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14.05.2019

In Frankreich gewinnt Telemedizin an Bedeutung

Akteure aus dem In- und Ausland positionieren sich / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - Die Kostenübernahme von telemedizinischen Beratungen bringen den E-Health-Sektor in Frankreich auf Trab.

Seit dem 15. September 2018 übernimmt die französische Sozialversicherung (Securité Sociale) erstmalig die Kosten für telemedizinische Beratungen (téléconsultation) durch Allgemein- und Fachärzte. Vor Beginn einer telemedizinischen Beratung muss der Arzt den Patienten (innerhalb einer Jahresfrist) zunächst physisch gesehen haben.

Die Beratungen werden wie Präsenztermine berechnet: 25 Euro für Konsultationen mit Allgemeinärzten, 30 Euro für Konsultationen mit Fachärzten. Die Einholung einer Zweitmeinung durch einen Arzt per Telemedizin (télé-expertise) ist für einige Patientengruppen seit dem 10. Februar 2019 rückerstattungsfähig.

Für die telemedizinische Ausrüstung (digitale Medizintechnik und Abonnements für Telemedizinplattformen) können Ärzte einmalig einen Zuschuss von bis zu 525 Euro erhalten. Die Regierung rechnet 2019 mit 500.000 telemedizinischen Konsultationen, im Jahr 2020 mit 1 Million und 2021 mit 1,3 Millionen.

Wachsender Telemedizinmarkt zieht neue Akteure an

Die jüngst beschlossene Kostenübernahme für telemedizinische Leistungen durch die Sozialkassen hat Anbieter von Telemedizinplattformen und -software auf den Plan gerufen. Bisher waren private Zusatzversicherer deren Hauptkunden. Durch die Kostenübernahme ist das Angebot an Plattformen deutlich größer geworden. In- und ausländische Akteure versuchen sich auf dem französischen Markt zu positionieren.

Einer der weltweit größten Anbieter, Teladoc Health aus den Vereinigten Staaten, hat im März 2019 das französische Unternehmen MédecinDirect übernommen. Ein weiteres Unternehmen ist das in seinem Heimatmarkt sowie in Norwegen und im Vereinigten Königreich stark wachsende schwedische Start-up Kry. Kry hat bereits im September 2018 unter dem Namen Livi eine Plattform in Frankreich lanciert.

Auf französischer Seite ist vor allem die Terminplattform Doctolib gut positioniert und will zum führenden Anbieter werden. Sie wird in Frankreich von 70.000 Ärzten genutzt und hat seit 2016 einen Vertrag für die Online-Terminvergabe mit den öffentlichen Krankenhäusern von Paris (AP-HP), dem größten Hospitalverbund in Europa. Auch der Software- und Cloudanbieter im Gesundheitssektor Cegedim könnte zu einem wichtigen Akteur in der Telemedizin werden. Die Firma hat Anfang 2019 die Arztterminplattform RDVmédicaux aufgekauft und betreibt die Telemedizinplattform Docavenue. Aber es kommen auch neue Start-ups hinzu, wie MesDocteurs.com, Feelae und Qare.

Digitalisierung des Gesundheitssystems

Neben der Telemedizin will die französische Regierung auch andere Bereiche von E-Health stärker entwickeln. Den rechtlichen Rahmen dafür liefert das Gesetz zum Umbau des Gesundheitssystems (Loi relatif à l'organisation et à la transformation du système de santé). Es wurde Ende April 2019 noch im Parlament behandelt, könnte aber Mitte des Jahres verabschiedet werden. Mit dem Gesetz soll der Regierungsplan "Ma Santé 2022" umgesetzt werden, der die Schaffung von regionalen Gemeinschaftspraxen und kleineren Kliniken, mehr Prävention und, für E-Health besonders wichtig, die Digitalisierung des Gesundheitssystems vorsieht.

Neben Ärzten sollen auch Apotheker und Arzthelfer telemedizinische Beratungen durchführen können. Darüber hinaus geht es um Maßnahmen zur Digitalisierung von Daten sowie deren Zusammenführung und sichere Nutzbarmachung über Plattformen. Frankreich soll damit als Standort für Künstliche Intelligenz (KI) im Gesundheitssektor im internationalen Wettbewerb gestärkt werden.

Neue Datenplattformen für Patienten, Ärzte und Unternehmen

Gesundheitsdaten sollen künftig über die Plattform Health Data Hub auch privaten Nutzern bereitgestellt werden. Über eine weitere Plattform, den Espace Numérique de Santé, haben Patienten Zugang zu ihrer elektronischen Patientenakte DMP (Dossier medical partagé). Über dieses elektronische Dossier können auch Dienstleistungen in Anspruch genommen werden. Derzeit verfügen bereits fünf Millionen Patienten über ein DMP. Die Nutzung soll weiter ausgebaut und vereinfacht werden.

Ärzten und Gesundheitseinrichtungen wird künftig eine weitere Plattform (Bouquet de Services) zur Verfügung stehen, mit Zugang zu Basisdienstleistungen aber auch mit Schnittstellen für Entwickler von telemedizinischen Dienstleistungen. Dafür sollen bis 2020 Prototypen entwickelt werden.

Riesige Datensätze sind bisher kaum nutzbar

Die systematische Zusammenführung von Daten auf Plattformen soll eine Analyse dieser Daten durch Einsatz von Künstlicher Intelligenz ermöglichen. Die französische Regierung setzt dabei auf die Entwicklung von Datentools. Gegenüber besonders fortschrittlichen (meist nordischen) Ländern besteht in Frankreich ein Technologierückstand, um die erfassten Gesundheitsdaten nutzbar zu machen. Gesundheitseinrichtungen arbeiten vielfach noch mit veralteten Systemen und unterschiedlichen Standards.

Gleichzeitig gelten die vorhandenen Datensätze als mit die umfangreichsten weltweit. Dies gilt vor allem für SNIIRAM (Système national d'information inter-régimes de l'assurance maladie), das Abrechnungsdaten der Sozialversicherung umfasst. In seiner derzeitigen Form sind die Daten aber nicht für KI-Logarithmen nutzbar.

Zur Aufbereitung der Daten, die bis ins Jahr 2000 zurückreichen, besteht seit 2015 eine Zusammenarbeit mit der renommiertesten wissenschaftlichen Hochschule in Frankreich, der École polytechnique. Im Gesundheitssektor gibt es viele, umfangreiche Datensammlungen, darunter der Datenpool der öffentlichen Krankenhäuser von Paris (AP-HP, https://recherche.aphp.fr/eds/definition/), France Life Imaging (http://www.francelifeimaging.fr) oder DRIM France IA.

Paris und Straßburg sind Zentren der Künstlichen Intelligenz

Französische Forschungseinrichtungen und Start-ups gelten als stark in der KI und hier vor allem in der Bildanalyse. Paris und Straßburg entwickeln sich zu französischen Zentren für KI. In Paris hat der KI-Inkubator Paris Biotech Santé (http://www.parisbiotechsante.org) viele Gesundheits-Start-ups hervorgebracht. In Straßburg wurde 2018 im Krebsforschungsinstitut IRCAD (Institut de recherche contre les cancers de l'appareil digestif) ein Zentrum für KI in der Chirurgie eröffnet.

Bekannt geworden ist das französische Start-up Therapixel (http://www.therapixel.com) in der Erkennung von Brustkrebs über die Analyse von Mammografien. Das Start-up Cardiologs (https://cardiologs.com) hat eine Anwendung entwickelt, die Herzrhythmusstörungen anhand von Elektrokardiogrammen erkennt. Weitere Start-ups, die an KI-Lösungen im Bereich Gesundheit arbeiten sind Kapcode (http://www.kapcode.fr), Khresterion (https://khresterion.com), Mensiatech (http://www.mensia.com), Owkin (https://owkin.com), Qynapse (http://www.qynapse.com) und Rythm (https://dreem.com).

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Frankreich http://frankreich.ahk.de Berät beim Markteinstieg in Frankreich
Ministère des Solidarités et de la Santé https://solidarites-sante.gouv.fr Gesundheitsministerium
Haute Autorité des Santé http://www.has-sante.fr Gesundheitsaufsicht
Securité sociale http://www.securite-sociale.fr Sozialversicherung

Weitere Informationen zu Frankreich finden Sie unter http://www.gtai.de/frankreich

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein

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