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Healthcare Monitor - Italien investiert EU-Gelder in Gesundheit

Mit Hilfe der europäischen Fördermittel will Italien sein veraltetes Gesundheitssystem auf breiter Front modernisieren. 

Von Oliver Döhne | Mailand


  • Entwicklungen im Gesundheitswesen

    Als alterndes, wohlhabendes Land mit Modernisierungsbedarf ist Italien ein interessanter Absatzmarkt für alle Segmente der Gesundheitswirtschaft.

    In der öffentlichen Wahrnehmung und in der Prioritätenliste der Regierung ist der Gesundheitssektor, nach einem gewissen Dornröschenschlaf, durch die Coronakrise wieder ganz nach oben gerutscht. Italien besitzt ohnehin schon eine der weltweit ältesten Bevölkerungen und muss sich dringend darauf vorbereiten, in den kommenden Jahren eine größere Zahl chronisch Erkrankter und in ihrer Selbständigkeit eingeschränkter Personen zu betreuen, wenn möglich mit Hilfe digitaler Lösungen. Als Wirtschaftsfaktor in der italienischen Industrie spielt besonders die Pharmabranche eine größere Rolle.

    Markt für Generika wächst

    Italien ist gleichzeitig ein wichtiger Wirkstoffentwickler sowie Produzent, Importeur und Absatzmarkt von Pharmaprodukten. Zahlreiche internationale Konzerne produzieren in Italien für den Weltmarkt, unter anderem weil die dortigen Arbeitskräfte der Branche als erfahren und gut ausgebildet gelten. Etwa die Hälfte der Branchenfirmen sind ausländisch. 

    Da viel der einheimischen Produktion ins Ausland geht, muss Italien Medikamente im Umfang von rund 28 Milliarden Euro importieren. Der Inlandsumsatz mit Medikamenten lag 2020 bei rund 30,5 Milliarden Euro, davon gingen etwa drei Viertel an das öffentliche Gesundheitssystem, in dessen Rahmen alle Einwohner stark vergünstigte oder kostenlos Medikamente erhalten. Das stärkste Wachstum erzielten 2020 jedoch privat beschaffte, verschreibungspflichtige Medikamente (Rx-Präparate). 

    Etwa 80 Prozent der verkauften Medikamente waren patentierte Arzneimittel, 11,5 Prozent Generika und 8,5 Prozent rezeptfreie Medikamente (Over The Counter, OTC). Markenmedikamente werden im öffentlichen Gesundheitssystem verstärkt und wo es möglich ist durch Generika oder Biosimilars ersetzt, da im Gesundheitsbudget eine Obergrenze für Medikamentenausgaben gilt und der Staat hier sparen muss. Viele Privatpatienten geben oft noch Markenprodukten den Vorrang. 

    Medizintechnik stark gefragt

    Italien ist expandierender Markt für High-End-Medizintechnik. Rund 71 Prozent der Geräte gehen an das öffentliche Gesundheitssystem, dessen Bestand zunehmend veraltet. Im Rahmen des europäischen Recovery Funds will Italien nun in voraussichtlich zwei großen Beschaffungsrunden neue Ausrüstung für seine Gesundheitsämter und Krankenhäuser erwerben, darunter werden in Italiens Verwendungsplan der Recovery Gelder konkret genannt: Magnetresonanzgeräte, Linearbeschleuniger für die Strahlentherapie, feste radiologische Systeme, Gammakameras, Gammakameras für Computertomografie, Mammographen und Ultraschallgeräte.

    Die erst Ausschreibungsrunde soll für insgesamt 1.568 medizintechnische Großgeräte bis zum 3. Quartal 2023 stattfinden, die zweite Runde für 1.565 Geräte folgt bis zum 4. Quartal 2024.

    Private Labore und Dienstleister bieten gleiche Leistungen wie das öffentliche System, ermöglichen aber zeitnahe Untersuchungen, weshalb sie, trotz höherer Kosten für die Patienten, an Boden gewinnen und entsprechend investieren.

    Das Marktvolumen für Medizintechnik beläuft sich auf geschätzte 10,5 Milliarden Euro. Ein großer Teil des Equipments wird importiert, nicht zuletzt aus Deutschland, von wo Italien unter anderem orthopädische Apparate, Elektrodiagnosegeräte, Spritzen/Kanülen/Katheter, Beatmungsgeräte, künstliche Nieren und Endoskope beschafft. 

