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Branchen | Russland | Einzelhandel

Konkurrenzkampf im Einzelhandel nimmt zu

In Russlands Einzelhandel verschärft sich der Wettbewerb. Übernahmen, eine schwache Einkommensentwicklung und höhere Onlinekonkurrenz sorgen für ein schwieriges Geschäftsumfeld.

Von Gerit Schulze | Moskau

Der russische Einzelhandel ist kräftig in Bewegung geraten. Im 1. Halbjahr 2021 sorgten mehrere Übernahmen für Furore und beschleunigten zugleich den Konzentrationsprozess.

Die Handelskette Magnit, die russlandweit die meisten Filialen hat, übernimmt für mehr als 1 Milliarde Euro den Wettbewerber Dixy. Darauf einigte sich das Unternehmen im Mai 2021 mit dem Dixy-Eigentümer Mercury Retail Group. Der Kauf bringt Magnit beim Umsatz fast auf Augenhöhe mit dem größten Handelskonzern X5 Retail Group. Das Unternehmen will die Namen Dixy und Megamart für die 2.600 Super- und Hypermärkte weiter nutzen und seine Position in Moskau und Sankt Petersburg stärken.

Russlands größte Einzelhandelsketten (2020) 1)

Unternehmen

Anzahl der Filialen

Umsatz 2020 in Mrd. Euro

Veränderung 2019/20 in % 2)

X5 Retail Group

17.698

23,85

14

Magnit

21.564

18,25

13

Mercury Retail Group (Dixy, Krasnoje i Beloje, Bristol) 3)

15.858

11,48

18

Lenta

393

5,29

7

Auchan

256

3,08

-11

Metro Cash & Carry

92

2,47

8

Swetofor

1.641

2,28

39

Okej

195

2,09

6

Monetotschka

1.680

1,49

11

Wkuswill

1.252

1,38

38

1) bei "schnelldrehenden Konsumgütern" (FMCG); 2) auf Rubelbasis; 3) auf Dixy entfällt ein Umsatz von 3,6 Milliarden EuroQuelle: Infoline (zitiert nach The Bell)

Internetgigant nimmt Supermarktkette ins Visier

Eine weitere Übernahme zeichnet sich bei der Premiumkette Asbuka Wkusa ab. Russische Medien berichteten, dass der Internetkonzern Yandex Interesse an den 170 Supermärkten zeigt, die seinen Lebensmittel-Lieferdienst Lawka ergänzen könnten. Zu den Haupteigentümern von Asbuka Wkusa gehört der Milliardär Roman Abramowitsch. Yandex selbst hat Ambitionen, zu den Top-3 im russischen Einzelhandel aufzusteigen.

Im Osten des Landes haben sich die drei Handelsketten Krasny Jar (Krasnojarsk), Samberi (Chabarowsk) und Slata (Irkutsk) zu einer Allianz zusammengeschlossen. Sie wollen Einkauf, Marketing und Management ihrer rund 700 Filialen künftig gemeinsam organisieren. Mit einem Umsatz von 1,45 Milliarden Euro (2020) würde die neue Holding zu den zehn größten Handelskonzernen Russlands gehören.

Synergieeffekte wollen auch die Hypermarktkette Lenta und der Online-Lebensmittelhändler Utkonos erzielen, indem sie ihren Wareneinkauf zusammenlegen. Beide Unternehmen gehören zur Severgroup des Milliardärs Alexej Mordaschow.

Lenta ist ohnehin auf Expansionskurs. Der Handelskonzern übernimmt für umgerechnet 26 Millionen Euro die Kette Semja, die mit 75 Filialen in der Region Perm aktiv ist.

Deutscher Rewe-Konzern verlässt den Markt

Darüber hinaus kauft Lenta die 160 Billa-Supermärkte des deutschen Rewe-Konzerns, der nach 17 Jahren den russischen Markt verlässt. Die Übernahme kostet 215 Millionen Euro. Lenta wird durch den Deal zur zweitgrößten Handelskette im Großraum Moskau, wo Billa vorrangig aktiv war. Die Supermärkte sollen unter der Marke Lenta betrieben werden. Rewe begründet den Rückzug damit, dass es in Russland trotz hoher Investitionen nicht möglich sei, eine Top-Marktposition zu erreichen.

Russische Medien berichteten, dass stattdessen der deutsche Lidl-Konzern einen Markteintritt vorbereitet. Auf eine Anfrage von Germany Trade & Invest teilte die Lidl Stiftung jedoch mit, dass sie derzeit keine Pläne habe, nach Russland zu expandieren.

Discounter weisen größtes Wachstum auf

Dabei scheint der Markt für Discounter sehr attraktiv zu sein. Die Krasnojarsker Swetofor ist derzeit die am schnellsten wachsende Supermarktkette. Ihre Umsätze legten 2020 um 39 Prozent zu. Das Unternehmen profitiert von konkurrenzlos niedrigen Preisen in spartanisch eingerichteten Läden und betreibt bereits über 1.600 Filialen in 76 Regionen Russlands. Die Standorte liegen oft etwas abseits in Industriegebieten mit niedrigen Mietkosten. Die Europa-Expansion erfolgt über die Berliner Tochterfirma TS Markt. In Deutschland betreibt das Unternehmen bereits vier Filialen unter der Marke „Mere“.

Auch andere Handelskonzerne in Russland schwenken auf Discounterformate um. Magnit hat hierzu die Kette „Moja zena“ gegründet und will bis Ende 2021 rund 100 Filialen eröffnen. Die X5 Retail Group hält mit der Kette „Tschischik“ dagegen und rechnet bis Jahresende mit 40 bis 50 Läden. Lenta ist mit dem Discounter „365+“ vertreten, Okej mit „Da!“-Filialen.

Handelsmarken gewinnen an Bedeutung

Die Preissensibilität der russischen Verbraucher zeigt sich auch in der zunehmenden Bedeutung von Handelsmarken (Private Label). Laut NielsenIQ erreichte ihr Anteil am Gesamtsortiment im Mai 2021 ein Fünfjahreshoch von 5,3 Prozent.

Bereits ein Zehntel des Umsatzvolumens entfällt auf Handelsmarken. Das Wachstum ist nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens fünfmal höher als bei FMCG-Produkten insgesamt (FMCG = fast moving consumer goods).

Einige Ketten wie Wkuswill setzen fast vollständig auf Eigenmarken. Auch die Konkurrenten wollen den Anteil erhöhen. Magnit kündigte an, bis 2025 ein Viertel seiner Umsätze mit Eigenmarken zu erzielen (2020: 10 Prozent). Sogar der Online-Händler Ozon plant, etwa 40 Produkte wie Kaffee, Wasser und Snacks unter einer eigenen Handelsmarke produzieren lassen.

Den Erfolg der preisgünstigen Private Label begünstigen die seit Jahren sinkenden real verfügbaren Einkommen der Verbraucher. Im 1. Quartal 2021 verzeichnete Rosstat ein Minus von 3,6 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode.

Umsätze wachsen trotz schwacher Einkommensentwicklung

Der Einzelhandel kann sich von der schwachen Einkommensentwicklung jedoch relativ gut entkoppeln. In den ersten fünf Monaten 2021 stiegen die Umsätze real um rund 10 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode.

Auf Rubelbasis legte der Einzelhandel von 2014 bis 2020 um 28 Prozent zu. In Euro gerechnet liegen die Umsätze heute jedoch um über 100 Milliarden Euro unter dem Wert von 2014.

Boom im Onlinehandel bleibt ungebrochen

Das dynamischste Wachstum verzeichnet der Onlinehandel. Seine Umsätze legten 2020 laut Forschungsagentur Data Insight um 58 Prozent auf 2,7 Billionen Rubel (32,6 Milliarden Euro, durchschnittlicher Wechselkurs der EZB 2020: 1 Euro = 82,72 Rubel) zu. Damit nahmen Internetverkäufe einen Anteil von 8 Prozent an den russischen Einzelhandelsumsätzen ein.

Besonders positiv entwickelt sich der Onlinehandel mit Lebensmitteln, der 2020 laut Agentur Infoline um das Dreieinhalbfache auf 155 Milliarden Rubel (1,9 Milliarden Euro) gestiegen ist. Innovationen im Bereich E-Commerce sind der Schrittmacher für die Einführung von digitalen Technologien im russischen Einzelhandel.

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