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11.04.2019

Energiepolitischer Umbruch erschwert Netzausbau in Mexiko

Wichtige Ausbauvorhaben zunächst abgesagt / Von Florian Steinmeyer (April 2019)

Mexiko-Stadt (GTAI) - Mexikos neue Regierung stärkt die Rolle des Staates in der Energiewirtschaft und verzögert damit den Aus- und Umbau des Stromnetzes. Investitionen sind aber unumgänglich.

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Wachstum von Bevölkerung und Industrie erfordern neue Übertragungskapazitäten. Investoren durch staatszentrierten Kurs der neuen Regierung womöglich abgeschreckt.
Hohe Verluste durch technische Probleme und Stromdiebstahl machen Investitionen in Verteilungsnetz notwendig. Hohe Schuldenlast und starre Strukturen bremsen staatlichen Stromkonzern CFE.
Strengere Regulierung erfordert Modernisierung auf Seiten der Stromabnehmer.

Quelle: Analyse von Germany Trade & Invest

Netzsituation in Mexiko und aktuelle Netzpolitik

Mit dem Wechsel an Mexikos Staatsspitze ändert sich die politische Stoßrichtung in der Energiepolitik. Während die Vorgängerregierung auf private Initiative setzte, will der am 1. Dezember 2018 vereidigte Präsident Andrés Manuel López Obrador die staatliche Stromgesellschaft CFE (Comisión Federal de Electricidad) stärken.

Das hat Konsequenzen für das Elektrizitätsnetz, das von der CFE betrieben wird. Durch die Energiereform 2013 wurde der Konzern in zwölf Untergesellschaften aufgeteilt. Davon ist CFE Transmisión für das nationale Übertragungsnetz zuständig, CFE Distribución für das Verteilnetz. Laut Vermutungen von Branchenexperten könnten die beiden Töchter unter der aktuellen Regierung zusammengelegt werden.

Erzeugungskapazitäten werden kräftig ansteigen

Die CFE betreibt 53.842 Kilometer des Übertragungsnetzes mit einer Spannung von 230 bis 400 Kilovolt und 53.200 Kilometer mit 69 bis 161 Kilovolt. Das Verteilnetz umfasst 829.925 Kilometer. Rund 61 Prozent davon werden mit mittlerer Spannung von 1.000 bis 35.000 Volt betrieben, der Rest mit weniger als 1.000 Volt.

Ende 2017 lag die Gesamtkapazität aller angeschlossenen Kraftwerke bei 75.685 Megawatt. Rund 70 Prozent davon entfielen auf fossile Quellen, der Rest auf "saubere Energie", zu der auch Kernkraft gezählt wird. Laut aktuellen Prognosen geht das Energieministerium Sener (Secretaría de Energía) davon aus, dass die Kapazität bis 2031 auf rund 113.000 Megawatt steigen wird. Der Anteil fossiler und sauberer Quellen wird dann in etwa gleichauf bei 50 Prozent liegen.

Regierungspläne, Förderprogramme, administrative Hürden

Kurs unter neuer Regierung noch offen

Zentrales Instrument für den Ausbau der Stromnetze ist das Programm für die Entwicklung des Nationalen Elektrizitätssystems (Programa de Desarrollo del Sistema Eléctrico Nacional - Prodesen). Die aktuelle Version vom Mai 2018 sieht bis 2024 im Bereich Übertragung 40 Ausbau- und sechs Modernisierungsprojekte vor. Im Verteilnetz sollen bis 2022 rund 13,5 Millionen Anschlüsse neu verlegt werden, wozu unter anderem moderne Stromzähler und Schaltschränke benötigt werden. Daneben sieht das Programm vor, 4,4 Millionen Anschlüsse zu modernisieren und 7 Millionen vom Netz zu nehmen.

Die Pläne im Rahmen des Prodesen-Programms sind allerdings mit Vorsicht zu betrachten, da es sich zurzeit in der Überprüfung durch die neue Regierung befindet. Diese will nicht nur die Rolle der CFE wieder stärken, sie zeigt in ihrer bisherigen Energiepolitik auch eine generelle Bevorzugung der Bereiche Öl, Gas und Petrochemie gegenüber der Elektrizitätswirtschaft.

