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06.09.2019

Belarus wird wichtiges Transitland auf der neuen Seidenstraße

Brückenkopf zur Erschließung von Absatzmärkten in Europa / Von Fabian Nemitz

Kiew (GTAI) - Durch Belarus führt eine Hauptroute der neuen Seidenstraße. Der Industriepark Great Stone soll zu einer zentralen Drehscheibe werden. Duisport baut mit Partnern ein Logistikterminal.

China spielt eine wichtige Rolle für Belarus. Für Besucher wird dies bereits am Internationalen Flughafen Minsk deutlich: Alle Beschriftungen sind in drei Sprachen - Russisch, Englisch und Mandarin. Künftig dürfte die Bedeutung noch steigen. Denn Belarus möchte dank seiner zentralen Lage auf der neuen Seidenstraße zu einer Handelsdrehscheibe zwischen Ost und West werden. China nutzt das Land als Transitkorridor und Brückenkopf zur Erschließung von Absatzmärkten in Europa.

China ist wichtiger Geldgeber

Eine große Bedeutung hat China für Belarus als Geldgeber. In den vergangenen Jahren hat Peking umfangreiche Kredite für die Modernisierung von Staatsbetrieben und die Umsetzung von Infrastrukturvorhaben bereitgestellt. Nicht alle Projekte waren dabei von Erfolg gekrönt. Zudem gibt es Stimmen, die vor einer Übermacht der Chinesen warnen und die Vergünstigungen, die die Regierung chinesischen Unternehmen gewährt, kritisch sehen.

Peking hat dem Land seit 2015 Kreditlinien über 8 Milliarden US-Dollar (US$) eingeräumt, wie das German Economic Team Belarus (GET Belarus, http://www.get-belarus.de) ermittelt hat. Davon wurde bislang aber nur ein kleiner Teil genutzt. Ursächlich hierfür sind die nicht immer günstigen Finanzierungsbedingungen und Klauseln, die den Kauf chinesischer Technik vorsehen.

Statt Krediten hofft Minsk künftig auf mehr Direktinvestitionen aus China, vor allem, weil der Spielraum der Regierung für Staatsgarantien aufgrund der gestiegenen Staatsverschuldung sinkt. Anfang 2018 hatten chinesische Firmen 268 Millionen US$ im Land investiert - deutlich weniger als Unternehmen aus Russland (11 Milliarden US$). Auch als Geldgeber und Handelspartner spielt Russland die erste Geige. China kommt aber die Rolle als Gegengewicht zum übermächtigen Nachbarn zu. Denn Russland kürzt Belarus die Subventionen für Öl und Gas und verschärft den Druck auf eine engere Integration im Rahmen des Unionsstaats.

Industriepark Great Stone wird zu wichtigem Zentrum der neuen Seidenstraße

Wichtigstes gemeinsames Projekt ist der China-Belarus Industrial Park Great Stone (https://industrialpark.by). Die 25 Kilometer von Minsk in unmittelbarer Nähe zum internationalen Flughafen gelegene Sonderwirtschaftszone soll zu einem Zentrum für die Hightechbranche, einem Logistikknotenpunkt und einer Ökostadt werden. Nach einem langsamen Start steigt in letzter Zeit das Interesse von Investoren. Dies liegt an der Ausweitung der Vergünstigungen im Mai 2017 und dem Aufschwung des Handels auf der neuen Seidenstraße. Zu den Residenten gehört auch die deutsche SF Medical Products GmbH. Zudem ist Dieffenbacher im Industriepark Great Stone aktiv. Das Unternehmen ist in das Projekt "Composite Structures" involviert und beteiligt sich am Bau eines Werks für Verbundstoffe.

Betreiber des Parks ist die Industrial Park Development Company. Anteilseigner ist neben chinesischen Akteuren (Sinomach, China Merchants Group, China CAMC Engineering, Harbin Investment Group) und dem belarussischen Staat seit 2018 auch der Duisburger Hafen (Duisport; 0,67 Prozent der Anteile).

