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02.01.2019

Gesundheitsmarkt in Südostasien wächst kräftig

Haushalte zahlen häufig privat für medizinische Versorgung / Von Anna Westenberger

Berlin (GTAI) - Die Bevölkerung der ASEAN gibt immer mehr für Ihre Gesundheit aus. Von der steigenden Nachfrage nach Medizintechnik profitieren vor allem ausländische Hersteller.

Die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen und -produkten in den Ländern der Vereinigung südostasiatischer Staaten ASEAN (Association of South-East Asian Nations) entwickelt sich dynamisch. Allein der Markt für Medizintechnik in der Region soll 2016 laut Business Monitor International eine Größe von 5,3 Milliarden US-Dollar (US$) erreicht haben und bis 2021 mit durchschnittlichen jährlichen Raten von knapp 10 Prozent weiter zulegen. Die Bevölkerung wächst, und gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Zwar liegt sie beispielsweise in Laos oder Myanmar noch bei lediglich 67 Jahren; in Malaysia aber erreicht sie bereits 75 und in Singapur über 80 Jahre.

Ältere Menschen stellen einen immer größeren Anteil an den Gesellschaften: In Thailand, wo die Bevölkerung nur schwach wächst, machen Menschen ab Mitte sechzig bereits gut ein Zehntel der Bevölkerung aus, in Singapur 12 Prozent. Altersbedingte Erkrankungen, beispielsweise des Bewegungsapparates, nehmen daher zu. Auch Herz- und Kreislauferkrankungen werden häufiger - bedingt unter anderem durch veränderte Lebensgewohnheiten der wachsenden, zunehmend wohlhabenden Mittelschicht. Neben dem Bedarf steigen bei dieser auch die finanziellen Möglichkeiten. Dies erhöht den Spielraum sowohl für die staatliche Versorgung als auch die privaten Gesundheitsausgaben.

Die gesamten Gesundheitsausgaben pro Kopf sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen, variieren aber deutlich innerhalb der ASEAN. Laut Angaben der Weltbank betrugen sie im Jahr 2015 in Singapur rund 2.300 US$ und in Brunei Darussalam gut 800 US$, in den am wenigsten entwickelten Ländern der Region - Kambodscha, Laos und Myanmar - allerdings nur zwischen 50 und 70 US$. In den restlichen Ländern lag der Wert zwischen gut 100 und knapp 400 US$.

System staatlicher Krankenversicherungen wird ausgeweitet

Einige Regierungen setzen auf die Einführung oder Ausweitung staatlicher Krankenversicherungen, um zumindest die wichtigsten Bedarfe der Bevölkerung abzudecken. In Vietnam hat die Pflichtversicherung laut offiziellen Angaben bereits über 80 Prozent der Bevölkerung erfasst, und in Thailand deckt das überwiegend kostenlose Universal Healthcare Scheme über 70 Prozent der Menschen ab. Auch Indonesien führt aktuell eine staatliche Krankenversicherung ein und verfolgt das sehr hochgesteckte Ziel, bis 2020 alle Einwohner daran teilhaben zu lassen. Der Beitragssatz hier ist sehr gering, die Leistungen allerdings auch äußerst begrenzt - nur die notwendigsten Eingriffe und Medikamente werden übernommen.

Neben dem Staat investieren vor allem die Haushalte selbst immer mehr Geld in ihre Gesundheit, allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau. Private Krankenversicherungen spielen bislang nur eine untergeordnete Rolle. Die Ausgaben werden in der Regel direkt aus der eigenen Tasche getätigt. Ihr Anteil an den gesamten Gesundheitsausgaben lag 2015 in den meisten ASEAN-Ländern zwischen einem Drittel und drei Vierteln. Besonders hoch sind die Werte in Myanmar und Kambodscha, aber auch auf den Philippinen tragen die Haushalte über die Hälfte der Kosten direkt. Sie stellen damit insbesondere für untere Einkommensschichten im Falle schwererer Erkrankungen eine erhebliche Belastung dar.

