Wirtschaftsausblick | Belgien
Globale Herausforderungen senken Belgiens Konjunkturbarometer
Hohe Energiepreise bremsen das Wachstum der belgischen Wirtschaft. Der Krieg in Nahost setzt die Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich unter Druck. Auch der Konsum ist betroffen.
07.08.2026
Top-Thema: Steigendes Haushaltsdefizit wird zur Bürde
Belgien kämpft mit einem wachsenden Haushaltsdefizit. Dem Ranking der EU-Kommission zufolge stieg das Land im Jahr 2025 auf Platz 1 der Länder innerhalb der Eurozone. Das belgische Defizit wuchs um 0,8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr auf 5,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und überholte damit Frankreich (-0,7 Prozentpunkte auf 5,1 Prozent). Der Durchschnitt in der Eurozone lag 2025 bei 2,9 Prozent.
Hauptgründe sind stark zunehmende Kosten für das Gesundheitssystem und die Renten, Verwaltungskosten im öffentlichen Sektor sowie steigende Zinsausgaben für die Staatsverschuldung. Außerdem fallen zusätzliche Ausgaben für die Verteidigung an.
Regierung plant Maßnahmen, um finanziellen Spielraum zu schaffen
Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet kurzfristig kaum eine Verbesserung. Bei unveränderter Politik dürfte das belgische Defizit sowohl 2026 als auch 2027 über 5 Prozent liegen. Auch die EU-Kommission kalkuliert mit 5,2 Prozent (2026) und 5,4 Prozent (2027). Dies erhöht den Druck auf die Staatsfinanzen. Forderungen - beispielsweise der Industrie - nach zusätzlichen Unterstützungsmaßnahmen, um die hohen Energiepreise abzufedern, dürften daher schwer zu erfüllen sein.
Um das Defizit zu verringern und Sanktionen im Rahmen des EU-Stabilitäts- und Wachstumspakts zu vermeiden, hat die Regierung ein Konsolidierungspaket geschnürt. Mit diesem könnten, so kalkuliert Belgiens Nationalbank (BNB), bis zum Ende der Legislaturperiode 14 Milliarden Euro eingespart werden. Die Regierung plant zunächst kurzfristige Einsparungen in Höhe von 7,7 Milliarden Euro. Steuerliche Anpassungen bei Kapital- und Unternehmenssteuern sowie der Einkommensteuer stehen genauso auf der Agenda wie Strukturreformen und Einsparungen im öffentlichen Sektor.
Wirtschaftsentwicklung: Belgiens Wirtschaft erleidet zwischenzeitlichen Stillstand
Im Laufe des Jahres 2026 korrigierten Finanzinstitute ihre Wachstumsprognosen für Belgien schrittweise nach unten. Laut vorläufiger Schätzung der BNB dürfte das Wachstum im 2. Quartal mit 0 Prozent in die Statistiken eingehen. In den ersten drei Monaten blieb die Konjunktur mit einem Plus von lediglich 0,2 Prozent bereits schwach. Belgiens Wirtschaftswachstum dürfte dadurch 2026 ziemlich sicher unterhalb der 1-Prozent-Schwelle bleiben.
Die BNB geht mittlerweile von einem realen BIP-Wachstum von 0,6 Prozent für 2026 aus. Diese Einschätzung teilt sie mit den Wirtschaftsexperten der OECD. Das Kreditinstitut BNP Paribas Fortis hält derzeit noch 0,8 Prozent für möglich, bevor die Wirtschaft 2027 wieder um etwas mehr als 1 Prozent wachsen dürfte. Das Federal Planning Bureau zeigt sich bislang optimistischer und erwartet ein Plus von 1,1 Prozent für 2026. Sämtliche Analysten weisen allerdings bei ihren Vorhersagen auf bestehende Unsicherheiten, vor allem bezüglich des Irankriegs, hin.
In ihrer Frühjahrsprognose erwartet die EU-Kommission für 2026 bereits eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums auf 0,7 Prozent. Ende 2025 hatte die Vorhersage noch bei 1,1 Prozent gelegen. Sie macht dafür maßgeblich den sinkenden privaten Konsum als Ursache aus. Dieser galt die letzten Jahre stets als wichtige Stütze der belgischen Wirtschaft.
Industrie und Baugewerbe betroffen
Die konjunkturelle Lage ist der Zentralbankstatistik zufolge vor allem in der Produktion des verarbeitenden Gewerbes ungünstig. Dort wurde das 2. Quartal 2026 mit einem Minus von 0,8 Prozent abgeschlossen. Im Baugewerbe sieht es nur unwesentlich besser aus. Hier wurde ein Minus von 0,5 Prozent verzeichnet. Lediglich der Dienstleistungssektor wies noch einen leichten Zuwachs von 0,2 Prozent auf.
Auch Kaufkraft hat gelitten
Die Deckelung beziehungsweise Begrenzung der automatischen Lohnindexierung (Anpassung der Löhne an die Inflation) sorgt dafür, dass die Gehaltszuwächse hinter der Inflation zurückbleiben. Dies führt zu realen Kaufkraftverlusten. Im Jahr 2026 wird die Inflationsrate laut EU-Kommission bei etwa 3,4 Prozent liegen. Sie erwartet für 2027 mit um die 2,6 Prozent eine deutlich niedrigere Preissteigerung, was den Konsum wieder ankurbeln dürfte.
Für 2028 wird indes ein zwischenzeitlicher Anstieg erwartet. Dann schreibt das neue europäische Emissionshandelssystem ETS2 den Lieferanten fossiler Brennstoffe vor, Emissionszertifikate zu erwerben. Diese Zusatzkosten werden voraussichtlich an die Endverbraucher weitergegeben.
Investitionen entwickeln sich moderat
Die Investitionen sollen 2026 nach einem bescheidenen Vorjahr lediglich moderat wachsen. Herausforderungen verbleiben durch strenge Finanzbedingungen, Unsicherheiten aufgrund geopolitischer Spannungen und dem unkalkulierbaren Anstieg der Energiepreise. Die Zahl der Baugenehmigungen ist weiterhin rückläufig. Somit dürfte auch der Bausektor vor einem schwierigen Jahr stehen. Die Investitionen in technische Ausrüstungen sollen 2027 um 1,8 Prozent wachsen - nach 0,8 Prozent im Vorjahr.
Deutsche Perspektive: Bilateraler Handel hängt von allgemeiner EU-Konjunkturlage ab
Belgische Importe aus Deutschland blieben 2025 im Vergleich zum Vorjahr in etwa konstant und erreichten rund 58,6 Milliarden Euro. Ähnlich sah es bei den belgischen Lieferungen nach Deutschland aus. Nach zwei stark rückläufigen Jahren sanken diese 2025 nur marginal auf 47,2 Milliarden Euro.
Beim deutsch-belgischen Warenhandel handelt es sich zum großen Teil um Transitlieferungen europäischer Drittländer. Ein Wirtschaftsaufschwung in Europa ist daher für seine Belebung essenziell.
Beide Länder haben sich ehrgeizige Ziele für den Ausbau der Offshore-Windenergie gesetzt. Außerdem rückt Belgien als europäischer Importhub und Transitdrehscheibe für grünen Wasserstoff in den Fokus. Davon dürfte auch Deutschland profitieren.
Weitere Informationen zu Belgien erhalten Sie auf der GTAI-Länderseite.