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Branchen | Italien | Gesundheitswesen

Healthcare Monitor - Italien modernisiert Gesundheitssystem

Auch unter der neuen Regierung will Italien mit Hilfe europäischer Fördermittel sein Gesundheitssystem auf den neuesten Stand bringen. Dazu zählen digitale Hilfsmittel. 

Von Oliver Döhne | Mailand


  • Entwicklungen im Gesundheitswesen

    Der Modernisierungsbedarf ist groß und im Recovery-Fonds stehen Mittel bereit, auch wenn das Thema mittlerweile nicht mehr die höchste Priorität in der Regierung zu haben scheint. 

    Italiens Bevölkerung ist eine der ältesten der Welt, die Nachfrage nach Medikamenten und medizinischen Dienstleistungen steigt. Das teure und zum Teil veraltete Gesundheitssystem soll mithilfe digitaler Lösungen effizienter und patientennäher werden. Auch wenn mit dem momentanen Abflauen der Covid-Pandemie andere Themen in den Vordergrund rücken, bleibt Italien grundsätzlich beim Ausbauplan, zumal viele Projekte im Rahmen des Europäischen Aufbau- und Resilienzfazilität verbindlich eingeplant sind und die Regierung Meloni den Kurs der Vorgängerregierung fortsetzen will. 

    Markenmedikamente bleiben stark

    Italien ist gleichzeitig ein wichtiger Wirkstoffentwickler sowie Produzent, Importeur und Absatzmarkt von Pharmaprodukten. Internationale Konzerne produzieren in Italien für den Weltmarkt, unter anderem weil die Arbeitskräfte der Branche als erfahren und gut ausgebildet gelten. Etwa die Hälfte der Branchenfirmen sind ausländisch. 

    Der Inlandsumsatz mit Medikamenten lag laut der nationalen Pharmaagentur AIFA 2021 bei rund 32,2 Milliarden Euro, davon gingen 2021 etwa 69,2 Prozent an das öffentliche Gesundheitssystem, in dessen Rahmen alle Einwohner stark vergünstigte oder kostenlos Medikamente erhalten. 

    Markenmedikamente sind beim Endverbraucher und besonders bei Privatpatienten weiter beliebt, werden im öffentlichen Gesundheitssystem aber verstärkt durch Generika oder Biosimilars ersetzt, da im Gesundheitsbudget eine Obergrenze für Medikamentenausgaben gilt und der Staat hier sparen muss. 

    In den Apotheken waren im Jahr 2021 etwa 53,8 Prozent der mengenmäßig verkauften Präparate Medikamente mit gültigem Patent, 23,6 Prozent solche, die auf abgelaufenen Patenten basieren und 22,6 Prozent Generika. Wertmäßig machten die Anteile 48,3 Prozent, 36,8 Prozent und 14,8 Prozent aus. Rund 82 Prozent der Generika waren der Klasse A zuzuordnen. 

    Medizintechnik aus dem Ausland gefragt

    Italien ist expandierender Markt, besonders für High-End-Produkte. Die Bank Mediobanca rechnet auf dem Inlandsmarkt für 2022 mit einem Umsatzplus der Medizintechnik von 5,8 Prozent. Der Absatz in Italien lag 2021 bei schätzungsweise 11 Milliarden Euro, etwas mehr als die Hälfte kam dabei durch ausländische Branchenunternehmen. Ein größerer Teil des Equipments wird importiert, nicht zuletzt aus Deutschland, von wo Italien unter anderem orthopädische Apparate, Elektrodiagnosegeräte, Spritzen/Kanülen/Katheter, Beatmungsgeräte, künstliche Nieren und Endoskope beschafft. 

