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Special | Kaukasus | Krieg in der Ukraine

Kaspisches Meer und Südkaukasus: Alternative zum Russland-Transit

Der Südkaukasus hat gute Chancen, ein wichtiges Glied der Ost-West-Transitachse zu werden. Das könnte auch die Folgen der Russlandkrise auf die Wirtschaft der Region abmildern.

Von Uwe Strohbach | Tiflis

Die Länder Georgien, Armenien und Aserbaidschan an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien standen bisher eher im Schatten der russisch-europäischen Beziehungen. Das dürfte sich mit der außenpolitischen und außenwirtschaftlichen Neuorientierung Westeuropas als Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ändern.

Gute Aussichten für wachsendes Transitgeschäft

Die Region hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Förder- und Transitzentrum für Energielieferungen in die Europäische Union entwickelt. Auch Kasachstan erwägt, sein Öl vermehrt über die kaspischen Häfen gen Westen zu verschiffen. Das verschafft der Energiebrücke zusätzlichen Rückenwind.

Jenseits des Rohstoffsektors sind die südkaukasischen Republiken noch wenig in internationale Lieferketten und Transportkorridore eingebunden. Aufgrund von geopolitischen Umwälzungen soll sich das bald ändern. Neue Initiativen wollen den transkaukasischen und transkaspischen intermodalen Korridor als Alternative etablieren, um somit weniger abhängig von den nördlichen eurasischen Routen (Westchina - Kasachstan - Russland - Europa) zu sein. Die zentralasiatischen Länder und China stellen dadurch den Zugang zu den europäischen Märkten sicher.

Allein der Containertransport über den Kaspisee, die Bahntrasse Baku/Aserbaidschan - Tiflis/Georgien - Kars/Türkei und/oder die georgischen Häfen Poti und Batumi dürfte 2022 das Vorjahresergebnis von 11.460 20-Fuß-Standardcontainern (TEU) deutlich übersteigen. Im März 2022 kündigten Aserbaidschan, Georgien und Kasachstan an, ein Joint Venture für den Ausbau des transkaspischen Transportkorridors gründen zu wollen. Auf der Achse sollen in der Perspektive jährlich bis zu 10 Millionen Tonnen Güter inklusive 200.000 TEU-Container umgeschlagen werden.

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Regionale Kooperation nimmt zu

Im April 2022 kamen Vertreter Aserbaidschans, Georgiens, Kasachstans und der Türkei überein, ein gemeinsames Bahnunternehmen zu schaffen. Mittelfristig ist ein jährliches Frachtvolumen von bis zu 4 Millionen Tonnen realistisch.

Zur Belebung des südkaukasischen Korridors trägt auch eine im März 2020 von Aserbaidschan, Georgien und Usbekistan unterzeichnete Vereinbarung bei. Diese sieht vor, die Kosten für den Transport usbekischer Güter über aserbaidschanisches und georgisches Gebiet um 30 Prozent zu senken. Das Dokument ergänzt eine bereits vereinbarte Ermäßigung der Transporttarife in den Häfen Turkmenbaschi/Turkmenistan und Baku/Aserbaidschan.

Südkaukasus zieht Firmen aus Russland an 

Die südkaukasischen Länder, darunter vor allem Armenien und Georgien, dürften in einem bestimmten Maße auch von der Relokalisierung russischer Unternehmen profitieren. Dies gilt vornehmlich für die IT- und Softwarebranche, aber auch für einige Sektoren der verarbeitenden Industrie.

Allein im Zeitraum vom 24. Februar bis Ende März 2022 haben 1.400 russische Unternehmer ein Gewerbe oder eine Firma bei der armenischen Behörde für Unternehmensregistrierung angemeldet.

Russland-Ukraine-Krieg trifft südkaukasische Wirtschaft empfindlich   

Der ökonomische Absturz Russlands hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Volkswirtschaften im Südkaukasus. Daran ändern auch die positiven Aussichten für den Warentransit sowie die Ansiedlung russischer Unternehmer kurz- und mittelfristig nichts. Alle drei Länder haben ihre früheren Wachstumsprognosen für das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2022 nach unten korrigiert. Die Folgen des russischen Krieges gegen die Ukraine machen sich vor allem in folgenden Punkten bemerkbar:

  • sinkende Exporte
  • weniger private Rücküberweisungen der Gastarbeiter
  • stockender Tourismus
  • Probleme im Finanz- und Investitionssektor

Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland sind für alle drei Staaten aufgrund enger außenwirtschaftlicher Abhängigkeiten kein Thema. Für Georgien, Armenien und Aserbaidschan ist Russland eine wichtige Exportdestination. In der Warenstruktur dieser Ausfuhren dominieren Güter der Ernährungswirtschaft. Die Lieferungen sind für die lokalen Erzeuger existenziell. Sie sichern viele Arbeitsplätze. Die schwindende Kaufkraft der russischen Verbraucher wirkt sich vor allem negativ auf den Absatz von südkaukasischen Markenprodukten in Russland aus (Wein und Spirituosen, Mineralwasser, Limonaden und Säfte).

Anderseits sind alle drei Länder bei einer Reihe von Warengruppen hochgradig abhängig von Importen aus Russland. Dazu zählen Getreide, Futtermittel, tierische und pflanzliche Fette und Öle, aber auch anderen Nahrungsgüter, Holzerzeugnisse, Düngemittel, Pharmaka und Stahl. In Armenien kommt noch eine große Abhängigkeit von Energielieferungen (Erdgas, Kernbrennstoff und Ölprodukte) hinzu.

Entwicklung des Außenhandels der südkaukasischen Länder mit Russland (in Millionen US-Dollar)

2019

2020

2021

Anteil 1)

Rang Russlands 2)

Warenexport

Armenien

743

680

847

28,0

1

Aserbaidschan

732

709

921

4,2

3

  Nichtölexport

691

691

878

21,4

1

Georgien

497

441

610

14,4

2

Warenimport

Armenien

1.649

1.655

1.994

37,2

1

Aserbaidschan

2.290

1.692

2.074

17,7

1

Georgien

977

888

1.023

10,1

2

1) Anteil an den Gesamtexporten beziehungsweise -importen 2021 in Prozent; 2) Rang unter allen Handelspartnern 2021Quelle: Nationale Statistikämter 2022

Mehr Investitionen in die lokale Nahrungsmittelproduktion

Die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln hat im Kontext des Ukrainekrieges an Bedeutung zugenommen. So strebt Aserbaidschan an, die Selbstversorgungsquote von Milch- und Fleischprodukten von heute jeweils um die 84 Prozent auf bis zu 99 Prozent auszuweiten. Dies solle in einem überschaubaren Zeitraum geschehen, so ein Pressestatement des Direktors des Zentrums für Agrarforschung Firdovsi Fikretzade. In der Fleischproduktion ist geplant, die Kapazitäten in den Sparten Geflügel und Rindfleisch zu erhöhen. Außerdem soll mehr Weizen angebaut werden.

Das georgische Landwirtschaftsministerium kündigte an, die Selbstversorgungsquote bei Weizen innerhalb der nächsten Jahre von heute 15 Prozent auf 50 Prozent zu erhöhen. Mitte April 2022 wurde der georgische Verband der Exporteure von Obst und Gemüse gegründet. Dieser will die Produktqualität und Hektarerträge verbessern und sich bei der weiteren Diversifizierung der Absatzmärkte engagieren. Die Regierung Armeniens stockt ihre Fördertöpfe für Projekte in mehreren Bereichen der Ernährungswirtschaft auf, darunter für die Produktion von Obst, Gemüse, Wein, Getreide, Fleisch und Milch.

Sinkende Rücküberweisungen aus Russland drosseln Kaufkraft

Der Krieg in der Ukraine und die westlichen Sanktionen gegen Russland hinterlassen ihre Spuren auf den Arbeitsmärkten beider Länder. Von Entlassungen betroffen sind zuerst die dort tätigen Arbeitsmigranten, darunter auch viele Beschäftigte aus dem Südkaukasus. Ausbleibende Überweisungen an die in der Heimat verbliebenen Familien haben erhebliche Auswirkungen auf das Kaufkraftgefüge in den südkaukasischen Ländern. 


In der mit mehr als 10 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten südkaukasischen Republik Aserbaidschan kamen 2021 hohe 55 Prozent (623 Millionen US$) der offiziell erfassten privaten Geldzuflüsse (1,1 Milliarden US$) aus Russland. Nach Angaben von Rashad Hasanov, Wirtschaftsexperte des Topchubashov Center, Baku, gab es Anfang 2022 in Russland und der Ukraine geschätzte 2 Millionen Arbeitsemigranten aserbaidschanischer Herkunft. Das russische Innenministerium spricht von etwa 650.000 Arbeitsmigranten (Anfang 2022).


Der von den Banken erfasste Zufluss privater Gelder aus dem Ausland nach Armenien summierte sich 2021 auf 2,1 Milliarden US$, darunter 41 Prozent (866 Millionen US$) aus Russland. Die Regierung Armeniens erwartet für 2022 einen Rückgang der Überweisungen aus Russland um bis zu 40 Prozent. Amtliche russische Quellen geben die Anzahl der in Russland tätigen armenischen Arbeitsmigranten mit gut 300.000 an (Anfang 2022). In Georgien machten Transfers aus Russland 2021 etwa 18 Prozent (411 Millionen US$) der offiziell registrierten Geldüberweisungen aus dem Ausland in Höhe von 2,3 Milliarden US$ aus.


Unter Einschluss informeller Transfermethoden übersteigen die privaten Geldzuflüsse die offiziellen erfassten Überweisungen für alle drei Länder deutlich. So dürften die jährlichen Gesamtzuflüsse privater Gelder nach Aserbaidschans die 3-Milliarden-US$-Marke und somit eine Größenordnung von 8 bis 9 Prozent des offiziell ausgewiesenen nominalen Einkommens der Bevölkerung erreichen. Die offiziellen Geldüberweisungen aus Russland machten 2021 in Aserbaidschan 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus (1,8 Prozent den Nichtöl-BIP), in Armenien 6,2 Prozent und in Georgien 2,2 Prozent des BIP. 

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

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