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29.01.2019

Russland verlangt digitale Kennzeichnung von Waren

Markierung soll Schwarzmarkt eindämmen und Logistik effizienter gestalten / Von Gerit Schulze

Moskau (GTAI) - Russland sagt dem Schwarzmarkt und Produktfälschungen den Kampf an. Dafür werden immer mehr Warengruppen mit einer Kennzeichnungspflicht belegt.

In Russland beginnt 2019 die flächendeckende digitale Kennzeichnung vieler Warengruppen. So sollen die Produkte auf ihrem Weg von der Herstellung bis zum Endverbraucher lückenlos rückverfolgt werden können. Mit der Umsetzung des Projekts ist das Zentrum zur Entwicklung aussichtsreicher Technologien (ZRPT, https://crpt.ru) beauftragt. Diese halbstaatliche Einrichtung ist für das Erreichen wichtiger Digitalisierungsziele Russlands zuständig und soll sich im Rahmen der Kennzeichnungspflicht um die Datenerfassung und -speicherung kümmern.

Bis 2024 will die russische Regierung ein einheitliches nationales System zur Kennzeichnung von Waren in allen Industriezweigen aufbauen. Inlandshersteller und Importeure müssen alle in Verkehr gebrachten Produkte mit einem DataMatrix-Code (2D-Code) bedrucken. Diese digitalen Codes enthalten fast alle Informationen über ein Produkt: Ort, Datum und Uhrzeit der Herstellung, Haltbarkeit, Informationen zum Warenumlauf, Datum und Ort des Verkaufs. Die Umsetzung des "Tschestny SNAK" ("Honest SIGN") genannten Systems erfolgt schrittweise.

Ab März 2019 unterliegen Tabakwaren der Kennzeichnungspflicht, ab Juli 2019 Schuhe und ab Dezember 2019 weitere zwölf Warengruppen, darunter Bekleidung, Textilien, Reifen und Bier. Für die Kennzeichnung von Tabakwaren, Schuhen und Arzneimitteln laufen bereits seit 2018 Pilotprojekte. Ab 1. Juli 2019 werden die Hersteller von Medikamenten gegen schwere Erbkrankheiten (wie Hämophilie, Morbus Gaucher, Mukoviszidose) im System "Tschestny SNAK" registriert; ab 1. Oktober 2019 sind diese Medikamentenpackungen zu markieren. Zum 1. Januar 2020 wird die Kennzeichnungspflicht auf alle Arzneimittel ausgedehnt.

Schmuck soll künftig mit Laser-QR-Codes versehen werden. Für bestimmte Juwelierwaren, Edelsteine und Edelmetalle wurde vom 1. Juni bis zum 1. November 2018 bereits ein Pilotprojekt zur Kennzeichnung durchgeführt (Verordnung Nr. 321 vom 24. März 2018, http://government.ru/docs/31836/).

Bei Milch und Milchprodukten ist geplant, das bestehende Kennzeichnungssystem für Veterinärzertifikate "Mercury" mit dem DataMatrix-System "Tschestny SNAK" zu koppeln. "Mercury" würde dann den Weg vom Stall bis zum Milchverarbeiter verfolgen, "Tschestny SNAK" von der Molkerei bis zum Endverbraucher.

Rundholz soll künftig direkt am Sammelplatz mit Geotags gekennzeichnet, die Daten im LesEGAIS-System erfasst werden. Pelze werden in Russland bereits seit 2016 mit RFID-Tags markiert, was sich als sehr effektiv erwiesen hat, um Fälschungen vom Markt zu verdrängen. Auch für Alkoholika existiert bereits eine Kennzeichnungspflicht.