    Digitale Gesundheitswirtschaft als Zukunftsschlüssel

    Gesundheitsinstitutionen, Regierung, Hersteller und Patienten wollen mehr digitale Lösungen. Noch steht einer Umsetzung die dezentrale Organisation des Gesundheitswesens im Weg. Abhilfe soll nun mit europäischen Recovery-Geldern erfolgen. Ziel der Investitionen ist es zum einen, mit Hilfe digitaler und telemedizinischer Lösungen mehr Personen zu Hause zu versorgen, insbesondere die steigende Zahl alter und chronisch kranker Patienten.

    Zum anderen sollen Gesundheitsdaten durch digitale Instrumente wie die elektronische Gesundheitsakte vereinheitlicht und leichter zugänglicher werden. Die noch oft unterschiedlichen Systeme der regionalen Verwaltungen sollen so interoperabel werden. Ein weiteres im Recovery Plan genanntes Investitionsziel ist die Vorhersage von Krankheitsverläufen oder eine Frühwarnung möglicher künftiger Pandemien anhand von Analyse vernetzter Daten, komplexer Simulationsmodelle und künstlicher Intelligenz (KI). 

    Medizinische Biotechnologie lebt auf

    Der Umsatz mit Produkten der medizinischen Biotechnologie lag 2020 bei rund 8,3 Milliarden Euro, die Investitionen betrugen rund 1,6 Milliarden Euro, davon 413 Millionen Euro in die Forschung und Entwicklung. Obwohl die meisten Branchenfirmen klein sind, erzielen Großfirmen fast den gesamten Umsatz. Forschung erfolgt zunehmend in Start-ups, zuletzt auch mehr und mehr mit italienischem Kapital. Schwerpunkt sind neue Ansätze zur Diagnose und Therapie von Krebs, Infektionskrankheiten, seltener Krankheiten, Neurologie und Dermatologie sowie Impfstoffe. Die wichtigsten Cluster befinden sich in den Regionen Lombardei, Toskana und Latium. Die Forschung gilt als exzellent, aber unterdimensioniert. Branchenvertreter äußerten sich angesichts der hohen Fördermittel optimistisch. 

    Covid-Lektionen und Ausblick 

    Die unkontrollierte Ausbreitung von Covid-19 in der frühen Phase der Pandemie in Norditalien hat dem Land klargemacht, wie wenig vorbereitet und überholt das eigene Gesundheitssystem ist, das es noch bis vor kurzem als eines der besten der Welt wähnte. Gleichzeitig wurden durch die Extremsituation konkrete Ausgangspunkte für eine Modernisierung sichtbar: Vereinheitlichung und Vernetzung von Gesundheitsdaten, um künftig schneller reagieren zu können, und eine Entlastung der Krankenhäuser durch gut ausgestattete, kompakte Erstversorgungseinheiten und Distanzbetreuung über digitale Kanäle, um besonders verwundbare Patienten zu schützen. Bei Corona-Impfstoffen möchte Italien mittelfristig autark sein. Offenbar ist Moderna interessiert, eine Produktion für Impfstoffe in Italien zu eröffnen. 


    Eckdaten Gesundheitsmarkt

    Indikator

    Wert

    Einwohnerzahl (2020 in Mio.)

    59,6

    Bevölkerungswachstum (2020 in % p.a.)

    -0,3

    Altersstruktur der Bevölkerung (2020)

     Anteil der unter 14-Jährigen (in %)

    12,0

     Anteil der über 65-Jährigen (in %)

    23,2

    Durchschnittseinkommen (2020 in Euro)

    26.485

    Gesundheitsausgaben

     pro Kopf (2020, Euro)

     2.690

     öffentlich (2020, Mrd. Euro)

    119,6

     privat (2020, Mrd. Euro)

    40,3

    Anteil der Gesundheitsausgaben

     am BIP (2020 in %, öffentl. u. privat)

    9,7

    Medikamente (2019 in %)

    18,0

    Anzahl Krankenhäuser (2019), davon

    1.045

     öffentlich 

    573

     privat 

    472

    Ärzte/1000 Einwohner (2019)

    4

    Krankenhausbetten/1.000 Einwohner (2019)

    3,2

    Quelle: OECD, Gimbe, Eurostat, Istat

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Gesundheitssystem

    Italiens Gesundheitssystem ist breit aufgestellt, braucht aber nach klammen Jahren und angesichts neuer Herausforderungen dringend ein Update. 

