Wirtschaftsumfeld | Zentralasien | Einfluss Chinas

China dringt wirtschaftlich immer stärker nach Zentralasien vor

Das Reich der Mitte konkurriert mit Russland um die Rolle als wichtigster Wirtschaftspartner Zentralasiens. Auch deutsche Unternehmen machen Geschäfte in der aufstrebenden Region.

Von Viktor Ebel | Almaty

Wer dieser Tage zentralasiatische Metropolen wie Bischkek, Astana oder Duschanbe besucht, stellt fest: Graue Wohnblöcke und Ladas prägen das Stadtbild kaum noch. Moderne Hochhäuser dominieren die Innenstädte. Gleichzeitig rollen zahlreiche chinesische Autos auf den Straßen. Innerhalb weniger Jahre haben Fahrzeuge "made in China“ den Markt erobert und beträchtliche Marktanteile gewonnen.

39 %

betrug der Marktanteil chinesischer Pkw an den Neuverkäufen 2025 in Kasachstan, 2020 sind es nur 2 % gewesen.

China sieht in Zentralasien jedoch mehr als einen Absatzmarkt. Das Land zählt inzwischen zu den wichtigsten ausländischen Investoren der Region. Neben Infrastruktur-, Energie- und Rohstoffprojekten investieren chinesische Unternehmen zunehmend in die verarbeitende Industrie. Mehrere Fahrzeugmodelle werden inzwischen in Kasachstan und Usbekistan montiert.

Anbieter aus dem Reich der Mitte fordern deutsche Produzenten nicht nur im Automobilsektor heraus. Auch bei Maschinen und anderen Technologiegütern setzen chinesische Unternehmen deutsche Firmen unter Druck. In geopolitisch schwierigen Zeiten punkten sie mit niedrigen Preisen sowie schneller und unbürokratischer Lieferung. Politische Unterstützung kommt aus Beijing. Die chinesische Führung hat Zentralasien zu einem Herzstück der neuen Seidenstraße erklärt.

Zentralasien ist für China von strategischer Bedeutung

Dass die Partnerschaft weit über politische Absichtserklärungen hinausgeht, zeigen die Besuche des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in der Region. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2013 war er mittlerweile 15 Mal in den fünf zentralasiatischen Republiken zu Gast. Das ist bemerkenswert für eine Region mit rund 84 Millionen Einwohnern. Sie hat etwa gleich so viele Einwohner wie Deutschland, erreicht jedoch nur etwas mehr als 10 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: Die 27 EU-Mitgliedsstaaten verzeichneten bislang 21 Staatsbesuche von Xi Jinping.

Die EU zählt wegen ihres großen Binnenmarktes zu den wichtigsten Absatzregionen für China. Zentralasien holt beim Konsum zwar auf, ist für Beijing aber vor allem Rohstofflieferant. China bezieht über Pipelines Öl aus Kasachstan sowie turkmenisches und usbekisches Erdgas. Damit ist das Land der größte Abnehmer fossiler Rohstoffe aus Zentralasien.

Ähnlich zeigt sich die Situation bei kritischen Rohstoffen. Das belegen Datensätze der auf Zentralasien spezialisierten Denkfabrik The Oxus Society.

Laut deren Zahlen nahm China 2025 kritische Rohstoffe aus Zentralasien im Umfang von 7,7 Milliarden US-Dollar (US$) ab. Dazu zählen Kupfer, Uran, Zink und Blei. Auch bei Rohstoffen für Zukunftstechnologien haben chinesische Unternehmen bereits eine starke Position aufgebaut. Ein Grund ist ein Projekt für den Abbau von Wolframerz in Kasachstan, das im Jahr 2024 gestartet wurde.

China kontrolliert Bloomberg zufolge bereits mehr als 80 Prozent der weltweiten Wolframförderung und -verarbeitung. Inzwischen läuft ein Wettbewerb um die Erschließung der kasachischen Vorkommen, an dem auch die USA beteiligt sind. Wolfram gilt als unverzichtbar für die Verteidigungsindustrie sowie die Luft- und Raumfahrt. Darüber hinaus wird es auch für Halbleiter, Elektromobilität und grüne Energietechnologien benötigt.