Beteiligt ist Duisport zudem am Bau einer Schienenanbindung für den Industriepark und eines Logistikterminals. Hierzu wurde im Juli 2019 das Joint-Venture Great Stone International Terminal gegründet. Partner sind neben Duisport (40 Prozent der Anteile) die China Merchants Group (30 Prozent), die belarussische Eisenbahn (BZhD, 20 Prozent) und die Schweizer Hupac (10 Prozent). Die Bauarbeiten sollen Anfang 2020 beginnen. BZhD investiert auch in die Erweiterung von Logistikkapazitäten in Brest an der Grenze zu Polen.

Belarus will Exporte nach China erhöhen

Der Gütertransit über Belarus verzeichnet ein rasantes Wachstum. Rund 80 Prozent der Züge zwischen China und der Europäischen Union (EU) fahren über die GUS-Republik, schätzt GET Belarus. Dabei legt ein Teil der Container den Weg von Europa nach China bislang leer zurück. Belarus sieht hierin eine Chance.

Gute Aussichten gibt es bei Waren wie Trockenmilch, Fleisch und Holzprodukten. Belarus will seine Exporte nach China bis 2025 auf 5 Milliarden US$ verzehnfachen, sagte Wirtschaftsminister Dmitry Krutoy. Das Gros der Lieferungen entfällt bislang auf Kalidünger. In der Handelsbilanz mit China schreibt Belarus ein dickes Minus. Warenexporten von 476 Millionen US$ standen 2018 Warenimporte in Höhe von 3 Milliarden US$ gegenüber.

Eximbank of China finanziert Elektrifizierung von Bahnstrecke

Die Eximbank of China unterstützt die BZhD mit einem Kredit über 65,7 Millionen Euro bei der Elektrifizierung der Strecken Homel-Shlobin-Assypowitschy und Shlobin-Kalinkawitschy. Eine Vereinbarung wurde im April 2019 geschlossen. Bereits in der Vergangenheit hatte die Bank Gelder für Straßenbau- und Bahnprojekte bereitgestellt. Seit Anfang 2019 ist Belarus Mitglied der Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank (AIIB). Kredite der AIIB für den Straßenbau sind im Gespräch.

Chinesisches Engagement in der Kalibranche

Eine Kernbranche in Belarus ist der Abbau von Kalisalz und die Produktion von Düngemittel. Die China Development Bank hat dem russischen Unternehmen Slavkaliy 2016 einen Kredit über 1,4 Milliarden US$ für die Erschließung einer Kalilagerstätte und den Bau einer Düngemittelfabrik in Belarus erteilt. Zu den Auftragnehmern von Slavkaliy zählt die Dortmunder Deilmann-Haniel GmbH, die 2017 einen Auftrag über mehr als 200 Millionen Euro für Schachtbauarbeiten gewonnen hat.

Der Staatskonzern Belaruskali baut zusammen mit der chinesischen Migao ein Werk zur Produktion von Kaliumnitrat. Die chinesischen Firmen China National Complete Plant, CITIC Construction und China Machinery Industry Construction Group haben sich im Frühjahr 2019 um die Rolle als Generalauftragnehmer für den Bau eines 1,6 Milliarden US$ teuren Düngemittelwerks des Staatskonzerns Grodno Azot beworben.

Investitionen in Aufbau von Kfz- und Kfz-Teile-Produktion

Vorzeigeunternehmen für die Kooperation in der Kfz-Branche ist BelGee, ein Joint-Venture des Staatskonzerns BELAZ und der chinesischen Geely. BelGee montiert seit 2017 Geely-Modelle in einem Werk in Shodsina (russisch: Shodino). Die Ausrüstungen lieferten auch deutsche Firmen wie Bosch Rexroth und Dürr. Hauptabsatzmarkt soll künftig Russland sein. Geely erwägt die Aufnahme einer Produktion von Kfz-Teilen im Industriepark Great Stone. Die Staatskonzerne MAZ (Belarus) und Weichai Power (China) bauen dort bereits schwere Dieselmotoren. Künftig könnten Getriebe folgen. Das belarussische Unternehmen Unison verfolgt Pläne zur Montage von Elektroautos des chinesischen Herstellers Zotye.

