Wirtschaftsumfeld | Bulgarien | Wirtschaftsstruktur
Neue Unternehmen lassen Bulgariens Wirtschaft wachsen
Die bulgarische Wirtschaft legte zwischen 2019 und 2025 im EU-Vergleich mit am stärksten zu. Perspektivisch könnte sich der zunehmende Fachkräftemangel als Hemmnis erweisen.
01.04.2026
Von Torsten Pauly | Berlin
Bulgarien entwickelt sich zunehmend zu einem Sourcing-Markt. Deutschland ist der größte Handelspartner. Dabei erzielt Bulgarien im bilateralen Warenaustausch mit Deutschland einen Überschuss. Die wichtigsten Ausfuhrwaren des Landes weltweit sind Maschinen und Anlagen sowie deren Komponenten. Gefragt sind außerdem pharmazeutische und andere chemische Produkte, Elektrotechnik sowie Kupfer- und Agrarerzeugnisse. Auch der Export von Dienstleistungen nimmt stark zu.
Bulgarien zieht Firmengründer an
Neue Unternehmen inklusive einer dynamischen Start-up-Szene gelten als wichtige Träger des Wirtschaftswachstums. Die Zahl der privaten Unternehmen erhöhte sich im Jahr 2024 um 3 Prozent. Die Hauptstadt Sofia gilt als aufstrebendes Zentrum für Start-ups. Startup-Blink führt Bulgarien in seinem Innovators Business Environment Index 2026 europaweit an 10. Stelle. Das Ranking bezieht die Rahmenbedingungen inklusive der Institutionen und IT-Infrastruktur für Gründungen ein.
Der Standort ist im europäischen Vergleich günstig
Ein Vorteil für Investoren sind die moderaten Produktionskosten. Energie war in Bulgarien im 1. Halbjahr 2025 günstiger als in jedem anderen EU-Land. Für Unternehmen fielen je Kilowattstunde Strom nur etwa zwei Drittel des EU-weiten Durchschnittspreises an. Parallel dazu zahlten Firmen für Gas lediglich 71 Prozent des mittleren EU-Preises, bezogen auf einen Verbrauch von 10.000 bis 99.000 Gigajoule pro Jahr.
Zudem weist Bulgarien die niedrigsten Arbeitskosten in der EU auf: Sie beliefen sich im Jahr 2025 laut Eurostat auf brutto 12 Euro pro Stunde. Das waren 34,4 Prozent des EU-Durchschnittswerts von 34,9 Euro.
Allerdings gab es in den vergangenen Jahren starke Verdienststeigerungen. Zwischen 2020 und 2025 stieg der durchschnittliche Jahresbruttolohn um rund 87 Prozent auf 16.000 Euro. Investoren finden jedoch je nach Standort ein sehr unterschiedliches Niveau vor: So war etwa der Durchschnitt in Sofia 2024 um 103 Prozent höher als in Blagoewgrad. Beschäftigte in Bulgarien erhalten viel netto vom brutto, denn der Einkommensteuersatz beträgt unabhängig von der Verdiensthöhe 10 Prozent.
Fachkräftemangel nimmt zu
Unternehmen haben jedoch zunehmend Probleme, Stellen zu besetzen. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag laut Angaben von Eurostat im Dezember 2025 in Bulgarien bei 3,3 Prozent. Auch die Mitglieder der AHK Bulgarien (Deutsch-Bulgarische Industrie- und Handelskammer) bezeichneten in einer Umfrage Mitte 2025 den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften als größtes Geschäftsrisiko.
Durch Abwanderung von Fachkräften und Eintritte in den Ruhestand sank die Beschäftigtenzahl 2025 um 2,7 Prozent. Die Alterung der Gesellschaft hat zudem zur Folge, dass 2030 laut Eurostat-Prognose 5,1 Prozent weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) in Bulgarien leben werden als noch 2025.
Bulgarien muss Transitlage durch Infrastrukturausbau nutzen
Bulgarien kommt für ein Reshoring infrage, das heißt außerhalb von Europa bestehende Betriebsstätten werden in den Schengen- und Euroraum zurück verlagert. Ein Vorteil ist dabei die Lage. Bulgarien durchqueren die europäischen Korridore IV und X von Thessaloniki beziehungsweise Istanbul nach Deutschland, die Trasse IX vom ägäischen Alexandroupolis nach Helsinki und der Korridor VIII vom Schwarzen Meer zur Adria. Die Seehäfen Varna und Burgas liegen weniger als 1.000 Schiffskilometer vom Suez-Kanal entfernt, und Bulgarien grenzt über 470 Kilometer an den Verkehrskorridor VII, die Donau.
