist sehr aufwendig, diese in der Weiterverarbeitung voneinander zu trennen. Hier ist ein hoher Chemikalien Einsatz nötig, hoher Energieeinsatz ist nötig und sie sind auch immer in der Natur, verbunden mit den radioaktiven Actinoiden, die getrennt werden müssen und was dementsprechend auch zur Umweltproblematik führen kann.

    Sprecher: Welche Umweltproblematik Herr Erdmann meint, erfahren Sie später in der Sendung..

    Fangen wir aber in der Praxis an. Wie werden seltenen Erden abseits von China abgebaut, welchen Potenziale gibt es in Australien und Kanada? Wie sehen bessere Lieferketten aus und wieso beginnt ein Teil der Zukunft ausgerechnet in Deutschland selbst, am Rande Brandenburgs?

    Unser erster Interviewgast ist Gavin John Lockyer. Er ist CEO des australischen Bergbauunternehmens Arafura Rare Earth. Der Konzern hat sich auf den Abbau seltener Erde spezialisiert. Mit ihm reden wir über hohe Umweltstandards, faire Lieferketten und Deutschland als Handelspartner.

    Da Mister Lockyer nach eigener Aussage nur die deutschen Wörter guten Tag, Bier und Schweinshaxe kennt, haben wir das Interview übersetzt.

    Hallo Mr. Lockyer: schön, dass Sie es einrichten konnten.

    Lockyer: Hello. Guten Tag. Good to be here.

    Sprecher: Stellen Sie ihr Unternehmen doch bitte kurz vor und warum es für die Versorgung mit Seltenen Erden so wichtig sein kann.

    Deutsch: Arafura ist ein an der australischen Börse notiertes Unternehmen und wir entwickeln den Nolans Bore, ein Seltene Erden Projekt im Outback von Australien. Das Projekt befindet sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Entwicklung. Wir haben die Exploration durchlaufen, wir haben alle unsere Pilot- und Technologieprogramme durchlaufen und wir befinden uns derzeit in der Detailplanung, die bis Mitte dieses Jahres abgeschlossen sein soll. Wir wollen dort zwei spezifische Seltene Erden von hoher Qualität und hohem Preis abbauen: Neodym und Prasedodym Oxide. Das sind die Bausteine für Hochleistungsmagnete, die in großem Umfang im Automobilsektor, aber auch im Offshore-Windturbinensektor eingesetzt werden.

    Lockyer (OT): Arafura is an Australian Stock Exchange listed company and we are developing the Nolan's Ball Rare Earth Project in Central Australia. The project is in an advanced stage of development. We've been through exploration, we've been through all our piloting and our technology programs and we're currently in detailed engineering heading towards construction by the middle of this year. The product that we will be producing is two specific rare earths products of Neodym and Prasedodym Oxides. And these are the building blocks for high performance magnets which are used extensively in the auto sector but also in the offshore wind turbine sector.

    Sprecher: Der Nolans Bore gilt als eine der weltweit ertragreichsten Lagerstätten seltener Erden. Welche Besonderheit hat das dortige Vorkommen und wann  können sie die Rohstoffe liefern?

    Deutsch: Wir wollen bis Ende dieses Jahres mit dem Bau der Mine beginnen. Das wird etwa zwei Jahren dauern. Und dann wollen wir Ende 2025, Anfang 2026 liefern können. Alle Seltenen Erden bestehen aus einer Reihe von etwa 17 verschiedenen Elementen. Und sie alle haben unterschiedliche Eigenschaften. Einige sind magnetisch, einige sind farbig und werden in Leuchtstoffen und in Bildschirmen verwendet. Einige davon werden in wiederaufladbaren Batterien oder beim Polieren von Glas verwendet. Aber der wirkliche Mehrwert, den wir in der Nolans Bore-Lagerstätte haben, liegt in den beiden kritischen Seltenen Erden Neodym und Prasedodym oder NDPR, die wir dort abbauen werden. Und wie ich schon sagte, sind sie die Bausteine von hochleistungsfähigen, superstarken Magneten, die im täglichen Leben verwendet werden.

    Lockyer (OT): … we’re targeting to be in full blown construction by the end of this year, and it's about a two year construction period. And then we will be looking to deliver product by the end of 2025, early 2026 […] all rare earths come with all the rare earths there a suite of about 17 different elements. And they all have different properties. Some some are magnetic, some are colors and used in phosphors, in screens. Some are used in some them. Some of it is in rechargeable batteries or glass polishing. But the real value add that we have in the Nolan's bore deposit is in two key critical rare earths being near denim and Presidium or NDPR, which is a chemical symbol. And as I said, they are they are the building blocks of high performance, super strong magnets which are used in everyday life. 

    Sprecher: Also genau das, was die deutsche Industrie dringend benötigt, um zukunftsfähig zu bleiben.

    Deutsch: Absolut. Das ist natürlich etwas, was die deutschen Industrie wirklich braucht, und zwar in der Automobilbranche. Jedes Auto hat etwa ein Kilogramm Seltenerdmagnete. Im Auto steuern sie Dinge wie elektrische Scheibenwischer, Ihre Sitze, elektrische Lenkung, elektrische Bremsen, elektrische Spiegel und so weiter und so fort. Aber der eigentliche Wendepunkt für die Industrie wird in  Elektrofahrzeugen liegen, denn es geht ungefähr ein weiteres Kilogramm Material in den eigentlichen Motor. Der Grund für die Verwendung von Seltene-Erden-Magneten im Motor ist, dass sie ein sehr effizienter Magnet sind. So kann ein viel kleinerer Motor über eine längere Strecke von der Lithiumbatterie angetrieben werden. Die Kosten einer Lithiumbatterie in einem Auto machen etwa 30 % der Kosten für das ganze Auto aus. Man will also sicherstellen, dass die Batterie die Energie so effizient wie möglich überträgt. Und genau das tun diese Magnete. 

    Lockyer (OT): Absolutely. So in a obviously, this is something very dear to the German manufacturing industry is obviously the auto sector. So each automobile has roughly one kilogram of rare earth magnet. In the automobile, it can. It controls things like electric windscreen wipers, your seats, electric steering, electric brakes, electric mirrors, so on and so forth. But the real game changer for the industry will be in electric vehicles itself, because there's probably another kilogram of material that goes into the actual motor. And the reason they use rare earth motors magnets into the motor is because they're a very efficient magnet. And so you can have a much smaller motor being driven a further distance by the lithium battery. So the cost to an auto maker for a lithium battery into an auto car would be about 30% of the cost of the of the car. So you want to make sure that that battery is as efficient as possible in transferring energy. And that's what these magnets do.

    Sprecher: Gibt es denn schon Verträge mit deutschen Firmen und wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Australien und Deutschland?

    Deutsch: Deutschland war schon immer ein extrem wichtiger Markt für uns. Wir haben lange Gespräche mit vielen deutschen Automobilherstellern und Komponentenherstellern geführt, aber auch mit Konzernen, die Windturbinen herstellen. Deutschland ist also extrem wichtig für uns, weil wir es als einen sehr großen Markt für unsere Produkte ansehen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass Deutschland und Australien, Sie wissen schon, wichtige Handelspartner sind, sehen wir durch diese ganze Diversifizierung der Lieferkette, dass Deutschland extrem wichtig für uns ist.

    Lockyer (OT): Germany has always been identified as an extremely important market for us. And we have had long discussions with many of the auto sector in Germany and also the component makers in Germany, together with groups that make wind turbines as well. So Germany is extremely important to us because we see it as a very big market for for product. And given that Germany and Australia, you know, a key trading partners, obviously through this whole diversification of supply chain, we see Germany is extremely important for us.

    Sprecher: Reden wir mal kurz über den Status quo: Was würde passieren, wenn wir es nicht hinbekommen, uns von China und seinem jetzigen Monopol zu lösen?

    Deutsch: Sehen Sie, etwa 85 % der weltweit produzierten Seltenen Erden werden derzeit in China hergestellt. Und China verbraucht eine beträchtliche Menge seiner eigenen Seltenen Erden selbst. Es zeichnet sich also ab, dass China sehr weitreichende Pläne für seine eigenen Ziele in den Bereichen Elektromobilität und erneuerbare Energien hat. Wir gehen davon aus, dass China im Jahr 2025, wenn wir in Produktion sind, nicht mehr genug Seltene Erden fördern kann, um in andere Länder zu exportieren. Es ist also äußerst wichtig, dass andere Projekte wie der Nolans Bore, unser erstes Projekt, in Gang kommen, um den Rest der Welt mit diesen wichtigen Materialien versorgen zu können. Das ist es, was die meisten Analysten sagen. Ja. Und China hat bereits damit begonnen, die Menge an Seltenen Erden, das es zur Verarbeitung nach China importiert, zu erhöhen, weil es feststellt, dass es selbst nicht genug produzieren kann.

    Lockyer (OT): Look, about 85% of the rare earths that are produced in the world are currently produced out of China. And China consumes a significant amount of their own rare earths. So what is looming is that China has very expansive plans for its own e-mobility and renewable energy targets. And so we're expecting that by 2025, when we're in production, China won't have enough product to be able to export to two other countries. So it's extremely important that other projects like Nolan's Bore and our first project get up and running in order to be able to supply the rest of the world with these critical materials. That's that's what most of the analysts are saying. Yes. And China has already started to try and increase the amount of material it's importing for processing in China because it identifies that it needs more material than it can currently produce.

    Sprecher: Müssen wir uns künftig auf “Premium”-Preise einstellen, wenn wir uns von China abnabeln?

    Deutsch: In der Vergangenheit war China in der Lage, den Produktpreis niedrig zu halten, weil ein Großteil der Produktion in China nicht den globalen ESG-Standards entspricht. Da sich die Welt verändert hat und die Hersteller nun qualitativ hochwertige ESG-Produkte verlangen, werden die Kosten für das chinesische Material sicherlich steigen. Einige der chinesischen Produkte werden nicht den ESG-Standards entsprechen. Und deshalb sind Projekte, westliche Projekte wie das unsere, extrem wichtig für Deutschland.

    Lockyer (OT): Historically, China has been able to keep the price of the product cheap because it doesn't comply with a lot of a lot of the production in China doesn't comply with global ESG standards. As the world has changed and as manufacturers are now demanding high quality ESG products, the cost of the Chinese material will certainly increase because German manufacturing in particular won't be able to use China. Some of the Chinese product in its manufacturing because it won't meet the ESG standards. And that's why projects, Western projects like ours are extremely important to Germany.

    Sprecher: An dieser Stelle eine kleine Begriffserklärung: ESG sind Standards, die eine nachhaltigere Abbaustrategie gewährleisten sollen. Es steht für Environment, Social, Governance, und bezieht sich auf die Umwelt, faire Arbeitsbedingungen und eine solide, zukunftsfähige Unternehmensstruktur, die vertragliche Sicherheit gewährleisten soll. 

    Was macht Australien in Sachen Nachhaltigkeit anders als China und wie sieht eine umweltfreundlichere Förderung und Produktion aus?

    Deutsch: In Australien haben wir sehr strenge Umweltstandards. Unser Projekt hat eine Umweltgenehmigung erhalten, und zwar sowohl für die eigentliche Produktion des Materials als auch für die Art und Weise, wie wir mit den Abbauprodukten und den Abfallrückständen umgehen, wie wir mit dem Wasser umgehen und wie wir unsere Beziehungen zu den örtlichen Gemeinden, einschließlich der einheimischen Bevölkerung, gestalten. Und das kommt bei den europäischen Kunden, mit denen wir gesprochen haben, wirklich gut an, weil wir ihnen eine Menge Nachweise über ihre Lieferkette geben können und sie wissen, dass wir zumindest einen Mindeststandard einhalten mussten, um dieses Material produzieren zu können. Und wir haben uns mit IRMA, der Initiative for Responsible Mining Assurance und anderen Initiativen zusammengetan, um sicherzustellen, dass unser Material für die EU konform sein wird.

    Lockyer (OT): … in Australia we have very stringent environmental standards. Our project has received environmental approval both for the actual production of the material, but also on how we manage lice and our mining tails and and waste streams together with how we manage our water and how we manage our relationships with the local communities, including the indigenous population. And this has really resonated really well with those European customers that we've been speaking to because we're able to provide them with a lot of provenance around their supply chain and they know that we've had to meet at least a minimum standard in order to be able to produce that material. And we've been engaged with Irma and the other groups to ensure that our material will be compliant for the EU.

    Sprecher: Von welchen Mengen sprechen wir eigentlich? Wie groß ist die Abbaufläche und wie viel Kapital steckt in dem Projekt?

    Deutsch: Der Bergbau selbst ist recht klein, aber es handelt sich um eine der größten Verarbeitungsanlagen, die weltweit gebaut werden. Unsere Kapitalkosten belaufen sich auf etwa 932 Millionen Euro. Das ist kein geringer Betrag, denn selbst für australische Eisenerz-Standards ist das immer noch ein ziemlich viel. Mit diesen  932 Millionen Euro werden also etwa 4300 Tonnen NDPR-Oxid pro Jahr produziert. Die Mengen sind also sehr gering. Wir werden nur etwa eine Million Tonnen pro Jahr abbauen. Es handelt sich also um eine kleine Mine mit einer großen Chemieanlage, die hochreines, hochwertiges NDPR-Oxid am Ende produziert. Nun klingen 4300 Tonnen nicht sehr viel, aber das sind etwa 5 % des Weltmarktes. 

    Lockyer (OT): The mining itself is quite small, but it's one of the largest processing plants that will be built in the world. Yes. So our capital cost is about 1.5 billion AUD. So it's it's not a small amount for even even by a Australian iron ore standard, that's still a reasonably large amount. So that that 1.5 billion will produce about 4300 tonnes per annum of NDPR oxide. So the volumes are very small. We will only be mining roughly about a million tonnes per annum. So it's a small mine, large chemical plant to produce very high purity, high quality and NDPR oxide at the back end. Now 4300 tonnes doesn't sound like very much, but that'll be somewhere in the order of 5% of global market.

    Sprecher: Das war der Chef von Arafura, die künftig fünf Prozent des Weltbedarfs an Seltenen Erden abdecken können. In dem Gespräch ist mehrfach das Wort Lithium gefallen. Es gehört nicht zu den seltenen Erden, ist aber ein Schlüsselelement in der angestrebten Energiewende. Denn nur mit Lithium lassen sich derzeit Hochleistungsbatterien herstellen. Wo der steigende Bedarf an Lithium künftig gestillt werden kann, erklärt uns Rock Tech Lithium. Das kanadische Unternehmen will an der deutsch-polnischen Grenze, genauer in Guben ein modernes Cluster aufbauen, in dem Lithium aus Kanada verarbeitet  und so dem deutschen Markt zur Verfügung gestellt werden soll. Andre Mandel und Mirco Wojnarowicz  beantworten uns die wichtigsten Fragen. Die Qualität der Verbindung ist nicht besonders gut, wir bitten das zu entschuldigen.

    Schönen guten Tag, Herr Wojnarowicz [Weinarowitz]. Hallo Herr Mandel. Können Sie kurz ihre Position und ihre Aufgaben bei Rock Tech Lithium kurz beschreiben? Vielleicht beginnen Sie, Herr Weinarowitz?

    Wojnarowicz: Ja, gerne. Mein Name ist Mirco Wojnarowicz. Ich bin bei Rock Tech. für den Einkauf unseres Rohstoffes Spodumen zuständig. Insofern habe ich eine Doppelfunktion. Gleichzeitig bin ich an unserem Joint Venture zusammen mit dem Handelshaus Transamine Direktor. Das Handelshaus oder das Joint Venture ist aber grundsätzlich dafür gedacht, sämtlichen Spodumen Bedarf von uns zu einzukaufen und Richtung Europa zu liefern.

    Mandel: Ja, ich bin bei Rock Tech zuständig für die Kommunikationsarbeit, intern, extern und vor allem auch auf politischer Ebene. Das ist für uns ein sehr spannendes Feld, auch wenn es die Firma jetzt schon einige Jahre und Jahrzehnte gibt. Wir sind ein kanadisches Unternehmen mit Sitz in Vancouver und haben zwei große Projekte. Lange Jahre lang war die Firma eine Exploration Firma, das heißt, sie hat sich darauf spezialisiert, Lithium Vorkommen im Boden zu entdecken und auch nachzuweisen.

    Sprecher: Aber es ist nicht dabei geblieben, richtig?

    Mandel: … seit einigen Jahren sind wir dabei, zwei wichtige Sachen umzusetzen, nämlich zwei Engpässe zu schließen. Der erste Engpass, Der liegt darin, Lithium überhaupt zu bekommen mit der Umstellung auf das Batterie Zeitalter. Wir sehen es vor allen Dingen in der Mobilität. Für die Elektromobilität braucht es einfach für die Idee die Energietransfer in der Batterie Lithium, denn das kommt auf die Kathoden drauf und dafür ist es im Prinzip ein sehr wichtiger Rohstoff, weil jede Batterie heutzutage im Prinzip Lithium braucht. Lithium gibt es aus zwei Quellen. Das eine ist aus Sole und das andere ist aus Gestein. So wie es Rock Tech in der Mine in Kanada in den Großen Seen bei Lake Michigan fördern möchte. Ziel ist, dass wir damit 2025 beginnen können. Und gleichzeitig und das ist der zweite Engpass muss dieses Lithium ja auch irgendwie in ein Batteriefähiges oder verarbeitbares Produkt hergestellt werden. Und das machen wir mit Lithium Hydroxid. Das heißt, wir müssen erst mal das Lithium aus dem Gestein, das können wir den Atomen rausbekommen und dann in eine Salzhaltige Form das Lithium dazu bekommt. Lithium Hydroxid ist deshalb auch wichtig, weil es für Hochleistungs Batterien gerade in der Elektromobilität wichtig ist. Es gibt auch Lithium Carbonat beispielsweise, das ist für andere Akkus gut. Aber für Autos brauchen wir Lithium Hydroxid. Und dieses Lithium Hydroxid würden wir ganz gerne auch ab 2025, beginnend in Guben in Brandenburg herstellen wollen.

    Sprecher: Wie kam Rock Tech als kanadisches Unternehmen ausgerechnet auf Europa, beziehungsweise Deutschland?

    Mandel: Wir sind im Prinzip nach Europa gegangen, weil wir gesehen haben, dass der Markt hier eine sehr starke Entwicklung genommen hat. Als kanadisches Unternehmen gucken wir uns natürlich auch den nordamerikanischen Markt an, das ist wichtig. Aber wir haben das Gefühl gehabt vor ein paar Jahren, dass Europa so ein, zwei Jahre schneller ist. Und das sehen wir ja auch mit der Regulatorik zum Verbrenneraus. Mit den ganzen Regularien, die zur Battery Regulation kommen. Da ist unglaublich viel auch auf politischer Ebene passiert, so dass wir gesagt haben, ist der richtige Zeitpunkt nach Europa zu gehen. Und es macht auch Sinn, die Lithium Hydroxid in Europa herzustellen, weil das Lithium Hydroxid sehr reaktionsfreudig ist. Das heißt, wir können es schlecht oder nicht so einfach über lange Strecken transportieren. Das Spodumen, also das Lithium, noch im Gestein ist, das lässt sich einfacher transportieren. Und das ist der Grund, warum wir im Prinzip eine Anlage in Europa bauen, die genau diese beiden Sachen machen kann. Nämlich einerseits das Lithium rausholen aus dem Gestein und es so aufbereiten, dass es nachher auch als Batterie Rohstoff genutzt werden kann.

    Sprecher: Wie steht es denn um die Verfügbarkeit von Lithium? Es gibt ja mehrere Probleme. Zum einen, dass man sich von China lösen will. Zugleich steht das Verbrennerverbot ab 2035 in der EU im Raum. Sind da Engpässe nicht vorprogrammiert?

    Wojnarowicz: Grundsätzlich sind Engpässe wahrscheinlich gut abzufedern. Ein Teil unserer Strategie besteht natürlich darin, dass wir glauben, dass Hydroxid in Europa benötigt werden wird und wir daher auch die Investitionen tätigen. Aktuell sehen wir extrem große Bemühungen entlang der gesamten Lieferkette – startend in den Hartgestein-Minen-Projekten bis hin zu Batteriezellfertigung entsprechend den möglichen Lieferengpässen entgegenzusteuern. Wir als Rock Tech arbeiten aktuell stark natürlich in Nordamerika, Kanada mit Partnern zusammen auf der Minen-Seite. Zum anderen natürlich in Australien. Australien ist aktuell noch der größte Produzent von Lithiumhaltigen Hartgesteinen, Spodumen. Und es gibt durchaus sehr positive Vorzeichen, das weitere, dass die Erweiterung in den bestehenden Minen, dass das in Betrieb nehmen neuer Minen in den nächsten Jahren erfolgreich umgesetzt werden kann und somit dann um die Lieferengpässe, die heute befürchtet werden, auch erfolgreich geschlossen werden können.

    Sprecher: Wie hoch ist derzeit die Abhängigkeit im Bereich Lithium von China? Wenn man jetzt  den Weltmarkt anschaut: was kann da Kanada, was kann da Australien abdecken?

    Wojnarowicz: Im Grunde muss man ganz klar sagen, die die Weiterverarbeitung in Richtung Batteriechemikalien, Lithium Hydroxid, Lithium Karbonat findet heutzutage fast ausschließlich in China bzw teilweise in Südkorea statt. Das heißt, dort haben wir heute eine recht große Abhängigkeit von China. Auch fast 100 Prozent der Lithiumhaltigen Spodumen Vorkommen finden sich heute, … oder die die in Betrieb befindlichen Minen befinden sich heute in Australien, so dass da also doch großer Bedarf zur Diversifikation besteht und deswegen die Lieferkette in Europa, deswegen die Minenprojekte und die Lieferkettenbestrebungen in Nordamerika sind umso wichtiger.