Chinesische Firmengründungen in der Region boomen

Sowohl das chinesische Projekt als auch das Vorhaben eines US-Unternehmens zielen nicht nur auf den Abbau von Wolfram, sondern auch auf dessen Verarbeitung in Kasachstan ab. Damit kommen die Investoren der Forderung der kasachischen Regierung nach, neben dem Rohstoffabbau auch Wertschöpfung im Land zu schaffen.

Neben Bergbau und Metallurgie investierten chinesische Firmen in den vergangenen Jahren auch in die Landwirtschaft, die Nahrungsmittelindustrie, den Fahrzeugbau und den Logistiksektor. Laut kasachischem Statistikamt stieg die Zahl der Unternehmen und juristischen Personen mit chinesischer Kapitalbeteiligung 2025 um mehr als 3.000 auf über 8.000. Gleichzeitig ging die Zahl russischer und türkischer Unternehmen zurück. Aus Deutschland meldete die Behörde 16 Neuzugänge.

Die meisten neu gegründeten chinesischen Firmen entfallen auf Handel und Dienstleistungen. Rund 10 Prozent sind jeweils im verarbeitenden Gewerbe und im Bauwesen tätig.

China avanciert zum wichtigsten Investor in Zentralasien

Laut der Eurasischen Entwicklungsbank betrug der Bestand an ausländischen Direktinvestitionen aus China in Zentralasien Mitte 2025 nahezu 36 Milliarden US$. Damit wurde Russland deutlich überholt. Rund 90 Prozent der Investitionen entfallen auf die rohstoffreichen Staaten Kasachstan und Turkmenistan sowie Usbekistan.

Besonders hohe Zuwächse verzeichnete zuletzt Usbekistan. Unternehmen aus China investieren dort vor allem in den Energiesektor und das verarbeitende Gewerbe. In Tadschikistan und Kirgisistan konzentrieren sich die Aktivitäten vor allem auf strategische Infrastrukturprojekte wie Eisenbahntrassen und Straßen.

Die meisten Länder haben ein Handelsdefizit mit China

Während sich die Investitionen positiv entwickeln, besteht aus Sicht der zentralasiatischen Staaten im Außenhandel mit China weiterhin Nachholbedarf. Die Länder exportieren nach China vor allem fossile Rohstoffe, metallische Erze und daraus hergestellte Erzeugnisse sowie landwirtschaftliche Produkte.

Die Importe aus dem Reich der Mitte fallen deutlich höher aus und sind breiter diversifiziert. China liefert Konsumgütern aus den Sparten Elektronik und Bekleidung, Industrieausrüstung sowie Kraftfahrzeuge. In diesem Segment haben chinesische Anbieter inzwischen den bisherigen Marktführer Südkorea verdrängt.

Deutschland konkurriert mit China bei Industrieausrüstung

Deutsche Unternehmen sind in Zentralasien vergleichsweise gut positioniert. In den vergangenen Jahren profitierten die deutschen Exporte von den Industrialisierungs- und Diversifizierungskampagnen, insbesondere in Kasachstan und Usbekistan. Dabei stehen sie im direkten Wettbewerb mit chinesischer Ausrüstung. In Gesprächen mit Germany Trade & Invest bezeichnen viele deutsche Unternehmen die Konkurrenz aus China als größte Herausforderung in Zentralasien.

Lokale Unternehmen nennen für die Entscheidung zugunsten chinesischer Maschinen und Ausrüstung vor allem den deutlich niedrigeren Preis. Hinzu kommen eine zunehmend bessere Qualität, kürzere Lieferzeiten und weniger Bürokratie beim Exportverfahren.

Deutsche Firmen punkten dagegen mit hohen Standards, gutem Service sowie teilweise jahrzehntelangen Lieferbeziehungen. Der gute Ruf Deutschlands bleibt ein wichtiger Türöffner beim Aufbau neuer Geschäftskontakte.