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Markttrends

Brasiliens Agrarsektor wächst ungebrochen. Doch immer mehr Betriebe geraten in Finanzschwierigkeiten. Um stabil zu wachsen, brauchen die Unternehmen neue Strategien.

Von Gloria Rose | São Paulo

Nach dem Rekordwachstum um 11,7 Prozent im Jahr 2025 erwartet der Agrarwirtschaftsverband CNA für 2026 einen Zuwachs um 1,2 Prozent. Doch die Freude über die hohen Ernteerträge hält sich in Grenzen. Kostensteigerung bei Vorprodukten, insbesondere bei Dünger, und die anhalten hohen Zinsen machen den Betrieben zu schaffen. Zudem steigen die Risiken durch den Klimawandel und die geopolitische Unsicherheit. Die Unternehmen investieren vorsichtiger. Neue Geschäftsmodelle, Produktionseffizienz und die Digitalisierung rücken in den Fokus. 

4,6 Prozent

durchschnittliches Jahreswachstum erzielte die brasilianische Agrarwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten. Somit wächst der Sektor mehr als doppelt so stark wie die Gesamtwirtschaft, berechnete der Verband SNA.

Welthandel birgt Risiken und Chancen

Der Krieg im Iran und die Sperrung der Straße von Hormus wecken in Brasilien Bedenken um die Versorgung mit Düngemitteln. Denn der Agrarriese importiert über 80 Prozent der Nährstoffe. Außerdem verteuern höhere Logistikkosten brasilianische Waren auf den Exportmärkten. Um die Abhängigkeit vom Abnehmerland China und die Risiken zunehmender Handelskonflikte zu reduzieren, verhandelt die brasilianische Regierung neue Exportchancen auf den Märkten im globalen Süden und treibt die Diversifizierung voran. Die wichtigsten Zielmärkte 2025 war China mit einem Anteil von 33 Prozent am Exportwert, die EU (15 Prozent) und die USA (7 Prozent). 

Lagerkapazität ist knapp

Zusätzlich zu rund 350 Millionen Tonnen Getreide - zu 90 Prozent Soja und Mais - produziert Brasilien jährlich rund 650 Millionen Tonnen Zuckerrohr, 70 Millionen Tonnen Fleisch, weitere 70 Millionen Tonnen Obst und weitere Produkte der Forst-, Land- und Viehwirtschaft. Von Jahr zu Jahr wachsen die Mengen und somit auch der Bedarf an Logistikinfrastruktur und -diensten. Besonders dringend sind Investitionen in Lagerkapazitäten. Denn die Unsicherheit im Welthandel führt zu hoher Volatilität beim Wechselkurs und somit auch bei den Preisen von Vorprodukten und Agrargütern. Um die Schwankungen einzudämmen, investiert der Sektor in eigene Silos, Modelle zur gemeinschaftlichen Nutzung bis hin zu flexiblen Siloschläuchen.

Hohe Zinsen erfordern neue Geschäftsmodelle

Bei einem anhaltend hohen Leitzins von 15 Prozent steigt das Risiko der Zahlungsunfähigkeit. Immer mehr Betriebe geraten in Finanzkrisen. Im März 2026 meldete der Zucker-Ethanol-Konzern Raízen die außergerichtliche Restrukturierung seiner Schulden an. Um finanziell stabil zu bleiben, investieren die Unternehmen verstärkt in Produktionseffizienz und in Management-Software.

Nach Einbrüchen in den beiden Vorjahren erholt sich der Markt für Landtechnik. Der Umsatz stieg 2025 um 7,4 Prozent auf knapp 12 Milliarden US-Dollar. Für 2026 erwartet der Branchenverband Abimaq einen Zuwachs um 3,4 Prozent. Üblicherweise greift der Sektor auf staatliche Kreditprogramme zurück. Doch selbst bei einer begünstigten Finanzierung über Förderprogramme wie Moderagro, Moderfrota oder Proirriga sind die Kapitalkosten derzeit zu hoch. Der Landwirtschaftsverband CNA bietet Agrarwirten ein Tool zur Entscheidungsfindung an, ob sich der Verleih oder die Auslagerung der Aktivitäten für den jeweiligen Betrieb mehr lohnen als der Erwerb eigener Landmaschinen. Immer üblicher ist der Maschinenkauf im Konsortium. Einige Landtechnikanbieter erzielen bereits bis zu 40 Prozent ihres Umsatzes über das Geschäftsmodell. Kleinbäuerliche Betriebe schließen sich zunehmend in Genossenschaften zusammen.