    Mandel: Neue Minen zu erschließen dauert teilweise noch länger. Also da reden wir von Zeiten von bis zu zehn Jahren, teilweise. Und wenn wir nach Europa gucken, ist es natürlich umso schwieriger. Europa war vielleicht mal eine Region, wo es Minen gab, aber heutzutage ist der Abbau von Gestein kaum noch hier wirklich aktiv in Europa. Also da reden wir von zehn Jahren plus, bis ich jetzt tatsächlich so ein Stück weit Industrie ansiedeln würde. Zumal man auch teilweise erst mal noch gucken muss, wo gibt es denn solche Vorkommen? Und da ist es umso wichtiger, dass wir eben mit Ländern, die schon produzieren, natürlich verbinden. Das ist Kanada in erster Linie, das ist Australien auch in erster Linie. Da haben wir relativ stabile Handelsbeziehungen, da gibt es teilweise schon Minen, die kennen sich im Medienbereich aus, da gibt es strenge Regularien nach Umweltstandards und das sind halt so Punkte, wo wir sagen gute Handelsbeziehungen. [00:15:39]

    Sprecher: Schließen Sie den Bezug von Lithium aus China für Rock Tech Lithium komplett aus?

    Wojnarowicz: Also wir wir In unserem Geschäftsmodell spielt China in dem Sinne keine Rolle, da wir unsere Rohstoffe aus Australien, Kanada oder anderen Industriepartner Ländern von Deutschland bzw Europa beziehen werden und wir unsere Strategie darauf basieren das die Weiterverarbeitung der Lithiumhaltigen Hartgesteine in Europa passiert.

    Sprecher: Martin Erdmann ist der Experte, an den sich Wirtschaft und Politik wenden, wenn es um Rohstoffe geht – speziell um Nachhaltigkeit und Bergbau. Sein Spezialgebiet sind seltene Erden. Erdmann arbeitet bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die Behörde untersteht dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, BMWK. Er weiß, wie man eine nachhaltige,  verlässliche Lieferkette aufbauen kann.

    Sie haben ihn ja bereits vorhin gehört. Aber bevor wir das Gespräch mit ihm beginnen, verlassen wir kurz die Weltbühne und die globalen Herausforderungen. Bei der Diskussion um den Abbau der Abhängigkeit von China bei den seltenen Erden- oder anderen wichtigen Rohstoffen und anderen Produkten - geht es letztendlich darum, weitere Lieferanten zu bekommen. Oder den Lieferanten ganz zu wechseln. Im Grunde also ein völlig normaler Vorgang für Unternehmen jeglicher Größe, der ausgesprochen wichtig sein kann. Deswegen erklären wir an dieser Stelle, wie man als Unternehmer Lieferanten wechseln kann und was man dabei bedenken sollte.

    Einen Lieferanten zu wechseln, ist gar nicht so einfach. Es gibt vieles zu bedenken. Natürlich vor allem vertragliche Fragen, zum Beispiel Kündigungsfristen. Aber auch in Sachen Zoll und Außenwirtschaftsrecht gibt es wichtige Dinge zu beachten, besonders, wenn die neue Lieferantin ihren Sitz in einem Drittstaat hat – also außerhalb der Europäischen Union.  

    Mit neuen Lieferanten müssen Importprozesse neu „eingespielt“ werden. Denn Lieferanten müssen oft bestimmte Bescheinigungen bereitstellen, zum Beispiel Konformitätsnachweise, Ursprungszeugnisse oder Lieferantenerklärungen. Solche Dokumente sind essentiell für das Zollverfahren. Das braucht eine gewisse Vorlaufzeit. 

    Möglicherweise fallen also höhere Zollabgaben an als für Lieferungen von vorherigen Lieferanten! Das kann  der Fall sein, wenn der vorherige Lieferant zum Beispiel in einem Staat ansässig war, mit dem die EU ein Freihandelsabkommen hatte, und der neue nicht. Im umgekehrten Fall können natürlich auch Zollvorteile locken, die es vorher nicht gab. Außerdem gilt: Höhere Transportkosten führen zu höheren Zöllen. Denn sie sind für die Ermittlung des Zollwertes, auf den die Zollsätze bezogen werden, hinzuzurechnen!!!!

    Kauft Ihr Unternehmen von der Lieferantin bestimmte Produkte als Vormaterialien ein, um diese zu verarbeiten und das Enderzeugnis dann  zu exportieren? Dann kann unter Umständen der Wechsel des Lieferanten  Zollvergünstigungen Ihres Endproduktes zunichtemachen, wenn Sie es exportieren. Hier sprechen wir von der so genannten Ursprungskalkulation. Die maßgeblichen Regeln dafür sind häufig hochkomplex. Hierzu sollten Sie sich eingehen informieren. Grundlegende Übersichten halten wir bei Germany Trade & Invest für Sie bereit.  

    Bedenken Sie auch die Auswirkungen des neuen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes. Bei Lieferanten aus Ländern, die zum Beispiel niedrige Arbeitsschutzstandards haben, kann es Probleme geben. Mit der geplanten EU-Richtlinie dürften sich sogar noch Verschärfungen ergeben. Ein Grund mehr, auch den Aspekt der Menschenrechte beim Auslandsgeschäft zu berücksichtigen. 

    Diese Herausforderungen sollten Niemanden von einem Wechsel der Lieferantin abhalten! Zum einen können sich  positive Veränderungen ergeben, immerhin gibt es immer mehr Freihandelsabkommen der EU mit Zollvergünstigungen. Zum anderen ist die Diversifizierung ohnehin eine wichtige Zukunftsaufgabe für viele Unternehmen. 

    Kommen wir nun, wie angekündigt, zu unserem nächsten Interviewpartner: Martin Erdmann.

    Herr Erdmann Sie sind bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe beschäftigt. Was genau machen Sie dort?

    Erdmann: Ich persönlich arbeite in dem Arbeitsbereich Bergbau und Nachhaltigkeit. Wir befassen uns mit der Versorgungssituation generell, mit metallischen Rohstoffen und gucken hier auch besonders auf die Nachhaltigkeit in der Rohstoffgewinnung. Mein persönliches Fachgebiet sind die Seltenen Erden. Wir haben auch Unterstützung der Kollegen von der Deutschen Rohstoff Agentur, die auch zur BGR gehören, die sich dann eher mit der Versorgungssituation generell noch beschäftigen.

    Sprecher: Seltene Erden – Energiewende und China – das ist ja momentan so etwas wie ein omnipräsenter Dreiklang. Warum ist das so?

    Erdmann: Seltene Erden werden derzeit gerade mit Blick auf die Energiewende verstärkt eingesetzt. In Elektromotoren werden sie benötigt, aber auch in Turbinen für die Windkraftanlagen. Und wir haben hier eine sehr hohe Abhängigkeit von China. Der Rohstoff Bezug aus China dominiert sehr stark. Beim Bergbau werden 60 Prozent der Seltenen Erden in China gewonnen. In der Weiterverarbeitung geht es auf nahezu 100 Prozent, so dass hier eine komplette Abhängigkeit für die deutsche Wirtschaft besteht.

    Sprecher: China ist ja nicht nur als Lieferant für Seltene Erden extrem wichtig. Auch bei  anderen Rohstoffe, die für die Energiewende benötigt werden, kommt man derzeit an China nicht vorbei. Silizium, beispielsweise. Wofür braucht man das und wo liegen hier die Probleme?

    Erdmann: Das braucht man für Fotovoltaikanlagen. Die werden in anderen Regionen gewonnen. Hier ist im Vergleich zu der Umweltproblematik eher das Soziale im Fokus, da dieser in der Uiguren-Region auch weiterverarbeitet werden und hier das Thema Zwangsarbeit ganz weit oben steht. Es gibt aber auch sehr viele andere Rohstoffe, die indirekt über China geleitet werden. Und zwar ist das beispielsweise Kobalt, das für die Batterien von Elektroautos benötigt wird, was hauptsächlich zwar in der Demokratischen Republik Kongo gewonnen wird, Bergbaulich die Weiterverarbeitung aber auch in China stattfindet. Und so ist es bei vielen anderen Rohstoffen auch, dass gerade die Weiterverarbeitung der Flaschenhals ist in den Lieferketten und hier die starke Abhängigkeit von China besteht, weil die Weiterverarbeitungskapazitäten hauptsächlich auch in China liegen.

    Sprecher: Und das ist ein Problem, nicht nur für die Wirtschaft.

    Erdmann: Also gerade mit Blick auf die politische Situation, die über den Ukraine-Konflikt sehr deutlich geworden ist, und auch die Abhängigkeit von China, die man reduzieren möchte, gibt es global sehr starke Bestrebungen von diesen kritischen Rohstoffen, die auch elementar sind, gerade für die Energiewende, aber auch militärisch eine strategische Bedeutung haben. Da sie ja auch in verschiedenen Waffensystemen eingesetzt werden, wird sehr stark versucht, die Lieferkette zu diversifizieren.

    Sprecher: Bei der Sicherung von Rohstoffen galt ja offenbar bisher häufig: Geiz ist geil, nur der Preis muss stimmen.

    Erdmann: Dieser Ansatz, dass man Rohstoffe möglichst günstig beziehen möchte, egal zu welchem Preis, was Umweltverschmutzung oder auch die Verletzung von Menschenrechten und Sozialstandards angeht, sprich, dass hier schon die Bereitschaft besteht und auch der Druck sowohl von den Konsumenten als auch von der Politik an die Unternehmen, hier tatsächlich aktiv zu werden und für Umwelt und Sozialstandards in den Lieferketten zu sorgen. Und damit einhergehend kann man schon sagen, dass die Rohstoffthematik mehr in den Fokus rückt und man auch bereit ist, gegebenenfalls etwas mehr für die Rohstoffe auszugeben, um im Idealfall zertifizierte Rohstoffe zu bekommen, die die Produkte entsprechend dann auch nachhaltiger machen.

    Sprecher: Und die Politik möchte das ändern? Gibt es konkrete Beispiele?

    Erdmann: Ganz aktuell beispielsweise auch bei der Reise von Bundeskanzler Scholz nach Brasilien, wo gesagt wird, wir unterstützen euch bei Rohstoff Projekten aber zu hohen Umweltstandards. Man muss oder darf die Augen nicht verschließen, dass irgendwer anders die Drecksarbeit für einen erledigt und man dankend die Rohstoffe irgendwie annimmt, sondern man muss hier schon gucken, dass man entsprechend, wie es jetzt auch getan wird, offen mit der Thematik umgeht. Aber bei der Erschließung von neuen Rohstoff Projekten unsere hohen Umwelt und Sozialstandards ansetzt, um eine nachhaltige Lieferkette dementsprechend auch zu garantieren.

    Sprecher: Zuletzt wurde ja sehr optimistisch über den Fund Seltener Erden im Norden von Schweden berichtet. Wie euphorisch sind Sie ein paar Wochen, nachdem das bekannt gegeben worden ist?

