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Brasiliens Kfz-Industrie auf Erholungskurs

Die Pandemielage und gestörte Lieferketten bremsen den Aufschwung. Doch die hohe Marktnachfrage belebt die Zuversicht der Hersteller.

Von Gloria Rose | São Paulo

Produktion und Export steigen 2021 um 20 Prozent

Wie in anderen Ländern schränken Versorgungslücken bei Halbleitern die Produktion in Brasilien ein. Der Verband der Kfz-Hersteller Anfavea schätzt, dass deswegen etwa 120.000 Fahrzeuge im 1. Halbjahr nicht vom Band liefen. Mit rund 1,15 Millionen Fahrzeugen lag die Produktion zwar um 58 Prozent über dem Vorjahresniveau, aber immer noch 22 Prozent niedriger als im 1. Halbjahr 2019. Nicht nur bei Halbleitern muss die Industrie Störungen in der Lieferkette meistern. Eine große Herausforderung sind auch die drastischen Kostensteigerungen für Ausgangsmaterialien und Komponenten, die durch die Entwertung der Währung verstärkt werden. In brasilianischen Reais (R$) hat sich der Stahlpreis mehr als verdoppelt, Reifen verteuerten sich um etwa 50 Prozent.

Auch die verschärfte Pandemielage beeinträchtigt in diesem Jahr erneut die Produktion. Seit März setzten 13 der 23 OEM-Hersteller den Betrieb ganz oder teilweise aus. Betroffen waren 29 der 58 Werke. Statt einer Produktionssteigerung um 25 Prozent prognostiziert Anfavea für 2021 mittlerweile ein Wachstum um 22 Prozent. Im Export erwartet die Industrie einen ähnlichen Anstieg. Infolge der anhaltenden Krise im wichtigsten Abnehmerland Argentinien rücken Kolumbien, Chile, Mexiko, Uruguay sowie neue Märkte in Afrika in den Fokus der brasilianischen Automobilindustrie.

Kfz-Preise ziehen an

Die gestiegenen Produktionskosten schlagen sich in den Fahrzeugpreisen nieder. Im Durchschnitt verteuerten sich Neuwagen 2020 um 17 Prozent. Zudem müssen die Käufer zum Teil Wartezeiten von drei Monaten und länger hinnehmen. Angesichts des knappen Angebots steigt die Nachfrage am Gebrauchtwagenmarkt, der mitunter noch höhere Preissteigerungen aufweist. Für 2021 rechnet der Branchenverband Fenabrave am Pkw-Markt nur noch mit einem Wachstum von 10,7 Prozent. Zum Jahresbeginn hatte der Verband der Kfz-Händler noch einen Anstieg um 15,8 Prozent erwartet.

Dahingegen hob Fenabrave die Prognosen für Schwerfahrzeuge kräftig an. Statt um 21,7 Prozent soll der Lkw-Markt nun um 30,5 Prozent zulegen. Durch den boomenden E-Commerce und die Rekordernten im Agrarsektor sowie Impulse aus der Bauwirtschaft und dem Bergbau verzeichnen die Hersteller die besten Verkaufsergebnisse seit 2014. Für Lkw liegt die durchschnittliche Lieferfrist bei einem halben Jahr. Für Lkw-Anhänger verdoppelte Fenabrave sogar die Wachstumserwartung auf 41,1 Prozent. Auch für Busse hob der Händlerverband die Prognose leicht an. Mit einem Zuwachs um voraussichtlich 10,6 Prozent ist die Markterholung jedoch noch lange nicht in Reichweite. 

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Positive Signale nach einschneidender Krise

Anfavea und der Herstellerverband für Kfz-Teile, Sindipeças, erwarten, dass die Produktion nach Überwindung der Gesundheitskrise und Stabilisierung der Lieferketten wieder das vorherige Marktvolumen erreicht. Aber selbst 2019 lastete der Sektor seine maximale Gesamtkapazität von knapp 5 Millionen Fahrzeugen nur zu 60 Prozent aus. Von der weltweiten Neuausrichtung multinationaler Konzerne wird die brasilianische Industrie entsprechend hart getroffen. 2020 wurden rund 5.000 Arbeitsplätze gestrichen. Durch den Rückzug von Ford sank die Beschäftigung um weitere 5.000 Stellen. Zudem schlossen Zulieferbetriebe, die sich wegen des US-Herstellers in Camaçari (Bahia) niedergelassen hatten. Davon abgesehen blieb jedoch die zu Beginn der Pandemie befürchtete Insolvenzwelle unter den lokalen Automobilzulieferern der Tier-3-Ebene aus.

Trotz der gravierenden Gesundheitskrise in Brasilien erholt sich die Gesamtwirtschaft schneller als erwartet. Für Hoffnung sorgen auch die fortschreitenden Impfungen. Darüber hinaus deuten aktuelle Umfragen an, dass die junge Bevölkerung wieder zum eigenen Fahrzeug tendiert. Etwa die Hälfte der 18- bis 24-jährigen Brasilianer strebt nun den Kauf eines Neuwagens an. 

Hybridautos kommen auf

In Lateinamerika erließen oder debattieren 13 Staaten einen nationalen E-Mobilitätsplan. Das größte Land der Region mit seiner relativ geschlossenen Volkswirtschaft zählt nicht dazu. Zudem entwickelt sich die Infrastruktur von Ladestationen in Brasilien nur nach und nach. Dennoch legte die Nachfrage nach elektrisch betriebenen Fahrzeugen 2020 um 60 Prozent zu. Zum Großteil handelt es sich um Hybridautos von Toyota, der als erster Hersteller den Antrieb mit Bioethanol kombiniert. Branchenexperten sehen in dieser Technologie große Chancen für die brasilianische Kfz-Industrie sowie für die Elektrifizierung der Mobilität in Schwellen- und Entwicklungsländern. 

Nach Toyota setzt nun auch Volkswagen auf die Entwicklung von Hybridmodellen in Brasilien. Über ein neues Forschungszentrum in seinem Werk Anchieta in São Bernardo do Campo will der deutsche Konzern die Marktführung in Brasilien übernehmen und von dort aus weitere Märkte erschließen. Besonders aussichtsreiche Auslandsmärkte liegen in Südamerika, Afrika und auch Asien, insbesondere Indien. 

Investitionen von über 6 Milliarden US-Dollar geplant

Mit einigen Verzögerungen halten die Hersteller an ihren Investitionsplänen fest. Zudem kündigten Caoa Chery und Renault neue Vorhaben an. Laut Anfavea plant die Kfz-Industrie für den Zeitraum von 2021 bis 2025 Investitionen von etwa 6,2 Milliarden US-Dollar. Auch neue Player interessieren sich für die lokale Fertigung elektrischer Fahrzeuge, darunter Bravo Motor und China Great Wall Motors (GWM). Inoffiziellen Meldungen zufolge hat der chinesische Hersteller das Mercedes-Werk in Iracemápolis (São Paulo) übernommen. Daimler hatte den Betrieb im Dezember 2020 eingestellt. 

Deutsche Zulieferer verstärken die Produktion vor Ort. Bosch verlegt derzeit die Produktion für Injektoren und Düsen aus den USA nach Campinas, von wo aus auch der europäische und US-amerikanische Markt beliefert werden sollen. ZF erweiterte Ende 2020 die Produktion von elektrischen Lenksystemen und will mittelfristig auch Fahrerassistenzsysteme in Brasilien herstellen. 

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