Nur ein Krankenhausbett für 1.000 Philippiner

Zusätzlich zu den Kosten schränkt auch die Infrastruktur den Zugang zu Gesundheitsleistungen ein. In Thailand, Malaysia, Singapur und Vietnam stehen 1.000 Einwohnern im Durchschnitt zwei bis drei Krankenhausbetten zur Verfügung. Damit liegen die Länder zwar gleichauf etwa mit Kanada oder Schweden, aber deutlich unter dem OECD-Durschnitt von knapp fünf Betten. Indonesien und die Philippinen kommen sogar nur auf etwas mehr als ein Bett pro 1.000 Einwohner.

Neben der absoluten Zahl ist vor allem die regionale Verteilung der Einrichtungen problematisch. Besonders in ländlichen Gegenden sind sie oft rar gesät, und ihre Ausstattung ist meist dürftig. In Indonesien beispielsweise bilden öffentliche Versorgungszentren das Rückgrat des Systems, die sich in der Regel auf Impfungen, Wundversorgung und die Abgabe von Medikamenten durch Krankenschwestern beschränken.

Für einen Besuch in einem richtigen Krankenhaus müssen die Menschen in die Städte fahren, und Spezialkliniken befinden sich in der Regel nur in den großen Metropolen. Um den Andrang auf die städtischen Krankenhäuser zu reduzieren, will unter anderem Vietnam den Ausbau der regionalen Krankenversorgung forcieren. Die Finanzierung der Pläne ist jedoch nicht gesichert; mitunter wird auf Gelder der Entwicklungszusammenarbeit zurückgegriffen.

Telemedizin als Lösung für abgelegene Regionen

Bei der Versorgung abgelegener Regionen kommen auch Telemedizinlösungen zunehmend zum Einsatz. Die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau engagiert sich in Vietnam unter anderem in einem Telemedizinprojekt, an dem ausgewählte Provinz-, Regional- und Distriktkrankenhäuser sowie eine Hanoier Fachklinik beteiligt sind. In Singapur treibt die zunehmende Behandlung in der Wohnung der Patienten die Nachfrage nach mobilen Lösungen an, und der Personalmangel sorgt für Bedarf an digitalen Technologien.

In den meisten ASEAN-Mitgliedsstaaten wird die Versorgung überwiegend von öffentlichen Einrichtungen sichergestellt. Diese stehen auch für den größten Teil der Nachfrage nach Medizintechnikprodukten. Bis auf wenige Spezialkliniken, die über hochwertige Ausrüstung verfügen, arbeiten die staatlichen Krankenhäuser in der Regel mit veralteter Technik. Die eigentlich notwendigen Investitionen zur Modernisierung und Kapazitätserweiterung können vor dem Hintergrund knapper Finanzen meist nicht getätigt werden. Eine Ausnahme bildet Singapur, dessen Gesundheitssystem als Vorbild gilt: Die staatlichen Kliniken, die bereits über dreimal mehr Betten verfügen als die privaten, sorgen auch für das stärkste Wachstum.

Private Kliniken treiben Entwicklung an

In der Regel geht die Dynamik aber von privaten Krankenhäusern und Praxen aus. Wer es sich leisten kann, lässt sich dort behandeln. In Malaysia sollen private Kliniken ihren Marktanteil bereits auf etwa 50 Prozent erhöht haben. Eine wichtige Kundengruppe für die privaten Anbieter sind ausländische Patienten. Neben Malaysia profitiert auch Singapur vom Medizintourismus. Der Stadtstaat dürfte allerdings zunehmend Kunden an Nachbarländer verlieren, deren Privatkliniken beim Angebot aufholen, dabei jedoch günstiger sind. Singapurische Ketten expandieren daher mitunter in diese Märkte.

Insbesondere Thailand verfügt über Einrichtungen mit hohen medizinischen Standards bei vergleichsweise günstigen Kosten. Über 3 Millionen Expats und Medizintouristen haben dort 2017 Gesundheitsleistungen in Anspruch genommen. Private thailändische Klinikketten engagieren sich auch mit Krankenhausprojekten im Ausland, unter anderem in Kambodscha und Myanmar. Thailand möchte seine starke Stellung im Bereich Gesundheit und Wellness weiter festigen. Dazu gehört auch die anvisierte Entwicklung zum Medical Hub, also zur verstärkten Produktion von Gesundheitsgütern. Neue Ansiedlungen profitieren von einer Reihe von Anreizen.

