Suche

08.01.2019

Südostasien wird als Bekleidungslieferant immer wichtiger

Deutsche Textilmaschinenexporte steigen / Von Anna Westenberger

Berlin (GTAI) - Die ASEAN-Region konnte dank niedriger Löhne Teile der Fertigung aus China anziehen. Wenn sie langfristig im Wettbewerb bestehen will, muss sie aber einige Herausforderungen meistern.

Die Länder der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) spielen eine wichtige Rolle in den internationalen Lieferketten der Textil- und Bekleidungsindustrie. Fünf Länder der Region befanden sich 2016 unter den weltweiten Top 25 der größten Bekleidungsexporteure: Vietnam, Indonesien, Kambodscha, Malaysia und Thailand. Die Branche ist für Südostasien ein wichtiger Wirtschaftszweig, der dringend benötigte Jobs für eine große Anzahl ungelernter Arbeitskräfte bietet. Zwischen 2011 und 2016 fuhr die gesamte Region ihre Bekleidungs-Exporte um ein knappes Drittel hoch.

In Kambodscha sind mehr als 85 Prozent aller Fabrikarbeiter in der Bekleidungsindustrie tätig, und Textilien und Bekleidung standen 2016 für zwei Drittel der Gesamtausfuhren. In Vietnam und Myanmar waren es immerhin 17 und 14 Prozent. Diese drei Länder haben in den vergangenen Jahren ihre Bekleidungsexporte auch am kräftigsten steigern können. Myanmar hat seine Lieferungen zwischen 2011 und 2016 mehr als verdreifacht.

MKT201901078001.15

Die globale Textil- und Bekleidungsindustrie hat früh auf die steigenden Löhne beim unangefochtenen Weltmarktführer China reagiert und einen Teil der lohnkostenintensiven Produktion verlagert. Davon profitierte neben der weltweiten Nummer zwei - Bangladesch - vor allem die ASEAN. Die dortige Branche ist daher auch von ausländischen Firmen geprägt, überwiegend aus der asiatischen Nachbarschaft. Diese fokussieren sich in der Regel auf die Auftragsfertigung für große internationale Modeketten.

Niedrige Löhne, aber geringe Produktivität

Insbesondere Kambodscha, Myanmar und Vietnam können im internationalen Wettbewerb mit sehr niedrigen Löhnen punkten. Zusätzlich haben Kambodscha und Myanmar zollfreien Zugang zur Europäischen Union (EU), und Vietnam könnte bald vom geplanten Freihandelsabkommen mit der EU profitieren. Herausforderungen bestehen allerdings noch: das Investitionsklima und infrastrukturelle Rahmenbedingungen, wie eine regelmäßige Stromversorgung, sind zum Teil noch unzureichend. Zudem steigen die Löhne in diesen Ländern an - ausgehend von einem immer noch niedrigen Niveau - und die Produktivität hält oft nicht Schritt.

Die Branche muss daher nicht nur in höhere Kapazitäten investieren, um noch größere Teile der Fertigung anziehen zu können. Sie muss auch ihre Produktionsweise modernisieren und die Wertschöpfungstiefe erhöhen. Kambodscha beispielsweise führt praktisch alle Vorprodukte wie Garne, Stoffe und Kurzwaren sowie die Entwürfe ein.

Vietnam investiert in vorgelagerte Prozesse

Vietnam ist ebenfalls stark von Zulieferungen abhängig, allerdings haben sowohl in- als auch ausländische Firmen bereits begonnen, die bislang kaum vorhandenen vorgelagerten Prozesse wie Spinnen, Weben und Färben aufzubauen. Diese Investitionen sind nicht nur essentiell, um langfristig im Wettbewerb bestehen zu können, sondern auch, um Ursprungsregeln zum Beispiel im Rahmen des geplanten Abkommens mit der EU zu erfüllen.

Indonesien, der zweitgrößte Bekleidungsexporteur in der ASEAN, kann mit den Niedriglohnländern unter seinen Nachbarn nicht mithalten. Zudem sind die größere Entfernung zu Europa und China ein Nachteil. Das schier unerschöpfliche Angebot an immer noch günstigen Arbeitskräften macht das Land jedoch zu einem attraktiven Zweitstandort, durch den sich Risiken in den großen Produktionsländern abfedern lassen. In den letzten Jahren stagnierten die Bekleidungsexporte allerdings. Eine Modernisierung des zum Teil veralteten Maschinenparks ist unabdingbar, wenn Indonesien nicht von der Konkurrenz abgehängt werden will.

Thailand will zum Mode-Hub werden

Thailand nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Das Land möchte sich zum regionalen Zentrum für den Textil- und Modehandel entwickeln und auch im Design international eigene Akzente setzen. Die lokale Textil- und Bekleidungsindustrie umfasst bereits große Teile der Wertschöpfungskette von der Faserproduktion bis zur Fertigung von Bekleidung. Darüber hinaus ist die Branche recht breit aufgestellt. Neben der regulären Produktion von Bekleidung verfügt Thailand über ein bedeutendes, traditionelles Seidenhandwerk, das modern und attraktiv vermarktet wird. Außerdem setzt das Land auf die Produktion und Verarbeitung synthetischer Fasern für technische Anwendungen wie Medizintechnik und Automobil.

Die Einfuhren von Textil- und Ledermaschinen aller ASEAN-Länder zusammengenommen sind zwischen 2011 und 2016 um gut 31 Prozent gestiegen. Obwohl viele Hersteller auf günstige Maschinen zum Beispiel aus chinesischer Produktion zurückgreifen, profitierten deutsche Ausrüstungslieferanten überdurchschnittlich von der Dynamik. Sie steigerten ihre Lieferungen im selben Zeitraum um knapp 47 Prozent. Mit Abstand größter Abnehmer war zuletzt Vietnam, gefolgt von Indonesien und Singapur.

MKT201901078001.14

Langfristig droht Trend zum Nearshoring

Das immer schneller werdende Modegeschäft wird den Modernisierungsdruck in den kommenden Jahren hoch halten. Kurze Lieferzeiten und die Möglichkeit zu höherer Individualisierung von Produkten dürften künftig neben den Kosten ein zunehmend gewichtiges Kriterium bei der Auswahl von Produktionsstandorten sein. Für die ASEAN-Länder könnte sich die große Entfernung zu den wichtigen Märkten in Europa und den USA daher langfristig als Nachteil erweisen.

Nachdem jahrelang Fertigungen aus Europa oder den USA nach Asien verlagert wurden, zeichnet sich mittelfristig eine Umkehr dieses Trends ab. Standorte in der Nachbarschaft und sogar innerhalb der EU werden für europäische Bekleidungsketten wieder interessanter, da sie schneller liefern können und dank Automatisierung und Digitalisierung auch immer bessere Möglichkeiten haben, günstiger zu produzieren. Entsprechende Investitionen sind allerdings mit hohen Kosten verbunden.

Schnell wird der Prozess hin zu mehr Near- oder Onshoring daher nicht vonstattengehen. Für die riesigen asiatischen Kapazitäten sowohl bei Zulieferern als auch bei der Endproduktion von Textilerzeugnissen ist aktuell keine Konkurrenz in Sicht. Die südostasiatischen Länder könnten künftig zudem davon profitieren, dass China im Zuge der Höherpositionierung weitere Teile seiner Bekleidungsproduktion in die unmittelbare Nachbarschaft verlegen dürfte - für den chinesischen Binnenmarkt.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in der Region Asien-Pazifik können Sie unter http://www.gtai.de/asien-pazifik abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Indonesien, Laos, Kambodscha, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam, Südostasien, ASEAN Textil- und Ledermaschinen, Bekleidung (inkl. Wirkwaren, Arbeitsbekl.)

Funktionen

Kontakt

Anna Westenberger

‎+49 30 200 099 393

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche