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07.08.2019

Grünes Lateinamerika

Der Energiesektor ist weiterhin auf dem Vormarsch / Von Judith Illerhaus

Bonn (GTAI) - Lateinamerika punktet schon heute mit einer überdurchschnittlich sauberen Energiematrix im weltweiten Vergleich. Nichtsdestotrotz fallen manche Länder aus dem Rahmen.

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) wird der Energiebedarf aller lateinamerikanischer Länder bis zum Jahre 2030 um insgesamt 70 Prozent steigen. Dies entspricht einem Mehrbedarf von mehr als 140 Gigawatt, der aus möglichst großen Anteilen Erneuerbarer Energien (EE) stammen soll. Aufgrund der Heterogenität der lateinamerikanischen Märkte und ihrer geografischen Eigenschaften stellt dieser Elektrizitätsanspruch eine Herausforderung dar, der die Länder jeweils unterschiedlich begegnen.

Dennoch weist die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) auf den bereits außerordentlichen Status Quo Lateinamerikas im Bereich der EE hin. Laut IRENA seien in der Region einige der dynamischsten Märkte für EE zu finden; immerhin stammt mehr als ein Viertel der Primärenergie aus Erneuerbaren - dies entspricht der doppelten Menge des globalen Durchschnitts und macht Lateinamerikas Elektrizitätsmatrix zur saubersten weltweit. Die lateinamerikanischen Energiesektoren sind größtenteils noch durch eine hohe Abhängigkeit von Wasserkraft gekennzeichnet. Die Kombination mit weiteren erneuerbaren Energiequellen ist ein wichtiger Schritt zum Erfolg aller Länder der Region.

Dank zahlreicher Versteigerungen von Konzessionen konnte die Diversifikation des Energiesektors bereits stark vorangetrieben werden. Insbesondere Wind- und Solarenergie haben in den letzten Jahren stark zugelegt. Die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) weist dennoch daraufhin, dass es große regionale Unterschiede auf dem Kontinent gibt, die sich ebenso auf den Bedarf der einzelnen Länder übertragen lassen. Bis 2040 prognostiziert die IDB der Region einen zusätzlichen Energieverbrauch von 689 Megatonnen Öleinheiten.

Entwicklung des Energieverbrauchs der größten lateinamerikanischen Energiemärkte, 2013 bis 2040, in Terawattstunden
Land 2013 2040 1) Wachstum in % CAGR in % 2)
Argentinien 81 123 52,6 1,6
Brasilien 294 577 96,6 2,5
Chile 39 99 154,7 3,5
Kolumbien 32 67 110,3 2,8
Mexiko 191 400 109,2 2,8
Venezuela 69 104 50,7 1,5
Andere 144 169 17,9 0,6
Lateinamerika und Karibik 849 1.538 80,3 2,2

1) Prognosen; 2) Compound Annual Growth Rate

Quelle: Inter-American Development Bank 2016

Argentinien steckt auch in einer energetischen Krise

Argentinien stellt nach Brasilien und Mexiko aktuell den drittgrößten Energiemarkt Lateinamerikas dar, der gegenwärtig jedoch noch etwa 70 Prozent der Elektrizität aus fossilen Brennstoffen gewinnt. Energie aus Wasserkraft stellt etwa 20 Prozent dar. Der Ausbau der EE kommt langsamer voran, als zunächst geplant, auch aufgrund der zuletzt starken Rezession und den damit verbundenen Kürzungen staatlicher Subventionen. Bis 2025 müssten etwa 21 Gigawatt zusätzliche Kapazitäten ans Netz angeschlossen werden, um die jährlich um 4 Prozent steigende Stromnachfrage decken zu können. Gegenwärtig plant Argentinien größere Investitionen im Energiesektor, da sich dieser aufgrund einer verfehlten Politik in der Vergangenheit und einem kontinuierlich starkem Anstieg des Energieverbrauchs in einer strukturellen Krise befindet.