    Rund 70 Prozent der Geräte gehen an das öffentliche Gesundheitssystem, dessen Bestand zunehmend veraltet. Im Rahmen des europäischen Recovery Funds will Italien nun in voraussichtlich zwei großen Beschaffungsrunden neue Ausrüstung für seine Gesundheitsämter und Krankenhäuser erwerben, darunter werden in Italiens Verwendungsplan der Recovery Gelder konkret genannt: Magnetresonanzgeräte, Linearbeschleuniger für die Strahlentherapie, feste radiologische Systeme, Gammakameras, Gammakameras für Computertomografie, Mammographen und Ultraschallgeräte. Die erst Ausschreibungsrunde soll für insgesamt 1.568 medizintechnische Großgeräte bis zum 3. Quartal 2023 stattfinden, die zweite Runde für 1.565 Geräte folgt bis zum 4. Quartal 2024.

    Private Labore und Dienstleister bieten gleiche Leistungen wie das öffentliche System, ermöglichen aber zeitnahe Untersuchungen, weshalb sie, trotz höherer Kosten für die Patienten, an Boden gewinnen und investieren.

    Meloni will digitale Krankenhäuser

    Gesundheitsinstitutionen, Hersteller und Patienten wollen mehr digitale Lösungen. Noch bremst die dezentrale Organisation des Gesundheitswesens. In ihrer Antrittsrede bekräftigte die neue Premierministerin Giorgia Meloni den Kurs von Amtsvorgänger Draghi, die Krankenhäuser so schnell und umfangreich wie möglich zu digitalisieren, die Telemedizin zu fördern und den Informationsaustausch aller wichtigen Akteure über Instrumente wie eine zentrale einheitliche Gesundheitssoftware zu gewährleisten. Mittel stehen hierfür im Recovery Fund üppig zur Verfügung.

    Nach einer Studie des Politecnico Mailand umfasst der Markt für digitale Gesundheit in Italien 2021 rund 1,7 Milliarden Euro, 12,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Verlauf der Pandemie ist die Akzeptanz digitaler Kommunikation in Italien deutlich gestiegen. Da aber eine umfassendere Strategie für die Telemedizin noch fehlt, besteht die Gefahr, dass diese Chance vorbeiziehen könnte. Viel Kommunikation zwischen Arzt und Patient läuft noch über konventionelle Chatdienste und nicht über sichere und adäquate Plattformen.  Auch die elektronische Patientenakte ist bekannter geworden und wird auch mehr genutzt, jedoch besteht noch Handlungsbedarf bei der Vereinheitlichung in den Regionen und dem noch dürftigen Umfang ihrer Datenspeisung. Ein weiteres im Recovery Plan genanntes Investitionsziel ist die Vorhersage von Krankheitsverläufen oder eine Frühwarnung möglicher künftiger Pandemien anhand von Analyse vernetzter Daten, komplexer Simulationsmodelle und künstlicher Intelligenz (KI). 

    Medizinische Biotechnologie benötigt mehr Mittel

    Der Umsatz mit Produkten der medizinischen Biotechnologie lag laut dem aktuellsten Report des Branchenverbands Assobiotec im Jahr 2021 bei rund 7,5 Milliarden Euro. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung betrugen rund 1,5 Milliarden Euro. Forschung erfolgt zunehmend in Start-ups, zuletzt auch mehr mit italienischem Kapital. Allerdings stand 2021 in Deutschland und Frankreich doppelt so viel Wagniskapital für medizinische Biotechnologie bereit. 

    Schwerpunkte in Italien sind Infektionskrankheiten, Impfstoffe, neue Ansätze zur Diagnose und Therapie von Krebs, seltene Krankheiten sowie Neurologie und Dermatologie. Die wichtigsten Cluster befinden sich in den Regionen Lombardei, Toskana und Latium. Die Forschung gilt als exzellent, aber unterdimensioniert.  


    Eckdaten Gesundheitsmarkt

    Indikator

    Wert

    Einwohnerzahl (2022 in Mio.)

    58,9

    Bevölkerungswachstum (2022 in % p.a.)

