Suche

30.08.2019

Industrie 4.0-Markt Mexiko mit neuen Herausforderungen

Hersteller müssen Vorteile ihrer Technologien besser erklären können / Von Florian Steinmeyer

Mexiko-Stadt (GTAI) - Die Nachfrage nach moderner Fertigungstechnik verlangsamt sich in Mexiko angesichts der schwierigen Wirtschaftslage. Doch Anbieter setzen weiter auf den Absatzmarkt.

Die Digitalisierung der Produktion schreitet in Mexiko voran. Allerdings konzentrieren sich die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes momentan stärker darauf, vorhandene Fertigungslinien zu modernisieren. Dies hat vor allem konjunkturelle Gründe: Die Industrieproduktion Mexikos zieht nur langsam an. Im 1. Halbjahr 2019 fertigten die Unternehmen nur 0,1 Prozent mehr Waren als im gleichen Vorjahreszeitraum.

In der Konsequenz hält sich die Industrie mit neuen Projekten zurück. In den ersten sechs Monaten des Jahres machten Neuinvestitionen nur rund 24 Prozent der gesamten ausländischen Direktinvestitionen aus. In den beiden Vorjahren lag der Anteil jeweils bei knapp 36 Prozent. Das hat Folgen für Industrie 4.0-Anbieter. Sie müssen gegenüber potenziellen Kunden noch stärker als bislang aufzeigen, dass sich Investitionen in neue Ausrüstung und Services schnell amortisieren.

Mexiko nach wie vor wichtiger Importeur

Laut der dem Verband für Fertigungstechnik AMT (Association for Manufacturing Technology) sinken die Maschinenimporte 2019 leicht: "Wir schätzen, dass moderne Ausrüstung im Wert von rund 2 Milliarden US-Dollar und damit 5 bis 6 Prozent weniger als 2018 eingeführt wird," sagt Carlos Mortera, International Director für Lateinamerika bei AMT. Er gibt aber zu bedenken: "Der Wert ist zwar geringer als im Vorjahr, dennoch bleibt Mexiko einer der führenden Ausrüstungsmärkte unter den Schwellenländern."

Wichtiger als die konjunkturelle Lage ist laut Mortera ein anderer Faktor: "Kleine und mittelständische Unternehmen wissen oft nicht, wie sie ihre Anlagen sinnvoll vernetzen können", erklärt der Verbandsvertreter. Anbieter müssen daher gegenüber diesen Firmen oftmals den grundlegenden Nutzen ihrer Produkte erklären.

Bedeutendste Branche ist dabei die Automobilindustrie. "Rund 40 bis 50 Prozent der fortgeschrittenen Fertigungstechnik wird von den Autobauern und ihren Zulieferern nachgefragt", so Mortera. Mit einigem Abstand folgen dem Experten zufolge Hersteller von Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräten, Medizintechnik und Flugzeugteilen.

Unternehmen setzen weiter auf Mexiko

Auch der deutsche Bosch-Konzern ist von Mexiko überzeugt - und das in doppelter Hinsicht: "Wir sind einer der größten Automobilzulieferer des Landes und befinden uns auch unter den wichtigsten Anbietern von Industrie 4.0-Technologien", erklärt Stefan Schulz. Er ist bei Bosch verantwortlich für Engineering und Production Services in Nordamerika.

Schulz sieht besonders durch die neuen Freihandelsregeln einen erhöhten Bedarf an Industrie 4.0-Ausrüstung. "Die komplexeren Regeln des USMCA-Vertrags zwischen Kanada, Mexiko und den USA machen es vor allem im Kfz-Unternehmen notwendig, dass sie sich stärker mit ihren Zulieferern und Kunden vernetzen. Auch in der Ertüchtigung bestehender Anlagen (Retrofit) sieht Schulz großes Potenzial.

MKT201908298007.14

Knackpunkt Fachkräfte

Nach Meinung von Experten birgt jedoch nicht die politische oder wirtschaftliche Lage die größten Herausforderungen für die Digitalisierung der mexikanischen Industrie in den kommenden Jahren. "Es mangelt an Fachkräften, die im Umgang mit den neuen Technologien geschult sind", sagt Carlos Mortera von AMT und führt weiter aus: "Das müssen Leute sein, die eine zwei- bis dreijährige Ausbildung hinter sich haben du nicht wie oft üblich nur vier bis fünf Monate."

