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Kanadisches Flüssigerdgas ist kurzfristig keine Lösung für Europa

Europa und vor allem Deutschland hoffen, dass Kanada ein verlässlicher Lieferant von LNG wird. Entsprechende Projekte konnten bisher nicht überzeugen. Hat sich das Blatt gedreht?

Von Daniel Lenkeit | Toronto

Eine Bestandsaufnahme vorweg: Kanada verfügt aktuell über keine Exportinfrastruktur für Flüssigerdgas (liquefied natural gas, LNG). Der einzige LNG-Ausfuhrterminal in der Entwicklung wird 2025 in British Columbia an der Westküste des Landes fertig gestellt. Dort und in der Provinz Alberta liegen überwiegend die Gasvorkommen des Landes.

LNG-Vorhaben bisher mit schlechter Erfolgsbilanz 

Den Flüssiggasboom der 2010er Jahre hatte Kanada verschlafen. Dann sollte der große Einstieg in den globalen LNG-Markt folgen. Vor allem Asiens gashungrige Märkte wollten die Kanadier bedienen. Es folgten zahlreiche Projektankündigungen für LNG-Terminals und neue Pipelineinfrastruktur. Die meisten dieser Pläne kamen nie zur Umsetzung. Die Projekte sind heute fast alle begraben – viele aus wirtschaftlichen Gründen, andere wegen Umweltauflagen oder lokalem Widerstand gegen den Pipelinebau. In der Pandemie zogen sich dann die letzten Investoren zurück.

Damit war unter anderem das Kitimat LNG-Projekt gescheitert, ein Joint-Venture von Chevron und der australischen Woodside Energy. Das Vorhaben Énergie Saguenay in Québec bestand die Umweltprüfungen nicht. Auch ein Vorhaben an der Ostküste in Nova Scotia, das Goldboro-Projekt der Firma Pieridae Energy, scheiterte letztendlich an der Finanzierung. Hier waren die Gespräche schon weit fortgeschritten. Es gab sogar einen langfristigen LNG-Abnahmevertrag mit der deutschen Uniper SE. Die finale Investitionsentscheidung blieb dennoch aus.

Kanada soll die deutsche Abhängigkeit von russischem Erdgas lindern

Mit Europas aktuellen Energiesorgen geht der Blick nun erneut über den Atlantik. Bereits abgeschriebene Projekte wie Goldboro und Saguenay werden wieder aufgewärmt. Dazu diskutiert die kanadische Regierung mit dem spanischen Energiekonzern Repsol über die Umrüstung von dessen LNG-Importterminal in Saint John (Provinz New Brunswick) zu einem Exportterminal.

Vor allem von deutscher Seite ist die Hoffnung auf Flüssigerdgas aus Kanada groß. Kanadisches Gas soll russisches ersetzen – und dies möglichst schnell.

Gleichwohl haben sich die Vorzeichen für die Wirtschaftlichkeit der Projekte nicht verändert. Aus öffentlicher Sicht sind Gasprojekte kaum zu fördern. Mit ihrem Bekenntnis zur Klimaneutralität setzt die Regierung den Fokus auf erneuerbare Energien, so gern Kanada seinen Verbündeten in Europa aus der Patsche helfen möchte. Ottawa kündigte bereits im Juni 2022 an, keine finanzielle Unterstützung für LNG-Projekte leisten zu wollen. Diese müssten sich selber tragen.

LNG-Lieferungen aus Kanada kurzfristig nicht möglich

Damit geht die Wahrscheinlichkeit, dass bald Gas aus Kanada nach Europa fließt, gegen Null. Zweifelsohne können mit genügend finanzieller Unterstützung und politischem Willen LNG-Terminals im Osten Kanadas entstehen. Die nötigen Zutaten: Zeit, Geld und der Wille, die eigene Klimaschutzpolitik etwas aufzuweichen.

Zeitlich reden wir im besten Fall über drei bis vier Jahre. Das wäre der Horizont, den Repsol nach eigenen Angaben für die Umrüstung seines Terminals in New Brunswick vom Import auf den Export von LNG bräuchte. Doch der spanische Energieriese wird sich genau überlegen, wie nachhaltig der europäische Bedarf an kanadischem LNG ist. Investitionsentscheidungen in Projekte dieser Größenordnung müssen sich über 30 bis 40 Jahre rechnen.

Demnach ist die schnellste Lösung theoretisch mindestens drei Jahre entfernt. Alle anderen Projekte im Osten Kanadas bräuchten die doppelte bis dreifache Zeit. 

Zudem ist unklar, wo das Gas herkommen soll. Der Osten Kanadas hat nicht genügend eigenes Gas und ist auf Lieferungen aus den USA angewiesen. In Bezug auf Fracking und Offshore-Bohrungen sind in den Atlantikprovinzen Moratorien in Kraft. Eine Pipelineverbindung zwischen Québec und New Brunswick müsste erst gelegt werden. Diese wäre nötig, um Gas aus dem fernen Alberta in die Atlantikprovinzen zu transportieren.

Selbst wenn die regulatorischen Hürden genommen werden, bleiben nicht unerhebliche Kosten – sowohl finanzielle für den Bau der Infrastruktur als auch gesellschaftliche für die Ausweitung der fossilen Energieversorgung.

Unterm Strich ist Kanada für Europa kurzfristig keine Lösung für den LNG-Bezug. Selbst wenn in einigen Jahren LNG aus Kanada Richtung Deutschland verschifft würde, wäre es wohl eher ein Tropfen auf den heißen Stein als die Befreiung von der russischen Energieabhängigkeit.

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