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15.08.2019

Kanada will Energieeffizienz in Gebäuden massiv steigern

Einsparpotenziale bieten Fenster und Heizungssysteme / Von Daniel Lenkeit (Juli 2019)

Toronto (GTAI) - Das Energieeinsparpotenzial in kanadischen Gebäuden ist hoch. Die Politik hat sich der Förderung von Energieeffizienz verschrieben und will neue Baustandards setzen.

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Neue Bauvorschriften für den Gebäudebau (ab 2020) und für die Gebäudesanierung (ab 2022) Teile des Bau- und Designsektors sind unzureichend mit Vorteilen neuer, energieeffizienter Technik vertraut
Politische Ziele zur Emissionsreduzierung Energiesparende Technologien sind noch nicht umfangreich kommerzialisiert und erhältlich
Neue staatliche Standards für Heiztechnik Hohe Installationskosten für energieeffiziente Technik, Umrüstungen beeinflussen Nachfrage

Bekenntnis zu mehr Energieeffizienz in Gebäuden spürbar

In ihrem Klimaplan, dem Pan-Canadian Framework on Clean Growth and Climate Change (PCF), konzentriert sich die kanadische Regierung unter anderem auf den Gebäudebau. Denn ohne signifikante Energieeffizienzmaßnahmen im Gebäudesektor kann Kanada seine im Klimaabkommen von Paris gesetzten Emissionsziele nicht erreichen.

Die Errichtung neuer, energieeffizienter Gebäude wird dank technologischer Fortschritte und sinkender Kosten in den Umwelttechnologien sowie durch die politische Förderung in den kommenden Jahren zunehmen. Trotzdem werden in Kanada im Jahr 2030 noch immer drei Viertel der Gebäude aus alten (wenig energieeffizienten) Beständen stammen. Hier bieten sich gute Chancen für Unternehmen mit Expertise in energetischer Sanierung und energieeffizienter Umrüstung. Aber auch in der Energieverbrauchsmessung und -analyse wartet ein vielversprechender Markt in Kanada.

Spezielle Gebäudestrategie verabschiedet - Fokus auf Gebäudeemissionen

Infolge des Klimaplans PCF starteten die Energie- und Bergbauministern der Provinzen und der Bundesregierung im Jahr 2017 die Gebäudestrategie "Build Smart". Sie ruht auf vier Pfeilern: höhere Energieeffizienz bei neuen Bauten, energetische Sanierung oder Umrüstung bestehender Gebäude, Verbesserung der Energieeffizienz in der Haustechnik und bei Elektrogeräten sowie Unterstützung für eine verpflichtende Energieverbrauchskennzeichnung.

Fortschritte in diesen Bereichen erhofft sich die Regierung unter anderem von Förderprogrammen. Dazu zählen die Subventionen für den Neubau von Gebäuden nach Auflagen der Zertifizierung ENERGY STAR, für energetische Sanierungen in Prince Edward Island oder die Kredithilfen, die Hausbesitzer für Umrüstungsmaßnahmen in Neufundland und anderen Provinzen erhalten.

Regierungsziele: Nullemissionen-Häuser ab 2030

Hinter der Strategie "Build Smart" steckt der Plan, dass ab 2030 jedes neue Gebäude in Kanada so gebaut werden muss, dass es als Nullemissionsgebäude funktioniert. Die Bundesregierung ist im Rahmen der Strategie beauftragt, eine Reihe von Gebäudenormen (building codes) mit immer strengeren Energieeffizienzvorschriften zu entwickeln, welche die Provinzen anschließend übernehmen sollen, um dem Ziel der Nullemissionsgebäude sukzessive näher zu kommen. Die Ausarbeitung der ersten Normen soll 2020 beginnen.

Städte wie Toronto und Vancouver haben ihre eigenen Programme (Zero Emissions Buildings Framework, Zero Emissions Building Plan) für den stufenweisen Ausbau von Nullemissionshäusern geschaffen. Die Programme sehen ebenfalls vor, dass in den beiden dynamischsten Immobilienmärkten Kanadas ab 2030 ausschließlich Nullemissionshäuser entstehen.

