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19.03.2019

Sektorprogramm soll dominikanische Abfallwirtschaft voranbringen

Biogas als Hoffnungsschimmer / Von Ulrich Binkert

Bonn (GTAI) - Der Müllnotstand in der Dominikanischen Republik ist ein Desaster für Mensch und Umwelt - und ein schwieriges Geschäft. Neue Standards könnten Technik erfordern.

Größere Investitionen flossen bereits bei "Dominicana Limpia": Mit dem rund 35 Millionen US-Dollar (US$) teuren, bis 2020 reichenden dreijährigen staatlich-privaten Programm sollen Sammelpunkte und Umschlagzentren entstehen oder auch Müll-Brennstoffbriketts für das neue Kohlekraftwerk Punta Catalina (http://centroatabey.org/dominicana-limpia). Erste Ausschreibungen liefen über die Liga Municipal Dominicana (LMD-LPN-001-2018; Informationen zu städtischen Projekten unter http://economia.gob.do/dgip).

"Dominicana Limpia" ist ein Projekt des Staatspräsidenten, Kritiker halten es aber für ein Strohfeuer. Rafael Zapata, Chef der Branchenfirma ADN Services, prophezeit, die rasch beschafften, billigen chinesischen Lkw seien schon bald nicht mehr zu gebrauchen, weil die damit beglückten Stadtverwaltungen kein Geld für die Wartung hätten. ADN ist laut Zapata mit dem Umschlag von täglich 2.000 Tonnen die größte private Firma der Abfallbranche und nutzt 60 (von 100) Müll-Lkw von Daimler. Landesweit fallen Schätzungen zufolge täglich 12.000 Tonnen Siedlungsmüll (Residuos Sólidos Úrbanos) an.

Partner für Biogas-Pilotanlage gesucht

Auf der landesgrößten Deponie La Duquesa in der Hauptstadt Santo Domingo will ADN Müll zu Biogas vergären und dafür eine Pilotanlage bauen. Für das auf 10 Millionen US$ taxierte Vorhaben sucht Rafael Zapata Kooperationspartner.

"Die Nutzung von Biogas aus Abfall ist in der Dominikanischen Republik ein Top-Thema", sagt Günter Eberz von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die dort im Juni 2019 ein Programm zu Abfall abschließt (https://cambioclimatico.gob.do/zack). Grund ist der hohe Anteil organischer Stoffe, die 2015 landesweit 51 Prozent der Siedlungsabfälle ausmachten. Sein Biogas will Rafael Zapata als Flüssiggas für Fahrzeuge oder als Brennstoff an die Industrie verkaufen. Eine Verstromung hingegen gilt angesichts der Komplexität des Elektrizitätssektors als schwierig.

Eine Mülltrennung, die heute kaum stattfindet, sieht Eberz allerdings als Grundvoraussetzung für die Nutzung von Biogas sowie generell für weitere Investitionen in die Abfallwirtschaft. Die GIZ fördere das Thema und hofft auf eine nennenswerte Verbreitung bis in fünf Jahren.

Hotels als potenzielle Kunden

Kunden, gerne auch deutscher Biogastechnik, sucht ADN-Chef Zapata in den Hotels der karibischen Urlaubsinsel, die allein fast 500 Tonnen Müll am Tag erzeugen. Aus deren ganz überwiegend organischen Abfall erzeuge noch niemand Biogas etwa zum Kochen. Als Ansprechpartner sieht Günter Eberz nachhaltig orientierte Hotelfirmen wie die Grupo Puntacana an der Ostspitze der Insel. Dort hält der GIZ-Berater sogar eine Verstromung für sinnvoll: Für den Eigenbedarf zum Ersatz teurer Generatoren oder für das kleine regionale, nicht an das nationale System angeschlossene und damit weniger komplizierte Stromnetz.

Anbieter von Umweltdienstleistungen treffen in den Hotels allerdings oft auf Desinteresse - und zudem nicht auf die Entscheider, sagt jemand, der es jahrelang versucht hat. Die säßen in den ausländischen Konzernzentralen. Rafael Zapata relativiert: Das lokale Hotelmanagement arbeite Projekte aus, worüber die Chefs im Ausland entschieden.

Normen für Abfallerfassung angestrebt

Marktchancen in zwei bis drei Jahren sieht GIZ-Berater Eberz für Technik zur Abfallerfassung und später für Sortieranlagen: Das Umweltministerium arbeite auf Druck privater Entsorger an Normen, die es bisher - etwa für Tonnen oder Fahrzeuge - nicht gebe. Dies könnte die Kosten drücken und Investitionen ermöglichen.

Auch Kompostiertechnik könnte absehbar gefragt sein. Die Deponien laufen über und die Bevölkerung verlange vermehrt Abhilfe. Die Gemeinden suchten deshalb ernsthafter nach Wegen der Abfallreduzierung, etwa durch die getrennte Erfassung des öffentlichen Grünschnitts, der entsorgt werden will.

Fehlendes Gesetz hindert Branche

Ansonsten sind Geschäfte mit dem dominikanischen Abfall schwierig. Die Politik lässt das Thema allgemein links liegen, für größere Investitionen und jegliche Entwicklung fehlt nach allgemeiner Einschätzung vor allem ein Branchengesetz. Eine Vorlage dazu hängt seit 2016 in einer Kammer des Parlaments fest. Im Staatshaushalt 2019 entfallen auf den gesamten Posten Umweltschutz (Prevención y Control de la Calidad Ambiental) gerade einmal 2 Millionen US$, und für den Unterposten Abfallbehandlung standen 2017 ganze 150.000 US$.

Große Hoffnungen setzt Günter Eberz auf künftige Projektfinanzierungen aus dem Green Climate Fund der Vereinten Nationen (http://www.greenclimate.fund/countries/dominican-republic). Kaum geeignet sei dafür hingegen der CDM-Mechanismus zur Treibhausgasreduzierung, mit dessen Hilfe es vor Jahren Abfallprojekte gab (https://cambioclimatico.gob.do/proyectos-registrados). Potenziellen Investoren fehle die Rechtssicherheit.

EZ als wichtige Finanzquelle

Wichtigste Finanzierungsquelle für den Abfallsektor ist die internationale Entwicklungszusammenarbeit, welche die spanische Exportförderbehörde ICEX für den Zeitraum 2009 bis 2016 mit 256 Millionen US$ beziffert. Sie nennt dabei die Weltbank, die Interamerikanische Entwicklungsbank (IADB), die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Corporación Andino de Fomento (CAF).

Aktiv seien, neben der GIZ, auch technische Entwicklungsorganisationen aus den USA und der Europäischen Union sowie aus Frankreich, Italien und Spanien. Die japanische JICA veröffentlicht umfangreiche Sektorinformationen anlässlich ihres "Proyecto de Fortalecimiento de la Capacidad Institucional en el Manejo de Residuos Sólidos", das 2017 abgeschlossen wurde.

Sammeln klappt, Rest ist problematisch

Gebühren und sonstige Abgaben decken lediglich 20 Prozent der Kosten der Abfallbeseitigung, so eine Studie von Nippon Koei und anderen japanischen Beratern von 2011. Dies gilt für den Großraum Santo Domingo, wo etwa 40 Prozent der Bevölkerung leben. Die Tarife liegen weit auseinander, ICEX nennt als Monatsgebühren 2 bis 8 US$ für Privathaushalte, 4 bis 78 US$ für Restaurants oder 305 US$ für Krankenhäuser. Allerdings wurden die Gebühren etwa im zentralen Hauptstadtbezirk Distrito Nacional 2015 nach Daten des Umweltministeriums lediglich zur Hälfte beglichen, und die Mehrheit der armen Bevölkerung zahlt kaum für den Service.

Der Hausmüll wird praktisch vollständig eingesammelt, wobei ICEX auch einen niedrigeren Anteil (70 Prozent) der einheimischen Umweltorganisation SOECI nennt. Nach Angaben von ADN-Chef Zapata erfassen im Großraum Santo Domingo drei damit beauftragte Privatfirmen 80 Prozent und in Santiago eines etwa 30 Prozent. Sonst erledigten dies die Verwaltungen selbst, die damit landesweit gut die Hälfte des Abfalls managen. Seine Kosten beziffert Zapata mit 34 US$ pro Tonne für das Sammeln und 8 US$ für das Deponieren. Die Vergütungen seitens der Behörden liegen jedoch oft darunter - ICEX nennt um die 20 US$ und zudem große Unterschiede.

Der Siedlungsmüll landet auf etwa 380 Deponien, die durchweg offen und nicht abgedichtet sind. Recycelt werden laut Umweltministerium lediglich 7 Prozent. Druck gibt es durch gesunkene Preise für Wertstoffe im Zuge des chinesischen Importstopps. ICEX nennt die Zahl von 70 (privaten) Recyclingbetrieben im Land.

Die Haushalte trennen ihren Müll normalerweise nicht und werfen selbst Papier und Glas in denselben Eimer. Informelle Müllsammler holen daraus vorwiegend Bierflaschen heraus, einzelne Initiativen zur Altpapiersammlung sind freiwillig. Industriebetriebe, besonders in den Freizonen, stellen ihren Abfall hingegen oft getrennt bereit, zum Beispiel Textil- und Lederreste sowie Kunststoffe.

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Dominikanische Republik Abfallentsorgung, Recycling

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