    -0,4

    Altersstruktur der Bevölkerung (2022)

     Anteil der unter 14-Jährigen (in %)

    11,7

     Anteil der über 65-Jährigen (in %)

    23,8

    Durchschnittseinkommen (2021 in Euro)

    26.660

    Gesundheitsausgaben

     pro Kopf (2021 in Euro)

     2.834

     öffentlich (2021 in Mrd. Euro)

    127,8

    Anteil der Gesundheitsausgaben

     am BIP (2021 in %, öffentl. u. privat)

    9,5

     Medikamente (2021 in %)

    20,4

    Anzahl Krankenhäuser (2020), davon

    1.065

     öffentlich 

    430

     privat 

    635

    Ärzte/1000 Einwohner (2020)

    4

    Krankenhausbetten/1.000 Einwohner (2020)

    3,2

    Quelle: OECD health statistics 2022, Istat 2022

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Gesundheitssystem

    Italiens Gesundheitssystem ist breit aufgestellt, gilt aber als langsam und uneinheitlich. Viele Zuständigkeiten liegen bei den Regionen und Gemeinden. 

    Italiens öffentliches Gesundheitssystem gilt aufgrund seiner Reichweite grundsätzlich als Vorzeigebeispiel, ist aber in die Jahre gekommen. Die Coronapandemie legte schonungslos offen, wo Verbesserungsbedarf besteht. Das hat zum Umdenken bei den Verantwortlichen geführt und bietet eine Chance, das gute aber oft zu konservative System auf den neuesten Stand zu bringen.   

    Bürgerrecht Gesundheit

    Italien unterhält ein universelles öffentliches Gesundheitssystem, das allen Einwohnern einen größtenteils kostenlosen Zugang zu Praxen, Krankenhäusern und medizintechnischer Behandlung sowie eine freie Arztauswahl gewährt und einen Großteil der Kosten bei Rx-Präparaten übernimmt (Beveridge-System). Dies gilt als große gesellschaftliche Errungenschaft. 

    Neben einer kostenlosen Grundversorgung über einen Haus- oder Kinderarzt umfasst das System das Recht auf eine Facharztbetreuung, Laboranalysen, Untersuchungen, für die meist ein geringer Eigenbetrag (ticket) zu leisten ist. Eingeschlossen sind auch vom Arzt verschriebene Medikamente, für die Patienten des öffentlichen Gesundheitssystems nur einen geringen Eigenbetrag beisteuern müssen. Medikamente für schwere und chronische Krankheiten und Langzeitkuren sind in der Regel für den Patienten ganz kostenfrei. 

    Die Finanzierung erfolgt zu rund 18 Prozent aus der regionalen Wertschöpfungssteuer IRAP, die Unternehmen auf den Umsatz bzw. auf die Mitarbeiterzahl entrichten müssen, sowie zu einem kleineren Teil aus lokalen oder regionalen Aufschlägen zur Einkommenssteuer (IRPEF addizionale). Der Rest des Bedarfs wird durch das Haushaltsbudget ergänzt, in den vergangenen Jahren waren dies rund 80 Prozent. 

    Weites Netz an Einrichtungen

    Der öffentliche Gesundheitsdienst SSN (Servizio Sanitario Nazionale) umfasste nach Angaben des Gesundheitsministeriums von 2019 insgesamt etwa 27.000 medizinische Einrichtungen. Dazu zählen 1.045 Krankenhäuser mit etwa 191.000 Betten für normale Aufenthalte. Etwas mehr als die Hälfte der Krankenhäuser sind öffentlich, die von unterschiedlich organisierten und benannten öffentlichen Gesundheitsinstitutionen verwaltet werden, so zum Beispiel rund zwei Drittel von sogenannten lokalen Gesundheitsunternehmen (ASL, Azienda sanitaria locale) und ein Zehntel von Krankenhausunternehmen (AO, Azienda ospedaliera). Die privaten Krankenhäuser sind zum Teil staatlich akkreditiert und können so Leistungen des öffentlichen Gesundheitssystems übernehmen. Einige spezielle Krankenhäuser (IRCCS, Istituto di ricovero e cura a carattere scientifico) fokussieren sich auf die medizinische Forschung, nach aktuellsten Angaben gibt es davon in Italien 21 öffentliche und 30 private. 

