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04.07.2019

Brasiliens Nordosten rüstet sich für erneutes Wachstum

Bei Windenergie liegt die Region ganz vorne / Von Gloria Rose

São Paulo (GTAI) - Die Euphorie über die Entwicklung der Region ist verflogen, doch das Potenzial zahlreicher Branchen ist nach wie vor immens.

Vom 15. bis 17. September 2019 finden in Natal (Rio Grande do Norte) die Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage statt. Zum 37. Mal vereinen der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die brasilianische Partnerorganisation Confederação Nacional da Indústria (CNI) Institutionen, Verbände und Unternehmen, die die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Brasilien prägen.

Brasiliens Nordosten ist erst zum zweiten Mal Austragungsregion der Wirtschaftstage. Traditionell konzentriert sich die Wirtschaftsaktivität auf den Südosten und Süden des Landes. Die Entwicklung der Region reagiert stärker auf Konjunkturschwankungen als die gewachsenen Strukturen im fortschrittlichen Südosten. Zwischen 2008 und 2014 wuchs der Nordosten überdurchschnittlich stark. Dafür brach die Wirtschaft der Region während der Rezession auch am stärksten ein und braucht zudem überdurchschnittlich lange, um sich wieder zu stabilisieren und erneut zu wachsen.

Der Nordosten dominiert die Windenergie. Positive Aussichten ergeben sich zudem durch die Vergabe von Infrastrukturprojekten, die wiederum Investitionen in den Bergbau, die Industrie und den Tourismus ermöglichen. Mit einer Bevölkerung von knapp 57 Millionen übertrifft die Region alle anderen südamerikanischen Länder, darunter Kolumbien mit fast 50 Millionen und Argentinien mit 45 Millionen Einwohnern.

Erneuerbare Energien erhalten Aufwind

Kaum eine andere Region weltweit weist so hervorragende natürliche Rahmenbedingungen für Windenergie und Fotovoltaik auf wie der Nordosten Brasiliens. 85 Prozent der Windenergie Brasiliens wird hier erzeugt. Vorreiter war lange der Bundesstaat Rio Grande do Norte, Gastgeber der diesjährigen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage. Mit großen Schritten holt jedoch der Staat Bahia auf. Drittwichtigster Standort für Windparks ist der Bundesstaat Ceará.

Dementsprechend konzentriert sich die Produktion von Windkraftanlagen ebenfalls auf den Nordosten, darunter auch die von drei deutschen Herstellern: Wobben Windpower/Enercon produziert in Pecém (Ceará) und Siemens Gamesa Renewable Energy (SGRE) in Camaçari (Bahia). Nordex stieg erst 2016 durch die Übernahme von Acciona in den Markt ein. Seitdem verdoppelte der Anlagenbauer die Kapazität der Turmfabrik im Staat Piauí. Das Werk in Simões Filho (Bahia) ist bis Ende 2020 vollausgelastet. Ab 2021 plant Nordex auch hier Großanlagen mit einer Leistung über 5 Megawatt herzustellen.

Ausbau der Transportinfrastruktur stimuliert Bergbauprojekte

Im 1. Quartal 2019 ersteigerte das Schienentransportunternehmen Rumo die Konzession für die neue Schienenstrecke Norte-Sul. Rumo-Tochter Brado Logistics schätzt durch die neue Konzession ein zusätzliches Transportpotenzial von 700.000 Containern pro Jahr zu gewinnen. Multimodale Hubs sollen die Anbindung an den Südosten gewährleisten und so die Logistikkosten der Region mindern.

Das Schienenprojekt Ferrovia de Integração Oeste-Leste (FIOL) im Bundesstaat Bahia soll als Teil eines integrierten Bergbauprojektes umgesetzt werden. Der Plan von Bamin (Bahia Mineração), der kasachischen Gruppe ENRC und verschiedenen chinesischen Investoren sieht vor, Eisenerz aus der Mine Pau de Ferro in Caetité über die Schiene zum Hafen Porto Sul in Ilhéus zu transportieren und von dort nach China zu verschiffen.

