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22.02.2019

Brasiliens Nahrungsmittelmarkt erholt sich nach Schwächephase

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Trend geht zu gesünderer Ernährung und umweltfreundlicher Verpackung / Von Edwin Schuh (Januar 2019)

São Paulo (GTAI) - Brasiliens Wirtschaft soll 2019 um 2,6 Prozent zulegen - doppelt so stark wie im Vorjahr. Die bessere Lage dürfte den Konsum von Lebensmitteln antreiben.

Dem Verband der Lebensmittelindustrie ABIA (Associação Brasileira das Industrias da Alimentação) zufolge blieb die Entwicklung des Sektors 2018 hinter den Erwartungen zurück. Die realen Verkäufe von Lebensmitteln (einschließlich Getränken) stiegen zwischen Januar und November nur um 1 Prozent. Die Produktionsmenge ging in diesem Zeitraum gar um 2,7 Prozent zurück. Die Werte spiegeln die andauernde Unsicherheit der Wirtschaft im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen vom Oktober 2018 wieder. Hinzu kommt der elftägige Streik der Lkw-Fahrer im Mai und daraus resultierende Preiserhöhungen im Frachttransport.

Der Umsatz der Lebensmittelindustrie sank dementsprechend zwischen Januar und November 2018 um 1,4 Prozent, so ABIA. Prognostiziert hatte der Verband Anfang des Jahres ein deutliches Plus. Für 2019 veröffentlichte ABIA noch keine Vorhersage. Falls sich die Prognose der Bank Bradesco für den Privatkonsum 2019 bewahrheiten sollte - eine Zunahme von 2,8 Prozent - dürfte sich auch die Lebensmittelindustrie wieder besser entwickeln.

Umsatz der Nahrungsmittelindustrie (in Mrd. R$ und laufenden Preisen; Veränderung in %)
Nahrungsmittelgruppe 2016 2017 Veränderung 2017/16
Nahrungsmittel insgesamt 497,3 520,7 4,7
.Fleischprodukte 133,1 137,6 3,4
.Molkereiprodukte 67,5 70,2 4,0
.Verarbeitung von Kaffee, Tee und Getreide 67,6 69,8 3,3
.Öle und Fette 49,2 51,7 5,1
.Zucker 46,6 47,7 2,4
.Verschiedenes (Snacks, Eis, Gewürze, etc.) 34,6 38,0 9,8
.Weizenprodukte 33,6 36,9 9,8
.Obst- und Gemüseprodukte 30,3 32,0 5,6
.Tiefkühlkost und Fertiggerichte 15,4 16,2 5,2
.Schokolade, Kakao und Süßwaren 14,5 15,2 4,8
.Fischkonserven 5,0 5,3 6,0

Quelle: ABIA

Schwacher Real beflügelt Export

Insgesamt zählt der Branchenverband ABIA 35.600 Unternehmen in der Lebensmittelindustrie. Der Sektor macht ein Viertel der gesamten Industrieproduktion Brasiliens aus und ist deren größter Arbeitgeber mit 1,6 Millionen Beschäftigten. Rund ein Fünftel der lokalen Produktion von Nahrungsmitteln geht in den Export, 2017 lag dieser Wert bei 38,8 Milliarden US-Dollar (US$). Damit ist Brasilien zweitgrößter Exporteur von verarbeiteten Lebensmitteln weltweit. Neben einer kräftigen globalen Nachfrage treibt derzeit der schwache brasilianische Real die Ausfuhren an.

Für Brasiliens fleischverarbeitende Industrie war 2018 ein Übergangsjahr. Die Produktion von Hühnerfleisch ging nach Angaben des Verbandes ABPA (Associação Brasileira de Proteína Animal) um 1,7 Prozent auf 12,8 Millionen Tonnen zurück. Davon waren 4,1 Millionen Tonnen für den Export bestimmt. Bei Schweinefleisch sah die Lage nicht besser aus, hier sank die Produktion um 3,2 Prozent auf 3,6 Millionen Tonnen und die Ausfuhren erreichten 549.000 Tonnen.

Ein Grund für die maue Entwicklung war der Streik der Lkw-Fahrer, während dem Millionen von Tieren verendeten. Steigende Mais- und Sojapreise erhöhten die Kosten für Tierfutter. Zudem war der russische Markt für Schweine- und Rindfleisch aus Brasilien seit Mitte 2017 nicht zugänglich - aufgrund von positiven Raktopamin-Proben in brasilianischem Fleisch. Seit November 2018 ist das Einfuhrverbot wieder aufgehoben.

Russland wieder offen für brasilianisches Fleisch

Für 2019 erwartet der Branchenverband ABPA dank der Öffnung Russlands und der besseren Wirtschaftslage im Heimatmarkt ein Wachstum der fleischverarbeitenden Industrie. Das zweite Halbjahr 2018 verlief bereits deutlich besser als die erste Jahreshälfte, so der Verband. Außerdem wird eine deutliche Zunahme der Lieferungen von Schweinefleisch an die VR China erwartet, wo derzeit die Afrikanische Schweinepest grassiert.

Das Unternehmen JBS, größter fleischverarbeitender Konzern der Welt, schloss Ende 2018 einen Mega-Deal mit der chinesischen Alibaba-Tochter Win Chain ab. Demzufolge wird JBS in den kommenden drei Jahren Rindfleisch im Wert von 1,5 Milliarden US$ an die Chinesen liefern. JBS erzielt inzwischen nur noch 20 Prozent seines weltweiten Umsatzes von 51,1 Milliarden US$ (2017) in Brasilien. Den größten Teil des Geschäfts macht die Niederlassung in den USA aus.

Marfrig Global Foods, zweitgrößter Rindfleischproduzent der Welt hinter JBS, änderte 2018 seine strategische Ausrichtung und fokussiert sich nun ausschließlich auf Rindfleisch. Das Unternehmen verkaufte in den USA seine Tochter Keystone Foods und übernahm für 1 Milliarde US$ die amerikanische National Beef. In Brasilien investiert Marfrig derzeit 24 Millionen US$ in eine Produktionsstätte für Hamburgerfleisch in Bataguassu (Mato Grosso do Sul). Der Lebensmittelhersteller Frimesa baut in Assis Chateaubriand (Paraná) eine Produktionsstätte für Schweinefleisch. Mit Investitionen von rund 300 Millionen US$ soll dort im Jahr 2027 eine Kapazität von 15.000 Schweinen täglich erzielt werden.

Wachstumspotenzial bei Käse

Der Markt für Molkereiprodukte konsolidierte sich in den vergangenen Jahren mit Übernahmen brasilianischer Firmen durch ausländische Konzerne wie Lactalis (Frankreich), Emmi (Schweiz) und Lala Foods (Mexiko). Letztere akquirierte 2017 die brasilianische Vigor Alimentos, die seitdem stark expandiert. Bis 2022 will Vigor fünf Produktionsstätten von Käse im Bundesstaat Minas Gerais für rund 20 Millionen US$ ausbauen. Das Unternehmen sieht bei Käse noch viel Wachstumspotenzial in Brasilien, da der jährliche Pro-Kopf-Konsum mit 7 Kilogramm deutlich unter dem Konsum des Nachbarlandes Argentinien (12 Kilogramm) liegt.

Auch der Käsehersteller Polenghi, im Besitz der französischen Savencia Fromage & Dairy, weitet seine Produktionskapazität aus. Bislang betreibt Polenghi drei Fabriken in Brasilien und eine in Uruguay. Nun investiert Polenghi 80 Millionen US$ für eine weitere Fabrik in Uberlândia (Minas Gerais). Der brasilianische Hersteller von Molkereiprodukten Selita will für 16 Millionen US$ seinen Standort in Cachoeiro de Itapemirim (Espírito Santo) ausbauen.