    Des Weiteren gibt es 8.867 ambulante fachärztliche Einrichtungen mit Labors und Gerätediagnostik. Für die stationäre und teilstationäre Betreuung alter, chronisch oder psychisch Kranker, Behinderter oder palliativer Patienten stehen 7.372 stationäre Einrichtungen und 3.086 teilstationäre Gesundheitseinrichtungen bereit, mit insgesamt 251.701 regulären Plätzen. Hinzu kommen 5.586 weitere Einrichtungen wie Zentren für mentale Gesundheit, Familienpraxen, Dialysezentren und hydrothermale Einrichtungen. Für die Rehabilitation existieren 1.122 spezielle Einrichtungen. Nachts und am Wochenende steht mit dem öffentlichen Gesundheitswachdienst (Guardia Medica) in den ASL eine Alternative zum Notarzt bereit. Insgesamt waren 2019 rund 102.416 Ärzte und 256.428 Pfleger und Krankenschwestern im SSN tätig, ein Arzt pro 1.237 Einwohner und ein Kinderarzt pro 917 Kinder.

    Budgetwachstum moderater als geplant 

    Die finanzielle Ausstattung des italienischen Gesundheitssystems war, nach einigen Jahren ohne signifikanten zusätzlichen Mittelzufluss, im Zuge der Coronakrise wieder spürbar angestiegen. Nach Ende der akuten Phase scheint sich die Entschlossenheit, ausreichende Mittel einzusetzen, wieder abzunehmen. So stellt die Regierung dem Gesundheitssystem 2023 zwar zusätzliche 2 Milliarden Euro bereit, sieht diese aber in erste Linie für den Ausgleich der hohen Energiekosten vor und nicht wo es wirklich brennt, so Branchenexperten. 

    Beim Verhältnis der Zahl größerer Medizintechnik in Krankenhäusern wie Computertomografen, Magnetresonanzgeräten oder Mammographen bezogen auf die Bevölkerung liegt Italien laut OECD vor Deutschland und Frankreich. Allerdings haben viele Anlagen schon ein hohes Dienstalter und müssten seit längerer Zeit erneuert werden. Ziel in der Erneuerungsoffensive des Recovery Plans ist es, wo möglich, alle Diagnosegeräte, die über fünf Jahre alt sind, auszuwechseln. 

    Auch wenn das Gesundheitssystem insgesamt als präsent und funktional gilt, kann es seinen hohen Standard nicht in allen Regionen halten. Besonders im Süden des Landes entstehen zum Teil lange Wartezeiten für Facharztbesuche, mit Ausnahme von unmittelbar lebensbedrohlichen Krankheiten und Krebspatienten, die sofort versorgt werden. Auch kommt es zu einer Fragmentierung der Dienstleistungen, wenig integrierten Versorgungsnetzen, Problemen bei der Rechtzeitigkeit von Kuren und Eingriffen, exzessiver Hospitalisierung und Eingriffen nicht nur bei klarer Indikation. Branchenkenner berichten auch von zu wenigen Kinderärzten, die für das öffentliche Gesundheitssystem arbeiten. 

    Angesichts der oft langen Wartezeiten für Fachärzte, gehen viele Einwohner zu privaten Ärzten oder Gesundheitsunternehmen, die sie meist aus eigener Tasche bezahlen. Dabei handelt es sich um die gleichen Dienstleistungen, wie im öffentlichen System. Qualitativ besteht oft kein Unterschied zwischen privaten und staatlichen Anbietern. Diese Ausgaben lagen 2019 bei rund 36 Milliarden Euro. Private Kranken- und Zusatzversicherungen kommen nur in begrenztem Umfang zum Einsatz, meist über kollektive Zusatzleistungen des Arbeitgebers. Nur etwa 11 Millionen Italiener haben eine private Krankenversicherung, davon rund 8,2 Millionen über den Arbeitgeber oder über Branchenvereinbarungen Selbständiger. 

