Wirtschaftsausblick

01.07.2019

Wirtschaftsausblick - Chile (Juni 2019)

Inhalt

Konjunktur bleibt hinter Erwartungen zurück / Von Vanessa Becker

Santiago de Chile (GTAI) - Chiles Wirtschaft beginnt zu taumeln und sieht einem unsicheren globalen Wirtschaftsklima, zähen Reformdiskussionen und sinkendem Verbrauchervertrauen entgegen.

Wirtschaftsentwicklung: Handelskrieg und Verbraucherskepsis schwächen Wachstum

Nach einem kräftigen Zuwachs 2018 und optimistischen Aussichten für 2019, hat sich die chilenische Wirtschaft seit Anfang des Jahres deutlich verlangsamt. Im Juni senkte die Zentralbank erneut ihre Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Sie rechnet nun mit einem realem Anstieg um 3 Prozent für das laufende Jahr.

Der Dynamikverlust der Weltwirtschaft, insbesondere aufgrund des Handelskriegs zwischen China und den USA, wirkt sich zunehmend auf die lokale Marktentwicklung aus. Die zusätzliche Aufwertung des US-Dollars und der Rückgang einiger für Chile essentieller Rohstoffpreise, insbesondere des Kupferpreises, führen zu einem unsicheren Wirtschaftsklima. Interne Faktoren verstärken die pessimistische Stimmung: Der Bergbau musste zu Beginn des Jahres deutliche Verluste hinnehmen, da schlechte Wetterbedingungen die Produktionsvolumina schmälerten. Mit einem Beitrag von fast 10 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bestimmt die Bergbaubranche die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Chiles in hohem Maße.

Die stagnierende Inlandsnachfrage und steigende Arbeitslosigkeit, die im März auf 6,9 Prozent anwuchs, spiegeln sich in den aktuellen Umfragen zur Wahrnehmung der Wirtschaft wider. Das Vertrauen der Haushalte in die wirtschaftliche Entwicklung sinkt. Dem will die Regierung von Präsident Sebastián Piñera durch Steuerreformen, eine investitionsfördernde Agenda und Eilverfahren für Großprojekte entgegenwirken und so die Konjunktur erneut ankurbeln.

Um Unternehmen geldpolitische Impulse zu geben, reagierte die Notenbank früher als erwartet. Sie senkte den Leitzins um 50 Basispunkte auf 2,5 Prozent. Das war die stärkste Zinssenkung seit der Finanzkrise im Juni 2009. Experten erwarten die Beibehaltung des niedrigen Zinssatzes bis Ende 2020.

MKT201906288001.14

Wirtschaftliche Eckdaten Chiles
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 264,3 272,5 4.001,5
BIP pro Kopf (US$) 15.086 15.935 48.269
Bevölkerung (Mio.) 18,4 18,7 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, chil$/US$ 649,33 640,29 -

Quellen: Weltbank; Banco Central de Chile; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Starker Einbruch der ausländischen Direktinvestitionen

Neben der Prognose für die Gesamtkonjunktur senkte die Zentralbank auch ihre Erwartung für die Bruttoanlageinvestitionen. Sie sollen noch um 4,5 Prozent steigen. Nach einem bemerkenswerten Zuwachs im vergangenen Jahr von 28 Prozent fielen die ausländischen Direktinvestitionen um 56 Prozent im 1. Quartal 2019 auf 2,5 Milliarden US-Dollar.

Trotzdem wird zeitnah mit einer Erholung der Investitionsdynamik gerechnet, insbesondere die Großprojekte im Bergbau und der Infrastruktur sollen diese wiederbeleben. Piñera will verbleibende Steuerreformen durchsetzen, die unter anderem Sofortabschreibungen und kürzere Erstattungsfristen für die Mehrwertsteuer enthalten. Politische Neubesetzungen und der anhaltende Widerstand der Opposition bremsen die Reformumsetzung jedoch zunehmend.

Das Infrastrukturpaket für 2019 umfasst 4 Milliarden US-Dollar und soll 12.000 Arbeitsplätze schaffen. Hiervon werden 2,3 Milliarden US-Dollar in den Wohnungsbau fließen. Weitere Großprojekte umfassen die Erweiterung des Flughafens Carriel Sur, den Brückenbau über den Chacao-Kanal sowie die Autobahn Américo Vespucio Oriente.