Termine für die Einführung digitaler Warenkennzeichnungen in Russland
Datum Produktgruppe
1. März 2019 Tabakwaren
1. Juli 2019 Schuhe
1. Dezember 2019 Parfüms und Toilettenwasser, Bettwäsche, Tischtücher, Handtücher, Blusen, Mäntel, Jacken, Anoraks, Fotokameras und Blitzlichter, Reifen, Bier, Milch
1. Januar 2020 Arzneimittel

Quelle: Nationales System für digitale Kennzeichnung "Tschestny SNAK", Regierungsanordnung Nr. 792-r vom 28. April 2018 (komplette Liste: http://static.government.ru/media/files/Srq8pmDMRTAVFxN8aWnpOmCVxGm9gZil.pdf)

Die Einführung der obligatorischen Produktkennzeichnung geht auf das föderale Gesetz Nr. 487-FS vom 31. Dezember 2017 zurück (http://kremlin.ru/acts/bank/42729). Die Umsetzung wurde mit der Regierungsanordnung Nr. 791-r vom 28. April 2018 präzisiert (http://government.ru/docs/32520).

So sind die Waren zu kennzeichnen

Künftig muss jedes einzelne Erzeugnis in Russland einen unikalen digitalen Code tragen, über den es während der gesamten Lebensdauer nachverfolgt werden kann. Dieser besteht aus zwei Teilen: Zum einen aus dem Identifizierungscode der Ware, der sich aus dem einheitlichen Produktkatalog der Russischen Föderation ergibt. Ein solches Verzeichnis der Konsumgüter wird zurzeit erstellt. Es soll in Einklang stehen mit dem internationalen GS1-System, über das weltweit Handelsnummern für Produkte (GTIN) erzeugt werden.

Zweiter Bestandteil der Matrix ist ein Überprüfungscode, der vom ZRPT generiert und an die Hersteller und Importeure versendet wird. Er soll fälschungssicher sein und kann aus der Datenbank dank russischer Verschlüsselungstechnologie nicht mehr entfernt werden.

Die Kosten für die Generierung der Codes legt der Gesetzgeber fest. Experten rechnen mit einem Preis zwischen 0,50 und 1,50 Rubel pro QR-Code (0,007 Euro bis 0,02 Euro). Derzeit können nur russische juristische Personen die Codes erwerben.

Pilotprojekte als Übungsmöglichkeit für Unternehmen

Bereits 2018 hatten einige russische Hersteller freiwillig damit begonnen, die Data- Matrix-Codes auf ihre Verpackungen zu drucken. Laut dem Portal "Tschestny SNAK" wurden dabei 162 Millionen Zigarettenschachteln, 18 Millionen Medikamentenpackungen und 2 Millionen Paar Schuhe etikettiert und digital erfasst.

Die Teilnahme an der Pilotphase vor Beginn der Kennzeichnungspflicht hat einige Vorteile: Es werden keine Strafen für eventuelle Verstöße verhängt und die Generierung der Codes ist kostenlos (Informationen: http://bit.ly/Pilotphase).

Verbraucher können Plagiate per Smartphone erkennen

Im Handel werden die digitalen Produktcodes künftig doppelt gescannt: einmal bevor sie ins Regal kommen und einmal an der Kasse, die online direkt mit dem Systembetreiber verbunden ist. Verbraucher können dank der Kennzeichnung bereits im Laden feststellen, ob sie ein Plagiat in den Händen halten. Das soll eine mobile Softwareanwendung (App) ermöglichen, über die der Datencode gescannt und überprüft werden kann. Die App enthält eine Meldefunktion für verdächtige Produkte. Geplant ist eine Aufklärungskampagne in den Medien, um russische Verbraucher für Originalprodukte zu sensibilisieren.

Nach Einschätzungen des ZRPT verkaufen vier von fünf Einkaufszentren in Moskau und Sankt Petersburg gefälschte Elektronikartikel. Der Anteil der Plagiate oder nicht auf offiziellen Wegen in Umlauf gebrachten Erzeugnissen am Gesamtumsatz erreicht bei einigen Produktgruppen wie Kaviar oder Wasser russlandweit bis zu 80 Prozent.

Umsatzanteil gefälschter und illegal gehandelter Produkte in Russland
Produktgruppe Illegaler Anteil am Gesamtumsatz in %
Kaviar 80
Mineralwasser 75
Leitungsrohre 30
Bekleidung 21
Milchprodukte 20
Parfüms und Kosmetika 20
Kabel 12
Tabakwaren 8
Arzneimittel 5

Quelle: Nationales System für digitale Kennzeichnung "Tschestny SNAK"

Interesse an lokaler Herstellung der nötigen Software und Ausrüstung

Die Regierung hatte Ende 2017 das ZRPT zum alleinigen Betreiber für das IT-System bestimmt. Das Zentrum gehört zu 50 Prozent der USM Holding des Oligarchen Alischer Usmanow (https://usm-group.com) sowie zu jeweils 25 Prozent der Staatsholding Rostec (https://rostec.ru) und dem IT- und Telekommunikationsunternehmen Elvis-Plus Group (https://elvis.ru). ZRPT soll als Public Private Partnership auch dafür sorgen, dass sich in Russland Hersteller etablieren, die lokale Software und Ausrüstungen zur Produktmarkierung produzieren (weitere Informationen: http://www.trekmark.ru).

Trotzdem bietet die Einführung der Kennzeichnungspflicht auch für deutsche Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten. Das Würzburger IT-Unternehmen 3Keys hat vom russischen Arzneimittelhersteller Nanolek den Auftrag bekommen, das Track and Trace-System von SAP zu implementieren. Damit will Nanolek sich auf die ab 2020 geltende Kennzeichnungspflicht für Medikamente vorbereiten.

Schrittweise Ausdehnung auf gesamte Eurasische Wirtschaftsunion

Perspektivisch ist geplant, das einheitliche System der Warenkennzeichnung in der gesamten Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) anzuwenden. Dies vereinbarten die Regierungschefs von Russland, Belarus, Kasachstan, Armenien und Kirgisistan im Februar 2018.

Kennzeichnung soll Schwarzmarkt eindämmen

Die russische Regierung verspricht sich von der Kennzeichnung der Waren, dass der Schwarzmarkt eingedämmt wird und zusätzliche Steuereinnahmen von 14 Milliarden Euro pro Jahr erzielt werden. Markenhersteller bekommen einen wirksamen Hebel in die Hand, um den Handel mit Plagiaten und Parallelimporte zu bekämpfen. Außerdem könnten Erzeuger und Händler ihre Produktions-, Lager- und Logistikprozesse optimieren und so ihre Gewinnmargen erhöhen. Denn die Warenströme, Verkaufsvolumina und saisonale Nachfrageschwankungen sind künftig quasi in Echtzeit nachzuverfolgen.

Milliarden von Datensätzen - wie sicher sind sie?

Allerdings machen sich viele Unternehmen Sorgen um den Zugriff auf und den Schutz der gesammelten Datensätze, die Rückschlüsse auf ihre Geschäfte erlauben. "In Russland tauchen die meisten elektronischen Datenbanken irgendwann frei zugänglich auf", sagt Wasili Borzow, Manager für Zoll- und Handelsfragen bei einem deutschen Logistikunternehmen in Moskau. Nach seiner Einschätzung ist das aktuelle System zur Erfassung der Warenkennzeichnung anfällig für Fälschungen und werde Produktpiraterie nicht vollständig verhindern können.

Weniger kritisch sieht der deutsche Arzneimittelhersteller Merck die Kennzeichnungspflicht. "Wir übertragen die Daten auf sicherem Wege an das ZRPT, sie werden mit kryptographischen Algorithmen geschützt", erklärt David Perez Godia, Supply Chain Manager bei Merck für Russland und die GUS-Länder. Dafür habe Merck einen internationalen Partner ausgewählt. Für Perez Godia überwiegen die Vorteile der Kennzeichnungspflicht, auch wenn in der Anlaufphase Kosten für die Umstellung der Produktionsanlagen entstehen. "Das neue System erlaubt uns, unsere Lieferketten besser zu überwachen. Unsere Kunden können dadurch sicher sein, ein authentisches Produkt zu bekommen."

Unter http://www.gtai.de/MKT201905218001erhalten Sie Informationen zur digitalen Kennzeichnungspflicht in Kasachstan.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Vertrieb / Distribution /Marketing, allgemein, Arzneimittel, Diagnostika, Konsumgüterindustrie, Logistik / Speditionen, Digitalisierung

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