Nötig ist jedoch die Verbesserung der Verkehrswege. Hierfür stellt die EU von 2023 bis 2030 Fördermittel von 1,6 Milliarden Euro bereit, weitere 285 Millionen Euro bringt Bulgarien selbst auf. Von der Gesamtsumme waren 2025 bereits 77 Prozent vergeben. Von den Gesamtmitteln waren bereits 24 Prozent ausbezahlt.
Nötig sind auch Energieeffizienzsteigerungen, der Ausbau der erneuerbaren Energien sowie Investitionen in die Übertragungs- und Verteilungsnetze, einschließlich Energiespeicher. Für Energieprogramme erhält Bulgarien von 2021 bis 2027 Fördergelder im Rahmen der Aufbau- und Resilienzfazilität der EU in Höhe von 2,5 Milliarden Euro.
Dienstleistungsbranchen wachsen am stärksten
Am dynamischsten hat sich in den letzten Jahren der Finanzsektor entwickelt. Er konnte seine reale Bruttowertschöpfung zwischen 2019 und 2024 um 54,1 Prozent ausweiten. Starke Zuwächse verzeichneten auch andere Wirtschaftsbereiche wie etwa das Gastgewerbe (+34,6 Prozent), der Bergbau (+32,8 Prozent) oder der Handel (+29,4 Prozent). Robust entwickelten sich zudem die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT; +21,8 Prozent) und das verarbeitende Gewerbe (+19,4 Prozent).
Bulgariens Industrie liefert unter anderem elektronische und hydraulische Komponenten für den Maschinenbau sowie Aluminiumwannen für die Automobilindustrie. Besonders eng verflochten sind die exportorientierten Branchen Kfz und Elektro, die sich auch als Ausrüster für E-Bike-Hersteller etabliert hat. Mit seinen Industriesparten stellt Bulgarien einen attraktiven Absatzmarkt für deutsche Ausrüstung und Maschinen dar.
Sektoren | Anteil an Bruttowertschöpfung 2024 | Anteil an den Beschäftigten 2024 |
|---|---|---|
| Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 2,7 | 4,8 |
Verarbeitendes Gewerbe | 14,3 | 17,3 |
Baugewerbe | 4,8 | 8,2 |
| Handel und Gastgewerbe | 19,0 | 22,5 |
Information und Kommunikation | 8,5 | 4,4 |
Finanz- und Versicherungswesen | 6,6 | 2,3 |
| Transport und Logistik | 4,8 | 6,8 |
| Sonstige private Dienstleistungen | 19,9 | 11,3 |
| Öffentlicher Sektor, Sonstige | 19,4 | 22,4 |
Bulgariens Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel 2025 real um 18,4 Prozent höher als 2019 aus. Dies war das fünftstärkste Wachstum in der EU. Dennoch war das BIP pro Kopf in Kaufkraftstandard 2024 mit einem Niveau von 66 Prozent des EU-Durchschnitts immer noch das geringste aller Mitgliedsstaaten.
Ausführliche Informationen zur Wirtschaft finden Sie in den Wirtschaftsdaten kompakt.
Prosperierende und strukturschwache Gebiete
Die Region mit der Hauptstadt Sofia erbringt über die Hälfte der bulgarischen Wirtschaftsleistung. Es folgen die Gebiete mit den Zentren Plowdiw, Burgas und Varna. Viele Gegenden sind jedoch nach wie vor strukturschwach und von schlechter Verkehrsanbindung und Abwanderung geprägt. Dort mit EU-Fördermitteln angeschobene Modernisierungen in der Wasserwirtschaft und im Abfallmanagement bieten deutschen Herstellern gute Absatzmöglichkeiten.
Gebiet (EU-Planungsregion) | Anteil am BIP (2024 in %) | BIP pro Kopf (2024 in Euro) | Bevölkerung (2025 in 1.000) |
|---|---|---|---|
Sofia, Blagoewgrad, Pernik, Kjustendil (BG41) | 50,7 | 26.300 | 2.023 |
Plowdiw, Chaskowo, Pasardschik, Smoljan, Kardschall (BG42) | 13,3 | 10.700 | 1.307 |
Burgas, Sliwen, Jambol, Stara Sagora (BG34) | 12,7 | 13.900 | 952 |
| Warna, Dobritsch, Schumen, Targowischte (BG33) | 9,9 | 12.500 | 827 |
| Gabrowo, Russe, Radgrad, Silistra, Weliko Tarnowo (BG32) | 6,9 | 10.700 | 673 |
| Widin, Montana, Wraza, Plewen, Lowetsch (BG21) | 6,5 | 10.300 | 655 |