Boliviens Energiesektor auf Expansionskurs

Das Binnenland in Südamerikas Mitte zeigt sich ambitioniert in puncto Stromerzeugung. Während die installierte Kapazität 2017 noch bei 2.300 Megawatt lag, soll diese bis 2025 auf insgesamt 13.400 Megawatt ausgebaut werden. Dies entspräche einer knappen Versechsfachung. Als potenzielle Abnehmer gelten vor allem die großen Nachbarn Brasilien und Argentinien. Aktuell werden 72 Prozent des Stroms aus Erdgas gewonnen, darauf folgt Wasserkraft als Energiequelle mit 25 Prozent. Die noch sehr rudimentäre Nutzung von EE (3 Prozent) soll jedoch zukünftig ausgebaut werden. Bolivien wird hierbei vornehmlich auf die Bereiche Windkraft, Geothermie und Solar setzen und plant rund 877 Millionen US-Dollar (US$) zu investieren.

Brasilien setzt endlich auch auf Solarenergie

Der brasilianische Energiemarkt ist mit Abstand der größte Südamerikas. Der Verbrauch Brasiliens übersteigt das Doppelte von Argentinien, Bolivien, Chile und Uruguay zusammen, wobei etwa 70 Prozent der Elektrizität aus Wasserkraft gewonnen wird. Dennoch setzt das Land zunehmend auch auf andere Energieträger, um sich vor möglichen Engpässen aufgrund von Dürreperioden zu schützen.

Als zweitwichtigster Energieträger Brasiliens gilt derzeit Biomasse, wobei es sich meist um Biomassekraftwerke handelt, die zum Großteil (zu 80 Prozent) von der Zucker- und Ethanolindustrie betrieben werden. Knapp dahinter folgen Windkraft und Erdgas als Energieträger. Im Bereich der Windenergie liegt aktuell der Nordosten des Landes vorne. Rund 85 Prozent der Windenergie wird hier erzeugt. Ebenso hat sich die Produktion von Windkraftanlagen vornehmlich in dieser Region angesiedelt; unter anderem produzieren hier die drei deutschen Hersteller Wobben Windpower/Enercon, Siemens Gamesa Renewable Energy (SGRE) und Nordex.

Aber auch andere erneuerbare Energien sind in Brasilien auf dem Vormarsch. So hat sich die Regierung beispielsweise bis 2027 einen Ausbau der netzgebundenen Solarparks von derzeit 2 Gigawatt auf 9 Gigawatt zum Ziel gesetzt. Neben dem Nordosten gelten auch der Südosten sowie der zentrale Westen als bevorzugte Regionen. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass Brasiliens Energiematrix bereits heute sehr sauber ist - der Anteil von EE am Strommix stieg 2018 auf 86,4 Prozent.

Chile trennt sich perspektivisch von der Kohlekraft

Chiles Primärenergiebedarf von rund 37.610 Kilotonne Öleinheit (ktoe) wurde 2016 zu 80 Prozent aus fossilen Energieträgern gedeckt. Die Rolle der EE soll jedoch auch in Chile zunehmend an Wichtigkeit gewinnen. Als Zielsetzung für 2050 hat die Regierung formuliert, dass 70 Prozent der Stromerzeugung aus EE stammen sollen. In diesem Zuge sollen auch bis 2040 alle 28 Kohlekraftwerke des Landes schrittweise geschlossen werden. Im Jahr 2018 wurden bereits knapp 21 Prozent des Strommixes aus EE gewonnen. Die Branchen der Solar- und Windenergie entwickeln sich besonders dynamisch, insbesondere vor der rückläufigen Hydroenergie aufgrund der Wasserknappheit des Landes.

Ecuador präsentiert sich mit einer stabilen Ausgangssituation

Auch Ecuador plant seine Energiematrix grüner werden zu lassen. Bis 2022 soll 93 Prozent des Stroms aus EE stammen. Aktuell bezieht Ecuador bereits knapp 90 Prozent seines Stroms aus EE, Hauptenergielieferant ist bisher die Wasserkraft. Allein 2016 und 2017 wurden acht große Wasserkraftwerke in Betrieb genommen. Doch zuletzt wurde ebenso verstärkt auf Windkraft gesetzt. Bereits durch den Ausbau eines 25 Turbinen starken Windparks in Huascachaca könnte die bisher geringe Energieerzeugung durch Windkraft verdoppelt werden. Der Park soll Anfang 2020 in Betrieb genommen werden.

Der stetig steigende Energieverbrauch sorgt für ein erhöhtes Investitionsvolumen im Energiesektor; sowohl aus staatlichen als auch aus privaten Quellen. Privaten Investoren bieten sich vor allem steuerliche Vergünstigungen bei der Durchführung von Projekten im Bereich der EE.

Kolumbien hat große Ziele

Die Primärenergieproduktion setzte sich laut des kolumbianischen Energieministeriums 2017 zu 92 Prozent aus fossilen Rohstoffen und 4 Prozent Wasserkraft zusammen. Die Anteile der übrigen Energieträger fielen entsprechend verschwindend gering aus. Nichtsdestotrotz wird Kolumbiens Elektrizität hauptsächlich (zu 75 Prozent) aus Wasserkraft gewonnen, während fossile Brennstoffe hier lediglich 20 Prozent der Kapazitäten ausmachen. Die restlichen Anteile werden aus Biomasse generiert. Doch auch die kolumbianische Regierung zeigt sich ambitioniert und verweist in ihrem Vierjahresplan (2018-2022) auf eine Verzehnfachung der Kapazität der EE, von aktuell rund 150 Megawatt auf 1.500 Megawatt. Strom soll zu acht bis zehn Prozent aus unkonventionellen EE stammen. Zuletzt wurde vor allem in großflächige Solarparks investiert.

Mexikos Energiewirtschaft gestaltet sich nicht hürdenfrei

Im Gegensatz zu anderen Ländern, erschwert Mexiko Investoren am Energiemarkt aktuell die Erschließung neuer Geschäftsfelder. Grund ist nicht zuletzt der politische Umbruch durch die Wahl des nun amtierenden linksgerichteten Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, der den staatlichen Energieversorger CFE zu stärken beabsichtigt. Für deutsche Unternehmen bedeutet dies eine Verschiebung der Geschäftschancen, weg von großen Fotovoltaik- und Windparks, hin zu kleineren Anlagen für Unternehmenskunden. Der Anteil von EE bei der Stromerzeugung soll mittelfristig bis 2024 bei etwa 35 Prozent liegen; langfristig prognostiziert die mexikanische Regierung einen Anteil von 50 Prozent (2050).

Uruguay als Vorreiter in der lateinamerikanischen Energiewende

So klein das Land flächen- und bevölkerungsmäßig auch sein mag, desto fortschrittlicher präsentiert sich Uruguays Energiesektor - und dies nicht nur im lateinamerikanischen Vergleich. In der Elektrizitätserzeugung aus EE liegt Uruguay weltweit vorn. Laut der lateinamerikanischen Energieorganisation (OLADE) und dem uruguayischen Ministerium für Industrie, Energie und Bergbau (MIEM) wurde bereits 2017 rund 98 Prozent des Stromverbrauchs aus EE gewonnen. Primärenergie wird zu 63 Prozent aus EE gewonnen. Hauptenergieträger sind Wasserkraft, Windkraft, Solarenergie und Biomasse.

Uruguays Regierung hat beim Ausbau der Windenergie bereits früh auf das Ausschreibungsmodell gesetzt und konnte die Diversifikation des Strommixes auf diese Weise schnell vorantreiben. Die langfristig angelegte Energiepolitik des Landes, die sich bis 2030 erstreckt, sieht vor allem den Ausbau der Energieeffizienz und EE vor und hat hierzu umfassende Fördermöglichkeiten etabliert. Hiervon dürften zukünftig, wie schon in der Vergangenheit, auch deutsche Investoren profitieren. Die uruguayische Außenwirtschaftsförderung Uruguay XXI sieht vor allem in den Bereichen der Übertragung und Verteilung von Energie, der Einbeziehung von EE in die Verkehrsplanung sowie im Bereich der Energieeffizienz Investitionsmöglichkeiten für ausländische Unternehmen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien, Mexiko, Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Uruguay Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Strom-/ Energieerzeugung, Solar, Energiepolitik, Strom-/ Energieerzeugung, Wind, Strom-/ Energieerzeugung, Wasserkraft, Strom-/ Energieerzeugung, Bioenergie, alternative Energien

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