    Italiens Gesundheitssystem gilt dank seines universellen, in der Regel kostenlosen Zugangs zu Dienstleistungen und Medikamenten, freier Arztwahl sowie seiner großen Zahl gesundheitlichen Einrichtungen und medizintechnischem Gerät grundsätzlich als Vorzeigebeispiel.  

    Bürgerrecht Gesundheit

    Italien unterhält ein universelles öffentliches Gesundheitssystem, das allen Einwohnern einen größtenteils kostenlosen Zugang zu Praxen und Krankenhäusern sowie eine freie Arztauswahl gewährt und einen Großteil der Kosten bei Rx-Präparaten übernimmt (Beveridge-System). Dies gilt als große gesellschaftliche Errungenschaft. 

    Neben einer kostenlosen Grundversorgung über einen Haus- oder Kinderarzt umfasst das System das Recht auf eine Facharztbetreuung, Laboranalysen, Untersuchungen, für die meist ein geringer Eigenbetrag (ticket) zu leisten ist. Eingeschlossen sind auch vom Arzt verschriebene Medikamente, für die Patienten des öffentlichen Gesundheitssystems nur einen geringen Eigenbetrag beisteuern müssen. Medikamente für schwere und chronische Krankheiten und Langzeitkuren sind in der Regel für den Patienten ganz kostenfrei. 

    Die Finanzierung erfolgt zu rund 18 Prozent aus der regionalen Wertschöpfungssteuer IRAP, die Unternehmen auf den Umsatz bzw. auf die Mitarbeiterzahl entrichten müssen, sowie zu einem kleineren Teil aus lokalen oder regionalen Aufschlägen zur Einkommenssteuer (IRPEF addizionale). Der Rest des Bedarfs wird durch das Haushaltsbudget ergänzt, in den vergangenen Jahren waren dies rund 80 Prozent. 

    Weites Netz an Einrichtungen

    Der öffentliche Gesundheitsdienst SSN (Servizio Sanitario Nazionale) umfasste nach Angaben des Gesundheitsministeriums von 2019 insgesamt etwa 27.000 medizinische Einrichtungen. Dazu zählen 1.045 Krankenhäuser mit etwa 191.000 Betten für normale Aufenthalte. Etwas mehr als die Hälfte der Krankenhäuser sind öffentlich, die von unterschiedlich organisierten und benannten öffentlichen Gesundheitsinstitutionen verwaltet werden, so zum Beispiel rund zwei Drittel von sogenannten lokalen Gesundheitsunternehmen (ASL, Azienda sanitaria locale) und ein Zehntel von Krankenhausunternehmen (AO, Azienda ospedaliera). Die privaten Krankenhäuser sind zum Teil staatlich akkreditiert und können so Leistungen des öffentlichen Gesundheitssystems übernehmen. Einige spezielle Krankenhäuser (IRCCS, Istituto di ricovero e cura a carattere scientifico) fokussieren sich auf die medizinische Forschung, nach aktuellsten Angaben gibt es davon in Italien 21 öffentliche und 30 private. 

    Des Weiteren gibt es 8.867 ambulante fachärztliche Einrichtungen mit Labors und Gerätediagnostik. Für die stationäre und teilstationäre Betreuung alter, chronisch oder psychisch Kranker, Behinderter oder palliativer Patienten stehen 7.372 stationäre Einrichtungen und 3.086 teilstationäre Gesundheitseinrichtungen bereit, mit insgesamt 251.701 regulären Plätzen. Hinzu kommen 5.586 weitere Einrichtungen wie Zentren für mentale Gesundheit, Familienpraxen, Dialysezentren und hydrothermale Einrichtungen. Für die Rehabilitation existieren 1.122 spezielle Einrichtungen. Nachts und am Wochenende steht mit dem öffentlichen Gesundheitswachdienst (Guardia Medica) in den ASL eine Alternative zum Notarzt bereit. Insgesamt waren 2019 rund 102.416 Ärzte und 256.428 Pfleger und Krankenschwestern im SSN tätig, ein Arzt pro 1.237 Einwohner und ein Kinderarzt pro 917 Kinder.

    Budget steigt erstmals wieder deutlich 

    Die finanzielle Ausstattung des italienischen Gesundheitssystems ist, nach einigen Jahren ohne signifikanten zusätzlichen Mittelzufluss, im Zuge der Coronakrise wieder spürbar angestiegen. Im Haushalt 2022 sind 124 Milliarden Euro eingeplant, 2023 sollen es 126 Milliarden Euro sein, 2024 sogar 128 Milliarden Euro. 