Ausgewählte Großprojekte in Chile
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Wasserleitung von Aquatacama 8,0 Regierung prüft Durchführbarkeit Wassertransport aus der südlichen Region VII Maule in den Norden (II Antofagasta und III Atacama)/Ministerio de Obras Públicas, Hugo Vera Vengoa, Management, hugo.vera.v@mop.gov.cl, Tel.: +562 24496857
NuevaUnión: Zusammenlegung der Lagerstätten El Morro und Relincho 7,2 Regierung prüft Durchführbarkeit Region III Atacama/Nueva Unión SpA, Mike Hubbard, Project Director, mike.hubbard@nuevaunion.cl, Tel.: +562 28989300
Chuquicamata, Umwandlung in Untertage-Mine 5,5 Im Bau; geplante Inbetriebnahme: 2020 Region II, Codelco, Rodrigo Barrera, rbarr016@codelco.cl
Nuevo Nivel Mina: Ausbau des El Teniente-Kupfervorkommens durch Bau einer tiefergelegenen Grube, Rancagua, O'Higgins 5,0 Im Bau; geplante Inbetriebnahme: 2023 Region VI/Codelco División El Teniente, Rodrigo Quiroz Alegría, rquir003@codelco.cl; Abengoa Chile, Izaskun Arthucha Corta, ir@abengoa.com
Sulfid-Lagerstätte Quebrada Blanca 2, 2. Phase; Tarapacá 4,7 Im Bau; geplante Inbetriebnahme: Ende 2021 Region I/Compañia Minera Teck Quebrada Blanca, Humberto Peña Morales, Humberto.pena@teck.com, Tel.: +56 572 528620
Weiterentwicklung Minera Centinela, Sierra Gorda, Antofagasta 4,3 Genehmigt von Umweltprüfstelle SEIA; Baubeginn: 2020 Region II Antofagasta/Antofagasta Minerals, Minera Centinela, contacto@mineracentinela.cl, Julia Bustamente, +56-2 27 98 40 06, René Aguilar, raguilar@aminerals.cl
Hafen-Erweiterung San Antonio 3,4 Prüfung durch Umweltbehörden; Baubeginn 2020 Region V Valparaíso/Empresa Portuaria San Antonio, Daniel Ruz, druz@epsa.cl, Carlos Mondaca, cmondaca@epsa.cl, +5635 2586000
Linie 7 der Metro Santiago, Santiago de Chile 2,5 Baubeginn 2019; Inbetriebnahme 2026 Region Metropolitana/Empresa de Transporte de Pasajeros Metro S.A., Rodrigo Terrazas Michell, rterrazas@metro.cl, Tel.: +562 29372000 3251
Stadtautobahn Américo Vespucio Oriente, verschiedene Streckenabschnitte, Abschnitt Príncipe de Gales - Grecia sowie El Salto - Puente 1,7 Seit Februar 2018 im Bau, Inbetriebnahme 2023 Region Metropolitana/OHL und Sacyr, Ministerio de Obras Públicas, oirs.cgc@mop.gov.cl, Walter Brüning Maldonado, walter.bruning@mop.gov.cl, +562 24495302
Chilenisch-argentinisches Tunnelprojekt Agua Negra, Coquimbo (Chile) und San Juan (Argentinien) 1,5 Ausschreibungsphase; Baubeginn 2020; Inbetriebnahme 2027 Region IV Coquimbo/EBITAN, Zentrale für Chile im Ministerio de Obras Públicas, contingenciasiac@mop.gov.cl, Rigoberto García Gonzáles, Rigoberto.garcia@mop.gov.cl, +562 24493205

Quellen: BNamericas; Pressemeldungen

Die öffentliche Beschaffungsplattform Chilecompra stellt eine umfangreiche Projektliste zur Verfügung, die auch kleinere Ausschreibungen enthält: https://www.mercadopublico.cl/Home

Das chilenische Ministerium für öffentliches Bauwesen (Ministerio de Obras Públicas, MOP) listet Infrastrukturprojekte auf: http://www.dirplan.cl/InformaciondePresupuestoMOP/contratosobraestudioyasesoria/Paginas/default.aspx

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/chile, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Chilenen blicken kritisch in die Zukunft

Die Umfragen des Índice de Percepción de la Economía en Chile - des Index der Wahrnehmung der chilenischen Wirtschaft - verzeichneten eine signifikante Abnahme des Verbrauchervertrauens der Chilenen. Mit 40,7 Punkten ist der Wert so niedrig wie noch nie während Präsident Piñeras zwei Amtszeiten.

Das sinkende Verbrauchervertrauen unterliegt einem strukturell bedingten Trend, der sich auch unabhängig der Wirtschaftsentwicklung fortsetzen wird. Die stärkere Wahrnehmung von Korruption, die fehlende Transparenz bei Investitionsprojekten und die geringe Bewertung von Bank- und Finanzdienstleistungen sind Faktoren, die auch zukünftig das Vertrauen beeinflussen werden.

Die für die Beschäftigung saisonal ungünstigen Wintermonate (Juni bis August) werden die Konsumbereitschaft weiter trüben. Aufgrund des Anstiegs der Arbeitslosigkeit zögern viele Chilenen vor größeren Anschaffungen. Besonders deutlich wir dies anhand der Automobilbranche, die Absatzeinbußen von 10 Prozent erwartet.

Außenhandel: Geringe Erwartungen an internationalen Warenaustausch

Die Exporte gingen im 1. Quartal 2019 deutlich um 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, im Bergbausektor sogar um 5,6 Prozent. Auch der Wert der landwirtschaftlichen Exporte sank um 4,1 Prozent, Industrieexporte gingen um 2,2 Prozent zurück.

Zwar hielten die Importe im 1. Quartal ihr Vorjahresniveau, trotzdem strich die Zentralbank ihre Wachstumsvorhersage für den Im- und Export auf 0,6 Prozent zusammen. Zuvor ging sie von einem Zuwachs von 3,6 Prozent bei den Exporten und 4,5 Prozent bei den Importen aus. Die prognostizierte Abwertung des Kupferpreises auf 2,80 US-Dollar für 2019 bis 2021 ist dabei ein wichtiger Faktor für die verhaltenen Konjunkturerwartungen des weltgrößten Kupferproduzenten Chile.

Die Mehrheit der Exporte findet einen Absatzmarkt in Asien, Nordamerika und den chilenischen Nachbarstaaten. Europa spielt eine ungeordnete Rolle. Ähnlich verhält es sich mit Importen, wobei Deutschland der wichtigste Handelspartner Chiles in der Europäischen Union ist.

Außenhandel Chiles (in Mio. US-Dollar; Veränderung in Prozent)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 65.062 74.187 14,0
Exporte 69.229 75.482 9,0
Handelsbilanzsaldo 4.167 1.295 -

Quelle: UN Comtrade

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/chile

Dieser Artikel ist relevant für:

Chile Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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