Gegen Ende 2019 wird die Konzession der 537 Kilometer langen Strecke von Caetité bis Ilhéus, die bereits zu drei Vierteln errichtet wurde, versteigert. Bamin schätzt die Investitionssumme für die Fertigstellung der Schienenstrecke, den Bau der Hafenanlagen und die Erschließung der Eisenerzmine auf 2,6 Milliarden US-Dollar (US$). In ein bis zwei weiteren Etappen soll die Strecke FIOL letztlich in Figueirópolis (Tocantins) an die Schienenstrecke Norte-Sul angeschlossen werden.

Der private Beteiligungsfonds für Metalle und Bergbau Appian Natural holt derzeit gleich zwei Projekte aus der Schublade: Sowohl die Kupfermine in Craíbas (Alagoas), als auch die Nickelmine in Itagibá (Bahia) sollen ausschließlich für den Export produzieren.

Neue Investitionsanreize für die Industrie

Industriestandorte an Hafenanlagen wie Pecém in Ceará, Camaçari in Bahia und Suape in Pernambuco hoffen auf eine Belebung der Küstenschifffahrt und mittel- bis langfristig auf Tarifsenkungen. Die Häfen im Nordosten gewinnen bereits durch die zunehmende Nutzung des Arco Norte an Bedeutung. Über diese Route der Fluss- und Küstenschifffahrt wird ein immer größerer Teil der Sojaernte aus dem Bundesstaat Mato Grosso exportiert. Darüber hinaus profitierte die Küstenschifffahrt von dem Lkw-Fahrer-Streik und den Frachttariftabellen, die den Straßentransport noch teurer und unattraktiver machen.

Über besondere Programme der Industrieförderung lockt die Region Investoren an. An den Industriestandorten haben sich auch deutsche Unternehmen niedergelassen, darunter BASF, Linde Gases der Messer Gruppe und Lapp Kabel am Petrochemiekomplex Camaçari. Bosch weihte erst 2016 ein neues Verteilungszentrum am Standort Suape ein. 2018 ersteigerte BASF-Tochter Wintershall vier Explorationslizenzen vor der Küste der Bundesstaaten Rio Grande do Norte und Ceará.

Neben der industriepolitischen Förderung kann der Nordosten vielleicht bald auch mit einem deutlichen Kostenvorteil in der Erdgasversorgung punkten. Petrobras entdeckte vor der Küste von Sergipe und Alagoas gigantische Erdgasreserven. Das voraussichtliche Produktionsvolumen beläuft sich auf 20 Millionen Kubikmeter pro Tag. Dies entspricht einem Drittel des aktuellen Fördervolumens Brasiliens.

Moderne Flughäfen für mehr Touristen

Als Urlaubsziel besticht die Region mit traumhaften Stränden und sommerlichen Temperaturen rund ums Jahr. Viele internationale Hotel- und Ressortketten sind bereits vertreten oder investieren. Auch dieser Sektor dürfte von dem Infrastrukturausbau stark profitieren. Die deutsche Gesellschaft Fraport ersteigerte 2017 die Betriebskonzession für den Flughafen in Fortaleza (Ceará). Der Ausbau ist bereits zu über 60 Prozent vollzogen.

Bei der Versteigerung von sechs Flughafenkonzessionen im Nordosten im März 2019 herrschte hoher Wettbewerb. Letztlich erhielt die spanische Gruppe Aena den Zuschlag und wird die Flughäfen in Recife (Pernambuco), Maceió (Alagoas), Aracaju (Sergipe), Juazeiro do Norte (Ceará), João Pessoa und Campina Grande in Paraíba bis 2049 verwalten. Die Investitionen für den Ausbau der sechs Terminals belaufen sich auf voraussichtlich 567 Millionen US$, davon 207 Millionen US$ in den ersten fünf Vertragsjahren.

Aena steigt in den brasilianischen Markt ein, verwaltet jedoch bereits einen Flughafen in Mexiko und jeweils zwei in Kolumbien und Jamaika. Juan José Álvarez, Geschäftsführer von Aena International, betont das hohe Tourismuspotenzial, insbesondere von Recife, Maceió und Aracaju, das ausschlaggebend für das Engagement von Aena gewesen sei. Auch im Heimatland Spanien liegen 80 Prozent der von Aena verwalteten Flughäfen an Tourismuszentren.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Brasilien finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bergbau / Rohstoffe, allgemein, Strom-/ Energieerzeugung, Wind, Öl, Gas, Erze, Schienenverkehr, Schiffsverkehr / Häfen

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