Interview | Finnland | Datenzentren

"Lieferfähigkeit wird bei Datenzentren zum Schlüsselfaktor"

In Finnland wächst der Bedarf an Ausrüstung für Rechenzentren. Anbieter können durch Energieeffizienz und schnelle Verfügbarkeit punkten. Ein Marktkenner ordnet die Lage ein.

Fabian Möpert

Von Fabian Möpert | Berlin

Joonas Terhivuo, CEO, Hetzner Finland Oy Joonas Terhivuo, CEO, Hetzner Finland Oy | © Hetzner - DIPESH

Finnland profiliert sich als gefragter Standort für Datenzentren. Neben internationalen Technologiekonzernen bauen auch etablierte mittelständische Anbieter neue Rechenkapazitäten in Finnland auf. Mit Hetzner Online ist einer der größten deutschen Rechenzentrumsbetreiber in Finnland aktiv. Seit der Inbetriebnahme eines Datacenter-Parks nahe Helsinki im Jahr 2018 baut das Unternehmen seine Präsenz stetig aus.

Joonas Terhivuo ist Geschäftsführer von Hetzner Finland Oy und kennt den finnischen Markt. Im Interview mit Germany Trade & Invest erläutert er, warum das Land für Investitionen in Rechenzentren attraktiv ist und wo deutsche Branchenausrüster entlang der Wertschöpfungskette Geschäftschancen haben.

Herr Terhivuo, warum zieht Finnland derzeit so viele Investitionen in Rechenzentren an?

Mehrere Faktoren kommen zusammen. Als Hetzner vor zehn Jahren nach Finnland kam, gehörten die niedrigen Strompreise zu den wichtigsten Standortvorteilen. Strom macht einen wesentlichen Teil der Betriebskosten eines Rechenzentrums aus. Bis heute ist Elektrizität in Finnland günstiger als in vielen anderen Ländern Europas.

Inzwischen stehen die Verfügbarkeit von Strom aus erneuerbaren Energiequellen sowie der vergleichsweise schnelle Netzanschluss in Finnland als Standortvorteile noch stärker im Vordergrund. Das zieht Investoren an. Viele Rechenzentrumsbetreiber setzen auf saubere Energie. Auch wir bei Hetzner nutzen zu 100 Prozent zertifizierten Grünstrom, in Finnland wie in Deutschland.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz für die aktuelle Marktentwicklung?

Für das Rechenzentrumsgeschäft ist KI heute ein zentraler Treiber. Dieser Markt ist sehr schnelllebig. Der KI-Boom erfordert zügige Investitionsentscheidungen und kurze Realisierungszeiten. Finnlands Stärke ist, dass Betreiber von Datenzentren vielerorts innerhalb von ein bis drei Jahren Zugang zu geeigneten Standorten und Strom erhalten. In vielen anderen europäischen Ländern sind die Vorlaufzeiten für einen Netzanschluss deutlich länger, teilweise bis zu sieben Jahre. In der KI-Welt ist man mit einem solchen Zeithorizont zu spät dran.

Finnische Kommunen wissen zudem inzwischen sehr genau, welche Anforderungen Investoren aus der Rechenzentrumsbranche haben und können Planungs- und Genehmigungsprozesse entsprechend effizient begleiten.

"Finnlands Stärke ist, dass Betreiber von Datenzentren vielerorts innerhalb von ein bis drei Jahren Zugang zu geeigneten Standorten und Strom erhalten."

Was bedeutet der KI-Boom für die Ausrüster von Rechenzentren?

Die technischen Anforderungen an moderne Rechenzentren verändern sich durch KI-Anwendungen und GPU-Server grundlegend. Die Leistungsdichte pro Serverschrank steigt massiv. Während klassische Serverracks häufig mit einigen Kilowatt betrieben werden, erfordern KI-Systeme ein Vielfaches. Dadurch verändern sich die Anforderungen an Stromversorgung und Kühlung. Luftkühlung stößt bei KI-Servern an ihre Grenzen. Systeme wie Direct-to-Chip-Flüssigkeitskühlung oder Immersionskühlung werden daher immer wichtiger.

Natürlich gewinnt auch Energieeffizienz an Bedeutung. Selbst minimale Energieeinsparungen summieren sich zu erheblichen Kostenvorteilen. Ein Lüfter beispielsweise, der lediglich ein Watt weniger verbraucht, kann über Tausende Server hinweg betrachtet bereits dauerhafte Stromeinsparungen im Megawattbereich ermöglichen. Das senkt Betriebskosten - selbst wenn diese Komponente im Einkauf zunächst teurer sein sollte.

Welche Anforderungen stellen Betreiber von Rechenzentren an potenzielle Lieferanten?

Technik und Preis spielen natürlich eine Rolle. Angesichts des Booms im finnischen Rechenzentrumsmarkt wird aber Lieferfähigkeit zu einem Schlüsselfaktor. Der Markt wächst derzeit so rasant, dass häufig jene Anbieter im Vorteil sind, die Lösungen schneller bereitstellen können als ihre Wettbewerber. Das gilt auch dann, wenn ihre Angebote teurer sind. Viele Rechenzentrumsprojekte stehen unter erheblichem Zeitdruck. Wer benötigte Ausrüstung auch nur einige Wochen früher liefern kann, verschafft dem Betreiber einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil.

Ebenso wichtig ist eine lokale Präsenz. Bei kritischen Systemen wie Energieversorgung oder Kühlung benötigen Betreiber Ansprechpartner vor Ort. Deutsche Unternehmen verbessern ihre Marktchancen deutlich, wenn sie mit lokalen finnischen Partnern zusammenarbeiten oder eigene Servicekapazitäten in Finnland vorhalten.

"Wer benötigte Ausrüstung auch nur einige Wochen früher liefern kann, verschafft dem Betreiber einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil."

Wo können sich deutsche Ausrüster erfolgreich im finnischen Markt positionieren?

Der finnische Markt hat sich in den vergangenen Jahren deutlich entwickelt. Ich beobachte allgemein eine hohe Nachfrage nach Stromverteilungssystemen, energieeffizienter Technik und Automatisierungslösungen. Gerade bei der Steuerung komplexer technischer Anlagen verfügen viele deutsche Unternehmen über langjährige Erfahrung und starke Kompetenzen.

Während viele Arbeiten anfangs von internationalen Unternehmen durchgeführt wurden, ist inzwischen erheblich mehr Fachwissen auch in Finnland vorhanden. Dennoch werden weiterhin zahlreiche technische Systeme international beschafft. Für deutsche Anbieter eröffnet dies Chancen. Das gilt insbesondere dann, wenn sie ihre Produkte mit lokalen Diensten für Installation und Wartung kombinieren können.