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26.07.2019

Tschechiens Handel mit Deutschland wächst langsamer

Bilateraler Warenaustausch übersteigt 2018 erstmals 100 Milliarden Euro trotz der Rückgänge bei Pkw / Von Miriam Neubert (Juni 2018)

Prag (GTAI) - Nicht viele Länder können im Handel mit Deutschland einen solchen Überschuss ausweisen wie Tschechien. Er wuchs 2018 dank Elektronik, Pkw, Industriemaschinen und Elektrotechnik.

Der Beitritt der Tschechischen Republik zum Europäischen Binnenmarkt im Mai 2004 hat den internationalen Warenaustausch des Landes entscheidend beeinflusst. Das Außenhandelsvolumen hat sich verdreifacht und erreichte 2018 laut dem Europäischen Statistikamt Eurostat einen Wert von fast 330 Milliarden Euro. Seit 2005 schließt die Warenhandelsbilanz in jedem Jahr positiv, seit 2013 übersteigt dieser Positivsaldo 10 Milliarden Euro. Der vorläufige Höhepunkt wurde 2016 mit 17,7 Milliarden Euro erreicht.

Seither nimmt der tschechische Handelsüberschuss ab, weil sich die Importe dynamischer entwickeln als die Exporte. Dahinter stehen der dank steigender Einkommen zunehmende Konsum und wachsende Investitionen. Auch ist die künstliche Abwertung der Tschechischen Krone 2017 von der Nationalbank CNB aufgegeben worden. Der Bedarf des hochindustrialisierten Landes an Ausrüstungsgütern, Komponenten und Vorerzeugnissen prägt das Gesicht der Importstatistik. Dämpfend auf die Exportzuwächse wirken sich die globale Konjunkturabschwächung, teilweise noch vorhandene Kapazitätsengpässe und der steigende Kurs der Krone aus.

Außenhandel der Tschechischen Republik (in Mrd. Euro; Veränderung in Prozent)

2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 144,5 155,9 7,9
Exporte 161,2 171,2 6,2
Handelsbilanzsaldo 16,7 15,3 -

Quelle: Eurostat

Der beachtliche Aufschwung des tschechischen Außenhandels in den vergangenen 15 Jahren ist von der erfolgreichen Ansiedlung exportorientierter ausländischer Unternehmen nicht zu trennen. Die Zugehörigkeit zur Europäischen Union (EU) hat die Attraktivität des mitteleuropäischen Landes als Produktions-, Dienstleistungs- und Logistikstandort enorm gesteigert. Seit 2004 hat sich der Bestand ausländischer Direktinvestitionen mehr als verdreifacht - von 42 Milliarden Euro Ende 2004 auf 130 Milliarden Euro Ende 2017 (letztverfügbare Zahlen). Gut 88 Prozent stammen aus der EU, über 16 Prozent aus Deutschland.

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Einfuhren aus Deutschland wachsen unterdurchschnittlich

Die engen Lieferverflechtungen zwischen deutschen Niederlassungen in Tschechien und ihren Muttergesellschaften sind ein Katalysator für die Warenströme zwischen beiden Staaten. Als Handelspartner für Deutschland lag Tschechien dem Statistischen Bundesamt Destatis zufolge 2018 erneut an zehnter Stelle, vor Belgien, Spanien und Russland. Bei den deutschen Einfuhren erreichte Tschechien sogar den siebten Rang. Deutschlands Negativsaldo mit Tschechien betrug laut Destatis 3,6 Milliarden Euro und war nur noch mit sieben Ländern größer.

Aus tschechischer Sicht ist Deutschland der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Laut Eurostat stieg der gemeinsame Warenaustausch 2018 nominal um 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 100,8 Milliarden Euro. Zwar nahm der deutsche Anteil an den tschechischen Importen um 0,8 Prozentpunkte auf 29 Prozent ab. Die Einfuhren aus Deutschland wuchsen unterdurchschnittlich, unter anderem wegen rückläufiger Pkw-Einkäufe. Auch an der tschechischen Ausfuhr sank der deutsche Anteil leicht um 0,3 Prozentpunkte auf 32,5 Prozent. Doch ändert das wenig an der großen Bedeutung des Nachbarstaates für die tschechische Wirtschaft. Mit Sorge werden daher 2019 die niedrigen Wachstumsprognosen für Deutschland und das negative Neugeschäft in wichtigen deutschen Industriebranchen wahrgenommen. Die Zeichen stehen 2019 auf eine weitere Verlangsamung des bilateralen Warenaustauschs.

