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13.02.2019

Russlands Bedarf an Schienenfahrzeugen wächst stark

Produktion von Lokomotiven und Waggons legt zweistellig zu / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - In Russland wird immer mehr Fracht auf der Schiene transportiert. Die Nachfrage nach rollendem Material steigt. Lokale Hersteller kooperieren mit deutschen Bahntechnik-Anbietern.

In Russland boomt der Schienentransport: Premierminister Dmitrij Medwedew rechnet damit, dass bis 2021 der Personenverkehr um 7 Prozent und der Güterverkehr um 8 Prozent zulegen. Vor allem der wachsende Containertransport auf der neuen Seidenstraße zwischen China und der Europäischen Union (EU) - mit Russland als Logistikdrehscheibe - ist ein wichtiger Treiber der Entwicklung.

Im Jahr 2018 verkehrten 6.363 Frachtzüge zwischen China und der EU, um 73 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch der zunehmende Kohletransport aus den Abbaugebieten Sibiriens zu den Exporthäfen im Fernen Osten erhöht den Bedarf.

Bis 2030 werden etwa 400.000 neue Güterwagen benötigt, schätzt das Forschungsinstitut IPEM (http://ipem.ru). Einer der Gründe ist die ab 2025 beginnende massive Abschreibung veralteter Waggons.

Russische Eisenbahn investiert in rollendes Material

Das Investitionsprogramm der Russischen Eisenbahn (RZD) umfasst für 2019 etwa 9 Milliarden Euro. Ein Großteil soll in den Ausbau der Bahninfrastruktur (Gleise, Signaltechnik, Bahnhöfe) und in die Erneuerung des Schienenfahrzeugbestands fließen. Bis 2025 will RZD 5.000 neue Lokomotiven beschaffen und 600 neue Schlafwagen bei der Transmashholding bestellen.

RZD plant, mit Uralskiye Lokomotivy bis 31. März 2019 einen Vertrag über die Lieferung von weiteren elf Sapsan-Zügen (Modell Velaro Rus) und 27 Waggons zu unterzeichnen. Diese sollen auf der Strecke zwischen Moskau und Sankt Petersburg zum Einsatz kommen. Ein Teil der Produktion soll lokal im Werk Werchnaja Pyschma im Gebiet Swerdlowsk erfolgen. Zudem will RZD von Uralskiye Lokomotivy bis 2023 weitere 126 Lastotschka-Nahverkehrszüge bestellen, die auf dem Moskauer Zentralen Ring (MZK) im Einsatz sind. Für die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Moskau und Nischni Nowgorod bietet Uralskiye Lokomotivy an, 15 Züge zu produzieren.

Daneben ist 2019 die Anschaffung von Technik zur Wartung und Instandsetzung von Schienen für die Nördliche Eisenbahn vorgesehen. RZD will für 16 Millionen Euro 32 Spezialfahrzeuge und Maschinen zur Gleisverlegung, selbstfahrende Arbeitsbühnen und Erdbewegungsmaschinen beschaffen.

Aktuelle Projekte im russischen Schienenfahrzeugbau
Projekt Investition (Mio. Euro) Projektdauer Unternehmen
Bau von 3.731 Passagierwaggons für die Federalnaja Passazhirskaja Kompania (gehört zu RZD) 3.160,0 2025 Twerer Waggonbauwerk (gehört zur Transmashholding), http://www.tmholding.ru
Beschaffung von 30 Vorortzügen für das Gebiet Moskau 586,7 k.A. Zentralnaja Prigorodnaja Passazhirskaja Kompania http://www.central-ppk.ru
Beschaffung von Kühlwaggons 133,3 k.A. Regiontransservice, http://www.regtransservice.ru
Bau von 837 Frachtwaggons für die Kubanische Eisenbahn 48,0 2021 RM Rail, http://rmrail.ru
Bau von 200 Waggons für die Usbekische Staatsbahn UTY 11,3 k.A. Altaiwagon, http://altaivagon.ru
Beschaffung von 5.000 Flachwagen zum Containertransport k.A. 2025 OTLK ERA, https://www.utlc.com

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Russischer Schienenfahrzeugbau boomt

Der wachsende Bedarf an Schienenfahrzeugen beflügelt die lokale Produktion von Lokomotiven und Waggons. Im Jahr 2018 stieg die Fertigung von Elektrolokomotiven im Vergleich zum Vorjahr um 57,3 Prozent auf 354 Fahrzeuge, die von Passagierwaggons um 58,3 Prozent auf 1.500 und die von Güterwaggons um 18,7 Prozent auf 68.900 Einheiten. Für 2019 erwartet IPEM eine Produktion von etwa 62.000 Waggons.

