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20.06.2019

Taiwan holt Investoren zurück ins Land

Zahlreiche Firmen planen Engagements im Heimatmarkt / Von Alexander Hirschle

Taipei (GTAI) - Taiwan hat Anfang 2019 ein Programm aufgelegt, um lokale Firmen wieder ins Land zurückzuholen. Die ersten Ergebnisse haben die Erwartungen deutlich übertroffen.

Taiwan hat sich seit Jahresbeginn auf die Fahnen geschrieben, lokale Auslandsinvestoren zu einer Rückkehr oder zumindest zum verstärkten Engagement im Heimatmarkt zu bewegen. Nach anfänglicher Skepsis entwickelte sich das Projekt zu einem Erfolgsmodell. Fast im Tagesrhythmus werden neue Investitionen bekanntgegeben und die Erwartungen mittlerweile übererfüllt.

Das asiatische Land hatte zu Jahresbeginn das Programm "Action Plan for Welcoming Overseas Taiwanese Businesse to Return to Invest in Taiwan" für den Zeitraum 2019 bis 2021 lanciert. Auf diese Weise sollten im Ausland beziehungsweise in China investierte lokale Unternehmen animiert werden, angesichts globalwirtschaftlicher Unsicherheiten wie dem Handelskonflikt zwischen USA und China wieder verstärkt in heimatlichen Gefilden aktiv zu werden.

Die Regierung hatte als ursprüngliches Ziel ausgegeben, im Jahresverlauf 2019 knapp 8 Milliarden US-Dollar (US$) an Investitionen von im Ausland befindlichen lokalen Firmen anzuziehen. Doch da bis Anfang Mai bereits fast 9 Milliarden US$ an Investitionen angekündigt wurden, verdoppelte das Wirtschaftsministerium MOEA (Ministry of Economic Affairs) das neue Ziel für das laufende Jahr auf 16 Milliarden US$.

Engagements in zahlreichen Sektoren geplant

Auch nach der deutlichen Anhebung des Investitionsziels setzten sich die Ankündigungen neuer Engagements Schlag auf Schlag fort und erreichten bis Anfang Juni 2019 11,8 Milliarden US$. Insgesamt 69 Firmen haben sich bis zu diesem Zeitpunkt dem Programm angeschlossen. Aufgrund des Erfolgs geht die Regierung davon aus, dass selbst das korrigierte Ziel für das laufende Jahr um bis zu 3 Milliarden US$ übertroffen werden könnte.

Auch die Ausrüstungsinvestitionen profitieren von dem Trend. Nachdem 2018 nur eine Steigerung von 2,1 Prozent realisiert werden konnte, belaufen sich die Prognosen der Behörde DGBAS (Director-General of Budget, Accounting and Statistics) für 2019 auf mehr als 5 Prozent. Auch für deutsche Lieferanten von Kapitalgütern und Vorerzeugnissen könnte der taiwanische Markt daher in den nächsten Monaten sehr interessant werden, zumal viele der Firmen hochqualitative Produkte erzeugen und dafür High-Tech-Maschinen benötigen.

Eine der jüngsten Investitionen entfiel auf den Lackier- und Vakuumspezialisten Univacco, der seine Anlagen in Taiwan für 26 Millionen US$ ausweiten will. Unter anderem sollen intelligente Produktionslinien und Lagerhäuser in Tainan integriert werden, ferner will die Firma künftig den Fokus auf umweltfreundliche und energieeffiziente Erzeugnisse legen.

Investitionen in Kaoshiung und Taoyuan

Der Vertriebshändler von Einrichtungsgegenständen Sheen World Technology Corp. will 112 Millionen US$ investieren. Das Unternehmen hat vor, neue Einheiten aufzubauen und die Entwicklung umweltfreundlicher Produkte voranzutreiben. Die Firma war Pressemeldungen zufolge von den Auswirkungen des Handelskonflikts betroffen und von ihren Kunden gebeten worden, ihre Produktionsanlagen zu verlagern.

Noch nicht veröffentlicht wurde der Name eines großen Herstellers von elektronischen Komponenten, der sogar Engagements in einer Größenordnung von fast 1,1 Milliarden US$ plant. Die Gelder sollen in den Aufbau neuer Anlagen in den Städten Kaohsiung und Taoyuan fließen. Darüber hinaus sind nach Angaben des Ministeriums MOEA zwei kleinere Investitionen - darunter ebenfalls eines Produzenten elektronischer Teile sowie eines Herstellers von Metallkomponenten - in Höhe von 32 Millionen und 29 Millionen US$ geplant.