    Erdmann: Es wurde sehr gut vermarktet von dem Konzern, von LKAB. Man muss sagen, es ist keine große Überraschung, dass dort auch ein größeres Vorkommen von Seltenen Erden gefunden wurde. Es handelt sich bei dieser Lagerstätte um eine Eisenerzlagerstätte, wo schon seit vielen Jahren Eisenerze gewonnen werden und es auch bekannt ist, dass Seltene Erden dort vorkommen, die bisher aber immer auf Halde gekippt wurden, weil die Konzentration nicht hoch genug war, um eine Weiterverarbeitung wirklich umzusetzen. Und jetzt wurde bei den ExplorationsaArbeiten bei einer ja quasi Verlängerung der Lagerstätte ein neues Vorkommen entdeckt, das auch deutlich höhere Konzentrationen an seltenen Erden hat. Das ist schon signifikant.

    Sprecher: Wann wird dieses Vorkommen erschlossen sein?

    Erdmann: Das Problem bei vielen Lagerstätten, dass die Vorlaufzeit, bis es tatsächlich zum Abbau kommt, sehr lange ist. Der Konzern selber spricht von zehn bis 15 Jahren und das ist dann eher das Minimum, von dem man ausgehen muss. Kurzfristiger Umsatz war es tatsächlich die Aufbereitung von den bereits auf Halde gekippten seltenen Erden. Da gibt es auch schon diverse Forschungsprojekte in Schweden. Damit diese Halden prozessiert werden und man die seltenen Erden hier herausholen kann. Spreche Ich bin nicht ganz so euphorisch, was den aktuellen Fund angeht. Das ist schön zu sehen, dass es auch in Europa die Potenziale gibt. Das wird allerdings kurzfristig und auch mittelfristig nicht wirklich Das Wesentliche ist, dass diese auch dann tatsächlich vor Ort weiterverarbeitet werden und nicht die Konzentrate zur Weiterverarbeitung dann wieder ins Ausland und hier insbesondere nach China gebracht werden müssen.

    Sprecher: Es ist also entscheidend, wie die Lieferketten aussehen. Jetzt fühlen sich die Unternehmen, gerade kleine Mittelständler, von dem neuen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ziemlich überfordert. Viele sagen: Darauf sind wir nicht vorbereitet. Ist das gerechtfertigt?

    Erdmann: Für kleine Unternehmen, die tatsächlich keine Nachhaltigkeitsabteilung haben, bestimmt. Allerdings muss man sagen, dass das Lieferkettengesetz gerade in der derzeitigen Fassung erst bei 3000 Mitarbeitern relevant ist und ab kommendem Jahr erst ab 1000 Mitarbeitern. Dementsprechend sind die kleinen Unternehmen nicht direkt betroffen. Allerdings habe ich auch schon häufig die Kritik gehört, dass natürlich die großen Konzerne wiederum an die Zulieferer, was dann entsprechend kleinere Konzerne auch sind, Druck machen, damit die wiederum Transparenz in ihre Lieferkette bringen. Und das ist teilweise schon gerade für die kleineren Unternehmen eine nicht ganz einfache Aufgabe, die allerdings auch unterstützt werden soll von Politikseite über Pilotlieferketten, die aufgezeigt werden sollen und auch über die generelle Zertifizierung von Rohstoffen. Wenn ein Rohstoff zertifiziert ist, kann auch ein Weiterverarbeiter, ein kleines mittelständisches Unternehmen sich darauf berufen, dass dieser Rohstoff zertifiziert ist. Das ist allerdings auch alles nicht von heute auf morgen umsetzbar. Und hier gibt es gewiss noch einiges zu tun und es ist auch mit einem bürokratischen Aufwand für die kleinen Unternehmen dann verbunden. Allerdings sollten sich die großen Unternehmen dann auch nicht zu leicht machen und die Verantwortung wiederum an ihre kleineren Zulieferer auslagern, sondern hier unterstützend tätig werden und andererseits dann auch von Politikseite sollte es, sollte es hier Unterstützung geben.

    Sprecher: Bei der Gewinnung von Seltenen Erden entsteht oft radioaktiver Abfall. Ist es überhaupt möglich, das nachhaltig in den Griff zu bekommen?

    Erdmann: Die Problematik der radioaktiven Begleitelemente macht die Gewinnung von seltenen Erden häufig auch, ja sehr, sehr schwierig, sehr komplex und hat auch hohe Anforderungen an die Sorgfaltspflichten für die Weiterverarbeitung. Wenn das vernünftig behandelt wird, wenn die Tailings entsprechend abgesichert sind, ist das alles gut möglich. Allerdings ist hier natürlich auch ein sehr hohes Konfliktpotenzial, gerade mit der lokalen Bevölkerung zu vermuten. Das war in Malaysia ebenso wie es in Indien der Fall ist. Und da muss man gucken, dass die Rohstoffe, die gewonnen werden, ja entsprechend auch vernünftig behandelt werden, um hier nicht von der oder um nicht größere Probleme mit der Bevölkerung zu bekommen, da wenn man selbst unter vernünftigen Umweltstandards dies umsetzt, das Wort Radioaktivität löst natürlich gleich alle Alarmglocken aus und da muss man entsprechend gucken, dass das nicht auch zu einem Hemmnis wird, um die globalen Lieferketten zu diversifizieren und hier breiter aufgestellt zu sein. Nur weil es an den Umweltfragen hapert.

    Sprecher: Unser GTAI-Kollege, der in Australien arbeitet, meinte, dass andere Länder in Sachen Kooperation schon viel weiter sind. Sich also schon Vorkommen durch Verträge gesichert haben. Ist Deutschland zu spät dran?

    Erdmann: In Australien ist schon zu beobachten, genau, was sie sagen, dass hier Unternehmen versuchen, direkt Abnahmeverträge zu schließen. Und etwas untergeordnet sind auch deutsche Unternehmen hier bereits aktiv, die auch direkt Abnahmeverträge haben. Hier kommt es ja aber darauf an, dass man nicht unbedingt die Erze nur bezieht, wenn man keine eigene Weiterverarbeitung hat, sondern gerade deutsche Unternehmen brauchen ja häufig die Produkte. In dem Fall, wenn es Richtung E-Mobilität geht, sind es die Magnete, die benötigt werden. Und hier muss man gucken, welches Land oder wo diese Magnete dann hergestellt werden können, um die direkten Abnahmeverträge wirklich sinnvoll abschließen zu können. Man kann natürlich seine eigene Lieferkette aufbauen, indem man die Abnahmeverträge für Erze oder auch für Oxide in Australien abschließt und seine eigenen Weiterverarbeitungskapazitäten zu Magneten dann in anderen Ländern hat. Aber auch hier, wie schon so häufig genannt, ist China sehr dominant, was die Herstellung von Magneten angeht. Aber das ist auf jeden Fall ein Potenzial über Direktinvestitionen in Bergbauprojekte oder zumindest über Abnahmeverträge, den Bergbau nicht nur in Australien, auch in anderen Regionen der Welt, sei es in Afrika, sei es bei Weiterverarbeitungsanlagen in Europa zu stärken, damit hier das Kapital erstmal vorhanden ist, damit überhaupt diese Projekte in Betrieb gehen können und somit die Lieferkette ja möglichst breit aufgestellt ist.

    Sprecher: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Erdmann.

    Wir sehen, es tut sich einiges auf den Beschaffungsmärkten, neue Player etablieren sich, neue Vorkommen werden erschlossen und es werden neue Umweltstandards gesetzt.

    Und damit sind wir auch schon am Ende dieser Episode angekommen.

    Vielen Dank fürs Zuhören. Wir freuen uns über Ihr Feedback, Ihre Anregungen und Fragen.

    Unsere Email-Adresse finden Sie in den Shownotes ... wir sind gerne für Sie da ... auch online unter www.gtai.de.

    In der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit dem Thema EU-Binnenmarkt. Den gibt es seit exakt 30 Jahren. Ein Erfolgsmodell und für viele Menschen eine liebgewordene Normalität. Doch wie wird sich der Binnenmarkt weiter entwickeln und was bedeutet es, plötzlich nicht mehr dabei zu sein? Es wird spannend, versprochen.

    Bis dahin!

     

    Dieses Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Feedback und Anregungen bitte an andreas.bilfinger@gtai.com

  • Folge 4: Das Fachkräfte-Dilemma

    - März 2023 -

    Fachkräfte fehlen überall auf der Welt – was tun?

    Es ist das vielleicht drängendste Problem der Wirtschaft. Weltweit fehlen SpezialistInnen und gut ausgebildete Fachkräfte. Ein Viertel aller deutschen Unternehmen muss Aufträge ablehnen, weil ihnen die Leute fehlen. Tendenz steigend.  

    Doch was in Deutschland schon für riesige Probleme sorgt, kann im Ausland eine echte Katastrophe sein. Denn zum Fachkräftemangel kommt hier noch die unterschiedliche Qualität der Ausbildung selbst hinzu.  

    Wie finden Unternehmen neue kluge Köpfe? Worauf muss man achten, wenn man im Ausland selbst ausbilden will? Was macht das deutsche duale System so besonders? Und was ist eigentlich eine ausländische Fachkraft?  

    Diese Episode widmet sich diesen Fragen und stellt Wege aus der Misere vor.  

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    Gäste in dieser Folge

    Tobias Bolle, Leiter des Referats Berufliche Bildung im Ausland Tobias Bolle, Leiter des Referats Berufliche Bildung im Ausland | © Markus Braumann

    Tobias Bolle

    Der Referatsleiter „Berufliche Bildung im Ausland“ bei der DIHK, der deutschen Industrie- und Handelskammer, unterstützt die deutschen Auslandshandelskammern dabei, duale Ausbildungsangebote oder auch Fortbildungen aufzuziehen. Er spricht mit uns über Qualitätsstandards in der Ausbildung und worauf Firmen bei der Rekrutierung achten sollten. 

     

     

     

    Vivian Blümel & Antje Klauss-Vorreiter

     

     

    Vivian Blümel, Director at GREEN Solar Academy Dies ist ein eingebettetes Bild | © Vivian Blümel

     

     

    Antje Klauss-Vorreiter, Director at Africa's Premier Solar Training Institute Dies ist ein eingebettetes Bild | © Antje Klauss-Vorreiter

    Die zwei Frauen aus Weimar haben mit ihrer Green Solar Academy aus der Not ein Geschäftsmodell gemacht und bieten in Südafrika schon seit 2012 Fotovoltaik-Schulungen und –Weiterbildungen an. Mittlerweile sind sie mit lokalen Teams an 12 Standorten in sieben afrikanischen Ländern vertreten. Blümel und Klauß-Vorreiter geben Einblick in den Ausbildungsalltag und die Probleme, die ihre Arbeit mit sich bringt. 

     

    Ohad Cohen Dies ist ein eingebettetes Bild | © Ohad Cohen

    Ohad Cohen

    Der Steinmetz aus Israel wurde durch Zufall Fan der deutschen dualen Ausbildung: Ein Mentor nahm ihn als Hilfskraft mit nach Deutschland und Cohen verließ das Land Jahre später mit einer abgeschlossenen Lehre. In Israel findet er aber niemanden, der in dem Bereich arbeiten will. Das will er ändern.

     

     

     

     

     

     

     

    Die in dieser Episode erwähnte Datenbank über die Ausbildungssituation in den Ländern der EU finden Sie hier: https://ec.europa.eu/growth/tools-databases/regprof/home

    Weiterführende Informationen

     

    Transkript der Folge 

     „Weltmarkt – der Podcast der deutschen Außenwirtschaft“ – das Thema heute: Was können Unternehmen aktiv gegen den Fachkräftemangel tun?

    Sprecher: Willkommen zu “Weltmarkt. Dem Podcast von Germany Trade & Invest, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes. Mein Name ist Christian Blecken.
    Und heute schauen wir auf ein Problem, das wirklich ALLE Unternehmen umtreibt – den Fachkräftemangel. Fragt man einen Unternehmer, egal wen, was momentan das größte Problem ist, heißt es:

    „Energiepreise sind schlimm, klar, die globalen Verwerfungen auch, die Abhängigkeit von China sowieso. Aber das Schlimmste ist, dass uns überall gute Leute fehlen.“

    Es fehlen Ingenieurinnen, Softwareentwickler, Informatikexperten. Firmen suchen händeringend nach Mechatronikerinnen, nach Pflegekräften, Handwerkerinnen und Mitarbeitern in Hotellerie und Gastronomie…

    Überall fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Und das ist nicht nur in Deutschland so. Im Ausland ist die Situation oft noch viel schlimmer. Das stellt deutsche Unternehmen oft vor riesige Probleme. Sie müssen in ihren Auslandsniederlassungen um die besten Köpfe kämpfen – und sie im Zweifel selbst ausbilden.

    Fachleute gehen davon aus, dass bis 2030 weltweit 85,2 Millionen Fachkräfte fehlen werden.

    Schon heute gibt ein Viertel der deutschen Unternehmen an, dass sie Aufträge ablehnen müssen, weil ihnen die Leute dafür fehlen. Tendenz steigend.

    Was das bedeutet und wie deutsche Firmen sich darauf vorbereiten können, das diskutieren wir nachher mit einem Experten der Deutschen Industrie- und Handelskammer.

    Vorher hören wir aber zwei konkrete Beispiele aus dem Ausland: Ein Steinmetz berichtet von den Sorgen und Nöten in Israel.

    Und Vivian Blümel und Antje Klauß-Vorreiter aus Weimar haben mit ihrer Green Solar Academy aus der Not ein Geschäftsmodell gemacht und bieten in Südafrika Fotovoltaik-Schulungen an.

    Sprecher: Frau Blümel, Frau Klauß-Vorreiter können Sie kurz beschreiben, was Sie bei Eurer Green Solar Academy machen?

    Blümel: Ja. Wir zwei haben eine Firma in Südafrika, in der wir Training für Fotovoltaik-Installateure anbieten. Also, wir machen professionelle Short Courses für PV-Installers, und alles, was drum herum zum Training gehört. Wir entwickeln auch Trainingsmaterialien, Curricula. Wir bilden unsere Trainer aus und trainieren, wer auch immer Wissen braucht zum Thema Fotovoltaik.

    Sprecher: Und da besteht in Südafrika eine richtig große Nachfrage, oder?

    Blümel: Also in der Metropolregion um Johannesburg herum, da haben wir wirklich jede Woche ein Training. Wenn wir in den Kalender gucken und da ist irgendein Feiertag dazwischen, ist es für uns dann schon schwierig, weil es dann bedeutet, dass wir den Fünf-Tages-Kurs, den wir anbieten, nicht anbieten können. Und ja, wir sind wirklich komplett ausgelastet, immer so um die 18 bis 20 Leute in den Kursen und jede Woche wirklich mindestens einen Kurs. Dazu kommen dann unsere anderen Standorte. Wir haben neben Johannesburg auch noch Standorte in Pretoria, in Kapstadt, in Balito?, das ist bei Durban und in Port Elizabeth, wo wir auch die gleichen Trainings anbieten. Da ist die Frequenz nicht ganz so hoch.

    Sprecher: Okay, das heißt aber, dass es keine richtige Fachausbildung gibt in Südafrika?

    Klauß-Vorreiter: Ja Fachkräfteausbildung ist ja so ein Thema. Ich meine, wir in Deutschland sind gewohnt, dass man seine zehnte Klasse macht, sein Abitur macht, seine Berufsausbildung oder zum Studieren geht. In Südafrika muss erst mal jeder Matric machen, das ist gleichwertig zum Abitur. Und. Manche, wenn man sich überlegt, dass jeder in Deutschland Abitur machen müsste, kann man sich vorstellen, was das für eine Herausforderung ist für die jungen Leute. Da bleiben also schon sehr viele auf der Strecke. Dann gibt es die TVET-Colleges, also die Berufsschulen, wo man so Fachabi machen kann und Berufsausbildung, die aber in keiner Weise mit unseren zu vergleichen sind. Und wir haben ja auch eine, eine Arbeitslosigkeit, eine Jugendarbeitslosigkeit von auf jeden Fall über 50 Prozent. Es gibt keine Fachkräfte, würde ich vielleicht mal so sagen, aber es gibt auf jeden Fall Unmengen an Menschen, die lernen wollen. Und dann gibt es halt die, die eben eine abgeschlossene Berufsausbildung haben oder ein Studium haben oder lange Berufserfahrung, die eben zu unseren professionellen Kursen kommen können, zu den 3- bis 5-Tage-Kursen.

    Sprecher: Das sind also Kurse für Fachkräfte, so etwas wie eine Weiterbildung beziehungsweise eine Spezialisierung. Sind diese Kurse auch etwas für Menschen ohne einen Abschluss?

    Klauß-Vorreiter: Die vielen jungen Leute, die praktisch die Arbeitskräfte sein könnten, die die Industrie gerade braucht, für die ist so ein Kurs nichts. Und da sind wir gerade dabei, auch ein Training, wir nennen das Green Youth, also ein Trainingsprogramm für junge Leute aufzubauen. Und da haben wir das Glück, dass wir in Kapstadt mit unserem Partner Life Choices einen Partner haben, der sehr viel Erfahrung im Bereich Jugendarbeit und Ausbildung von jungen Leuten hat und. versuchen so eben generell, dem Bedarf gerecht zu werden.

    Sprecher: Und wie sind Sie auf die Idee gekommen, so eine Ausbildungs-Akademie aufzuziehen?

    Also, ich mache nichts anderes in meinem beruflichen Leben als Training. Ich habe Bauingenieurwesen studiert und habe dann angefangen, an der Universität zu arbeiten und mich immer mit dem Thema Training beschäftigt. Das war früher im Bereich Abfallwirtschaft und bin dann vor 20 Jahren zur Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie gestoßen. Und zwar haben wir angefangen, hier in Thüringen Trainings anzubieten. Die DGS Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie hat ein Programm, das sind die DGS Solar Schulen. Die DGS Solar Schulen bieten Trainings an für Installateure von Fotovoltaikanlagen, für alle möglichen Mitarbeiter in Fotovoltaikfirmen. Und wir haben das dann auch in Thüringen gemacht und sind dann gemeinsam mit einer Thüringer Firma über ein Projekt nach Südafrika gegangen. Und aus dem Projekt hat sich ergeben …

    Blümel: Dass wir das jetzt mehr machen, mehr dort machen als hier eigentlich, nee?

    Klauß-Vorreiter: Genau. Nach Südafrika sind wir gegangen…

    Blümel:2011. Und 2012 haben wir das erste Training in Südafrika gemacht.

    Sprecher: Und, Frau Blümel, was ist Ihr Hintergrund?

    Blümel: Ich habe Erneuerbare-Energien-Management studiert und habe das damals im dualen Studium gemacht und habe bei Antje in der DGS angefangen, als duale Studentin und war quasi live dabei, als sie dann mit dem Projekt in Südafrika angefangen hat. Und bin dann einfach nie wieder gegangen. Ich habe dann noch einen Master nebenbei gemacht, auch Erneuerbare Energien Management, aber  schon immer in der Photovoltaik. Das ist mein absolutes Lieblingsthema. Und ja, das kombiniert mit dem Training ist irgendwie, passt perfekt.

    Sprecher: Sie haben die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südafrika erwähnt, das heißt ja, dass im Prinzip genügend Fachkräfte da sein könnten, wenn sie ausgebildet würden. Aber das ist nicht der Fall, richtig?

    Klauß-Vorreiter: Die klassische duale Ausbildung gibt es nicht. Es gibt einzelne Schulen, die das machen. Aber es ist jetzt nicht die Norm und es ist nicht so institutionell organisiert wie bei uns.

    Sprecher: Und da setzen Sie mit Ihrem Green Youth-Programm an?

    Klauß-Vorreiter: Das, was wir jetzt andenken, zusammen mit Life Choices, ist tatsächlich ein einjähriges Programm. Und so ein bisschen an die duale Idee angelehnt. Und zwar sind es drei Monate Ausbildung bei Life Choices. Also da ist es aber nicht nur Photovoltaik, da geht es auch ganz viel um um Life Skills. Alles was, was unsere Kinder und Jugendlichen von den Familien mitkriegen, das kann man in Südafrika nicht voraussetzen. Also pünktlich auf der Arbeit zu sein, wie man sich anziehen muss, wie man redet, all diese Dinge werden dort auch mit unterrichtet. Und da haben unsere Partner sehr viel Erfahrung und auch die richtigen Coachs, die so was machen können. Und dann folgt ein achteinhalb monatiges Praktikum bei einer Firma, wo wir auch schon sehr viele Firmen, die gesagt haben, sie haben Interesse daran, Jugendliche zu nehmen und zum Schluss kommen sie dann noch mal zwei Wochen zu uns zurück, um das Ganze ein bisschen zusammenzufassen und für eine Abschlussprüfung.

    Sprecher: Erfreulich ist ja, dass Südafrika ein Programm aufgesetzt hat – es heißt Yes for the Youth. Und mit dem werden die Jugendlichen ja unterstützt.

    Klauß-Vorreiter: Dieses Programm finanziert den Teilnehmern, ein Jahr lang kriegen die ein Stipendium, was an den Mindestlohn angelehnt ist. Das kriegen wirklich die Teilnehmer. Und das heißt also, die Firmen müssen nicht wie bei uns eben den Lehrling bezahlen, was aber dazu führt, dass … ich kenne einige Unternehmen, die sich da immer wieder jemanden holen, um Hilfsarbeiten im Lager zu machen und die aber eben nie einstellen.

    Blümel: Und dann, sobald die Förderung abläuft, eben den nächsten holen. Und dann ist es irgendwie kein nachhaltiges Einstellen oder Fördern von Nachwuchs, sondern wirklich nur billige Hilfskräfte …

    Sprecher: Was ja blöd ist, weil es dem Gedanken der Förderung von Facharbeitern widerspricht, wenn die jungen Menschen als billige Hilfsarbeiter missbraucht werden.