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Förderung und Investitionen

    Rund 20 Milliarden Euro will Italien bis 2026 in die Modernisierung des Gesundheitssystems investieren. Der Haushalt 2023 soll vorerst die höheren Energiekosten kompensieren.  

    Neben dem grünen Wandel ist die Gesundheitswirtschaft ein Schwerpunkt von Italiens Plan zur Verwendung der Europäischen Förder- und Hilfsgelder. Ziel ist es, der alternden Bevölkerung eine adäquate Versorgung zu garantieren, die sich künftig viel mehr auf den individuellen Patientenbedarf konzentrieren soll als bislang. Im aktuellen Haushaltsentwurf für 2023 fehlen jedoch Mittel die diesen Kurs unterstützen. 

    E-Health und Telemedizin

    Aus der Aufbau- und Resilienzfazilität der EU will Italien rund 15,6 Milliarden Euro in den Gesundheitssektor investieren. Davon sind 7 Milliarden Euro dafür vorgesehen, eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Coronakrise umzusetzen: unnötige Krankenhauseinweisungen vermeiden. Damals hatte eine unkontrollierte Vermischung von Patienten mit Covid-19 und chronischer Krankheiten zu einer Explosion der Infektionen geführt. Über Telemedizin, digitale Tools für eine Echtzeitbehandlung auf Distanz sowie Lösungen für umgebungsunterstütztes Leben (ambient assisted living), koordiniert in landesweit 602 neu zu einzurichtenden operativen Zentralen (Centrali Operative Territoriali), sollen Patienten so gut und so lange wie möglich zu Hause behandelt und betreut werden. Wichtig ist Italien dabei, dass sich die neuen Instrumente in die elektronische Gesundheitsakte (Fascicolo Sanitario Elettronico) integrieren lassen und zu einer Harmonisierung des nationalen Systems führen. 

    Wo eine Heimversorgung nicht möglich ist, sollen landesweit einheitliche Anlaufstellen geschaffen werden, die sowohl allgemeinmedizinische wie auch fachärztliche Behandlung bieten. Für die Einrichtung von insgesamt 1.288 solcher neuer Gemeindehäuser (Casa di communità) hat Italien aus dem Fonds 2 Milliarden Euro vorgesehen. Eine weitere Milliarde Euro soll 381 Gemeindekrankenhäuser (Ospedale di communitá) einrichten, in denen kleinere oder weniger intensive Eingriffe vorgenommen werden können. Die geplanten neuen einheitlichen Strukturen entstehen zum Teil aus bestehenden Einheiten, werden aber stellenweise auch ganz neu eingerichtet. Weitere 2 Milliarden Euro fließen dem Bereich Heim- und Nahversorgung voraussichtlich aus dem Europäischen Kohäsionsfonds (ReactEU) und zusätzlichen Mitteln aus den Haushalten bis 2026 zu. 

    Über eine Milliarde Euro für neue Medizintechnikgeräte

    Mit weiteren 8,6 Milliarden Euro aus dem Aufbau- und Resilienzfonds will Italien den Gesundheitssektor modernisieren und digitalisieren. Davon sind 1,2 Milliarden Euro für die Beschaffung von insgesamt 3.133 neuen Medizintechnikgeräten vorgesehen, darunter Magnetresonanzgeräte, Linearbeschleuniger für die Strahlentherapie, feste radiologische Systeme, Gamma-Kameras, Mammographen und Ultraschallgeräte. Die Hälfte der Geräte soll im 3. Quartal 2023 angeschafft werden, die andere Hälfte im 4. Quartal 2024. Etwa 1,5 Milliarden sind für die Digitalisierung der DEA I und II-Notfallzentren vorgesehen, davon 210 Einrichtungen im 1. Quartal 2024 und weitere 70 bis zum 4. Quartal 2025. Die Ausschreibung der Beschaffung der Geräte soll im 3. Quartal 2022 veröffentlicht werden.