    Beim Verhältnis der Zahl größerer Medizintechnik in Krankenhäusern wie Computertomografen, Magnetresonanzgeräten oder Mammographen bezogen auf die Bevölkerungszahl liegt Italien laut OECD vor Deutschland und Frankreich. Allerdings haben viele Anlagen schon ein erhebliches Dienstalter und müssten schon seit längerer Zeit erneuert werden. Ziel in der Erneuerungsoffensive des Recovery Plans ist es daher, wo möglich alle Diagnosegeräte die über fünf Jahre alt sind auszuwechseln. 

    Auch wenn das Gesundheitssystem insgesamt als präsent und funktionell gilt, kann es seinen hohen Standard nicht in allen Regionen halten. Besonders im Zentrum und im Süden des Landes entstehen zum Teil lange Wartezeiten für Facharztbesuche, mit Ausnahme von unmittelbar lebensbedrohlichen Krankheiten und Krebspatienten, die sofort versorgt werden. Auch kommt es zu einer Fragmentierung der Dienstleistungen, wenig integrierten Versorgungsnetzen, Problemen bei der Rechtzeitigkeit von Kuren und Eingriffen, exzessiver Hospitalisierung und Eingriffen nicht nur bei klarer Indikation. Branchenkenner berichten auch von zu wenigen Kinderärzten, die für das öffentliche Gesundheitssystem arbeiten. 

    Angesichts der oft langen Wartezeiten für Fachärzte, gehen viele Einwohner zu privaten Ärzten oder Gesundheitsunternehmen, die sie meist aus eigener Tasche bezahlen. Dabei handelt es sich um die gleichen Dienstleistungen, die sie auch im öffentlichen System erhalten hätten. Qualitativ besteht in der Regel kein Unterschied zwischen privaten und staatlichen Anbietern, beziehungsweise gilt das öffentliche System (besonders im Norden) als besser. Diese Ausgaben lagen 2019 bei rund 36 Milliarden Euro. Private Kranken- und Zusatzversicherungen kommen nur in begrenztem Umfang zum Einsatz, meist über kollektive Zusatzleistungen des Arbeitgebers. Nur etwa 11 Millionen Italiener haben eine private Krankenversicherung, davon rund 8,2 Millionen über den Arbeitgeber oder über Branchenvereinbarungen Selbständiger (Anwälte, Notare, Journalisten), wobei diese Ausgaben von der Steuer absetzbar sind. 

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Förderung und Investitionen

    Italien stockt die Mittel für die Gesundheitswirtschaft deutlich auf. Ziel ist ein einheitliches, bedarfsgerechtes und modernes Versorgungssystem auf digitaler Basis.   

    Insgesamt rund 20 Milliarden Euro will Italien bis 2026 in den Gesundheitssektor leiten, um seiner alternden Bevölkerung eine adäquate Versorgung zu garantieren, die sich künftig viel mehr auf den individuellen Patientenbedarf konzentrieren soll als bislang. 

    E-Health und Telemedizin

    Aus dem Aufbau- und Resilienzfonds der Europäischen Union (EU) will Italien rund 15,6 Milliarden Euro für den Gesundheitssektor investieren. Davon sind 7 Milliarden Euro dafür vorgesehen, eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Coronakrise umzusetzen: unnötige Krankenhauseinweisungen vermeiden. Damals hatte eine unkontrollierte Vermischung von Patienten mit Covid-19 und chronischer Krankheiten zu einer Explosion der Infektionen geführt. Über Telemedizin, digitale Tools für eine Echtzeitbehandlung auf Distanz sowie Lösungen für umgebungsunterstütztes Leben (ambient assisted living), koordiniert in landesweit 602 neu zu einzurichtenden operativen Zentralen (Centrali Operative Territoriali), sollen Patienten so gut und so lange wie möglich zu Hause behandelt und betreut werden. Wichtig ist Italien dabei, dass sich die neuen Instrumente in die elektronische Gesundheitsakte (Fasciocolo Sanitario Elettronico) integrieren lassen und zu einer Harmonisierung des nationalen Systems führen. 

