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Wirtschaftsumfeld | China | Diversifizierung

Deutsche Firmen zieht es von China nach Indien und Südostasien

Die Suche nach alternativen Absatz- und Beschaffungsmärkten nimmt bei deutschen Unternehmen an Fahrt auf. Ein Exodus aus China findet laut Experten jedoch nicht statt.

Von Roland Rohde | Bonn

Deutsche Unternehmen wollen ihre Abhängigkeit von China reduzieren, die durch den Ukrainekrieg stärker in den Fokus gerückt ist. Zudem sind politische Risiken durch die Unterdrückung ethnischer Minderheiten und die militärische Bedrohung Taiwans vonseiten Beijings stark gestiegen. Firmen müssen sich für ihr Engagement in der Volksrepublik zunehmend rechtfertigen. Zusätzlich könnte der bedeutende Markt etwa bei einer Eskalation des Taiwan-Konfliktes über Nacht wegbrechen.

Doch wie groß ist die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China tatsächlich? Gemessen an den Direktinvestitionen im Ausland spielt die Volksrepublik nicht die Hauptrolle. Stattdessen liegen einige europäische Volkswirtschaften und die USA im Ranking weiter vorne. Doch je nach Unternehmen und Industriezweig bestehen erhebliche Unterschiede. So lag das Reich der Mitte nach Angaben des Verbandes der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) innerhalb der Branche gemessen an den Bestandsinvestitionen 2020 in Höhe von 7,3 Milliarden Euro knapp vor den Vereinigten Staaten auf Platz eins.

Deutsche Direktinvestitionen im Ausland 2019 bis 2021 (in Milliarden Euro)

Region/Land

Bestand 2020

Zufluss 2019-2021*

Europa

1.332,7

313,2

Amerika

374,9

70,0

Asien, davon

180,5

32,2

  Singapur

16,1

11,7

  China

89,2

9,2

   Japan

11,0

3,6

   Indien

16,1

2,0

  Thailand

3,3

1,0

  Vietnam

1,0

k.A.

  Indonesien

2,6

0,1

* wegen teils starker Fluktuationen wurden drei Jahre zusammengefasstQuelle: Deutsche Bundesbank; Berechnungen von Germany Trade & Invest

Warenaustausch mit China steuert 2022 auf Rekord zu

Größer fällt die Abhängigkeit im Außenhandel aus. Die Volksrepublik war 2021 zum sechsten Mal in Folge Deutschlands bedeutendster Handelspartner. Der bilaterale Warenaustausch belief sich laut Destatis auf nahezu 250 Milliarden Euro. Für 2022 zeichnet sich eine weitere Zunahme auf bis zu 300 Milliarden Euro an. Besorgniserregend ist dabei, dass das Handelsbilanzdefizit deutlich zugenommen hat: Deutschland importiert mehr Waren, als es nach China exportiert.

Besonders aktuell in der Diversifizierungsdiskussion ist die Bedeutung Chinas als Absatzmarkt. Nach wie vor sind die USA für deutsche Exporteure auf Rang eins; nach Frankreich und in die Niederlande exportiert Deutschland fast genau so viel wie in die Volksrepublik. Im Jahr 2021 gingen insgesamt 7,5 Prozent aller deutschen Warenausfuhren in das Reich der Mitte. Doch bei einzelnen Warenkategorien können die Anteile um ein Vielfaches höher liegen. Insbesondere die deutsche Automobilindustrie erzielt einen Großteil ihres Umsatzes in der Volksrepublik.

Abhängigkeit von Beschaffung in China bisher weniger im Fokus

Weniger stark im Mittelpunkt steht die Bedeutung des Landes als Beschaffungsmarkt. Bislang konzentrieren sich die Debatten vor allem auf seltene Erden und ausgewählte Vorprodukte. Konsumgüter werden hingegen als nicht besonders kritisch angesehen. Tatsächlich ist das Reich der Mitte aber der mit Abstand größte Hersteller und Exporteur von Unterhaltungs- und Haushaltselektronik, IKT-Geräten, Möbeln und Textilien.

Im Falle einer kompletten Abkopplung von der Volksrepublik wären viele Waren auf Jahre nicht zu kaufen. Schließlich haben die Industriestaaten in den letzten Jahrzehnten nahezu ihre gesamte Konsumgüterproduktion nach China ausgelagert. Eine Rückverlagerung lässt sich nicht schnell bewerkstelligen. So produziert der US-Konzern Apple aktuell 95 Prozent seiner Produkte im Reich der Mitte und will die Quote bis 2025 auf 75 Prozent drücken. Bei diesem Tempo würde das Unternehmen mehr als ein Jahrzehnt benötigen, um auf Null zu kommen.

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Noch wollen wenige Firmen Investitionen tatsächlich verlagern

Laut der Geschäftsklimaumfrage der Europäischen Handelskammer in China (EUCCC) vom Juni 2022 beabsichtigen 11 Prozent der Mitgliedsunternehmen eine Verlagerung von Investitionen aus China an andere Standorte. In den vergangenen zehn Jahren lagen die Werte teils höher. Doch die Verlagerung der Fertigung begann bereits vor mehr als einem Jahrzehnt und dauert an. Lediglich die Beweggründe haben sich geändert: Früher standen Kostenaspekte im Vordergrund.

Gerade die Produktion einfacher Güter wird seit längerem in Niedriglohnländer verlagert, während die Herstellung hochwertiger Waren in der Volksrepublik verbleibt. Schnell war mit der "China+1"-Strategie ein markanter Begriff geprägt. Auf der Beschaffungsseite gab es eine ähnliche Entwicklung. Die großen Einkaufshäuser in Hongkong berichten unisono, dass vor 20 Jahren noch etwa drei Viertel aller bezogenen Produkte aus China stammten. Schon vor dem Ausbruch der Coronapandemie sei die Quote auf unter 50 Prozent gefallen.

Eine ähnliche Einschätzung ergibt sich aus dem AHK World Business Outlook vom Herbst 2022 der Deutschen Auslandhandelskammern (AHK). Der Prognose zufolge wollen mehr als ein Fünftel der befragten Unternehmen ihre Investitionen in China ausweiten. Knapp 31 Prozent peilen wiederum eine Verringerung an. Das macht im Saldo ein Minus von 9 Prozentpunkten. Es handelt sich also um keinen Massenexodus. Tatsächlich wollen die wenigsten Unternehmen China komplett verlassen, die Mehrheit sucht nach zusätzlichen Standbeinen in der Region, um ihr Länderrisiko zu diversifizieren. Firmen berichten außerdem zunehmend von einem schwierigeren Geschäftsumfeld.

Starkes Interesse an Südostasien

Die Unternehmen wollen ihr Engagement laut der AHK-Auswertung vor allem in Indien, Singapur, Malaysia, den Philippinen und in Thailand deutlich ausweiten. Das Interesse an anderen Ländern des Verbands Südostasiatischer Nationen ASEAN fällt hingegen geringer aus. Wenig überraschend ist, dass Indonesien kein beliebter Investitionsstandort ist. Unternehmen auf dem Archipel beklagen schon seit Jahren die hohe Unsicherheit infolge der sich ständig ändernden Rahmenbedingungen.

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Bemerkenswert ist, dass Vietnam in der Umfrage mit einem Wert von 0 Prozentpunkten auf den hinteren Rängen landet. Das Land gilt seit Jahren eigentlich als der klassische Ausweichstandort für China. Das deutsche Engagement in Vietnam fällt aber gering aus, wie die Investitionsstatistiken der Deutschen Bundesbank zeigen. Gemäß der EUCCC-Umfrage wollen sich 45 Prozent der abwandernden Firmen einen alternativen Standort innerhalb Asiens suchen. Ein knappes Drittel plant die Rückverlagerung nach Nordamerika oder Europa.

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