    Rund 1,6 Milliarden Euro sind für Erdbebensicherheitsmaßnahmen von Krankenhäusern eingeplant, 1,4 Milliarden für eine Ausbreitung der Elektronischen Gesundheitsakte (FSE) und eine Integration aller bisher regionalen Gesundheitsdokumente auf interoperablen Plattformen. 300 Millionen Euro fließen in technische Infrastruktur und IT für das Monitoring, die Simulation und komplexe Vorhersagen nationaler Gesundheitsphänomene, wie beispielsweise zur Früherkennung künftiger Pandemien. 520 Millionen gehen an die biomedizinische Forschung, speziell in die Förderung von Proof-of-Concept-Initiativen sowie in die Forschung seltener und Behinderung auslösender Krankheiten. Weitere 2,5 Milliarden Euro werden der Digitalisierung des Gesundheitssystems voraussichtlich über den Kohäsionsfonds der EU und Sonderhaushaltsmitteln bis 2026 zufließen. 

    Für den Staatshaushalt der kommenden drei Jahre (2022-2024) sollten die Ausgaben für das Gesundheitssystem im Rahmen des Nationalen Gesundheitsfonds (Fondo Sanitario Nazionale) eigentlich pro Jahr um 2 Milliarden Euro steigen. Diese Sondermittel sollen insbesondere in die Personalentwicklung gehen und die anderen Maßnahmen der Digitalisierung und Modernisierung durch digitale Kompetenzen flankieren. Der Haushaltsentwurf der neuen Regierung deutet jedoch Kürzungen an, ohne diese genau zu spezifizieren. Marktexperten rechnen mit bis zu 300 Millionen Euro pro Jahr weniger. 

    Weniger Mittel im Haushalt 2023 

    Seit dem Haushalt 2022 gilt eine etwas höhere Obergrenze (8 Prozent) für den Anteil am gesamten Gesundheitsbudget, das Krankenhäuser für die Beschaffung von Medikamenten verwenden können. Gemeinsam mit den staatlich subventionierten und im Rahmen des Gesundheitssystems verschriebenen Medikamenten (farmaceutici convenzionati) gibt der Staat jedes Jahr etwa 15 Prozent seines Gesundheitsbudgets für Medikamente aus. Jeweils 500 Millionen Euro sind zusätzlich in einem Sonderfonds für Kauf innovativer Medikamente sowie innovativer onkologischer Medikamente reserviert. 

    Zur Förderung der medizinischen Biotechnologie stattete das Wirtschaftsministerium die Stiftung Fondazione Enea Biomedical Tech mit zusätzlichen 400 Millionen Euro aus, mit denen sie Biotech-Start-ups unterstützen kann. Junge Biotechunternehmen profitieren ebenfalls von der Steuerbefreiung auf Kapitalerlöse für Investoren, die in innovative Start-ups investieren. Außerdem erhalten sie Steuergutschriften beim Kauf von Equipment im Rahmen von Italiens Industrie 4.0-Förderpolitik. 

    Durch die breit angelegten Förderpläne und den hohen Modernisierungsbedarf ist davon auszugehen, dass zahlreiche Segmente sich, trotz der geringeren Priorität des Sektors in der aktuellen Regierung, insgesamt positiv entwickeln werden. Dazu zählen insbesondere Medizintechnik, digitale Lösungen für die Gesundheitswirtschaft, (Biotech-) Forschung, Weiterbildungsdienstleistungen und Pharmazie. 

    Ausgewählte Investitionsvorhaben *

    Projekt

    Zeitraum

    Investitionssumme (in Mio. Euro)

    Beschreibung des Projekts

    Krankenhaus (Santa Chiara) (Cisanello Pisa)


    Fertigstellung 2023

    500

    Das neue Krankenhaus Santa Chiara wird eine hochmoderne Klinik und ein Zentrum für Forschung und Entwicklung sein.

    Neues Krankenhaus in Ivrea (im ehemaligen Olivetti-Zentrum)

    Machbarkeitsstudie von Politecnico von Mailand vorgelegt.

    400

    Krankenhauskomplex mit einer Fläche von 36.000 Quadratmetern und 300 Betten.

    E-Health Technopark Lido (Venedig)

    Machtbarkeitsstudie von CompuGroup vorgelegt.

    k. A.

    Ehemaliges Krankenhaus am Lido von Venedig, erworben vom deutschen Unternehmer Frank Gotthard mit einer Gesamtfläche von über 48.000 Quadratmetern.

    Krankenhaus und Rehabilitationszentrum (Salerno)

    Ende 2021 wird ausgeschrieben.

    327

    Krankenhauskomplex mit einer Fläche von 220.000 Quadratmetern und 732 Betten.

    Krankenhaus  (Piacenza)

    Fertigstellung 2025

    277

    Neues Krankenhaus mit 600 Betten, Gesamtfläche 272.000 Quadratmeter.

    Krankenhaus (nuovo Policlinico) (Mailand)

    Fertigstellung  2024

    260

    Das neue Krankenhaus Policlinico in Mailand wird (23.000 Quadratmeter) das größte und modernste Krankenhaus im Herzen der Stadt sein.

    Krankenhaus (Expo-Gelände Mailand)

    Fertigstellung 2023

    200

    Ein Krankenhaus für das Gesundheitswesen der Zukunft. Gesamtfläche 150.000 Quadratmeter.

    * Art der Investition: alle Projekte sind NeubauvorhabenQuelle: Recherchen Germany Trade & Invest 2022

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Rahmenbedingungen und Marktzugang

    Die Beschaffung könnte zunehmend zentral koordiniert erfolgen, auch wenn die öffentlichen Abnehmer letztlich die Regionen sind. 

    Die öffentlichen Stellen setzen bei der Beschaffung verstärkt auf nachgewiesenen Nutzwert und Funktionalität. Auch könnte es im Rahmen des Recovery Plans, trotz der Zuständigkeit der Regionen, zu einer gewissen Rückentwicklung zu mehr zentraler Beschaffung geben. Hier kommt der staatlichen Beschaffungsorganisation Consip eine besondere Rolle zu. In Zusammenarbeit mit Forschungslaboren, Ärzten und Verbänden stellt Consip dabei den Lebenszyklusnutzen und eine Anwendung nahe am tatsächlichen Bedarf in den Mittelpunkt der Beschaffungspläne. Dazu werden vermehrt vorab klinische Tests durchgeführt, Empfehlungen ausgesprochen und Rahmenverträge entworfen. Zudem steigt die Möglichkeit für Gesundheitsdienstleister (Krankenhäuser, lokale Gesundheitsagenturen etc.), teures Equipment nur zu mieten.

    Öffentliche Beschaffungsportale

    Die Beschaffungskompetenz im öffentlichen Gesundheitssystem liegt grundsätzlich bei den Regionen, Provinzen und Gemeinden/Städten, die jeweils über eigene Beschaffungsorganisationen (centro di committenza) verfügen, wie beispielsweise ARIA in der Lombardei oder Azienda Zero in Venetien. In letzter Zeit nutzen die Regionen aber auch verstärkt die zentrale e-Procurement-Plattform MePA (Mercato Elettronico) der staatlichen Beschaffungsagentur Consip, wo sich Lieferanten registrieren, einen genauen Produkt- und Preiskatalog einstellen können und zu Ausschreibungen eingeladen werden können. Außerdem stellt Consip eine vereinfachte e-Procurement-Plattform (Sistema Dinamico, SD) bereit, auf der einzelne staatliche Stellen autonom Beschaffungen verhandeln können und keine vollständigen Kataloge eingestellt werden müssen. Zudem beschafft der öffentliche Sektor über Rahmenverträge (Accordo Quadro) und Rahmenvereinbarung (Convenzione).