    Klauß-Vorreiter: Wir wollen das halt trotzdem gerne für den Piloten machen, um diese Eintritts-Schwelle ein bisschen einfacher zu machen für die Unternehmen. Aber unser Traum ist eigentlich, dass mittelfristig die Firmen die Ausbildung der jungen Leute bezahlen.

    Sprecher: Wie viel Zeit verbringen Sie selbst in Afrika?

    Blümel: Wir reisen so je nachdem, je nachdem wir woanders in Afrika Projekte haben, reisen wir so zwei bis drei Mal im Jahr mindestens nach Südafrika. Manchmal zusammen, manchmal dann eben alleine. Und dank Covid ist es ja so normal geworden, dass man auch virtuell miteinander arbeitet. Und dadurch, dass unsere Akademien auch über Südafrika ja verteilt sind, funktioniert das ziemlich gut, dass wir dann den Rest hier vom Büro in Weimar aus managen.

    Sprecher: Gibt es denn überhaupt Qualitätsstandards für Fotovoltaikfirmen? Oder wie weiß ich, ob ich einen Fachmann erwischt habe oder nicht?

    Blümel: Es gibt verschiedene Mechanismen im Markt. Der Photovoltaik Industrieverband hat ein Programm aufgesetzt, das nennt sich PV-Green Card, mit dem Sie versuchen, die Qualität unter den Installateure und bei den Installationen hoch zu halten. Da sind wir auch mit dabei. Wir bieten eben das passende Training dazu an und dann ein Assessment, also eine praktische und theoretische Prüfung, die die Installateure machen müssen, um eben grundlegend erst mal zu zeigen, dass sie nun eine Ahnung von dem haben, was sie machen. Aber ich glaube, die größte Falle ist halt, dass die Kunden sparen wollen. Also die Kunden sind natürlich mit in der Verantwortung. Wenn jemand billig haben möchte, bekommt er natürlich auch billig und unter Umständen eben auch falsch und gefährlich und illegal. Von daher ja nicht immer das Billigste kaufen.

    Sprecher: Die einjährige Fachausbildung wird staatlich gefördert, sagen Sie. Ihre Weiterbildungen müssen die Kunden selbst bezahlen. Was kostet so ein 5-Tages-Kurs bei Ihnen?

    Blümel: 13.500 Rand excluding VAT.

    Klauß-Vorreiter: Genau.

    Blümel: Und Antje muss das jetzt umrechnen.

    Klauß-Vorreiter: Ja, das sind 710 €.

    Sprecher: Okay, das hört sich jetzt nicht unbedingt günstig an.

    Klauß-Vorreiter: Das ist auf jeden Fall nicht billig. Aber Südafrika kann man sich so ungefähr wie Spanien vorstellen. Also wie der Lebensstandard, die Kosten und auch die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien ist. Ja, da ist Südafrika so ein Pendant, und deswegen ist es das ist nicht billig, aber das ist auch nicht unbezahlbar.

    Sprecher: Können Sie mit „Made in Germany“ punkten?

    Klauß-Vorreiter: Wir punkten recht wenig mit Made in Germany. Wir machen es einfach nicht. Wir setzen da nicht so einen Fokus drauf. Also dass wir zwar jetzt Deutsche sind wir merken aber, dass wir in der Art, wie wir Dinge angehen. Das wir einfach dadurch besser sind … kann man das so sagen?

    Blümel: An vielen Stellen effizienter, würde ich sagen.

    Klauß-Vorreiter: Ja. Und das macht aber auch die … diese Mischung. Dieser Hintergrund von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie. Zwei deutsche Unternehmerinnen und die ganzen Partner, die Südafrikaner sind oder Namibianer. Wir haben ja auch noch verschiedene Akademien in anderen Ländern. Aber diese Mischung und dass wir wirklich die Dinge gemeinsam entwickeln und dass wir eben auch sagen, wir bieten ja selber gar kein Training an, das machen ja unsere Partner. Und so kriegen wir halt lokale Wertschöpfung,

    Blümel: Und wir haben ein tolles Team. Also was immer keiner sich vorstellen kann, dass so was überhaupt geht und dass so was in Afrika geht, dass die Menschen, also unsere Mitarbeiter, dass die den Laden auch ohne uns schmeißen… und nicht einfach nur arbeiten, wenn wir danebenstehen.

    Sprecher: Dann fragen wir jetzt Ohad Cohen, was er für Erfahrungen in Israel gemacht hat. Der in Deutschland ausgebildete Steinmetz hat uns schon erzählt, dass er fast immer allein arbeitet, weil er in Israel niemanden findet, der in dem Bereich arbeiten will. Das will er ändern. Ohad Cohen ist derzeit in seinem Heimatort Safed, der höchstgelegenen Stadt Israels und leider bekommen wir keine richtig gute Verbindung dorthin. Also, nicht wundern, wenn’s ein bisschen rauscht.

    Ohad Cohen, Sie sind Steinmetz mit Fachrichtung Stein-Restaurierung. Wo haben Sie denn die Liebe zu den Steinen entdeckt?

    Cohen: Zuerst, wo ich groß geworden bin. Es ist eine kleine Stadt heißt Safed. Es ist in Obergalilea, und es ist fast 1000 Meter hoch. Und hauptsächlich gibt es nur Steine, überall man sieht Steine hier, Steine dort. Das ist einfach was, das ist Material, um die Stadt umzubauen.

    Sprecher: Ihre Ausbildung haben Sie aber in Deutschland gemacht, wie kam das?

    Cohen: Ich habe in Israel einen Steinmetz-Meister gesucht. Jemanden, der kann mir diese alte Kunst beibringen. Das habe ich nicht gefunden. Doch habe ich für einen Gebäude-Restaurator, Stein-Gebäude-Restaurator gearbeitet und der hat mir  ein bisschen Sachen gezeigt. Nach einem Jahr bin ich weg von ihm und dann habe ich … ich einen deutschen Stuck-Meister. Heißt Dr. Norbert. Er war ja auch Doktor und der hat mir nach Deutschland mitgebracht, ja, mein Enthusiasmus gesehen, dann hat er zu mir gesagt: Ich gehe nach Deutschland jetzt, für ein paar Monate. Komm, hilf mir. Ich kam für ein paar Wochen, um mit ihm zu arbeiten.

    Sprecher: Sie haben dann gemeinsam in Xanten eine romanisch-gotische Kathedrale restauriert. Da haben Sie bei dem Dombaumeister ein Praktikum machen dürfen. Richtig?

    Cohen: Dort hatte ich Praktikum. Und in der Mitte dieses Praktikums hatte ich eine Ausbildungsvertrag. Das ist so die Geschichte.

    Sprecher: Sie hatten als das Glück und offensichtlich auch das Können, dass man Ihnen gleich eine Lehrstelle angeboten hat. Wie hat Ihnen die Ausbildung in Deutschland gefallen?

    Cohen: Ich bin sehr großer Fan von dem Deutschen Duales System. Ich sehe hier zwei positive Sachen. Und eins ist die Qualität. Das wird erhalten. Und die Qualität wird erhalten wegen - zweite Sache - es ist die Regeln, die die Gesellen und Meister schützen. Das heißt, wenn ich, eine Geselle, und ich gehe jetzt nach Deutschland und will was arbeiten alleine, das ist illegal. Ich kann das nicht machen. Ich muss Meister werden, muss einen Meister machen und werden. Und nur dann habe ich die Möglichkeit, um Sachen von mir zu machen mit meinem Name: ich kann es unterschreiben, das ist Meins!

    Sprecher: Finden Sie jetzt qualifizierte Mitarbeiter für Ihre Projekte?

    Cohen: Nein, Nein. Ich arbeite alleine, hauptsächlich manchmal für Installationen, für Montage nehme ich Leute, die ich kenne. Aber… Weißt du, in Deutschland, wo ich die Ausbildung gemacht habe, ich hatte drei Meister, richtig gute Leute und richtig professionelle Leute. Du kommst mit so hohe Standards nach Israel, dass du willst nicht runter. Du willst dir nicht verniedrigen. Du willst quasi: Das ist dein Name. Hey,  ich komme … ich habe in der Bauhütte in Xanten eine Ausbildung gemacht haben. Und und dort gelernt. Ich will das weiter hier in Israel machen. Ich will es nicht, wenn die Standards niedrig gehen.

    Sprecher: Gibt es in Israel gar keine Steinmetz-Ausbildung? Oder etwas ähnliches?

    Cohen: Null null. Du kannst mit einem Steinmetz arbeiten, aber es gibt hier die Definition nicht. Dieses Wort Steinmetz existiert für die meisten Leute hier in Israel als biblisches Wort. In Israel es gibt keine Ausbildung, für gar nichts, für keine Handwerk. Das müsst Ihr auch wissen.

    Sprecher: Über das Handwerk beziehungsweise die Fachausbildung als echte Alternative diskutieren wir gleich mit Tobias Bolle von der DIHK, der deutschen Industrie- und Handelskammer.

    Bolle: Wir haben nicht nur die klassischen Berufe, die die DIHK nachfrageorientiert anbieten, sondern in Griechenland kam es zum Beispiel dazu, dass der Brauer und Mälzer nachgefragt wurde. Also ein ehrenwertes Handwerk, deutsche Handwerkskunst , in Korea und in Ecuador der Florist.

    Sprecher: Vorher aber greifen wir in „Konkret und kompakt“ einen wichtigen Aspekt des Fachkräftemangels auf. Denn fast immer, wenn über den Notstand in Deutschland diskutiert wird, lautet die Lösung: Wir brauchen mehr ausländische Fachkräfte. Was bedeutet das das überhaupt? Und wie wird geregelt, wer hier in welchen Berufen arbeiten darf? 

    In der Debatte über Fachkräfte gerät eine Frage leicht aus dem Blick: Wer genau ist eigentlich eine „ausländische Fachkraft“? Gemäß dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz sind dies Ausländerinnen und Ausländer, die eine Berufsqualifikation besitzen, und zwar entweder eine Deutsche, oder eine gleichwertige Ausländische. Entsprechendes gilt für akademische Qualifikationen. Die Details regelt das „Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz“. 

    Berufsqualifikationen sind kein Selbstzweck, sondern dienen dem Verbraucherschutz und der öffentlichen Sicherheit. Bei Ärztinnen, Brückenbauern oder Gasinstallateuren leuchtet das sofort ein, aber auch sonst ist es wichtig, dass Dienstleistende ihr Handwerk verstehen – allein schon, um Ärger und Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden.

    Das Problem: Berufe und Qualifikationen sind in den Ländern dieser Welt sehr unterschiedlich geregelt. Hier zu entscheiden, welche Ausbildung unter welchen Umständen anerkannt wird, ist nicht leicht. Bewerberinnen und Bewerber müssen da oft über eine erhebliche Frustrationstoleranz verfügen.