    Wo eine Heimversorgung nicht möglich ist, sollen landesweit einheitliche Anlaufstellen geschaffen werden, die sowohl allgemeinmedizinische wie auch fachärztliche Behandlung bieten. Für die Einrichtung von insgesamt 1.288 solcher neuer Gemeindehäuser (Casa di communità) hat Italien aus dem Fonds 2 Milliarden Euro vorgesehen. Eine weitere Milliarde Euro soll 381 Gemeindekrankenhäuser (Ospedale di communitá) einrichten, in denen kleinere oder weniger intensive Eingriffe vorgenommen werden können. Die geplanten neuen einheitlichen Strukturen entstehen zum Teil aus bestehenden Einheiten, werden aber stellenweise auch ganz neu eingerichtet. Weitere 2 Milliarden Euro fließen dem Bereich Heim- und Nahversorgung voraussichtlich aus dem Europäischen Kohäsionsfonds (ReactEU) und zusätzlichen Mitteln aus den Haushalten bis 2026 zu. 

    Neue Medizintechnikgeräte

    Mit weiteren 8,6 Milliarden Euro aus dem Aufbau- und Resilienzfonds will Italien den Gesundheitssektor grundsätzlich modernisieren und digitalisieren. Davon sind 1,2 Milliarden Euro für die Beschaffung von insgesamt 3.133 neuen Medizintechnikgeräten vorgesehen, darunter Magnetresonanzgeräte, Linearbeschleuniger für die Strahlentherapie, feste radiologische Systeme, Gamma-Kameras, Mammografen und Ultraschallgeräte. Die Hälfte der Geräte soll im 3. Quartal 2023 angeschafft werden, die andere Hälfte im 4. Quartal 2024. Etwa 1,5 Milliarden sind für die Digitalisierung der DEA I und II-Notfallzentren vorgesehen, davon 210 Einrichtungen im 1. Quartal 2024 und weitere 70 bis zum 4. Quartal 2025. Die Ausschreibung der Beschaffung der Geräte soll im 3. Quartal 2022 veröffentlicht werden.

    Rund 1,6 Milliarden Euro sind für Erdbebensicherheitsmaßnahmen von Krankenhäusern eingeplant, 1,4 Milliarden für eine Ausbreitung der Elektronischen Gesundheitsakte (FSE) und eine Integration aller bisher regionalen Gesundheitsdokumente auf interoperablen Plattformen. 300 Millionen Euro fließen in technische Infrastruktur und IT für das Monitoring, die Simulation und komplexe Vorhersagen nationaler Gesundheitsphänomene, wie beispielsweise zur Früherkennung künftiger Pandemien. 520 Millionen gehen an die biomedizinische Forschung, speziell in die Förderung von Proof-of-Concept-Initiativen sowie in die Forschung seltener und Behinderung auslösender Krankheiten. Weitere 2,5 Milliarden Euro werden der Digitalisierung des Gesundheitssystems voraussichtlich über den Kohäsionsfonds der EU und Sonderhaushaltsmitteln bis 2026 zufließen. 

    Für den Staatshaushalt der kommenden drei Jahre (2022-2024) steigen die Ausgaben für das Gesundheitssystem (Fondo Sanitario Nazionale) pro Jahr um 2 Milliarden Euro an. Bis 2024 sollen die Mittel auf jährlich 128 Milliarden Euro steigen. Diese Sondermittel sollen insbesondere in die Personalentwicklung gehen und die anderen Maßnahmen der Digitalisierung und Modernisierung durch digitale Kompetenzen flankieren.

    Sondermittel für Forschung und Fachqualifikation

    Im Haushalt 2022 sind zudem Sondermittel über rund 2 Milliarden Euro für den Kauf von Covid-Impfstoffen und anderer innovativer Medikamente zur Behandlung von Covid-Patienten eingeplant. Seit dem Haushalt 2021 gilt eine etwas höhere Obergrenze (7,85 Prozent) für den Anteil am gesamten Gesundheitsbudget, das Krankenhäuser für die Beschaffung von Medikamenten verwenden können. Gemeinsam mit den staatlich subventionierten und im Rahmen des Gesundheitssystems verschriebenen Medikamenten (farmaceutici convenzionati) gibt der Staat jedes Jahr etwa 15 Prozent seines Gesundheitsbudgets für Medikamente aus, 2022 werden dies voraussichtlich also rund 18,6 Milliarden Euro sein. Jeweils 500 Millionen Euro sind zusätzlich in einem Sonderfonds für Kauf innovativer Medikamente sowie innovativer onkologischer Medikamente reserviert. 