Regierung sagt Großprojekte ab

So wurden Ende Januar 2019 zwei wichtige Trassenprojekte abgesagt. Zum einen zog die Regierung die Ausschreibung einer 1.221 Kilometer langen und 1,2 Milliarden US-Dollar (US$) teuren Hochspannungsverbindung vom südlichen Bundesstaat Oaxaca ins Zentrum des Landes zurück. Die Leitung sollte vornehmlich Windstrom aus der Landenge zwischen Atlantik und Pazifik in die Abnehmerzentren transportieren.

Zudem wird das Inselnetz von Baja California nicht wie zunächst geplant an das nationale Stromnetz angeschlossen. Das Projekt mit einer Länge von 1.400 Kilometern und einem Wert von 1,2 Milliarden US$ wurde ebenfalls im Januar abgesagt. Die CFE begründete die Entscheidungen lediglich damit, dass die Bedingungen zum Bau der Strecken nicht mehr gegeben seien. Marktbeobachter gehen davon aus, dass der Stromkonzern die Projekte zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnimmt, dann jedoch eine stärkere Rolle in ihrer Ausschreibung und Umsetzung einnehmen wird.

Netzkodex soll Stabilität und Effizienz verbessern

In regulatorischer Hinsicht beschäftigt die Branche derzeit die Einführung des Netzkodex (Código de Red). Alle Stromabnehmer, die mehr als 1 Megawatt Kapazität pro Jahr binden oder mit einer Spannung von mehr als 69 Kilovolt angeschlossen sind, müssen seit dem 8. April 2019 bestimmte Standards erfüllen. Viele betroffene Kunden sind laut Marktbeobachtern noch nicht ausreichend vorbereitet und werden erst in den kommenden Monaten die notwendigen Voraussetzungen schaffen.

Die Abnehmer, zumeist aus der Industrie, müssen eine Diagnose ihres Stromverbrauchs erstellen und Vorkehrungen treffen, um die Verbrauchsdaten automatisch an die CFE zu übertragen. Sollten einzelne Kriterien nicht eingehalten werden, muss zudem die Hardware nachgerüstet werden, zum Beispiel durch die Installation von Kondensatoren.

Netzanschluss weitestgehend problemlos

Die Nationale Energieaufsichtsbehörde Cenace (Centro Nacional de Control de Energía) garantiert allen teilnehmenden Stromanbietern freien Zugang zum Netz. Die Regulierungsbehörde CRE (Comisión Regulatoria de Energía) überwacht die korrekte Umsetzung und erteilt die Zugangserlaubnis. Der Netzanschluss ist laut Branchenfirmen keine besondere Hürde, allerdings seien einige Anschlusspunkte aufgrund des Zubaus erneuerbarer Kapazitäten überlastet.

Die CRE hat neben der Netzaufsicht auch weitreichende Befugnisse bezüglich der Stromtarife. Sie legt die Tarifregelung für die Übertragung, Verteilung und den Betrieb von Basisdienstleistungen fest und kontrolliert den Stromgroßhandelsmarkt. Für die Versorgungssicherheit und -qualität des nationalen Stromnetzes ist wiederum die Cenace verantwortlich. Ihr Kontrollzentrum berechnet die Gleichgewichtspreise und verarbeitet die Zahlungen zwischen den Marktteilnehmern.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/mexiko Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen
Exportinitiative Energie http://www.german-energy-solutions.de Informationen zu Veranstaltungen, Markt- und Länderinformationen etc.
Factsheets der Exportinitiative Energie https://www.german-energy-solutions.de/SiteGlobals/GES/Forms/Listen/Publikation/Publikation_Formular.html?cl2Categories_Typ_name=kurzinformationen Allgemeine Energieinformationen zum Land (teilweise mit Technologie- oder Anwendungsfokus)
AHK Mexiko https://mexiko.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Secretaría de Energía (Sener) http://www.gob.mx/sener Mexikanisches Energieministerium
Comisión de Regulación de Energía (CRE) http://www.gob.mx/cre Regulierungsbehörde
Centro Nacional de Control de Energía (Cenace) http://www.gob.mx/cenace Aufsichtsbehörde
Comisión Federal de Electricidad (CFE) https://www.cfe.mx Staatlicher Stromkonzern

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Mexiko Stromübertragung und -verteilung, Stromerzeugungs- und -verteilungstechnik, Mess- und Regeltechnik, Digitalisierung

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