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06.03.2019

Italien setzt bei der Digitalisierung einen Schwerpunkt auf Industrie 4.0

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KI-Strategie ist in Arbeit / Von Oliver Döhne (Januar 2019)

Mailand (GTAI) - Italien ist mit seiner breiten Industriestruktur potenziell ein guter Kunde für digitale Lösungen.

Digitalisierungsstrategie

Eine umfassende Digitalisierungsstrategie, die alle Teilaspekte der Digitalisierung beinhaltet und mit der Digitalen Agenda in Deutschland vergleichbar wäre, hat Italien bislang nicht. Es gibt allerdings eine Reihe von Strategien für einzelne Bereiche.

Eine wichtige Rolle in der Digitalisierungsstrategie Italiens spielt der Nationale Plan für die Industrie 4.0 (Piano Nazionale Industria 4.0). Der damalige Wirtschaftsminister Carlo Calenda von der mittlerweile abgewählten Demokratischen Partei (PD) hatte diesen in den Haushaltsentwurf 2017 eingebracht. Er ist deshalb auch als Calenda-Plan (Piano Calenda) bekannt.

Der Plan setzt auf hohe Abschreibungsmöglichkeiten für Digitalisierungsequipment, Software und Anwendungen sowie auf Steuervergünstigungen für Einkünfte aus eigenem geistigen Eigentum. Hinzu kommt die finanzielle Förderung von digitalen Start-ups, allen voran von deren Forschung und Entwicklung.

Ein besonderer Schwerpunkt der Strategie liegt bei der digitalen Ausbildung. Bis 2020 sollen 200.000 Studenten und 3.000 Manager auf Industrie 4.0 spezialisiert sein. Den Plänen zufolge wird es dann doppelt so viele eingeschriebene Studenten wie bislang an technischen Hochschulen (ITA) und 1.400 Doktorate mit dem Forschungsschwerpunkt Industrie 4.0 geben. Acht Exzellenzzentren sollen in öffentlich-privater Zusammenarbeit an Schwerpunktthemen forschen und die Kompetenzen bündeln. Privat finanzierte regionale Digital Innovation Hubs sollen Forschung und Unternehmen zusammenbringen und Firmen auf den digitalen Reifegrad testen.

Die aktuelle Regierungskoalition führt die Initiative unter dem Namen Nationaler Plan für das Unternehmen 4.0 (Piano Nazionale Impresa 4.0) im Großen und Ganzen weiter, auch wenn sie einige Förderinstrumente gestrichen hat. Andere Instrumente hat sie mehr auf kleine Unternehmen zugeschnitten. Erst auf öffentlichen Druck hin ist entschieden worden, die digitale Weiterbildung ein weiteres Jahr zu fördern. Neuerdings können Unternehmen staatlich geförderte Innovationsmanager einstellen.

Strategie für künstliche Intelligenz

Nach längerer Untätigkeit entwirft Italien zurzeit eine eigene Strategie für künstliche Intelligenz (KI). An dieser Strategie arbeiten 30 Experten, darunter namhafte Forscher und Unternehmer, die das Wirtschaftsministerium ausgewählt hat (https://www.mise.gov.it/index.php/it/10-istituzionale/ministero/2038906-intelligenza-artificiale-membri-del-gruppo-di-esperti). Dieses Gremium wird bis März 2019 einen Nationalen Plan für KI erarbeiten und sich insbesondere folgenden Punkten widmen: Forschung und Ausbildung organisieren, KI vom Labor auf den Markt bringen, qualitative Investitionen ins Land holen, Daten als neuen Produktionsfaktor etablieren, einen normativen Rahmen setzen. Außerdem soll das Gremium sich mit ethischen Fragen rund um KI beschäftigen und öffentliche Dienstleistungen durch Einsatz der KI verbessern. Bis 2021 erhält das Wirtschaftsministerium über einen Fonds 15 Millionen Euro pro Jahr, um zu testen, wie Italiens Wettbewerbsfähigkeit durch KI, Blockchain und das Internet der Dinge (Internet of Things (IoT)) erhöht werden kann.

Die akademische Welt gründete Mitte 2018 das Nationale Zentrum für KI (Laboratorio Nazionale di Artificial Intelligence and Intelligent Systems), das circa 800 Professoren und 600 Forscher an 44 Universitäten und drei renommierten Forschungsinstituten einbindet. Das KI-Zentrum will unter anderem ein nationales Ökosystem für KI-Entwicklungen schaffen.

E-Government

Beim Thema E-Government fällt die bisherige Bilanz in Italien gemischt aus: Zwar gibt es zum Beispiel eine elektronische Krankenakte, ein E-Mail-Zertifikat und ein Portal, auf dem Bürger Gebühren bezahlen können. Allerdings stoßen die neuen Kanäle bei den Bürgern noch nicht auf große Akzeptanz.

Kritiker bemängeln, dass die Regierung die Vorteile des E-Government schlecht kommuniziert habe. Sie monieren auch, dass oft überhastet agiert werde. Als Beispiel wird die seit Anfang 2019 obligatorische elektronische Rechnung genannt. Viele Italiener sind verunsichert. Italiens Bürger gelten beim Thema E-Government eher als konservativ. Sie sprechen bei den Behörden lieber persönlich vor.

Nur rund 13 Prozent der Bürger nehmen öffentliche digitale Angebote an, im europäischen Durchschnitt sind es 30 Prozent. Zu den positiven Ausnahmen zählt unter anderem das öffentliche Gesundheitssystem in der Region Lombardei. Patienten können sich hier schon seit Jahren einfach und transparent online kostenlose Behandlungs- und Operationstermine reservieren.

Stärken/Schwächen

In Italien gibt es kaum digitale Vorreiter: Die Firmen sind eher risikoavers und investieren weniger als der europäische Durchschnitt in Forschung und Entwicklung. Auch die Tatsache, dass es in Italien sehr viele kleine und mittelständische Unternehmen gibt, schafft offenbar Berührungsängste. Risikokapital ist rar.

Die aktivsten Branchen sind der Maschinenbau, die Automobilindustrie, der Lebensmittelsektor und die chemische Industrie. Als nationale Champions beim Einsatz von Industrie 4.0 nennt der Industrieverband Confindustria den Bekleidungshersteller Lardini, den Druckmaschinenbauer Uteco, den Flachglasproduzenten Predari Vetri und das Spezialmaschinenunternehmen Cosberg. Auch der Bremsenhersteller Brembo investiert in den kommenden Jahren 100 Millionen Euro in neue Industrie 4.0-Technologie. Camozzi Automation und der Brillenhersteller Luxottica setzen assistierende Roboter (Cobots) ein. Im Finanzsektor läuft das Trading über Algorithmen, im Kundenservice kommen zunehmend virtuelle Assistenten/Chatbots zum Einsatz.

Zu den Ausnahmen mit eigenen Entwicklungen auf Weltniveau zählt Expert System, ein Anbieter multilingualer Technologien für Cognitive Computing und Cognitive Automation, der seit den 90er-Jahren an der Schnittstelle von Sprache und Technologie arbeitet und heute unter anderem Dow, Zurich und Generali zu seinen Kunden zählt. Bei der digitalen Transformation im Gesundheitssektor werden als führende italienische Firmen Oppent und Zucchetti Centro Sistemi genannt.

Ausblick

Bei KI sehen Experten Italien in Zukunft eher als Anwender denn als Entwickler. Im Fokus steht die verarbeitende Industrie/Produktion. Dies gilt insbesondere für die Kfz-Branche, die Verpackungsmittel-, Textil- und Pharmaindustrie. Hinzu kommen Maschinenbau, Metallverarbeitung, Kunststoff- und Gummiproduktion sowie die Sparten Druck- und Grafik, Holzverarbeitung und Papier- und Glasindustrie. Auch der Gesundheitssektor, wo zurzeit Cobots und Systeme für automatische Diagnose und Datenanalyse getestet werden, könnte eine digitale Revolution erleben. Bei Finanzdienstleistern, Anwälten und Notaren sehen Experten in Zukunft ebenfalls viel Nachfrage.

Eigene Entwicklungen sind eher punktuell zu erwarten. Automobilzulieferer Magneti Marelli wurde Ende 2018 international für seine Smart Corner-Technologie ausgezeichnet, die Kameras, Radar und Sensoren integriert. Fiat-Tochter Comau kooperiert mit Ericsson und dem Mobilfunkanbieter TIM beim Einsatz von 5G für Smart Manufacturing und präventiver Wartung von Industrieanlagen. Das Labor für Biorobotik der renommierten Universität für angewandte Wissenschaften Sant'Anna in Pisa ist mit seinen Prototypen auf internationaler Ebene erfolgreich.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Ministero dello Sviluppo Economico http://www.mise.gov.it Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung
Agenzia per L'Italia digitale http://www.agid.gov.it Digitalisierungsagentur der italienischen Regierung
Laboratorio Nazionale di Artificial Intelligence and Intelligent Systems http://www.consorzio-cini.it/index.php/it/labaiis-home, Leiterin: Prof.ssa Rita Cucchiara, direttore.aiis@consorzio-cini.it Nationaler akademischer Forschungsverbund KI
Osservatori Digital Innovation - Politecnico di Milano http://www.osservatori.net Veröffentlichungen der technischen Hochschule Mailand zum Thema Digitalisierung
APSTI-Il Network Nazionale dei Parchi Scientifici e Tecnologici http://www.apsti.it Das nationale Netzwerk der Wissenschafts-und Technologieparks
Italian Digital Innovations Hub Network http://italian-dih.eu Das Netzwerk ist koordiniert von Confindustria
Instituto di Biorobotica, Scuola Unvierstiaria Superiore Sant'AnnaPisa http://www.santannapisa.it/en/institute/biorobotics/biorobotics-institute Biorobotik-Labor der Universität Sant'Anna in Pisa

Weitere Informationen zu Italien können Sie unter http://www.gtai.de/italien abrufen.

Mehr zum Thema Digitalisierung finden Sie unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien E-Commerce, Robotik und Automation, Digitalisierung

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Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

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