    Zur Förderung der medizinischen Biotechnologie stattete das Wirtschaftsministerium die Stiftung Fondazione Enea Biomedical Tech mit zusätzlichen 400 Millionen Euro aus, mit denen sie Biotech-Start-ups unterstützen kann. Junge Biotech-Firmen profitieren ebenfalls von der Steuerbefreiung auf Kapitalerlöse für Investoren, die in innovative Start-ups investieren. Außerdem erhalten sie Steuergutschriften beim Kauf von Equipment im Rahmen von Italiens Industrie 4.0-Förderpolitik. 

    Durch die breit angelegten Förderpläne ist davon auszugehen, dass zahlreiche Segmente von der Aufbruchsstimmung profitieren werden, insbesondere Medizintechnikhersteller, Anbieter digitaler Lösungen für die Gesundheitswirtschaft, (Biotech-) Forschungslabore, Weiterbildungsdienstleister und Pharmaproduzenten. 

    Ausgewählte Investitionsvorhaben *)

    Art des Projekts

    Zeitraum

    Investitionssumme (in Millionen Euro)

    Beschreibung des Projekts

    Impfstoffproduktion (Moderna) (Monza oder Frosinone)

    Frühphase, Oktober 2021 Interesse bekundet.

    k.A.

    Produktion und fortgeschrittene Forschung durch US-Unternehmen Moderna.

    Krankenhaus (Santa Chiara) (Cisanello Pisa)


    Fertigstellung 2023.

    500

    Das neue Krankenhaus Santa Chiara wird ein hochmodernes Krankenhaus und ein F.u.E. Zentrum sein.

    Krankenhaus und Rehabilitationszentrum (Salerno)

    Ende 2021 wird ausgeschrieben.

    327

    Krankenhauskomplex mit einer Fläche von 220.000 Quadratmetern und 732 Betten.

    Krankenhaus  (Piacenza)

    Machbarkeitsstudie vorgelegt.

    277

    Neues Krankenhaus mit 600 Betten, Gesamtfläche 272.000 Quadratmetern.

    Krankenhaus (nuovo Policlinico) (Mailand)

    Fertigstellung  2024.

    260

    Das neue Krankenhaus Policlinico in Mailand wird (23.000 Quadratmeter) das größte und modernste Krankenhaus im Herzen der Stadt sein.

    Krankenhaus (Expo-Gelände Mailand)

    Fertigstellung 2022.

    200

    Ein Krankenhaus für das Gesundheitswesen der Zukunft. Gesamtfläche 150.000 Quadratmeter.

    *) Art der Investition: alle Projekte sind NeubauvorhabenQuelle: Recherchen Germany Trade & Invest

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Rahmenbedingungen und Marktzugang

    Die Beschaffung könnte zunehmend zentral koordiniert erfolgen, auch wenn die öffentlichen Abnehmer letztlich die Regionen sind. 

    Die öffentlichen Stellen setzen bei der Beschaffung verstärkt auf nachgewiesenen Nutzwert und Funktionalität. Auch könnte es im Rahmen des Recovery Plans zu einer gewissen Rückentwicklung zu mehr zentraler Beschaffung geben. Hier kommt der staatlichen Beschaffungsorganisation Consip eine besondere Rolle zu. In Zusammenarbeit mit Forschungslaboren, Ärzten und Verbänden stellt Consip dabei den Lebenszyklusnutzen und eine Anwendung nahe am tatsächlichen Bedarf in den Mittelpunkt der Beschaffungspläne. Dazu werden vermehrt vorab klinische Tests durchgeführt, Empfehlungen ausgesprochen und Rahmenverträge entworfen. Zudem steigt die Möglichkeit für Gesundheitsdienstleister (Krankenhäuser, lokale Gesundheitsagenturen etc.), teures Equipment nur zu mieten.

    Öffentliche Beschaffungsportale

    Die Beschaffungskompetenz im öffentlichen Gesundheitssystem liegt grundsätzlich bei den Regionen, Provinzen und Gemeinden/Städten, die jeweils über eigene Beschaffungsorganisationen (centro di committenza) verfügen, wie beispielsweise ARIA in der Lombardei oder Azienda Zero in Venetien. In letzter Zeit nutzen die Regionen aber auch verstärkt die zentrale e-Procurement-Plattform MePA (Mercato Elettronico) der staatlichen Beschaffungsagentur Consip, wo sich Lieferanten registrieren, einen genauen Produkt- und Preiskatalog einstellen können und zu Ausschreibungen eingeladen werden können. Außerdem stellt Consip eine vereinfachte e-Procurement-Plattform (Sistema Dinamico, SD) bereit, auf der einzelne staatliche Stellen autonom Beschaffungen verhandeln können und keine vollständigen Kataloge eingestellt werden müssen. Zudem beschafft der öffentliche Sektor über Rahmenverträge (Accordo Quadro) und Rahmenvereinbarung (Convenzione).