Stefan Schulz von Bosch sieht ebenfalls Handlungsbedarf. Laut dem Manager nimmt Bosch an der Initiative der mexikanischen Regierung für die duale Ausbildung teil. Das Programm wird auch von der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer und weiteren deutschen Institutionen unterstützt, die dabei die hiesige Erfahrung des dualen Ausbildungsmodells nach Mexiko übertragen.

Zusammenarbeit mit Start-ups nimmt zu

Für Bosch ist Mexiko nicht nur ein interessanter Fertigungsstandort und Absatzmarkt für Industrie 4.0-Produkte. Das Unternehmen kooperiert verstärkt mit jungen Firmen, um Lösungen für technische Herausforderungen zu finden. "Oft stellt Bosch eine Aufgabenstellung und die Start-ups finden Lösungen dafür", berichtet Eduardo Watty, Vizepräsident für den Verkauf bei Bosch México.

Bosch betreibt seit 2017 in Guadalajara ein Zentrum für Innovation und Entrepreneurship (Centro de Innovación y Emprendimiento). Auf 2.000 Quadratmetern stellt Bosch Arbeitsflächen und IT-Labore für Gründer zur Verfügung und vernetzt die Jungunternehmer auch untereinander.

Mexikanische Firmen haben eigene Ideen

Auch unabhängig von der Kooperation mit großen Konzernen beschäftigen sich mexikanische Unternehmer mit Anwendungen für die Industrie. So wie Jorge Yen. Er ist Geschäftsführer von Inmersys, einem Entwickler von Software für die virtuelle und erweiterte Realität. Das Unternehmen hat rund 25 Mitarbeiter, der Hauptsitz befindet sich in Mexiko-Stadt.

"Für produzierende Unternehmen erstellen wir verstärkt Software, die bei Trainings eingesetzt wird", erklärt Yen. Damit können Ingenieure und andere Mitarbeiter in neuen Produktionsprozessen geschult werden ohne reale Maschinen nutzen zu müssen. Laut Yen gibt es in Mexiko Interesse daran, jedoch: "Noch fehlt es potenziellen Kunden hier und da an Vertrauen in die Technologie." Er hofft, dass in Zukunft mehr große Unternehmen im Land auf entsprechende Anwendungen setzen und sich die Technologie somit stärker verbreitet.

Der Fachkräftemangel trifft Yen nicht so stark wie die produzierenden Unternehmen. Er rekrutiert eher unter Hochschulabsolventen. "Wir haben in der Regel keine Probleme, geeignete Software-Entwickler und Freelancer zu finden, die uns bei den Projekten unterstützen." Auch strömen dem Unternehmer zufolge jedes Jahr genügend Absolventen auf den Arbeitsmarkt, um die Nachfrage zu befriedigen.

Erstmals Ableger der Hannover Messe in Mexiko

Das steigende Interesse an Industrie 4.0 zeigt sich auch in der Messewirtschaft. Mit der Industrial Transformation Mexico (ITM) findet im Poliforum León vom 9. bis 11. Oktober 2019 erstmals eine Messe statt, welche die vernetzte Produktion in den Mittelpunkt rückt. Die Veranstaltung ist ein Ableger der Hannover Messe und wird von der mexikanischen Niederlassung der Deutschen Messe AG organisiert. Mexiko war 2018 Partnerland der Hannover Messe.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Association for Manufacturing Technology (AMT) http://www.amtcenter.org.mx Verband für Fertigungstechnologie
Asociación Mexicana de Distribuidores de Maquinaria (AMDM) https://amdm.org.mx Verband der Maschinenhändler
Industrial Transformation Mexico http://www.hfmexico.mx/IndustrialTransformation Mexikanischer Ableger der Hannover Messe
Deutsch-Mexikanische Industrie- und Handelskammer https://mexiko.ahk.de Aktiv im Bereich der dualen Berufsausbildung

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Mexiko sind unter http://www.gtai.de/mexiko abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Mexiko Robotik und Automation, Digitalisierung

Funktionen

Jutta Kusche Jutta Kusche | © GTAI

Kontakt

Jutta Kusche

‎+49 228 24 993 419

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche