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Branchen | Russland | Medizintechnik

Lokale Branchenstruktur

Die Regierung erhöht den Druck zur Lokalisierung der Produktion von Medizintechnik und setzt auf Sonderinvestitionsverträge. Ein Mangel an Bauteilen erschwert die lokale Fertigung.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

Mit ihrer Politik der systematischen Beschränkung des Zugangs ausländischer Hersteller zur öffentlichen Beschaffung will die Regierung den Druck zur Lokalisierung der Produktion erhöhen. Der Anteil russischer Hersteller am einheimischen Medizintechnikmarkt belief sich 2020 auf 28,8 Prozent. Bis 2024 soll er auf ein Drittel steigen. Mit der „Strategie zur Entwicklung der verarbeitenden Industrie bis 2035“ will die Regierung den Ausstoß von Medizintechnik auf etwa 4,1 Milliarden Euro vervierfachen.

Punktesystem zur Bestimmung des Lokalisierungsgrades

Das Industrieministerium schlug im August 2021 - analog wie bereits bei Kfz und Landmaschinen - die Einführung eines Punktesystems zur Bestimmung der Herkunft eines medizinischen Geräts „Made in Russia“ vor. Betroffen sind 22 Medizinprodukte, darunter Vakuumschläuche, Nadeln zur Entnahme von venösem Blut, Koronarstents, Katheter, Wundauflagen, sterile antimikrobielle Verbände, oder Schutzfilme. Bereits im Mai 2021 schlug das Industrieministerium die Anwendung des Punktesystems für Computertomographen, Röntgengeräte, Elektrokardiographen sowie Ultraschallgeräte vor. Die Liste der betroffenen medizinischen Produkte soll ab 2022 jährlich aktualisiert werden, wobei die Anzahl der für die Herkunftsbestimmung erforderlichen Punkte bis 2026 stetig wächst.

Für jeden technologischen Vorgang, sowie die Verwendung russischer Bauteile und Software erhalten Hersteller mit einer lokalen Fertigung zwischen fünf und 25 Punkten. Die Vergabe hängt ab von der Gerätekategorie, der Anzahl der verwendeten lokal gefertigten Bauteile, der Forschungs- und Entwicklungstätigkeit im Land sowie den technologischen Schritten, die im Land vollzogen werden. Um als „russisches Unternehmen“ anerkannt zu werden, müssen Produzenten von Koronarstents Ende 2021 mindestens 25 Punkte erzielen. Bis Ende 2022 steigt die Vorgabe auf 100 Punkte. Bis Ende 2023 sollen weitere 15 Prozessschritte mit einer Punktzahl von 10 bis 20 lokal erbracht werden. Die Mindestpunktzahl soll bis dahin auf 300 Punkte steigen.

Staatskonzerne forcieren Aufbau einer lokalen Produktion

Die Regierung setzt bei der Entwicklung der lokalen Fertigung von Medizintechnik vor allem auf Staatskonzerne. Das Konsortium „Medizinskaja Technika“ von Rostec, Rosatom und Almaz-Antej soll die Aktivitäten von Entwicklern und Herstellern zur Lokalisierung der Produktion von medizinischen Geräten und Verbrauchsmaterialien koordinieren. Mittelfristig will das Konsortium einen Marktanteil von 80 Prozent einnehmen, den derzeit vor allem ausländische Lieferanten halten.

Im Technologiezentrum „Quantum-Tal“ im Gebiet Nischni Nowgorod soll bis 2030 für rund 60 Millionen Euro ein Cluster zur Produktion von Hightech-Medizinprodukten entstehen.

Sonderinvestitionsverträge sollen ausländische Hersteller ins Land locken

Die Regierung setzt zur Ansiedlung ausländischer Produzenten von Medizintechnik vor allem auf den Abschluss der modifizierten Sonderinvestitionsverträge (SPIK 2.0). Anfang Dezember 2021 unterzeichnete Ministerpräsident Michail Mischustin einen Erlass zur Erweiterung der Liste moderner Technologien für den SPIK 2.0. Die aktualisierte Version umfasst 30 Medizinprodukte, wie Magnetresonanztomographie (MRT), Intraokularlinsen sowie die Herstellung von hypoallergenen Pflastern und Wundauflagen mit Paraffin oder Bienenwachs.

Doch zum 1. Dezember 2021 wurde erst ein SPIK 2.0 in der Medizintechnikbranche abgeschlossen. Das Unternehmen Snabpolymer investiert 35 Millionen Euro in den Aufbau einer Produktion von Einwegspritzen im Gebiet Nischni Nowgorod.

Unterentwickelte Bauteilefertigung und Bürokratie bremsen Lokalisierung

Der Erfolg der Lokalisierungspolitik bei Medizintechnik bleibt überschaubar. Seit 2015 haben sich die Einfuhren sogar verdoppelt. In der Praxis gestaltet sich die Steigerung der Lokalisierungstiefe sehr aufwändig. Vor allem die unzureichend entwickelte Komponentenfertigung und der Fachkräftemangel bremsen den Aufbau einer lokalen Produktion. Komponenten werden in Russland meist in Kleinserien gefertigt und sind meist deutlich teurer im Vergleich zum Weltmarkt. Zudem entspricht ihre Qualität oft nicht den hohen Anforderungen globaler Hersteller. Importe bleiben so mittelfristig unerlässlich.

Die geringe Bereitschaft zur Lokalisierung hängt auch mit dem sehr aufwändigen Registrierungsprozedere neuer Medizinprodukte zusammen. Nach dem Bau einer Anlage müssen Hersteller rund 1,5 Jahre auf eine Zulassungsbescheinigung warten, kritisiert Andrej Vilenskij, Generaldirektor des Kompetenzzentrums für die medizinische Industrie, Meditex. Dies mache die Präferenzen für lokale Produzenten bei staatlichen Ausschreibungen zunichte.

Führende Branchenunternehmen in Russland (Umsatz in Millionen Euro; Veränderung in Prozent)

Unternehmen

Umsatz 2020

Veränderung (2020/2019)

GE Healthcare

219,4

54,4

GE Rus

123,9

9,5

Moskowskoje PROP Mintruda Rossiji

104,0

-11,3

AO Vector-Best

101,4

74,8

Fabrika RTT

68,7

186,4

AO MTL

62,6

-11,1

SPBNIIVS FMBA Rossii

57,0

8,8

Medstalkonstrukzija

55,9

507,6

S.P. Helpic

51,9

26,6

HBK Navteks

51,3

-0,4

Umgerechnet nach Jahresdurchschnittskurs der EZB 2020: 1 Euro = 82,72 RubelQuelle: Business-Datenbank Spark-Interfax


 

Um den Marktzugang nicht zu verlieren weiten russische und lokalisierte ausländische Hersteller von Medizintechnik ihre Kapazitäten aus. B. Braun erweitert 2022 für rund 35 Millionen Euro sein Produktionswerk und errichtet ein Logistikzentrum im Gebiet Twer. Elme Messer Rus (gehört zur Messer Group) plant den Aufbau einer Produktion von Industrie- und Medizingasen im Gebiet Pskow. Die Schott AG steckt 10 Millionen Euro in die Modernisierung der Produktion von Ampullen und Fläschchen im Gebiet Nischni Nowgorod. Das deutsch-indische Unternehmen Translumina lokalisiert bis 2023 bei der Firma Stenteks (gehört zur Renova Holding) die Produktion von Koronarstents. Philips lokalisiert im Gebiet Moskau die Produktion von Magnetresonanztomographen (MRT).


Aktuelle Investitionsvorhaben zur Produktion von Medizintechnik in Russland (Investitionssumme in Millionen Euro)

Projekt/Region

Investitionssumme

Projektstand

Projektträger

Bau eines Werks zur Herstellung von hydrolytischem medizinischem Glas / Republik Baschkortostan

51,8

Geplante Fertigstellung: 2024

Medglass

Ausbau der Produktion von Infusionslösungen und Bau eines Logistikzentrums / Gebiet Twer

35

Baubeginn: 2022

Gematek (gehört zu B.Braun)

Aufbau einer Produktion von Nitrylhandschuhen / Sonderwirtschaftszentrum (SWZ) Zentr, Gebiet Woronesch

22,4

Geplante Fertigstellung: 2023-2024

OOO Neochim-Plus

Aufbau einer Produktion von Kunstbeatmungsapparaten und Bluttransfusionssystemen / SWZ Technopolis, Moskau

20,4

Geplante Fertigstellung: 2023

Penta Grupp

Aufbau eines Zentrums für Radionuklidtherapie / Ufa, Republik Baschkortostan

15,7

Projektierungsphase, Fertigstellung : 2023-2025

Rusatom Healthcare

Lokalisierung der Produktion von Computertomographen / Moskau

7,2

Geplante Fertigstellung: 2022

Rusatom Healthcare, GE Healthcare

Aufbau einer Produktion von Vliesstoffen für individuelle Schutzausrüstung / Moskau

5,2

Geplante Fertigstellung: 2023

Netkanika

Ausbau der Produktion von Testreagenten für In vitro Diagnostik / Puschtschino, Gebiet Moskau

4,2

Geplante Fertigstellung: 2026

Diakon-DS

Aufbau einer Produktion von bionischen Handprothesen / Komsomolsk-am Amur, Region Chabarowsk

3,6

Geplante Fertigstellung: 2023

MotorikaOOO Komposit DV

Aufbau einer Produktion von Kompressionswäsche / SWZ Dobrograd-1, Gebiet Wladimir

2,9

Geplante Fertigstellung: 2023

OOO Inteks, Tel: +7 (910) 170-70-70

Aufbau einer Produktion von Zahntechnik / Gebiet Wladimir

2,4

Geplante Fertigstellung: 2023-2024

Zavod Vladmira

Quelle: Unternehmensangaben, Recherchen von Germany Trade & Invest

Russland bleibt bei einer Reihe medizinischer Geräte und Produkte mittelfristig auf Einfuhren angewiesen. Die Ausfuhren von Medizintechnik aus Deutschland nach Russland beliefen sich im Jahr 2020 auf rund 830 Millionen Euro, meldet der Branchenverband Spectaris. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Zuwachs von 10,2 Prozent. Russische Ausfuhren von Medizintechnik gehen meist in die Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU).

Importe und Exporte von Medizintechnik nach und aus Russland (in Millionen US-Dollar)

Import

(HS-Pos.)

2019

2020

2020 aus Deutschland

Export (HS Pos.)

2019

2020

2020 nach Deutschland

841920

33,2

39,3

5,5

2,5

2,7

k.A.

8713

28,2

31,1

3,0

2,9

3,0

0,002

9018


2.123,8

2.356,0

594,1

85,5

103,4

1,9

9019

216,9

668,5

55,5

24,8

48,8

0,1

9020

26,2

24,4

3,9

14,8

19,7

0,01

9021

759,5

659,1

142,8

25,8

24,8

0,4

9022

596,9

843,0

150,0

45,7

39,5

3,2

9402

76,5

112,4

14,8

3,6

5,2

0,04

gesamt:

3.861,2

4.733,8

969,6

gesamt:

205,6

247,1

5,7

Quelle: UN Comtrade

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