    Besonders die Rahmenverträge gewinnen an Bedeutung, bei denen die regionalen Gesundheitsbehörden auch Anbietern, die nicht den günstigsten Preis geboten haben, den Zuschlag geben können. Solche schloss Consip zum Beispiel bei der Beschaffung für den Pay-per-use-Nutzung von Computertomografen und Magnetresonanzgeräten ab, bei denen regionale Gesundheitsdienstleister zudem einen finanziellen Anreiz erhalten und die bereits für die Hälfte der Aufträge zum Zug kamen. Auch für Implantate, Herzschrittmacher, implantierte Defibrillatoren, Loop Recorder und koronaren Stents liefen zahlreiche Beschaffungen über solche Rahmenverträge. Für die unterschiedlichen Beschaffungsprozesse steht eine englischsprachige Erklärung bereit. 

    Deutsche Unternehmen können in der Regel unbeschränkt an öffentlichen Beschaffungsmaßnahmen teilnehmen. Für neue Produkte ist eine Registrierung beim Gesundheitsministerium nötig. Für die korrekte Registrierung von Produkten und in den Beschaffungsdatenbanken empfiehlt es sich, die Unterstützung lokaler Dienstleister hinzuzuziehen. Hier informiert und unterstützt unter anderem die AHK Italien. Darüber hinaus empfiehlt sich in jedem Fall eine dauerhafte eigene Präsenz oder eine Kooperation mit lokalen, markterfahrenen Akteuren. 

    Wenig lokale Konkurrenz

    Italien kauft vergleichsweise viel medizintechnische Ausrüstung und Medikamente im Ausland. Die lokalen Pharmahersteller sind auf den Auslandsmarkt fokussiert und produzieren oft im Auftrag Dritter größere Mengen. Der Inlandsmarkt ist größtenteils ausländischen Anbietern überlassen. In der Medizintechnik haben sich die einheimischen Hersteller auf einige Segmente spezialisiert, zum Beispiel kardiologische Geräte, Dialyse-Ausrüstung, Sterilisierungsequipment, Herzschrittmacher, Krankenhausmöbel, Dentalgeräte, Zahnprothesen, Brillengläser und Kontrastmittel für die Bilddiagnose. Zwei Drittel des Inlandsbedarfs an Medizintechnik kommt jedoch aus dem Ausland, zum Beispiel aus den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, Belgien und den USA.

    Lokal produziert Italien unter anderem gefragte Produkte aus dem Ausland, zum Beispiel Heimpflege-Ausrüstung, ferngesteuerte Monitoringsysteme, medizinische Laser, Endoskope, Bilddiagnosegeräte, Ausrüstungen für nicht-invasive und mikrochirurgische Eingriffe, Spritzen, Katheter, Kanülen, Anästhesie-Ausrüstungen, EKGs, Stimulatoren und Defibrillatoren, Beatmungsgeräte/Apparate für Sauerstoff-/Ozontherapie, ophthalmologische Ausrüstungen, Herzschrittmacher, Ausrüstungen für Telemedizin sowie orthopädische Prothesen.

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest 

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft

    Exportinitiative Gesundheitswirtschaft

    Die Exportinitiative bündelt Unterstützungsangebote für die Internationalisierung der Gesundheitswirtschaft.

    AHK Italien

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Ministero della salute

    Gesundheitsministerium

    Istituto Superiore di Sanità

    Nationales Institut für Gesundheit

    Farmindustria

    Verband der pharmazeutischen Unternehmen

    Confindustria Dispositivi Medici

    Fachverband zum Medizintechnik

    Assbiotec

    Fachverband für Biotechnologie

    Consip

    Öffentliche Beschaffungsstelle

    Associazione Italiana Ingegneri clinici

    Verband der klinischen Ingenieure

    Exposanità

    Internationale Ausstellung für das Gesundheitswesen, Mai 2024 Bologna

    Pharmaintech

    Bezugsmesse für die Pharmazeutische und Parapharmazeutische Industrie, Rho Mailand 2025

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