    Besonders die Rahmenverträge gewinnen an Bedeutung, bei denen die regionalen Gesundheitsbehörden auch Anbietern, die nicht den günstigsten Preis geboten haben, den Zuschlag geben können. Solche schloss Consip zum Beispiel bei der Beschaffung für den Pay-per-use-Nutzung von Computertomografen und Magnetresonanzgeräten ab, bei denen regionale Gesundheitsdienstleister zudem einen finanziellen Anreiz erhalten und die bereits für die Hälfte der Aufträge zum Zug kamen. Auch für Implantate, Herzschrittmacher, implantierte Defibrillatoren, Loop Recorder und koronaren Stents liefen zahlreiche Beschaffungen über solche Rahmenverträge. Für die unterschiedlichen Beschaffungsprozesse steht eine englischsprachige Erklärung bereit. 

    Deutsche Unternehmen können in der Regel unbeschränkt an öffentlichen Beschaffungsmaßnahmen teilnehmen. Für neue Produkte ist eine Registrierung beim Gesundheitsministerium nötig. Für die korrekte Registrierung von Produkten und in den Beschaffungsdatenbanken empfiehlt es sich, die Unterstützung lokaler Dienstleister hinzuzuziehen. Hier informiert und unterstützt unter anderem die AHK Italien. Darüber hinaus empfiehlt sich in jedem Fall eine dauerhafte eigene Präsenz oder eine Kooperation mit lokalen, markterfahrenen Akteuren. 

    Wenig lokale Konkurrenz

    Italien kauft vergleichsweise viel medizintechnische Ausrüstung und Medikamente im Ausland. Die lokalen Pharmahersteller sind auf den Auslandsmarkt fokussiert und produzieren oft im Auftrag Dritter größere Mengen. Der Inlandsmarkt ist größtenteils ausländischen Anbietern überlassen. In der Medizintechnik haben sich die einheimischen Hersteller auf einige Segmente spezialisiert, zum Beispiel kardiologische Geräte, Dialyse-Ausrüstung, Sterilisierungsequipment, Herzschrittmacher, Krankenhausmöbel, Dentalgeräte, Zahnprothesen, Brillengläser und Kontrastmittel für die Bilddiagnose. Zwei Drittel des Inlandsbedarfs an Medizintechnik kommt jedoch aus dem Ausland, zum Beispiel aus den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, Belgien und den USA.

    Lokal produziert Italien unter anderem gefragte Produkte aus dem Ausland, zum Beispiel Heimpflege-Ausrüstung, ferngesteuerte Monitoringsysteme, medizinische Laser, Endoskope, Bilddiagnosegeräte, Ausrüstungen für nicht-invasive und mikrochirurgische Eingriffe, Spritzen, Katheter, Kanülen, Anästhesie-Ausrüstungen, EKGs, Stimulatoren und Defibrillatoren, Beatmungsgeräte/Apparate für Sauerstoff-/Ozontherapie, ophthalmologische Ausrüstungen, Herzschrittmacher, Ausrüstungen für Telemedizin sowie orthopädische Prothesen.

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest 

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft

    Exportinitiative Gesundheitswirtschaft

    Die Exportinitiative bündelt Unterstützungsangebote für die Internationalisierung der Gesundheitswirtschaft.

    AHK Italien

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Ministero della salute

    Gesundheitsministerium

    Farmindustria

    Verband der pharmazeutischen Unternehmen

    Confindustria Dispositivi Medici

    Fachverband zum Medizintechnik

    Consip

    Öffentliche Beschaffungsstelle

    Associazione Italiana Ingegneri clinici

    Verband der klinischen Ingenieure

    Exposanità

    Gesundheitsmesse 04.-06.05.22 Bologna

    CphI

    Internationale Ausstellung und Konferenz für pharmazeutische Inhaltsstoffe und Verpackungsindustrie  RHO Mailand

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