Die nationalen Hersteller von Medizintechnikprodukten in der ASEAN beschränken sich bislang zumeist auf Verbrauchsgüter sowie einfachere elektromedizinische Geräte und Krankenhausmöbel. Allerdings haben sich inzwischen viele ausländische Branchenfirmen in der Region angesiedelt. Insbesondere Singapur konnte eine Reihe großer Medizintechnik- und Biopharmazie-Firmen mit Investitionen in Produktion sowie Forschung und Entwicklung anziehen. Malaysia hingegen entwickelt sich zu einem Zentrum für Medizintechnik-Auftragsfertigung, und Vietnam profitiert davon, dass internationale Firmen aufgrund niedriger Kosten Teile ihrer Produktion ins Land verlagern.

Intensiver Außenhandel mit Medizintechnikprodukten

Der ganz überwiegende Teil der Fertigung geht in den Export. Dies betrifft zum einen hochwertige Geräte, die von ausländischen Firmen vor Ort für ihre internationale Kundschaft hergestellt werden. Zum anderen sind die südostasiatischen Länder überaus wichtige Produzenten von Verbrauchsmaterialien für den Weltmarkt. Malaysia ist zum Beispiel der größte Lieferant von Handschuhen für den medizinischen Gebrauch weltweit - über 90 Prozent der gesamten malaysischen Medizintechnikproduktion gehen ins Ausland.

Gleichzeitig führt die ASEAN in großem Umfang medizintechnische Produkte für den heimischen Markt ein, die lokal noch nicht hergestellt werden. Eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC geht davon aus, dass der Importanteil über die ganze Region hinweg bei über 90 Prozent liegt. Singapur dient als Drehscheibe in der Region und war 2017 mit 3,6 Milliarden US$ auch wichtigster Importeur von Medizintechnik, gefolgt von Vietnam und Malaysia. Zu den wichtigsten Lieferländern gehören die USA, Japan, Deutschland und China. Die Volksrepublik konnte in den vergangenen Jahren mit vergleichsweise günstigen Produkten ihren Lieferanteil in manchen Ländern deutlich erhöhen. Deutschland exportierte 2018 Medizintechnik für circa 735 Millionen Euro und Arzneimittel für mehr als 1 Milliarde Euro in die ASEAN.

MKT201901028002.14

Der Zugang für ausländische Medizintechnikanbieter soll künftig einfacher werden. Bislang haben die ASEAN-Länder unterschiedliche Vorgaben für die Registrierung und Qualitätskontrollen. Die ASEAN Medical Device Directive (AMDD) soll es Herstellern künftig leichter machen, ein Produkt, das bereits in einem Land registriert wurde, in einem weiteren ASEAN-Land zu verkaufen. Die AMDD wurde 2015 von den zehn ASEAN-Staaten unterschrieben und soll bis 2020 umgesetzt werden.

Neben der Registrierung sind allerdings weitere lokale Hürden zu überwinden. In Malaysia müssen zum Beispiel bei Verkäufen an den öffentlichen Sektor Unternehmen in der Hand ethnischer Malaien zwischengeschaltet werden. Außerdem ist ein Halal-Standard für Medizintechnikprodukte im Gespräch, für Medikamente setzt sich die Zertifizierung schon durch. Darüber hinaus müssen sich Anbieter mit den Herausforderungen eines After-Sales-Service für über viele Länder verstreute Kunden und dem Training von qualifiziertem Personal, das Hightech-Geräte bedienen kann, befassen.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
ASEAN Federation of Medical Device Industry http://www.aseanmed.org Dachverband der nationalen Medizintechnik-Verbände in ASEAN
Medical Devices ASEAN 2019 https://medicaldevicesasean.com Messe in Thailand vom 10. - 12.7.19
Medical Fair Asia http://www.medicalfair-asia.com Größte Messe für Gesundheitswirtschaft und Medizintechnik in der Region, in Singapur vom 9.-11.9.2020
ASEAN Medical Device Directive https://asean.org/storage/2016/06/22.-September-2015-ASEAN-Medical-Device-Directive.pdf Text des Abkommens in Englisch

Weitere Informationen zu den ASEAN-Ländern finden Sie in der Publikation "Im Fokus: Wachstumsmarkt ASEAN - Chancen in Südostasien" unter http://www.gtai.de/asean-im-fokus

Dieser Artikel ist relevant für:

Indonesien, Laos, Kambodscha, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam, Südostasien, ASEAN Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Elektromedizin

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Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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