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17.05.2019

Indien muss Millionen von Arbeitsplätzen schaffen

Vor allem Jobs für Geringqualifizierte benötigt / Von Heena Nazir

Mumbai (GTAI) - Dringend benötigte Reformen für den indischen Arbeitsmarkt wurden in den letzten Jahren anderen Prioritäten geopfert. Die Arbeitslosenquote steht aktuell wieder auf einem Rekordhoch.

Die indische Bevölkerung wächst in rasantem Tempo. Knapp 1,3 Milliarden Menschen leben in dem südasiatischen Land, das laut den Vereinten Nationen seinen Nachbarn China bereits 2024 als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen und 2056 Heimat von etwa 1,7 Milliarden Menschen sein soll.

Indiens Bevölkerung ist überaus jung. Das Durchschnittsalter liegt bei gerade einmal 27 Jahren. Ökonomen sehen hier eine einzigartige Chance: Wenn der Anteil der erwerbsfähigen Personen höher ist als der Anteil derer, die von arbeitenden Angehörigen abhängig sind, entspricht dies einem Wettbewerbsvorteil, der sogenannten demografischen Dividende.

Indien kann aber nur dann die demografische Dividende für sich nutzen, wenn ausreichend Arbeitsplätze vorhanden sind, und genau hier liegt das Problem. Jedes Jahr drängen circa 8 bis 12 Millionen junge Inder auf den Arbeitsmarkt. Die Zahl der neuen Stellen reicht jedoch nicht aus, um die Arbeitsplatznachfrage der wachsenden erwerbsfähigen Bevölkerung zu decken. "Wenn es Indien nicht gelingt, genügend Jobs zu kreieren, droht dem Subkontinent eher ein demografisches Desaster", warnt Peter Deubet, stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai, in einem Interview mit Germany Trade & Invest.

Es stellt sich die Frage, warum es in einem riesigen Land wie Indien mit Nachholbedarf in den meisten Sektoren und regelmäßigen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von circa 7 Prozent nicht gelingt, genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Das Problem ist komplex, hat seinen Ursprung aber vor allem im Wandel Indiens von einem Agrarland hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Die Mehrheit der Arbeitssuchenden ist geringqualifiziert. Der Dienstleistungssektor kann aber nur in begrenztem Maße als Auffangbecken für Arbeitskräfte mit niedriger Bildung dienen.

In den Callcentern der IT-Industrie beispielsweise arbeiten meist junge Universitätsabgänger mit guten Englischkenntnissen. Geringqualifizierte finden in diesen Unternehmen allenfalls als Reinigungskraft, Gärtner etc. eine Arbeit, und von diesen Stellen gibt es in den IT-Unternehmen ohnehin nicht viele. Es werden deshalb dringend neue Arbeitsplätze in der Industrie benötigt, weil sich hier auch für Geringqualifizierte Anstellungschancen bieten.

Regierung verfehlt ihr Job-Wahlversprechen

Die regierende Bharatiya Janata Partei (BJP) um Premierminister Narendra Modi war mit hohen Ambitionen angetreten. Dringend benötigte Jobs sollten vor allem durch die Regierungskampagne Make in India entstehen. Deren Ziel ist es, den Anteil des produzierenden Gewerbes von aktuell rund 16,5 Prozent des BIP bis zum Jahr 2022 auf 25 Prozent zu steigern.

Das Ziel, jedes Jahr Millionen neuer Jobs zu schaffen, wurde jedoch deutlich verfehlt. Ganz im Gegenteil: Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie zuletzt während der Ölkrise der Siebzigerjahre. Die offizielle Arbeitslosenquote stieg einem Bericht des indischen Statistikamtes zufolge auf 6,1 Prozent; von "jobless growth" ist die Rede. Laut dem Bericht war auf dem Land fast jeder sechste junge Mann arbeitslos, unter jungen Männern in den Städten lag die Quote sogar bei rund 18,7 Prozent.

Arbeitslosenquote in Indien
2010 2012 2014 2016 2017 2018
3,5 3,6 3,4 3,5 3,5 6,1

Quelle: International Labour Organisation, Trading Economics, April 2019

Dies könnte für die BJP zu starken Einbußen bei den vom 11. April bis zum 19. Mai stattfindenden Parlamentswahlen führen. Modi wird vorgeworfen, dass er deshalb versuchte, die Veröffentlichung des Berichtes zu verschieben. Allerdings sickerte der Bericht durch und löste eine hitzige Debatte in Indien aus. Modi habe nicht nur sein Wahlversprechen, Millionen von Jobs zu generieren, nicht erreicht. Er habe sogar versucht zu vertuschen, dass während seiner Amtszeit die Arbeitslosigkeit so hoch anstieg wie zuletzt vor 45 Jahren, lautet die Kritik verschiedener Geschäftsführer, die Germany Trade & Invest zum Thema befragt hat.

Die Regierung von Modi weist die Vorwürfe, versucht zu haben, den Bericht zurückzuhalten, empört zurück. Es handle sich bei dem Bericht des indischen Statistikamtes nur um einen Entwurf, ließ sie verbreiten. Nach der Veröffentlichung hat die BJP laut Umfragen an Zuspruch verloren.

Überraschen sollten die Ergebnisse des Berichtes eigentlich niemanden: Bereits seit Jahren berichten nationale wie internationale Medien vom riesigen Ansturm auf die wenigen Stellenausschreibungen. Beispielsweise bewarben sich 19 Millionen Inder auf 63 Jobs bei der staatlichen Eisenbahn für Positionen als Lokführer, Elektriker, Schaffner und Gepäckträger.

Demonetisierung hat viele Arbeitsplätze gekostet

Die Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent mag auf den ersten Blick nicht hoch wirken. Man muss allerdings bedenken, dass kaum ein Inder es sich vor dem Hintergrund eines mangelhaften Sozialsystems leisten kann, arbeitslos zu sein. Die meisten nehmen Arbeit im informellen Sektor auf, um überhaupt Geld zu verdienen. Einer Studie des Institute of Human Development zufolge arbeiten circa 80 Prozent der indischen Erwerbstätigen im statistisch nicht erfassten unorganisierten Sektor. Viele sind als "selbstständige" Arbeiter oder in Klein- und Kleinstunternehmen tätig. Fast 30 Prozent der Beschäftigten arbeiten als Tagelöhner.

Die Bargeldentwertung im November 2016, bei der rund 86 Prozent des indischen Bargeldbestandes aus dem Verkehr gezogen worden waren, führte zum Abbau von zahlreichen Stellen, vor allem im unorganisierten Sektor. Eine überwältigende Mehrheit im unorganisierten Sektor bekommt das Gehalt bar ausgezahlt. Durch die Bargeldverknappung konnten viele Arbeitgeber ihre Angestellten daher zudem nicht mehr bezahlen, was bis heute Nachwirkungen hat.

Dies schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Angaben des Analyseinstituts Centre for Monitoring Indian Economy zufolge gingen im Kalenderjahr 2018 rund 11 Millionen Arbeitsplätze verloren, insbesondere in ländlichen Regionen. Auch die Organisation des herstellenden Gewerbes (All India Manufacturers' Organisation) berichtet, dass seit 2016 circa 3,5 Millionen Stellen vernichtet wurden.

Das Potenzial der demografischen Dividende zu nutzen und den Zulauf in den unorganisierten Sektor zu reduzieren ist essentiell für das Wirtschaftswachstum des südasiatischen Landes. Die Make in India-Kampagne ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Allerdings reicht dies allein nicht, um genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Weitere Reformen müssen dringend umgesetzt werden, um den Arbeitsmarkt zu stärken. Hierzu zählt unter anderem der Ausbau der Infrastruktur, die Verbesserung der Bildungs- und Gesundheitssysteme sowie die Bekämpfung der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Indien können Sie unter http://www.gtai.de/indien abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

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Indien Arbeitsmarkt / Löhne / Ausbildung

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