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09.04.2019

Tschechien fördert Energieeffizienz bei Neu- und Altbauten

Investitionen von mindestens 960 Millionen Euro pro Jahr erforderlich / Von Miriam Neubert (März 2019)

Prag (GTAI) - Tschechiens Gebäudebestand weist noch viel energetisches Renovierungspotenzial auf. Zugleich werden dank neuer Gesetze und Finanzanreize mehr Passiv- und Niedrigenergiehäuser gebaut.

Aktuelles zum Thema Energieeffizienz in Gebäuden

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Im Vergleich zur Kaufkraft hohe Energiepreise Mangelndes Wissen der Gebäudebesitzer, erst wenige Energiemanager im Einsatz
Vorgaben des Niedrigenergiestandards für alle geplanten Gebäude und Verschärfung der Effizienz-Ziele nach 2020 Finanzierungsprobleme bei vielen Bürgern, kleinen und mittleren Unternehmen, Städten und Gemeinden
Förderprogramme zu Dämmung, effizienter Haus-, Heiz- und Wärmerückgewinnungstechnik, Passiv- und Niedrighausbau Hilfe auf viele Programme und Zuständigkeiten zersplittert, zum Teil komplexe Beantragung und hoher Verwaltungsaufwand

Als Mitglied der Europäischen Union (EU) muss auch die Tschechische Republik Emissionen reduzieren und den CO2-Ausstoß verringern. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Gebäude. Dem 2017 aktualisierten Tschechischen Aktionsplan für Energieeffizienz zufolge sind sie für 44 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Mit geschätzten 349 Petajoule (PJ) entfiel auf sie 2016 ein Drittel des Endenergieverbrauchs.

Im Länderbericht zu Tschechien, der das Europäische Semester begleitet, stellte die EU-Kommission im Februar 2019 fest, dass trotz verfügbarer Förderung der Fortschritt zu einer besseren Energie-Performance der Gebäude langsamer sei als im EU-Durchschnitt. Sie kommt zu dem Schluss: "Weitere Investitionen sind nötig, speziell bei der Gebäuderenovierung, einschließlich thermischer Nachrüstung der Gebäude."

Es geht um 1,8 Millionen Wohngebäude: fast 1,6 Millionen Ein- bis Zweifamilienhäuser und 211.000 Mehrfamilienhäuser. Hinzu kommen über 613.000 öffentliche und gewerbliche Gebäude. Fast drei Viertel allein der Wohngebäude stammen aus der Zeit vor 1990. Für die übrigen liegen Altersangaben nicht vor.

Ein Fünftel aller Wohnungen ohne Dämmung

Von 4,3 Millionen bewohnten Einheiten waren laut einer Umfrage des Tschechischen Statistikamts aus dem Jahr 2015 etwa 19 Prozent noch nicht isoliert. Drei Viertel verfügten über wärmeisolierende Fenster, fast die Hälfte über gedämmte Fassaden, ein Drittel über isolierte Dächer. Den höchsten Anteil nichtrenovierter Wohneinheiten am Bestand haben Hradec Kralove (31,9 Prozent oder 70.672), Liberec (26,4 Prozent oder 48.969) und Prag (24 Prozent oder 134.356).

In Tschechien werden immer mehr Häuser mit niedrigem Energieverbrauch errichtet. Vorreiter ist die öffentliche Hand, die seit 2017 beim Bau die Vorgaben für den sogenannten Fast-Null-Energieverbrauch erfüllt. Diese Vorgaben gelten seit 1. Januar 2019 bei allen Neubauten ab 350 Quadratmetern, ab dem 1. Januar 2020 gelten sie ausnahmslos für alle neuen Bauanträge. Im Kommen ist der Bau von Passivhäusern mit sehr geringem Energieverbrauch. Das Zentrum Passivhaus schätzt, dass 2018 über 1.000 Passivhäuser fertiggestellt wurden. Das wären 6 Prozent der fertiggebauten Familienhäuser.

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Regierungspläne, Förderprogramme, administrative Hürden

Die im Vergleich zu den Einkommen hohen Energiepreise und die neuen Niedrigenergiestandards beim Neubau erzwingen den Einsatz effizienter Heiz-, Luft- und Regeltechnik sowie moderner Dämmung geradezu. Der Staat erleichtert die Finanzierung, indem er seit über einem Jahrzehnt kontinuierlich Energieeffizienzmaßnahmen in Wohnhäusern fördert, seine Gebäude saniert und mit EU-Fördermitteln auch Unternehmen unterstützt.

Selbst bei einer Situation des business as usual in der Gebäuderenovierung - also ohne zusätzliche Maßnahmen - geht der im Dezember 2018 vorgelegte Entwurf eines Nationalen Plans für Energie und Klima von Investitionsausgaben von fast 10 Milliarden Euro zwischen 2020 und 2030 aus. Das wären im Schnitt jährlich über 960 Millionen Euro. Bis 2030 könnte den Schätzungen zufolge so eine Einsparung von 31 PJ gegenüber dem Stand von 2016 erreicht werden. Setzt sich der Investitionsrhythmus in dem Takt fort, wären es 2050 wohl 79 PJ. Mit höheren Ausgaben zwischen 2020 und 2030 ließen sich die Einsparungen je nach Szenario deutlich mehr als verdoppeln.

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Komplexere Renovierungen angestrebt

Die Änderung der Energieeffizienzrichtlinie der EU durch die Richtlinie (EU) 2018/844 vom 30. Mai 2018 erfordert neue Szenarien. Nach der Aktualisierung, die Tschechien bis März 2020 gesetzlich umgesetzt haben muss, ist mit einem strikteren Rahmen zu rechnen, der einen höheren Prozentsatz komplexer Renovierungen vorsieht.

Um umfassendere Renovierungen zu erzielen, hat Tschechien sein nationales Gebäudeeffizienzprogramm Nova zelena usporam NZU (Neues grünes Licht für Einsparungen) über die Jahre an die Trends angepasst. Es richtet sich an Eigenheim- und Miethausbesitzer, Bauherren und an juristische Personen. In der seit Herbst 2018 laufenden Förderrunde werden auch Do-it-yourself-Renovierungen akzeptiert. Ein Dienstleister muss nicht mehr beauftragt werden. Neu ist auch, dass die äußere Beschattung und der Austausch alter Heizöfen subventioniert wird. Schon länger im Förderpaket sind neben Dämmungen und Fenstertausch die Wärmerückgewinnung aus Grauwasser, grüne Dächer, der Ersatz von Strom- oder Gasheizung etwa durch Wärmepumpen, Einsatz von Solarthermie, Fotovoltaik sowie Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung.

Eine weitere Neuerung: Neben Passivhäusern wird jetzt auch der Bau von Niedrigenergiehäusern subventioniert. Das Programm organisiert der Staatliche Umweltfonds SFZP. Es finanziert sich über Verkaufserlöse aus Emissionsrechten.

Immer weniger Kohleheizungen

Zwei Drittel des Energieverbrauchs wird bei Wohngebäuden zum Heizen verwendet (2015 circa 197 PJ). Hier hat sich - auch dank des Subventionsprogramms zum Austausch veralteter Heizkessel - der Trend komplett geändert: weg von den Kohlekesseln hin zu moderner Heiztechnik auf Basis erneuerbarer Energien (36 Prozent). Diese umfassen vor allem Brennholz, Briketts und Pellets. Doch auch Wärmepumpen und Sonnenenergie kommen zunehmend zum Einsatz. Es folgen Erdgas (27 Prozent), feste Brennstoffe (19 Prozent), Fernwärme (13 Prozent) und Strom (4 Prozent).

Um komplexere Renovierungen zu erzielen, kann das Gebäudeeffizienzprogramm mit dem Kesselprogramm kombiniert werden. Das gibt dann einen Bonus, der im Fall der Kombination von Dämmung und neuer Heiztechnik (wie Wärmepumpe, Biomassekessel oder Gaskondensationskessel) 20.000 Tschechische Kronen (Kc, circa 776 Euro; Wechselkurs am 26.3.19: 1 Euro = 25,770 Kc) ausmacht, bei der Kombination von Solarsystemen mit einem dieser effizienten Kessel 10.000 Kc (https://www.novazelenausporam.cz/nabidka-dotaci/dotacni-bonus/). Im Februar 2019 ist die dritte und vorläufig letzte Welle der sogenannten Kessel-Subventionen mit einem Volumen von fast 117 Millionen Euro angelaufen. Da nicht alle Haushalte die Mittel besitzen, um neue Heiztechnik zu kaufen, startete das Umweltministerium Ende 2018 in Mährisch-Schlesien, den Bezirken Karlovy Vary und Usti nad Labem ein Pilotprojekt mit zinsfreien Krediten in Höhe von fast 29 Millionen Euro. Rückfließende Gelder können die Bezirke für eigene Effizienzprojekte (Bau, Dämmung, erneuerbare Quellen) nutzen.

Städte und Gemeinden bekommen im Rahmen des Programms EFEKT 2 von 2017 bis 2021 finanzielle Unterstützung bei Energieeffizienzmaßnahmen in ihren Gebäuden (etwa den Austausch alter Gas- oder Festbrennstoffkessel), ebenso für Pilotprojekte und die Erarbeitung von EPC-Projekten (Energy Performance Contracting, Energieeinsparcontracting). EU-Mittel für Effizienzprojekte in öffentlichen oder gewerblichen Gebäuden und ihre energietechnische Ausstattung bieten das Operationelle Programm Umwelt (OP ZP), das Operationelle Programm Unternehmen und Innovationen für Wettbewerbsfähigkeit (OP PIK) sowie das Integrierte regionale Operationelle Programm (IROP).

Wichtige Adressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Ministerstvo prumyslu a obchodu http://www.mpo.cz Ministerium für Industrie und Handel - zuständig für Bauwesen, Energiesektor, die Programme OP PIK und EFEKT
Ministerstvo zivotniho prostredi http://www.mzp.cz Umweltministerium - zuständig für OP ZP
Ministerstvo pro mistni rozvoj http://www.mmr.cz Ministerium für lokale Entwicklung - zuständig für IROP
Statni fond rozvoje bydleni http://www.sfrb.cz Staatsfonds zur Wohnungsbauentwicklung - zuständig für staatliche Förderprogramme
Statni fond zivotniho prostredi http://www.sfzp.cz Staatsfonds für Umwelt - zuständig für OP PZ, NZU, Kesselprogramm

Weitere Informationen zum Land finden Sie unter http://www.gtai.de/Tschechien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Strom-, Energieerzeugung, allgemein, Stromübertragung und -verteilung, Gewerbebau, Energieeinsparung, Wohnungsbau

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