Ab 2026 müssen Kreditnehmer zeitgleich eine Agrarversicherungen abschließen. Das neue Rahmengesetz 15.040/2024 stößt damit grundlegende Änderungen in der Agrarfinanzierung an - einem gigantischen Markt mit einem Volumen von rund 100 Milliarden US-Dollar. Trotz steigender Risiken war zuletzt nur etwa 5 Prozent der brasilianischen Agrarproduktion versichert. Um Zugang zu einer kostengünstigen Finanzierung und Versicherung zu erhalten, bedarf es Datentransparenz - auch das kurbelt die Digitalisierung an.

Digitalisierung erreicht immer mehr Betriebe

Brasilien ist Vorreiter bei Agrarinnovationen. Das AgTech Valley bei Piracicaba gilt als internationales Vorzeigebeispiel. Die meisten Großbetriebe bearbeiten ihre Agrarflächen bereits mit Präzisionstechnologien. Vernetzte Landmaschinen, Drohnen, Sensoren, Satellitentechnologie und automatische Dosiertechnik stehen weiter hoch im Kurs. Bei Bewässerungssystemen ist besonders viel Luft nach oben.

Da die Gewinnmargen durch steigende Kosten für Logistik und Vorprodukte schmaler und Fachkräfte immer knapper werden, stellen auch kleine und mittelständische Betriebe auf digitale Technologien um. Immer mehr Serviceplattformen kommen auf. Brasilianische Landwirte sind mit einem Durchschnittsalter von 46 Jahren relativ jung und aufgeschlossen gegenüber digitalen Anwendungen. Allerdings hakt es bei der Konnektivität.

D2D als Gamechanger für Konnektivität auf dem Land
In Brasilien schreitet der Ausbau der IT-Infrastruktur voran, doch nur ein Drittel der ländlichen Flächen sind bislang mit 4G oder 5G abgedeckt. Satelliten-Direktverbindungen zu Endgeräten könnten zukünftig Abhilfe schaffen. Nach brasilianischer Regulierung dürfen Satellitenbetreiber in niedriger Erdumlaufbahn D2D‑Dienste (Direct-to-Device) nur in Partnerschaft mit einem Mobilfunkanbieter anbieten. Von April 2024 bis Oktober 2026 genehmigte Brasiliens Regulierungsbehörde Anatel eine Testphase für D2D-Technologien. Die drei großen Anbieter Claro, TIM und Vivo sind dabei und nutzen die Gelegenheit für Tests.
Viasat sieht ein immensen Potenzial im brasilianischen Markt. Über das Projekt Equatys will der US-Satellitenbetreiber bis zum Jahr 2028 eine Low‑Earth‑Orbit‑Konstellation (LEO) in den 5G NR Netzstandard integrieren. Viasat betreibt Equatys in Joint Venture mit Space42, einem Raumfahrttechnologieunternehmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Viehzucht: Rückverfolgbarkeit wird verpflichtend

Zunehmend werden Daten auch zur Zertifizierung genutzt. Wichtige Exportmärkte wie die EU stellen hohe Anforderungen an die Transparenz. Brasiliens Rinderhalter setzen daher schon auf Technologien zur lückenlosen Rückverfolgung jedes einzelnen Tieres – vom Kalb bis zum Schlachthof.
Ab 2027 wird eine nationale Datenbank den Bewegungs- und Gesundheitsstatus von Rindern und Büffeln zentral erfassen. Bis spätestens Ende 2032 muss der gesamte Bestand von derzeit 238 Millionen Tieren gekennzeichnet sein. Die Vorgaben des Programms PNIB stimulieren einen gigantischen Markt für Mikrochip-Technologien und Softwarelösungen.

Biokraftstoffe im Fokus der Investoren 

Trotz zunehmender Herausforderung bleibt das Investitionsklima insgesamt positiv. Über das Gesetz "Kraftstoffe der Zukunft" erhöht Brasilien die Beimischungsanteile von Biokraftstoffen. Zudem sichern die CO2-Zertifikate CBIOS Biokraftstoffen zusätzliche Gewinne am Inlandsmarkt. Durch die steigenden Rohölpreise und die globale Klimaschutzagenda eröffnen sich dem Sektor gute Perspektiven. Dazu kommen zahlreiche Biomethan- und Düngemittel-Projekte. Die Aussichten für deutsche Umwelttechnologien sind entsprechend gut. 

Brasiliens Verband für Ethanol aus Mais UNEM erwartet ein jährliches Wachstum um mehr als 20 Prozent. Dahingegen kämpfen Unternehmen, die Ethanol aus Zuckerrohr herstellen, mit finanziellen Schwierigkeiten - wie das Beispiel des Bioenergiekonzerns Raízen zeigt.

Soja und Bioethanol aus Mais im Fokus der InvestorenAusgewählte Großprojekte in der Landwirtschaft in Brasilien (in Millionen US-Dollar)
Projekt

Investitionssumme *)

Stand/AnmerkungenProjektträger
Drei Mais‑Ethanol‑Anlagen in den Städten Rondonópolis, Campo Novo do Parecis und Querência (MT)

1.342

Joint Venture mit Inpasa scheiterte. Amaggi führt das Projekt alleine weiter.Amaggi 
Mais‑Ethanol‑Anlage in der Stadt Rondonópolis (MT) und Erweiterung der bestehenden Anlage in der Stadt Nova Mutum (MT)

626

Die Inbetriebnahme ist für das 1. Quartal 2027 geplant.Inpasa Brasil
Zwei Mais‑Ethanol‑Fabriken in den Städten Nova Alvorada do Sul und Costa Rica sowie einer Biomethan‑Anlage in der Stadt Nova Alvorada do Sul (MS)

422

Projekte in der Engineering-PhaseAtvos
Erweiterung der Sojaverarbeitungskapazität und der Bioenergieproduktion in den Städten Itumbiara (GO), Miritituba (PA), Santana (AP) sowie in Sorriso und Nova Ubiratã (MT)

364

PlanungsstadiumCaramuru Alimentos
Verdopplung der Kapazität zur Sojaverarbeitung von 5.500 auf 11.500 Tonnen pro Tag sowie der Biodieselanlage in Palmeira de Goiás

268

Inbetriebnahme bis 2027Cooperativa Comigo
Orangenanbau im Bundesstaat Mato Grosso do Sul

215

Die Anpflanzung begann bereits 2024 mit dem Ziel, bis 2028 acht Millionen Kisten Orangen zu ernten.Cambuhy Agropecuária
Mais-Ethanol-Anlage in Toledo (PR)

211

Kapazität: 1.500 Tonnen Mais pro Tag, Ankündigung im Dezember 2025Hydrograph
Bewässerungsanlagen in Baixio de Irecê zwischen Xique-Xique und Itaguaçu da Bahia (BA) für den Anbau von Soja, Mais und Baumwolle

197

Ankündigung im November 2025, Inbetriebnahme im Oktober 2026ACP Bioenergia
Mais‑Ethanol‑Anlagen in den Städten Jaíba (MG) und Montes Claros de Goiás (GO)

197

Phase der Umweltgenehmigung, Betriebsaufnahme voraussichtlich im Jahr 2027Grupo SADA
Erweiterung der Anlagen zur Saatgutproduktion und Verarbeitung von Soja im Bundesstaat Tocantins

179

Strategieplan 2025 bis 2030Frisia Cooperativa
* umgerechnet zum durchschnittlichen Wechselkurs 2025: 1 US$ = 5,59 R$.Quelle: Bradesco; Recherchen von Germany Trade & Invest

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