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25.04.2019

Chinas neue Seidenstraße - eine Zwischenbilanz

Nur begrenzt Chancen für deutsche Firmen / Von Stefanie Schmitt

Beijing (GTAI) - Die 2013 von China ins Leben gerufene Belt and Road Initiative (BRI) hat inzwischen fast weltweite Dimensionen angenommen. Zugleich ist bei vielen Beteiligten Ernüchterung eingetreten.

Chinas Engagement im Ausland hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Vor allem im Infrastrukturbereich laufen mittlerweile quasi alle Auslandsvorhaben Chinas von Afrika über Lateinamerika bis hin zu Australien unter dem Label BRI (Belt and Road Initiative; chinesisch Yi Dai - Yi Lu; übersetzt "ein Gürtel - eine Straße").

Dabei steht "Belt" für die Handelsrouten, über die China via Zentralasien und dem Nahen Osten mit Europa historisch verbunden war. "Road" symbolisiert den Seeweg, der von China aus über Südostasien, Südasien, Afrika sowie schließlich durch den Suezkanal bis in die Adria verläuft. Generell fasst China die Seidenstraße durchaus großzügig - und lässt sie mittlerweile bis Südamerika und in die Arktis ("Polar Silk Road") reichen.

Nicht zuletzt diese offene Konzeption macht es schwierig zu definieren, welche Vorhaben eine Folge der Seidenstraßeninitiative sind - und welche auch ohne sie zustande gekommen wären. "Alle Zahlen sind mit extremer Vorsicht zu genießen," rät ein deutscher Finanzexperte in Beijing. "Allenfalls lässt sich ein gewisser Trend aus den Zeitreihen einzelner Institutionen herauslesen, der dann zumindest für sich selbst konsistent sein sollte."

Auch nicht leicht zu zählen scheinen die Länder, mit denen China eine "Seidenstraßen-Absichtserklärung" (Memorandum of Understanding; MoU) unterzeichnet hat. Stand April 2019 waren dies laut chinesischem Außenministerium 125 Länder sowie 29 internationale Organisationen. Darunter sind auch Mitglieder der Europäischen Union (EU): Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Griechenland, Italien, Luxemburg, Portugal, Polen, Slowakei, Slowenien, Ungarn, Malta sowie die drei baltischen Staaten - wobei die vollständige Liste unklar bleibt. Andere Quellen gehen eher von 70 Vereinbarungen aus.

Milliardensummen wecken Hoffnungen auf Aufträge und Wachstum

Dessen ungeachtet ließen die drei- bis vierstelligen US-Dollar(US$)-Milliardenbeträge, von denen im Rahmen der Initiative immer wieder die Rede ist, 29 Staats- und Regierungschefs zum ersten Seidenstraßenforum im April 2017 nach Peking kommen. Zum zweiten Forum Ende April 2019 werden - nach unbestätigten Angaben - sogar 40 Staatschefs erwartet.

Jedoch ist es in der Praxis nicht einfach, geeignete Projekte zu identifizieren, um diese gewaltigen Summen sinnvoll abfließen zu lassen. So hat die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) zwar (Stand 15. April 2019) Mittel in Höhe von rund 7,8 Milliarden US$ für 38 Projekte zugesagt, geflossen sind jedoch bisher erst 1,5 Milliarden - und dies auch nur, weil bei einem 600 Millionen US$ teuren türkischen Pipeline-Projekt die Weltbank bereits wesentliche Vorarbeit geleistet hatte.

Lesen Sie hierzu auch unseren Artikel "Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank will Profil schärfen": http://www.gtai.de/MKT201807188006

Deutlich höher ist der Investitionsgrad beim Seidenstraßenfonds. Doch investiert dieser Finanzexperten zufolge zu 80 bis 90 Prozent in Aktien - und das durchaus nicht ausschließlich in "typischen" Seidenstraßenländern, sondern beispielsweise auch in Vorhaben in Italien - und zwar noch bevor Italien im März 2019 mit China sein Seidenstraßen-MoU unterzeichnet hatte.

"Das Problem sind nicht die verfügbaren Gelder, sondern die Identifizierung geeigneter Großprojekte und Engpässe bei der Umsetzung der Projekte," heißt es in Bankkreisen. In der Folge registrierte das chinesische Handelsministerium akkumuliert von 2013 bis Ende 2018 lediglich Auslandsdirektinvestitionsabflüsse von 90 Milliarden US$ in BRI-Länder.

BRI kein Selbstläufer

Dies merken auch Chinas Unternehmen. Zwar sind Zahl und Umfang der BRI-Projekte aufgrund der Vielzahl der Akteure (nationalstaatliche Projekte, Provinzen, Kommunen, Staatsbanken, Staatsunternehmen etc.) kaum zu überblicken. Doch ist es immerhin bemerkenswert, dass die Volumina der neu abgeschlossenen Bauverträge in BRI-Ländern, bei denen chinesische Firmen als Bauherren auftraten, 2018 mit 12,8 Prozent rückläufig war.

Entwicklung der Bauprojekte in Seidenstraßen-Ländern *)
2016 2017 2018
Anzahl der neu abgeschlossenen Verträge 8.158 7.217 7.721
Vertragssumme der neu abgeschlossenen Verträge (in Mio. US$) 126,0 144,3 125,8
Veränderung der Vertragssumme gegenüber dem Vorjahr (in %) 36,0 14,5 -12,8
Anteil der Vertragssumme in BRI-Ländern von weltweiter Gesamtsumme (in %) 51,6 54,4 52,0

*) Projekte mit chinesischen Firmen als Bauherrn

Quelle: Handelsministerium MofCom (Ministry of Commerce)

Derweil beklagen Kritiker innerhalb Chinas, die Initiative sei viel zu teuer und die Mittel sollten sinnvoller im Inland etwa zur Armutsbekämpfung - einem weiteren zentralen politischen Ziel - eingesetzt werden. Hinzu komme, dass die Initiative - anders als es die offizielle Propaganda zeigt - nur bedingt zur internationalen Reputation des Landes beitrüge.

Weltweit sieht sich China etwa mit dem Vorwurf konfrontiert, Länder mit seinen Infrastrukturprojekten nicht nur wirtschaftlich abhängig, sondern überdies politisch gefügig machen zu wollen. Vermutlich als Folge des chinesischen Engagements verhinderte beispielsweise die Regierung in Athen 2017 mit ihrem Veto die EU-Unterstützung einer UN-Erklärung gegen Menschenrechtsverletzungen in China. Das aktive Vorgehen Chinas hat nicht zuletzt zur neuen Haltung Brüssels beigetragen, in der VR China einen "Systemrivalen" zu sehen.

China hat nichts zu verschenken

Tatsächlich will China die Projekte nicht nur finanzieren, sondern sie möglichst auch selbst durchführen und später an ihnen verdienen. Entsprechend ist die BRI entgegen der offiziellen Propaganda klar chinesisch dominiert geblieben. Die Mitwirkung nichtchinesischer Firmen hielt sich - von Ausnahmen abgesehen - bisher in Grenzen.

Entsprechend ist bei vielen nichtchinesischen Unternehmen zumindest eine gewisse Ernüchterung eingetreten. So hatten bei einer Umfrage des Verbands Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA) unter seinen in China tätigen deutschen Mitgliedsfirmen 2018 noch 49 Prozent angegeben, sie profitierten direkt oder indirekt von der Seidenstraßeninitiative oder sähen zumindest die Möglichkeit hierfür. Im April 2019 war diese Quote auf 30 Prozent geschrumpft.

MKT201904258005.14

Generell sind bislang nur wenige Kooperationen deutscher Firmen mit der Ausnahme großer Unternehmen wie Siemens in Drittmärkten bekannt. Siemens unterhält eine eigene BRI-Task Force, um weltweit mögliche Seidenstraßenprojekte zu identifizieren und aus diesen Aufträge zu generieren. Bei einem Kraftwerk in Indonesien habe diese Taktik bereits gefruchtet, heißt es.

Besuchen Sie auch die GTAI-Sonderseite zur neuen Seidenstraße: http://www.gtai.de/seidenstrasse

Dieser Artikel ist relevant für:

China Investitionen im Ausland / Joint Ventures, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen, Außenwirtschaftspolitik, allgemein, Seidenstraße

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