Bei Soßen konnte Kraft Heinz seine schon jetzt starke Stellung in Brasilien weiter ausbauen. Das Unternehmen investierte in den vergangenen zwei Jahren rund 160 Millionen US$ und erhöhte so seine Produktionskapazität nach eigenen Angaben um 50 Prozent. Kraft Heinz ist mit seinen Marken Heinz und Quero Marktführer bei Ketchup mit einem Anteil von 28 Prozent. Bei Mayonnaise kommt das Unternehmen auf einen Marktanteil von 12 Prozent. Hier ist die Marke Hellmann's von Unilever führend (Marktanteil 56 Prozent). Der Konzern baut derzeit seine Produktionseinheit für Soßen in Pouso Alegre (Minas Gerais) für 34 Millionen US$ aus.

Die Verkäufe von Brot stiegen 2018 nach Schätzungen von Euromonitor International mengenmäßig um 2,1 Prozent auf 5,6 Millionen Tonnen. Davon entfielen 0,5 Millionen Tonnen auf Industriebrot und 5,1 Millionen Tonnen auf Brot hergestellt in Bäckereien. Nach Angaben des Verbandes ABIMAPI (Associação Brasileira das Indústrias de Biscoitos, Massas Alimentícias e Pães & Bolos Industrializados) wuchs der Konsum von Industriebrot vor der Wirtschaftskrise zweistellig, ist seitdem jedoch wieder rückläufig. Der Kilopreis für Industriebrot liegt bei rund 11 brasilianischen Real (R$), während Bäckereien im Schnitt 14 R$ verlangen, so der Verband. Marktführer bei Industriebrot ist die mexikanische Gruppe Bimbo (Marktanteil 34,4 Prozent), gefolgt von Wickbold (21,2 Prozent) und Panco (14,5 Prozent).

Der Schweizer Tiefkühl-Backwarenhersteller Aryzta wird in Pouso Alegre (Minas Gerais) für rund 40 Millionen US$ eine neue Produktionseinheit errichten. Sie soll bei ihrer Inbetriebnahme im Jahr 2020 weltweit das größte Werk des Unternehmens sein. Aryzta wächst nach eigenen Angaben in Brasilien zweistellig. Zu den wichtigsten Kunden zählen McDonald's, Burger King, Starbucks, Abbraccio, Bob's, Casa do Pão de Queijo, Subway und Grupo Pão de Açúcar. Der Kekshersteller Marilan kündigte Ende 2018 an, für 43 Millionen US$ eine Fabrik Igarassu nahe der Stadt Recife (Pernambuco) zu errichten. Damit soll der Nordosten Brasiliens beliefert werden, wo rund 30 Prozent der Kekse konsumiert werden. Der Kleingebäckhersteller M. Dias Branco strich hingegen Pläne für eine neue Fabrik in Juiz de Fora (Minas Gerais).

Nach Angaben von Euromonitor International stieg der Schokoladenkonsum in Brasilien - nach drei rückläufigen Jahren in Folge - 2018 um 2 Prozent auf 274.500 Tonnen. Für 2019 wird ein Zuwachs von 2,5 Prozent erwartet. Marktführer Nestlé (Marktanteil 34,1 Prozent) hat in den vergangenen vier Jahren sein komplettes Portfolio erneuert. Dem Unternehmen zufolge hat sich die Nachfrage weg von klassischen 200-Gramm-Tafeln hin zu kleineren Mengen mit höherem Kakaogehalt und verschiedenen Füllungen entwickelt. Deshalb sollen 2019 neue Geschmacksrichtungen der Marke Talento (vergleichbar mit Ritter Sport) auf den Markt gebracht werden, hergestellt mit organischem Kakao, gefüllt mit Amazonasfrüchten sowie zucker- und glutenfrei.

Im November 2018 unterzeichneten Verbände der Lebensmittel- und Getränkeindustrie zusammen mit dem Gesundheitsministerium ein Abkommen zur Minderung des Zuckergehalts. Insgesamt 68 Unternehmen nehmen an dem freiwilligen Pakt teil. Betroffen sind 23 Kategorien von Lebensmitteln, darunter Schokolade, Kuchen und Kleingebäck, Trinkpäckchen, Erfrischungsgetränke und Joghurt. Bis zum Jahr 2022 wird dadurch eine Reduzierung des Zuckerverbrauchs von 144.600 Tonnen erwartet.