Siemens, Schaeffler und Knorr-Bremse mit eigener Produktion in Russland

Deutsche Unternehmen nutzen bereits erfolgreich die Geschäftschancen im russischen Schienenfahrzeugbau. Siemens gründete mit Sinara das Joint Venture Uralskie Lokomotivy, das Lokomotiven und die Lastotschka-Züge (modifizierte Siemens-Plattform Desiro) für den Moskauer Zentralen Ring liefert. Mit Schaeffler, Vossloh und Knorr-Bremse sind Lieferanten von Bauteilen für Schienenfahrzeuge mit einer Produktion in Russland vertreten. Knorr-Bremse verlagert sein Werk zur Herstellung von Bremssystemen für Schienenfahrzeuge von Sankt Petersburg ins Gebiet Leningrad. Die Produktion soll 2020 anlaufen.

Eine wichtige Rolle bei der Modernisierung des Bahnverkehrs spielt die Digitalisierung. Lokotech-Signal und Siemens gründen in Moskau ein Kompetenzzentrum für Automatisierungs- und Telematiksysteme sowie für Sicherheits- und Leitsysteme im Schienenverkehr.

RZD will eine einheitliche digitale Plattform einrichten. Der elektronische Datenaustausch soll den Kauf von Fahrkarten und die Abfertigung von Gütern beschleunigen. Die Federalnaja Grusowaja Kompania (Föderale Frachtgesellschaft) erweitert die Kapazitäten zur Buchung von Güterwagen über das Internetportal "Grusowie Perewoski". Im Jahr 2018 wurden über diese Plattform bereits 130.000 Waggonfahrten bestellt - fast drei Mal so viel wie im Vorjahr.

Markt für Schienenfahrzeuge konsolidiert sich

Im Dezember 2018 erwarb der zweitgrößte Waggonhersteller, Uralwagonsawod (UVZ, gehört zur Staatsholding Rostec), 9,33 Prozent der Anteile an der Vereinigten Waggonbau-Gesellschaft (OVK) und wurde so Miteigentümer des größten Herstellers von Güterwagen in Russland. Damit stärkt UVZ seine Kapazitäten zur Produktion von Schienenfahrzeugen. Im Jahr 2018 stieg der Ausstoß um ein Fünftel auf 18.000 Einheiten. Weiterhin dient die Übernahme dem strategischen Ziel von Rostec, bis 2025 den Anteil der Produktion von zivilen Gütern auf 50 Prozent zu steigern. OVK und UVZ kontrollieren bereits heute 60 Prozent des russischen Markts für Schienenfahrzeuge.

Die staatliche Transport-Leasing-Gesellschaft GTLK will die Firmen Brunswick Rail und Perwaja Tjaschelowesnaja Kompania (First Heavyweight Company) übernehmen. Dadurch könnte GTLK zum drittgrößten Bahnfrachtunternehmen Russlands aufsteigen. Das russische Kartellamt (Föderaler Antimonpoldienst, FAS) hat den Fusionsplänen bereits zugestimmt.

Regierung unterstützt lokale Hersteller von Schienenfahrzeugen

Russland möchte bei der Produktion von Schienenfahrzeugen unabhängiger von ausländischer Technik werden. Das Industrieministerium will mit der "Strategie zur Entwicklung des Transportmaschinenbaus bis 2030" die heimische Fertigung von Lokomotiven und Waggons sowie von Straßen- und U-Bahnzügen stärken. Daneben stehen die Entwicklung von Hochgeschwindigkeitszügen und die Einführung digitaler Systeme für Schienenfahrzeuge auf der Agenda. Doch mittelfristig bleiben Einfuhren von Lokomotiven, Güterwaggons oder Bauteilen für Schienenfahrzeuge notwendig.

Russische Ein- und Ausfuhr von Schienenfahrzeugen (in Mio. US$)
HS-Code Einfuhr 2016 Einfuhr 2017 Ausfuhr 2016 Ausfuhr 2017
Gesamt, HS-Code 86 391,4 579,0 522,2 618,4
..davon Deutschland 40,3 38,5 1,0 0,7
Teile von Schienenfahrzeugen, HS-Code 8607 185,2 276,3 145,7 224,2
..davon Deutschland 21,5 23,2 0,9 0,4
Güterwagen, HS-Code 8606 25,5 98,5 158,3 250,1
..davon Deutschland 1,2 1,6 k.A. k.A.
Andere Lokomotiven, HS-Code 8602 23,5 18,3 10,3 44,2
..davon Deutschland 4,3 8,8 k.A. k.A.
Elektrische Lokomotiven, HS-Code 8601 4,4 5,2 0,4 0,6
..davon Deutschland k.A. 0,5 k.A. k.A.
Bahndienstfahrzeuge, HS-Code 8604 2,7 1,1 10,8 13,0
..davon Deutschland 2,0 0,2 k.A. k.A.
Ortsfestes Gleismaterial, HS-Code 8608 22,3 13,7 36,0 27,9
..davon Deutschland 10,7 3,1 k.A. 0,03
Warenbehälter (Container), HS-Code 8609 97,7 117,1 63,6 5,3
..davon Deutschland 0,7 0,7 0,03 0,2

Quelle: UN Comtrade, 2017

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Schienenfahrzeuge, Schienenverkehr, Signal-, Sicherheitstechnik (nicht Zugangs-Kontrolltechnik)

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