Bevölkerung fürchtet Umweltbelastung bei Industrieprojekten

Nicht in allen Bereichen ist die Kooperation von Erfolg gekrönt. Probleme gibt es beim Bau eines 850 Millionen US$ teuren Zellstoffkombinats in Swetlahorsk. Im Sommer 2019 hat Svetlogorsk Pulp and Board Mill den Vertrag mit dem Generalauftragnehmer China CAMC Engineering gekündigt, unter anderem wegen Verzögerungen bei der Fertigstellung des Werks.

In Brest laufen seit einiger Zeit Proteste gegen den Bau einer Batteriefabrik der Firmengruppe 1AK-Group (https://1ak-group.com, IPower). Finanziert wird sie mit chinesischen Geldern. Das bedeutet, dass ein Großteil der Technik aus China kommt. Die Bevölkerung hat Bedenken wegen der Umweltbelastung. Proteste gab es auch gegen den geplanten Bau eines neuen Werks für Nutzfahrzeuge von Amkodor mit chinesischen Geldern. Das Projekt wurde im Februar 2019 gestoppt.

Positive Akzente könnte der Bau eines neuen Fussballstadions (Kapazität: 33.000 Zuschauer) und eines Schwimmbads für internationale Wettbewerbe (6.000 Zuschauer) in Minsk setzen, die China auf eigene Rechnung errichtet. Die 235 Millionen US$ teuren Projekte, deren Bau im 1. Halbjahr 2020 beginnen soll, reihen sich ein in die von Peking in vielen Ländern betriebene "Stadiondiplomatie".

Ausgewählte Großprojekte
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) und Geldgeber Umsetzungszeitraum und Projektstand Durchführer/Generalauftragnehmer mit Nationalität
China-Belarus Industrial Park Great Stone rund 2.500 2015 bis 2020 (1. Phase) Investoren: im Industriepark residierende Firmen (https://industrialpark.by/en/investors/residents.html); Aufbau von Infrastruktur und Produktionsstätten
Erschließung der Kalilagerstätte Starobin und Düngemittelproduktion rund 2.000, davon 1.400 durch China Development Bank (CDB) in Umsetzung, geplante Inbetriebnahme: 2023 Investor: Slavkaliy (Russland); Generalauftragnehmer: Sinomec (China)
Bau eines Zellstoffwerks 850, davon 654 durch Eximbank of China Baustart 2010, Werk zu 95 Prozent fertiggestellt Investor: Svetlogorsk Pulp and Board Mill (http://www.sckk.by); Generalauftragnehmer bis Vertragskündigung im August 2019: CAMCE (China, http://www.camce.com.cn)
Bau einer Anlage zur Produktion von Proteinen und Futtermittel 733, davon 628 durch Eximbank of China Baustart ist 2018 erfolgt, geplante Umsetzung bis 2032 Investor: Belorusskaja Nazionalnaja Biotechnologitscheskaja Kompanija (Belarussischer Staat, private Investoren); Generalauftragnehmer: CITIC Construction (China)

Quelle: Pressemeldungen

Wichtige chinesische Firmen nach Sektoren
Sektor Firmenname Aktivitäten
Logistik China Merchants Group, Sinomach, CAMCE China-Belarus Industrial Park Great Stone
Kfz, Kfz-Teile Geely (BelGee), Weichai Power, Zotye Produktion von Kfz und Kfz-Teilen
Bauwirtschaft CITIC Construction, Sinomec, China National Complete Plant, China Machinery Industry Construction Group Generalauftragnehmer bei Bau- und Industrieprojekten
Kalidünger Migao Joint-Venture mit Belaruskali zur Produktion von Kaliumnitrat

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Belarus sind unter http://www.gtai.de/belarus abrufbar.

Unter http://www.gtai.de/seidenstrasse finden Sie zahlreiche weitere GTAI-Beiträge zum Thema neue Seidenstraße.

Dieser Artikel ist relevant für:

Weißrussland, Belarus, China Transport und Verkehr, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Straßenfahrzeuge, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Hochbau, Seidenstraße

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