Brasilien ist mit einem jährlichem Konsum von 12,4 Milliarden Litern der drittgrößte Biermarkt weltweit hinter der VR China und den USA. Der Verbrauch stagnierte 2018 jedoch aufgrund eines eher lustlosen Karnevals und dem Lkw-Streik. Die Fußball-WM konnte diese Rückgänge teilweise kompensieren, so Bernardo Paiva, Präsident des Marktführers AmBev (Marken unter anderem Skol, Brahma, Antarctica). Das Unternehmen will in Brasilien verstärkt günstige Biere anbieten, rund ein Viertel der Nachfrage entfällt in diese Kategorie. Dazu führte AmBev im September 2018 im Nordosten Brasiliens die Marke Nossa ein.

Premiumbiere wachsen überdurchschnittlich

Premiumbiere machen rund 12 Prozent des Volumens aus, während die restlichen 63 Prozent auf normale Biere entfallen. Für 2019 prognostiziert Euromonitor International einen leichten Anstieg des Bierkonsums von 0,8 Prozent auf 12,5 Milliarden Liter. Dabei sollen Premiumbiere mit 3,4 Prozent überdurchschnittlich wachsen. Die spanische Estrella Galicia sucht derzeit Medienberichten zufolge einen Standort für eine Produktionsstätte in Brasilien. Sie soll eine Kapazität von 20 Millionen Litern jährlich haben und rund 27 Millionen US$ kosten. Daneben erwartet der Branchenverband von Craft-Bier Abracerva (Associação Brasileira de Cerveja Artesanal) für 2019 rund 100 neue kleine Brauereien. Landesweit wuchs deren Anzahl von 290 im Jahr 2012 auf aktuell rund 900 an.

Der Konsum von Limonaden ist in Brasilien weiterhin rückläufig. Gemäß dem Marktforscher Nielsen sank der Verbrauch mengenmäßig in den zwölf Monaten bis August 2018 um 4,7 Prozent. Auch der Konsum von Limonaden ohne Zucker nahm in diesem Zeitraum ab (-1,7 Prozent). Zulegen konnten hingegen die Kategorien Kokosnusswasser (+10,9 Prozent), Fertigtees (+6,5 Prozent) und Säfte (+2,4 Prozent). Diese Zahlen verdeutlichen den Trend hin zu gesünderen Getränken. Der Pro-Kopf-Konsum von Limonaden lag gemäß dem Branchenverband ABIR (Associação Brasileira das Indústrias de Refrigerantes e de Bebidas não Alcoólicas) 2010 bei 89 Litern jährlich und 2017 nur noch bei 62 Litern.

Der Kaffeekonsum legte 2018 nach Schätzung des Verbandes ABIC (Associação Brasileira da Indústria de Café) um 3,4 Prozent auf 23 Millionen Säcke (je 48 Kilogramm) zu. Bis zum Jahr 2021 erwartet der Verband einen Anstieg auf 25,6 Millionen Säcke, wobei Kapselkaffee seinen Marktanteil weiter ausbauen soll. Dieser liegt bislang nur bei 0,9 Prozent, so ABIC. Der Markt für Kapselkaffee wird von drei Marken beherrscht: Nespresso (45,5 Prozent Marktanteil; Nestlé), Dolce Gusto (14,1 Prozent; ebenfalls Nestlé) und 3 Corações (8,5 Prozent; Grupo Três Corações). Letztgenanntes Unternehmen plant, für 43 Millionen US$ seine Produktion von Kaffeekapseln in Montes Claros (Minas Gerais) auszubauen.

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Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Associação Brasileira das Industrias da Alimentação http://www.abia.org.br Verband der Nahrungsmittelindustrie

Weitere Informationen zu Brasilien finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Getränke, Nahrungsmittel

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