Weitere vor kurzem bekanntgegebene Investitionen umfassen den LED-Hersteller Shian Yih, der für 22 Millionen US$ neue Produktionslinien und Automatisierungsausrüstungen in seiner Fabrik im Taichung Industrial Park anschaffen will. Darüber hinaus veröffentlichte die Regierung in der lokalen Presse die Namen der Unternehmen Dingzing Corp, Ability Optoelectronics und Kuang Tai, die zusammen rund 284 Millionen US$ für die Ausweitung der Aktivitäten in die Hand nehmen wollen. Ebenso genannt wurden unter anderem die Firmen Pegatron Corp, Adlink Technology Inc, Rechi Precision Co. und Jih Lin Technology Co Ltd.

Newmax Technology Co will sogar rund 500 Millionen US$ investieren, um ein neues Headquarter und Produktionslinien zur Herstellung von High-End-Kameralinsen im Central Taiwan Science Park zu errichten. Zu guter Letzt hat auch der Technologieriese Foxconn Technology Group angekündigt, seine Aktivitäten im Heimatmarkt auszuweiten. Terry Gou, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, gab Anfang Mai 2019 in lokalen Medien bekannt, Produktionslinien nach Kaohsiung zu verlagern. Unter anderem soll eine "Smart Factory" errichtet werden.

Erfolg kommt unerwartet

Der Erfolg der Regierungsinitiative kommt für einige Beobachter relativ überraschend. Noch zu Jahresbeginn hatten Kritiker zu bedenken gegeben, dass die Erfolgsaussichten für eine Rückkehr taiwanischer Investitionen aus China relativ gering seien. Die Produktionskosten auf dem Heimatmarkt seien in vielen Bereichen mittlerweile zu hoch, um mit Standorten vor allem in Südostasien konkurrieren zu können - so damals eines der Kernargumente.

Nach Einschätzung von Unternehmensvertretern entwickeln jedoch zunehmend mehr Firmen angesichts des sich verschärfenden Handelskonflikts einen "Plan B" für ihre Investitionen in China. Dabei gibt es grundsätzlich drei Szenarien: Entweder die "Flucht nach vorn" - sprich ein Engagement direkt in den USA. Als zweite Möglichkeit wird im Regelfall eine Verlagerung in kostengünstigere Länder in Südostasien wie Thailand, Malaysia oder Vietnam in Erwägung gezogen.

Die dritte Möglichkeit ist ein Investment in Taiwan, das deutlich niedrigere Lohnkosten als etwa Japan oder Südkorea aufzuweisen hat und darüber hinaus mit stabilen regulatorischen Rahmenbedingungen aufwarten kann. Ferner kann die Insel mit einer funktionalen Infrastruktur und einer gut ausgebildeten Arbeitnehmerschaft punkten. Zudem bietet die Regierung den Rückkehrern ein Incentive-Paket, dass unter anderem erleichterten Zugang zu Finanzierungen, vereinfachte Rekrutierung ausländischer Beschäftigter und reduziertem Verwaltungsaufwand beinhaltet.

Investitionen werden nicht sofort umgesetzt

Als Voraussetzung für die Aufnahme in das Programm muss mindestens ein Kriterium eines Katalogs erfüllt werden. So sollte die Herstellung von Produkten mit hohem Mehrwert gewährleistet oder die Rolle eines Schlüsselproduzenten einer Supply-Chain einnehmen beziehungsweise das Unternehmen in einem Sektor tätig sein, der zum "Five plus two" Innovative Industry Plan" zählt (intelligente Maschinen, umweltfreundliche Energien, Kreislaufwirtschaft, "neue Landwirtschaft", Luftfahrt und Verteidigung, Biomedizin sowie "Asia Silicon Valley").

Allerdings deuteten die Verantwortlichen auch an, dass im laufenden Jahr nicht sämtliche angekündigten Investitionen umgesetzt werden dürften und zum Teil mehrere Jahre bis zu ihrer vollständigen Realisierung benötigen könnten. Die Projekte erforderten Zeit für Ihre Implementierung wie etwa die Definition der konkreten Standorte, Suche der Grundstücke und Rekrutierung der Arbeitskräfte - so die Stimmen. Für 2019 geht die Regierung daher von konkret umgesetzten Vorhaben in einer Höhe von bis zu 4,8 Milliarden US$ aus - also weniger als einem Drittel der insgesamt avisierten Summe.

Wirtschaftliche Entwicklung 2017 bis 2019 in Taiwan (reale Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %)
2017 2018 2019 2)
BIP 3,1 2,6 2,3
Einfuhr (cif) 1) 12,5 10,6 2,6
Bruttoanlageinvestitionen -0,1 3,6 5,4
Privater Verbrauch 2,5 2,2 2,2

1) Waren; 2) Prognose

Quelle: DBGAS

Zusatzinformationen

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Taiwan können Sie unter http://www.gtai.de/taiwan abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in der Region.

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Taiwan Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures

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