Die vom Wert her wichtigsten Güter am deutsch-tschechischen Handelsumsatz sind laut Eurostat Kraftfahrzeuge und Teile der Kategorie SITC 78 (16,9 Milliarden Euro), wobei Pkw nur ein Drittel ausmachen. Fast ebenso schwer wiegen durch die bilateralen Wertschöpfungsketten beider Industrieländer die Vorwaren (16,2 Milliarden Euro). Es folgen Maschinen (SITC 71 bis 74, 14 Milliarden Euro), verschiedene Fertigwaren (13,5 Milliarden Euro), Elektronik (12,6 Milliarden Euro), Elektrotechnik (11,6 Milliarden Euro).

China als Lieferland auf Rang drei

Weitere wichtige Lieferländer, wenn auch mit großem Abstand zu Deutschland, sind die Nachbarn Polen auf Rang zwei und Slowakei auf Rang vier. Dank zweistellig zulegender Lieferwerte hat sich China mittlerweile auf Rang drei vor die Slowakei geschoben.

Besonders temporeich entwickelten sich die tschechischen Einfuhren 2018 bei anderen Transportmitteln, zweistellig im Fall von Telekommunikationsausrüstungen und chemischen Erzeugnissen. Der Trend zu Automatisierung und Effizienzsteigerung in der Produktion schlug sich in der Maschineneinfuhr nieder. Aus dem Ausland bezog Tschechien 2018 Maschinen, Anlagen und Teile in den SITC-Kategorien 71 bis 74 im Wert von rund 18 Milliarden Euro. Das war gegenüber 2017 nominal ein Plus von 8,2 Prozent. Mehr als ein Drittel liefert der deutsche Maschinenbau. Einen positiven Sog für Kfz-Teile erzeugten die drei großen Autohersteller am Standort Tschechien. Mit 1,47 Millionen Kraftfahrzeugen stellten sie 2018 einen neuen Rekord auf. Dieser dürfte sich aber 2019 nicht steigern lassen.

USA wichtigstes Exportland außerhalb der EU

Auf der Ausfuhrseite ist das Ranking der Spitzenpartner Tschechiens im Fünfjahresvergleich gleich geblieben mit Deutschland, der Slowakei, Polen und Frankreich. Von der Art und den Bedingungen des Brexit wird es abhängen, ob das Vereinigte Königreich auf Dauer fünftgrößter Absatzmarkt bleibt. Tschechien liefert vor allem Pkw, Computer- und Telekommunikationstechnik, aber auch Maschinen auf die Insel. Wichtigste Exportdestination außerhalb der EU sind die USA. Sie kommen an zwölfter Stelle vor Russland. Überragend bleibt die Rolle des EU-Binnenmarktes. Diesen steuern laut Eurostat rund 84 Prozent der tschechischen Ausfuhren an. Drei Viertel des Einfuhrwerts stammen aus der EU.

Tschechien ist Deutschlands größter Kfz-Teile-Lieferant

Als sehr offene, exportorientierte Volkswirtschaft, deren Außenhandelsvolumen (Wert der Importe plus Exporte) 158 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, hängt Tschechien sehr von externen Entwicklungen ab. Nach Deutschland ging im Jahr 2018 fast ein Drittel des tschechischen Gesamtexportwerts von 171 Milliarden Euro.

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Schwächt die Dynamik in Deutschland ab, kann das nicht ohne Folgen für Tschechien bleiben. Hinzu kommt die Abhängigkeit von der Kfz-Branche, die unter hohem Innovations- und Transformationsdruck steht. Kraftfahrzeuge und Kfz-Teile sind die wichtigste Exportkategorie. Sie machten mit 34,5 Milliarden Euro rund ein Fünftel des tschechischen Gesamtexportwerts aus. Ihre Ausfuhr verlief 2018 positiv, aber weniger schwungvoll, wegen rückläufiger Zahlen etwa mit Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Italien, China.

Im Autosektor und den damit verbundenen Branchen Metallbearbeitung, Gummi- und Kunststoffindustrie sowie Elektronik sind die Investitions- und Handelsbeziehungen mit Deutschland besonders ausgeprägt. Obwohl die deutsche Autoindustrie 2018 generell weniger Kfz-Teile nachfragte, blieb Tschechien ihr wichtigster ausländischer Zulieferer, vor Polen, Frankreich, Rumänien und Österreich. Nach Angaben von Eurostat bezog Deutschland Kfz-Komponenten in der Kategorie SITC 784 im Wert von 5,1 Milliarden Euro aus der Tschechischen Republik. Das waren 0,3 Prozent weniger als 2017. Angesichts der Herausforderungen, vor denen die Autobauer stehen, wird sich dieser Trend 2019 ausprägen.

Mehr Informationen zu Tschechien finden Sie unter http://www.gtai.de/Tschechien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Außenhandel / Struktur, allgemein

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