    Zum Glück gibt es wenigstens innerhalb der EU erhebliche Vereinfachungen: EU-Bürgerinnen und Bürger, die ihre Berufsqualifikation in einem Mitgliedsstaat erworben haben, erhalten automatisch Zugang zu dem Beruf in anderen Mitgliedsstaaten, und zwar unter den selben Voraussetzungen wie die dortigen Inländer. Das gilt auch für einige akademische Abschlüsse. Wer etwa in Architektur oder Pharmazie einen bestimmten Abschluss erworben hat, hat damit automatisch in der ganzen EU Zugang zu diesem Beruf. Um einheitliche Qualitätsstandards zu sichern, haben sich die Mitgliedsstaaten auf Mindestanforderungen für die Ausbildungen geeinigt.   

    Wenn keine automatische Anerkennung greift, kommt es auch innerhalb der EU zu einem Anerkennungsverfahren, allerdings mit einigen Erleichterungen. Vorab können sich Interessierte in einer Datenbank darüber informieren, ob der Wunschberuf im Aufnahmestaat reglementiert ist. Und falls ja, welche Anforderungen daran geknüpft sind. Die Datenbank finden Sie in den Shownotes.

    Fachkräfte aus Drittstaaten werden nur selten nahtlos an ihre Tätigkeit anknüpfen können. Allein schon wegen sprachlicher Hürden müssen potentielle Arbeitgeber immer Extra Zeit und Aufwand bei der Einarbeitung einplanen, manchmal wird sogar eine komplett neue Ausbildung erforderlich sein.

    Fragen wir jetzt bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer,  DIHK nach, wie es um den Fachkräftemangel weltweit steht. Tobias Bolle ist Referatsleiter „Berufliche Bildung im Ausland“. Er unterstützt die deutschen Auslandshandelskammern dabei, duale Ausbildungsangebote oder auch Fortbildungen aufzuziehen.

    Herr Bolle, in Deutschland ist der Fachkräftemangel ein Riesen Thema. Wie ist denn die Lage andernorts auf der Welt?

    Bolle: Ja, also ähnlich wie in Deutschland gibt es im Ausland speziell für unsere deutsche Industrie einen hohen Fachkräftemangel im technisch gewerblichen oder kaufmännischen Bereich. Wir haben ungefähr 50.000 Mitgliedsunternehmen, unser Netzwerk, das Auslands Handelskammern Netzwerk. Und wir sind in in 150 Standorten in 93 Ländern aktiv. Und diese Unternehmen spiegeln uns durch Umfragen zurück, dass eine der größten Risiken auch zu investieren, der Fachkräftemangel ist, also gut ausgebildeter Arbeiter, Techniker für die Unternehmen im technisch gewerblichen Bereich.

    Sprecher: Was fehlt, sind also vor allem gut ausgebildete Technikerinnen und Ingenieure, richtig?

    Bolle: Also es ist schon die Tendenz, wenn wir unsere Berufsprofile angucken in den Ländern, dass so 70 Prozent, könnte man sagen, im technisch gewerblichen Bereich sind. Also genau da, wo es auch schwierig wird, Maschinen instand zu halten, Probleme zu lösen, also lösungsorientiert zu handeln. Heute wird viel mit Robotik Überwachung. Das heißt, der Facharbeiter ist ja gar nicht mehr mit den Händen, sag ich mal, zu Werke, sondern überwacht Maschinen, CNC-Maschinen und muss dann einfach schauen, wenn das Band stehen bleibt. Er muss ja in kürzester Zeit, Fehler beheben, sonst gibt es Liefer Ausfallzeiten. Und das schlägt sich dann für das Unternehmen negativ wider. Der kaufmännische Bereich hingegen ist ja auch durch die nationalen Systeme, auch durch die akademischen Systeme, relativ gut abgedeckt.

    Sprecher: Es fehlt also die klassische deutsche Fachkraft. Ein Problem, das lösbar ist.

    Bolle: Ja, das Wunderbare ist ja, dass wir ein sehr gut eingespieltes und zuverlässiges, Ausbildungs- und sehr beliebtes Ausbildungssystem in Deutschland haben, nämlich das duale System. Das ist den Niederlassungen im Ausland ja meist bekannt durch die deutschen Headquarter. Und große Firmen in der Tat machen die die Ausbildung dann autark. Also sie haben eigene Trainer, sie haben eigene AusbildungswerkstättenAllerdings ist es ja so, dass wir auch den Mittelstand unterstützen als Auslandshandelskammer-Netzwerk. [00:02:31][33.3]

    Sprecher: Ist die Ausbildung denn vergleichbar mit der in Deutschland?

    Bolle: Das kommt darauf an, wir hier in der DIHK haben uns da so aufgestellt: Um 2012 herum haben wir aus dem Haus heraus Qualitätsstandards definiert, um die Ausbildung auch den Bedürfnissen im Markt anzupassen. Es gibt also quasi wirklich die deutsch duale Ausbildung, die sehr stark an der IHK Ausbildung angelehnt ist, zum Beispiel mit einem hohen Praxis Anteil von 70 Prozent. Die Curricula sind identisch. Es gibt eine Zwischen und Abschlussprüfung Qualität gesichert. Wir haben aber auch einen Korridor, der viel mehr den nationalen Standards dann dient, wo wir oft im Ausland ein sehr verschult System haben und gar keine Praxisphasen, die in der Ausbildung vorgesehen sind oder in der Bildung allgemein, die sind nicht implementiert. Auch das bedienen wir.

    Sprecher: Es heißt immer, andere Länder beneiden Deutschland um seine duale Ausbildung. Gibt es Länder, die das Konzept übernehmen wollen?

    Bolle: Wir werden natürlich auch oder beziehungsweise die Auslandshandelskammern teilweise von den lokalen Bildungsministerien oder Regierung angesprochen. Mensch, ihr habt in Deutschland so ein tolles System, geringe Jugendarbeitslosigkeit. Das hat ja wahrscheinlich mit dem dualen System zu tun. Und dann werden Rückschlüsse gezogen und es wird gesagt, bringt uns das hier mal her – also der systemische Ansatz. Es ist schwierig, es dauert lange, es muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, die Gesetze müssen umgeschrieben werden. Es gibt vielleicht ein, zwei Beispiele. Zum Beispiel Serbien hat das gut gemacht. In Costa Rica wurde das Gesetz umgeschrieben. Also auf dem Papier sehr gut. In Serbien ist das dann auch sehr gut gelaufen mithilfe der GIZ und der AHK, sodass die nationale Kammer, die PKS, dieses System nachhaltig implementiert hat. In Costa Rica könnte man jetzt fragen: Es geht erst los. Auf dem Papier steht alles. Nur wo sind die Unternehmen? Also man muss da schon schauen, wenn der politische Wille da ist und man die Dualität haben will, dann braucht man auch einen kritischen Bedarf in der Privatwirtschaft und sonst ist das schwierig.

    Sprecher: Sie hatten gerade ein großes Treffen mit Auslandsvertretungen in Südamerika. Was sagen die Kollegen denn? Wo brennt die Hütte?

    Bolle: Die brennendsten Themen waren alles zum Bereich Weiterbildung, erneuerbare Energien. Es ist eine weltweite Tendenz und es geht ganz klar um Solartechniker. Es geht um die Abfall und Kreislaufwirtschaft, um diese nachhaltigen Systeme. Und es ist momentan auch so, dass wir ja in Deutschland auch erst Berufsbilder dazu entwickeln. Das heißt, der Mechatroniker ist gegeben, dann kommt vielleicht eine Zusatzqualifikation drauf oder theoretisch eine Weiterbildung. Also wir warten jetzt nicht auf die deutschen Berufsbilder. Wir sind dann auch flexibel, wie Sie das zitiert haben. Der … die … das Training Center, dass wir mit Weiterbildung ganz klar arbeiten, also eine gute Grundausbildung zum Beispiel durch den Mechatroniker und obendrauf ein Sondermodul für Solartechnik. Und dann ist eigentlich die Fachkraft auch gut vorbereitet. [00:20:18][50.5]

    Sprecher: Wir haben mit zwei Gründerinnen gesprochen, die in Südafrika eine Solar-Akademie gegründet haben und die können sich kaum retten vor Anfragen für ihre Kurse. Sind solche Kurse denn eine Lösung für den Fachkräftemangel?

    Bolle: Sie haben gerade ein Wochenkurs angesprochen oder auch Monatskurse, da bewegen wir uns im Feld der Weiterbildung, nicht mehr der Ausbildung und es ist okay und es ist, wenn es passend ist für den Kunden, kann man natürlich auch so Schnellbesohlung machen. Die Frage ist immer, was wird am Ende handlungsorientiert dem jungen Menschen beigebracht? Das ist wichtig. Und wenn dann in dem Fall die Photovoltaik Firma glücklich ist und die Fertigkeiten passen, dann kann man da auch definitiv in die Weiterbildung gehen und muss nicht eine zwei- oder dreijährige Ausbildung machen. In die Richtung beraten wie unsere 50 Auslandshandelskammern jetzt auch stark.

    Sprecher: Automobilhersteller klagen darüber, dass es keinen Nachwuchs gibt. Die Wende zur Elektromobilität verschärft die Situation noch, da braucht man plötzlich Elektrofachkräfte. Wo sollen die herkommen?  

    Bolle: Nehme ich die E-Batterie für die E-Autos, da arbeiten wir zum Beispiel eng mit einem großen deutschen Automobilhersteller zusammen, der dort schon die Elektrofachkraft auch durchführt in Deutschland und wir implementieren das dann im Ausland. Also Elektrofachkraft, klassisch auch eine Weiterbildung. Und da nehmen wir das deutsche Knowhow und gehen in die Märkte, wo die Automobilisten aktiv sind, besonders im Bereich Wartung, weil mit E-Batterien und der Wartung und dem Aus- und Einbau ist auf jeden Fall nicht zu spaßen. Da sind hohe Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten und da gibt es Trainings, auch Trainings im digitalen Bereich mit HoloLens Brillen. Das ist ein sehr schönes Modell und da haben wir, glaube ich, jetzt zehn Länder über die Emirate bis nach Amerika, Mexiko, Asien abgedeckt.

    Sprecher: Und wie sind die Bewerber im Ausland? Gibt es auch eine hohe Abbrecherquote bei der Aus- oder Weiterbildungen?

    Bolle: Also im Ausland ist es so, dass eigentlich Dropouts kaum vorkommen, weil die jungen Menschen dann schon auch einen gewissen Stolz haben. Sie gehen in dieses Programm, in dieses deutsche duale Programm. Sie haben ihr Unternehmen, ihre Schule, also sie versuchen es schon. Allerdings muss man sagen, am Ende gibt es ja die Qualitäts gesicherte Leistungsfeststellung und durch die Abschlussprüfung am Ende da vielleicht wieder das Beispiel vom Balkan. Mit der deutschen dualen Prüfung ist es dann so gewesen, dass im ersten Lauf jetzt nicht mehr als 60 Prozent die Prüfung geschafft haben. Das sehen wir aber gar nicht so negativ, weil gerade die praktische Prüfung im technisch gewerblichen Bereich ist schwierig. Und ja, es muss auch nicht jeder bestehen, es ist ja ein Qualitätsmerkmal. Die jungen Leute können aber durch die Durchlässigkeit, haben sie trotzdem ihr lokales Abitur, können beim Unternehmen arbeiten. Also das ist kein Beinbruch und gerade bei kann man ja anfangen. Das ist halt dann auch den, den dem Pilotierungsstatus geschuldet. Das wird nach unserer Erfahrung immer besser mit den Jahren.

    Sprecher: Die größten Fachkräfte-Probleme bestehen im technischen Bereich. Was aber ist mit anderen Berufen?

    Abbrecherquote Wir haben nicht nur die klassischen Berufe, die die  AHKs nachfrageorientiert anbieten, sondern in Griechenland kam es zum Beispiel dazu, dass der Brauer und Mälzer nachgefragt wurde. Also ein ehrenwertes Handwerk, deutsche Handwerkskunst. In Korea und in Ecuador der Florist. Also man kann das dann auch schon in einer Ausbildung münden lassen. Aber ja, ich denke, dass es auch so ist, dass gewisse Profile auch dann nicht die große Nachfrage haben und eher exotisch bleiben.

    Sprecher: Jetzt werden also Brauer in Griechenland nach dem deutschen Reinheitsgebot ausgebildet?

    Bolle: Also die Curricula sind identisch. Was jetzt … Was jetzt das Quellwasser oder die die Zusatzstoffe angeht, muss man natürlich schauen. Aber ja, also unsere Ordnungspolitik ist immer mit den IHKs und dann auch den, den deutschen Curricula zusammenzuarbeiten. Und das ist eigentlich ein nettes Beispiel in Griechenland, dass man dort dann ein leckeres Bier bekommt, was dem Deutschen sehr nahe ist.

    Sprecher: Deutsche Bierbraukunst in Griechenland, wenn das mal kein Export-Schlager wird! Herzlichen Dank für das Gespräch, Tobias Bolle. Und damit sind wir am Ende dieser Ausgabe von „Weltmarkt“. Vielen Dank fürs Zuhören.
    Wir freuen uns über Ihr Feedback, Ihre Anregungen und Fragen. Unsere Email-Adresse finden Sie in den Shownotes. Wir sind gerne für Sie da – auch online unter www.gtai.de.

    In der nächsten Ausgabe schauen wir auf ein Thema, das - wie die Fachkräfte - gefühlt alle Unternehmen angeht. Ich sage nur Lieferketten, Diversifizierung, Resilienz, Beschaffungsmärkte. Die deutsche Wirtschaft ist ja auf Importe angewiesen – nicht nur bei Rohstoffen. Eine neue Erkenntnis ist das nicht, doch gerade in guten Zeiten gerät das gerne in Vergessenheit. Die Corona-Krise, der Wettbewerb mit China oder auch die Auswirkungen des Angriffs Russlands auf die Ukraine haben überdeutlich gezeigt, wie wichtig es ist, sichere Beschaffungsmärkte zu haben. Ein wichtiges und komplexes Thema, das wir angehen. Es wird spannend, versprochen. Dazu mehr beim nächsten Mal. Bis dahin!

    Dieses Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Feedback und Anregungen bitte an andreas.bilfinger@gtai.com und karl-martin.fischer@gtai.de (Ausländisches Wirtschaftsrecht)

  • Folge 3: US-Handelsbeziehungen auf dem Prüfstand

    - Februar 2023 -

    Was ändert sich durch neue Subventionen und die Midterms?

    Die USA bleiben der wichtigste Exportmarkt für deutsche Unternehmen. Gleichzeitig sorgt die US-Wirtschaftspolitik aktuell in der EU für Diskussionen und Kritik. Auf wie viel Protektionismus setzt die Regierung Biden, welche Herausforderungen und Chancen stecken im Inflation Reduction Act und auf welche Bereiche sollten deutsche Unternehmerinnen und Unternehmen gerade besonders schauen, wenn sie an einer Expansion in Richtung USA interessiert sind? Darüber sprechen wir in dieser Episode mit:

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    Gäste in dieser Folge

    Ursula Widenfeld Ursula Widenfeld | © Marc Darchinger

    Ursula Weidenfeld

    Die Wirtschaftsjournalistin war Korrespondentin der WirtschaftsWoche und später dort stellvertretende Ressortleiterin, sie gehörte zum Gründungsteam der Financial Times Deutschland und arbeitete als stellvertretende Chefredakteurin des Tagesspiegel. Im Gespräch erklärt sie, wie sich Europa gegen den US-chinesischen Handelskonflikt behaupten kann.

     

     

     

    Ronald Grosse Ronald Grosse | © Ronald Grosse

     

     

    Ronald Grosse

    Für die börsennotierten Bertrandt AG ist er als ‘Director of Operation’ für das US-Geschäft zuständig. Bertrandt entwickelt Technologien für die Automobil- und Luftfahrtbranche. Grosse berichtet, weshalb er mit Gelassenheit auf den Inflation Reduction Act schaut, über volle Auftragsbücher und die Wertschätzung für deutsche Qualität in den USA.

     

     

     

    Dr. Christoph Schemionek Dr. Christoph Schemionek | © Dr. Christoph Schemionek

     

    Dr. Christoph Schemionek

    Er leitet die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Washington D.C. Er ist zudem Geschäftsführer des Representative of German Industry and Trade (RGIT). Zuvor war er Senior Director für regionale Wirtschaftspolitik bei RGIT, wo er unter anderem für "German Business in the USA" verantwortlich war. Schemionek gibt Einblicke in die Sorgen, aber auch Hoffnungen und Erwartungen deutscher Unternehmen in den USA.

     

     

     

    Ullrich Umann, GTAI Ullrich Umann, GTAI | © Ullrich Umann, GTAI

    Ulrich Umann

    Der Korrespondent und Energie-Experte für Germany Trade & Invest (GTAI) in den USA erklärt die kniffeligen Details, auf die es im US-Markt zu achten gilt und für welche Branchen und in welchen Bereichen es gerade besonders vielversprechende Chancen gibt.

     

     

     

     

  • Folge 2: Exportnation mit Zuversicht

    - Januar 2023 -

    Wo Deutschland spitze ist, bleibt und wird

    Der Titel als „Export-Weltmeister“ mag für immer weg sein. Doch im internationalen Vergleich schlägt sich der deutsche Außenhandel weiterhin mehr als gut. Wir schauen stellvertretend auf zwei Branchen, die trotz neuer Herausforderungen mit Optimismus und aus einer Position der Stärke in die Zukunft schauen. Neben den Automobil-Herstellern und der Elektro- und Digital-Industrie sind Pharma und Maschinenbau die Treiber des deutschen Exports. Warum aus Sicht dieser beiden Branchen die De-Industrialisierung abgesagt ist, wieso der Weltmeister-Titel nur eine nachgeordnete Rolle spielen und weshalb der Umgang mit dem Wort Krise häufig allzu leichtfertig ist, hören Sie in dieser Episode. Unsere Gäste sind:

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    Gäste in dieser Folge

    Porträt Karl Haeusgen Porträt Karl Haeusgen | © Roderick Aichinger; Holger Paul, Leiter VDMA Kommunikation

    Karl Haeusgen

    Der gebürtige Münchner ist Hauptaktionär des Familienunternehmens HAWE Hydraulik SE und nach langen Jahren an der operativen Spitze des Unternehmens seit 2019 dort der Aufsichtsratsvorsitzende. Vor gut zwei Jahren wurde er zum Präsidenten des Deutschen Maschinen- und Anlagenbau e.V. gewählt. Zuvor war er bereits Vize-Präsident des VDMA. Im Gespräch erklärt der studierte Betriebswirt, warum ihm weder um sein Unternehmen noch die gesamte Maschinenbau-Branche bange ist und wo die Zukunft des Exports im deutschen Maschinenbau längst begonnen hat.

     

    Porträt Dr. Jürgen Betzing Porträt Dr. Jürgen Betzing | © Dr. Jürgen Betzing

    Jürgen Betzing

    Der studierte Apotheker ist CEO von IDT Biologika mit Sitz in Dessau und Magdeburg und einem US-Standort in der Nähe von Washington D.C. Sein Unternehmen produziert und entwickelt im Auftrag großer weltweit agierender Pharma-Unternehmen. Unter anderem ist IDT Biologika im Bereich viraler Impfstoffe und viraler Vektoren führend. Jürgen Betzing berichtet, wie die deutsche Pharma-Branche nicht nur während, sondern auch nach der Hochphase von Corona ihre Flexibilität, Schlagkraft und Innovationsfähigkeit unter Beweis stellt.

     

    Exportanalyse von Germany Trade & Invest 

  • Folge 1: Die Wasserstoffwende: Grünes Gas mit großen Chancen

    - Dezember 2022 -

    Wasserstoff könnte eine der wichtigsten Technologien für die künftige Energieversorgung und die Dekarbonisierung der Industrie werden.

    Expertinnen und Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft erklären, wie die Energiewende dank Wasserstoff gelingen kann, welche Märkte weltweit für heimische Unternehmen besonders vielversprechend sind und für welche Branchen das grüne Gas die größten Chancen bietet.

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    Gäste in dieser Folge

    Dr. Peter Podesser, CEO - SFC Energy AG Dr. Peter Podesser, CEO - SFC Energy AG | © Dr. Peter Podesser

    Dr. Peter Podesser, CEO von SFC Energy

    Seit 2006 leitet Peter Podesser beim Münchner Brennstoffzellen-Hersteller unter anderem das Segment Clean Energy. Das Unternehmen hat sich vom Start-Up zum weltweit führenden Anbieter von Wasserstoff- und Methanolbrennstoffzellen entwickelt. Peter Podesser berichtet, wie sich der Pioniergeist in zurückliegenden Jahren heute auszahlt, für volle Auftragsbücher sorgt und Lieferungen bis in die Antarktis beschert.

     

     

     

    Prof. Dr. Veronika Grimm, Statistisches Bundesamt, 23.09.2021 Prof. Dr. Veronika Grimm, Statistisches Bundesamt, 23.09.2021 | © Laurin Schmid/Bildkraftwerk

    Prof. Dr. Veronika Grimm

    Sie ist Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, auch als Wirtschaftsweisen bekannt und Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Außerdem ist sie im Nationalen Wasserstoffrat der Bundesregierung aktiv.
    Prof. Grimm spricht über die Chancen auf den internationalen Wasserstoff-Märkten.

     

    Michael Sauermost, GTAI Michael Sauermost, GTAI | © Studio Prokopy

    GTAI-Korrespondent Michael Sauermost

    Michael Sauermost ist seit rund drei Jahren in Marokko und berichtet von Casablanca aus von den dortigen Bemühungen beim Aufbau einer lokalen Wasserstoffwirtschaft, der deutsch-marokkanischen Kooperation bei Power-to-X-Infrastruktur und Wasserstoffproduktionsanlagen sowie den Möglichkeiten für deutsche Unternehmen auch im Mobilitäts- und Logistikbereich.

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