Es verlangt viel Geduld, sich in Kanada umfassend über Regulierung, Programme und Ziele im Bereich Energieeffizienz in Gebäuden zu informieren. Das liegt daran, dass die Förderungen für energieeffizientes Bauen und energetische Sanierung sich von Provinz zu Provinz unterscheiden. Einen ersten Überblick über die regionalen Programme bietet die Seite des kanadischen Ministeriums für natürliche Ressourcen -und Energie "NRCan": https://www.nrcan.gc.ca/energy-efficiency/energy-efficiency-homes/financial-incentive-province/4947

Energie für Raumwärme und Wassererhitzung mit größtem Einsparpotenzial

Der Energieverbrauch zur Beheizung und Kühlung von Gebäuden (Wohnen, öffentlich und Gewerbe) verursacht etwa 17 Prozent aller Treibhausgasemissionen in Kanada. Davon gehen circa 5 Prozent auf den Stromverbrauch in den Gebäuden zurück. Nach der Industrie und dem Transportwesen verursacht der Gebäudesektor in Kanada die dritthöchsten Treibhausgasemissionen.

Ursachen für die Emissionen sind Wärmegenerierung durch fossile Brennstoffe und Lecks in den Klimatisierungsanlagen der Gebäude. Einsparungen von über 20 Megatonnen an Emissionen sind möglich, sagt NRCan. Energetische Sanierungen und Umrüstungen lohnen sich für bestehende Gebäude kostenseitig nach weniger als 10 Jahren, so die Daten des Canada Green Building Councils, welches dazu Architekten und Gebäudebesitzer befragte.

Der gesamte Energieverbrauch im Wohnungssektor verteilt sich in Kanada anteilig nach Energiequelle auf Erdgas (42 Prozent), Strom (41), Holz (12) Heizöl (4) und "andere". In Gigajoule (GJ) pro Haushalt und Jahr erreichen die Kanadier einen Wert von 102 (das ist etwa ein Viertel mehr Energie als in deutschen Haushalten); der Verbrauch von GJ pro Quadratmeter liegt in Kanada bei 0,7.

Etwa 50 Prozent der Treibhausgasemissionen im Wohnsektor stammen vom Heizen mit Erdgas berechnet NRCan. Die relativ stärkste Zunahme im Energieverbrauch in Gebäuden (gewerblicher und privater Sektor) geht auf die Nutzung von Klimatisierung zurück.

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Regierung fordert mehr Effizienz bei Wärmeproduktion und -konservierung

Der Wärmeverbrauch in den privaten Haushalten sowie im gewerblichen und öffentlichen Sektor ist eine der wichtigsten Stellschrauben für die Politik zur Erreichung ihrer Emissionsziele. Dabei spielt klimaschonender Hausbau sowie der Einsatz klimaschonender Haustechnik eine entscheidende Rolle. Vor allem die Märkte für Fenster und für Heizsysteme sollen mit Hilfe von Regierungsinitiativen transformiert werden.

Zudem soll die Verwendung von Wärmepumpen massiv gesteigert werden. Wärmepumpen deckten 2017 erst circa vier Prozent des kanadischen Markts ab.

Momentan entwickelt die Canadian Standards Association (CSA) einen freiwilligen Teststandard für die Leistung von modulierenden Wärmepumpen. Dabei arbeitet sie in Abstimmung mit verschiedenen regionalen Regierungen und Versorgern in Kanada mit NRCan und Partnern in den USA zusammen. Der Standard wäre ein Novum in Nordamerika und gäbe allen Herstellern von Wärmepumpen die Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit einer elektrischen Wärmepumpe in kaltem Klima auszuweisen, so NRCan.

Energieeffiziente Fenster sind trotz einiger Markthemmnisse die Zukunft

In den vergangenen 25 Jahren stieg der Anteil an Fensterglas im Verhältnis zu Bodenfläche in kanadischen Gebäuden von 9 auf 15 Prozent deutlich an.

In der NRCan Roadmap 2030 wird die Verglasung in Wohngebäuden als ein Hauptfaktor für Wärmeverlust benannt. Demnach seien Fenster in kanadischen Wohnungen und Häusern für 35 Prozent des Wärmeverlustes verantwortlich. Energieeinsparungen im Bereich von etwa 10 Prozent wären schnell möglich, würden neueste Technologien zum Einsatz kommen.

Hier setzt die Politik einen Fokus. Ab 2025 sollen in Kanada für Wohnungen nur noch Fenster mit einem Wärmedurchgangskoeffizient (U-Factor) von 1,2 Watt pro Quadratmeter und Kelvin verkauft werden. Darüber hinaus soll die Produktion von Wohnfenstern mit einem U-Factor von 0,8 zu diesem Zeitpunkt etabliert sein und der Verkauf mit maximal 5 Prozent Preisaufschlag zu Fenstern mit U-Factor 1,2 erfolgen.

Sowohl das Wissen um energieeffiziente Fensterangebote als auch der Zugang zur Technologie sind in Kanada ausbaufähig. Ebenfalls sind Erfahrungen bei der Installation von dreifachverglasten Fenstern nicht flächendeckend vorhanden.

Darüber hinaus erfordern hochgradig energieeffiziente Fenster hohe Anfangsinvestitionen. Diese Mehrkosten lassen sich zwar in der Regel über Energieeinsparungen in den Folgejahren zurückgewinnen, schrecken aber beispielsweise Gebäudebesitzer ab, die ihre Wohn- oder Gewerbefläche vermieten.

Politik drängt auf höhere Standards und bessere Technik für Heizungen

Neben Effizienzgewinnen bei der Verglasung zielen die Bundes- und Provinzregierungen auf eine Veränderung des Markts bei den zwei größten Energiefressern in Gebäuden, der Raumwärme und der Warmwasserbereitung.

Die Energieressourcen für Raumwärme könnten laut NRCan um 30 Prozent reduziert werden, kämen neueste Technologien zu Einsatz. Die Warmwasserbereitung hätte weniger Einsparpotenzial - aber immerhin noch 5 Prozent.

Bei der Beheizung von Gebäuden gibt es in Kanada gravierende Unterschiede in den Effizienzgraden der Gasheizungssysteme. Während Wohngebäude zu 98 Prozent Gasheizungen mit einem Wirkungsgrad von 90 bis 100 Prozent betreiben, erreichen im Gewerbesektor nur 9 Prozent der Heizungen diese Wirkung. Alle anderen Systeme sind veraltet oder ineffizient mit einer Leistungsfähigkeit unter 90 Prozent.

Wirksamere Technologien wie Außenluft- oder Erdwärmepumpen entwickeln sich im kanadischen Markt, sind aber noch sehr wenig verbreitet. Mittelfristig setzt sich die Regierung im Bereich Raumwärme folgende Ziele: Erstens die Beschränkung des Verkaufs auf Heizungssysteme (Gas- oder Ölbrennwertkessel) mit einem Wirkungsgrad von mindestens 90 Prozent. Zweitens sollen ab 2025 alle in Kanada verkauften Luftwärmepumpen eine Jahresarbeitszahl (seasonal coefficient of performance - SCOP) von 2,5 erreichen.

Ein Markthemmnis für die Erreichung der politischen Ziele ist zum einen der Zugang zu hochwertiger Technik. Aktuell gibt es nur eine Handvoll an kleineren Herstellern für hocheffiziente gewerbliche Gasheizungen, so NRCan. Zum anderen seien Ingenieurdienstleister und Bauunternehmer mit den Anforderungen bei der Installation und Inbetriebnahme komplexerer Systeme nicht gut vertraut, was den Vertrieb der Produkte erschwere. Das Problem wollen einige kanadische Energieversorger durch den Ausbau von Demonstrationsprojekten lösen.

Und schließlich bieten auch in der Heizungstechnik deutlich höhere Investitionskosten für hocheffiziente Gasheizungen im Vergleich zu mittelmäßigen Produkten ein Hemmnis für den schnellen Ausbau effizienter Technologien.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/kanada Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen
Exportinitiative Energie http://www.german-energy-solutions.de Informationen zu Veranstaltungen, Markt- und Länderinformationen etc.
Factsheets der Exportinitiative Energie https://www.german-energy-solutions.de/SiteGlobals/GES/Forms/Listen/Publikation/Publikation_Formular.html?cl2Categories_Typ_name=kurzinformationen Allgemeine Energieinformationen zum Land (teilweise mit Technologie- oder Anwendungsfokus)
AHK Kanada https://kanada.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Natural Resources Canada (NRCan) http://www.nrcan.gc.ca Seite des Ministerium für natürliche Rohstoffe und Energie; enthält Informationen zu Förderung, Auflagen und Energieverbrauch
Toronto Zero Emissions Buildings Framework http://www.toronto.ca/wp-content/uploads/2017/11/9875-Zero-Emissions-Buildings-Framework-Report.pdf Lokaler Entwicklungsplan
Vancouver Zero Emissions Building Plan https://vancouver.ca/files/cov/zero-emissions-building-plan.pdf Lokaler Entwicklungsplan
Canada Green Building Council http://www.cagbc.org Organisation für "grünes Bauen"; vergibt LEED-Zertifizierung

Weitere Berichte zum Thema Energiewirtschaft finden Sie unter: http://www.gtai.de/energie

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Kanada Energieeinsparung, Architektur, Bau-Consulting, Bauüberwachung, Glas, Glaserzeugnisse, Heiz, Klima-, Luft-, Kühl- u. Kältetechnik, Hochbau

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