Suche

10.07.2019

Indonesien erwägt Einsatz schienengeführter Spurbusse

Sogenannte O-Bahnen könnten staugeplagte Großstädte entlasten / Von Frank Malerius

Jakarta (GTAI) - Das indonesische Transportministerium plant den Aufbau eines Spurbusnetzes in größeren Städten. Die einst in Deutschland entwickelte Technologie gilt aber als vergleichsweise teuer.

In Indonesien ist der Einsatz eines neuen Verkehrsmittels in der Diskussion. Nach dem Willen des Transportministeriums könnten in größeren Städten des Archipels bald Spurbusse - sogenannte O-Bahnen - zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich um konventionelle Busse, die auf einer vorgegebenen Spur, oftmals einer Schiene, geführt werden. Das Ministerium spricht von der Schienenlösung.

Weltweit gibt es nur noch wenige dieser schienengeführten Spurbusse. Die 1986 gebaute O-Bahn im australischen Adelaide gilt als ein markantes regionales Beispiel. Sie verbindet auf einer 12 Kilometer langen Strecke das Stadtzentrum mit dem Nordosten der Stadt, von wo aus Straßenbusse weiter in die Vororte führen. Die Technologie dafür wurde von Daimler geliefert, auf der Strecke fuhren zunächst Mercedes-Busse, später auch Busse von MAN und Scania.

Grund für den möglichen Einsatz schienengeführter Spurbusse in Indonesien ist die sich kontinuierlich verschlechternde Verkehrssituation in allen größeren Städten des Inselreiches. Durch ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich mehr als 5 Prozent per annum seit der Jahrtausendwende können sich immer mehr Menschen ein eigenes Auto leisten. Nach letztverfügbaren Zahlen gab es in Indonesien 2017 knapp 15,4 Millionen registrierte Automobile. Und jedes Jahr kommen etwa 1 Million hinzu.

Zudem zieht es die Menschen in die Städte, bereits mehr als 50 Prozent der Indonesier leben dort. Der Archipel hat mittlerweile acht Millionenstädte. Deren Straßennetze und öffentlicher Nahverkehr wachsen längst nicht mit derselben Geschwindigkeit wie die Bevölkerungszahl und die Anzahl der Automobile.

Indonesiens Millionenstädte
Name Insel Einwohnerzahl (in Mio.) *)
Jakarta Java 10,5
Surabaya Java 2,9
Bandung Java 2,5
Medan Sumatra 2,2
Semarang Java 1,8
Palembang Sumatra 1,7
Makassar Sulawesi 1,5
Pekanbaru Sumatra 1,1

*) Angaben von 2017/18

Quelle: BPS; regionale Statistikämter

Eigenständige Busspuren ein Erfolgsmodell in Jakarta

Jakarta leidet seit Jahrzehnten unter unablässigen Staus, die das Wirtschaftsleben massiv behindern. Es gibt verschiedene Schätzungen darüber, wie groß ihr ökonomischer Schaden ist. Laut Planungsbehörde Bappenas beträgt er für den Großraum Jakarta jährlich umgerechnet 7 Milliarden US-Dollar. So muss etwa ein großer Anteil des Benzins importiert werden.

Um überhaupt noch Mobilität zu gewährleisten, wurden schon 2004 auf den Hauptverkehrsadern der Stadt eigenständige Busspuren für die sogenannte Transjakarta-Linie eingeführt. Sie wurden kontinuierlich ausgebaut und reichen mittlerweile bis in die Nachbarprovinzen Banten und Westjava hinein. Das städtisch betriebene Transjakarta ist eine Erfolgsgeschichte. Im Jahr 2019 will Transjakarta 3.600 Busse auf 236 Linien betreiben (allerdings nur innerstädtisch auf eigenen Spuren). Die Gesamtlänge der Linien beträgt derzeit 660 Kilometer. Täglich werden 800.000 Fahrgäste befördert.

Als Grund für die Einführung schienengeführter Buslinien gibt das Transportministerium ihre hohe Geschwindigkeit an. Sie könnten mit 60 bis 80 Stundenkilometern fahren, während die Transjakarta-Linie nur eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 Stundenkilometern hat.

Allerdings gibt es auch Kritik an dem Plan. So fürchtet die indonesische Transportgesellschaft MIT (ein privatwirtschaftlich organisiertes Fachforum für den Transportsektor) vor allem die hohen Kosten, die den jeweiligen Städten aufgebürdet werden würden. Nach Angaben des Transportministeriums lägen sie um 20 Prozent höher als die für die Einführung einer normalen Busspur.

MKT201907098003.14

Neue Hauptstadt soll Entlastung bringen

Auch jenseits der Transjakarta-Linie arbeitet die indonesische Hauptstadt seit Jahren emsig an der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur. So besteht endlich eine Zugstrecke zwischen dem Stadtzentrum und dem internationalen Flughafen. Zudem wurden die Bahnverbindungen in die Vororte ausgebaut. Darüber hinaus gibt es seit April 2019 die erste Metrolinie.

Ein kleiner Erfolg in der Staubekämpfung hat sich eingestellt: Nach Angaben von Tomtom, dem niederländischen Anbieter von Navigationssystemen, ist die Metropole 2018 von Platz vier auf Rang sieben der staugeplagtesten Städte der Welt gefallen. Anonymisierte GPS-Messungen haben demnach ergeben, dass eine Autofahrt in Jakarta nur noch 53 Prozent länger dauert als bei freien Straßen. Im Jahr 2017 waren es noch 61 Prozent gewesen.

Dennoch gilt Jakarta weiterhin als verkehrstechnisch dysfunktional. Vor allem in den Vororten, aus denen werktäglich geschätzte 1,3 Millionen Menschen nach Jakarta pendeln, hat sich die Verkehrssituation kontinuierlich verschlechtert. Auch deshalb gilt die Verlegung der Regierungsinstitutionen in eine neu zu bauende Verwaltungshauptstadt auf Kalimantan (Borneo) als beschlossene Sache. Ob diese dort aber wie geplant bereits 2024 ihre Arbeit aufnehmen können, ist zweifelhaft.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Kementerian Perhubungan (Dephub) http://dephub.go.id Transportministerium
Masyarakat Transportasi Indonesia (MTI) http://mti-its.org (nur Indonesisch) privatwirtschaftliches Fachforum für den Transportsektor

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Indonesien können Sie unter http://www.gtai.de/indonesien abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Indonesien Straßenfahrzeuge, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Schienenfahrzeuge, Nutzfahrzeuge (Nfz), Öffentlicher-Personen-Nahverkehr (ÖPNV), Urbanisierung, Stadtentwicklung

Funktionen

Kontakt

Anna Westenberger

‎+49 30 200 099 393

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche