Suche

08.10.2019

Deutsch-irischer Warenhandel könnte vom Brexit profitieren

Neue Studie zeigt Geschäftschancen auf / Von Torsten Pauly

Dublin (GTAI) - Der Brexit könnte britische Lieferungen in die EU verteuern und umständlicher machen. Das könnte deutsche und irische Bezieher dazu veranlassen, diese Waren woanders zu beschaffen.

Laut einer im September 2019 erschienenen Studie drohen allein Zölle der Welthandelsorganisation (WHO) 61 Prozent aller 2017 abgewickelten britischen Exportprodukte nach Irland nach einem No-Deal-Brexit so stark zu verteuern, dass Lieferungen aus Deutschland selbst unter Einbezug längerer und teurerer Transportwege günstiger wären.

Auch bei 55 Prozent der britischen Ausfuhren nach Deutschland hätten irische Waren einen Preisvorteil. Weitere durch den Brexit verursachte Kosten, etwa durch die Grenzabwicklung, wegfallende Zertifizierungen oder andere Handelshemmnisse sind in diese Berechnung noch nicht eingeflossen.

Die Studie stammt von Edgar Morgenroth, der Ökonomieprofessor an der Dublin City University ist. Die Deutsch-Irische Industrie- und Handelskammer (AHK) hat die Analyse in Auftrag gegeben und veröffentlicht Ergebnisse auf ihrer Homepage. Die AHK richtet wegen der Vielzahl der erwarteten Anfragen auch einen sogenannten "German Desk" ein, um Unternehmen zu beraten. Zu den Experten, die dort Rede und Antwort stehen, zählen langjährige AHK-Vorstände und Mitarbeiter, Anwälte und Logistikexperten.

Neue Lieferketten für Bekleidung, Nahrungsmittel und Aluminiumlegierungen

Britische Agrarerzeugnisse und verarbeitete Nahrungsmittel oder Getränke drohen hohe Importanteile zu verlieren. Zu den besonders betroffenen Zolltarifpositionen zählen Getreide, Mehl, Milch-, Fleisch- und Fischerzeugnisse, verarbeitetes Obst und Gemüse sowie Zucker und Süßwaren. In diesem Segment hat das Vereinigte Königreich in Irland aufgrund der geographischen Nähe und der engen Handelsverflechtung traditionell eine starke Lieferposition. So importierte Irland im 1. Halbjahr 2019 Nahrungsmittel und lebende Tiere im Wert von 2 Milliarden Euro aus dem Vereinigten Königreich. Dies entspricht 53,8 Prozent der irischen Gesamteinfuhr in diesem Segment.

Auch auf Bekleidung und Schuhwerk fielen im Fall eines No-Deal-Brexits hohe WHO-Zölle an. In diesem Warensegment machten britische Lieferungen nach Irland in den ersten sechs Monaten 2019 mit 558 Millionen Euro rund 49,5 Prozent der irischen Gesamteinfuhr aus. Im deutsch-irischen Handel legten Bekleidung und Schuhe im 1. Halbjahr 2019 um 13,9 Prozent beziehungsweise 19,2 Prozent zu. Auch bei weiteren Produkten, wie etwa Aluminiumlegierungen, ist nach dem Brexit zu erwarten, dass britische Anbieter Marktanteile in den europäischen Lieferketten zugunsten anderer Wettbewerber verlieren.

Neue Handelsströme können Folgen des Brexit abmildern

Irische Unternehmen können die negativen Brexitfolgen einerseits durch eine Substitution der britischen Importe minimieren. Auf deutsche Waren würden für irische Abnehmer im Gegensatz zu britischen Produkten geringere Beschaffungskosten anfallen.

Andererseits ist der britische Markt gerade für irische Branchen wie den Agrarsektor und die Lebensmittel- und Getränkeindustrie traditionell der wichtigste Absatzmarkt. Der Brexit könnte daher das bereits existierende Wohlstandsgefälle zwischen starken Wirtschaftszentren und dem ländlichen Raum noch verstärken, da dann mit Liefererschwernissen ins Vereinigte Königreich zu rechnen ist.

Irische Unternehmen können jedoch stattdessen Handelsströme nach Deutschland lenken und die britische Konkurrenz nach dem Brexit aus dem deutschen Markt verdrängen.

Lösungen im Roll-on-Roll-Off-Verkehr

Die Transportroute stellt nach einem britischen EU-Austritt ein grundsätzliches Problem für den deutsch-irischen Handel dar. Derzeit ist ein Lkw mit Fähren über die irische und die Nordsee sowie einer Fahrt über die britische Insel doppelt so schnell wie mit einer direkten Schiffsverbindung zwischen Irland und Kontinentaleuropa. Britische Grenz- und Zollkontrollen können den Roll-on-Roll-off-(RoRo-)Verkehr jedoch erheblich verteuern und zudem die Transportzeiten unkalkulierbar machen.

Logistikexperten erwarten daher eine Veränderung der Verkehrsströme. Einerseits werden direkte Reedereiverbindungen stark an Bedeutung gewinnen. Andererseits dürften Container und unbegleitete Lkw-Anhänger dabei den RoRo-Transport mit Fahrer zunehmend ablösen. Unter anderem offeriert Europas zweitgrößter Hafen Antwerpen hierzu seit September 2019 Angebote.

Brexitempfehlungen des Hafens Antwerpen finden sich unter https://www.portofantwerp.com/en/are-you-ready-for-brexit

Bilateraler Handel legt in einigen Sparten zu

Im 1. Halbjahr 2019 erreichte der deutsch-irische Handel ein Handelsvolumen von 10,5 Milliarden Euro. Das waren 1,2 Prozent weniger als in den ersten sechs Monaten 2018. Ein genauerer Blick zeigt allerdings, dass der Rückgang vor allem auf den Einbruch von 60,6 Prozent bei Arzneimitteln, der wichtigsten irischen Handelsware, zurückzuführen ist. Hierbei handelt es sich laut Landeskennern jedoch um temporäre Einbußen.

Andere traditionelle deutsche Lieferpositionen haben sich dagegen gut entwickelt. So ist der deutsch-irische Austausch von Maschinen und Fahrzeugen von Januar bis Juni 2019 um 24,4 Prozent höher gewesen als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Auch bei Fertigerzeugnissen der SITC-Position 8 gab es einen Anstieg um 5,2 Prozent.

Deutsch-irischer Außenhandel insgesamt (in Mio. Euro, Veränderung in %)
Produkt (SITC-Position) 1. Halbjahr 2019 Veränderung 1. Halbjahr 2019/1. Halbjahr 2018
Insgesamt, darunter 10.465,9 -1,2
.Nahrungsmittel/lebende Tiere (0) 600,6 -1,1
.Getränke (11) 58,1 14,2
.Rohstoffe (2) 47,6 4,3
.Brennstoffe (3) 13,5 30,0
.Chemische Erzeugnisse (5), darunter 5.617,0 -11,7
..Arzneimittel (54) 1.873,0 -60,6
.Vorerzeugnisse (6) 382,7 0,1
.Maschinen und Fahrzeuge (7), darunter 2.988,8 24,4
..Maschinen (71-74) 446,1 3,8
..Straßenfahrzeuge (78) 576,0 -3,3
.Fertigerzeugnisse (8) 652,8 5,2
.Sonstige Waren (9) 94,8 -11,3

Quelle: Eurostat

Irische Importe aus Deutschland (in Mio. Euro, Veränderung in %)
Produkt (SITC-Position) 1. Halbjahr 2019 Veränderung 1. Halbjahr 2019/1. Halbjahr 2018
Insgesamt, darunter 4.012,0 -28,5
.Nahrungsmittel/lebende Tiere (0) 273,8 -3,5
.Getränke (11) 23,6 9,2
.Rohstoffe (2) 22,2 48,7
.Brennstoffe (3) 13,3 30,3
.Chemische Erzeugnisse (5), darunter 805,7 -74,1
..Arzneimittel (54) 472,6 -83,0
.Vorerzeugnisse (6) 277,1 -1,2
.Maschinen und Fahrzeuge (7), darunter 2.238,7 44,1
..Maschinen (71-74) 295,0 20,5
..Straßenfahrzeuge (78) 557,1 -3,4
.Fertigerzeugnisse (8) 276,3 14,4
.Sonstige Waren (9) 75,4 -14,3

Quelle: Eurostat

Die Deutsch-Irische Industrie- und Handelskammer informiert und berät zu Brexitfragen auf ihrer Homepage unter https://www.german-irish.ie/media/alles-zum-brexit/

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.gtai.de/irland

Über den geplanten Brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig auf der Sonderseite http://www.gtai.de/brexit

Dieser Artikel ist relevant für:

Irland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Brexit

Funktionen

Kontakt

Charlotte Schneider

‎+49 228 249 93 279

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche